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Falsch gewettet, Herzensbrecher?

1. KAPITEL

Das Motto der Internetseite WomanBWarned:

Mach dich nicht zum Fußabstreifer!

Wenn du genug hast von grässlichen Dates und nicht bereit bist, dich weiter ausnutzen zu lassen, dann schau ab und zu auf unserer Website vorbei! Hier findest du viele nützliche Tipps, wie man es schafft, im Datingdschungel zu überleben, außerdem kannst du dich im Forum mit anderen Frauen über ihre Datingerfahrungen austauschen.

Das heißeste Thema in eben diesem Forum:

Thread 1862: Mister-3-Dates-mehr-nicht

KoffeinQueen – 15:49

Also mal ehrlich: Ethan Rush ist ein echt scharfer Typ. Dumm nur, dass er das auch ganz genau weiß und alle Register zieht. Er schafft es im Handumdrehen, dich mit seinem Charme einzuwickeln, und du hast den tollsten Sex deines Lebens mit ihm. Es haut dich voll um, du bist im siebten Himmel. Total verknallt. Und dann ist er auch schon wieder weg. Wie eine Fata Morgana. Alles, was von ihm bleibt, ist eine Karte, auf der steht, dass es Spaß gemacht hat. Wahrscheinlich plant er schon sein Date mit der Nächsten, während er dich zum letzten Mal küsst. Er ist einfach ein Dreckskerl. Ich kann allen Frauen hier nur dringend raten: Fallt bloß nicht auf ihn rein! Drei Dates, mehr kriegt ihr garantiert nicht von ihm.

MinnieM – 18:23

OMG, ich war zweimal mit ihm aus, und was KoffeinQueen sagt, stimmt hundertpro. Er schafft es, dass man sich wahnsinnig toll fühlt, aber auf mehr als zwei oder drei Dates lässt er sich nicht ein. Und hinterher fühlt man sich gar nicht mehr toll, sondern ganz einfach hundeelend.

Bella_262 – 21:38

Mich hat er zum Essen eingeladen, das Restaurant war echt super. Und danach … Wahnsinn, die aufregendste Nacht meines Lebens. Aber für ihn? Wer weiß das schon? Ja, es ist traumhaft mit ihm, bloß ist es genauso schnell vorbei, wie es angefangen hat. Ich vermute mal, er sammelt Kerben an seinem Bettpfosten. Ich war wirklich verrückt nach ihm. Und jetzt komme ich mir voll ausgenutzt vor. Wie der letzte Idiot.

KoffeinQueen – 07:31

Wenn er bekommen hat, was er will, geht er zur Nächsten. Und dass es so gut war, macht alles nur noch schlimmer. Du verliebst dich Hals über Kopf, und plötzlich ist Funkstille! Und dann suchst du natürlich nach Gründen dafür, warum er nichts mehr von dir wissen will. Bis du dir am Ende sicher bist, dass irgendwas mit dir nicht stimmen kann.

MinnieM – 09:46

Ich begreife bis heute nicht, warum er mich nie mehr angerufen hat. Ich dachte gerade, wow, das läuft ja traumhaft, und dann war ohne Vorwarnung auch schon alles vorbei. Da hat mir der Blumenstrauß, den er geschickt hat, auch nichts mehr genützt … obwohl er wirklich schön war.

KoffeinQueen – 10:22

Dann hat er dir also auch Blumen geschickt? Scheint definitiv sein Stil zu sein. Ich wette, es gibt massenhaft Frauen, die von ihm zum Abschied einen Blumenstrauß bekommen haben. Aber ich sage euch: Er ist derjenige, nicht wir haben das Problem, sondern er – ein Problem mit Frauen nämlich. Ich finde, wir sollten uns endlich wehren und diesem Mistkerl das Handwerk legen!

Ethan wurde abwechselnd heiß und kalt, während er die Kommentare überflog. Dabei war er davon ausgegangen, dass der Link, den ihm seine Schwester geschickt hatte, zu dem neuesten Spaßvideo führte.

Aber das hier war überhaupt nicht spaßig, sondern der reinste Horror. Denn es ging um ihn.

Mister-3-Dates-mehr-nicht griff entschlossen zum Telefon.

