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FLR

Für alle Frauen,

die die Zwangsjacke des „guten Mädchens“

abgeworfen haben oder daran arbeiten,

weil sie erkannt haben,

dass man den „Himmel“ erst finden kann,

wenn man vorher überall war.

Für alle,

die neugierig sind auf Beziehungsexperimente
und neue erotische und sexuelle Erfahrungen,

und die erleben wollen, wie es ist,

wirklich auf Händen getragen zu werden.

Für alle Männer, die erkannt haben,

dass das alte Modell nicht mehr funktioniert,

und die auf der Suche sind nach einem,

das funktionieren kann.

Und für alle,

die offen sind für eine Beziehungskorrektur.

Es kann funktionieren,

nur anders als bisher

und in jedem Fall anders,

als man je gedacht hätte.

Inhaltsverzeichnis

Prolog­

Kapitel 1 – Kuscheln

Kapitel 2 – Tantra

Kapitel 3 – Strapse

Kapitel 4 – Latex

Kapitel 5 – Rolf

Kapitel 6 – Die Schwelle zum Labyrinth

Intermezzo – Vertrag

Kapitel 7 – Durchbruch

Kapitel 8 – FLR

Kapitel 9 – Schluss mit Hin und Her

Intermezzo – Alles darf sein

Kapitel 10 – Alltagstauglich?

Intermezzo – Sub subtil

Kapitel 11 – Boutique Érotique

Intermezzo – Diener-Modus / Herrin-Modus

Kapitel 12 – Lady-Stammtisch

Intermezzo – Wie definiert man FLR?

Kapitel 13 – Schwanzsteuer

Intermezzo – Autonomie abgeben?

Kapitel 14 – Stammtisch

Intermezzo – Wie bringt Frau es an den Mann?

Kapitel 15 – Brennnesseln und Windeln

Intermezzo – Unbehagen

Kapitel 16 – Topping from the bottom

Intermezzo – Der Kick

Kapitel 17 – Schweinereien

Intermezzo – Sub-Ängste

Kapitel 18 – For Ladys only

Intermezzo – Problemlösungen

Kapitel 19 – Hotel-Session

Intermezzo – Wesen der FLR

Kapitel 20 – Stammtisch 3

Intermezzo – Alte Muster

Kapitel 22 – Lady Leona

Intermezzo – E-Book

Kapitel 23 – Weibliche Ejakulation?

Kapitel 24 – Stammtisch

Intermezzo – Rückblick

Kapitel 25 – Fazit

Essenz

Noch ein paar persönliche Gedanken zu dem komplizierten Mann-Frau-Ding

Erklärung

Buchempfehlungen / Netzadressen

Danksagung

Die Autorin

Prolog

Und dann war Schicht im Schacht. Mir war plötzlich alles klar: Mein Leben war mit neunundvierzig Jahren zu Ende, jetzt brauchte ich nur noch darauf zu warten, dass das Alter mir die Tür zum Tod öffnete … Und dann … pft … aus!

Doch es kam alles anders.

Meine Seele wurde kurz vor dem Absturz aufgefangen: „Du hast ja überhaupt noch nicht gelebt“, erklärte ich meinem Spiegelbild, das mit großen Augen zurückstarrte, „du hast immer nur gemacht, was von dir erwartet wurde. Merkst du was? Himmel noch mal! Das darf doch nicht wahr sein!“

Es durfte nicht wahr sein! Wahrhaftig nicht!

Nachdenklich schaute ich in dieses Gesicht, das mir so vertraut war und plötzlich jemand anderem zu gehören schien. Jemand ganz Neuem: Ein Lächeln blitzte in den Augen dieser neuen, anderen Frau auf und sie sagte mit einem rebellischen Unterton:

„Und? Willst du so weitermachen?“

„Nein!“

„Dann … Was?“

„Dann … Schluss mit dem Scheiß!“

„Gut so! Und wie?“

Ja, wie?

„Hm!“

„Gilt nicht!“

„Jaaaa doch!“

Es dauerte einige Tage, dann stand die Liste der Dinge, die ich verändern wollte:

1. Nicht mehr alleine leben.

2. Freunde, die mir nicht guttun, aus meinem Leben entfernen.

3. Neuen Freundeskreis aufbauen.

4. Unter Leute gehen.

5. Schöne Dinge tun, die die Seele nähren.

6. Der Familie signalisieren, dass ich nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung stehe.

Und als Wichtigstes:

7. Das Feindbild Mann heilen.

Das führte automatisch zu:

8. Endlich wieder Sexualität erleben.

Na ja, Sexualität mit – in meinem Fall – Männern, nicht mehr nur mit mir selbst.

