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F&%K the Crisis

Fox Hardegger

F&%K THE CRISIS

Aufstehen – Staub aus den Kleidern klopfen - weitergehen

Neustart

Meine Firma Dragon Line Ltd., war hinter Holcim und Nestle die drittgrösste Schweizer Firma in Vietnam. Wir produzierten pro Jahr über dreitausend Schiffscontainer Blumentöpfe und Terrakotta-Ware, also unglasierte keramische Produkte und Erzeugnisse aus gebranntem Ton, die nach Europa und USA exportiert wurden. Ich beschäftigte über zweitausend Mitarbeiter in der Produktion und mehr als zweihundert Angestellte allein im Management und der Administration. Verschiedene Produktionsstätten und eine Logistik, die in der Hochsaison rund um die Uhr einen Sattelschlepper nach dem anderen abgefertigte, gehörten zu diesem Business dazu, dass mein früh verstorbener Vater aufgebaut hatte. Fünf Jahre lang hatte ich diese grosse Firma erfolgreich geführt und sowohl Umsatz wie auch Ertrag signifikant gesteigert. Nach der Finanzkrise, die am 15. September 2008 mit dem Crash des amerikanischen Finanzinstituts, Lehmann Brothers, begann und auch meine Firma in den Abgrund riss, versuchte ich die Füsse wieder auf den Boden zu bringen, verbrachte sinnlose Zeit in Australien, wollte eigentlich in die Schweiz zurückkehren, blieb in Singapur hängen. Ein sicherer Ort, um mit einem Kind zu leben. Investorenfreundlich. Und vor allem würden die immer heissen Temperaturen dazu führen, dass meine Geschäftsidee, italienische Eiscreme unter das asiatische Volk zu bringen, bestens funktioniert.

Und nun stand ich in dieser Produktionsküche, allein und verzweifelt und denke kurz zurück, was mich den hierhergebracht hat. Die Masse läuft über den Tisch. Sie rinnt. Sie tropft. Sie klebt. Das süsse Gemisch landet auf dem Boden, hinterlässt dort eine unappetitlich aussehende Pfütze. Die Maschine gibt alarmierende Töne von sich – als wüsste sie, dass sie selbst und ich in Not sind. Verärgert versuche ich Marios Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Er sitzt mit einem chinesischen Kunden telefonierend im Büro. Meist schlecht gelaunt und wild gestikulierend möchte man mit diesem Italiener eigentlich nichts zu tun haben. Es geht leider nicht anders: italienische Gelato-Meister, die fliessend chinesisch sprechen, sind in Singapur Mangelware. Seit über fünf Jahren lebt er hier und bietet – sehr erfolgreich – professionelle Schulungen im Bereich der italienischen Eiscrème-Herstellung an. Die dazugehörige Infrastruktur, die er auch mir teuer verkauft hat, scheint allerdings nicht oder falsch zu funktionieren. Obwohl ihm das ohrenbetäubende Gepiepse der Anlage nicht entgangen sein konnte, ignoriert er mich weiterhin konsequent.

Damals – im Sommer 2011 – stand viel auf dem Spiel: In der nächsten halben Stunde erwartete ich das hochkarätige Team von CapitalLand zu einer Degustation jener Glacé-Sorten, die den Erfolg meiner neuen Existenz – «Gelateria Italia» – begründen sollten. CapitalLand ist in Singapur unter anderem im Besitz von hundert Einkaufszentren. Die Macht des Konsortiums ist allumfassend, denn diese Herren entscheiden, ob und wo genau Gastrobetriebe und der Detailhandel Verkaufsflächen erhalten. Zeigt der Daumen nach unten, stehen die Chancen für eine Geschäftsidee von Anfang an schlecht.

Dazu muss man wissen: Ohne gigantische Malls läuft in dieser Megacity nichts. In den klimatisierten Shopping-Welten spielt sich das ganze Leben ab. Angenehme Musik, Entertainment und viele Einkaufsmöglichkeiten sorgen jeden Tag für Heerscharen von Besuchern. Es sind sichere, vergnügliche und oft exklusive Orte. Taufen, Geburtstage und Pensionierungen werden in Singapur im Shopping-Zentrum gefeiert und natürlich führt auch der sonntägliche Ausflug nicht in die freie Natur hinaus. Sondern in eine Mall. Mit dem Künstlichen eher vertraut als mit der Natur, bevorzugen viele City-Bewohner die artifiziell angelegten Grünanlagen in den Einkaufszentren, denn dort sind keine Insekten zu befürchten und die Temperaturen bleiben beständig kühl.

Grosse Teile des Insel- und Stadtstaats südlich von Malaysia präsentieren sich wie ein grosses Disneyland und je länger ich dort gelebt habe, desto stärker erinnerte mich Singapur an den Film «Truman Show»: Ein Proband wird unwissentlich in eine künstliche Welt versetzt, worauf sein dortiges Leben ohne sein Wissen und über viele Jahre hinweg zu einer Reality-Show verfilmt wird. Doch dann fährt er mit einem Schiff über einen kleinen See, meint den Horizont zu sehen, fährt in die Weite des Meeres hinein und stösst unvermittelt an eine Wand. Sie ist aus bemaltem Papier, durch den Riss hindurch sind Filmrequisiten zu sehen. Die Zuschauer verfolgen diese Existenz, in der jeder manipulierte Schritt dem Filmskript folgt, mit Interesse und gemischten Gefühlen und während ich darauf wartete, dass mir Mario endlich zu Hilfe eilt, dachte ich weiter über diese Stadt, aber auch über das Schicksal nach, das mich und meine kleine Familie per Zufall hierhergeführt hat.

Nachdem ich in der Vergangenheit Millionen verdient hatte, hiess es nun kleine Brötchen backen und dementsprechend viel stand an diesem Tag in der Schulungsküche des Italieners auf dem Spiel. Um die Entscheidungsträger von CapitalLand zu diesem Besuch zu bewegen, hatte ich viel Zeit investiert. Die Konkurrenz war riesig, andere Bewerber standen Schlange vor ihren Büros. Die besten Standorte in den Malls sind heiss begehrt. Was ich auch wusste: Es ist fast unmöglich eine erstklassige Location anzumieten, wenn man nicht bereits ein erfolgreiches Ladengeschäft präsentieren kann. Aber es ist fast unmöglich ein erfolgreiches Ladengeschäft auf die Beine zu stellen, wenn dieses nicht optimal platziert ist.

