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Fakten-Check Impfen

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Wichtiger Hinweis

Das Autorenteam wird von einer Gruppe Expertinnen und Experten unterstützt und fachlich beraten. Die Beiträge in diesem Buch wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert und durch die Expertengruppe gegengelesen. Dennoch können sich Fehler einschleichen oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse das Geschriebene (Stand: Dezember 2020) überholen. Für Ihre Impfentscheidung nehmen Sie bitte immer ein persönliches Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt in Anspruch. Dieses Buch ersetzt ihren Rat in keiner Weise. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbst verantwortlich. Weder Autoren noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.

Liebe Gesundheitsinteressierte,

schön, dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben. Es wird Ihnen ein wichtiges Thema auf anschauliche Art näherbringen. Denn ich nehme an, Sie wollen für sich und Ihre Liebsten die beste Entscheidung treffen. Die Autoren sind echte Profis auf ihrem Gebiet. Ich kenne Cornelia Betsch, Nicola Kuhrt und Jan Oude-Aost schon sehr lange und habe sie sogar ein bisschen miteinander für dieses Projekt »verkuppelt«. Vor vielen Jahren habe ich im Bereich der Kinderheilkunde gearbeitet und wollte Kinderpsychiater werden, so wie Jan. Ich wurde stattdessen Journalist, wie Nicola. Sie schreibt immer wieder auch für meine Zeitschrift »Hirschhausens Gesund Leben« und engagiert sich mit der Plattform »MedWatch« für eine wissensbasierte Medizin und den Schutz von Patienten vor gefährlichem Unsinn und Geschäftemachern. Cornelia ist Professorin für Gesundheitspsychologie, setzt sich für die »Scientists for Future« ein und hat mit ihren Studierenden mein Bühnenprogramm wissenschaftlich auf seine Wirksamkeit untersucht. Gemeinsam haben wir auch für das »Deutsche Ärzteblatt« Artikel geschrieben und Podiumsdiskussionen zum Thema Impfen bestritten. Von diesen drei Autoren können Sie für sich neue Sichtweisen gewinnen.

Während ich dies schreibe, bereitet sich Deutschland auf die Impfungen gegen den Pandemie-Erreger COVID-19 vor. Die Geschwindigkeit, mit der innerhalb von einem Jahr gleich mehrere Wirkstoffe entwickelt wurden, ist eine historische Leistung und eine medizinische Sensation. Gleichzeitig sind über die Auseinandersetzungen rund um Corona eine Menge Ängste und Falschinformationen aufgetaucht, die sich schneller im Netz verbreiten, als die zuständigen Fachleute sie widerlegen können. Umso wichtiger, dass man sich einmal in Ruhe mit den Grundlagen des Impfens beschäftigen kann. Das ganze Jahr 2020 haben wir einen Impfstoff herbeigesehnt, der die schmerzhaften Einschränkungen des Miteinanders und des öffentlichen Lebens überflüssig machen soll. Und ich dachte immer daran, dass blöder, als fieberhaft einen Impfstoff zu suchen und keinen zu finden, nur eins ist: einen zu haben, der dann nicht eingesetzt wird. Schmerz gehört zum Leben dazu. Aber vermeidbares Leiden tut doppelt weh.

Meine Zeit als Arzt in der Kinderneurologie ist lange her, aber ich habe noch die Kinder vor Augen, die an komplizierten Hirnhautentzündungen erkrankt waren. Nicht immer konnten wir helfen. Wenn heute immer noch Kinder an unheilbarem Hirnschwund, ausgelöst durch Masernviren, sterben, frage ich mich, was in der Kommunikation der letzten Jahrzehnte schiefgelaufen ist. Die ältere Generation von Hebammen, Ärzten und Schwestern weiß, was für ein Segen es ist, dass wir alle vor Polio, Pocken, Mumps und Röteln keine Angst mehr haben müssen.

