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Fremd in der Heimat

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Forschungserkenntnisse: die polnische Forschung und die „deutschen Themen“

1.1.1 Einfluss der „Heimat-Debatten“ in der DDR und in der BRD auf die Rekonstruktion des subjektiven und kollektiven Heimat-Narrativs

1.2 Methodische Konzeption der Untersuchung

1.3 Quellenkritik: Das Arbeiten mit „Heimatblättern“

1.4 Narrative Interviews als ergänzende Perspektive

1.5 Aufbau der Arbeit

2. Von der „Landnahme“ zur angestrebten Verschmelzung der „Neuen Gebiete“ mit Zentralpolen

2.1 Die politischen Konzepte für Nachkriegspolen im Untergrund und im Exil

2.1.1 Die Westverschiebung Polens

2.1.2 Die Ostgrenze Polens

2.1.3 Potsdamer Konferenz

Exkurs: „Unsere Friedens- und Freundschaftsgrenze an der Oder und Lausitzer Neiße“ – Die DDR und die deutsch-polnische Grenze

Die Bundesrepublik Deutschland und die Oder-Neiße-Grenze

2.2 Die „Frage der deutschen Bevölkerung“

2.2.1 Im Exil und im Untergrund

2.2.2 Die Polnische Arbeiterpartei (PPR) und die „Deutsche Frage“

2.3 Gewaltsame Bevölkerungsverschiebungen: Flucht, Evakuierungen, Deportationen und Zwangsaussiedlung der deutschen Zivilbevölkerung

2.3.1 Die Flucht der Deutschen vor der Roten Armee

2.3.2 (Un)koordinierte „Zwangsevakuierungen“ der Deutschen im Rahmen der NS-Räumungspolitik

2.3.3 Deportationen der deutschen Zivilbevölkerung in die UdSSR und in die Ukraine

Exkurs: Verschleppung der „zur Zwangsarbeit verpflichteten“ Deutschen aus der SBZ in die UdSSR

2.3.4 Die „wilden“ und die „koordinierten“ Zwangsaussiedlungen der deutschen Bevölkerung

2.3.5 Anzahl der Deutschen in den neuen polnischen Gebieten nach

3. Nachkriegsniederschlesien – multinational und multiethnisch

3.1 Die Migrationspolitik der II. Republik Polen (1918/19-1939): Regulator sozioökonomischer und nationaler Spannungen

3.2 Ausgangslage: Polen nach dem Zweiten Weltkrieg

3.2.1 Kriegszerstörungen und personelle Verluste unter deutscher Besatzung

3.2.2 Personelle und materielle Verluste unter sowjetischer Besatzung

3.2.3 Besiedlungskonzepte der Warschauer Regierung

3.3 Ansiedlung als Regulator sozialer und ökonomischer Herausforderungen

3.3.1 Das PPR-Konzept: „Ansiedlung als soziale Massenbewegung“

3.3.2 Das „Zurückhalten“ der deutschen Fachkräfte in Polen

3.3.3 Rückholung polnischer Arbeitsmigranten aus dem Ausland

3.4 Ansiedlungskonzept mit ideologischem Charakter

3.4.1 Zwangsaussiedlung aus der Sowjetunion und deren neu-annektierten Gebieten als „Legitimationsgrundlage“ für die Politik der PPR

3.5 Besiedlungspolitik und nationale Spannungen

3.5.1 Zwangsumsiedlungen im Rahmen der „Operation Weichsel“

3.6 Die Zusammensetzung der Bevölkerungsgruppen in den neuen Gebieten nach Abschluss der staatlichen Aus-, Um- und Besiedlungsaktionen nach

4. Die „Formung“ einer neuen Gesellschaft in Niederschlesien

4.1 Polnische Nationalitätenpolitik in den ersten Nachkriegsjahren

4.2 Der Krieg und seine Folgen

4.2.1 Das sozioökonomische und kulturelle Kapital der polnischen Neusiedler.

4.2.2 Die „Pioniere“ beim Aufbau Polens

4.3 „Wir besitzen zwar noch die Heimat aber sie gehört uns nicht mehr“ – Die „zurückgehaltenen“ Deutschen in Niederschlesien

4.3.1 Was ist Heimat?

4.3.2 Der Status der deutschen Bevölkerung im Nachkriegsniederschlesien

4.3.3 Soziale Beziehungen zwischen Deutschen und polnischen Neusiedlern

5. Aufbau des Sozialismus in Polen – Die machtpolitische Herrschaftssicherung der PPR/PZPR

5.1 Aufbau des Terrorapparates 1944-1956

5.1.1 Die kommunistischen Lager in Polen nach

5.1.2 Die Justizvollzugsanstalten im Nachkriegspolen

5.1.3 Das kommunistische Repressionssystem und die deutsche Bevölkerung

5.1.3 Das kommunistische Repressionssystem und die deutsche Bevölkerung

5.1.3.1 Die deutschen Gefangenen in den Justizvollzugsanstalten

5.1.3.2 Amnestiegesetze

5.2 Wirtschaftspolitik im sozialistischen Polen

5.2.1 Steinkohlegruben

5.2.1.1 Arbeitsproduktivität und Arbeitskräfte in den Kohlengruben

5.2.1.2 Die sozioökonomische Lage der deutschen Fachkräfte nach

5.2.2 Der Wandel der staatlichen Politik gegenüber dem Handwerk

5.3 Landwirtschaft – Bodenreform und Kollektivierung

5.3.1 Die deutschen Landwirte und Arbeitskräfte im Nachkriegspolen

5.4 Kirchenpolitik in Polen nach

5.4.1 Die deutschen christlichen Kirchen im Nachkriegspolen

5.4.2 Die deutsche „Lektorenkirche“ in Niederschlesien nach

Exkurs: Die „Aussiedlungsaktion X-2“ – Deportationen der deutschen Ordensschwestern

6. Das sozialistische Paradox – „Autonomie“ in Bildung und Kultur

6.1 Das Bildungswesen in Polen

6.2 Das deutschsprachige Schulwesen

6.2.1 Der „geheime Unterricht“ von 1945 bis

6.2.2 „Vom geheimen zum offiziellen Unterricht“ – Die deutschsprachigen Grund- und Berufsschulen in Niederschlesien

6.3. Die polnische Kulturpolitik

6.3.1 Die deutschen Verbände und kulturellen Ensembles

Exkurs: „Deutsch-Polnische Gesellschaft für Frieden und gute Nachbarschaft“ 1948-1952

6.3.2 Die deutschsprachige Presse

6.3.3 Die deutschen Bibliotheken

7 Aussiedlungen (1948-1959)

7.1 Aussiedlungen in die Deutsche Demokratische Republik und in die Bundesrepublik Deutschland 1948-1954

7.2 Aussiedlungen in die DDR und in die BRD in den Jahren 1955-1959

8. Fazit

Danksagung

Abkürzungsverzeichnis

Quellen und Literatur

Primärquellen

Archivquellen

Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Wir besitzen zwar noch die Heimat aber sie gehört uns nicht mehr, sie ist wie ein Kadaver, der langsam zerfällt, an dem das Ungeziefer einer zerstörenden Epoche nagt. […] Was uns bleibt, ist der Wille, ohne Hass zu überwinden, die Wunden in unseren Herzen zum Vernarben zu bringen.“1

Diese Worte schrieb im Jahre 1953 eine deutsche Niederschlesierin, die wie Tausende andere Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg von der Zwangsaussiedlung ausgenommen wurde und in der Volksrepublik Polen zurückblieb. Wer waren diese Deutschen, und warum sind sie nach 1945 in „ihrer niederschlesischen Heimat“ geblieben? Die Antwort auf diese Frage ist komplex und ruft nach wie vor – bei den Betroffenen selbst, in der Öffentlichkeit und in der Forschung – kontroverse Debatten hervor.

Die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz im Jahre 1945 bildeten die Basis für eine neue Nachkriegsordnung in Europa, dazu gehörten territoriale Veränderungen der europäischen Staaten. Polen betraf dies in besonderem Maße, denn infolge der Westverschiebung der Staatsgrenzen entstand nach 1945 eine gänzlich neue territoriale Konstellation im Vergleich zu Vorkriegspolen. Oberschlesien war nicht länger eine deutsch-polnische Grenzregion und rückte an Zentralpolen heran. Hingegen wurde das ehemalige deutsche niederschlesische Gebiet dem polnischen Staat einverleibt und zu einer deutsch-polnischen Grenzregion.

