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Fahr mich ins Glück, Gondoliere!

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1. KAPITEL

Sabrina traute ihren Augen nicht. Sie senkte den Blick und sah noch einmal hin. Nein, das musste eine Sinnestäuschung sein. So einen Mann gab es nicht.

Er stand am Ufer des Canal Grande, nah genug für sie, um seine klassischen Gesichtszüge zu erkennen, vor allem die hohen Wangenknochen und die ausgeprägte Nase. Der Mund wirkte fest und sinnlich zugleich. Ein Mund, der ohne Zweifel küssen konnte.

Nur wegen der Augen hätte man gezögert, das Gesicht schön zu nennen. Sie blickten zu kalt, um noch sympathisch zu wirken. Sogar aus einiger Entfernung schienen sie unheimlich zu funkeln, als strahlten sie eine dunkle, unbekannte Gefahr aus.

Gütiger Himmel, dachte Sabrina, was ist mit mir los? Sie ließ sich sonst nicht von Unbekannten verzaubern, erst recht nicht, wenn sie allein in einem fremden Land war. Mochte Venedig auch zu den bezauberndsten Orten der Welt zählen, sie war allein hier.

Ganz allein. Daran hatte sie sich immer noch nicht gewöhnt, und wieder bemächtigte sich ihrer das alte Schuldgefühl.

Trotzdem konnte sie den Blick nicht abwenden …

Guy stand am Canal Grande und spürte eine plötzliche, unerwartete Spannung. Jemand beobachtete ihn, und er kannte dieses Gefühl. Er ließ den Blick über die Wasserfläche gleiten und bemerkte eine Frau, die in einer Gondel auf ihn zukam.

Der blasse Schein der Märzsonne fiel auf ihr rotblondes Haar, das voll auf ihren Schultern lag. Ihre Glieder waren schlank und biegsam, die Haut fast durchsichtig zart. Sie muss Engländerin sein, durchfuhr es ihn in dem Moment, als sich ihre Blicke trafen. Sollte er ihr folgen? Sie in ein Café einladen? Ein kurzes Auflachen war die Antwort auf diese Frage.

Es war leichtsinnig, sich mit einer völlig Unbekannten einzulassen, und gerade Guy kannte die Folgen des Leichtsinns. War nicht sein ganzes Leben darüber hingegangen, die eine, aus Leichtsinn geborene Tat seines Vaters wiedergutzumachen? Es war ratsam, sich keinen allzu spontanen Regungen hinzugeben.

Entschlossen wandte er sich ab.

Was Sabrina empfand, glich körperlichem Schmerz. Sieh mich weiter an, versuchte sie, den Unbekannten zu beschwören, aber im selben Moment gab der Gondoliere der Gondel eine scharfe Wendung und lenkte dem Ufer zu. Der Unbekannte entschwand ihrem Blick.

Sabrina schob den Reiseführer in ihre Tasche und stand auf. Der Gondoliere stützte sie am Ellbogen, und sie nickte ihm zu, als würde sie jedes Wort von seinem überschnellen Italienisch verstehen. Dabei konnte sie sich nicht denken, was er ihr zu sagen hatte, denn die Fahrt war vor Antritt bezahlt worden.

Plötzlich ertönte hinter ihr ein Ruf, und sie erkannte an der tiefen, volltönenden Stimme, dass nur der Unbekannte mit dem dunklen Haar und den schiefergrauen Augen ihn ausgestoßen haben konnte. Instinktiv drehte sie sich um und wurde im selben Moment von einem Schwall eiskalten Wassers überschüttet.

Es drang ihr in die Augen, sodass sie vor Schreck die Handtasche fallen ließ. Der Gondoliere begann, laut zu schimpfen, und als sie den Blick wieder hob, erkannte sie ein kleines Motorboot, in dessen aufgewirbeltem Kielwasser die Gondel auf und ab schaukelte.

Und sie sah den Unbekannten. Er stand vor ihr am Ufer und streckte die Hand aus. Trotz seines zornigen Gesichtsausdrucks, ergriff sie die Hand und ließ sich ans Ufer helfen.

