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Falsche Verlobung mit dem Milliardär

1. KAPITEL

„Ich verlange auf der Stelle eine Erklärung! Oder Sie können Ihre Sachen packen und gehen!“

Paige Harper blickte auf – geradewegs in die dunklen, zornig funkelnden Augen ihres Chefs. Sie brachte kein Wort heraus. Er sah schon von Weitem unglaublich attraktiv aus, aber jetzt, so direkt vor ihr, war er einfach umwerfend. Auch wenn er gerade vor Wut tobte. Es fiel ihr schwer, ihren Blick wieder von ihm loszureißen. Sie sah auf die Zeitung, die er auf den Schreibtisch geschleudert hatte. Schlagartig wurde ihr eiskalt.

„Ach …“ Sie griff nach dem Blatt. „Das …“

„Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“

„Ich …“

„Ich hatte gesagt, Sie sollen mir das erklären, Ms Harper! ‚Ach‘ ist meines Wissen nach keine Erklärung. Zumindest nicht in einer mir bekannten Sprache.“ Er verschränkte die Arme vor der breiten Brust. Paige fühlte sich, als würde sie auf Daumengröße schrumpfen.

„Ich …“ Sie las die Schlagzeile auf der Lifestyle-Seite: Dante Romani knüpft Bund der Ehe mit Angestellter. Darunter befanden sich zwei Fotos. Eins von Dante, der unverschämt gut aussah in seinem maßgeschneiderten Anzug. Und eins von ihr. Im Schaufenster des Colson, wo sie auf einer Leiter stehend die Weihnachtsdekoration anbrachte. „Ich …“, stammelte sie erneut, während sie den Artikel überflog.

Dante Romani, Eigentümer der Colson-Kaufhauskette und berühmt-berüchtigt für seinen rauen Geschäftsstil, machte erst kürzlich Schlagzeilen, weil er gnadenlos einen seiner Topmanager, noch dazu einen Familienvater, gefeuert und durch einen jungen, ledigen Mann ersetzt hatte. Jetzt will er offensichtlich den Bund der Ehe eingehen und hat sich mit einer seiner Angestellten verlobt. Man fragt sich, ob es das Hobby dieses skrupellosen Geschäftsmannes ist, mit seinem Personal Spielchen zu treiben. Sie entweder zu feuern – oder für ewig an sich zu binden.

Ihr Magen krampfte sich vor Panik zusammen. Wie konnte das in die Zeitung gelangen? überlegte Paige entsetzt. Seit ihrer Notlüge im Gespräch mit der Sozialarbeiterin hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die Sache wieder hinbiegen könnte, jedoch gehofft, es bliebe ihr mehr Zeit. Und nie hätte sie mit etwas Derartigem gerechnet! Nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen!

Aber jetzt starrte sie ihr schwarz auf weiß entgegen – die unverschämteste Lüge des Jahrhunderts.

„Ich habe gelogen“, gestand sie.

Mr Romani sah sich im Büro seiner Angestellten um. Überall stapelten sich Stoffmuster und Schachteln, aus denen Perlenschnüre hervorlugten. Spraydosen und Farbeimer standen in der Ecke, und jede freie Oberfläche war mit Weihnachtsschmuck bedeckt. Er wandte sich ihr wieder zu und verzog den Mund zu einem kalten Lächeln. „Wenn ich es mir recht überlege: Lassen Sie das mit dem Packen. Gehen Sie einfach. Ich lasse Ihnen die Sachen nachschicken.“

„Nein! Bitte … ich kann Ihnen alles erklären …!“ Sie durfte ihren Job nicht verlieren. Sie brauchte ihn. Außerdem duften das Jugendamt und Rebecca Addler von der Adoptionsstelle auf keinen Fall erfahren, dass sie gelogen hatte. Sie wünschte sich sehnlichst, die Sache wieder rückgängig machen zu können. Natürlich eine vergebliche Hoffnung!