Dies sei nur erwähnt, um nicht den Verdacht zu nähren, ich sei sexfeindlich. Das war ich nie. Im Gegenteil. Männerfeindlich! Das ja. Was kein Wunder ist, bei meiner Biografie. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wie auch immer. Ich fing an, eingefahrene Muster meines Lebens aufzudröseln, und es gelang wider Erwarten gut. Die Zeit war wohl reif dafür. Meine Umwelt lernte nach und nach, dass eine neue Zeit angebrochen war, was mich betraf. Die Familie lernte zur allseitigen Überraschung, dass sie ihre Probleme sehr gut auch ohne meine ständige Präsenz lösen konnte.

Alles lief wunderbar … Außer … Wie heilte man das Feindbild Mann, bitteschön?

Sprüche wie: „Männer!“ (verächtlicher Unterton) oder: „Typisch Männer!“ gingen mir locker von den Lippen. Ich sah in jedem Mann den potenziellen Fremdgänger, Missbraucher, ein fehlerhaftes Modell der Schöpfung. Viele Frauen sehen Männer so, mal abgesehen von ihrer Eigenschaft als Lustspender oder – falls man sich fortpflanzen will – als Samenspender. Wenn man das möchte, muss man den ungeliebten Rest eben mit in Kauf nehmen. Aber sonst?

Männer eben! Mehr braucht man nicht zu sagen.

Kapitel 1

Kuscheln

Zwei Sätze hatten sich in meinem Gehirn eingenistet:

„Sie müssen unter Leute. Alleine gehen Sie ein wie eine Primel.“

(Ja klar, wer nicht.) und:

„Ihr Thema ist Sexualität und Partnerschaft.“

Aha! Woher wollten Therapeuten das immer so genau wissen? Ich konnte alleine leben und hatte das auch lange genug getan. Und es ging mir bestens damit. Jawoll!

Na ja, gut, die Sache mit der Zärtlichkeit … Ich würde lügen, hätte ich das nicht vermisst. Aber dafür sich erneut einlassen, nur um wieder verletzt, benützt und gedemütigt zu werden? Wieder das Herz bedingungslos öffnen, nur, um es dann gebrochen und zertrampelt irgendwie zusammenflicken zu müssen? Nein! NEIN!

Oder …?

Tja, die Widerhaken funktionierten und das Schlimme war, dass ich natürlich wusste, dass es genau darum ging. Natürlich konnte ich mich schützen, indem ich mich in meinem selbst gewählten Schneckenhaus komfortabel einrichtete. Aber diese Entscheidung bedeutete, dass ich nicht wirklich lebte. Und – das weiß ich heute – Schmerz lässt sich so nicht überwinden. Im Gegenteil: Weiche dem Schmerz aus und er klebt an dir wie Pech.

Und so machte ich mich daran, den Fuß ins Unbekannte zu setzen. Ich beschloss, unter Leute zu gehen. Das zumindest, so dachte ich, sollte doch machbar sein. Wennschon mich das dem Ziel, das Feinbild Mann zu heilen, wahrscheinlich kein bisschen näher bringen würde. Aber irgendwo musste man ja anfangen, nicht wahr?

Nur – wie ging man unter Leute?

Ich weiß, ich weiß, das Übliche wäre gewesen, mich in Kneipen und Cafés zu tummeln, Tanznachmittage zu besuchen, durch Singlebörsen zu pflügen für virtuelle und reale Dates. Nichts dagegen, natürlich. Wem das liegt …

Ich hätte kein Problem damit gehabt, genau das zu tun, hatte solches schon probiert, hin und wieder. Aber das war's nicht, so viel wusste ich. Was dann?

Ich forschte nach einer Möglichkeit, mit Menschen wirklich in Kontakt zu kommen, zu berühren und berührt zu werden. Nach einer Situation also, in der es nicht möglich wäre, sich indifferent zu begegnen oder in die Distanz zu gehen, die wir gerne wählen, wenn wir uns gar nicht wirklich einlassen wollen.

Das war der Zeitpunkt, als ich beim Stöbern im Internet zum ersten Mal auf den Begriff Kuschelparty stieß.

Oh Gott! Kuschel-Party!?