In dieser ungemütlichen Position befand ich mich zu diesem Zeitpunkt und hatte somit kein «Proof of Concept», also keinen Beweis dafür, dass meine Geschäftsidee nicht mehr war als die kühne Fantasie eines Träumers. In dieser Zeit fühlte ich mich manchmal wie ein Bettler und am Tag, als das Team die Zusage zur Degustation meiner Produkte gab, natürlich wie ein König.

Wichtig, eigentlich überlebenswichtig also waren die bevorstehenden Stunden. Die Schulungsräume des Italieners sollten bei den Entscheidungsträgern den Eindruck erwecken, dass es sich um meine Produktion handelt. Eine solche wollte ich erst aufbauen, wenn ich die Zusage für ein Geschäft erhalten hatte. Ich rechnete mir eine 50-prozentige Chance aus, dass es funktionieren könnte, denn: Ich bin ein guter Verkäufer und war felsenfest von meiner Geschäftsidee überzeugt, die ich über Monate hinweg entwickelt hatte. Natürlich war ich an diesem Tag wie unter Strom und bald auch gereizt, dass Mario meine Hilflosigkeit auszunutzen schien.

Im Verlauf meines turbulenten Lebens hatte ich die verschiedensten Persönlichkeiten kenngelernt. Heute kann ich Menschen gut einschätzen und weiss mit ihnen umzugehen, sodass die Kontakte in den meisten Fällen gut und harmonisch verlaufen, die Ziele erreicht werden können, ohne dass man sich bis auf das Blut bekriegen und hassen muss. In diesem Vermögen, so glaube ich, liegt ein Erfolgsgeheimnis. Denn ohne andere Menschen können auch die pfiffigsten Köpfe nicht reüssieren und die Erkenntnis, dass der Umgang auch in turbulenten Zeiten respektvoll bleiben muss, halte ich heute für mehr als wichtig. Doch bei Mario hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mehr als einmal hatte ich mich bereits gefragt, ob er ein Genie ist oder einfach nur ein Idiot? Meine zahlreichen Aufforderungen die komplexe Einführung zu einem frühen Zeitpunkt durchzuführen, waren in den vergangenen Wochen auf taube Ohren gestossen.

Nun steuerte Mario plötzlich auf mich zu und erteilte mir eine Schnellschulung, die normalerweise drei Tage dauert. Es galt das Beste aus der verkorksten Situation zu machen und seine zweifelhafte Persönlichkeit irgendwie bei Laune zu halten. Mein Tief versuchte ich auszugleichen und zu überwinden. Je übler sich mein Meister gebärdete, desto mehr bemühte ich mich, die hochkomplizierten Vorgänge schnell zu begreifen und die manuellen Fertigkeiten zu verinnerlichen. Irgendwann schien er meiner Drohung Glauben zu schenken, dass ein Misserfolg auch für ihn finanzielle Einbussen bedeuten wird. Von unflätigen Flüchen begleitet, die mit jedem anderen in einer Schlägerei geendet hätten, machte er sich nun selbst ans Werk.

Wenig später standen acht Sorten feinste Gelato auf dem Tisch. Die Konsistenz: cremig und glänzend. Die Aromen: betörend. Die Farben: von zartem Pfirsich bis pastellfarbenem Pistaziengrün war alles dabei. Die exklusive Speiseeis-Herstellung ist eine Kunst. Natürliche Ingredienzen, keine Zusatzstoffe: Sie in dieser Qualität konstant gewährleisten zu können, erfordert viel Wissen und handwerkliches Können. Im Stillen nannte ich Mario jetzt nicht mehr «Idiot», sondern «van Gogh».

Wenig später klingelte die Türglocke. Ausgestattet mit frischen weissen Schürzen und einem einvernehmlichen Lächeln auf den Lippen begrüssten wir die illustre Gästeschar und zogen eine perfekte Show ab. Mario war wie ausgewechselt, charmant, eloquent, gewinnend, kurz: das CapitalLand-Team zeigte sich begeistert von diesen fähigen und fröhlichen Gelato-Meistern, die sich so gut zu verstehen schienen und das beste Eis produzierten, das sie jemals gegessen hatten, wie sie uns wissen liessen. Nach einer Stunde war die Degustation beendet und ich komplett geschafft. Ich klemmte mir einen Karton mit Eiscrème für meine Tochter unter den Arm und verliess den Ort des Geschehens grusslos. Zuhause schilderte ich die Geschehnisse meiner Frau, die das Erlebte mit den Worten quittierte: «Welcome Singapur – endlich wir sind angekommen.»

Boom!

Nachdem wir in Singapur eine Zeit lang in einem Service Apartment, einer hotelartigen Wohnung gelebt hatten, mietete ich beim Neustart eine Vier-Zimmer Wohnung im Tanglin Park an. Möbel besassen wir keine mehr. Unser Hab und Gut hatten wir in Australien zurückgelassen. Wir waren teuer und sehr aufwendig eingerichtet gewesen. Vom schönen Korkenzieher bis zum vollen Weinregal, vom massangefertigten Sofa bis zum Bett samt passender Bettwäsche: Der Liquidator hat sicher ein gutes Geschäft gemacht. Nur weg aus down under: Zu diesem Zeitpunkt war ich unendlich müde, mochte nicht mehr, wollte Australien und die dortigen Erfahrungen so schnell als möglich hinter mir lassen. Eineinhalb Jahre lang hatten wir daraufhin praktisch aus dem Koffer gelebt. Gewohnt sehr viel Geld zu verdienen, war jetzt Sparkurs angesagt, da ich unsere Ersparnisse für die Firmengründung verwenden wollte. Also statteten wir dem schwedischen Einrichtungshaus einen Besuch ab und innert weniger Stunden war ein kompletter Haushalt zusammengestellt.