Das wichtigste Argument für mich ist und bleibt: Impfen ist solidarisch! Wir schützen die Schwachen, die nicht geimpft werden können, und werden von anderen geschützt. Wir sehen heute, wie gut der Gemeinschaftsschutz funktioniert. Seit die Enkel gegen den Keim Haemophilus influenzae geimpft werden, sterben auch weniger Senioren an dieser Lungenentzündung. Gesundheit ist eben »ansteckend«, wir geben sie weiter. Impfen ist ein kleiner Pieks mit großer Wirkung.

Viel Freude mit einem Sachbuch, mit dem Sie hoffentlich sich und andere überzeugen können, wie froh wir sein dürfen, in Deutschland im 21. Jahrhundert zu leben. Ich bin es jedenfalls!

Ihr

Eckart von Hirschhausen

Arzt, Wissenschaftsjournalist und Gründer der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen

Impfen – das sollten Sie wissen

Impfen: Viele tun es einfach, weil der Arzt es empfiehlt oder sie selbst es für selbstverständlich und wichtig halten. Andere zweifeln, suchen Rat und Informationen, wieder andere haben ein mulmiges Gefühl oder lehnen Impfen ganz ab. Und wo stehen Sie? Dieses Buch will und wird unterschiedliche Meinungen nicht werten. Dennoch denken wir, dass je nach bisheriger Erfahrung und Sichtweise bestimmte Informationen besonders nützlich für Sie sein könnten. Daher schlagen wir Ihnen vorab Kapitel vor, die Sie gezielt ansteuern können.

Sie sind bereit: »Ich lasse mich und mein Kind gegen alles, was empfohlen ist, impfen.«

Lesen Sie das Kapitel »Was Sie und Ihr Kind beim Impfen erwartet« (siehe > ff.).

Sie zögern: »Ich weiß nicht recht. Ich habe einiges über das Impfen gelesen, das mich verunsichert. Vielleicht werden wir die eine oder andere Impfung verschieben oder auslassen.«

Lesen Sie die Kapitel »Ist Impfen sicher?« (> ff.) und »So entstehen Zweifel« (siehe > ff.).

Sie lehnen Impfungen ab: »Ich vertraue Impfungen nicht und bin strikt dagegen.«

Lesen Sie das Kapitel »Impfmythen entzaubert« (siehe > ff.).

Sie haben noch keine Meinung: »Impfen? Darüber hab ich noch nie nachgedacht!« Oder: »In der Pandemie habe ich viel Seltsames darüber gelesen und weiß jetzt gar nicht mehr, was ich denken soll.«

Lesen Sie die Kapitel »Drei gute Gründe« (siehe > ff.) und »Was – wann – für wen?« (siehe > ff.).

DREI GUTE GRÜNDE

Die meisten Menschen in Deutschland sind gut geimpft. Dennoch führen Impflücken zu Ausbrüchen schon verschwunden geglaubter Krankheiten. Deshalb nennen wir Ihnen zunächst drei gute Gründe für das Impfen.

Impfen ist effektiv

Viele Infektionskrankheiten waren noch vor einigen Jahrzehnten sehr weit verbreitet und vor allem für Kinder eine ernste Bedrohung. Impfen hat eine wahre Erfolgsgeschichte geschrieben und zählt gleich nach sauberem Wasser und Toiletten zu den effektivsten Maßnahmen, um die Gesundheit eines Menschen zu erhalten.

Impfungen reduzieren das Risiko, an schweren, teils lebensbedrohlichen Krankheiten zu erkranken, gegen die die Medizin kaum eine oder gar keine Therapie hat. Die Impfung kann den Menschen schützen – vom Kleinkind bis zum Erwachsenen. Seit den Neunzigerjahren sind weltweit deutlich weniger Kinder an Krankheiten gestorben, die durch Impfen verhindert werden können, zum Beispiel an Masern und Tetanus. Dies ist der Erfolg von effektiven Impfungen.

Durch eine Impfung bereiten sich die körpereigenen Abwehrzellen auf bestimmte Krankheitserreger vor. Bei einem späteren Kontakt erkennt das körpereigene Immunsystem den Krankheitserreger umgehend und kann sich rasch und wirksam gegen diesen wehren.