Auf meiner inneren Leinwand spulten sich wirre Szenen ab, von Menschen, die übereinander und untereinander purzelten und kuschelten. Kuscheln?

Meine Güte! Was das wohl bedeutete? Sexuelle Begegnung der verschiedensten Art konnte ich mir problemlos vorstellen. Aber Kuscheln? Das klang so harmlos, war es das auch?

Ich begann, gezielt zu recherchieren, und fand auf Youtube jede Menge Filmchen. Erst war es befremdlich, doch nach und nach begann mich zu berühren, was ich sah.

Den Menschen fehle Berührung, lernte ich, sie seien bedürftig, was Nähe und Zärtlichkeit betreffe. Sie seien emotional und gefühlsmäßig unterernährt, und die Begegnungen im geschützten Raum der Kuschelpartys würde diesem Mangel abhelfen.

Geschützter Raum klang gut. Jetzt erst wurde mir bewusst, dass bis dahin die Angst vor missbräuchlichen Situationen bei dieser Art des Kuschelns einen neutralen Blick verhindert hatte.

Und so schloss ich einen inneren Pakt mit mir selbst:

1. Ich suche eine Kuschelgruppe und werde hingehen,

2. wenn der Ort nicht weiter weg ist als 100 km und,

3. wenn es mir dort komisch vorkommt, gehe ich sofort.

Etwas in mir hoffte, es wären mindestens 101 km bis dahin und es würde sehr komisch sein dort. Ein anderer Teil hoffte genau das Gegenteil.

Was die Distanz betraf: Der Kuscheltreff, den ich dann fand, war mit dem Auto in dreißig Minuten zu erreichen. Damit stand fest, dass ich hingehen würde, denn Pakt war Pakt.

Der nächste Termin ließ mir zwei Tage Zeit, mich von dem Schreck zu erholen, dass es so was praktisch direkt vor meiner Haustür gab.

Als ich am Freitag darauf die Treppe zum Kuschelraum hinunterstieg, hatte ich Herzklopfen.

Hoffentlich war es komisch dort … Hoffentlich nicht … Hoffentlich doch …

Es war nicht komisch. Es war warm, einladend, etwas exotisch, voll sanften Kerzenschimmers und einfach … sehr schön.

Einige Leute standen herum, Männer und Frauen verschiedenen Alters und eine warmherzige Frau begrüßte mich, in deren Gegenwart ich mich sofort wohlfühlte. Sie war die Kuscheltrainerin. Tatsächlich: ausgebildete Kuscheltrainerin. Das gab es wirklich.

An diesem Abend lernte ich, dass unsere größte Angst die ist, nicht willkommen zu sein, abgelehnt zu werden und nicht dazuzugehören. Ich erfuhr zum ersten Mal in meinem Leben auf neue Art, dass ich nichts leisten, nicht auf eine bestimmte Art Sein musste, um willkommen zu sein, und dass ich okay war, wie ich war, und einfach deshalb schon dazu gehörte, weil ich da war. Und ich lernte, dass es tatsächlich möglich war, sich auf engem Raum zu begegnen, ohne Angst vor Übergriffen haben zu müssen, weil es klare Regeln gab, die zwischen Kuschelenergie und sexueller Energie unterschieden.

Ich wusste, dass ich hier richtig war, auf dem Weg zur Heilung des Feindbildes Mann, weil ich verstanden hatte, dass sie nur über die Heilung meines verletzten Selbstbildes möglich sein würde.

Ich wurde regelmäßige Kuschelgruppen- Teilnehmerin und mein Zärtlichkeitsdefizit verringerte sich von Mal zu Mal. Nach eineinhalb Jahren war mein Reservoir gefüllt und ich bis auf Weiteres gesättigt. Ich war unter Leute gegangen und verstand, weshalb ich diesen Ratschlag bekommen hatte. Ich konnte eine Pause einlegen, weil ich wusste, dass mir die Tür bei Bedarf immer offen stand. Allerdings ließen Sexualität und Partnerschaft weiterhin auf sich warten. Kuschelgruppen eignen sich nur bedingt als Partnerbörsen. Wo sollte ich jetzt also Sexualität und Partnerschaft herbekommen?

Die Möglichkeit, die sich auftat, kam unverhofft und erschreckte mich erst mal total. Ich hatte natürlich von Tantra gehört, aber bislang hatte ich gedacht, dass nur Paare entsprechend agieren konnten und ich war definitiv nur ein halbes Paar, zudem nur die Hälfte eines potenziellen Paares einer fernen möglichen Zukunft.