In Sachen Umzug bin ich ein Profi: In meinem Leben wechselte ich mehr als fünfzig Mal das Domizil. Es kostete mich keine Mühe und auch die Neuanfänge in neuen und bisweilen exotischen Ländern fielen mir stets leicht. Lange Zeit spürte ich beim Weiterziehen ein Gefühl der Befreiung oder um es in den Worten von Janis Joplin zu sagen: «freedom is just another word for nothing left to lose». Freiheit ist nur ein anderes Wort für den Umstand, dass man nichts mehr zu verlieren hat. Ebenfalls empfinde ich es als befreiend, Materielles – manchmal freiwillig, manchmal erzwungen – hinter mir zu lassen, um zu neuen Ufern aufzubrechen: In der Zwischenzeit zusammen mit meiner kleinen Familie, die ähnlich denkt und fühlt wie ich, was mich mit Stolz und Dankbarkeit erfüllt.

Reichtum bewegt mich nicht, war nie die Hauptmotivation für meine Aktivitäten. Viel Geld bringt nicht mehr Glück. Allerdings und das ist sicher ein nicht zu unterschätzender Aspekt, lässt sich mit Geld eine gewisse Unabhängigkeit erkaufen: Die Freiheit tun und lassen zu können, was man will. Viel zu verdienen, heisst auch, dass man sich Gedanken zum verantwortungsvollen Umgang mit Geld macht und sich nicht einzig und allein darüber definiert, wie viel man besitzt. Nur dumme Leute bilden sich etwas auf ihren Reichtum ein und Dummheit ist der Boden auf dem Arroganz und Leichtsinn wachsen. Am Geld hielt ich nie fest, aus diesem Grund kam es mir vielleicht auch immer wieder abhanden, waren viele Neuanfänge nötig und natürlich haben mich die damit gemachten Erfahrungen als Mensch und Unternehmer geprägt.

Ob ich gerade viel oder weniger Geld verdiente, änderte nichts an meiner Reiselust. Doch nun war ich froh in Singapur eine feste Bleibe gefunden zu haben, die auch meiner Frau und Jenny, meiner damals 2-jährigen Tochter, entsprach. Beim Tanglin Park handelte es sich um eine gemütliche Wohnanlage, zu der auch ein Swimmingpool und ein Tennisplatz gehörte. Diese von Ausländern bewohnten Gelände sind im Vergleich mit jenen Wohnungen, die die Einheimischen anmieten dürfen, teuer. Mit einer Miete von 6’500 Singapur-Dollar – knapp 6’000 Franken – hatten wir ein eigentliches Schnäppchen gemacht.

Am Abend sass ich auf der Veranda und dachte nach: Obwohl unser Auftritt vor der CapitalLand-Belegschaft Oscar-würdig ausgefallen war und die Produkte, die wir präsentierten als erstklassig beurteilt wurden, konnte ich nicht absolut sicher sein, wie sich die Herren entscheiden werden und in schwachen Minuten fragte ich mich, ob die hohen Kosten und meine ganze Kraft, die ich bereits in dieses Projekt investiert hatte, vielleicht doch vergeblich gewesen sind. Doch nach einiger Zeit lag eine Nachricht vor: Es handelte sich um ein Angebot für eine 16 m2 grosse Lokalität, die im zweiten Untergeschoss neben der Rolltreppe lag: «Plaza Singapora» ist eine sehr gut frequentierte Mall mit einer eigenen U-Bahn-Station und mein zukünftiger Shop war mit 8’000 Singapur-Dollar Miete pro Monat auch noch bezahlbar. Endlich! Meine Freude war grenzenlos. Nach vielen Monaten harter Arbeit und vielen Kämpfen würde ich bald mein erstes Geschäft eröffnen.

Wochen später folgte der Umbau des Lokals nach meinen Plänen. In Singapur geht ein solches Unterfangen in Windeseile über die Bühne, da alles andere umsatzschädigende Auswirkungen hat. Die Arbeiter fielen wie ein Heuschreckenschwarm auf Kommando über die Baustelle her und innert weniger Tage war der Spuk vorüber, die Verschalung wurde entfernt und vor uns lag ein wunderschönes und perfekt eingerichtetes Ladengeschäft. Anfänglich produzierte ich mithilfe von Mario in seiner Schulungsküche und transportierte die verschiedenen Sorten in Styroporkisten verpackt mit meinem Privatauto. Diese Art der Lieferung war verboten, aber erst Jahre später realisierte ich, dass solche Aktionen mit drakonischen Strafen geahndet werden. Am Tag der Eröffnung türmten sich pastellfarbene Eisberge in den Auslagen. Traditionelle Sorten wechselten sich mit experimentellen Geschmackskombinationen ab. Zweiunddreissig verschiedene Aromen – also über zweihundert Kilogramm Eis – mussten im Vorfeld produziert werden. Mit Nüssen, kandierten Früchten und anderen kulinarischen Leckereien verziert, erinnerte meine Eisdiele an die Toskana, an Rimini, an Italien. An Leichtigkeit, Genuss und Glück.

Noch vor der offiziellen Öffnungszeit näherte sich die erste Kundin. Sie blieb vor der Vitrine stehen. Während sie telefonierte, zeigte sie mit dem Finger auf zwei Sorten. Als hätte ich in meinem Leben noch nie etwas anderes gemacht, griff ich zum Eiskugelmacher und Sekunden später lag die Köstlichkeit in einem Becher. Sie bezahlte mit einem 10-Dollar Schein. So gemächlich der erste Tag gestartet war, so schnell nahm er an Fahrt auf. Kurz nach der Lunch-Zeit gab es einen ersten Ansturm und gegen Abend – Gelato verkauft man übrigens am Abend und nicht am Nachmittag – standen die Kundinnen und Kunden in drei Reihen auf der ganzen Breite des Ladens Schlange. Boooom! Das hat eingeschlagen. Am ersten Tag erwirtschafteten wir in unserem winzigen Kiosk zu dritt – mehr Angestellte fanden beim besten Willen keinen Platz hinter dem Tresen – einen Tagesumsatz von 2’580 Singapur-Dollar.

Spätnachts drehte und wendete ich den ersten 10-Dollarschein, den ich Stunden zuvor mit meiner Eisdiele erwirtschaftet hatte. Ich versah ihn mit Datum und dem Firmenstempel, würde ihn einrahmen lassen und als Erinnerung an die Anfänge auf meinen Schreibtisch stellen, der sich zu diesem Zeitpunkt in unserem Schlafzimmer befand.