„Das kann nur auf deinem Mist gewachsen sein, Polly“, knurrte er, sobald sich seine Schwester gemeldet hatte.

„Leider nicht.“ Schuldbewusst klang anders. „Du bist berühmt-berüchtigt.“

„Ich benutze die Frauen nicht“, verteidigte er sich wütend. „Jedenfalls nicht mehr, als sie mich benutzen.“

„Aber es stimmt doch. Soweit ich weiß, bist du noch nie öfter als dreimal mit derselben Frau ausgegangen. Dabei gehst du ständig aus. Ständig.

„Und wo ist das Problem?“

„Dich interessiert eben nur das eine.“

„Blödsinn.“ Er mochte Frauen, und er war gern mit ihnen zusammen, aber er war auch wählerisch. „Ich gehe ja nicht mit allen ins Bett.“

Polly lachte hämisch auf. Na toll. Nicht mal seine eigene Schwester glaubte ihm. Wütend starrte er auf seinen Monitor. „Und du glaubst jedes Wort, das da steht?“

„Also, das mit den Blumen stimmt definitiv.“

Das wusste sie nur, weil er so freundlich war, die Sträuße in ihrem Blumenladen zu bestellen. „Schön, und das bedeutet, dass der Rest auch stimmen muss?“

Seine Schwester sagte nichts. Keine Antwort war auch eine Antwort.

Idiotischerweise schmerzte ihn das mehr, als es sollte. Er verzog das Gesicht beim Anblick des lächerlich bunten Logos der Website. „Ich frage mich bloß, wer auf so eine Idee kommt. Was muss das für eine verquere Person sein, die frustrierte Frauen ermuntert, auf ihrer Website ihr Gift zu verspritzen?“

Nichts war schlimmer als die Rache einer verschmähten Frau. Wie man an dieser Internetseite wieder einmal deutlich sehen konnte. Und ganz besonders schlimm war es, wenn diese Furien dann auch noch in Scharen auftraten wie hier.

„Vergiss es, Ethan“, versuchte Polly die Wogen zu glätten. „Ich hätte dir den Link nicht schicken sollen. Du kommst doch zur Taufe, oder?“

„Ja klar.“ Ethans Miene verdüsterte sich weiter. „Ich muss schließlich Mum von Dads neuester Eroberung abschirmen. Trotzdem danke für den Link. Das ist zwar echt der Hammer, aber jetzt weiß ich wenigstens Bescheid.“

Ethan legte auf. Unfähig, seine Blicke vom Monitor zu lösen, klickte er weitere Kommentare an und wurde immer wütender.

„Das ist Verleumdung.“ Die Ungerechtigkeit brannte wie Salz in einer Wunde. „Das hat absolut nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun, das ist ein moderner Pranger!“

Alles hatte seine Grenzen. Er war schlicht nicht bereit, sich von irgendwelchen frustrierten Zicken seinen Ruf ruinieren zu lassen.

Ethan Rush scheute sich nicht vor Herausforderungen. Und er dachte gar nicht daran, irgendetwas zu vergessen.

Mit brennenden Augen checkte Nadia morgens im Büro ihre E-Mails.

Schon wieder hatte sie sich die halbe Nacht vor dem Computer um die Ohren geschlagen. Aber sie hätte sich ja auch nicht träumen lassen, dass ihre Website so viel Zuspruch ernten und so eine rege Debatte entfachen könnte. Kein Wunder, dass sie im Büro Mühe hatte, sich zu konzentrieren.

Wenn es nach ihr ginge, würde sie nichts anderes machen, als an ihrer Website herumzubasteln und das Forum zu moderieren. Aber sie brauchte schließlich Geld, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Ganz abgesehen davon, dass der Tagesjob ihr die Anerkennung verschaffte, um die sie so lange gekämpft hatte. Deshalb würde sie sich jetzt zusammenreißen und endlich anfangen zu arbeiten.

Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Obwohl sie den Weg ins Büro auf Inlineskates zurückgelegt hatte, war der so dringend benötigte Endorphinschub ausgeblieben. Was bedeutete, dass sie zu weiteren bewährten Tricks greifen musste, um die nächsten acht Stunden zu überstehen.