Helga, die Kuscheltrainerin, eröffnete eines Abends, sie biete neuerdings Tantra an. Sie beginne mit einem Schnupperabend und jeder sei willkommen, egal ob Single oder Paar.

Tantra also! Nun ja, wenigstens konnte niemand behaupten, es habe nichts mit Sexualität zu tun. Und damit war ich erst mal bedient. Partnerschaft konnte, wenn sie sich überhaupt ereignen sollte, auf jeden Fall warten.

Und so begann …

Kapitel 2

Tantra

Als Erstes kaufte ich mir ein Buch.

Tantra oder Die Kunst der sexuellen Ekstase von Margot Anand.

Schon der Titel ließ meinen Fantasielevel signifikant nach oben schnellen. Ekstase sogar, wow! Das ließ Spannendes erwarten. Ich las das Mammutwerk tatsächlich durch und erfuhr vieles über Sexualität, das mir ganz neu war. Es gab jede Menge Übungen mit anschaulichen Stellungen und Beschreibungen davon, wie man die Lust immens steigern konnte, bis hin zu Trainingsmethoden, mit deren Hilfe man den Orgasmus über lange Zeit hinauszögern und ganz neue Höhen der Ekstase erklimmen konnte.

Ich war schwer beeindruckt. Und eigentlich hätte ich so was auch gern mal ausprobiert, nur … als halbes Paar wäre der mögliche Erfolg eher marginal gewesen. So beschloss ich, den Tantra-Schnupperabend bei Helga als Einstieg zu nutzen, ohne allzugroße Erwartungen zu haben. Als Single waren mir ohnehin von vornherein natürliche Grenzen für irgendwelche ekstatischen Erfahrungen gewiss.

Der Beginn des Abends unterschied sich nicht so sehr von dem der Kuschelabende: Anfangsrunde zum Befindlichkeitsaustausch, Abtanzen, kleine Hinspürübungen.

Bei einer dieser Übungen stand ich einem jüngeren Mann mit schulterlangen schwarzen Locken gegenüber und sollte ihm in die Augen schauen, möglichst ohne zu blinzeln, so, wie er mir in die Augen schaute. Lange, ich weiß nicht wie lang.

Bruno hatte sehr schöne blaue Augen, und ich schaute und schaute, die Augen schienen immer größer zu werden, es gab nichts mehr außer diesen Augen. Und plötzlich veränderte sich etwas: Da war kein Mann im Gegensatz zu Frau, kein Fremdgänger, potenzieller Missbraucher oder fehlerhaftes Modell der Schöpfung … da war einfach ein Mensch, so wie ich als Frau ein Mensch war, und alles, was mich bewegte, bewegte ihn auch.

Es war weder richtig noch falsch, sondern es war, wie es war, und es war gut. Wie Schnee in der Sonne schmolz etwas in mir, eine Enge, die mir so gar nicht bewusst gewesen war, und ich war voller Staunen. Am Ende der Übung schaute ich in diese blauen Augen und sah zum ersten Mal einen Mann an, ohne die bewertende Schwere vergangener Verletzungen.

Und dann ging es, tantrisch gesehen, zur Sache. Also nicht, was man jetzt denken könnte. Es wurde eben tantrisch – sozusagen.

Es fiel mir nicht so schwer, mich meiner Kleidung zu entledigen, zumal sehr nachdrücklich empfohlen wurde, sich nur so weit zu entblättern, wie man sich wohlfühle damit. Daher kam ich mir im Slip nicht prüde vor. Außerdem kehrte ich den anderen den Rücken zu. Ich brauchte einfach einen Moment, um mich auf so viel Nacktheit vorzubereiten. Meine Güte, wohin hatte es mich da verschlagen! Ich atmete tief durch und drehte mich um.

Und ich schaute natürlich, ich gestehe es, genau dorthin, wo es die Objekte gab, deren Anblick ich so lang entbehrt hatte. Tja, da hingen sie nun, die Prachtstücke. Kleinere und größere, manche kürzer, manche länger, aber alle schön.

Also … Entschuldigung, es ist doch ganz normal, dass man da hinschaut, oder? Natürlich glotzt man nicht so auffällig, sondern mit diesem speziellen Blick, den man bei solchen Gelegenheiten einschaltet. Und nebenbei: Ich mag Gemächte im Allgemeinen und kann nicht verstehen, warum man sagt, sie seien hässlich im Vergleich mit der Scham der Frauen.

