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Falsches Spiel, wahre Leidenschaft

Leanne Banks

Falsches Spiel, wahre Leidenschaft

PROLOG

„Ich setze meinen Ferrari“, sagte Devlin Hudson zu seinem Bruder Luc. Die Luft im Zimmer war angefüllt von Zigarrenrauch und dem Aroma teuren Whiskys.

„Deinen Ferrari hast du doch verkauft“, entgegnete Luc und ordnete die Spielkarten in seiner Hand. „Ich setze meinen fünfundzwanzig Jahre alten Scotch.“

„Das mit dem Auto ist reine Formsache, weil ich sowieso gewinne“, gab Devlin zurück und kaute auf seiner Zigarre herum. „Ich will sehen.“

„Ich wette, du hast ein ganz mieses Blatt“, kommentierte Luc.

Nachdenklich nippte Max Hudson an seinem Scotch. „Ich halte mit.“

Jack Hudson, der Cousin der Brüder, fluchte. „Er hält sich so bedeckt. Das bedeutet garantiert, dass er ein Bombenblatt hat.“

Jack hatte zwar unbestritten eine gute Menschenkenntnis, aber Luc wusste auch, dass Max sehr gut bluffen konnte. „Genau das sollst du glauben, Jack. Das will er doch nur.“

Max warf Luc einen Seitenblick zu. „Ich glaube, deine PR-Psychologie ist dir zu Kopf gestiegen.“

„Irrtum“, kommentierte Luc. „Ich merke ganz genau, wenn jemand mich aufs Kreuz legen will. Und genau das ist hier der Fall.“

Jack sah erst Luc, dann Max an. „Ich akzeptiere deinen Scotch und erhöhe um meinen Luxus-Tequila.“

„Du bist erledigt“, sagte Luc.

„Halt die Klappe“, entgegnete Max.

Entnervt stöhnte Devlin auf.

Plötzlich klingelte Lucs Handy und unterbrach das Spiel.

„Ist das wieder eins von deinen jungen Mäuschen?“, fragte Jack anzüglich.

„Er steht wirklich auf junges Gemüse“, stimmte Max zu.

„Wer auch nur ein bisschen Reife besitzt, würde sich erst gar nicht auf ihn einlassen“, fügte Dev hinzu.

„Luc Hudson“, sprach Luc ins Handy.

„Hier ist Officer Walker vom Los Angeles Police Department. Ich rufe wegen Miss Nicki McCord an. Wir haben sie wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen, und sie bat mich, Sie anzurufen.“ Der Mann räusperte sich. „Es geht ihr nicht besonders gut.“

Luc sprang auf. „Wo bringen Sie sie hin?“

Der Officer nannte ihm die Adresse. „Sir, sie ist falsch herum in eine Einbahnstraße gefahren. Um ein Haar wäre sie mit dem Wagen einer Familie zusammengestoßen, die gerade von einem Trip nach Disneyland zurückkam.“

Nervös fuhr sich Luc mit der Hand durchs Haar und schüttelte den Kopf. „Ich komme sofort“, sagte er und beendete das Gespräch. „Tut mir leid, Jungs, ich muss weg. Es geht um Nicki McCord.“

„Lass mich raten“, warf Devlin leicht verärgert ein. „Sie ist betrunken Auto gefahren, stimmt’s?“

Luc nickte.

„Verdammt“, stieß Max hervor. „Was machen wir jetzt wegen der Werbekampagne für ‚Das Wartezimmer‘? Nicki sollte doch ab nächster Woche auf PR-Tour für den Film gehen.“

„Ein Jammer, dass du es mit Nicki und nicht mit ihrer Schwester Gwen zu tun hast“, kommentierte Jack. „Die war wenigstens ein echter Profi.“

„Außer das eine Mal“, warf Devlin ein. „Als sie Knall auf Fall ihren Exmann verlassen hat, während sie ihren letzten Film drehten.“

„Bei Peter Horrigan weiß man allerdings nie, ob das nicht alles nur Show war. Geschickte Öffentlichkeitsarbeit.“

Lucs Miene verfinsterte sich. „Und jetzt bin ich dran. Jetzt muss ich geschickte Öffentlichkeitsarbeit leisten und retten, was zu retten ist.“