Doch bevor sie sich zum Snackautomaten aufmachen konnte, um sich den süßesten, salzigsten, fettesten, fünfzigmal vorbehandelten, in Plastik eingeschweißten Imbiss zu holen, klingelte ihr Telefon.

„Hi, Nadia, dein Typ wird verlangt. Ich habe hier an der Rezeption einen Gentleman für dich“, sagte Steffimit einem unglaublich anzüglichen Unterton in der Stimme.

„Ach ja?“ Nadia schaute in ihren Kalender, aber ihr erster Termin war in einer Stunde. „Für mich?“

„Für dich ganz allein.“ Steffisummte es fast.

Na wundervoll. Wahrscheinlich irgend so ein hartnäckiger Bewerber, der sich nicht abwimmeln ließ. Alle Welt wollte bei Hammond Insurance arbeiten, wie Nadia aus eigener Erfahrung wusste. Sie hatte schließlich selbst wie eine Löwin gekämpft, um einen Fuß in die Tür zu bekommen.

„Er lässt nicht locker. Nimmst du ihn?“

Ein Sturkopf … und Steffiwollte ihn ihr aufs Auge drücken. Typisch. „Na ja, meinetwegen“, gab Nadia schließlich widerwillig nach. „Besprechungsraum fünf, in drei Minuten.“

„Oh, das ist absolut fantastisch!“, erwiderte Steffiregelrecht euphorisch.

Nadia runzelte irritiert die Stirn und fragte mit gesenkter Stimme: „He, Stef, ist bei dir alles okay?“

„Ja klar, warum?“

„Du klingst irgendwie so … seltsam.“

„Ach, Blödsinn.“ Steffilachte viel zu laut und zu schrill. „Mir geht es ganz wunderbar!“

Soso … Nadia legte auf und schwang mit ihrem Stuhl herum. Noch ein wenig monitorfreie Zeit würde ihr guttun. Sie schnappte sich eine Mappe mit Infobroschüren über die Firma und machte sich auf den Weg in den Besprechungsraum.

Wenn er ein Bewerber war, hätte Steffiihm eigentlich nur so eine Mappe in die Hand zu drücken brauchen, doch es gab immer wieder Dickschädel, die entschlossen waren, über die Rezeption hinauszugelangen. Nun, man würde sehen. Auf diese Weise konnte sie wenigstens auf dem Rückweg dem Snackautomaten einen Besuch abstatten.

Im Besprechungsraum ließ sie sich an der Stirnseite des langen Tisches nieder, legte die mitgebrachten Broschüren vor sich hin und stellte sich darauf ein, strahlend zu lächeln, sobald die Tür aufging.

Gleich darauf hörte sie Geräusche auf dem Flur und schaute auf. Als Steffimit dem Besucher auf der Schwelle erschien, begriff Nadia schlagartig, was die Euphorie der Kollegin ausgelöst hatte.

Oha. Das war nicht gerade einer ihrer üblichen Fälle. Die meisten Bewerber waren mächtig nervös. Natürlich gab es hin und wieder auch übertrieben selbstbewusste, aber so ein obercooler Typ wie der da war ihr noch nie untergekommen. Perfekt sitzender Anzug und ein Siegerlächeln im makellosen Gesicht.

Großer Gott! Nadia hatte noch nie so perfekte Gesichtszüge gesehen. Kein Wunder, dass Steffihin und weg gewesen war.

Nadias Lächeln verunglückte, weil ihr die Luft wegblieb. Doch sobald Steffiweg war, verflüchtigte sich auch das Lächeln ihres Besuchers.

Als Nadia das sah, rieselte ihr ein Schauer über den Rücken. Ihr Verstand meldete sich zurück. Er wirkte nicht wie jemand, der einen Job suchte – ganz im Gegenteil. Irgendetwas brodelte in ihm, und Nadia war sich nicht sicher, ob sie wissen wollte, was.