Nicht alle waren ganz nackt. Manche hatten den Slip anbehalten wie ich, manche Frauen auch noch den BH und eine sogar außer dem Pullover alles. Doch einige hatten sich tatsächlich ganz entblättert. Es war alles zu sehen: straffe Haut und schlaffere, jugendliche Figuren, reifere, schlanke, dralle und dicke. Und es war alles okay. Man durfte sein, wie man war und sich einlassen, so weit man es konnte.

Und ich begann es zu genießen: Die Wärme, die exotischen Düfte aus Duftlampen und Ölflaschen, und ich schaute mich ungeniert um. Freute mich über den Anblick nackter Haut und genoss es, meine Blicke wandern zu lassen.

Als mich dann zum ersten Mal Männerhände berührten, um meinen Körper mit ölfeuchten Händen sanft zu massieren, zuckte ich nicht zurück, wie ich es vor diesem Abend sicherlich getan hätte, sondern entspannte mich und genoss jede Sekunde davon. Der Slip signalisierte: He, dort bitte nicht! Und mit dieser Sicherheit konnte ich auch die Hände genießen, die meine Brüste streichelten.

Und als ich dann dran war mit Verwöhnen, genoss ich dieses Berührendürfen ebenso sehr, wie zuvor das Berührtwerden. Ich spürte den Muskeln unter meinen Händen nach, umrundete den Bauch, massierte feste Schenkel, Arme und Hände, die sich mir willig überließen, respektierte das Signal: Hier ist Slip-Tabuzone ebenso und spürte eine tiefe Freude darüber, willkommen zu sein mit meinen Händen.

Am Ende dieses Abends war ich erstaunt darüber, wie sehr die Fremdheit zu Beginn des Abends einem Gefühl absoluter Vertrautheit gewichen war. An diesem Abend waren mir keine der Übungen aus dem Tantra-Buch wiederbegegnet, aber viel von der Atmosphäre daraus: achtsamer, liebe- und respektvoller Umgang miteinander.

Tantra ist mehr, als irgendwelche Stellungen und Verrenkungen, das hatte ich begriffen. Irgendwann viel später, ich lag schon im Bett und ließ das Erlebte Revue passieren, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich Punkt 7 meiner Liste abhaken konnte: Das Feindbild Mann heilen.

Ich würde wieder Sex mit Männern haben. Jetzt würde ich es wieder können. Allerdings … Wie sollte ich es anstellen?

Eine Partnerbörse war keine Option für mich. Tanzstudio oder Kneipe auch nicht. Ich konnte mir ja kein Schild umhängen: Typ zum Poppen gesucht.

Als ich auf dem Weg in die Stadt darüber nachgrübelte – ich grübelte fast ständig darüber nach –, traf ich unverhofft Bruno mit den blauen Augen.

Er strahlte mich an und sagte hocherfreut: „Hi! Ist ja toll, dich zu treffen.“

Wir unterhielten uns ein wenig, und als ich zum Marktplatz weiterging, fragte ich mich verwirrt, wie ich so plötzlich zu einer Essenseinladung gekommen war … am Wochenende … bei Bruno, der mich bekochen wollte und … ähm … wer wusste schon, was sonst noch. Oder … Nein, bestimmt nicht.

Sollte ich oder sollte ich nicht? Doch dann gab ich mir einen Ruck und beschloss, hinzugehen – komme, was da wolle … oder auch nicht.

Und so kam es, dass ich die erste Erfahrung mit einem Fetisch machte.

Kapitel 3

Strapse

Bruno wohnte in einem kleinen Dorf in der Nähe. Während der Fahrt hatte ich Gelegenheit, darüber nachzudenken, was mir bevorstand. Dass ein jüngerer Mann Interesse an einer Frau meines Alters hatte, überraschte mich nicht besonders. Ich wusste um die Sehnsucht vieler Männer nach reiferen Frauen und ich hatte meinem eigenen Sohn immer Erlebnisse mit erfahrenen Frauen gewünscht.

Ich nahm fast amüsiert wahr, dass ich nervös war wie ein Backfisch vor dem ersten Date und lachte ein wenig, als ich schließlich klingelte. Mochte kommen, was wolle, ich war offen und bereit für das erste Abenteuer nach vielen Singlejahren.