Sie senkte den Blick und las weiter:

Es fällt einem schwer, sich vorzustellen, dass jemand, der erst kürzlich einen Mann gefeuert hat, der seine Familie über den Gott Mammon stellte, sich plötzlich selbst zu einem Familienvater entwickeln sollte. Die Frage dürfte sein: Wird es dieser unscheinbaren Durchschnittsfrau gelingen, diesen eiskalten Geschäftsmann zu bekehren? Oder wird man sie der langen Liste der privaten wie geschäftlichen „Opfer“ Dante Romanis hinzufügen müssen?

Durchschnittsfrau! Klang wirklich ganz nach ihr. Selbst in dieser Lügengeschichte, derzufolge sie mit dem begehrtesten Milliardär der Stadt verlobt war, wurde sie als Durchschnittsfrau bezeichnet!

Sie schluckte und sah zu ihrem Chef auf, der sie immer noch wütend anstarrte. „Wirklich ganz schlechter Journalismus, dieser Artikel. Nichts als Sensations- und Meinungsmache. Unterstes Niveau, würde ich sagen …“

Dante unterbrach sie mit kaltem Blick. „Was haben Sie sich davon nur erhofft? Wollten Sie einfach mal so zum Spaß ein Gerücht in die Welt setzen? Oder wollten sie etwas Bestimmtes erreichen?“

Sie erhob sich mit zitternden Knien. „Nein, ich …“

„Sie mögen vielleicht keine Zeitungsmeldung wert sein, Ms Harper, ich hingegen schon.“

„Also bitte!“ Diese Bemerkung traf. Noch dazu, nachdem sie eben lesen musste, sie sei unscheinbar und durchschnittlich. Allerdings, wenn man die Fotos von ihnen beiden verglich, konnte man den Ausdruck durchaus noch als Beschönigung betrachten.

„Habe ich Sie womöglich beleidigt?“

„Ein bisschen.“

„Glauben Sie mir, das war nichts im Vergleich dazu, wie es mir ging, als ich ins Büro kam und entdecken musste, mit jemandem verlobt zu sein, mit dem ich bisher keine fünf Sätze gewechselt habe.“

„Eigentlich sitzen wir doch beide im selben Boot. Ich hätte nicht im Traum gedacht, diesen Artikel in der Zeitung zu sehen. Ich dachte, niemand würde es herausbekommen.“

„Dummerweise hat es aber doch jemand herausbekommen. Sogar ich! Deshalb würde ich vorschlagen, Sie verschwinden jetzt möglichst unauffällig. Ich möchte wirklich nicht den Sicherheitsdienst rufen müssen.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und marschierte zur Tür.

Paige glaubte, ihr Herz würde stillstehen. „Mr Romani! Lassen Sie mich doch bitte wenigstens alles erklären!“, flehte sie. Wenn nötig, wäre sie sogar vor ihm auf die Knie gesunken. Aber auf keinen Fall würde sie zulassen, dass er alles ruinierte.

„Dazu war ich doch bereit. Aber Sie hatten ja nichts Überzeugendes vorzubringen.“

„Weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.“

„Am besten am Anfang.“

Sie holte tief Luft. „Rebecca Addler steht alleinerziehenden Müttern äußerst kritisch gegenüber. Das ist nicht bei allen Sozialarbeitern so, aber in ihrem Fall … sie mag sie einfach nicht. Also nicht, dass sie unbedingt etwas gegen die jeweilige Person hätte, aber eben generell. Und sie hat mich gefragt, wieso ich der Meinung sei, Ana wäre besser bei mir aufgehoben als bei einer traditionellen Familie – also einer mit Mutter und Vater. Und irgendwie ist mir herausgerutscht, dass es ja einen Vater gäbe, weil ich ja heiraten würde … und dann ist mir auch noch Ihr Name herausgerutscht. Wissen Sie, da ich für Sie arbeite und ich Ihren Namen so oft sehe, war er eben der erste, der mir eingefallen ist.“

Er sah sie einen Moment stumm an, dann legte er den Kopf auf die Seite. „Das war aber nicht der Anfang.“

Paige atmete erneut tief durch, um ihre Gedanken, die wild durcheinanderwirbelten, zu sortieren. „Ich versuche gerade, ein Kind zu adoptieren.“

„Das wusste ich nicht“, meinte er stirnrunzelnd.

„Meine Tochter geht hier im Unternehmen sogar in den Kindergarten.“

„Ich bin nie in diesem Kindergarten“, erwiderte er lakonisch.