Durch den Einsatz von Impfungen sind in den Industrienationen viele Krankheiten ganz oder nahezu verschwunden, zum Beispiel Masern.

Quelle: https://ourworldindata.org/vaccination#global-decline-of-measles

Impfen ist sozial

Die meisten Impfungen können verhindern, dass sich hochansteckende Krankheiten ausbreiten: Wenn ich geimpft bin, kann ich Sie nicht anstecken. Durch diesen Gemeinschaftsschutz wird man also nicht nur nicht krank, man gibt die Krankheit auch nicht weiter. Menschen, die sich nicht impfen lassen können, sind darauf angewiesen, dass die anderen um sie herum eine Art Firewall aufbauen. Säuglinge und Kleinkinder sind für manche Impfungen beispielsweise noch zu jung und es gibt Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer Schwangerschaft oder Krebstherapie keine Impfung erhalten können. Diese Menschen brauchen uns. Sie sind darauf angewiesen, dass die Menschen in ihrem Umfeld geimpft sind und ihnen Schutz vor der Ausbreitung und Ansteckung mit der Krankheit bieten. Einer für alle, alle für einen: Je mehr mitmachen, desto besser funktioniert es.

Ein Beispiel: Wenn über 95 Prozent der Bevölkerung einen Immunschutz gegen die Masern hätten, ließen sich die Masern ausrotten. Um ausreichend Immunität gegen Maserviren aufzubauen, sind zwei Impfungen nötig – hier sind wir in Deutschland aktuell weit von 95 Prozent entfernt: Die zweite Masern-Impfung hatten 2020 nur 70 Prozent der Zweijährigen. Bis zum Schulalter haben aber insgesamt 93 Prozent der Kinder beide Impfungen.

Je ansteckender eine Krankheit ist, desto mehr Menschen müssen dagegen immun sein. Ein Mensch, der an Masern erkrankt ist, kann im Schnitt 15 ungeimpfte Menschen anstecken – damit sind die Masern eine der ansteckendsten Infektionskrankheiten und die Impfquote muss hier am höchsten sein, um die Übertragung effektiv zu stoppen. Zum Vergleich: Bei Pocken sind es bis zu sechs Personen, die durch eine erkrankte Person infiziert werden, bei Polio bis zu sieben. Die Pocken wurden durch Impfprogramme bereits ausgerottet, bei Polio steht der Erfolg hoffentlich kurz bevor.

Impfen ist also auch so etwas wie ein sozialer Vertrag, den wir alle miteinander schließen: Ich lasse mich impfen und du dich. Ich schütze dich, du schützt mich. Und gemeinsam schützen wir die, die sich nicht impfen lassen können. Das funktioniert, wenn viele mitmachen. In der Tat sagen weltweit 92 Prozent der Menschen, dass Impfungen für Kinder wichtig sind, in Asien sind es sogar 98 Prozent, während West- und Osteuropa mit 83 und 80 Prozent das Schlusslicht bilden.

Ein bedeutender Aspekt des Impfens ist der Gemeinschaftsschutz: Wer geimpft ist, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen..

Info

DIE UNSICHTBARE WIRKUNG

Mit der effektiven Verhütung von Krankheiten ist es so eine Sache. Anders als bei der Verhütung von Schwangerschaften – etwa mit einem Kondom – wissen Sie nicht, wann eine Impfung Sie geschützt hat. Heute in der Straßenbahn, als Sie sich am Griff festhielten – hat Ihre Impfung da eine Grippeinfektion verhindert? Oder Sie im Wartezimmer gegen die Masernviren geschützt, die ein Kranker zuvor hinterlassen hat? Wir wissen es meistens nicht. So gesehen sind Impfungen Opfer ihres eigenen Erfolges. Gerade weil sie so effektiv sind und die meisten Menschen geimpft sind, sehen wir die Krankheiten nicht mehr und unterschätzen sie. Das kann zu Impfmüdigkeit führen (siehe > ff.).