Bruno wohnte überraschend gemütlich für einen Junggesellen. Die Wohnung war zwar klein, aber hell und in der Wohnküche stand ein gedeckter Tisch. Beim Essen unterhielten wir uns angeregt und bis zum Ende der Mahlzeit geschah nichts Besonderes. Ich fragte mich schon, ob ich nicht zuviel in diese Einladung interpretiert hatte, als Bruno aufstand und meinte, er würde mir gerne den Rest der Wohnung zeigen.

Ich hatte zwar nicht mit der Schallplattensammlung oder Briefmarken gerechnet, aber auch nicht mit dem Rest der Wohnung. Der konnte nicht allzu groß sein, genau genommen konnte es sich dabei nur um einen weiteren Raum handeln, den Hauptteil der Wohnung hatte ich nämlich schon gesehen.

Ich zögerte zunächst, doch dann gab ich mir einen Ruck. Nun hab dich nicht so, du Zimperliese, ermunterte mich mein inneres Selbst, du hast A gesagt, jetzt sag auch B.

Später fragte ich mich manchmal, was ich eigentlich erwartet hatte. Was auch immer es war, sofern ich mir überhaupt etwas vorgestellt hatte, das, was dann passierte, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausdenken können.

Das Schlafzimmer war klein und etwas unordentlich, das Bett breit und unter einer Tagesdecke verborgen.

„Setz dich“, meinte Bruno und deutete auf das Bett.

Ich setzte mich und lehnte mich an die Wand.

Man greift ja immer auf Erfahrungen vergangener Zeiten zurück, wenn man Situationen vergleicht, um auf Eventualitäten vorbereitet zu sein. Demgemäß erwartete ich jetzt, dass der – vermutlich sexhungrige – Mann sich zu mir gesellen und mit Zärtlichkeiten beginnen würde … und so weiter. Vor allem: und so weiter. Doch weit gefehlt.

Der sexhungrige Mann kniete sich vor das Bett, in Augenhöhe mit meinen nylonbestrumpften Beinen, strich sanft über meine Waden und meinte, ich hätte ja Nylonstrumpfhosen an.

Ich war ganz verwirrt und korrigierte ihn: „Das sind Nylonkniestrümpfe.“

Bruno war völlig aus dem Häuschen darüber, dass es so was auch in Knie gäbe.

„Und warum ist das jetzt so toll?“, fragte ich irritiert.

„Warte, ich zeig dir was.“

Bruno erhob sich, drückte auf ein Knöpfchen und begann sich sanft zu klassischer Musik zu wiegen.

Meinen ungläubigen Blicken bot sich der erste Life-Striptease meines Lebens. Ich saß da mit aufgerissenen Augen und dachte: Das glaubt mir kein Mensch.

Das Shirt rutschte über den Kopf, flatterte zu Boden und gab den Blick auf eine behaarte Männerbrust frei, unter der sich ein ansehnliches Bäuchlein wölbte und zum ersten Mal sah ich gepiercte Brustwarzen. Bei diesem Anblick gewann der Humor die Oberhand.

Mädchen, sagte ich mir, schau gut hin und merk dir, was du siehst. So was wird dir nicht wieder begegnen.

Die Musik wurde erotischer und Bruno begann mit den Hüften zu kreisen, dann griff er nach dem Knopf seiner Jeans. Langsam wurde mir nun doch etwas warm und ich atmete flacher, um den Mann nicht drauszubringen. Der Reißverschluss surrte verheißungsvoll und die schmalen, kräftigen Hände begannen, den Bund langsam nach unten zu schieben. Hüftkreisen im Takt und langsam, ganz langsam blitzte der Slip … Halt! Slip? Kein Slip!

Das, was da blitzte, war … Jetzt wurde mir doch heiß. Noch einige Zentimeter und es bestand kein Zweifel mehr. Hier zeigte sich Klein-Bruno in seiner ganzen Pracht.

Und eins war sicher: Ich hatte noch nie ein so wohlgeformtes männliches Genital gesehen, es war sozusagen die Mona Lisa aller Gemächte, die mir bis dahin begegnet waren.

Es gab nur einen Umstand, der diesen Anblick störte: Das Prachtstück war eingerahmt von einem spitzenbesetzten Hüftgürtel, dessen Strapse schwarze Damenstrümpfe hielten. Damenstrümpfe an – zugegebenermaßen schönen, aber eindeutig behaarten – Männerbeinen.

