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Extrem TV

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Da sitze ich also auf meinem Bett und warte auf meinen Auftritt.

Das Zimmer ist aufgeräumt. Einigen Kram habe ich schnell unters Bett geschoben, andere Sachen in den Schrank gestopft.

Auf meinem kleinen Schreibtisch habe ich alles ordentlich umgeschichtet.

Durch die Tür höre ich, wie meine Mutter in der Wohnung von einem Zimmer ins nächste geht und in die Kamera quatscht. Sie erklärt, wie klein die Wohnung für uns drei ist.

Sie sagt, dass unsere Familie es sich trotzdem so gemütlich macht, wie es nur geht.

Und dass wir uns gut verstehen.

Dann klopft sie an meine Tür.

„Kannst reinkommen“, sage ich.

Sie schaut herein und schüttelt den Kopf.

„Kim, du hast mir doch versprochen, dass du aufräumen würdest.“

„Was denkst du, was ich gemacht habe?“

„Kannst du wenigstens den Tisch noch etwas frei machen?“

„Mama, bitte. Der Tisch ist perfekt.“

Für einen kurzen Moment sieht Mama aus, als würde sie losheulen. Sie ist in letzter Zeit total empfindlich. Man weiß einfach nie, wann die Heulerei losgeht.

Es ist aber auch eine stressige Zeit.

Papa findet seit fast zwei Jahren keine Arbeit.

Seine Chancen stehen wohl schlecht, weil er schon über vierzig ist.

Mama sucht auch nach einer Stelle.

Sie hat aber noch weniger Aussicht auf Erfolg, weil sie mit dem Arbeiten aufgehört hat, als sie mit mir schwanger war.

Ständig kriegt sie zu hören, dass sie keine Erfahrung hat. Aber wie soll sie denn welche sammeln, wenn niemand sie lässt?

Na gut, dann räume ich eben noch ein paar Sachen weg. Mama schaut noch mal ganz genau in jede Ecke meines Zimmers.

Erst dann drückt sie auf den Aufnahmeknopf.

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„Das ist meine Tochter Kim“, sagt sie bemüht munter. Ich lächle und sage Hallo.

Meine Mutter filmt das Zimmer.

„Kim ist vierzehn. Sie spielt Klavier …“

„Das ist ein Keyboard, Mama.“

„… und geht auf die Elisabeth-Selbert-Schule.

Sie ist wirklich sehr, sehr fleißig.“

So geht es weiter. Lauter so Bla. Ich frage mich, ob mein aufgesetztes Nettes-Mädchen-Grinsen nicht zu doof rüberkommt.

Meine Mutter richtet die Kamera auf die Poster, die an meiner Wand hängen. Sie liest die Bandnamen laut vor, kann sie aber nicht aussprechen.

Es wird ganz klar, dass sie keine Ahnung von der Musik hat. Vielleicht ist sie diejenige, die blöd rüberkommt?

„Das Video kommt aber nicht ins Fernsehen, oder?“, frage ich.

Mama macht die Kamera aus. „Nee“, sagt sie.

„Dieses ist wirklich nur für die Bewerbung.“

Das ist keine normale Bewerbung für irgendeinen Job.

Wir bewerben uns für eine Fernsehsendung.

Auf die Idee kam meine Mutter.

Sie unterhält sich manchmal in einem Internetforum mit anderen Leuten ohne Arbeit. Es geht darum, wie man Probleme mit dem Jobcenter löst und am besten mit der Stütze über die Runden kommt. Vor allem geht es aber den Leuten wohl um das Gefühl, mit dem ganzen Mist nicht alleine zu sein.

In diesem Forum wurde Mama von einer Firma namens Idee TV angeschrieben. Idee TV macht Fernsehsendungen und verkauft sie an Sender.

Da sind wohl auch Sachen für Politiksendungen dabei. Jetzt will Idee TV eine Sendung über Arbeitslose machen und sucht in diesem Internetforum nach Teilnehmern.

In der Nachricht an Mama hieß es, dass Idee TV zeigen möchte, wie schwer Arbeitslose es haben.

Mama solle einfach mal ein kurzes Video von der Wohnung und ihrer Familie machen.

Die Redakteure würden dann entscheiden, ob wir infrage kommen.

Idee TV sagte auch, dass uns die Sendung helfen könne. Es gibt nämlich Geld, wenn wir mitmachen. Achthundert Euro.

Aber vielleicht guckt auch jemand zu, der Arbeit für meine Eltern hat.

Das wäre natürlich noch besser. So gesehen geht es am Ende doch um einen Job.

Wir gucken das Video zusammen auf dem kleinen Display der Kamera an.

„Und? Wie ist das?“, fragt Mama.

Ich umarme sie.

„Ziemlich gut“, sage ich. „Mach dir nicht so viele Sorgen. Du bist den ganzen Morgen durch die Wohnung gerannt und hast alles blitzblank gewischt. Aber wenn du willst, dass wir einigermaßen normal rüberkommen, bräuchtest du dich gar nicht so anzustrengen.“

Papa kommt um sechs nach Hause. Er wirft sich müde auf das Sofa und legt den Kopf nach hinten.