An diesem Abend dachte an die Höhen und Tiefen der vergangenen Jahre und nahm – wie so oft – das wunderbare Buch der australischen Sterbebegleiterin Bronnie Ware zur Hand und gelangte schnell zu jenem Kapitel, das Auskunft gibt, was sterbende Menschen am meisten bereuen. Die grosse Mehrheit antwortete: Dinge nicht getan und Chancen nicht genutzt zu haben. Die Angst vor dem Risiko lässt Menschen zu wenig erleben. Sie erleben manches, aber zu vieles nicht, weil sie auf jene Sicherheiten nicht verzichten wollen, die der Existenz auch Halt bieten. Doch das Leben besteht in meinen Augen nicht aus dem Erreichten, sondern aus dem Erlebten.

Ich habe fast immer alles versucht und das beinhaltete natürlich auch die Kraft, um Krisen und Rückschläge zu bewältigen. Scheitern, untergehen, durch den Dreck robben und dabei Staub schlucken: Das habe ich erlebt. Tiefschläge sind die Essenz aller Erfahrungen, sie machen das Leben aus und schaffen eine Erkenntnis: Dass man fast alles überlebt, auf jeden Fall aber viel mehr als man denkt. Wer aufsteht, sich den Staub von den Kleidern klopft, die Krone richtet und weiterläuft, weiss auch: Der Unterschied zwischen einem Verlierer und einem Gewinner ist einfach, dass der Gewinner einmal mehr aufsteht.

Wer gut verliert, gewinnt auch gut und die schlechten Erfahrungen relativeren später riesige Erfolge, sorgen aber auch dafür, dass man den Bezug zur Realität nicht verliert. Zu viele unerfüllte Träume trüben die Seele. Die Zukurzgekommenen! Sie sind keine angenehmen Zeitgenossen. Wer viel wagt, steckt allerdings auch viel ein. Manche Fehlschläge, von denen einige erst noch kommen sollten, waren schmerzhaft, von anderen glaubte ich mich nicht mehr zu erholen und einige machten sogar das Weiterleben zu einer Qual. Doch im Nachhinein betrachtet, waren all diese Erfahrungen wichtig für mich. Sie trugen dazu bei, wer ich heute bin. Jenem Menschen, den ich so gut kenne, mit all seinen guten und schlechten Seiten, kann ich heute im Spiegel mit gutem Gewissen in die Augen blicken, denn Selbstrespekt findet man erst, wenn man die eigenen Fehler überlebt und dabei etwas lernt.

Was noch alles auf mich zukommen sollte, wusste ich nicht, als ich an den kommenden Tagen vor meinem Glacé-Laden mit Namen «Gelateria Italia» stand: Klein und bescheiden, wie ein Neuanfang nach dem totalen wirtschaftlichen Crash zu sein hat. Trotzdem war ich der glücklichste Gelato-Verkäufer der Welt. Nach allen Dramen und Anstrengungen der zurückliegenden Zeit war ich endlich wieder im Geschäft! Viele andere hatten dieses Projekt für eine Spinnerei gehalten. Ich antwortete: «Wenn man versucht, seine Träume in die Realität umzusetzen, spielt es keine Rolle, ob man scheitert. Hauptsache, man hat es versucht.» Der Versuch hatte sich offensichtlich gelohnt. Noch ahnte ich nicht, dass sich unsere Produktion bald auf 15 Tonnen pro Monat belaufen würde und jeden Tag Zehntausende von Eiskugeln über die Ladentheken unzähliger Lokale gehen würden, die ich in Singapur betreiben würde.

Voll motiviert stürzte ich mich in die neuen Aufgaben. Van Gogh schien ebenfalls Spass zu entwickeln und natürlich waren seine Produkte in jeder Hinsicht erstklassig. Obwohl ich über seine schwierige Persönlichkeit im Bild war, bot ich ihm bald eine Beteiligung an meiner Firma an. Als Gegenleistung wollte ich die Rechte an seinen Rezepten. Er betrieb weiterhin seine Firma, die im Vertrieb und in der Schulung im Bereich der Eisherstellung tätig war, in den anderen Bereichen waren wir nun als Business-Partner aufeinander angewiesen.

Meine Frau und ich arbeiteten bis zum Umfallen. Produzieren, verpacken, laden, fahren, liefern, auffüllen, verkaufen, abrechnen, die Belegschaft schulen: Am Nachmittag fuhr Anh jeweils mit unserer Tochter nach Hause, um mit ihr Zeit auf dem Spielplatz zu verbringen und sie am Abend ins Bett bringen zu können, während ich bis spät in die Nacht weiterarbeitete. Gegen Mitternacht fiel ich ins Bett, um sechs Stunden später wieder aufzustehen. Dieses Programm zog ich an sieben Tagen die Woche viele Monate lang durch. In Australien hatte ich mir geschworen, dass ich mich nie mehr über zu viel Arbeit beschweren werde. Viel Arbeit ist kein Stress, keine Arbeit zu haben, macht Stress. Für Stress sorgte in dieser Situation höchstens Mario «van Gogh». Die Unstimmigkeiten dauerten an und immer häufiger schnitt ich ihm jetzt in Gedanken ein Ohr ab. Doch noch brauchte ich ihn, noch musste ich mich mit ihm arrangieren.

Seine Beleidigungen und Versuche mich zu erniedrigen, rissen nicht ab. Ich versuchte meine Reaktionen zu mässigen und betrachtete es als Schulung meines Charakters, damit klarzukommen. Manchmal erschien mir diese Situation dennoch unerträglich. Zum Glück verfügten wir über finanzielle Reserven und das Business lief gut. Wir konnten einander aus dem Weg gehen, sonst hätte es wohl Mord und Todschlag gegeben. Ich versuchte mich in dieser Zeit auf das Positive in meinem Leben zu konzentrieren, mein Kind, meine geliebte Frau, die guten Erträge, die ich erwirtschaftete. Es herrschte Aufbruchsstimmung! Rückblickend war es eine fast sorglose Zeit. Hart aber gut.