„Ana ist noch ein Baby. Ich habe sie fast seit ihrer Geburt bei mir.“ Immer noch wurde ihr die Kehle eng, wenn sie an Shyla dachte. Ihre beste Freundin, die so voller Energie und so wunderschön gewesen war. „Ihre Mutter ist … gestorben. Und ich kümmere mich um das Kind. Wir hatten nichts amtlich geregelt, bevor Shyla … egal, jedenfalls ist Ana jetzt ein Pflegekind.“

„Das bedeutet?“

„Dass der Staat die Vormundschaft hat und über ihren Verbleib entscheiden kann. Solange ich die Pflegschaft hatte, war alles okay. Ich bin als Pflegemutter offiziell anerkannt. Aber nicht als Adoptivmutter. Ich möchte sie aber adoptieren und hatte deshalb vor zwei Tagen einen Termin mit der zuständigen Sozialarbeiterin. Es sah so aus, als würde sie die Adoption nicht genehmigen. Und da habe ich … gelogen und behauptet, dass wir beide verlobt sind. Aber bitte glauben Sie mir, es hat wirklich nichts mit Ihnen zu tun.“

Und das war schon wieder gelogen. Es hatte eine Menge mit ihm zu tun. Weil er attraktiver aussah, als es von Rechts wegen erlaubt sein sollte. Und sie im selben Gebäude wie er arbeitete und ihm deshalb regelmäßig über den Weg lief. Ein derart selbstsicheres Auftreten konnte einen schon überwältigen.

Außerdem musste sie sich eingestehen, dass er ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Immer wieder musste sie an ihn denken. Unabhängig von ihrem Arbeitsverhältnis. Er war nun einmal der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hatte. Da sich in ihrem Liebesleben weniger als nichts abspielte, drehten sich ihre Fantasien eben um Dante.

Dass sie ihn recht häufig sah, machte die Sache nur noch schlimmer. Und als Rebecca Addler sie nach dem Namen ihres Verlobten fragte, wollte ihr einfach keiner einfallen – außer der von Dante.

Letztendlich lediglich ein weiteres Fettnäpfchen auf der langen Liste von Fettnäpfchen. Gäbe es einen Wettbewerb auf diesem Gebiet, würde sie ihn haushoch gewinnen.

Dantes Augenbraue schoss nach oben. „Wie schmeichelhaft.“

Paige presste die Hand gegen die Stirn. „Es tut mir leid. Und ich kann mich auch nicht mehr herausreden. Aber ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Ich hätte doch nie gedacht, dass die Zeitungen Wind davon bekommen würden. Aber jetzt steht es dort, und wenn rauskommt, dass wir gar nicht verlobt sind, dass ich gelogen habe, dann …“

„Dann stehen Sie als alleinerziehende Mutter und als Lügnerin da. Zwei auf einen Streich, würde ich sagen.“ Seine Stimme klang kalt und ausdruckslos.

„Genau.“ Sie schluckte schwer. Er hatte es auf den Punkt gebracht. Zwei auf einen Streich. Das war es dann. Aber das durfte nicht sein! Nicht, wenn es um Ana ging. Ana, ihren Sonnenschein. Das kleine hilflose Wesen, das Baby, das sie mehr liebte als ihr Leben. Für niemanden sonst auf der Welt würde sie tun, wozu sie jetzt bereit war: Sie musste ihrem Chef einen Heiratsantrag machen.

Dem Mann, bei dem es ihr buchstäblich den Atem verschlug, sobald er den Raum betrat. Dem Mann, der überhaupt nicht in ihrer Liga spielte, sodass selbst der Gedanke an eine Verabredung zum Essen schon unvorstellbar war. Aber es ging hier um mehr! Nicht nur um eine kleine Schwärmerei, mangelndes Selbstbewusstsein oder ihre Angst vor Zurückweisung.