Zu den weiteren Ergebnissen der Potsdamer Konferenz zählten neben den massenhaften und gewaltsamen Bevölkerungsverschiebungen auch die Etablierung neuer politischer Systeme in Ost- und Mitteleuropa. Bei der Konsolidierung der neuen politischen Systeme, die nach 1945 in der sowjetischen Einflusssphäre standen, lag dem Politikwissenschaftler Zbiegniew Brzeziński zufolge das Hauptaugenmerk darauf, die Macht der einheimischen Kommunisten zu etablieren. Mit der Machtübernahme der kommunistischen Regime begannen die jeweiligen Staaten eine Diktatur des Proletariats zu errichten.2 Die Etablierung sozialistischer Systeme in Ost- und Mitteleuropa war, so der Dresdner Osteuropahistoriker Karl Heinz Gräfe, eine Reaktion darauf, dass man im kapitalistischen System der Vorkriegszeit die Wurzel für NS-Terror und Völkermord meinte identifiziert zu haben. So zeigte sich in der Nachkriegszeit in Osteuropa die Tendenz, den Kapitalismuszum Inbegriff allen Übels zu erklären und auf diesem Fundament den Sozialismus aufzubauen.3 Mit der Machtergreifung der kommunistischen und sozialistischen Parteien wurden in den Ostblockstaaten innenpolitische Programme erarbeitet, die auf nicht weniger als eine radikale Umgestaltung der politischen und sozioökonomischen Systeme der Vorkriegszeit abzielten. Mit Blick auf Polen hatte die Einbindung in den sowjetischen Machtbereich einen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen (Zwangs-)Umbau des Staates zur Folge. Die geisteswissenschaftliche Forschung verwendet den Begriff von der „Sowjetisierung“ Polens, um einen Prozess zu beschrieben, der unter anderem eine umfassende Verstaatlichung der Industrie, Sozialisierung der Landwirtschaft und eine Übernahme sowjetischer Kultur- und Bildungsideale impliziert; überdies beschreibt der Begriff den Aufbau eines Terrorapparates zur „Verstärkung des Klassenkampfes, nicht nur gegen die […] feindlichen Klassen, sondern auch zur Entlarvung der Feinde, die in die kommunistische Bewegung eingedrungen waren“4. Von diesem Wandel im Nachkriegspolen, der schrittweise alle Lebensbereiche erfasste, war die gesamte Bevölkerung betroffen, die auf dem Territorium des polnischen Staates lebte, darunter die deutsche Restbevölkerung, die nach 1945 in Polen zurückgehalten wurde.

Obwohl die Zwangsaussiedlung der Deutschen aus Polen für den polnischen Staat – mit internationaler Zustimmung – eine durchaus willkommene Lösung des „deutschen Problems“ darstellte, weil die polnische Regierung die Anwesenheit der deutschen Bevölkerung im Nachkriegspolen sowohl als ein Hindernis für die angestrebte ethnische Homogenisierung des Staates als auch als eine Bedrohung für die Legitimationsansprüche in den neuen Gebieten betrachtete, hatte sie von einer „umfassenden und vollständigen“ Zwangsaussiedlung (bezwzględne wysiedlenie) der Deutschen abgesehen. Ausschlaggebend dafür war die Konfrontation mit der Nachkriegsrealität. Die Zerstörung großer Teile der polnischen Wirtschaft und ein eklatanter Fachkräftemangel machten es unabdingbar, die deutschen Fachkräfte und Spezialisten „zurückzuhalten“, und sie für den wirtschaftlichen Aufbau Polens einzusetzen. Somit war der Ausschluss Tausender deutscher Fachkräfte von der Aussiedlung weitgehend auf wirtschaftliche Interessen Polens zurückzuführen. Beiden „zurückgehaltenen“ Deutschen handelte es sich vorwiegend um Fachkräfte und Spezialisten aus Industrie und Bergbau. Ihr jeweiliger Status innerhalb der polnischen Grenzen variierte dabei zu unterschiedlichen Zeiten.

Während der Zeitperiode des Aufbaus (1945-1948) waren die Belange der deutschen Bevölkerung den staatlichen Interessen untergeordnet. Insbesondere die noch sehr unmittelbare Konfrontation mit der NS-Besatzungspolitik beeinflusste stark den Umgang des polnischen Staates und der polnischen Zivilbevölkerung mit der deutschen Bevölkerung im Nachkriegspolen. Die polnische Nationalitätenpolitik gegenüber der deutschen Bevölkerung war in den ersten Nachkriegsjahren auf gesellschaftliche Isolierung und Unterdrückung ausgerichtet und führte zu einem rechtlosen Status der Deutschen. Darüber hinaus war die deutsche Bevölkerung institutioneller Diskriminierung durch staatliche Institutionen (z.B. im Bildungsbereich, auf dem Arbeitsmarkt und im Gesundheitswesen) ausgesetzt.

Erst mit der Verkündung des Aufbaus des Sozialismus, der parallel zur „Stalinisierung“ Polens (1948-1956)5 verlief – d.h. mit der Angleichung nahezu aller gesellschaftlichen Sphären an das sowjetische Vorbild –, trat eine Kehrtwende in der polnischen Nationalitätenpolitik gegenüber der deutschen Bevölkerung ein. Die Ausrichtung des Staates auf den Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaftsordnung führte zu einem grundlegenden Politikwandel gegenüber ethnischen und nationalen Bevölkerungsgruppen in Polen.

Die Entschärfung restriktiver staatlicher Vorschriften eröffnete für die deutsche Bevölkerung bis dahin ungekannte kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten, schaffte die seit Kriegsende bestehende gesellschaftliche Diskriminierung der Deutschen ab und gewährte ihnen eine Gleichstellung im polnischen Staat. Hinter der Parole der „Beschleunigung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung“ des Landes verbarg sich jedoch die Einbindung und Mobilisierung der Deutschen – wie auch der polnischen Bevölkerung – zum Zwecke der „Verwirklichung der großen Ideale des Sozialismus“.6 Blickt man jedoch hinter die Grundrechtsfassaden des Sozialismus, so offenbart sich eine Wirklichkeit, die durch Verletzungzentraler Grundrechte gekennzeichnet war. Dazu zählten etwa die harschen Einschränkungen in den Bereichen Meinungsfreiheit und Menschenrechte, bei der Religionsausübung sowie bezüglich der Verfolgung von Regimegegnern. Die über eine Dekade in Polen verbliebenen Deutschen erlebten nicht nur den Aufbau des durch den Krieg zerstörten Staates, sondern auch die Etablierung des sozialistischen Systems.

In dieser Arbeit soll es darum gehen, zu analysieren, wie sich die deutsche Zivilbevölkerung an die Zeit zwischen 1945 und 1958 in Polen erinnert. Diese Erinnerungen stellen eine grundlegende Basis für folgende Forschungsfragen dar: War im Alltagsleben der deutschen Niederschlesier in Polen eine Übernahme sozialistischer Werte zu erkennen? Identifizierten sie sich mit dem neuen polnischen sozialistischen Staat bzw. dem neuen Dolny Śląsk/Niederschlesien?

1.1 Forschungserkenntnisse: die polnische Forschung und die „deutschen Themen“

Die Konstituierung des polnischen Staates nach 1945 war zum einem von seiner neuen geopolitischen Lage und zum anderen von seiner Bevölkerungspolitik geprägt. Die enormen demographischen Verschiebungen durch Flüchtlingsströme, Zwangsaussiedlungen und Neuansiedlungen führten zu radikalen Veränderungen in der Bevölkerungszusammensetzung.

Bereits Ende der 1940er Jahre wurden die ersten soziologischen Untersuchungen durchgeführt, die vor dem Hintergrund des sozialen, kulturellen, religiösen und ökonomischen Kapitals der Neusiedler, den Verlauf ihrer Assimilation in der „neuen Heimat“ sowie die Entstehung neuer gesellschaftlicher Bezugssysteme (z.B. Familien, Nachbarschaften) analysierten. Federführend auf diesem Gebiet war das im Jahre 1945 gegründete Posener Westinstitut, dem Zygmunt Dulczewski, Kazimierz Żygulski, Andrzej Kwilecki und Władysław Markiewicz angehörten, sowie die Wissenschaftler der Warschauer Universität Stanisław Ossowski und Stefan Nowakowski.