Der grosse Erfolg unserer winzigen Gelateria blieb auch CapitalLand nicht verborgen. Bald lag ein Angebot für eine zweite Lokalität vor. Die «JCube-Mall» existierte zwar erst auf dem Reissbrett, schien aber das Mass aller Dinge zu sein. Als Highlight sollte im zweiten Stock eine Weltklasse-Eishockey-Arena mit Eisfeld und Sitzplätzen für ein paar tausend Zuschauer entstehen, die bei ständigen Aussentemperaturen von 35 °C in Scharen in die Mall strömen würden. Uns wurde ein Ladengeschäft bei der Rolltreppe angeboten. Rolltreppen sind verkaufstechnisch gesehen immer gut, denn sie bedeuten stetige Frequenz. Dieses Objekt würde erst nach der einjährigen Bauzeit zur Verfügung stehen. Wir unterschrieben den Vertrag und leisteten, wie immer in dieser Stadt, auch ein Mietzinsdepot, das in diesem Fall mit rund 80 000 Singapur-Dollar zu Buche schlug.

Auch anderswo hatte sich unser Erfolg herumgesprochen: Die renommierte Takashimaya-Mall – sie gilt als besonders elegante und exklusive Adresse – meldete sich bei uns. Mister Yap, der Leasing Manager bot mir eine Fläche an. Ab diesem Zeitpunkt landeten in schöner Regelmässigkeit Top-Angebote auf meinem Tisch, denn jetzt wollten auch andere Vermieter das erfolgreiche Gelato-Italia-Konzept in ihren Einkaufszentren wissen. Ich konnte auswählen und wählte das Beste: die Takashimaya-Mall. Die Gegend ist mit dem Zürcher Paradeplatz vergleichbar. Wenn einem Gastronomen dort eine Eck-Lokalität mit Aussensitzplätzen angeboten wird, sagt er auch nicht «Nein». Später sollten wir allein an der Orchard Road vier Shops betreiben, doch bereits zu diesem frühen Zeitpunkt bedeutete das prestigeträchtige Angebot eine grosse Anerkennung unserer Arbeit.

Hut und Pfirsich

Ich hatte immer noch genügend Geld auf der hohen Kante, verdiente sehr gut und leistete mir eine kleine «Food Factory Unit», in der ich eine Eis-Produktion mit einem riesigen Kühlraum einrichtete, da Nahrungsmittel in Singapur nur in lizenzierten Gebäuden hergestellt werden dürfen. Wir planten für die Zukunft. Gross und grosszügig, wie es meiner Art entspricht. Jedoch auch verantwortungsbewusst und so, dass die finanziellen Belastungen den Rahmen nicht sprengen. Natürlich hatte ich als Unternehmer im Verlauf meiner bisherigen Karriere viel gelernt, verfügte über das Wissen und die Erfahrung, wie man ein Geschäft lanciert, führt und expandiert. Trotzdem blieb ich vielen meiner anfänglichen Überzeugungen treu, die andere als unorthodox bezeichnen, weil sie den gängigen Schulbüchern der Wirtschafts-Hochschulen in einigen Punkten widersprechen.

Ein Freund von mir bezeichnete mein Vorgehen einmal folgendermassen: Zuerst werfe ich den Hut über die Mauer und dann unternehme ich alles, um über die Mauer zu gelangen und den Hut an mich zu bringen. Seine Worte, so fand ich, treffen den Nagel ziemlich auf den Kopf. Ich bin kein Freund von Plänen und festgelegten Strategien. Sie können blockieren, den natürlichen Werdegang einer Geschäftsidee verhindern, denn, so entspricht es meiner Erfahrung: Es kommt sowieso anders als man denkt oder anders ausgedrückt: Will man den lieben Gott zum Lachen bringen, macht man Pläne.

Pläne finde ich massiv überbewertet. Jene, die man für sein eigenes Leben macht, aber auch jene, die über Erfolg oder Misserfolg im Geschäftsleben entscheiden sollen. Wer von seinem Tun überzeugt ist und im Grossen und Ganzen weiss, wohin die Reise gehen soll, wird einen Weg finden, der zum Ziel oder zumindest in die Nähe des Ziels führt. Immer. Der Glaube an sich selbst, die Fähigkeit, den Blickwinkel zu verändern, aber auch die Akzeptanz eines möglichen Scheiterns, sind wichtiger als ein ausgefeilter Geschäftsplan. Das heisst nicht, dass ich keine Businesspläne erstelle, meine Ideen und Konzepte genauestens prüfe und Vorgaben ausformuliere.

Beweglichkeit ist wichtig, wenn man auf spontane Veränderungen eingehen will und ohne Brett vor dem Kopf agiert. Wie bereits erwähnt: Leben wird erlebt und deshalb zählt jeder Tag, an dem wir unterwegs sind, spontane Entscheidungen treffen und fast alles zulassen, mehr als ein Tag, der nach festgelegten Ideen verläuft. Planen schränkt ein, zwingt zur Einhaltung von Regeln und Vorgaben, die sich vielleicht als falsch erweisen. Wenn kein Plan existiert, hinterfragt man eher, was man tut, und gleichzeitig bleibt alles im Fluss. Ich lebe schon immer nach dieser Philosophie und weiss in der Zwischenzeit, dass ich mir vertrauen kann. Weniger Fehler als derjenige, der akribisch plant, mache ich nicht, doch ich kann vermutlich besser mit diesen Fehlern umgehen. Wichtig ist es, ein Ziel vor Augen zu haben. Und der Weg dahin? Loslaufen, man kann unterwegs überlegen, wohin es genau geht und manchmal sollte man die Richtung auch mittendrin einfach wechseln.

So oder zumindest ähnlich verfuhr ich auch in Singapur. Die Produktionsabläufe professionalisierten sich, wir verfügten bald über einen Maschinenpark und kauften einen brandneuen Kühl-Lieferwagen, der die anwachsende Zahl neuer Shops mit den Produkten versorgte. Mein bisheriges «Office» im Schlafzimmer gehörte ebenfalls der Vergangenheit an. Bald arbeitete ich in einem eigenen Büro und beschäftigte in der Administration einige Mitarbeiter. Innerhalb von drei Jahren war es mir gelungen, aus einem winzigen Business eine ordentliche Firma zu machen.