„Ich … ich glaube, ich brauche Ihre Hilfe.“

Auf Dante Romanis Gesicht zeigte sich keine einzige Regung. Es war schlicht unmöglich, ihm anzusehen, was er dachte. Aber das war nun wirklich nichts Neues. Er war der „dunkle Prinz“ des Colson-Imperiums, der Adoptivsohn von Don und Mary Colson. Die Medien spekulierten öffentlich, dass er wahrscheinlich deshalb adoptiert worden war, weil er bereits in früher Kindheit überragende Brillanz gezeigt hatte. Niemand mutmaßte, es könne an seinem gewinnenden Wesen gelegen haben.

Paige hatte diese Geschichten immer für gemein und unfair gehalten. Jetzt fragte sie sich allerdings, ob nicht doch etwas dran wäre. Und sie fragte sich, ob er womöglich wirklich so herzlos war, wie es immer hieß. Sie hoffte aufrichtig, er möge wenigstens zu einem Funken Mitgefühl fähig sein … sonst wäre die Sache für sie aussichtslos.

„Ich fürchte, diesbezüglich kann ich Ihnen nicht behilflich sein“, entgegnete er trocken.

„Warum nicht?“ Paige stemmte sich hoch und stand auf. „Warum nicht?“, wiederholte sie. „Ich brauche Sie ja nicht für immer. Nur bis …“

„Das Einzige, was Sie retten könnte, wäre eine Hochzeit mit mir. Aber ich fürchte, das würde die Grenze der Absurdität doch weit überschreiten. Finden Sie nicht?“

„Für meine Tochter!“ Ihre Stimme klang unnatürlich laut und hallte im Raum nach. Jetzt, da sie die Worte ausgesprochen hatte, bedauerte sie diese auch nicht. Alles, aber auch alles würde sie für Ana tun. Selbst wenn es bedeutete, aus diesem Bürogebäude geworfen zu werden.

Weil zum ersten Mal in ihrem Leben etwas wirklich wichtig war. Wichtiger als ihr eigenes Leben.

„Sie ist doch nicht einmal Ihre Tochter.“

Paige biss sich auf die Lippen. Sie rang darum, ihren Adrenalinspiegel in den Griff zu bekommen, und zitterte am ganzen Körper. „Blutsverwandtschaft ist nicht alles. Ich dachte eigentlich, gerade Sie würden das verstehen.“ Wahrscheinlich nicht gerade die geschickteste Strategie, befürchtete sie. Trotzdem glaubte sie, dass gerade er ihre Gefühle nachvollziehen können müsste.

Er sah sie wortlos an. Ein Muskel zuckte an seiner Wange. „Ich werde Sie nicht entlassen. Zumindest jetzt nicht. Aber ich verlange eine Erklärung, die Sinn macht. Was steht für heute noch auf Ihrem Terminkalender?“

„Ich arbeite an der Weihnachtsdekoration.“ Sie wies auf die Utensilien, die überall herumlagen. „Für Colson und für Trinka.“ Sie war dabei, etwas eher Elegantes für das Hauptunternehmen zu entwerfen und für die Filialen, die Mode für Teens führten, etwas Cooles und Originelles. „Ich bin noch bei den Entwürfen.“

„Gut. Kommen Sie in mein Büro, bevor Sie gehen.“

Diesmal ging er wirklich, und Paige sank in sich zusammen. Ihre Hände zitterten, und ihr Körper war gespannt wie eine Feder. Am liebsten hätte sie sich auf dem Boden zusammengerollt.

Ich bin so blöd, dachte sie. Aber das war ja nichts Neues. Sie hatte wieder einmal geredet, ohne vorher zu überlegen. Wie immer. Nur diesmal hatte es sie in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht – ausgerechnet bei dem Mann, der ihr Gehalt zahlte.

Von ihm hing nun alles ab. Ihre Zukunft. Ihr Schicksal. Ihr Geld.

„Allmählich wird es wirklich Zeit, dass du erst nachdenkst, bevor du den Mund aufmachst“, sagte sie in das leere Zimmer hinein. Unglücklicherweise war es dafür jetzt zu spät. Viel, viel zu spät.

Dante hatte sein Tagespensum abgearbeitet und stellte den Ordner in den Aktenschrank zurück. Dann stützte er die Ellbogen auf den Schreibtisch und starrte auf die Zeitung, die auf der spiegelblanken Oberfläche lag.