Die aus der Zeit vor der politischen Wende von 1989 stammenden Untersuchungen orientierten sich nicht selten, hierauf verweist die polnische Historikerin Beata Halicka, an den staatlichen Vorgaben und waren darauf angelegt, die „Erfolgsgeschichte von der Entstehung einer Gesellschaft neuen Typs sowie eine erfolgreiche Inbesitznahme der „wiedergewonnenen Gebieten“ zu untermauern“.7 Die wirtschaftlichen Misserfolge und die allgemeine Desillusionierung der Neusiedler über die politischen und sozioökonomischen Verhältnisse im Nachkriegspolen wurden dahingegen weitgehend ausgeblendet. Erst seit den 1990er Jahren, nach der Öffnung der Archive, begann die polnische Historiographie, eine kritische Forschung zu betreiben. Die polnischen Neusiedler wurden erneut zum zentralen Gegenstand der polnischen Forschung, diesmal frei von Erinnerungsvorgaben „von oben“. Trotz des steigenden Interesses an der Thematik sind wissenschaftliche Übersichtsstudien zu Migration und Assimilation der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in den neuen Gebieten weiterhin rar. Eine Pionierarbeit leistete Beata Halicka mit ihrer 2013 veröffentlichten Habilitationsschrift „Polens wilder Westen“. In der Monographie schildert sie den Prozess der Ansiedlung, der unter anderem die kulturelle Aneignung des Oderraums durch die polnischen Umsiedler, zurückgekehrte Zwangsarbeiter und „Repatrianten“, beinhaltete. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Westverschiebung Polens eine tiefgreifende Umstrukturierung des gesellschaftlichen Lebens bis hin zur Zerstörung der alten „familiären und nachbarschaftlichen Bindungen“ zur Folge hatte. Ein tiefes „Fremdheitsgefühl“, konstatiert die Historikerin, war bei den Neusiedlern allgegenwärtig, es beeinflusste den Existenzaufbau und erzeugte Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

Mit Blick auf die deutsche Bevölkerung ist festzustellen, dass, obwohl sich die polnische Forschung in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit dem Assimilationsprozess der divergenten Bevölkerungsgruppen in den neuen Gebieten beschäftigte und ihn in vielen Facetten untersuchte8, in dieser Zeit nicht eine soziologische Studie erschienen ist, die sich mit der Assimilation der „zurückgehaltenen“ Deutschenin der für sie fremd gewordenen Heimat beschäftigte. Wie lässt sich das mangelnde Forschungsinteresse bis in die 1990er Jahre erklären?

Eine mögliche Erklärung hierfür könnte die Ausrichtung des staatlich verordneten Erinnerungsdiskurses liefern. Die polnische Historiographie ist sich weitgehend einig, dass der polnische Staat in der kommunistischen Ära eine Monopolisierung des kulturellen Gedächtnisses anstrebte und die Rolle des Konstrukteurs kollektiver Erinnerungs- und Vergessenspolitik einzunehmen versuchte. Der staatliche Erinnerungsdiskurs zielte darauf, „politisch Unerwünschte“ anzuprangern und sie aus dem nationalen (polnischen) Bewusstsein zu verdrängen.9

Dem standen die Erinnerungsnarrative der polnischen Kirche und Künstler (Schriftsteller, Filmregisseure) gegenüber. Diese nicht-staatlichen Akteure versuchten ihr eigenes Erinnerungsnarrativ zu konstruieren, das die unabhängige, heroische polnische Nation durch die Anknüpfung an die Tradition der Zweiten Republik Polen hervorhob und sich somit gegen die Unterwerfung unter das sowjetische System wendete.10

Einigkeit bestand unter den Akteuren – Staat, Kirche, Künstler – weitgehend in der Selbstdarstellung Polens als Opfer der nationalsozialistischen Besatzung. Dabei wurde das bisherige negative Stereotyp vom Deutschen als Erzfeind, das durch die Erfahrung mit der deutschen Besatzungszeit noch gefestigt worden war, um eine neue Dimension des polnischen Opfermythos ergänzt. Mit Blick auf die deutsche Bevölkerung, konstatierte der Historiker Marcin Kula, sei eine neue Dynamik von staatlich verordneten Erinnerungsverboten und Vergessensgeboten entstanden, die sich in der Verdrängung unerwünschter Aspekte, darunter etwa die Zwangsaussiedlung oder auch nur die Anwesenheit der deutschen Bevölkerung im Nachkriegspolen manifestierte. Die gezielte Modellierung eines kollektiven Erinnerungsdiskurses hatte zur Folge, dass bis in die 1990er Jahre, wie der Historiker Włodzimierz Borodziej feststellte, in der polnischen Öffentlichkeit das Schicksal der vertriebenen Deutschen

„eine Randerscheinung [war], die allmählich verschwindet, und man verspürt überhaupt keine Notwendigkeit, auf das Problem zurückzukommen“.11

In diesem Zusammenhang stellt sich folgende Frage: In welchem Ausmaß war der „Komplex der Vertreibung“12 in der polnischen öffentlichen Erinnerungspolitik in der Zeit der kommunistischen Ära (1945-1989) in Polen präsent? Diesem Aspekt widmete sich Jerzy Kołacki in seiner 2012 erschienenen Monographie „Schmerzhafte Punkte der Geschichte“. Der Historiker hatte nachgewiesen, dass der „Komplex der Vertreibung“ sowohl von der Öffentlichkeit als auch in den wissenschaftlichen Publikationen seit 1945 thematisiert wurde. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema beinhaltete jedoch „antideutsche und ideologische“ Aspekte, und zielte darauf, die staatliche Politik zu unterstützten, indem die „Darstellung der Geschehnisse nach politisch erwünschten Vorgaben bei einer gänzlichen Negierung bis hin zur Verdrängung der Sicht der anderen [deutschen] Seite“ erfolgte.13

Erst nach dem Systemwechsel von 1989 setzte sich die polnische Historiographie kritisch und intensiv mit den „Deutschen“ auseinander und brachte eine Vielzahl fundierter Studien hervor.14 Dennoch besteht nach wie vor in der Forschung ein Desiderat auf der Bottom-up-Ebene, die die Perspektive der in Polen verbliebenen Deutschen auf den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel Niederschlesiens im Zeichen des Aufbaus des Sozialismus schildert.

Die Rekonstruktion der subjektiven und kollektiven Erinnerungsnarrative, die unter Zuhilfenahme von autobiographischen Berichten und Interviews erfolgte, die einige Jahre bis Jahrzehnte nach der Ankunft der Aussiedler in der BRD oder in der DDR verfasst und durchgeführt wurden, legt es nahe, auch die äußeren Faktoren zu berücksichtigen, die auf die Rekonstruktion der eigenen Erinnerungen und Haltungen einen relevanten Einfluss genommen haben. Damit sind kollektive Diskurse und Debatten gemeint, die im Zuge politischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen entstanden sind und in der Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft geführt wurden. Die in der DDR und BRD geführten „Heimat-Debatten“, die sich bald in den neu konstituierenden deutschen Staaten herauskristallisierten, beeinflussten über Jahrzehnte hinweg nicht nur kollektive Erinnerungsprozesse, sondern auch die Mentalität und die individuellen Erinnerungen der deutschen Aussiedler seit ihrer Ankunft in einem der beiden Staaten.

1.1.1 Einfluss der „Heimat-Debatten“ in der DDR und in der BRD auf die Rekonstruktion des subjektiven und kollektiven Heimat-Narrativs

Infolge der polnischen Aussiedlungspolitik der 1950er Jahre kamen die deutschen Aussiedler in die BRD und DDR. Angesichts der zugespitzten politischen Verhältnisse in Europa Ende der 1940er Jahre, die im Kalten Krieg mündeten und jegliche Kontakte der ausgewanderten Deutschen zu ihrer „alten Heimat“ verwehrten bzw. – wie im Falle der deutschen „Umsiedler“ in der DDR – erheblich erschwerten, konnten die Betroffenen ihre Erinnerungen an die alte Heimat nur noch auf verbaler und symbolischer Ebene kultivieren. Mit Blick auf die BRD arbeitete der Historiker Michael Schwartz heraus, dass, obwohl die Integration der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen auf sozioökonomischer Ebene von der Bundesregierung als „vollzogen“ betrachtet wurde, sich „hinter der Erfolgsgeschichte“ auf der emotional-psychischen Ebene „mannigfaltige individuelle Verletzungen“ unter den Betroffenen verbargen, die auf die eine oder andere Weise mit dem Heimatverlust im Zusammenhang standen.15 Die verlorene Heimat ragte als wirkmächtiges Projektionsfeld der Sehnsucht nach Restituierung des Vergangenen empor,ihren Ausdruck fand diese Sehnsucht im umfangreichen Heimatschrifttum, der Entstehung von unzähligen Heimatstuben, der völkischen Traditionspflege sowie in den Heimattreffen.16 Die Heimatstuben-, -briefe und -blätter, Gegenstände und Fotoalben wirkten für die Erlebnisgeneration identitätsstiftend bei der Erhaltung und Konstituierung eines gemeinsamen Erinnerungsdiskurses an die verlorene Heimat.17