„Warum, zum Teufel, können die Leute nicht rücksichtsvoller fahren?“, fragte er und sah kurz dem Motorboot nach, ehe er seine Aufmerksamkeit Sabrina zuwandte, die in ihrer durchnässten Kleidung fröstelte. Ihr Gesicht war vor Schreck so blass geworden, dass es schimmerndem Alabaster glich. „Sie sind Engländerin, nicht wahr?“

Aus der Nähe wirkte er fast noch attraktiver. Atemberaubend attraktiv. Ein zweiter, nachhaltigerer Schauer überlief sie. „Ja“, antwortete sie zitternd. „Woran haben Sie das erkannt?“

Guy hielt ihre Hand, bis er überzeugt sein konnte, dass sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. „Nur Engländerinnen haben so zarte Haut, so rotblondes Haar und so hellblaue Augen“, antwortete er und betrachtete sie noch aufmerksamer. „Sie sind bis auf die Haut durchnässt.“

Sabrina blickte an sich hinunter und stellte fest, dass der Unbekannte nicht übertrieb. Sie war durch und durch nass. Das schmutzige Lagunenwasser hatte ihr T-Shirt durchweicht, und ihre Brüste zeichneten sich deutlich unter dem Stoff ab und verrieten, dass sie fror.

„Und Sie frieren.“ Guy war ihrem Blick gefolgt. Beinahe hätte er einen anzüglichen Scherz über den Vorteil durchnässter T-Shirts gemacht, aber dann unterließ er es. Einer Fremden gegenüber waren solche Scherze unangebracht.

Plötzlich fiel Sabrina ein, was ihr fehlte. „Meine Handtasche!“, rief sie aus. „Ich habe sie fallen lassen.“

„Wo?“

„Von der Gondel ins Wasser. Mein Portemonnaie war darin.“

Guy beugte sich vor, aber das dunkle Wasser hatte die Tasche verschluckt.

„Nicht!“, rief Sabrina, denn sie hatte Angst, der Unbekannte könnte plötzlich verschwinden.

Er drehte sich mit einem überraschten Blick um. „Was nicht?“

„Versuchen Sie nicht, die Tasche wiederzufinden.“

„Glauben Sie, ich wollte in den Kanal springen, um nach Ihrer Tasche zu tauchen?“ Guy lächelte. „Ich bin kein Ritter aus dem Mittelalter, Prinzessin.“ Als er bemerkte, dass sich Sabrinas Lippen blau färbten, verschwand sein Lächeln. „Sie müssen die nassen Sachen ausziehen, ehe Sie sich eine Lungenentzündung holen.“

Die anspielungsreiche Bemerkung machte Sabrina um eine Antwort verlegen. Sie wollte etwas erwidern, unterließ es aber lieber.

Guy runzelte die Stirn. Hatte er das eben wirklich gesagt? Er hätte sich anders ausdrücken können. „Wo wohnen Sie?“

„Meilenweit entfernt.“

Natürlich. So nah an der Piazza di San Marco waren die Hotelpreise nur noch für Millionäre erschwinglich. Guy las die stumme Bitte in Sabrinas Augen und presste die Lippen zusammen. Warum hatte sie das nicht gesagt, bevor die Gondel weitergefahren war? Der Gondoliere hätte sie dann in ihr Hotel zurückbringen können. Das war nun seine Aufgabe.

Sein Auftrag in Venedig war erledigt. Er hatte für einen anspruchsvollen Kunden das Werk eines alten italienischen Meisters erworben – zu einem erstaunlich günstigen Preis. Der Kunde würde zufrieden sein. Anschließend hatte er sich einen Ruhetag gönnen wollen, ohne den Ritter in schimmernder Rüstung zu spielen. Doch Verantwortungsbewusstsein gehörte nun einmal zu seinem Wesen. Er betrachtete das blasse, herzförmige Gesicht und spürte einen Stich. Mein Gott, sie war schön!