„Du bist nun mal der Problemlöser der Familie“, kommentierte Devlin. „Und jetzt hau ab, und erledige deinen Job.“

1. KAPITEL

„Mein Name ist Luc Hudson. Mit Ihrer Schwester hat es … ein kleines Problem gegeben.“

Gwen McCord fühlte, wie ihr Herz wild zu pochen begann. Entsetzt sah sie den großen, attraktiven Mann an, der auf ihrer Veranda stand. Sie war so verwirrt, dass sie das Bellen ihres sandfarbenen Labradors kaum wahrnahm. „Um Himmels willen, wie geht es ihr? Sie ist doch nicht …“ Sie konnte nicht weitersprechen.

„Nein, keine Sorge, sie lebt“, sagte der Mann und wies mit einem Kopfnicken zur Tür. „Darf ich reinkommen?“

„Ja, natürlich“, antwortete Gwen. Sie zog ihre Hündin June von der Tür weg, damit er eintreten konnte. Obwohl sie fast verrückt vor Sorge um ihre Schwester war, entging ihr nicht, wie gut er nach einem dezenten Männerparfüm duftete. Bevor sie das Haus betrat, blickte sie noch kurz auf den teuren Geländewagen, mit dem er zur Ranch gekommen war. Wenn jemand von den Hudsons, einer der mächtigsten Familien Hollywoods, persönlich hier bei ihr in Montana auftauchte, musste wirklich etwas Schlimmes geschehen sein.

Voller Sorge verspürte Gwen eine leichte Übelkeit. „Sagen Sie mir bitte, was passiert ist. Ist Nicki im Krankenhaus?“

„Wir haben sie in eine spezielle Entzugsklinik bringen lassen“, antwortete Luc. „Die Polizei hat sie festgenommen, weil sie betrunken Auto gefahren ist – verkehrt herum auf einer Einbahnstraße und obendrein viel zu schnell. Um ein Haar wäre sie mit dem Auto einer vierköpfigen Familie zusammengestoßen, die gerade auf dem Rückweg von Disneyland war.“

„Oh mein Gott“, stieß Gwen hervor. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, und ihre Knie gaben nach. Luc fing sie in seinen starken Armen auf und drückte sie gegen seinen harten Brustkorb.

Besorgt sah er ihr in die Augen. „Möchten Sie sich lieber hinsetzen?“

Sie nickte. „Das wäre wirklich besser, glaube ich“, antwortete sie. Er geleitete sie zum Sofa.

„Wo ist die Küche?“, fragte Luc. „Ich hole Ihnen ein Glas Wasser.“

„Den Flur entlang und dann links.“ Gwen barg ihr Gesicht in den Händen. Sie machte sich schwere Vorwürfe. Hätte sie nur mehr Einfluss auf ihre Schwester gehabt! Immer wieder hatte sie sie bekniet, nicht so exzessiv zu leben, aber Nicki hatte nicht auf sie gehört. Ihre jüngere Schwester wollte sich unbedingt einen Namen machen, egal wie – mit dem Ergebnis, dass es in den Zeitungsartikeln über sie mehr um ihre Party-Exzesse als um ihre Schauspielkunst ging.

Luc kam mit einem Glas Wasser zurück. Als Gwen aufstehen wollte, schüttelte er den Kopf. „Lassen Sie das lieber“, riet er ihr. „Sie sind ja immer noch ganz blass.“

Gwen trank einen Schluck Wasser und atmete tief durch. „Ich sollte sie in der Entzugsklinik besuchen.“

„Das können Sie nicht. Während der Entgiftungsphase darf niemand zu ihr.“

Entsetzt starrte sie ihn an. „Nicht mal enge Verwandte?“

„Absolut niemand“, antwortete er. „Das war eine der Bedingungen für ihre Aufnahme in diese Klinik. Das Institut hat eine außergewöhnlich hohe Erfolgsquote.“