Im Unterschied zur Bundesrepublik hatte die SED-Diktatur die „Umsiedlungspolitik“ – die de facto auf eine Zwangsassimilation hinauslief – zum Erfolgsnarrativ sowohl nach innen als auch gegenüber der BRD auserkoren und die Debatten um den verlorenen Osten und die Vertreibung aus dem öffentlichen Diskurs zu überlagern versucht. Die verordnete Tabularisierung hinderte die Öffentlichkeit in der DDR jedoch nicht daran, das Thema punktuell künstlerisch und literarisch aufzugreifen. So verweist etwa der Dresdner Volkskundler Sönke Friedreich darauf, dass bis in die 1960er Jahre hinein der offiziellen Auffassung der SED von einer gelungenen Integration der Umsiedler in der DDR ein latenter Widerstand der Betroffenen gegenüberstand. Dieser manifestierte sich in den Hoffnungen der „Umsiedler“ auf eine Revision der deutsch-polnischen Grenze und somit auf eine Rückkehr in die alte Heimat.18

In diesem Zusammenhang darf ein Hinweis auf die Vertriebenenverbände in der DDR nicht fehlen, die als Lobbyorganisationen der geflüchteten und zwangsumgesiedelten Deutschen fungierten und das offizielle Erinnerungsnarrativ durchaus beeinflussten. Die „Vertriebenen-Selbstorganisationen“ in der DDR hatten, wie Michael Schwartz konstatierte, eine doppelte Funktion zu erfüllen: Einerseits dienten sie – freilich mit eingeschränkten Handlungsoptionen – als Interessensvermittler zwischen den deutschen „Umsiedlern“ und der staatlich-institutionellen Ebene. Anderseits fungierten sie als eine nicht unbedeutende „symbolische Repräsentanz der Umsiedler“ auf lokaler und regionaler Ebene.19

Anders als in der DDR20 beteiligten sich die Vertriebenenverbände in der Bundesrepublik Deutschland, die seit Anfang der 1950er Jahre in die bundesrepublikanische Öffentlichkeit und die entsprechenden Debatten hineinwirkten, aktiv an der „Formung“ des Erinnerungsnarrativs über die verlorene Heimat. Die Verbände fungierten hier als Interessenvertreter von Millionen deutscher Flüchtlinge, Vertriebener und Aussiedler und übten einen wesentlichen Einfluss auf Politik und Öffentlichkeit aus. Ihr Aufgabenspektrum reichte von kulturellen und sozialen Belangen bis hin zu rechtlichen Fragen der Familienzusammenführung und des Lastenausgleichs. Die kategorische Ablehnung der Oder-Neiße-Grenze sowie die Forderung nach Anerkennung des „Rechts auf Heimat“ gehörten seit der Gründung der Verbände zu ihrer dauerhaften Rhetorik, die später um die Rechtswidrigkeit von Annexion und Vertreibung ergänzt wurde. Zudem propagierten die Vertriebenenverbände einen unreflektierten Antikommunismus – bzw. einen „Anti-Polonismus“ –, der sich etwa mithilfe von Anspielungen auf persönliches Leid während der Vertreibung oder des Zwangsaufenthalts in Polen schnell emotional aufladen ließ. Das in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen von August 1950 eingeforderte „Recht auf Heimat“ – unter Ablehnung bzw. Verzicht auf eine militärische Gewaltandrohung – beinhaltete die Forderung „nach einer baldigen Rückkehr“ der Deutschen in die alte Heimat. Dieser Anspruch avancierte in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zum zentralen Anliegen der Vertriebenenverbände und der westdeutschen Politik und fiel in die Zeit, in der Tausende von Deutschen aus ihrer schlesischen Heimat aussiedelten.

1.2 Methodische Konzeption der Untersuchung

Die Herangehensweise bei der Untersuchung der gestellten Forschungsfrage besteht in der Rekonstruktion der (Nachkriegs-)Geschichte – d.h. in der Rekonstruktion des Erinnerns und Vergessens des Erlebten, Erzählten und Geschriebenen, wobei sowohl schriftliche als auch mündliche Quellen ausgewertet wurden. Einsolches Vorhaben muss aus zweierlei Gründen unvollkommen bleiben: Zum einen wegen der Unmöglichkeit, alle vorhandenen Quellen zu erschließen und auszuwerten und zum anderen unterliegt die subjektive Wahrnehmung eines jeden Menschen bei der Produktion von Narration (Erinnerungen) immer dem Einfluss von äußeren Faktoren. Die individuelle Geschichte, die als erinnerte Vergangenheit in der Gegenwart erzählt oder geschrieben wird, wird retrospektiv reflektiert, uminterpretiert, auch die erzählten oder niedergeschriebenen Ereignisse werden umgedeutet, mitunter verdrängt. Die Produktion der eigenen Lebensgeschichte (Erinnerungsberichte, Memoiren, Zeitzeugeninterviews), mündliche wie schriftliche, wird von einem kollektiven Erinnerungsnarrativ vorstrukturiert, wobei die Inhalte der erzählten oder niedergeschriebenen Geschichte entsprechend überformt oder beschwiegen werden. Im Laufe der Zeit wird ein Ereignis von einem Kollektiv thematisiert, aufrechterhalten und kultiviert. Was dabei für das Kollektiv erinnerungsrelevant ist, definiert der jeweilige soziale und politische Bezugsrahmen. Bereits im Jahr 1925 hat Maurice Halbwachs in „Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen“ – in kritischer Auseinandersetzung mit Sigmund Freud – die Prozesse des Erinnerns und Vergessens diskutiert. Danach konstituiert sich das kollektive Gedächtnis in der kommunikativen Interaktion einer Gruppe (z.B. der Familie oder eines Verbandes). Durch die kommunikative Teilhabe in unterschiedlichen sozialen Verbünden erwirbt das Individuum einen Rahmen der Erinnerung. Halbwachs zufolge sind individuelle Erinnerungen, die unser Leben und unsere Persönlichkeit prägen, subjektive Rekonstruktionen, die sich auf diesen sozialen Bezugsrahmen stützen. Sie unterliegen einer Transformation, da sie durch den Filter gesellschaftlicher Sinnbedürfnisse und Wahrnehmungsweisen gehen. Ausgehend von der Annahme, dass es in Kollektiven Rahmenbedingungen des Erinnerns gibt, wäre zu fragen, ob es auch bewusst konservierte soziale Rahmenbedingungen des Vergessens gibt. Die Kulturwissenschaftlerin und Gedächtnisforscherin Aleida Assmann konkludiert, dass das Vergessen mehr als ein Prozess der Verdrängung oder des absichtslosen, unbewussten Ausblendens von Ereignissen, Orten, Dingen, Personen, Normen und Werthaltungen ist. Vielmehr habe man sich diesen Prozess als intendiert vorzustellen, als eine Strategie oder eine Kulturtechnik. Das Vergessen (wie auch das Erinnern) kann ein persönliches, historisches, kollektives oder pathologisches Vergessen sein, meist ist es ein erfolgloser Widerstand gegen die individuelle und kollektive Geschichte. Was an einer Gruppenidentität fehlerhaft oder unangenehm ist, wird vom kollektiven Gedächtnis vergessen und verdrängt. Dabei besteht immer die Gefahr, dass eine manipulierte Verdrängung zur Konstruktion eines verzerrten und verfälschten Bildes führen kann.21

In dieser Arbeit erfolgt die Rekonstruktion der Nachkriegsgeschichte anhand schriftlicher und mündlicher Quellen. Zu den schriftlichen Quellen zählen die Erinnerungsberichte der deutschen Aussiedler, die zum Teil in den Heimatblättern und -zeitungen veröffentlicht sowie in privaten Archiven gesichtet und ausgewertet wurden. Die Erforschung der subjektiven Dimension wurde um sieben autobiographische, narrative Interviews mit deutschen Aussiedlern ergänzt. Die Mikroanalyse wird schließlich um die Makroebene ergänzt: Offizielle Schriftstücke der deutschen Behörden sowie offizielle Berichte der staatlichen und lokalen polnischen Behörden werden in die Untersuchung mit einbezogen. Diese Herangehensweise ermöglicht es, die „Erinnerungen“ der deutschen Aussiedler in einem breiten politischen und gesellschaftlichen Kontext der Jahre 1945 bis 1958 zu verorten, ohne dabei die Exklusivität der deutschen Erinnerungen zu vernachlässigen.