Die Expansion wollten wir weiter vorantreiben und wie es der glückliche Zufall wollte, sass ich eines Nachts nach einem anstrengenden Arbeitstag in der Sauna, die zu unserer Überbauung gehörte. Bei 30 °Celsius Außentemperatur war ich bisher stets allein gewesen und auch an diesem Tag freute ich mich bereits auf den anschliessenden Sprung in den Swimmingpool. Bläulich erleuchtet mutete die Anlage zur nächtlichen Stunde beinahe mystisch an. Über mir der Sternenhimmel, das ferne Rauschen der Mega-City in den Ohren und allein mit meinen Gedanken, genoss ich die einzigen ruhigen Stunden des Tages sehr. An diesem Abend ging allerdings die Türe auf: Ein Mann in meinem Alter fragte mich, ob er die Sauna mitbenützen dürfe. Natürlich, es handelte sich um die öffentliche Sauna der Überbauung. Wir kamen ins Gespräch. Alex stammte aus Deutschland, hatte an der HSG St. Gallen (School of Humanities and Social Sciences) studiert und war seit einiger Zeit mit einem Telefonbusiness erfolgreich in Singapur unterwegs. Allein die Tatsachen, dass wir beide aus der gleichen Ecke Europas stammten und bei tropischen Temperaturen gerne eine Sauna besuchen, erwiesen sich als spezielle Gemeinsamkeiten. Sein Geschäft, Zusatzdienstleistungen für mobile Telefone, schien ein grosser Erfolg zu sein. Später fragte ich ihn, was er im Monat verdiene. Er antwortete ruhig: «Einen Pfirsich». Ein Pfirsich bedeutet, gemäss Alex: 40’000 US-Dollar im Monat!

Davon war ich noch ein Stück entfernt, aber mir gefiel die Selbstverständlichkeit, mit der er diesen enormen Betrag als Standard betrachtete. Wir unterhielten uns über das Business und meinen Plan, die erste globale Ladenkette realisieren zu wollen, die italienisches Speiseeis verkauft. Wir trafen uns nun öfter auf ein Bier und eines Tages eröffnete er mir, dass er eine Möglichkeit suche, um Geld zu verdienen und er gerne in mein Projekt investieren möchte, kurz und gut: Aus der Sauna-Bekanntschaft wurde eine Business-Partnerschaft. Als Pragmatiker fackelten wir nicht lang: Zwei Wochen später steckte Alex eine halbe Million Dollar in meine Firma.

Nun hatten wir noch mehr Cash in der Kasse. Alex war in rasantem Tempo unterwegs, wollte schnell, am liebsten global und vor allem per Franchising expandieren. In der Zwischenzeit hatten wir unser zweites Geschäft an der Orchard Road eröffnet. Und wieder bahnte sich ein grosser Erfolg an. Das eine ergab das andere: Bald lag ein Angebot für das hipste Einkaufszentrum der Stadt auf dem Tisch. Bugis zählte pro Monat vier Millionen Besucher. Die Lage war erstklassig. Die Miete, rund 22’000 Singapur-Dollar pro Monat, bereitete mir allerdings Bauchschmerzen und nach reiflichen Überlegungen sagte ich ab, das Risiko erschien mir zu hoch. Alex war ausser sich. Obwohl allein die erste Miete und die Kaution rund 150’000 Singapur-Dollar verschlingen würden, war er anderer Meinung als ich. Seline, die Managerin der Mall, rief mich wenig später an. Sie hatte von meiner Absage gehört und wollte mich sehen. Selbstverständlich schlug ich diese Bitte nicht aus. Aufmerksam lauschte ich ihren eindringlichen Worten, die Sinn ergaben, und: unterschrieb den Vertrag. In der Zwischenzeit hatten wir Verträge für vier neue Lokalitäten, wovon sich zwei noch im Bau oder Umbau befanden.

Auch die neue Food-Produktion war nun fertig gebaut und ich war um eine Erfahrung reicher: In Singapur treiben einen die Behörden in den Wahnsinn. Unzählige Auflagen und Hunderte von Dokumenten mussten erstellt sowie diverse Tests bestanden werden, bevor die Inbetriebnahme stattfinden konnte. Alle Mitarbeiter waren verpflichtet, an einer Schulung für die Nahrungsmittel-verarbeitende Industrie teilzunehmen und als die Produktion hätte starten können, waren wir noch immer nicht im Besitz der nötigen Lizenzen. Van Gogh störte dieses Detail nicht. Ich erfuhr von diversen Vergehen, die mir meine Mitarbeiter mitteilten. Sie fragten mich, ob sie verhaftet würden, wenn die Behörden von diesen Verfehlungen Wind bekämen. Ich war entsetzt und stellte den Italiener zur Rede. Obwohl mit ihm vereinbart worden war, dass die Produktion erst startet, wenn alle Genehmigungen vorliegen, fand er meine Aufregung hysterisch.

Mittlerweile waren wir drei Partner: Alex, der Deutsche für die Finanzen, van Gogh, der Italiener für die Produktion und ich der Schweizer für das Konzept und die Entwicklung. Obwohl ich im Besitz der Aktienmehrheit war, hatte ich Rücksicht auf meine Partner zu nehmen. Was bei Alex und mir problemlos klappte, andere Meinungen einzubeziehen und sich an Abmachungen zu halten, schien Mario vor unvorstellbare Probleme zu stellen. Der Streit um die Aufnahme der Produktion ohne gültige Produktionslizenz war nur eines von vielen Ärgernissen, die sein egozentrisches Naturell offenbarten: Ihm konnte alles egal sein – als Direktor der Firma und Hauptaktionär würde ich in den Knast wandern, wenn die Behörden seinen Verstössen auf die Schliche kämen.

Ich war ausser mir, sprach ein Machtwort und konnte meine Wut nur zügeln, weil ich seit langem auf seine Zulieferfirma schielte. Diese lief gut, auch weil er einen Großkunden hatte, der ihm so viel Einkommen garantierte, dass er mit dem Rest nur noch Gewinn machte. Ich hoffte darauf, seine Firma eines Tages übernehmen zu können. Dass sein unsäglicher Charakter mir sehr bald zu einem Vorteil verhelfen sollte, ahnte ich noch nicht. Aufgrund eines Streites titulierte er sein bestes Pferd im Stall Wochen später in derart unflätiger Weise, dass dieser seinen Direktor in Italien benachrichtigte. Dessen Reaktion, van Gogh solle zur Hölle fahren, besiegelte auch die Beendigung der goldenen und äusserst lukrativen Geschäftsverbindung, wie mir van Gogh unter Tränen berichtete.