„In diesem Zustand können Sie nicht nach Hause fahren. Möchten Sie sich in meinem Hotel umziehen? Es liegt gleich um die Ecke.“

„Ihr Hotel?“ Sabrina erinnerte sich mit schlechtem Gewissen daran, wie aufmerksam sie den Unbekannten von der Gondel aus beobachtet hatte. Sie war sicher gewesen, dass er sie nicht bemerkt hatte, aber wenn doch? Wenn er sie nun zu den Frauen zählte, die sich bei der erstbesten Gelegenheit ansprechen und zu einem Schäferstündchen mitnehmen ließen? „Ich kenne Sie nicht und pflege mich von fremden Männern nicht ins Hotel einladen zu lassen.“

Guy kniff die Augen zusammen. Er bot ihr eine Gefälligkeit an, und sie unterstellte ihm zweifelhafte Absichten. Unterstellte ihm, dass er keine Gelegenheit ausließe, sich einer Frau aufzudrängen.

Einen Moment lang war er versucht, sie einfach stehen zu lassen, aber dann meldete sich wieder sein Verantwortungsgefühl. „Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen“, sagte er, rang sich ein Lächeln ab und streckte die Hand aus. „Guy Masters.“

Sabrina zögerte kurz, dann nahm sie die Hand, die sich warm um ihre erstarrten Finger schloss. Dafür wirkte der Blick seiner grauen Augen umso kühler. „Sabrina Cooper.“

„Ich versichere Ihnen, dass Sie bei mir völlig sicher sind, Miss Cooper. Natürlich können Sie in diesem Zustand auch durch halb Venedig fahren, aber dann …“ Er zuckte die Schultern. „Es liegt bei Ihnen. Sie können mein Angebot annehmen oder ablehnen.“

Sabrina überlegte. Ein Mann, der so aussah wie Guy Masters, hatte es nicht nötig, um den heißen Brei herumzureden. „Warum sind Sie so …?“

„Hilfsbereit?“ Ein spöttischer Glanz erschien in seinen grauen Augen. Es belustigte Guy, dass Sabrina so lange zögerte. Das kam heute eher selten vor. „Weil Sie eine Landsmännin von mir sind und ich mich daher für Sie verantwortlich fühle. Sie frieren, sind durchnässt und haben Ihr Portemonnaie eingebüßt. Was schlagen Sie also vor? Soll ich mich ausziehen, um Sie mit meinem Hemd zu wärmen?“

„Nein.“ Sabrina erschrak, denn sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie er ohne das schneeweiße T-Shirt aussehen würde. „Das ist nicht nötig. Ich nehme Ihr Angebot an. Es ist sehr großzügig … vielen Dank.“

„Dann folgen Sie mir bitte.“

Sie gingen durch die engen, dunklen Straßen Venedigs, ständig begleitet von dem Geräusch plätschernden Wassers. Die nasse Kleidung klebte Sabrina unangenehm am Körper und machte ihr jeden Schritt schwer.

„Ich weiß gar nicht, wie ich meine Sachen trocknen soll“, sagte sie.

„Keine Sorge, man wird sich im Hotel darum kümmern“, beruhigte Guy sie. In Hotels wie dem „Palazzo Regina“ war so etwas kein Problem. Man versuchte dort, noch die ausgefallensten Wünsche der Gäste zu befriedigen. Was man bezahlte, bekam man auch, und je mehr es war, desto größeren Eindruck rief man hervor.

Sabrina bemerkte die neugierigen Blicke der Passanten, die vielleicht ihrem durchnässten Zustand, vielleicht aber auch ihrem attraktiven Begleiter galten. Seine Ausstrahlung war überwältigend männlich, jede Bewegung verriet innere Spannung und verhaltene Kraft. Es gelang Sabrina nicht, sich dieser Ausstrahlung zu entziehen, und sie hatte immer mehr das Gefühl, in Guy Masters’ Bann zu geraten.

„Wie viel Geld war in Ihrem Portemonnaie?“, erkundigte er sich.

„Nur wenig. Das meiste habe ich zusammen mit dem Flugticket im Hotelsafe hinterlegt.“

„Das war vernünftig. Stellen Sie sich vor, Sie hätten das Ticket bei sich gehabt.“

„Das stelle ich mir lieber nicht vor.“

Guy lächelte über die humorvolle Antwort. „Wir sind da“, verkündete er und blieb vor einer imposanten Fassade stehen.