1.3 Quellenkritik: Das Arbeiten mit „Heimatblättern“22

Die ersten Heimatzeitungen wurden zwischen Ende 1948 und 1950 gegründet, in einer Zeit, als die ersten Bestrebungen zu zonalen Zusammenschlüssen der Vertriebenen einsetzten und sich die ersten landsmannschaftlichen Vereinigungen bildeten. Die Heimatbriefe bzw. Heimatblätter, die auf Initiative der deutschen Zwangsumgesiedelten aus dem östlichen Europa gegründet und später unter der Mitwirkung von Aussiedlern mitgestaltet wurden, richteten sich vorrangig an die ausgesiedelte Bevölkerung aus einer bestimmten Region. Da die Heimatblätter und -zeitungen über viele Jahrzehnte hinweg kontinuierlich erschienen, sich an einen begrenzten Personenkreis richteten und auf einer fortwährenden Partizipation der Leser basierten, gewähren sie tiefe Einblicke in die gruppeninternen Diskurse. Darüber hinaus ließen die Redaktionen der Heimatblätter den Kontakt zur alten Heimat nicht abreißen, informierten über die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse dort und berichteten über die gebliebenen oder „zurückgehaltenen“ Landsleute. Zu den wesentlichen Aufgaben der Heimatbriefe- und blätter gehörte die Konservierung des Heimatgedankens, die sich auf Erinnerungen an vergangene Zeiten beschränkte und das Heimatbild idealisierte.

Die biographischen Hintergründe der Publizisten der Heimatblätter und -zeitungen erschienen insbesondere dann relevant, wenn vorrangig vor dem Hintergrund der persönlichen Lebenserfahrung oder Betroffenheit (z.B. als Flüchtlinge, Zwangsumgesiedelte oder Aussiedler) erzählt wurde und sich dadurch bestimmte Muster zeigten. Einerseits beeinflusst der biographische Hintergrund die evaluative und – mal mehr, mal weniger – reflektierte Stellungnahme zu dem Erlebten, anderseits kann der Publizist seine Evaluationen auf einem bestimmten Wissenshintergrund einer Gruppe – z.B. eines Vertriebenenverbandes oder einer Heimatgruppe – gründen. Für diese Arbeit wurden vor allem Erinnerungsberichte aus der Zeitung Waldenburger Heimatbote aus den Jahren 1949 bis 2016 ausgewertet. Zusätzlich wurden folgende Heimatblätter der Jahre 1950 bis 1970 gesichtet: Der Schlesier, Schlesische Bergwelt, Schlesische Gebirgsbote, Neustädter Heimatzeitung, Oelser Heimatblatt, Goldberger Haynauer Heimatnachrichten, Liegnitzer Heimatzeitung, Lübener Heimatzeitung, Sagan-Sorottauer, Heimatbrief Löwenberger Heimatbrief, Grünberger Wochenblatt, Bote aus dem Queistal, Heimatbriefe für Schlesier, Laubaner Heiamtbriefe, Grafschafter Bote, Neuer Glogauer Anzeiger, Frankensteiner Heimatbrief und der Hindernburger Heimatbrief.

1.4 Narrative Interviews als ergänzende Perspektive

Interviews als Quelle für die Rekonstruktion von Geschichte unterliegen in der Geschichtswissenschaft einiger Kritik, obwohl sie sich speziell in der Zeitgeschichtsforschung zunehmender Beliebtheit erfreuen. Kritisiert wird, dass aufgrund der wenig verlässlichen menschlichen Erinnerungsleistung sowie der Beteiligung des Forschers am Prozess der Produktion von Geschichtsnarration die wissenschaftliche Relevanz der Interviews fraglich sei. Hinzu kämen äußeren Faktoren wie z.B. Erinnerungs- oder Vergessensdiskurse, die einen mehr oder minder großen Einfluss auf den Zeitzeugen nehmen können, d.h. auf seine interpretative Verarbeitung der Erinnerungen in Deutungsmuster. Man könnte also einwenden, der Erkenntniswert einzelner Biographien sei gering und damit die Relevanz der Erkenntnisse aus autobiographisch narrativen Interviews für die Erklärung sozialer Prozesse entsprechend fragwürdig. Warum also ist es dennoch sinnvoll, Interviews als Forschungsmethode anzuwenden? Die Antwort darauf ist eng mit einem Wirklichkeitsverständnis verbunden, das Fritz Schütze als eine „Dynamik der Erfahrung“ interpretiert, die „nicht zu vernachlässigen“ sei, um das tatsächliche Handeln und die „eigenerlebten Erfahrungen“ einer Person zu verstehen, und diese Dimension wiederum ist schwierig anhand von quantitativen Datenerhebung zu ermitteln. Der Vorteil des Interviews liegt zudem darin, dass neue Erkenntnisse gewonnen bzw. existierende Lücken im Geschichtsbild, das anhand der übrigen Quellen (Erlasse, Beschlüsse oder Verordnungen) ermittelt wurde, geschlossen werden können. So ermöglichen es die Interviews, Aufschlüsse darüber zu gewinnen, wie Erlebnisse ihren Niederschlag im Bewusstsein der Betroffenen gefunden haben.

Die Rekonstruktion der Nachkriegsgeschichte, die eine subjektive Dimension zum Inhalt hat, stützt sich ergänzend zu den Erinnerungsberichten auf sieben autobiographische narrative Interviews, die in den Jahren 2012 bis 2015 mit deutschen Aussiedlern geführt wurden. Vier von sieben Interviewpartnern haben regelmäßig für die Heimatzeitung Waldenburger Heimatbote publiziert. Zu den befragten Personen zählen deutsche Aussiedler der Jahrgänge 1935 bis 1938, die das Ende des Krieges und die Nachkriegszeit in Polen als Kinder und Jugendliche erlebt hatten und mindestens fünf Jahre bis zu ihrer Ausreise in den 1950er Jahren in Polen gelebt hatten.

1.5 Aufbau der Arbeit

Das folgende, zweite Kapitel beschäftigt sich mit den politischen Konzepten der polnischen Exilregierung, den polnischen Untergrundgruppierungen und der polnischen Linken. Im Fokus stehen dabei die Westverschiebung und die neue Westgrenze Polens sowie der Gebietsverlust im Osten und die neue polnischsowjetische Grenze. Es werden Verflechtungen sowie politische Differenzen zwischen der Londoner Regierung und den Untergruppierungen im besetzten Polen aufgezeigt. Hierbei wird das Hauptaugenmerk auf das politische Konzept der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) gelegt, die nach 1948 eine Führungsrolle bei der Gestaltung der Politik im Nachkriegspolen einnahm. Des Weiteren wird das politische Konzept der PPR von der Verschmelzung der ehemaligen deutschen Ostgebiete, die nach 1945 an den polnischen Staat fielen, mit Altpolen auf bevölkerungsstruktureller Ebene dargestellt. Die von der polnischen Regierung durchgeführte Um-, Aus- und Ansiedlung der neuen polnischen West- und Nordterritorien hatte die Bevölkerungszusammensetzung in diesen Gebieten, im Vergleich zur Vorkriegszeit, radikal verändert. Daher erscheint es sinnvoll, das Vorhaben des polnischen Staates bezüglich der Schaffung eines Nationalstaates zu skizzieren, und darüber hinaus darzulegen, welche politischen Absichten und Ziele der Staat gegenüber den verschiedenen Bevölkerungsgruppen – darunter die deutsche Bevölkerung, die nach 1945 in Polens zurückgehalten wurde – verfolgte. Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über die staatliche Bevölkerungspolitik, die sich den neuen, kriegsbedingten demographischen Herausforderungen stellen musste. Im vierten Kapitel wird der Prozess der intendierten Entstehung einer „neuen Gesellschaft“ in den neuen polnischen Gebieten geschildert. Vor dem Hintergrund des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandels, der sich nach 1945 vollzog, werden die ersten Begegnungen und Interaktionen zwischen den heterogenen Bevölkerungsgruppen dargestellt, u.a. zwischen deutschen und polnischen Neusiedlern. Nachdem die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PZPR) die Führungsrolle im politischen Leben eingenommen hatte, begann sie die Grundlagen für den Aufbau des Sozialismus in Polen zu legen. Das fünfte Kapitel schildert die Ziele der staatlichen Politik, die auf den Aufbau eines sozialistischen Staates und einer sozialistischen Gesellschaft ausgerichtet war. Im Fokus dieses Kapitels stehen die Wirtschafts-, Agrar- und Kirchenpolitik sowie die Mechanismen zur Sicherung der politischen Macht, um vor diesem Hintergrund die Lage und den rechtlichen und gesellschaftlichen Status der deutschen Bevölkerung in dem im Entstehen begriffenen sozialistischen Staat zu erörtern. Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit dem sozialistischen Paradox und schildert den Wandel der polnischen Bildungs- und Kulturpolitik in der Zeit des Stalinismus. Das Kapitel beleuchtet aus der Perspektive der deutschen Bevölkerung deren kulturelles und gesellschaftliches Engagement in Polen, welches ihnen durch die neu geschaffenen Rechtsgrundlagen ermöglicht wurde. Unmittelbar nach Stalins Tod im Jahr 1953 begann die „Entstalinisierung“ in der Sowjetunion, die Mitte der 1950er Jahre auch die Volksrepublik Polen erreichte. Mit Beginn des „Tauwetters“ lockerte man die Kontrolle und die totale Überwachung der Bürger, die Passpolitik wurde liberalisiert und die Freiheitssphäre der Bürger in einem besonders sensiblen politischen Bereich, der Reisefreiheit, erweitert. Dies hatte einen erheblichen Anstieg der Ausreisen aus der Volksrepublik Polen zur Folge. Das letzte Kapitel gibt einen Überblick über die staatlich organisierten und durchgeführten Aussiedlungen der Deutschen in die BRD und in die DDR.