Ich fragte mich, wie unbeherrscht und einfältig man sein muss, um sich auf einen solchen Konflikt einzulassen, hielt mich mit Kommentaren aber zurück. Ich wusste: Ohne diesen riesigen Dauerauftrag riskierte er, dass seine kleine, aber feine Firma sehr bald in die roten Zahlen abrutschen wird. Ich witterte meine Chance und machte ihm ein Übernahmeangebot. Wir würden seine Firma kaufen und diese unter einer Holding-Gesellschaft weiterführen. Mit diesem Streich erhielten wir direkten Zugang und Einsicht in seine Geschäfte, inklusive des Verkaufs von Infrastruktur für die Eis-Herstellung und konnten den gesamten Gewinn aus diesem Bereich künftig selbst einstreichen. Alex fand den Handel auch cool und van Gogh blieb nicht viel anderes übrig als einzuschlagen. Die beste Revanche ist der Erfolg: Künftig musste er unter meiner Kontrolle arbeiten. Meine Beharrlichkeit und das monatelange Erdulden seiner cholerischen Ausfälligkeiten zahlte sich nun aus.

Diese Übernahme stellte sich als Quantensprung heraus. Wir wandelten die Gelateria Italia in eine Holding-Struktur um. Wir wollten noch mehr Ladengeschäfte betreiben und Speiseeis produzieren, aber auch entsprechende Maschinen und Zubehör, Schulungen und Zutaten anbieten – nicht nur in Singapur, sondern in ganz Südostasien. Gleichzeitig expandierten wir weiter mit unseren eigenen Läden und bereiteten uns auf die Expansion via Franchising-System vor. Wir arbeiteten jeden Tag wie die Irren und bald sollte Bugis eröffnet werden. Die Baustelle brummte. Neue Rolltreppen wurden eingezogen, Decken entfernt und anderes erweitert oder ästhetisch verändert. Hunderte von Millionen Dollar fliessen in solche Bauprojekte, bis ein mehrstöckiges Einkaufsparadies aus Glas, Licht und Chromstahl dasteht, ein Bauwerk, das modernste Architektur atmet, und an Exklusivität und Eleganz nicht zu überbieten ist.

Es liegt auch in der Natur der Sache: Hat man die Chance sein eigenes Ladengeschäft in einem solchen Neubau oder Erweiterungsbau zu realisieren, reissen kleinste Versäumnisse und Verspätungen an den Nerven. Mit der Inbetriebnahme sind zudem unzählige Auflagen verbunden und gastronomische Betriebe müssen Dutzende von zusätzlichen Vorgaben erfüllen. Ich regte mich manchmal tödlich auf, denn jede noch so kleine Unachtsamkeit konnte Bussen in astronomischen Höhen nach sich ziehen. Beim Grossprojekt Bugis agierte der Bauleiter zudem derart überfordert, dass er nicht einmal mehr telefonisch zu erreichen war und auch physisch durch Abwesenheit glänzte. Ich übernahm vorübergehend seinen Job und lernte viel. Zuvor galt es die Betriebsbewilligung der NEA (National Environment Agency) zu erhalten. Ohne deren Stempel eröffnet in Singapur kein Restaurant. Diese Agentur prüft, ob alle Vorschriften beim Umbau eingehalten wurden. Ein falsch verlegtes Kabel oder ein Kühlgerät ohne zweites Thermometer genügten, um durchzufallen. Wer nicht bestand, musste zwei Tage vor Eröffnung nochmals ein Untersuchungsverfahren über sich ergehen lassen und wer erneut durchrasselte, konnte selbst zusehen, wie er weiterkommt. Ich war mächtig stolz, denn meine Gelateria Italia war die erste und einzige Location auf dieser Grossbaustelle, die den Stempel auf Anhieb erhielt!

Eine Woche später fand die grosse Eröffnungsfeier statt. Die Angestellten, in properen T-Shirts, auf den Köpfen kleine weisse Strohhüte, die an Borsalino erinnerten, hätte man für Mitarbeiter einer Eisdiele in Neapel halten können. Wir wurden einmal mehr überrannt und die Leute standen bis tief in die Nacht hinein Schlange. Bald verbuchte die Mall pro Monat tatsächlich vier Millionen Besucher. Eine gigantische Zahl. Ich dachte: Was für eine Chance, was für ein Verlust, hätte ich diese Location nicht übernommen. Mit unserer prominent platzierten Eck-Lokalität an bester Lage erlangten wir Berühmtheit in der ganzen Stadt und entsprechend viel Aufmerksamkeit: Soziale Medien berichteten über uns, aber auch Zeitungen und lokale Fernsehstationen. Aus der Mini-Marke, mit der ich startete, war ein wertvoller und hipper Brand geworden Am Ende des Eröffnungstags hatten wir für rund 8’000 Singapur-Dollar Eiskugeln gedreht und verkauft. Ich war endgültig zurück im Rennen: Als «King of Gelato» aus Singapur!

Eine rebellische Jugend

Wer hätte gedacht, dass aus mir ein erfolgreicher Unternehmer wird, jedoch auch ein glücklicher Ehemann und Familienvater? Mein Grossvater! Er traute mir alles zu und in diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an das Weihnachtsfest im Jahr 1987. Ich war siebzehn Jahre alt und verkörperte nicht gerade das, was man von einem wohlerzogenen Jungen aus gutem Haus erwartet hätte. Als Jugendlicher wollte ich die Welt verändern, wollte anders sein und machte jede Menge Ärger. Das Gefühl nicht in ein bürgerliches Dasein zu passen, entsprach meinem umtriebigen Charakter, war aber auch dem Wunsch nach Aufmerksamkeit geschuldet, wie ich heute weiss. Sicherheit und Geborgenheit: Beides fehlte mir in meiner Kindheit mit Eltern, die sich scheiden liessen, mit einem Vater, der als Unternehmer vielbeschäftigt war, und einer Mutter, die zwar ihr Bestes gab, bisweilen aber doch arg gefordert, zeitweise auch überfordert war.