Seitdem er nicht mehr arbeitet, hat sich viel verändert. Die neue Wohnung ist kleiner, die Klamotten im Schrank sind weniger, wir fahren nicht mehr in den Urlaub.

Ich dachte, dass ich Papa dann wenigstens öfter sehen würde. So ist es aber nicht.

Ständig macht er irgendwelche Schulungen, schreibt Bewerbungen und reist quer durch Deutschland zu Vorstellungsgesprächen.

Papa sieht die Kamera auf dem Wohnzimmertisch.

„Habt ihr schon angefangen?“ Mama nickt.

„Und? Ist der Film gut bisher?“

„Es ist kein ‚Herr der Ringe‘“, sage ich.

Er lacht. „Du bist ja auch kein Ork.“ Er guckt immer noch auf die Kamera.

Er wirkt etwas besorgt.

„Du willst das doch immer noch machen?“,

fragt Mama.

„Ja“, sagt er und klatscht in die Hände.

„Und zwar jetzt. Ist die Regisseurin bereit?“

Er setzt sich gerade hin und streicht seine Haare glatt. Mama nimmt die Kamera und fängt an zu filmen.

„Hallo“, sagt Papa und lächelt ins Objektiv.

„Mein Name ist Matthias Lesser. Ich bin ausgebildeter Zerspanungsmechaniker und war zuletzt in der Metallverarbeitung tätig.

Vor etwa zwei Jahren hat der Betrieb dichtgemacht.

Inzwischen beziehen wir Arbeitslosengeld II.“

Hartz IV mag Papa nicht aussprechen.

„Wir finden es gut, wenn im Fernsehen gezeigt wird, wie das Leben einer Familie ist, die gegen die Arbeitslosigkeit kämpft. Ich habe mit meiner Frau Anke und meiner Tochter Kim eine tolle Familie. Wir sind ein gutes Team und keine Faulenzer. Uns gefällt es ja auch nicht, Geld vom Staat zu nehmen. Wenn wir Ihnen also bei Ihrer Sendung helfen können, machen wir das gerne.“

Mama macht die Kamera aus.

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Meine Eltern gucken nicht so häufig fern. Abends setzen sie sich manchmal hin und schauen einen Krimi. Oder eine dieser politischen Talkshows.

Da geht es oft um Arbeitslosigkeit. Papa hofft, dass wir in eine dieser Sendungen kommen.

Ich schaue schon mehr als Mama und Papa, aber auch nicht viel: Konzerte, Zeichentrick.

Okay, auch Topmodel. Oft zappe ich rum, bleibe aber nirgendwo so richtig hängen.

Ich gucke stattdessen Filme auf DVD oder bei Flynn auf dem Computer.

Flynn ist mein bester Freund.

Er hat eine ganze Festplatte voll mit Filmen, entweder von Leuten aus der Schule oder direkt aus dem Netz. Es kommen ständig neue hinzu.

Wir haben echt mehr Filme als Zeit.

Flynn und ich mögen eigentlich alles, von total behämmerter Comedy mit Witzen über Durchfall bis zu japanischen Horrorfilmen.

Ich habe natürlich schon Sendungen gesehen über Leute, die arbeitslos sind. Die kommen meist nachmittags.

Die Arbeitslosen darin benehmen sich oft wie die letzten Deppen.

Sie schreien rum, leben in einem Drecksloch, fressen und saufen die ganze Zeit und kriegen ihr Leben auch sonst nicht auf die Kette. Ich habe das Gefühl, dass für manche jede Hilfe zu spät kommt.

Aber nicht für uns. Deshalb hat Papa ja auch betont, dass wir keine Faulenzer sind.

Meine Mutter brennt das Video auf CD und schickt es an die Leute von Idee TV.

Nur zwei Tage später wird Mama angerufen. Sie ist ganz aufgeregt, als sie mir davon erzählt.

„Monika Steinfeld heißt die Frau vom Fernsehen.

Sie war wirklich sehr nett, sehr einfühlsam und verständnisvoll. Wir haben bestimmt eine halbe Stunde miteinander gesprochen.“

Frau Steinfeld will schon nächsten Freitag kurz vorbeikommen, um uns kennenzulernen.

Mama kriegt sich nicht mehr ein bei dem Gedanken, bald in einer Fernsehsendung zu sein.

Ich lasse mir die Sache noch mal durch den Kopf gehen. Mir wird etwas mulmig.

Idee TV hat sich tatsächlich gemeldet!

Das kann ganz toll werden oder ein riesiger, peinlicher Reinfall.

Es braucht nur einen dummen Moment im Fernsehen, irgendeinen blöden Spruch von mir, und schon stellt mich jemand auf YouTube und ich werde eine Million Mal gesehen.

Als Papa nach Hause kommt und von dem Anruf hört, sagt er, dass er sich freut.

Aber er bleibt sehr ruhig.

Ich habe das Gefühl, dass ihm genauso mulmig ist wie mir.

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Am nächsten Tag sitzen Flynn und ich bei seinen Eltern im Wohnzimmer.

Flynn ist der Einzige, dem ich vom Fernsehen erzählt habe.

...

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