1 Waldenburger Heimatbote Nr. 48, S. 5-6, Juni 1953, S. 6.

2 Vgl. Zbiegniew Brzeziński: Der Sowjetblock. Einheit und Konflikt, Köln/Berlin 1962, S. 30.

3 Vgl. Karl-Heinz Gräfe: Die nationalen Wege und das sowjetische Modell des Sozialismus. Probleme des polnischen Weges zum Sozialismus unter Gomulka (1944-1948), in: Utopie kreativ, Heft 96, Oktober 1998, S. 71-83, hier S. 71.

4 Zit. nach Brzeziński: Sowjetblock, S. 105; Auch zu diesem Thema: Gerhard Simon: Instrumente der Sowjetisierung in den annektierten westlichen Gebieten der Sowjetunion 1939-1950, in Hans Lemberg (Hg.): Sowjetisches Modell und nationale Prägung. Kontinuität und Wandel in Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg, Marburg/Lahn 1991, S. 13-20.

5  In der polnischen Forschung ist die Frage nach Beginn der „Stalinisierung“ Polens eine kontrovers diskutierte Frage. Weitestgehend Einigkeit besteht darüber, dass mit der Machtergreifung der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza PZPR) und mit Zentralisierung, Durchdringung und Umgestaltung aller Lebensbereiche (Wirtschaft, Soziales, Bildung und Kultur) nach sowjetischem Vorbild die „Ära des Stalinismus“ begann. Allerdings war ein Merkmal des Stalinismus, der allgegenwärtige Terror, bereits seit 1944 integraler Bestandteil der Politik der Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza PPR), die sich zur Festigung ihrer Macht dieses Instrumentes bediente. Vgl. Andrzej Werblan: Stalinizm w Polsce, Warszawa 2009, S. 40-43 und S. 53.

6  Präambel der Verfassung der Volksrepublik Polen vom 22.07.1952.

7 Zit. nach Beata Halicka: Polens Wilder Westen: Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945-1948, Paderborn 2016, S. 262f.

8 Vgl. Zygmunt Dulczewski: Tworzenie nowych społeczności regionalnych na Ziemiach Zachodnich, in ders. (Hg.): Mój dom nad Odrą. Problem autochtonizacji, Poznań 2001, S. 123-140; ders: Tworzenie się nowego społeczeństwa na Ziemiach Zachodnich, Poznań 1961; Kazimierz Żygulski: Repatrianci na Ziemach Zachodnich: Studium socjologiczne, Poznań 1962; Andrzej Kwilecki: Socjologia a procesy społeczne na Ziemiach Zachodnich 1945-1970, in: Przegląd Zachodniopomorski Bd. 16, Szczecin 1972, S. 61-74; ders. Zagadnienie integracji ludności rodzimej i osiedleńczej na Ziemiach Zachodnich, in: Ruch prawniczy, ekonomiczny i socjologiczny, Poznań 1970, S. 327-357; ders. Łemkowie. Zagadnienia migracji i asymilacji, Warszawa 1974; Władysław Markiewicz: Przeobrażenia świadomości narodowej reemigrantów polskich z Francji, Poznań 1960; Stanisław Ossowski: Volkstumsfragen eines oberschlesischen Dorfes nach 1945: Probleme der regionalen und nationalen Bindung im Oppelner Schlesien. Marburg/Lahn 1953; Stefan Nowakowski: Adaptacja ludności na Ślasku Opolskim Opolskim, Poznań 1957.

9 Vgl. Marcin Kula: Między przeszłością a przyszłością. O pamięci, zapominaniu i przewidywaniu, Poznań 2004. Empfehlenswert sind zudem andere Monographien über polnische Erinnerungspolitik: Marek Cichocki: Władza i pamięć, Kraków 2005; Anna Wolff-Powęska: Pamięć – brzemię i uwolnienie, Poznań 2011; Joanna Marszałek-Kawa, Anna Ratke-Majewska, Patryk Wawrzyński (Hg.): Polityka pamięci i kształtowanie tożsamości politycznej w czasie tranzycji postautorytarnej. Analiza porównawcza, Bd.2, Warszawa 2016.

10 Vgl. Katarzyna Chmielewska: Ćwiczenia praktyczne z polityki historycznej. Narracje historyczne lat sześćdziesiątych w Polsce, in: Katarzyna Chmielewska, Grzegorz Wołowca (Hg.): Rok 1966, PRL na zakręcie, Warszawa 2014, S. 193-220.

11 Zit. nach Włodzimierz Borodziej: Wojna i jej skutki w świadomości zbiorowej Polaków i Niemców – w pół wieku po wojnie, in: Elżbieta und Robert Traba (Hg.): Tematy polsko-niemieckie, Olsztyn 1997, S. 15-25, hier S. 25.

12 Dieser Begriff wurde von Włodzimierz Borodziej und Artur Hajnicz eingeführt in der Publikation „Kompleks wypędzenia“, Kraków 1998. Dieser Begriff umfasst ein breites Spektrum von Ursachen, dem Verlauf und den Folgen von Flucht und Vertreibung der Deutschen, zit. nach Jerzy Kołacki: Bolesne punkty historii. „Wypędzenia” i „wypędzeni” w polskim piśmiennictwie naukowym w latach 1945 – 2005, Poznań 2012, S. 16.

13 Zit. nach Kołacki: Bolesne punkty, S. 330 und S. 363.

14 Zbigniew Kurcz: Mniejszość niemiecka w Polsce, Wrocław 1995; ders. Mniejszość niemiecka w Polsce na tle innych mniejszości, Poznań 2001; Piotr Madajczyk: Niemcy polscy 1944-1989, Warszawa 2001; Dariusz Materski: Niemcy w Polsce w XX wieku, Warszawa 1999; Bernadetta Nitschke: Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen 1945 bis 1949, Oldenburg 2003; Beata Ociepka: Niemcy na Dolnym Ślasku, Wrocław 1992; Zenon Romanow: Ludność niemiecka na Ziemiach Zachodnich i Północnych w latach 1945-1947, Słupsk 1992; Krzysztof Ruchniewicz: Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005; Andrzej Sakson, Hubert Orlowski (Hg.): Utracona Ojczyzna. Przymusowe wysiedlenia, deportacje i przesiedlenia jako wspólne doświadczenia, Poznań 1996; Magdalena Lemańczyk: Mniejszość niemiecka na Pomorzu Gdańskim, Warszawa 2016.

15 Vgl. Michael Schwartz: Vertriebene im doppelten Deutschland, Integrations- und Erinnerungspolitik in der DDR und in der Bundesrepublik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 56 (2008), Berlin/München, S. 101-151. Ebenfalls hat der Historiker Andreas Kossert in seiner 2008 erschienenen Monografie „Kalte Heimat“ den Mythos von einer gelungenen Integration der Vertriebenen in der BRD wiederlegt. Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 2008.

16 Der US-amerikanische Historiker Andrew Demshuk beschäftigt sich in seiner Studie mit der Verarbeitung des Heimatverlustes. Andrew Demshuk: The Lost German East. Forced Migrations and the Politics of Memory, 1945-1970, Cambridge 2016.

17 Vgl. Elisabeth Fendl: Heimat rekonstruieren, verwalten, verzetteln. Zur Materialisierung von Verlorenem, in: Uta Bretschneider, Sönke Friedreich, Ira Spieker (Hg.): Verordnete Nachbarschaften. Transportationsprozesse im deutsch-polnisch-tschechischen Grenzraum sei dem Zweiten Weltkrieg, Dresden 2016, S. 83-98.

18 Vgl. Sönke Friedreich: Die Grenzen der neuen Heimat. Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien, 1945-52, in: Bretschneider, Friedreich, Spieker (Hg.): Verordnete Nachbarschaften, S. 114-115.

19 Zit. nach Michael Schwartz: Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“: Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945-1961, Oldenburg 2004, S. 413-414.

20 Die Vertriebenen-Selbstorganisationen in der DDR agierten vorwiegend als Interessenvermittler zwischen den deutschen „Umsiedlern“ und der staatlichen/institutionellen Ebene. Sie fungierten als eine „symbolische Repräsentanz“ der „Umsiedler auf lokaler und regionaler Ebene ohne einen großen Einfluss ausüben zu können. Vgl. Schwartz: Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“, S. 413-414.

