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Extra Krimi Urlaubs-Sammlung April 2019

Extra Krimi Urlaubs-Sammlung April 2019

Alfred Bekker et al.

Published by BEKKERpublishing, 2019.

Inhaltsverzeichnis

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Extra Krimi Urlaubs-Sammlung April 2019

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EIN KILLER RECHNET AB

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Mord am East River

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MAFIA-KOMPLOTT

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Du störst uns nur, solang du lebst

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TODESKUSS PER TELEFON

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DAS ZWÖLF-MILLIONEN-SUPERDING

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In der Tiefe verborgen

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Das große Ding mit Libelle

Blutiges Benzin

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Herein ohne anzuklopfen

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Der Killer-Guru

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Further Reading: 1000 Seiten Krimi-Paket Morde für den Strandurlaub 2019

Also By Alfred Bekker

Also By A. F. Morland

Also By Horst Friedrichs

Also By Earl Warren

Also By Cedric Balmore

About the Author

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Extra Krimi Urlaubs-Sammlung April 2019

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von Alfred Bekker, Cedric Balmore, A. F. Morland & Earl Warren, Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1430 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Cedric Balmore: Ein Killer rechnet ab

Alfred Bekker: Mord am East River

Cedric Balmore: Mafia-Komplott

Cedric Balmore: Du störst uns nur, solang du lebst

A. F. Morland: Todeskuss per Telefon

Earl Warren: Das Zwölf-Millionen-Superding

Alfred Bekker: In der Tiefe verborgen

A. F. Morland: Das große Ding mit Libelle

Earl Warren: Blutiges Benzin

A. F. Morland: Herein, ohne anzuklopfen

Earl Warren:  Der Killer-Guru

Horst Friedrichs: Entführung ist keine Kleinigkeit

Ein neuer Fall für Bount Reiniger, New York Citys besten Ermittler: Ein junger Hacker wird ermordet, der sich in eine Firma gehackt hat, die Raketenbauteile herstellt. Kurz darauf stirbt einer der Geschäftsführer dieser Firma. Wie hängen die beiden Fälle zusammen? Bount muss Kopf und Kragen riskieren, um das herauszufinden.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors /COVER MARA LAUE

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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EIN KILLER RECHNET AB

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Krimi von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

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RONALD SHERIDAN, NORBERT Bratton und Hank Lathien: Diese drei Zeugen hatten vor Gericht gegen Luciano Cuccimo, Auftragskiller der Mafia, ausgesagt, woraufhin dieser für zwei Morde lebenslänglich bekam. Dafür hatte Cuccimo tödliche Rache geschworen. Nachdem ihm die Flucht gelingt, wird Ronald Sheridan Opfer einer Autobombe. Da sich die beiden anderen Zeugen in Lebensgefahr befinden, soll Roberto Tardelli, Top-Agent einer geheimen US-Regierungs-Organisation, die beiden Männer, die untergetaucht sind, ausfindig machen. Dabei gerät der Mafia-Jäger selbst in Gefahr ...

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Die Überraschung traf Roberto Tardelli wie ein Faustschlag.

Er stellte sein Glas hart auf dem Tresen ab. Ein Teil des Orangensaftes schwappte über den Rand und sickerte klebrig über Robertos Handrücken.

Er zwang sich dazu, nicht den Kopf zu wenden. Wenn ihn nicht alles täuschte, was er in dem Reklamespiegel unter dem Flaschenregal sah, hatte soeben Lucky Cuccimo das Edelpub betreten.

Aber nein, das war ausgeschlossen.

Luciano Cuccimo war weg vom Fenster. Er war eingelocht. Lebenslänglich.

Der Mann, der hereingekommen war, verschwand aus dem Spiegelbild. Er tauchte neben Roberto auf. Der Barkeeper watschelte heran. Er hatte Halbglatze und ein Glasauge.

Sein Lächeln wirkte wie einstudiert.