Info

HERDENIMMUNITÄT IST GEMEINSCHAFTSSCHUTZ

Gemeinschaftsschutz bezeichnet man häufig auch als Herdenimmunität – ein Begriff aus der Tiermedizin, der beschreibt, wie sich etwa in einer Schafsherde die Tiere gegenseitig schützen, wenn sie gegen eine Krankheit immun sind. Aber wer ist schon gerne ein Schaf? Gemeinschaftsschutz drückt aus, was es ist: ein Schutz für die Gemeinschaft, in der jeder für den anderen Verantwortung übernimmt und sich selbst und den anderen schützt.

Impfen ist ein Recht – und eine Verantwortung

Kinder haben ein Recht darauf, dass ihnen die bestmögliche Gesundheitsversorgung zugutekommt. Dies wurde 2002 sogar in Artikel 24 der UN-Kinderrechtskonvention in New York festgelegt: Jedes Kind soll ein Recht auf (routinemäßige) Impfungen zur Gewährleistung der Gesundheit haben. Mit diesem Entschluss wird anerkannt, dass Routine-Impfungen notwendig sind, um das Recht des Kindes auf Gesundheit umzusetzen. Doch was wiegt höher? Das Elternrecht oder das Recht des Kindes auf Gesundheit? Dürfen Eltern ihrem Kind Impfungen auch dann vorenthalten, wenn daraus absehbar im Leben des Kindes Krankheit und in einzelnen Fällen gesundheitliche Schäden bis hin zum Tod resultieren?

In Deutschland ist Impfen – mit Ausnahme der Masern-Impfung – freiwillig. Das wirft in einigen Bereichen auch moralische Fragen auf: Sollte es wirklich die freie Entscheidung einer Ärztin oder eines Pflegers sein, sich impfen zu lassen oder nicht, wenn sie Krebspatienten mit einem schwer eingeschränkten Immunsystem behandeln oder auf einer Neugeborenen-Intensivstation oder in einem Pflegeheim arbeiten? Haben Patienten in einem Krankenhaus oder in einer Arztpraxis nicht das Recht, dass die Menschen dort alles in ihrer Macht Stehende tun, damit sie keine potenziell tödliche Infektion bekommen?

Der Gesetzgeber hat zumindest für Masern entschieden: Wer in diesen medizinischen Bereichen arbeitet, muss gegen Masern geschützt sein, hier gilt die Impfpflicht. Das Masernschutzgesetz sorgte 2019 für viel Diskussion, denn seither ist die Masern-Impfung nicht nur für medizinisches Personal und Personal in Bildungseinrichtungen Pflicht, sondern auch für Kinder. Wir widmen der Impfpflicht in diesem Buch ein ganzes Kapitel (siehe > ff.).

Was uns Corona gelehrt hat

Seit 2020 bestimmt das neuartige Coronavirus unser Leben – und als dieses Buch fertig war, war noch nicht klar, wie lange dies so bleiben würde. Das Virus sorgte für Homeoffice, Masken und Abstand. Wir haben unsere Kinder zu Hause unterrichtet, Oma und Opa nur telefonisch kontaktiert. Kleinere Geschäfte sahen sich durch Kundenmangel in ihrer Existenz bedroht oder mussten gar schließen. Und auch nach dem Ende des ersten Lockdowns blieb vieles anders. Das Virus nötigte viele Menschen und Institutionen zu einem Crashkurs in (digitalen) Innovationen und zu anderen Lebensveränderungen, die nur kurze Zeit zuvor noch undenkbar waren. Heute weiß jeder, welchen Effekt ein Virus, eigentlich mikroskopisch klein und unsichtbar, auf das Funktionieren einer Gesellschaft, unser Arbeitsleben, Freundschaft und Familie haben kann – und auch, welche Einschränkungen für die persönliche Freiheit es mit sich bringen kann.

Und alle haben wir dazugelernt. Zuerst, dass wir die Zahl der Neuinfektionen niedrig halten müssen, damit unsere Krankenhäuser nicht überlastet werden. Und dass die Reproduktionsrate dabei die entscheidende Zahl ist: Wie viele steckt jeder Infizierte an? Im Frühsommer 2020 lag sie bei 1, sie sollte aber am besten deutlich darunter liegen. Wenn weltweit jeder Infizierte weniger als einen Menschen ansteckt, dann stirbt das Virus irgendwann aus.