Bereits als 12-Jähriger war ich oft emotional komplett auf mich allein gestellt. Ich lebte in einem separaten Mansardenzimmer, das Bestandteil des Appartements meiner Mutter war. Da meine Behausung über einen separaten Schlüssel und Eingang verfügte, agierte ich allerdings autonom. Während meine Mutter und meine Schwester zusammen eine Frauen-WG bildeten, trug meine vermeintliche Freiheit nicht zu meinem Glück bei.

Ich konnte tun und lassen, was immer ich wollte. Meine Mutter kam mit ihrer Arbeit und der Situation als alleinerziehende Mutter oft an ihre Grenzen während ich Halt suchte und einen Vater vermisste, der mir auch einmal die Grenzen aufzeigen konnte. Obwohl ich tun uns lassen konnte was ich wollte, oder gerade deswegen, fühlte ich mich oft einsam, versuchte die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken in dem ich einen Lebenswandel führte, der nicht meinem Alter entsprach und oft auch die Grenzen des Erlaubten sprengte. Je älter ich wurde, desto abenteuerlicher wurden meine diesbezüglichen Aktionen. Mein rebellisches und bisweilen anstrengendes Verhalten wurde vordergründig zwar beklagt, es wurde Besserung verlangt, was mich aber in meiner rebellischen Phase der Jugend wenig beindruckte. Meine Mutter war zu stark mit sich selbst beschäftigt als das sie mir ernsthaft hätte Einhalt gebieten können.

Bereits als Jugendlicher ahnte ich, dass man die wirklich wichtigen Dinge nicht im Klassenzimmer oder im Hörsaal lernt. Ich wollte meine intellektuelle Energie und Neugierde anders ausleben, Erfolg haben und mir alle Facetten der Existenz einverleiben, kurz: Ich wollte Vollgas geben. Ein kleines Detail stand meinem Träumen im Weg; konkret wusste ich nicht, wie ich meine Ideen umsetzen sollte. In der Folge machte ich erst mal gar nichts. «Chill your life», wie meine Tochter heute ab und an sagt, entsprach mir dieser Satz als allumfassendes Lebensgefühl. Als 13-Jähriger rauchte ich Cannabis, in späteren Jahren glaubte ich, dass mir Drogenerfahrungen psychedelischer Art zu jenen Einsichten und jener Ruhe verhelfen, die mir so schmerzlich fehlten. Heute denke ich über dieses Thema ganz anders und bin sicher, dass auch weiche Drogen in diesem jungen Alter verheerende geistige Zerwürfnisse mit sich bringen können.

Hin und wieder griff mich die Polizei auf und chauffierte mich nach Hause. Je einsamer ich wurde, desto wilder wurde mein Benehmen und je öfter mich die Polizei nach Hause brachte, desto grösser wurden die Distanz und das Unverständnis in der Familie. «Diesem Jungen ist einfach nicht zu helfen», lautete nun der Tenor. Ich war ratlos und wusste nicht, dass ich eigentlich nur auf der Suche war: nach Liebe, Anerkennung und wohl auch der Fürsorge meines Vaters.

Die Schule blieb eine einzige Tortur: für alle Beteiligten. Aufsässig, umtriebig und unruhig, darf man mich mit Fug und Recht als Horror jedes Lehrers bezeichnen. Ich hatte es zwar irgendwie bis in die achte Klasse geschafft, meine Schulzeit allerdings in zwölf verschiedenen Schulhäusern verbracht, was dazu führte, dass ich keine Freundschaften mit anderen aufbauen konnte, allein blieb, mich auch so fühlte. Bald trieb ich mich tagsüber und am Abend in der Stadt herum, fand falsche Kollegen, wiederholte verschiedene Klassen und verabschiedete mich schliesslich, knapp 15-jährig, vom Schulbetrieb.

Meine Kindheit löste eine grosse Orientierungslosigkeit aus. Während andere mit einer guten Ausbildung in der Tasche in ein stabiles Berufsleben starteten, lebte ich ziellos in den Tag hinein und als ich endlich realisierte, dass es so nicht weitergehen kann und umzusetzen begann, was zu meinem Motto wurde – «Übernimm Verantwortung für Dein Leben!» – musste ich mir alles sehr hart erkämpfen. Ein Kämpfer bin ich geblieben, ein Mensch, der das, was er tut, mit ganzer Kraft macht, sich von Rückschlägen und Misserfolgen nicht unterkriegen lässt und vorwärtsstrebt.

Ein Schlüsselerlebnis war die Weihnachtsfeier 1987. An diesem Abend hatte ich es wenigstens pünktlich zur Weihnachtsfeier geschafft. Die Freude über mein Erscheinen war trotz widriger Umstände gross. Dass sein Enkel im Polizeiauto vorfuhr und vor der Villa abgeladen worden war, nahm das Familienoberhaupt – mein Grossvater – wortlos zur Kenntnis. Der grosse schwere Eichentisch, den ich später als eines der wenigen Stücke von meinem Grossvater erbte, war festlich gedeckt. Iwan Rebroffs sonore Stimme erklang aus dem Radio. Meine Grossmutter musste seit Tagen in der Küche gestanden haben, Köstlichkeiten jeglicher Art wurden aufgetischt. Über einen Adelstitel verfügten die Grosseltern nicht, das Haus, das sie bewohnten, glich aber einem prachtvollen Herrenhaus. Mein Grossvater hatte es im Verlauf seines Lebens zu ansehnlichem Vermögen gebracht und galt in seinen Kreisen als angesehene Figur. Erhaben thronte der Beweis, dass man viel erreicht und in der feinen Berner Gesellschaft seinen Platz gefunden hatte, über der Stadt. Eingerichtet mit antiken Möbeln und Kunst, verströmte das Interieur eine elegante und doch behagliche Atmosphäre. Wie immer sass Grossvater am Kopfende des Tischs. Der kostbare Rotwein floss in Strömen, die Stimmung wurde immer besser. Er war das unumstrittene Oberhaupt der Familie und mit seiner Bassstimme verschaffte er sich, auch ohne laut zu werden, jederzeit Respekt.

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