„Zigaretten“, sagte der Mann, der neben Roberto stand.

Roberto rührte sich nicht.

Die Stimme!

Sie räumte in Roberto die letzten Zweifel aus. Es sei denn, von Lucky Cuccimo existierte ein Zwillingsbruder.

„Sorry, Mister“, sagte der Barkeeper. „Ich darf hier keine verkaufen. Ich hab‘ keine Konzession dafür.“

„Eine Stange“, sagte der Mann unbeeindruckt.

Seine Stimme klang auf Anhieb nur hell und kraftlos, sie war scheinbar unfähig, Autorität auszustrahlen. Und doch war etwas darin, das den Zuhörer irritierte und nervös machte. Das Lächeln des Barmixers verschwand. Er senkte den Blick seines gesunden Auges und demonstrierte totale Unterwerfung. „Ich kann Ihnen meine eigenen geben“, murmelte er und griff unter den Tresen. „Luckies.“

„Geht in Ordnung“, sagte Cuccimo und grinste. „Ich bin ein Lucky Boy.“

Er zahlte und ging. Roberto starrte in den Spiegel.

Luciano Cuccimo, Ex-Hitman der Mafia, zuletzt wohnhaft in New York. Überführt des zweifachen Mordes, und weiterer sieben Morde verdächtigt.

Lucky Cuccimo war etwas schmaler geworden, wie es Roberto schien.

Er hielt sich so kerzengerade wie damals. Seine Haltung erinnerte an einen Reserveoffizier in Zivil. Der Eindruck hölzerner Steifheit, den er verbreitete, hatte schon viele getäuscht; in Wahrheit war Lucky Cuccimo ein Mann mit brillanten Reflexen.

Roberto hatte ein flaues Gefühl im Magen.

Er war unbewaffnet. Hätte es Cuccimo gefallen, den Kopf zu wenden und den Orangensafttrinker anzusehen, wäre ein Drama nicht vermeidbar gewesen.

Ein Drama mit tödlichem Ausgang.

Tödlich für ihn, Roberto Tardelli.

Lucky Cuccimo verließ das Lokal.

Roberto stieß die Luft aus. Er spürte den Schweiß unter seinen Achselhöhlen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, soeben dem Tod entronnen zu sein.

Roberto war Top-Agent des COUNTER CRIME, einer geheimen, dem Justizministerium unterstellten Organisation. Ähnlich den in achtzehn Großstädten der USA etablierten „Strike Forces“ des FBI hatte COUNTER CRIME die Aufgabe, das organisierte Verbrechen mit ebenso unkonventionellen wie wirkungsvollen Methoden zu bekämpfen.

Roberto Tardelli hatte vor einem Jahr entscheidend dazu beigetragen, Lucky Cuccimo ans Messer zu liefern. Es gab keinen Zweifel, dass Lucky diesen Umstand im Gedächtnis behalten hatte und entschlossen war, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Wusste Lucky, dass Roberto sich gegenwärtig hier in Indianapolis aufhielt?

War er hergekommen, um sich zu rächen?

Und wenn ja: Wie hatte er erfahren, dass sein Gegner sich in der Stadt aufhielt?

Roberto war seinerzeit nicht als Zeuge vor Gericht aufgetreten. Die Polizei hatte ihn gesucht. Steckbrieflich. Man warf Roberto damals noch vor, dass er einen Polizisten erschossen hatte. Inzwischen war geklärt, was COUNTER CRIME von Anbeginn gewusst hatte: Roberto hatte in Notwehr gehandelt. Der korrupte Polizist hatte auf der Lohnliste der Mafia gestanden.

Roberto glitt vom Barhocker.

Der Barkeeper kam herangewieselt und kassierte. Roberto zahlte und ging zur Tür.

Es war elf Uhr vormittags. Über der Stadt wölbte sich ein leicht bewölkter Himmel.