Kaum verstanden wir, was die Reproduktionszahl ist, lernten wir die Bedeutung von Superspreadern und den zugehörigen K-Faktor kennen. Letzterer beschreibt, ob bei einem Infektionsgeschehen wenige Superspreader viele andere Menschen anstecken oder ob Ansteckungen auf viele Infizierte zurückgehen, es also keine oder wenige Superspreader gibt. Seit Corona kennt fast jeder das Konzept der Herdenimmunität (siehe > ). Gemeinschaftsschutz ist im Infektionsschutz ein wichtiges Ziel, egal ob er durch Krankheit oder durch Impfung entsteht. Mitten in der Pandemie hoffen die meisten Menschen auf ein wirksames Gegenmittel gegen den unsichtbaren Gegner. Das Wettrennen verschiedener Pharmahersteller, auch aus Deutschland, einen wirksamen Impfstoff gegen Corona zu entwickeln, dominierte oft die Nachrichten. Welcher Hersteller entwickelt den ersten Corona-Impfstoff? Wie effektiv wird der Schutz gegen das Virus sein? Wir lernen, dass es Tot- und Lebendimpfstoffe gibt und dass der erste Impfstoff gegen Corona ein Impfstoff ist, der durch Gentechnik wirkt (siehe > ). Wir alle erleben mit jedem Fortschritt, mit jeder Entwicklung ein Stück Forschung in Echtzeit.

Extra

INTERVIEW MIT EINER IMPFSTOFFFORSCHERIN

Die Infektionsforscherin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) arbeitet gemeinsam mit Forschern der Universitäten München und Marburg an einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus. Vor der Pandemie hat sie einen hochwirksamen Ebola-Impfstoff mitentwickelt und einen eingeflogenen Patienten behandelt.

Frau Addo, von welcher Art ist der Impfstoff, an dem Sie arbeiten?

Marylyn Addo: Wir arbeiten an einem Vektorimpfstoff. Diese Art Impfstoff ist neu und wurde aber zum Beispiel schon zum Schutz vor Ebola zugelassen.

Was genau ist ein Vektorimpstoff?

Addo: Bei Vektorimpfstoffen wird das Genmaterial des Virus, gegen das man impfen möchte, in harmlose Viren eingebaut und dann als Impfstoff injiziert. Im Körper bringen die entsprechend modifizierten harmlosen Viren den Körper dann dazu, Antikörper zu produzieren. Trifft irgendwann einmal das tatsächliche Virus – in unserem Fall SARS CoV-2 – auf den Menschen, ist dessen Immunsystem bereits vorbereitet und kann den Erreger abwehren. Wir nutzen den Impfstoff als Plattform, sozusagen als Basis für unsere Entwicklung. Und das auch nicht zum ersten Mal: Wir haben diesen Vektor bereits in einem Entwicklungsprogramm für einen Impfstoff gegen MERS (Middle East Respiratory Syndrome, eine schwere Atemwegserkrankung) eingesetzt, hier haben wir diesen bereits bis in Phase 1 der drei Studienphasen mit guter Sicherheit und Verträglichkeit getestet.

Diese Plattform stelle ich mir vor wie einen Basis-Kuchenteig und je nachdem, was für ein Virus bekämpft werden soll, arbeitet man mit diesem Kuchenteig dann weiter und ergänzt entweder Schokolade, Nüsse oder Kakaopulver.

Addo: Ja, das ist ein ganz guter Vergleich. Ich habe bisher immer an einen Lego-Bausteinkasten gedacht, dass quasi eine Grundstruktur da ist. Dann stelle ich es mir immer vor wie so einen Ring. Und an diesen baut man dann den Wirkstoff gegen das Virus auf, das man bekämpfen möchte.

Ein wichtiges Argument der Impfgegner oder generell der Kritiker einer Impfung ist ja, dass Nebenwirkungen nicht kommuniziert werden. Für den Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus, an dem Sie arbeiten, können Sie da schon sagen, welche Nebenwirkungen es vielleicht geben wird?