Er blieb noch einen Moment auf der Schwelle stehen, dann schloss er die Tür hinter sich. Erst verspätet wurde ihr klar, dass er sie genauso verblüfft musterte wie sie ihn. Schließlich fragte er: „Sie sind Nadia Keenan?“

Sie schluckte. „Das überrascht Sie also?“, fragte sie zurück, mit einer Kühle, die sie selbst erstaunte. Sie deutete auf einen Stuhl, weil sie wahrscheinlich einen steifen Hals bekommen würde, wenn sie noch länger zu ihm aufschauen musste.

Er folgte ihrer Aufforderung, wobei er sich so kontrolliert bewegte, dass Nadia erneut Gänsehaut bekam. Was war los mit ihr? War ihre Reaktion Zeichen mangelnder Souveränität? Oder etwa Ausdruck ihrer dunklen Befürchtung? Warum hatte der Typ ausgerechnet sie verlangt? Sie war doch nur eine kleine Angestellte.

Das Schweigen dehnte sich. Sie schaute an ihm vorbei, während sie versuchte, ihren Pulsschlag wieder in den Normalbereich zu zwingen. Ihre verkrampften Muskeln lockerten sich etwas. Nur der Sauerstoff war immer noch knapp.

Sie schluckte und atmete erneut tief durch. „Wie kann ich Ihnen weiterh…?“

„Welche Verhaltensregeln gelten bei Hammond bezüglich der Internetnutzung?“, unterbrach er sie ohne Einleitung.

Mit zusammengepressten Lippen verschob sie die Infoblätter vor sich, während sie versuchte, ihre durcheinanderwirbelnden Gedanken zu ordnen.

„Ziemlich konservative, nehme ich mal an“, beantwortete er selbst seine Frage. „Überhaupt scheint mir Hammond ein ziemlich konservativer Laden zu sein.“

„Wenn Sie mir vielleicht mitteilen könnten, worum es geht, Mr …?“ Sie wagte es immer noch nicht, ihm in die Augen zu sehen.

„Rush. Ethan Rush“, sagte er so cool wie James Bond höchstpersönlich. „Kommt Ihnen der Name bekannt vor?“

Himmel! „Sollte er?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Nun, ich denke schon.“

Sie versuchte, Zeit zu schinden, indem sie das Infomaterial zu einem Stapel ordnete. Dabei bemühte sie sich verzweifelt, nachzudenken, aber sie konnte ja kaum atmen … und ihr Herz hämmerte. „Tja … also, tut mir leid, Mr Rush, das müssen Sie mir näher erklären.“

„Man hat Sie vor mir gewarnt.“

„Mich?“ Sie hob ruckartig den Kopf, und ihr Blick landete in den Tiefen seiner braunen Augen … dieser harten braunen Augen.

„Ja, unter anderem auch Sie. Auf WomanBWarned. Der Name sagt Ihnen doch etwas, Nadia?“

Sie schnappte erschrocken nach Luft und ließ eine weitere Sekunde verstreichen, entschlossen, sich dumm zu stellen. Und wenn das nichts half, würde sie alles abstreiten.

„Sagen Sie mir einfach, was ich für Sie tun kann, Mr Rush.“

„Vielleicht beantworten Sie mir erst einmal meine Frage. Bezüglich der Internetnutzung. Ist Ihrem Arbeitgeber bekannt, dass Sie so etwas wie einen öffentlichen Pranger im Netz installiert haben?“

Es war, als ob sich um Nadias Hals eine Schlinge zöge, was ihr eine Antwort unmöglich machte.

„Es wäre Ihrem Ansehen wahrscheinlich wenig dienlich, wenn Ihre Vorgesetzten von Ihrem Hobby erfahren, oder was meinen Sie?“, fragte er höhnisch und fuhr fort: „Halten Sie sich wirklich für berufen, Ihren Mitmenschen Ratschläge zu erteilen?“

Nadia biss die Zähne zusammen und schwieg.

Er zog ein Blatt Papier aus seiner Tasche, das er auseinanderfaltete und auf den Tisch legte. Sie brauchte nur einen flüchtigen Blick darauf zu werfen, um zu wissen, worum es sich handelte. Sie hatte den Text selbst geschrieben. Es war ein internes Memo bezüglich der Internetnutzung, in dem darauf hingewiesen wurde, dass es ausdrücklich verboten war, während der Arbeitszeit soziale Netzwerke, Foren, Blogs und Ähnliches zu besuchen.