Nachdem er in sein Büro zurückgekehrt war, hatte er erneut den Artikel gelesen. Es war eine beißende Abrechnung mit dem Möchtegernaufsteiger der Colson-Familie, der mit Menschen umging wie mit Figuren auf dem Schachbrett. Der Artikel lieferte zahlreiche Einzelheiten über Carl Johnson, den er letzte Woche gefeuert hatte, weil dieser wegen des Baseballspiels seines Sohnes ein wichtiges Meeting geschwänzt hatte.

Die Presse hatte ein großes Aufheben davon gemacht, nachdem sich Carl wegen dieser Ungerechtigkeit entrüstet an die Medien gewandt hatte. Dante empfand es nicht als Ungerechtigkeit, wenn er erwartete, dass ein Angestellter an einer Konferenz teilnahm, wozu er laut Arbeitsvertrag verpflichtet war. Auch wenn er dadurch das letzte Match der Baseballsaison seines fünfjährigen Sohnes verpasste.

Trotzdem hatte sich die Presse genüsslich daraufgestürzt und Dante, wie so oft zuvor, in der Luft zerrissen. Normalerweise ließ ihn das kalt.

Ein Satz stach für ihn jedoch besonders hervor: Kann sie ihn bekehren?

Kann Paige Harper mich bekehren? fragte er sich. Die Vorstellung amüsierte ihn. Er hatte mit ihr so gut wie nie etwas zu tun gehabt. Sie machte ihre Arbeit, und die machte sie gut. Also ergab sich keine Notwendigkeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Aber sie war ihm aufgefallen. Sie zu übersehen, war wohl auch kaum möglich. Wo sie auch auftauchte, versprühte sie ungebremst Enthusiasmus und grenzenlose Energie.

Es wäre gelogen, würde er behaupten, nicht von ihr fasziniert zu sein. Sie öffnete eine Tür zu Lebensbereichen, denen er sich freiwillig nie aussetzen würde: Chaos, Farben und Bewegung. Außerdem hatte sie einen Körper, den wohl kaum ein Mann ignorieren konnte – auch er nicht.

Aber auch wenn sie ihn noch so sehr interessierte, sie war einfach nicht der Frauentyp, den er bevorzugte.

Wird es dieser unscheinbaren Durchschnittsfrau gelingen, diesen eiskalten Geschäftsmann zu bekehren?

Er verspürte nicht das geringste Bedürfnis danach, bekehrt zu werden. Allerdings erschien ihm die Möglichkeit, sein Bild in den Medien etwas aufzupolieren, durchaus verlockend.

Im Prinzip hätte er sofort eine Richtigstellung verlangen können. Er konnte es aber auch so stehen lassen. Sollten sie doch das Bild revidieren, das sie sich von ihm machten, seit er durch die Adoption ins Rampenlicht geraten war – ein Vierzehnjähriger, dem man alles zutraute: von brutaler Gewaltanwendung bis zu soziopathischem Verhalten.

Die Presse und die Öffentlichkeit hatten ihn vorverurteilt, bevor er sich überhaupt etwas zuschulden kommen ließ. Deshalb machte er sich nie die Mühe, das Ganze richtigzustellen. Es war ihm letztendlich auch gleichgültig.

Jetzt sah er jedoch die Möglichkeit, etwas zu ändern.

Er drehte sich zum Fenster, von dem aus er den Hafen überblicken konnte. Immer noch stand ihm Paiges Gesicht vor Augen. Vor allem die Angst und Verzweiflung, die sich darin widerspiegelte. Er musste zugeben, ein paar Behauptungen der Presse stimmten durchaus. Er war wirklich kein gefühlsbetonter Mensch. Trotzdem ließ ihn ihre Geschichte nicht kalt – und auch die Sache mit dem Kind beschäftigte ihn.

Er konnte mit Kindern nichts anfangen. Wünschte sich auch keine eigenen. Nur zu gut konnte er sich noch an seine eigene Kindheit erinnern. Wusste noch genau, wie es sich anfühlte, acht Jahre lang den Institutionen ausgeliefert zu sein. Von einer Stelle zur nächsten weitergereicht zu werden. Völlig vom Staat und von Menschen abhängig zu sein, die ihm nur schadeten und keinerlei warme Gefühle entgegenbrachten.