21 Vgl. Aleida Assmann: Formen des Vergessens, Göttingen 2016.

22 Eine strikte Trennung zwischen den Heimatblättern und den landsmannschaftlichen Zeitungen der Vertriebenenverbände ist schwer vorzunehmen. Als Vertriebenenpresse gelten periodische Publikationen, die sich an diesen Leserkreis richten und betreffende Themen behandeln. Die Presseorgane der Landsmannschaften verfolgten fast ausnahmslos das Ziel, für die Interessen der Vertriebenen einzutreten. Einer der vielen, durch die landsmannschaftliche Publizistik bearbeitenden Determinanten, war die Verwirklichung des „Rechts auf Heimat“ und die Anerkennung der Rechtswidrigkeit von Annexion der deutschen Gebiete, die vor 1937 zum Deutschen Reich gehörten sowie der Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa. Dies wurde zur Maxime der heimatvertriebenen Verbandspolitik erklärt und durch ihre Presseorgane artikuliert.

2. Von der „Landnahme“ zur angestrebten Verschmelzung der „Neuen Gebiete“ mit Zentralpolen

Der deutsche Überfall auf Polen im September 1939 löste sowohl im polnischen Untergrund als auch im Exil politische Debatten aus, zu deren vorrangigsten Themen die Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit und die Frage der Territorialität Polens in der Nachkriegszeit gehörten. Die Londoner Regierung, die Untergrundgruppierungen im besetzten Polen und die polnische Linke (polska Lewica)23 waren sich – bei allen Unterschieden in ihren politischen Ausrichtungen – einig, dass die Existenzfrage des künftigen polnischen Staates untrennbar verbunden sein würde mit einer geopolitischen, geostrategischen und sozioökonomischen Stärkung Polens. Die politischen Gruppierungen bekräftigten in den politischen Programmen eine Notwendigkeit territorialer Ausdehnung, um die Sicherheit des künftigen polnischen Staates gewährleisten zu können.

Für die nachfolgenden Ausführungen bedarf es zunächst einiger Begriffsklärungen, manche davon haben Zugang in die geisteswissenschaftliche Forschung erhalten, sind jedoch mit negativen Konnotationen behaftet. Dies gilt etwa für den ideologisch belasteten Begriff der „Landnahme“, mit dem, wie der Historiker Johannes Hoops feststellte, „äußerst vorsichtig“24 zu verfahren sei.

Die deutsche Geschichtsschreibung bediente sich der „Landnahme“-Theorie, um die historischen Prozesse der Inbesitznahme unbewohnter Landstriche im frühen Mittelalter zu beschreiben, wobei in diesem Zusammenhang das dem „Landnahme“-Theorem zugrundeliegende Konzept als ein geplantes, wirtschaftliches Unternehmen zu verstehen war. Später implizierte „Landnahme“ eine Gebietsbesiedlung infolge kriegerischer Eroberungen und Unterwerfung der ansässigen Bevölkerung, zudem erhielt der Begriff seit Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts zusätzlich zur kulturellen, sprachlichen und ideologischen Prägung eine „biologische Grundsubstanz“.25 Der Begriff „Landnahme“ lässt sich anhand des Konzeptes von staatlichen Aneignungspraktiken erklären und verdeutlicht die enge Symbiose mit den Begriffen „Germanisierung“ und „Eindeutschung“. Gleiches gilt für die Konzepte – „Polonisierung“ und „Entgermanisierung“. In die Historiographie haben diese negativ konnotierten Termini Eingang gefunden, und sie können je nach diskursiven Kontexten die unterschiedlichsten politischen und soziokulturellen Vorgänge und staatlichen Praktiken behandeln sowie eine spezifische ideologische Stoßrichtung und die mit ihr verbundene politische Zielsetzung implementieren. Richtet man den Fokus auf die etymologische Entwicklung der Begriffe „Germanisierung“ oder „Polonisierung“, so kommen die mit den beiden Konzepten einhergehenden staatlichen Praktiken zum Ausdruck, die auf Erhaltung der „völkischen“ bzw. der „nationalen“ Eigenart bei gleichzeitiger Unterdrückung bis hin zur Entfernung des Fremden ausgerichtet waren. Die „Germanisierungs- und Entpolonisierungspraktiken“ waren – genau wie die „Polonisierungs- und Entdeutschungspraktiken“ – ein fester Bestandteil der jeweiligen staatlichen Aneignungsstrategien und stellten die notwendige Grundvoraussetzung für eine auf ökonomischer und symbolisch-materieller Ebene angestrebte Verschmelzung (złączenie) des Raumes mit einem Staat dar, der eine Hoheitsgewalt ausübte.

Die Betrachtung der während des Krieges auf polnischer Seite geführten Debatten in Bezug auf die territoriale Gebietsausdehnung erfordert einen Blick auf die ökonomischen und symbolisch-materiellen Aneignungspraktiken Deutschlands und Polens, die bis in die Zeit der Polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts zurückreichen und in den territorialen Konflikten zwischen den beiden Nachbartaaten wurzelten.26

Im Königreich Preußen stellten die staatlichen Aneignungspraktiken ein Instrument für die Etablierung und die Stärkung des eigenen „Volkstums“ dar. Die preußische, auf die „Stärkung des Deutschtums“ ausgerichtete antipolnische Politik des 19. Jahrhunderts fand ihre Kontinuität in den politischen Debatten im kaiserlichen Preußen und später Deutschland, in denen der „Verbreitung deutschen Volkstums“ im Osten ein hoher Stellenwert zukam und sich eine Radikalisierung der Polenpolitik abzeichnete.27 Dem Historiker Imanuel Geiss zufolge ging es den preußischen Siedlungsexperten,28 im Hinblick auf die Sättigung des deutschen „Landhungers“ um die territoriale Expansion Preußens, die Festigung des deutschen Einflusses im Osten sowie die „völkische Flurbereinigung“ durch „Entmischung“ der Bevölkerung. Als wichtigstes Mittel für die Umsetzung dieser Pläne betrachtete die deutsche Reichsführung die Annexion russischer und Teile der baltischen Territorien. Zum strategischen Schutz Schlesiens und Ostpreußens sowie zur Sicherung wirtschaftlicher Vorteile für Deutschland wurde die Einrichtung und „Eindeutschung“ des polnischen Landstreifens entlang der preußischen Ostgrenze gefordert.29

Die polnischen territorial-revisionistischen Gebietsforderungen ihrerseits nahmen ihren Anfang vor der III. Teilung Polens und radikalisierten sich mit dem Entstehen der europäischen Nationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts. In der polnischen Forschung besteht ein Konsens darüber, worauf die Historikerin Beata Halicka verweist, dass die Reichweite der geäußerten Gebietsforderungen, die auf dem Substrat des „Polnischen Westgedankens“30 – einem ideologischen Fundament polnischer Interessen an den Westgebieten – fußten, von „wenigen Ausnahmen abgesehen nicht über Ostpreußen, Danzig und einen Teil Oberschlesiens hinausgingen“.31 Mit den polnischen Territorialkonzepten eng verbunden war der polnische Ostgedanke, in dessen Fokus die polnischen Kresy-Gebiete standen.32 In den wissenschaftlichen und politischen Debatten nahm die Kresy-Forschung, wie die Historikerin Alexandra Schweiger herausarbeitete, seit der späten Teilungszeit bis hin zur Gründung der II. Republik Polens einen gewichtigen Stellenwert ein.33 Den in Politik und Wissenschaft vertretenen unterschiedlichen Auffassungen bezüglich der „Kolonisation“ der Ostgebiete und der Assimilierung der dort ansässigen Bevölkerung lag ein gemeinsamer Gedanke zugrunde, der sich auf den Begriff der Nation stützte und der die polnische Nation, trotz des multiethnischen Charakters eigenen Bevölkerung, als eine „Gemeinschaft der zur politischen Teilhabe berechtigter Bürger“ verstand.34

Mit der Neugründung des polnischen Staates, nach dem Ersten Weltkrieg (1918/19), gehörte die wirtschaftliche Stabilisierung Polens zu den prioritären Zielen der polnischen Regierungen. Im Rahmen des im Versailler Vertrag dem polnischen Staat eingeräumten Liquidationsrechts war es den polnischen Regierungen möglich, Eigentum von deutschen Staatsangehörigen zu beschlagnahmen oder unter polnische staatliche Verwaltung zu stellen. Der polnische Staat betrieb insbesondere in den Grenzregionen zu Pommern und in Westpreußen eine Wirtschaftspolitik, die auf eine „Stärkung des Polentums“ ausgerichtet war. Die Nationalitätenpolitik der II. Republik Polen, die ein multinationaler Staat war, zielte zudem auf eine Etablierung des „Polentums“. Im Hinblick auf die deutsche Minderheit hatte der polnische Staat – trotz des Minderheitenschutzes – in einer „planlosen Phase“ (1918-1926) und in einer „planmäßigen Phase“ (1926-1932) eine auf kultureller und ökonomischer Ebene stattfindende „Entdeutschungspolitik“ betrieben, die auf Benachteiligung bis hin zu Nivellierung der deutschen Belange im polnischen Staat zielte.35