„Woher haben Sie das?“

„Ich finde es schon fast zynisch, dass Sie Ihre Kollegen davor warnen, in sozialen Netzwerken zu viel Persönliches preiszugeben, weil man sich damit gründlich seinen Ruf ruinieren kann, während Sie selbst auf so verleumderische Art und Weise im Internet unterwegs sind.“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, sich ein wenig genauer auszudrücken, Mr Rush?“ Sie verspannte sich noch mehr. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und weggelaufen, was sie natürlich nicht tat. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, aber sie befahl sich, Ruhe zu bewahren. Sie hatte nichts von ihm zu befürchten. Sie war im Büro noch nie privat im Internet gewesen, und das würde sie natürlich auch weiterhin so halten. Sie wollte schließlich nicht ihren Job verlieren.

„Nun, was meinen Sie, Nadia – warum bin ich hier?“

Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wenn Sie sich nicht über Hammond informieren möchten, weil Sie daran denken, sich bei uns zu bewerben, wüsste ich nicht, was wir zu bereden hätten.“

Jetzt umspielte seine Mundwinkel ein Lächeln, während er sie eingehend taxierte. Er saß zurückgelehnt da, vollkommen entspannt. Und er war absolut atemberaubend auf seine ungemein männliche, unverschämt arrogante Art.

O ja, sie hatte ja so recht auf ihrer Homepage: Frauen, seid gewarnt. Sie kannte den Typ Mann, der besser aussah, als gut für ihn war. Ein größenwahnsinniger Frauenheld, geoutet als Eintagsfliege. Und er war nicht glücklich darüber? Nun, da hatte er wohl Pech gehabt.

In seinen Augen loderte Wut, der rote Schleier auf der zimtfarbenen Iris war nicht zu übersehen.

Aber Nadia hatte trotzdem nicht vor, klein beizugeben. „Nur weil Sie fast doppelt so groß sind wie ich, lasse ich mich von Ihnen noch lange nicht einschüchtern. Ihre Drohgebärden können Sie sich sonst wohin stecken.“

„Drohgebärden?“ Sein Lachen hatte einen beunruhigenden Klang. „Ich bin nicht hier, um Ihnen zu drohen, Nadia. Ich bin gekommen, um Sie um etwas zu bitten.“

Sie befeuchtete sich mit der Zungenspitze die trockenen Lippen.

„Dieser Thread, der sich mit meiner Person befasst, strotzt vor Verleumdungen“, erklärte er.

„Nun …“ Sie lächelte angestrengt. „Gegen Verleumdungen hilft nur die Wahrheit.“

„Richtig.“

„Und Sie behaupten, dass das, was da steht, nicht die Wahrheit ist?“

„Richtig.“

Sie zuckte die Schultern. „Dann beweisen Sie es.“

Genau sechs Sekunden verstrichen. Ihre Wahrnehmung war plötzlich so geschärft, dass sie hörte, wie sich der Sekundenzeiger ihrer Armbanduhr fortbewegte.

„Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Rechtslage genau umgekehrt wie auf Ihrer Seite, Nadia. Das sollten Sie eigentlich wissen. Ein Mensch gilt so lange als unschuldig, bis seine Schuld zweifelsfrei erwiesen ist. In Ihrer kleinen Welt aber gilt er als schuldig, bis er seine Unschuld selbst bewiesen hat. Gibt Ihnen das nicht zu denken?“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Die Männer, über die auf meiner Homepage aufgeklärt wird, sind schuldig.“

Sein Blick war mindestens genauso vernichtend. „Dann wollen Sie also abstreiten, dass es Missbrauch geben könnte? Sie glauben nicht, dass eine Frau, die auf Rache sinnt, sich Ihrer Website bedienen könnte?“

„Eine Frau, die auf Rache sinnt? Ich bitte Sie, das sind doch nur Männer wie Sie, die solche Verschwörungstheorien in die Welt setzen!“

„Dann sagen Sie mir einfach, warum Sie eine derartige Homepage betreiben, wenn es nicht um Rache geht.“