Sollte er Ana wirklich demselben Schicksal aussetzen? Sie womöglich einer Familie überantworten, bei der sie keinesfalls die Geborgenheit und Liebe finden würde wie bei Paige?

Andererseits – was kümmerte es ihn überhaupt? Sich um andere Menschen Sorgen zu machen, gehörte bis jetzt nicht zu seinen Tugenden.

In diesem Moment ging die Tür auf, und Paige kam herein – besser gesagt, sie stürmte herein, mit der Wucht eines Tornados.

Über der Schulter hing eine riesige goldfarbene Handtasche, die perfekt zu den hochhackigen goldglitzernden Schuhen passte. Unter dem Arm klemmten eine Stoffrolle und ein Zeichenblock. Und sie wirkte, als wollte sie ihm die Sachen jeden Moment vor die Füße werfen.

Vorerst gab sie sich damit zufrieden, alles auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch abzuladen. Als sie sich vorbeugte, spannte der Rock auf sehr interessante Weise um ihren festen, runden Po. Sie fuhr sich durch die wilden dunklen Locken. Dabei erhaschte er einen Blick auf eine Strähne in Pink, die ihm bis jetzt entgangen war.

Sie war überhaupt eine sehr bunte Person. Das war einer der Gründe, weshalb man sie kaum übersehen konnte. Außerdem benutzte sie leuchtend grünen Lidschatten, magentaroten Lippenstift und den passenden Nagellack. Nicht ganz ohne Reiz, fand Dante.

„Sie meinten, ich solle vorbeikommen, bevor ich gehe.“

„Genau!“ Er riss den Blick von ihr los. Stattdessen betrachtete er jetzt die Utensilien, die sie auf dem Stuhl abgeladen hatte. Es juckte ihn in den Fingern, alles fein säuberlich aufzuräumen. Die Tasche an die Garderobe zu hängen … auf jeden Fall Ordnung in das Ganze zu bringen.

„Feuern Sie mich jetzt?“

„Ich denke nicht. Aber erklären Sie mir die Situation doch bitte etwas detaillierter.“

Eine kleine Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen, und sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne. „Um es auf das Wesentliche zu reduzieren: Shyla war meine beste Freundin. Wir sind gemeinsam hierhergezogen. Dann hatte sie einen Freund, wurde schwanger, der Freund verließ sie. Eine Zeit lang war eigentlich alles okay, weil wir zusammenhielten. Aber nach Anas Geburt wurde sie sehr krank. Sie hatte eine Menge Blut verloren und erholte sich nicht mehr richtig davon. Schließlich … sie bekam ein Blutgerinnsel in der Lunge.“ Paige hielt inne und holte tief Luft. Ihre schmalen Schultern hoben und senkten sich. „Sie starb … und Ana und ich blieben zurück.“

Dante unterdrückte die Beklemmung, die ihn überfiel, als er an das mutterlose Wesen dachte. „Und was ist mit den Eltern Ihrer Freundin?“

„Shylas Mutter war nie für sie da. Der Vater lebt wohl noch, aber er ist nicht in der Lage, sich um ein Kind zu kümmern. Er wäre wohl auch nicht dazu bereit.“

„Und Sie sind nicht adoptionsberechtigt, weil Sie nicht verheiratet sind?“

Paige seufzte. Ruhelos ging sie auf und ab. „Ganz so ist es auch nicht. Ich meine, so direkt hat die Sachbearbeiterin das nicht formuliert. Es gibt kein Gesetz – oder so was – dagegen. Aber vom ersten Moment an, als Rebecca Addler zum ersten Mal bei mir in der Wohnung war, war klar, dass sie nicht sehr begeistert davon ist.“

„Was stimmt denn nicht mit Ihrer Wohnung?“

„Sie ist klein. Ich meine, sie ist schön – und auch in einer guten Wohngegend –, aber eben sehr beengt.“

„Die Mieten in San Diego sind ziemlich hoch.“

„Genau! Total teuer! Und deshalb habe ich eben nur eine kleine Wohnung. Im Moment teilen wir uns ein Zimmer – Ana und ich. Und ich muss zugeben, dass der vierte Stock nicht gerade ideal ist mit einem kleinen Kind. Aber was soll’s! Viele Leute leben so.“

„Eben. Warum sollten Sie das also nicht können?“ Allmählich verspürte er eine gewisse Ungeduld. Er musste sich zusammenreißen, um nicht kurz angebunden zu sein.