Sabrina runzelte die Stirn. „Hier?“ Guy brauchte sich wirklich nicht zu verstecken, aber in Jeans und T-Shirt hatte er wie ein ganz gewöhnlicher Tourist auf sie gewirkt. Er musste sich irren. Dies war ein Museum oder ein Palast. Hier konnte er nicht wohnen.

„Warum nicht?“, fragte er mit einem teils überlegenen, teils spöttischen Blick. „Glauben Sie, ich finde nicht zu meinem Hotel zurück?“

Sabrina dachte an die winzige, versteckt liegende „Pensione“, in der sie ein Zimmer genommen hatte. „Es wirkt eher wie ein Palast als wie ein Hotel.“

„Es war einmal ein Palast.“ Guy betrachtete sie lächelnd und stellte erleichtert fest, dass ihr Gesicht beim Gehen wieder Farbe bekommen hatte. „Vor sehr langer Zeit.“

„In welchem Jahrhundert?“

„Im vierzehnten, ob Sie es glauben oder nicht.“

„Du meine Güte. Kann man den Aufenthalt hier überhaupt bezahlen?“

In Guy meldete sich das alte Misstrauen Frauen gegenüber, die ihn nach seinem Geld fragten. „Ich wohne glücklicherweise auf Geschäftskosten“, antwortete er. „Kommen Sie. Sie fangen schon wieder an zu zittern.“

Sobald sie die reich geschmückte Eingangshalle betraten, erhob sich gedämpftes Stimmengewirr. Einer der beiden Portiers, schön wie ein Gott, begrüßte Guy mit einem indiskreten Lächeln.

„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Vormittag, Sir?“

„Eher einen ereignisreichen“, antwortete Guy. „Bitte meinen Schlüssel, Luigi.“

„Selbstverständlich, Sir. Ich werde jemanden …“

„Bitte keine Begleitung, Luigi. Ich finde selbst hinauf.“

Im Lift, dessen eine Wand aus einem großen Spiegel bestand, erkannte Sabrina, wie nass sie wirklich war. Das Lagunenwasser musste weitaus schmutziger sein, als seine Farbe vermuten ließ, denn die Vorderseite ihres T-Shirts war mit winzigen Flecken bedeckt. Um die Brüste hatten sich zwei dunkle Kreise gebildet, die nicht nur den BH, sondern auch die Brustspitzen durchschimmern ließen.

Sabrina schämte sich, dass sie so stark auf einen ihr völlig unbekannten Mann reagierte, und kreuzte die Arme über der Brust. „Dieser Luigi hat mich ziemlich merkwürdig angesehen.“

Guy betrachtete ihr Spiegelbild. Der Grund für die schützende Bewegung war ihm nicht entgangen. „Nun, Sie müssen zugeben, dass Sie ziemlich … auffällig aussehen.“ Wie eine bezaubernde Nixe, die gerade dem Wasser entstiegen ist, setzte er für sich hinzu.

Sabrina nickte. „Auffällig nass.“

Wie sanft ihre Stimme klang! Der Lift hielt mit einem leisen Klingelton. „Hier ist meine Suite.“

Suite? Wieder fiel Sabrina ihre kleine „Pensione“, ein, in der nie jemand Dienst zu haben schien. Wie zum Beispiel gestern Abend, als nur noch braunes Wasser aus dem Hahn getröpfelt war. Mithilfe ihres Wörterbuchs hatte sie dem Besitzer eine Notiz geschrieben und ihn gebeten, sich am Morgen darum zu kümmern. Wenn sie nun so nach Hause gekommen wäre und festgestellt hätte, dass nichts geschehen war?

Zum Glück hatte sich der hilfsbereite Guy Masters ihrer angenommen. Ängstlich, aber auch neugierig sah sie zu, wie er die Tür zu seiner Suite aufschloss.

Sabrina hielt staunend den Atem an, als sie das große Wohnzimmer betrat. Sie hatte von solchen Räumen gehört, sie aber nie gesehen, und es war ihr, als käme sie in eine fremde Welt.