Gwen konnte nicht länger still sitzen und erhob sich. „Ich habe alles Mögliche versucht, um sie aus diesem Teufelskreis rauszuholen. Schließlich konnte ich sie überreden, für ein paar Tage hier auf die Ranch zu kommen. Ich hatte die Hoffnung, die Ruhe und die frische Luft würden ihr guttun – und vor allem wäre sie endlich mal aus dieser ganzen Partyszene raus. Aber dauernd haben ihre Freunde angerufen und ihr SMS aufs Handy geschickt. Schließlich wurde sie ganz kribbelig und reiste vorzeitig wieder ab. Ich habe ihr noch das Versprechen abgenommen, es vorsichtiger angehen zu lassen.“

„Jetzt ist sie aber in guten Händen und bekommt professionelle Hilfe.“

Gwen kämpfte mit den Tränen. „Ich komme mir wie eine Versagerin vor. Ich hätte …“

Beruhigend legte Luc ihr die Hand auf die Schulter. „Machen Sie sich keine Vorwürfe. Sie ist erwachsen und ganz allein für ihr Handeln verantwortlich. Sie konnten sie ja schließlich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag überwachen.“

In ihrem Innersten wusste Gwen, dass er recht hatte. Als Außenstehende hätte sie es ebenso gesehen, aber trotzdem nagten Schuldgefühle an ihr. Sie fühlte sich hilflos.

Den Hudsons war sie dankbar. Sie waren dafür verantwortlich, dass sich ihre Schwester jetzt an einem sicheren Ort befand. „Vielen Dank, dass Sie sich um sie gekümmert haben. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte für sie da sein können, aber immerhin bekommt sie jetzt die Hilfe, die sie braucht. Es hätte alles viel schlimmer ausgehen können.“

Luc nickte und sah sie nachdenklich an. „Wir alle wollen, dass es Nicki bald besser geht. Das Dumme ist nur, dass ihr Ausfall für die Firma Hudson Pictures zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kommt. Nicki sollte sich gerade auf die Werbetour für den Film ‚Das Wartezimmer‘ vorbereiten. Wenn jetzt durchsickert, dass sie eine Entziehungskur macht … nicht auszudenken, was das für den Film bedeutet.“

Gwen kannte die PR-Maschinerie aus ihrer Zeit als Schauspielerin nur zu gut. Zwar hatte sie Hollywood und ihre vielversprechende Karriere hinter sich gelassen, aber sie konnte sich noch sehr gut daran erinnern, was die unverzichtbare Ochsentour durch die Medien alles mit sich brachte – Interviews mit Zeitungen und Zeitschriften, Auftritte in Fernsehtalkshows …

„Eine dumme Situation“, gab sie zu. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Aber wenn Nicki eine Entziehungskur macht, kann man es halt nicht ändern.“

Luc sah sie mit einer Entschlossenheit an, die sie total verunsicherte. „Man kann doch etwas tun“, sagte er, und seine Stimme klang samtweich. „In diesem Fall bedeutet das: Die Presse muss abgelenkt werden. Wir müssen sie mit etwas anderem füttern. Nachdem wir Nicki gestern in die Klinik eingeliefert hatten, haben wir eine Krisensitzung abgehalten – und eine Lösung gefunden.“

Wieder zuckte Gwen mit den Schultern. Warum erzählte er ihr das? Ihr ging es doch nur um Nicki, nicht um Hudson Pictures. „Das freut mich.“

Luc lächelte kurz. „Das wird sich noch herausstellen.“ Schlagartig wurde er ernst. „Um Nicki aus den Schlagzeilen herauszuhalten, haben wir gestern – gewissermaßen zur Ablenkung – eine andere Pressemeldung herausgegeben.“

„Ja, und?“

„Die Meldung besagt, dass Sie und ich … dass wir uns verlobt haben.“

Gwen starrte Luc ungläubig an. Sie konnte sich nur verhört haben! „Wie war das bitte?“

„Die Presse geht jetzt davon aus, dass Sie und ich verlobt sind und in absehbarer Zeit heiraten werden.“

Entschlossen schüttelte Gwen den Kopf. „Kommt nicht infrage. Ich kenne Sie doch überhaupt nicht.“ In scharfem Tonfall ergänzte sie: „Und ich will Sie auch gar nicht näher kennenlernen.“