Mit dem deutschen Überfall auf Polen wurde eine im „Generalplan Ost“36 verankerte Radikalisierung der Germanisierungspolitik in Gang gesetzt, die auf Befriedigung des „Landhungers“ durch das „Volk ohne Raum“37 zielte. Essenziell für die Expansionsbestrebungen des nationalsozialistischen Deutschlands im Osten war, wie Immanuel Geiss feststellte, die aus der Kaiserzeit stammende „Lebensraum-Theorie“, die eine Ausdehnung des Deutschen Reiches nach Osteuropa anstrebte, jedoch eine gewaltfreie und „friedliche“ Komponente beinhaltete.38 Das preußische expansorische Gedankengut wurde von den Nationalsozialisten um eine rassenbiologisch begründete Vorstellung vom „Lebensraum“ ergänzt undmanifestiert sich im „Generalplan Ost“, also in der intendierten Erweiterung Ostpreußens und Schlesiens nach Südosten sowie in den ephemeren Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland. Dass zudem auch die Stadt Lódz (Litzmannstadt) in das Reichsgebiet einbezogen wurde,39 ging darüber noch hinaus. Polnisches Staatseigentum wurde vom NS-Staat konfisziert, polnisches und jüdisches Privateigentum entschädigungslos enteignet. Diese Raumkonzeption des NS-Staates war, wie der Historiker Karl Schlögel treffend feststellte, von einem „Bevölkerungs-, Umsiedlungs- und Völkermordprogramm“ geprägt.40 Die polnische und jüdische Bevölkerung zur Aussiedlung oder zur Ausrottung als „rassisch unerwünscht“ eingestuft.41 Auf soziokultureller Ebene fand eine gesellschaftliche Herabstufung der polnischen Bevölkerung statt, dies manifestierte sich in einer Reihe von Verboten: etwa des Gebrauchs der polnischen Sprache, der Gründung der polnischen Verbände und Vereine, der Korporation polnischer Zeitungen und Bücher. Polnische Theater wurden geschlossen, ebenso die Lichtspielhäuser und Kulturstätten, in den Bildungseinrichtungen kam es zu erheblichen Einschränkungen.42 Auf materieller Ebene zielten die „Entpolonisierungsmaßnahmen“ auf die Vernichtung sämtlicher Spuren der polnischen Nationalkultur. Die Beseitigung nationaler Kultursymbole und die Auflösung der öffentlichen und wissenschaftlichen Institutionen des polnischen Staates trugen, so formulierte es der Historiker und Jurist Franciszek Ryszka, zur Aberkennung einer nationalen Selbstständigkeit des polnischen Staates und „Verletzung des [polnischen] Nationalstolzes“ bei.43

Mit dem Begriff „Landnahme“ wird eine Aneignung des Raumes unter Berücksichtigung geopolitischer, strategischer und sozioökonomischer Interessen eines Staates unter Anwendung direkter oder indirekter Gewalt verstanden. Der Begriff impliziert zudem einen Aspekt der Besiedlungspolitik, der auf eine Neuordnung des Raumes zielt, sowie eine Nivellierung – bis hin zur Beseitigung – der Einflüsse einer fremden und Etablierung der eigenen Kultur und Sprache intendiert. Von dem Konzept der „Landnahme“ sind jedoch auch die in der offiziellen Rhetorik der Kommunisten verwendeten Begrifflichkeiten wie „Wiedergewonnene Gebiete“ (Ziemie odzyskane) und zwischen 1959 und 1973 die „Nord- und Westgebiete“ (Ziemie Pólnocne i Zachodnie) nicht zu trennen. Dabei handelt es sich um die ehemaligen preußischen Ostgebiete, die die polnische Regierung als genuin polnisch betrachtete, und die im Mittelalter unter der Herrschaft der Piasten-Dynastie standen. In Anlehnung an Yaman Kouli, der einen neutralen Begriff verwendet, wenn er diese Gebiete bezeichnet, sowie in kritischer Distanz zu der offiziellen Propagandasprache werden im Verlauf dieser Arbeit die nach 1945 an den polnischen Staat angegliederten Gebiete ebenfalls als „neue Gebiete“ bezeichnet.44

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den politischen Konzepten der polnischen Exilregierung, der polnischen Untergrundgruppierungen und der polnischen Linken bezüglich der Westverschiebung und der Westgrenze Polens sowie des Gebietsverlustes im Osten und der polnisch-sowjetischen Grenze. Es werden die wechselseitigen Verflechtungen sowie die politischen Differenzen zwischen den politischen Gruppierungen und der Londoner Regierung untersucht, um vor diesem Hintergrund den von der neuen polnischen Regierung angestrebten Prozess der Übernahme der ehemaligen deutschen Ostgebiete und deren rasche „Verschmelzung“ mit altpolnischen Gebieten aufzuzeigen.

2.1 Die politischen Konzepte für Nachkriegspolen im Untergrund und im Exil

2.1.1 Die Westverschiebung Polens

Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und der sowjetischen Besetzung Ostpolens verkündete der amtierende polnische Präsident Ignacy Mościcki in einer an die polnische Nation gerichteten Ansprache die Verlegung des Regierungssitzes nach Rumänien.45 Bereits am 10. Oktober 1939 erklärte die polnische Exilregierung in ihrer ersten Anweisung an die diplomatischen Vertretungen im besetzen Polen ihre Bestrebungen zur Sicherung einer starken Stellung Polens im politischen Kräftesystem eines zukünftigen Nachkriegseuropas zu ihren vorrangigsten Kriegszielen. Das Erfordernis eines starken Polens resultierte aus der Notwendigkeit, dem polnischen Staat einen dauerhaften Schutz vor der deutschen Bedrohung zu garantieren. Diesen Gedanken vertiefte der polnische Außenminister August Zalewski46 in einem Rundschreiben, in dem er darauf hinwies, dass der deutsche Expansionsdrang, der den Deutschen seit vielen Generationen von ihren politischen Führungseliten eingetrichtert worden sei, und der vorgeblich im Interesse der europäischen Staaten und „im eigenen Interesse Deutschlands“ liege, dauerhaft eingedämmt werden müsse.47 Um dem deutschen „Drang nach Osten“ Einhalt zu gebieten, sprach sich Zalewski für die Konfiszierung jeglichen deutschen Eigentums am Baltischen Meer aus.48 Da die Exilregierung eine Gewährung der Sicherheit für den polnischen Staat in einer Neuziehung des deutschpolnischen Grenzverlaufs sah, beinhaltete das im April 1940 veröffentliche Konzept von einer „verteidigungsfähigen Grenze“ Forderungen bezüglich der Westgrenze Polens, die „von der Oder-Mündung entlang des Madü und des Plönes, von dort der nach Süden bis Rädnitz an der Oder, einen Brückenkopf westlich der Oder bei Grünberg einschließlich dann der Oder und Glatzer Neiße folgend bis zur tschechoslowakischen Grenze“ verlaufen sollte.49 Die territorialen Forderungender Exilregierung ergaben sich weitgehend aus dem Kriegsverlauf. Die militärischen Angriffe der deutschen Wehrmacht im Jahr 1939, die von Schlesien und Ostpreußen aus auf das polnische Staatsterritorium erfolgten, veranlassten die Exilregierung, im April 1940, dem amerikanischen Präsidenten F. Roosevelt ein Memorandum vorzulegen, das eine territoriale Nord-West-Ausdehnung Polens aus Sicherheitsgründen befürwortete. Zudem begründete die Exilregierung die Forderung nach Gebietsausdehnung mit dem Verweis auf die ethnische Zugehörigkeit der polnisch- und russischsprachigen Bevölkerung in den ost- und westpreußischen Gebieten.50

Ende 1942 nahmen die Pläne der polnischen Exilregierung für eine territoriale Ausdehnung konkrete Gestalt an. Der Premierminister der polnischen Exilregierung General Władysław Sikorski51 erhob Gebietsansprüche auf Ostpreußen, Danzig und das Oppelner Schlesien. Im Norden sollte die Grenze Polens „an der Ostsee insoweit verlegt werden, als es die Sicherheit der polnischen Häfen erfordert“.52

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