Addo: Wir haben tatsächlich aus 2020 Daten von den ersten Menschen, die gegen das MERS-Virus geimpft worden sind. Wir erwarten eigentlich ein ähnliches Nebenwirkungsspektrum, weil sehr viel am Impfstoff gleich bleibt. Was wir an Nebenwirkungen gesehen haben, war alles mild und moderat, wie etwa Kopfschmerzen, leichter Schmerz an der Einstichstelle. Starke und schwerwiegende Nebenwirkungen gab es nicht.

Es kann durchaus sein, dass verschiedene Impfstoffe gegen Corona auf dem Markt sein werden. Befürchten Sie ein Chaos?

Addo: Nein, es wird ja nicht 20 Impfstoffe geben. Aber es ist auch gut, dass man sich nicht nur auf einen einzigen versteift. Es ist wichtig und gut, dass man verschiedene Ansätze in der Entwicklung vorhält. Wie viele dann am Ende tatsächlich auf den Markt kommen und da auch angewendet werden, muss man sehen. Und auch nicht zu vergessen: Man muss ja auch erst mal verstehen, welche Impfstoffe bei wem am besten wirken.

WAS – WANN – FÜR WEN?

Der Impfkalender des Robert Koch-Instituts (siehe > f.) zeigt, wann welche Impfung empfohlen ist. Eine Impfung sollte jeweils zum frühestmöglichen Zeitpunkt gegeben werden. Einige Impfungen müssen über das ganze Leben hinweg immer wieder aufgefrischt werden.

Gegen welche Krankheiten gibt es eine Impfung?

Hier beschreiben wir Ihnen zunächst die Krankheiten, die Impfungen verhindern können. In den folgenden Kapiteln finden Sie Informationen, wann und wer womit geimpft werden sollte. Informationen zur Impfung gegen COVID-19 finden Sie auf > .

Diphtherie

Diphtherie wird durch Bakterien verursacht. Der Erreger ist weltweit verbreitet und kann auch von Personen weitergegeben werden, die nicht daran erkranken. Das Diphtherie-Bakterium infiziert die Haut oder die Schleimhäute und kann sich auch im ganzen Körper ausbreiten. Es bildet ein gefährliches Gift, das Organe wie Herz, Niere und Leber dauerhaft schädigen kann. Weil Diphtherie zu schwerer Atemnot führen kann, sprach man früher vom »Würgeengel der Kinder«.

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

Bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) handelt es sich um eine Gehirn-, Gehirnhaut- oder Rückenmarkentzündung, die durch Viren verursacht wird. Die Viren werden durch den Stich von Zecken auf den Menschen übertragen. Sehr selten wurden auch Infektionen durch den Genuss von Rohmilch von Ziegen, Schafen oder Kühen berichtet. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch gibt es nicht.

Extra

MAHLERS KINDERTOTENLIEDER

1830 starben zwei der sechs Kinder des Dichters Friedrich Rückert an Scharlach. Er verarbeitete dies in einer Reihe von Versen. 1904 vertonte der Komponist Gustav Mahler die Verse. Seiner Frau Alma war das unheimlich, sie hatte Angst, dass er damit das Schicksal herausfordern könnte. Kurz nach der erfolgreichen Uraufführung der Kindertotenlieder starb Gustav Mahlers Tochter Maria Anna an Scharlach und Diphtherie.

In diesem Wetter, in diesem Braus,
Nie hättʼ ich gesendet die Kinder hinaus!
Man hat sie getragen hinaus,
Ich durfte nichts dazu sagen!

In diesem Wetter, in diesem Saus,
Nie hättʼ ich gelassen die Kinder hinaus,
Ich fürchtete sie erkranken;
Das sind nun eitle Gedanken,

In diesem Wetter, in diesem Graus,
Nie hättʼ ich gelassen die Kinder hinaus,
Ich sorgte, sie stürben morgen;
Das ist nun nicht zu besorgen.

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