Inzwischen kochte sie vor Wut. „Um interessierten Menschen den Zugang zu Informationen zu ermöglichen … zu Informationen aller Art.“

„Weil alle Männer Dreckskerle sind?“

„Es geht um Informationen zur Partnersuche in der heutigen Welt“, präzisierte sie scharf. Aber diese Unterhaltung brachte sowieso nichts. Sie sprachen verschiedene Sprachen. „Davon abgesehen bin ich Ihnen keine Erklärung schuldig.“

„Oh, das sehe ich ganz anders.“ Er beugte sich vor. „Ich denke, Sie müssten Ihr Tun vor einer Menge Leute rechtfertigen. Und noch etwas. Warum spielen Sie eigentlich nicht mit offenen Karten? Haben Sie einen Grund, sich zu verstecken?“

Natürlich nicht, obwohl ihre Vorgesetzten über ihre privaten Aktivitäten im Netz wahrscheinlich wenig erbaut wären.

„Ich bin kein Verbrecher“, fuhr er fort, weil sie nicht antwortete. „Kein Heiratsschwindler, der naiven Mädchen vom Lande ihr sauer Erspartes abluchst. Ich belüge und betrüge niemanden. Was also habe ich auf Ihrer Internetseite verloren?“

„Offensichtlich haben Sie mehr als eine Frau verletzt.“

„Und wo bleibt da die Unschuldsvermutung?“

„Mr Rush, Sie haben jederzeit die Möglichkeit, sich an der Debatte zu beteiligen. Sie müssen sich nur anmelden.“

„Was? Ich soll mit diesen hysterischen Furien diskutieren? Nein, danke.“ Er schüttelte angewidert den Kopf. „Ich finde, Sie selbst sollten für die Inhalte auf Ihrer Website die Verantwortung übernehmen. Und für den Schaden, der daraus entstehen kann.“

„Sie fühlen sich geschädigt? In welcher Hinsicht?“ Das war lachhaft. Er wirkte unverwundbar.

„Was auf Ihrer Seite betrieben wird, ist Rufschädigung. Und der Ruf ist für einen Menschen etwas sehr Wertvolles.“

Das wusste sie selbst. „Gut. Was wollen Sie?“

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und fuhr sich mit seinen langen schlanken Fingern über Mund und Kinn. Sie musste sich zwingen, nicht auf seinen schön geformten Mund zu schauen.

Solche Skrupel waren ihm allerdings fremd.

Ihr wurde ganz heiß, als sie bemerkte, dass er sie musterte … Mund, Hals, Oberkörper. In der Tiefe seiner Augen loderte ein Feuer. Ihr Körper reagierte prompt: Ihre Muskeln spannten sich an, der Adrenalinspiegel schnellte in die Höhe. Ihre Brustwarzen wurden hart.

Kein Wunder, dass ihr Körper nach einer so langen Dürreperiode empfänglich war …

Seine Augen glitzerten provozierend. „Offensichtlich erwartet man von mir, dass ich meine Unschuld beweise. Gut, dann beweise ich sie eben.“

„Ach ja? Und wie wollen Sie das anstellen?“ Warum flüsterte sie plötzlich?

„Drei Dates“, sagte er genauso leise.

„Pardon?“

„Sie und ich. Wir gehen dreimal zusammen aus, und am Ende fällen Sie Ihr Urteil über mich, okay? Ich werde Ihnen beweisen, dass das, was da auf Ihrer Website steht, eine üble Verleumdung ist.“

Sie lachte. Nur eine halbe Oktave höher, und es hätte hysterisch geklungen. Das war ja grotesk! „Ich denke gar nicht daran, mit Ihnen auszugehen.“

„Dann kann ich Ihnen nur dringend raten, sich einen guten Anwalt zu suchen.“ Wieder taxierte er sie eingehend. „Ein Rechtsbeistand ist teuer, Nadia. Haben Sie zu viel Geld? Wohl kaum. Ich glaube nicht, dass eine einfache Angestellte wie Sie exorbitant verdient … nicht mal bei Hammond.“

„Alle User, die sich an den Diskussionen in meinem Forum beteiligen, haben eine Erklärung unterschrieben. Ich kann für die Inhalte auf meiner Website nicht haftbar gemacht werden.“