Als er schwieg, fügte sie hinzu: „Das war nämlich einer der Gründe, warum ich Hollywood den Rücken gekehrt habe. Ich hatte diese ewige Public-Relations-Maschinerie satt bis obenhin. Und nichts auf der Welt würde mich …“

„Die Aktion läuft“, unterbrach er sie. „Wenn Sie nicht wollen, dass der Ruf Ihrer Schwester endgültig den Bach runtergeht, spielen Sie mit.“

Seine Stimme klang kühl. In seinen Augen sah sie eine Härte, die sie erschauern ließ. „Das hört sich wie Erpressung an.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen“, gab er zurück. „Ich bin gut in meinem Job, aber auch ich kann keine Wunder vollbringen. Ihre Schwester hat einen riesigen Scherbenhaufen hinterlassen, und jemand muss ihn wegräumen. Wenn ‚Das Wartezimmer‘ ein Flop wird, weil Nicki sich so unreif und undiszipliniert verhalten hat, ist niemandem gedient – ihr schon gar nicht.“

Gwen hatte das Gefühl, ihre Schwester verteidigen zu müssen.

„Sie wissen ja gar nicht, was Nicki alles durchmachen musste. Als meine Eltern sich scheiden ließen, war das ein schwerer Schlag für sie. Sie kam sich vor wie verwaist. Über dieses Trauma ist sie nie hinweggekommen.“

„Wozu gibt es Psychotherapeuten?“, gab Luc kühl zurück. „Niemand hat das Glück gepachtet. Für jeden kommt irgendwann die Zeit, erwachsen zu werden und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Bei Nicki ist das überfällig.“

So ganz unrecht hatte er zwar nicht, aber sein mangelndes Mitgefühl verärgerte Gwen. „Niemand hat das Glück gepachtet? Das können Sie leicht sagen. Sie sind immerhin nahe dran. Schließlich gehören Sie zur mächtigen und glücklichen Hudson-Familie.“

Ein ironischer Zug umspielte seine Lippen. „Mächtig und glücklich? Wenn Sie das von uns denken, liegt es daran, dass ich meinen PR-Job gut gemacht habe. Genauso, wie ich jetzt meinen Job mache – für diesen Film und für Ihre Schwester.“

In genau dieser Reihenfolge, dachte Gwen. Erst kommt der Film, dann kommt meine Schwester. Wenn überhaupt. Seine Einstellung machte sie wütend. „Netter Versuch, aber ich glaube kaum, dass es funktioniert. Für mich interessieren sich die Leute doch schon längst nicht mehr. Ich gehöre doch nicht mehr zur Hollywood-Szene. Was die Paparazzi angeht – für die führe ich ein langweiliges Leben auf der Ranch meines Onkels und rette Pferde. In den Augen der Öffentlichkeit ein todlangweiliges Leben. Und genauso will ich es, genauso soll es bleiben.“

„Sie irren sich, Gwen. Sie waren ein Publikumsliebling, und zwar obendrein für beide Geschlechter, das ist selten. Die Frauen haben Sie wegen Ihrer unschlagbaren Kombination aus Schönheit und Stärke geliebt, und die Männer haben Sie begehrt – Punkt. Ihr letzter Film kam vor einem Jahr in die Kinos, und wenn er in zwei Wochen auf DVD erscheint, wird er aller Voraussicht nach ein Bestseller.“

Gwen lachte auf. „Ach, dann bin ich plötzlich wieder ganz heiße Ware oder wie ihr PR-Fuzzis das nennt?“ Wenn sie an Lucs Plan dachte, fühlte sie sich plötzlich eingeengt wie in einer Zwangsjacke. „Das läuft trotzdem nicht. Ich muss mich um die Ranch kümmern.“

„Das können Sie auch. Der Plan sieht sowieso vor, dass ich erst mal eine Zeit lang hier bei Ihnen auf der Ranch wohne. Und in ein paar Wochen haben wir in Los Angeles unseren großen gemeinsamen Auftritt.“

„Und ich soll wochenlang die liebende Verlobte spielen? Das halte ich nicht mal drei Sekunden durch.“

„Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie für Ihre Schauspielkünste einen Golden Globe gewonnen haben und für den Oscar nominiert waren? Das spielen Sie doch mit links.“

„Mit links“, murmelte sie ungläubig. „Da könnte ich mich ja gleich mit dem Teufel verloben. Ich war mal mit einem Mann verheiratet, der mich nur aus einem Grund wollte, und zwar …“ Sie konnte nicht weitersprechen. Die Erinnerung an all das, was sich zwischen ihr und ihrem Mann abgespielt hatte, schmerzte immer noch zu sehr. „Ich kann mich nicht noch einmal so verstellen.“

„Doch, das können Sie“, gab er zurück. „Für Ihre Schwester.“

Erbost ging Gwen zum Schuhschrank und zog ihre schweren Gummistiefel hervor. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um die Pferdeboxen auszumisten, dachte sie. Ich muss jetzt irgendwas tun, irgendwas mit den Händen, sonst explodiere ich. Während sie ihre Schuhe auszog und in die Stiefel schlüpfte, strafte sie den hochgewachsenen Besucher, der direkt neben ihr stand, mit Missachtung.

„Wo soll ich während meines Aufenthalts hier unterkommen?“, fragte er. „Haben Sie ein Gästezimmer?“

Am liebsten hätte sie Luc klar und deutlich gesagt, wo sie ihn hin wünschte, aber sie biss sich auf die Zunge.

Er bemerkte ihre Wut und grinste nur. „Am liebsten würden Sie mich sicherlich im Stall einquartieren“, merkte er an.

„Das könnte ich den Pferden niemals antun“, erwiderte sie giftig. „Gehen Sie den Flur runter und dann durch die zweite Tür rechts. In dem Zimmer steht ein Messingbett mit einem Schafwollvorleger davor. Das Zimmer können Sie haben.“ Dann verließ sie ohne ein weiteres Wort das Haus. Sie war recht zufrieden damit, wie sie die Situation gehandhabt hatte. Es war zwar das Zimmer direkt neben ihrem Schlafzimmer, was ihr nicht so ganz passte, aber es war komplett in Rosa eingerichtet, und das gönnte sie ihm. Ursprünglich war der Raum für Nicki gedacht gewesen und ihrem damaligen Geschmack entsprechend dekoriert worden – alles in Rosa, mit Blümchenmustern und Spitzendeckchen.

So viel Rosa – mit ein bisschen Glück würde das Luc, diesen überaus maskulinen Mann, in den Wahnsinn treiben. Und vielleicht sogar aus ihrem Haus und aus ihrem Leben.

Luc hatte seinen Koffer aus dem Wagen geholt und betrat das ihm zugewiesene Zimmer. Wie furchtbar, dachte er. Ein typisches Mädchenzimmer voller Schnickschnack, wie für einen unreifen Teenager. Ein schreiender Gegensatz zu seinem klar und kühl eingerichteten Zuhause, wo alles in Schwarz und Weiß gehalten war. Es juckte ihn überall, als ob er auf diesen übertriebenen Firlefanz allergisch reagierte.

Wie sollte er hier arbeiten, sich konzentrieren? Überall standen Figürchen und sonstiger Kitsch herum. Dabei hasste Luc jede Art von überflüssigem Zeug. Schließlich war es sein Job, das Chaos und Wirrwarr, das andere Leute anrichteten, in Ordnung zu bringen. Deshalb war er hier.

Er dachte an die Frau, die ihm helfen sollte, das Täuschungs- und Ablenkungsmanöver durchzuziehen. Wenn man ihr persönlich gegenüberstand, war sie noch beeindruckender als auf der Kinoleinwand. Ihr Gesicht übte eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen konnte. Eigentlich war er sehr gut darin, Menschen schon nach wenigen Sekunden einzuschätzen, doch bei ihr klappte es nicht. Sie war zu vielschichtig.

Es gab auch eine Akte über sie, aber die hatte er nicht gelesen. Ihre Geschichte hatte schließlich in jeder Zeitung und Zeitschrift gestanden. Die Gerüchte besagten, dass sie eine Affäre mit einem Schauspielerkollegen gehabt hatte. Daraufhin war ihre Ehe mit einem von Hollywoods Top-Filmproduzenten in die Brüche gegangen, und sie war von der Bildfläche verschwunden.