Jeder Laie konnte erkennen, dass die Möbel ausnahmslos wertvolle, wahrscheinlich unbezahlbare Antiquitäten waren. Durch die geschlossenen Jalousien fiel nur gedämpftes Licht herein, aber trotzdem ließ sich alles gut erkennen.

Seidenteppiche in leuchtenden Farben bedeckten den Marmorboden. Darauf standen Tische und Stühle mit zierlichen, kunstvoll geschnitzten Beinen sowie ein rotgold bezogenes Sofa mit gleichfarbigen Sesseln und üppig bestickten Kissen. Unter den zahlreichen Gemälden an den weinrot bespannten Wänden fiel das Ölporträt eines längst verstorbenen Dogen auf, hinter dem die Stadt Venedig zu erkennen war.

„Wie schön“, flüsterte Sabrina. „Wie wunderschön.“

Guy hatte sie heimlich beobachtet. Die offene Bewunderung, mit der sie alles betrachtete, ließ sie trotz ihrer nassen und verschmutzten Kleidung fast anmutig erscheinen.

„Nicht wahr?“, fragte er, ohne einen einzigen Blick auf den Dogen zu werfen. „Aber es fehlt das Licht.“

Er öffnete die Jalousien, und Sabrina ging zum Fenster, um den Blick auf den Canal Grande zu genießen. Etwas Schöneres ließ sich nicht denken, aber sie war nicht hergekommen, um die prächtige Einrichtung zu bewundern oder sich an dem Ausblick zu erfreuen.

„Wenn Sie mir jetzt bitte …“

Sie verstummte, denn Guy hatte sich zu ihr umgedreht. Er bemerkte die roten Flecken auf ihren Wangen, die sie einer blonden Porzellanpuppe ähnlich machten, und zeigte auf eine Tür. „Dort ist das Badezimmer. Lassen Sie sich beliebig viel Zeit, und werfen Sie die nassen Sachen heraus. Ich lasse sie abholen und zur Hotelwäscherei bringen.“

„Danke.“

Sabrina schloss die Badezimmertür hinter sich ab und zog sich rasch aus. Wie modrig die Sachen rochen! Jeans und T-Shirt landeten auf dem marmornen Fußboden, aber BH und Slip waren ebenfalls nass. Sollte sie es wagen …?

Ach was, da gab es nichts zu wagen. Sie konnte die nasse Unterwäsche nicht anbehalten, und der praktische Baumwollslip war kaum geeignet, Guy Masters zu unüberlegten Handlungen hinzureißen.

Sie raffte das Bündel zusammen und öffnete die Tür. „Guy?“

„Werfen Sie alles hin“, antwortete er.

Sabrina folgte der Aufforderung, schloss schnell wieder die Tür und drehte den Schlüssel um, ehe sie unter die Dusche trat.

Draußen hob Guy das Kleiderbündel auf, als wäre es ein Knäuel von Giftschlangen. Hatte Sabrina unbedingt alles ausziehen müssen? Und warum trug sie Unterwäsche, die einer metallenen Rüstung glich? Er kannte Sabrina Cooper nicht und würde sie nach dem heutigen Tag nie wieder sehen, aber eins stand fest. Sie war nicht nach Venedig gekommen, um sich verführen zu lassen.

Mit einem heimlichen Lächeln ging er zum Telefon und nahm den Hörer ab. „Pronto?“, fragte er aus Höflichkeit, um gleich darauf ins Englische zu wechseln, das fast vom ganzen Hotelpersonal beherrscht wurde. Er konnte sich auch auf Italienisch recht gut verständlich machen, aber mit der Unterwäsche einer fremden Frau durfte es möglichst keine Missverständnisse geben. „Wie lange brauchen Sie, um die Sachen zu waschen?“

„Etwa zwei Stunden, Sir“, lautete die Antwort.

Guy runzelte die Stirn. So lange? Was sollten sie anfangen, während Sabrinas Wäsche in der Maschine herumgewirbelt wurde? Seine Zeit war kostbar, besonders seine Freizeit. Er konnte sich tausend Dinge denken, die angenehmer waren, als eine Frau zu unterhalten, mit der ihn nur das gemeinsame Heimatland verband.