„Weiß ich auch nicht. Aber es war offensichtlich, dass sie mich ungeeignet findet. Das merkte man an der Art, wie sie sagte: Ana wäre doch viel besser dran, wenn sie Vater und Mutter hätte. Ob ich das nicht auch fände. Da bin ich in Panik geraten.“

„Und mein Name kam aufs Tapet … und in die Zeitung!“

Paiges Wangen liefen knallrot an. „Ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie das passiert ist. Bestimmt nicht durch Rebecca. Wenn Sie sie kennen würden, wüssten Sie, dass das ausgeschlossen ist. Vielleicht durch jemanden, der die Unterlagen gesehen hat. Sie hatte einen Vermerk gemacht.“

„Einen Vermerk?“

„Ja. Eine Notiz eben.“

„Und die besagt?“

„Ihr Name. Dass wir uns gerade verlobt haben. Rebecca meinte, das würde die Sache bestimmt beeinflussen.“

„Sie halten es nicht für möglich, dass das möglicherweise mehr mit der Tatsache zu tun hat, dass ich Milliardär bin, als damit, dass Sie heiraten?“

Er gab sich keinerlei Illusionen hin, was seinen Charme betraf – beziehungsweise den Mangel daran. Ebenso wenig, wie er sich Illusionen über die Menschen hingab. Was Frauen zu ihm hinzog, war sein Geld. Und das war es auch, was ihn in den Augen der Sozialarbeiterin als potenziellen Vater attraktiv machte. Er würde finanziell für ein Kind sorgen können. Und das zählte mehr als alles andere. In seinen Augen sehr bedauerlich.

Aber so war die Welt eben. Das wurde ihm, der einst nichts hatte und dann mehr, als er jemals ausgeben konnte, immer wieder grausam klargemacht.

„Kann sein.“ Paige nagte an ihrer knallrosa geschminkten Unterlippe.

Das Telefon klingelte, und er drückte auf die Gegensprechanlage. „Dante Romani.“

„Mr Romani“, erklang die nervöse Stimme seines Assistenten. „Den ganzen Nachmittag rufen schon Journalisten hier an und wollen ein Statement … über Ihre Verlobung.“

Dante warf Paige einen eisigen Blick zu. Sie reagierte jedoch überhaupt nicht, schien es nicht einmal zu bemerken. Ihr Blick ging an ihm vorbei. Sie sah auf den Hafen und spielte abwesend mit einer Haarsträhne. Gleichzeitig wirkte sie, als würde sie gleich zusammenklappen.

Sie ist wirklich die größte … Katastrophenfrau, der ich jemals begegnet bin, dachte er.

„Ja und?“, erwiderte er ungehalten. Er war immer noch unentschlossen, wie er das mit der Presse handhaben sollte.

Eines stand jedoch fest: Er würde die Verlobung und die Adoption nicht dementieren, sonst konnte er gleich die Hoffnung aufgeben, jemals wieder als Ehrenmann betrachtet zu werden. Nicht dass ihm das sonderlich wichtig war. Mochten manche behaupten, es mangele ihm an Charme, er sagte eben seine Meinung. Er buckelte nicht und würde dies auch nie tun. Das bedeutete aber nicht, dass er es auf einen totalen Rufmord anlegte.

Wenn sich die Geschichte zuspitzte – und so sah es im Moment aus –, konnte sich das schädlich aufs Geschäft auswirken. Und das durfte er keinesfalls zulassen. Schließlich hatten ihn Don und Mary Colson adoptiert, damit er das Familienimperium, die Kaufhauskette, weiterführte.

Und dann war da auch noch Ana. Wie gesagt, er mochte Kinder nicht. Aber die Erinnerung an seine eigene Kindheit, die Pflegeheime und – familien waren in seine Seele eingebrannt.

Vielleicht würde Ana ja direkt adoptiert werden.

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