Lucky Cuccimo überquerte die Fahrbahn. Auf der anderen Straßenseite parkte ein dunkelblauer Cadillac de Ville, ein 76er Modell. Cuccimo warf die Zigarettenstange durch das offene Fenster und stieg ein.

Roberto ging in entgegengesetzter Richtung davon. Er hielt ein normales Tempo ein. Sein Leihwagen, ein Pontiac Bonneville, stand in der nächsten Seitenstraße. Roberto begann zu laufen, als er außer Sicht des Killers war.

Er erreichte die kaffeebraune Limousine, schwang sich hinter das Lenkrad und betätigte den Starter, aber die Maschine tat nichts, um diese Bemühungen zu honorieren.

Roberto zerquetschte ein paar unschöne Worte zwischen den Zähnen. Jede Sekunde zählte. Er startete erneut. Endlich sprang die Maschine an. Roberto wendete und ignorierte dabei die Tatsache, dass er sich auf einer Einbahnstraße befand.

Als er in die Meridan Street einbog, die die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchschneidet und wie einen Apfel halbiert, empfing ihn das misstönende Protesthupen einiger aufgebrachter Autofahrer. Roberto kümmerte sich nicht darum und hoffte, dass ihn kein Polizist bei seinem riskanten Manöver beobachtete. Er erreichte die andere Straßenseite und gab Gas.

Der blaue Cadillac war aus Robertos Blickfeld verschwunden. Roberto verlangsamte an jeder Kreuzung das Tempo und versuchte festzustellen, ob der Cadillac die Meridan Street verlassen hatte.

Er wurde fündig, als er die 46te Straße erreicht hatte. Dort, wo sie, etwa fünfhundert Meter von der Meridan Street entfernt, sanft hügelan strebt, parkte auf halber Höhe ein blauer Cadillac.

Er fiel Roberto vor allem deshalb auf, weil er allein auf weiter Flur stand.

Roberto konnte die Nummer des Wagens nicht erkennen und hatte auch keine Ahnung, ob es sich um Cuccimos de Ville handelte, hielt es jedoch für zweckmäßig, nach rechts einzubiegen. Kurz darauf nutzte er eine Parklücke, die nur fünfzig Meter von dem Cadillac entfernt war.

Roberto stellte den Motor ab. Er überzeugte sich davon, dass er den Gesuchten gefunden hatte. Die Nummer stimmte.

Der Cadillac parkte vor der roten, mit Plakaten beklebten Mauer einer offenbar stillgelegten, auf ihren Abbruch wartenden Fabrik. Dieser Umstand erklärte, warum keine weiteren Fahrzeuge vor oder hinter dem Cadillac standen.

Roberto stieg aus.

Er konnte sehen, dass der Fahrer des Cadillacs sich zur Seite gebeugt hatte und etwas aus dem Handschuhfach zu holen versuchte.

In diesem Moment passierte es.

Aus dem blauen, sanft in der Sonne schimmernden Luxusgefährt wurde mit ohrenbetäubendem Krachen ein feuerspeiender Ball, aus dem scharfkantige, von Urgewalten verbogene und zerfetzte Metallteile wie Geschosse in alle Himmelsrichtungen pfiffen, wirbelten und jaulten.

Roberto fühlte sich wie von einer unsichtbaren Faust hochgehoben und landete im nächsten Augenblick unsanft auf den schmutzigen Steinplatten des Bürgersteigs.

Neben ihm krachte etwas auf den Boden und schlurrte schleifend davon.

Die Fensterscheiben der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite gingen zu Bruch. Ein Splitterregen ergoss sich auf den Asphalt, dazwischen ertönten die Schreckensschreie entsetzter Passanten.

Roberto kam auf die Beine.

Der Cadillac, oder vielmehr das, was von ihm übriggeblieben war, hatte sich in ein Flammeninferno verwandelt. Es stand außer Zweifel, dass der Mann, der in dem Wagen gesessen hatte, von der Explosion ausgelöscht worden war.