„Das ist ja wirklich bequem für Sie. Aber ich bin der Meinung, man sollte es auf einen Versuch ankommen lassen.“ Er setzte ein herzloses Lächeln auf. „Ein Prozess, der womöglich Monate dauert. Und alle werden davon erfahren … hier in der Firma, Ihre Familie, Ihre Freunde.“ Er kniff die Augen zusammen. „Schließlich weiß bis jetzt niemand, was Sie da so treiben, oder?“ Er machte eine Pause und fuhr dann fort: „Sie werden gute Anwälte für einen langwierigen, kostspieligen Prozess brauchen, Herzchen.“

„Und Sie sind bereit, für einen billigen Triumph möglicherweise viel Geld zum Fenster hinauszuwerfen?“ Ihr Magen rebellierte. Das konnte unmöglich sein Ernst sein.

„Ich glaube nicht, dass es zum Fenster hinausgeworfen ist. Ich bin nämlich Anwalt und kann mich vor Gericht notfalls auch selbst vertreten.“

Anwalt … pah! Ein Schmierlappen war er, sonst gar nichts! Ein widerlicher, aggressiver Schmierlappen. Und sie dachte ja gar nicht daran, sich von ihm einschüchtern zu lassen.

Sie schluckte den bitteren Geschmack hinunter, den sie plötzlich im Mund hatte. „Wie käme ich dazu, die Besucher meines Forums zu zensieren? Wir leben schließlich in einer offenen Gesellschaft.“

„Es geht nicht um Zensur“, widersprach er ruhig. „Aber sehen wir es doch mal ganz nüchtern. Das Internet vergisst nichts. Was einmal im Netz steht, lässt sich nicht wieder zurückholen. Deshalb erwarte ich zumindest eine Richtigstellung.“

„Dann müssen Sie sich an die Person wenden, die Ihnen vermeintlich Unrecht getan hat, nicht an mich.“ Was hatte sie damit zu tun? Drei Treffen mit ihm? Lächerlich.

„Die Kommentare sind anonym … ich weiß nicht, wer die Frauen sind.“

„Aber Sie müssen doch wissen, wer Grund hat, sich über Sie zu beklagen. Oder haben Sie so viele Affären, dass Sie den Überblick verloren haben?“ Sie schüttelte angewidert den Kopf. „In Wahrheit wollen Sie doch nur hören, wie toll Sie im Bett sind.“

„Ich weiß, wie ich im Bett bin, Nadia. Dafür brauche ich keine Bestätigung. Ich will einfach nur rehabilitiert werden oder zumindest von Ihnen hören, dass sich in Ihrem Forum manchmal Leute mit einer verzerrten Wahrnehmung zu Wort melden, gelinde ausgedrückt. Obwohl ich ehrlich zugeben muss, dass ich es am liebsten sähe, wenn Sie diesen vergifteten Sumpf trockenlegen.“

„In Ihren Augen vergiftet.“

„Warum wollen Sie unbedingt ein Biest sein?“

Nadia zuckte die Schultern. „Ich möchte nur Frauen dazu ermuntern, sich nicht länger ausnutzen zu lassen. Wenn mich das zu einem Biest macht, habe ich nichts dagegen.“

„Und woher wollen Sie wissen, dass diese Frauen die Wahrheit sagen?“

„Warum sollten sie denn lügen?“ Es war ganz einfach. „Diesen Frauen geht es nicht um Rache. Es sind Frauen, die sehr schlimm verletzt wurden.“

„Frauen wie Sie?“

Sie erstarrte für eine Nanosekunde. „Um mich geht es hier nicht.“

„Überhaupt nicht.“

Wütend versteckte sie ihre zu Fäusten geballten Hände unterm Tisch, während sie verzweifelt auf einen Ausweg sann. Doch sie sah keinen. Er saß einfach am längeren Hebel. „Also gut, Sie wollen drei Treffen? Meinetwegen. Aber ich bin unbestechlich, nur dass Sie Bescheid wissen. Ich bezahle selbst.“

Er zuckte gespielt übertrieben zusammen, doch auch das konnte nicht verhindern, dass sie in ...

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