„Wie wäre es mit einer Stunde?“, fragte er. „Und könnten Sie Kaffee heraufschicken?“

Der Etagendiener brachte den Kaffee und nahm die schmutzige Wäsche mit. Wenig später hörte Guy, dass im Badezimmer die Dusche abgestellt wurde.

„Ich fürchte, Ihre Sachen werden frühestens in einer Stunde zurückgebracht!“, rief er durch die geschlossene Tür.

„Erst in einer Stunde?“ Sabrinas Herz begann, schneller zu klopfen. Was sollte sie bis dahin tun? In ein Handtuch gewickelt in diesem dunstigen Badezimmer bleiben?

Guy hörte die Enttäuschung in Sabrinas Stimme und hätte ihr gern gesagt, dass es ihm mindestens so unangenehm war, die nächste Stunde abzuwarten. Doch er hatte sie freiwillig hergebracht und konnte sich nicht nachträglich darüber beklagen.

„Ziehen Sie den Bademantel an, der hinter der Tür hängt“, riet er ihr. „Und im Wohnzimmer steht Kaffee bereit.“

Sabrina schnitt ein Gesicht und schlüpfte in den weichen, dicken Bademantel, der einen schwachen männlichen Duft verbreitete. Guy musste den Mantel vor ihr getragen haben, und er war darunter genauso nackt gewesen wie sie. Der leichte Moschusduft weckte ein starkes, sinnliches Verlangen in ihr, und sie fragte sich erschrocken, was mit ihr geschah.

Guy blickte rasch auf, als sie hereinkam, und er kniff seine grauen Augen zusammen. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ihr den Bademantel anzubieten. Eine Frau in einem übergroßen Kleidungsstück eines Mannes wirkte ausgesprochen erotisch. Bei ihm bedeckte der Mantel gerade die Knie, aber der zarten, schlanken Sabrina reichte er fast bis an die Knöchel.

„Wie wäre es mit Kaffee?“, fragte er, um sich von dem Anblick abzulenken.

„Eine gute Idee.“

Sabrina hatte Mühe, sich ihre Befangenheit nicht anmerken zu lassen. Sie setzte sich auf das Sofa, das am anderen Ende des Zimmers stand, und versuchte, ruhig zu bleiben. Sie hatte absolut nichts zu befürchten. Die Situation mochte etwas ungewöhnlich sein, aber sie vertraute diesem Mann. Männer wie Guy Masters hatten es nicht nötig, sich fremden Frauen aufzudrängen, mochte in ihrem Blick auch deutliches Verlangen liegen.

Er schenkte zwei Tassen Kaffee ein und beschloss, das unbehagliche Schweigen zu brechen. „Sind Sie zum ersten Mal in Venedig?“

„Zum ersten Mal auf dem Kontinent“, gestand sie.

„Sie scherzen!“

Sabrina schüttelte den Kopf. „Oh nein. Ich habe England vorher noch nie verlassen.“ Michael hatte nicht viel mehr verdient als sie, und es war ihnen wichtiger erschienen, für ein Haus zu sparen, als weite Reisen zu machen. Wahrscheinlich würde Guy Masters das nicht verstehen.

„Sind Sie allein hier?“

„Ja.“

Guy betrachtete sie verwundert. „Ist das nicht etwas leichtsinnig?“ Sabrina sah auf ihre Hände mit der Tasse. „Ich habe bisher noch nie etwas Leichtsinniges getan.“

„Wirklich nie?“, fragte er lächelnd.

Sabrina setzte sich weiter zurück, bis sie mit dem Rücken die Sofalehne berührte. „Nein“, erwiderte sie ernst. „Das hat mich in dem Entschluss bestärkt, einmal den Versuch zu wagen.“

Guy trank etwas Kaffee. Wenn sie doch bloß aufhören würde, sich ständig zu bewegen. Schließlich hatte der Bademantel keine Knöpfe! Er trank wieder einen Schluck und sah dabei heimlich auf die Uhr. Noch eine Dreiviertelstunde – vielleicht etwas weniger, wenn er Glück hatte. In jedem Fall wurde seine Selbstbeherrschung auf eine harte Probe gestellt.