Was ganz offensichtlich nicht verschwunden war, waren ihre Schönheit und ihr Talent. Und auch die Sinnlichkeit, die dicht unter ihrer kühlen Oberfläche brodelte, war immer noch im Übermaß vorhanden. Leider hatte Luc schlechte Erfahrungen damit gemacht, sich mit Schauspielerinnen einzulassen. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte er nur zu gern Gwens Geheimnisse erkundet – im Bett und außerhalb. Aber nein, dachte er sich, gebranntes Kind scheut das Feuer.

Sein Handy klingelte. Es war sein Bruder Max. „Hallo, Max, es hat alles geklappt.“

„Ich wollte lieber mal nachfragen, weil ich so lange nichts von dir gehört hatte.“

„Es war schwieriger als gedacht, den Leihwagen zu bekommen. Gwens Ranch liegt wirklich in der totalen Einöde. Sie wollte Los Angeles wohl so weit wie möglich hinter sich lassen.“

„Wie hat sie die Neuigkeiten aufgenommen?“

„Kommt darauf an, welche du meinst“, sagte Luc und trat näher ans Fenster. „Was Nicki angeht … sie war sehr besorgt und wollte sie unbedingt aufsuchen.“

„Was du natürlich abgelehnt hast.“

„Ja.“

„Und wie hat die Lady auf ihre bevorstehende Hochzeit reagiert?“

Luc runzelte die Stirn. „Was ich nicht alles für unser Familienunternehmen tue! Sagen wir mal so … Ich bin froh, dass sie keine scharfen Gegenstände in greifbarer Nähe hatte, als ich es ihr erzählte.“

Max lachte. „Sie war also nicht gerade scharf darauf, einen der begehrtesten Junggesellen der Stadt zu heiraten?“

„Ich habe das Gefühl, du nimmst die Angelegenheit nicht ernst genug. Das ist kein Spaß.“

„Aber du könntest jede Menge Spaß haben, wenn du deine Karten richtig ausspielst. Gwen McCord war eine verdammt scharfe Braut. War sie nicht vor ein paar Jahren in irgend so einer Zeitschrift auf der Liste der heißesten Frauen?“

Sogar in mehreren Zeitschriften. Luc konnte sich noch gut an ein besonders aufreizendes Foto aus einem ihrer Filme erinnern. Gwen hatte ein offenes Männerhemd getragen, sonst nichts. Man konnte verdammt viel von ihrer verführerischen Oberweite sehen, dazu ihre schier endlos langen Beine. Allein dieses eine Bild hatte wahrscheinlich Millionen von jungen und nicht mehr so jungen Männern erregt. Aber Luc verbannte es augenblicklich aus seinen Gedanken. „Wenn Gwen jetzt heiß ist, dann vor Wut. Vor Wut auf mich und die Hudsons.“

„Oh, sieht sie nicht mehr so gut aus wie früher?“

„Doch“, antwortete Luc. „Sie ist schön wie eh und je. Aber im Moment ist sie natürlich total sauer, dass sie in diese Scheinverlobung gedrängt worden ist.“

„Sie sollte uns lieber dankbar sein, dass wir ihre verrückte Schwester so schnell in der Entzugsklinik untergebracht haben“, erwiderte Max.

„Das ist sie ja auch. Sie möchte halt nur nicht wieder ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden.“ Während er sprach, öffnete Luc den Schrank und war erleichtert, dass er fast leer war. Gott sei Dank. Hier konnte er all den überflüssigen Krimskrams aus dem Zimmer unterbringen.

„Meinst du, sie spielt mit?“, fragte sein Bruder.