„Ähm …“, setzte ich an, wurde jedoch unterbrochen: „Gefällt es dir?“

„Was?“, fragte ich, schielte zwischen die Beine und hatte schon ein Ja, sehr! auf der Zunge, als die Antwort kam: „Der Strumpfhalter.“

„Der … äh, ach so, der … ähm, ja, doch, schon!“

„Ich hab ihn ganz neu. Ich steh einfach total auf den Strumpfhalter. Der war ganz schön teuer. Halterlose Strümpfe mag ich nicht, die rutschen immer. Trägst du welche?“

„Ich … Nein, nicht wirklich. Ich trage Strumpfhosen oder wenn nötig, Strapse. Aber so einen sexy Strumpfhalter habe ich nicht.“

Die ganze Situation hatte etwas Unwirkliches.

Wenn jetzt der Vorschlag käme, zusammen Damenstrümpfe einkaufen zu gehen, würde ich verschwinden.

Doch der kam nicht. Bruno kam aufs Bett, kuschelte sich an mich und murmelte: „Es fühlt sich so gut an.“

Vorsichtshalber fragte ich nicht nach. Ich setzte der Einfachheit halber voraus, dass er mich meinte.

Davon abgesehen fühlten sich die bestrumpften Beine tatsächlich schön an. Und nicht nur diese.

Als ich später am Abend langsam nach Hause fuhr, wusste ich dreierlei:

1. Ich konnte es noch. Man verlernt es nicht.

2. Bruno war der potenzielle Partner nicht, aber ich verdankte ihm eine denkwürdige Erfahrung.

3. Es würde ein nächstes Mal oder gar weitere Male geben.

Und als ich zu Hause zum besternten Himmel hochblickte, hatte ich ein Déjà-vu: Ich dachte an den Urlaub in Elba vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal aus dem engen Korsett meiner prüden Erziehung ausgebrochen war und mich sexuell ungehemmt ausgelebt hatte.

Damals hatte ich den Grund dafür gelegt, dass ich später nie das Gefühl hatte, etwas versäumt zu haben. Das Gefühl hatte ich nach wie vor nicht, aber ich hatte mich auf einen Weg begeben, der neu war.

Ich würde den Partner finden, den ich suchte, aber etwas würde anders sein, als beim ersten Mal: Ich würde die Regeln schreiben.

Kapitel 4

Latex

Eugen war ein begnadeter Kuschler. Davon konnte ich mich einige Kuschelabende später überzeugen.

Mitten zwischen ungefähr zwanzig anderen Genießern lag er neben mir, einen Arm um meinen Hals gelegt, streichelte mein Haar, verteilte kleine Freundschaftsküsschen auf meiner Wange und brummte genussvolle kleine Seufzer in mein Ohr. Von hinten spürte ich einen warmen Rücken und irgendjemand streichelte meine Beine. Ich genoss die Situation, freute mich daran und dachte weiter an gar nichts.

Am Ende wuselten alle durcheinander, um ihre Sachen einzusammeln, Decken zu falten oder Matratzen aufzuräumen.

Ich stand eben wackelig auf einem Bein, um die dicke Socke abzustreifen, als ich von hinten angesprochen wurde: „He, noch Lust auf einen Kaffee?“

Kaffee? Nachts um halb zwölf? Ich drehte mich um.

Eugen! Er lud eine Frau ein, die nicht nur ein wenig älter war als er, um Mitternacht noch einen Kaffee mit ihm zu trinken, während um ihn herum die knackigsten jungen Frauen zur Auswahl standen? Ich wollte schon abwinken, doch dann besann ich mich. Hatte ich mir nicht vorgenommen, mich einfach einzulassen auf das, was das Leben an mich herantrug? Und so wunderlich ich das Ganze auch fand, ich anwortete ganz gelassen: „Ja, klar, warum nicht?“, während ich mir überlegte, wo um die Zeit überhaupt noch ein Lokal geöffnet haben könnte.

Es war dann schließlich eines, das ich normalerweise nie besucht hätte, aber es gab sogar noch etwas zu essen. Die ganze Zeit fragte ich mich, was ich hier eigentlich tat.

Das wurde mir allerdings schnell klar. Eugen verlor keine Zeit. Das Outing kam zwischen Getränk und Essen.

„Darf ich mal fragen, wie alt du bist?“

Wie ungalant.