„Und warum gerade Venedig?“, fragte er eine Spur gereizter als vorher.

„Weil es eine der schönsten Städte der Welt ist, und weil ich …“

Ihr Zögern machte ihn neugierig. „Und weil Sie was?“

Und weil ich einfach wegmusste, hatte sie sagen wollen, aber darauf folgte regelmäßig die Frage nach dem Grund, und sie war es leid, die ganze traurige Geschichte zu erzählen und immer wieder zu durchleben. Sie war nach Venedig gekommen, um den Klauen des Todes zu entrinnen.

„Ich wollte endlich den Markusplatz kennenlernen“, fuhr sie fort und lächelte übertrieben fröhlich. „Seit Jahren habe ich davon geträumt … genauso wie von einer Fahrt in der Gondel.“

„Aber ohne ein Bad im Canal Grande.“

Sabrina musste lachen. „Allerdings. Das kam in meinem Traum nicht vor.“

Wie das Lachen ihr Gesicht verändert, dachte Guy. Als ob es von innen erleuchtet würde. „Wie lange bleiben Sie in Venedig?“

„Nur noch zwei Tage. Und Sie?“

Guy fühlte, wie eine Ader an seiner Schläfe zu pochen begann. Venedig wurde mit jeder Minute attraktiver – geradezu gefährlich attraktiv. „Ich auch“, antwortete er schnell und sah abermals auf die Uhr.

Das Zimmer schien plötzlich zu klein und unerlaubt intim zu sein. Verlegen rutschte Sabrina auf dem Sofa hin und her.

„Wie alt sind Sie?“, fragte Guy, als sie geistesabwesend die schlanken Beine übereinanderschlug.

Alt genug, um zu spüren, dass sie Guy Masters nicht gleichgültig war. Das sagte ihr der helle Glanz in seinen kühlen grauen Augen. „Siebenundzwanzig.“

„Sie sehen jünger aus.“

„Das höre ich öfter.“ Sabrina zog die Augenbrauen hoch.

„Und Sie?“

„Zweiunddreißig.“

„Sie sehen älter aus.“

Ihre Blicke trafen sich, und die Spannung im Zimmer wuchs. „Das weiß ich.“

Guys Gesicht fesselte Sabrinas ganze Aufmerksamkeit. Es war, als würde sie magisch davon angezogen. Ich werde dieses Gesicht nie vergessen, dachte sie und spürte eine plötzliche Traurigkeit. Nie in meinem Leben.

Schweigend tranken sie den Kaffee, bis leise an die Tür geklopft wurde. Der Etagendiener brachte die Wäsche, und Guy reichte sie an Sabrina weiter. „Alles erledigt“, sagte er dabei lächelnd.

Sabrina errötete, denn seine Hand hatte kurz auf der frisch gebügelten Unterwäsche geruht. „Ich werde mich gleich umziehen.“

Duftig und schimmernd tauchte sie wenig später aus dem Badezimmer auf. Guy wusste nicht, was die Wäscherei mit ihren Sachen gemacht hatte, aber sie wirkten wie neu. Sabrinas rotblondes Haar, das inzwischen getrocknet war, fiel ihr weich auf die Schultern.

„Nehmen Sie das“, sagte er und zog einige Geldscheine aus der Hosentasche.

„Wozu?“, fragte sie und sah ihn beinahe ängstlich an.

„Sie haben Ihr Portemonnaie verloren. Wie wollen Sie ohne Geld in Ihr Hotel kommen?“

„Ich kann kein Geld von Ihnen annehmen.“

„Dann betrachten Sie es als geliehen. Geben Sie es mir morgen zurück, wenn Sie möchten.“

Sabrina schob die Scheine vorsichtig in die Gesäßtasche ihrer Jeans. „Einverstanden. Vielen Dank.“

Guy begleitete sie im Lift bis zur Halle hinunter. Er war fest überzeugt, dass er sie nicht wiedersehen würde. Der Gedanke schmerzte ihn so sehr, dass er sich darüber wunderte.

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