„Sie hat keine Wahl“, antwortete Luc. „Deshalb ist sie ja so gereizt. Aber das ist egal – Hauptsache, sie macht mit.“

„Diesen entschlossenen Tonfall kenne ich von dir“, sagte Max. „Ich weiß gar nicht, wer mir mehr leidtun soll – du oder sie.“

„Ich brauche dein Mitleid jedenfalls nicht“, kommentierte Luc zähneknirschend und blickte auf die rosafarbenen Wände. „Verlass dich drauf, ich komme schon klar.“

Nachdem Gwen die Pferdeboxen ausgemistet und die Pferde gefüttert hatte, ging sie zum Haus zurück. Zwar war sie immer noch verärgert, aber sie hatte sich jetzt wieder unter Kontrolle. Ihre Stiefel ließ sie vor der Eingangstür stehen und machte sich auf den Weg zu ihrem Schlafzimmer. Aus der Küche drangen verführerische Düfte. Weil die Tür zu Lucs Gästezimmer offen stand, warf sie einen Blick hinein – und bekam fast einen Schlag.

Luc saß auf einem Stuhl und tippte etwas in seinen Laptop. Er hatte das Zimmer fast völlig leer geräumt. Die Gardinen waren abgehängt, die Bilder von den Wänden genommen, die Figürchen und Schmuckkästchen verschwunden. Über dem Bett lag eine dunkle Daunendecke, die er wahrscheinlich im Wäscheschrank im Flur gefunden hatte.

Sie trat ein. „Wo sind die …“

„Im Schrank“, antwortete er, bevor sie die Frage beenden konnte. Abrupt stand er auf. „Ich habe das Zimmer etwas umdekoriert, aber natürlich bringe ich alles wieder in Ordnung, bevor ich abreise. Die Zimmereinrichtung war zwar durchaus …“ Er machte eine Kunstpause, „… nett, aber sie hat mich etwas abgelenkt. Und ich muss mich bei der Arbeit konzentrieren können.“

Gwen starrte auf die gardinenlosen Fenster und nickte nachdenklich. „Wie Sie meinen“, gab sie zurück. Er würde zwar schon bei Sonnenaufgang wach werden, aber das war ja nicht ihr Problem. „Das ist schon in Ordnung. Aber sagen Sie, was riecht denn da so …“

„Meine Köchin hat für mich vor meiner Abreise noch ein komplettes Essen vorbereitet“, antwortete Luc. „Als ich ihr erzählt habe, dass ich nach Montana will, war sie davon überzeugt, ich würde in der Wildnis in einen Schneesturm geraten.“ Er sah aus dem Fenster. Draußen tanzten Schneeflocken. „Und vielleicht hatte sie ja gar nicht mal so unrecht gehabt. Haben Sie Hunger?“

Eigentlich wollte sie Nein sagen. Schließlich passte es ihr ganz und gar nicht, dass er hier war. Er war unangemeldet hier aufgetaucht und störte massiv die Idylle, die sie sich mühsam geschaffen hatte. Aber dann knurrte ihr Magen leise, und sie dachte sich, dass es ja eigentlich nicht so schlimm wäre, wenn sie ein bisschen mitaß. Sonst müsste sie sich selbst etwas kochen – und das war nicht gerade ihre Stärke.

„Ein bisschen Hunger hätte ich schon“, gab sie zu.

„Dann sind Sie herzlich eingeladen“, sagte er. „Es gibt Brathähnchen mit Gemüse. Und dazu selbst gebackenes Brot – wenn das okay für Sie ist. Die Frauen in Los Angeles rühren ja kaum Brot an, wegen ihrer schlanken Linie …“

Selbst gebackenes Brot. Gwen lief das Wasser im Mund zusammen. Sie machte sich auf den Weg in die Küche und bemerkte, dass er ihr folgte. „Zum Glück bin ich ja nicht in Los Angeles“, sagte sie. Auf dem Küchentisch sah sie eine große Henkelbox stehen. „Und dieses Ungetüm durften Sie mit ins Flugzeug nehmen?“

„Ich habe mir einen Jet gechartert.“

„Ach so, na klar.“ Früher war Gwen auch gelegentlich mit einem extra gecharterten Flugzeug geflogen. Aber seit sie ihre Filmkarriere aufgegeben hatte, war es damit natürlich vorbei. Doch eigentlich vermisste sie keines der Privilegien, die ihr der frühere Ruhm beschert hatte – vielleicht abgesehen von den Diensten eines Kochs. Fürs Kochen hatte sie einfach kein Talent.

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