„Diese Frage ist aber ein wenig unhöflich, meinst du nicht?“

„Nein, nein! So war das nicht gemeint. Weißt du, ich hatte mal eine Beziehung zu einer Frau, die zwanzig Jahre älter war als ich. Das war das Beste, was ich je erlebt habe, und so was suche ich wieder.“

Oh! Das klang nun doch anders. Es stellte sich heraus, dass Eugen einen guten Riecher gehabt hatte. Er war also einunddreißig, und ich dachte an Bruno. Jüngere Männer – sonderbar. Sollte es darauf hinauslaufen? Aber eigentlich wollte ich ja wieder eine feste Beziehung. Und dabei dachte ich eher an einen altersmäßig adäquateren Partner. Wobei bis dahin diverse Experimente durchaus möglich waren.

„Wie bitte?“, ich hatte einen Moment nicht richtig zugehört, „was hast du gesagt?“

Er wiederholte: „Ich sagte, ich habe einen Fetisch.“

Nicht wahr! Einen Fetisch? Hoffentlich kein Strumpfgürtel. Das kannte ich ja schon.

„Fetisch, aha.“ Ich fragte mich, ob es überhaupt noch fetischlose Männer gab. „Und was für einen?“

„Latex! Ich steh total auf Latex.“

„Und warum?“

„Keine Ahnung. Das Gefühl, wenn man darüberstreicht. Dünnes Latex, kein dickes.“

Er saß vor mir wie ein kleiner Junge, der das größte Geheimnis seines Lebens mitteilt, in der Hoffnung, dass man ihn trotzdem noch lieb hat.

„Das ist ja mal interessant“, sagte ich und ich meinte es so. „Erzähl! Gehst du zur Domina oder so?“ Meine Vorstellungen von Dominas waren relativ vage.

Eugens Augen fingen an zu funkeln und er lachte: „Nee, nicht wirklich. Ich wüsste gar nicht, wohin ich da sollte.“

„Aber, wenn du Latex magst … ziehst du dann selbst welches an?“

„Nein, das interessiert mich nicht. Ich finde es an einer Frau erregend.“

Ach so! Langsam dämmerte mir der Zusammenhang. Eugen schaute mich gespannt an.

„Und du meinst jetzt …?“

„Ja! Kannst du dir das vorstellen?“

Meine Güte! Latex gehörte in meiner Fantasie zusammen mit Leder, Masken und Peitschen zu einer Sparte sexueller Praktiken, mit der ich bislang nichts zu tun gehabt hatte, und mit denen in irgendeiner Weise in Kontakt zu kommen mir so fernlag, wie die Grundrechenarten der Relativitätstheorie.

„Ich hab aber leider gar keinen Latexfummel.“ Und ich hatte auch nicht die Absicht mir welchen zuzulegen.

„Aber ich! Jede Menge. Ich hab einen ganzen Schrank voll.“

Ach du liebe Güte. „Einen ganzen Schrank voll? Latexhosen und so?“

„Eher Latexröcke, Oberteile, Westen, Handschuhe. So was halt.“

„Und wer trägt die?“

„Bisher noch niemand.“

Bisher … Aha!

Du liebe Zeit. Da saß mir dieser Mann gegenüber, der einen Schrank mit Latexkleidung für eine Frau gefüllt hatte, die es noch gar nicht gab und vielleicht nie geben würde, voller Sehnsucht, seine Neigung einmal ausleben zu dürfen.

Hatte ich etwas an mir, das Männern den Mut gab, sich mit ihren verborgensten Wünschen zu outen? Oder hatten Männer alle mehr oder weniger erotische Wünsche und Träume dieser Art?

Es war mir klar, worauf das hinauslaufen würde, ginge es nach ihm. Wollte ich das auch? Ich spürte dem nach und fühlte eine Neugier, die mir ganz neu war. Nun ja, warum eigentlich nicht? Eugens ganzes Wesen war nicht von der Art, dass ich Angst haben musste, es könnte etwas aus dem Ruder laufen.

Und so fragte ich: „Und jetzt dachtest du …“

Er unterbrach mich. „Ja, ich dachte, wenn du Lust hättest, könnte ich ja mal mit meinem Koffer kommen.“

Ich riss die Augen auf. „Koffer? Wieso Koffer?“

„Na ja, ich kann das ja nicht offen überm Arm tragen.“

Das hatte etwas für sich. Und plötzlich musste ich mich sehr zusammenreißen, um nicht zu lachen. Das Ganze hatte etwas Skurriles, und dass es sich nach Mitternacht in einem gut bürgerlichen Lokal ereignete, verstärkte dieses ...

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