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Oh, Mr. Sheridan!“, hauchte die etwas knochige, aber keineswegs unsympathische Blondine, die in der verglasten Rezeptionsbox des Apartmenthotels 'Blue Skies' ihren Dienst versah. „Hatten Sie einen Unfall?“

Roberto grinste matt. Auf seiner Schläfe klebte ein großes Heftpflaster und sein brauner Sportsakko war am Ärmel aufgeplatzt.

„Nichts von Bedeutung“, winkte er ab. „Ein Autofahrer muss übersehen haben, dass ich nicht mit Stoßstangen ausgerüstet bin.“

„Ihr Bruder war hier, Sir.“

Roberto, der bereits auf dem Wege zum Lift war, blieb stehen. Er wandte sich langsam um. „Mein Bruder?“, echote er.

„Ja, er hat nach Ihnen gefragt.“

„Hat er eine Nachricht hinterlassen?“

„Nein, Sir.“

Roberto kehrte an die Glasbox zurück. Er lächelte der Blonden in die porzellanblauen Augen. „Da liegt ein kleines Missverständnis vor“, sagte er. „Ich habe keinen Bruder.“

„Aber Mr. Sheridan sagte ...“

Roberto fiel der Blonden ins Wort.

Er lächelte immer noch. „Es gibt viele Sheridans in der Stadt“, erklärte er. „Vielleicht sogar hier im Hause. Trifft es nicht zu, dass der Komplex dreihundert Apartments beherbergt?“

„Ja, Sir, aber Sie sind der einzige Vincento Sheridan darin“, sagte die Blonde. „Ich wage zu bezweifeln, dass es einen zweiten Mann dieses Namens in der Stadt gibt - und einen so attraktiven dazu“, fügte sie lächelnd hinzu. Der Schmelz in ihren Augen machte deutlich, dass sie bereit war, ihre Feststellung durch ein ganz allgemeines Entgegenkommen zu untermauern.

Irgendjemand bei COUNTER CRIME hatte es gefallen, Roberto diesen aparten Namen zu verpassen. Die dazugehörigen Papiere waren von gewohnter Qualität; schließlich wurden sie von Vater Staat gedruckt.

„Er fragte ausdrücklich: Ist mein Bruder Vincento in seiner Suite?“, erinnerte sich die Blondine.

„Es muss eine Verwechslung sein“, erklärte Roberto. „Wie sah der Mann aus?“

„Er war gut gekleidet. Sehr modisch. Er hätte durchaus Ihr Bruder sein können, Sir“, meinte die Blondine und ließ erkennen, dass der Besucher recht südländisch ausgesehen haben musste.

„Danke“, sagte Roberto und ging zum Lift.

Das war die dritte Bombe an diesem Tag.

Die erste war Lucky Cuccimos Auftauchen gewesen, die zweite das Ende des Gangsters.

Und die dritte war, dass man ihn, Roberto Tardelli alias Vincento Sheridan gefunden hatte, dass man wusste, unter welchem Namen er in Indianapolis abgestiegen war.

Der Lift brachte Roberto in die dritte Etage.

Er bewohnte die Suite 311.

Das 'Blue Skies' war ein Apartmenthotel der gehobenen Klasse. Es wurde hauptsächlich von Unverheirateten der Manager-Klasse bevorzugt. Von Leuten, die die Anonymität eines Wohnsilos mit dem Service eines Hotels zu verbinden wünschten.

Man musste gut verdienen, um sich diesen Luxus leisten zu können, durchschnittlich neunhundert im Monat für eines der Zwei-Zimmer-Apartments waren Standard. Roberto brauchte sich über seine Spesen keine allzu großen Sorgen zu machen; COUNTER CRIME war nicht kleinlich, wenn es darum ging, einen seiner Top-Agenten zu finanzieren.

Roberto betrat das Apartment und blieb in der winzigen Diele stehen. Er spürte, dass er nicht allein war.

Es gab keine erkennbaren Hinweise auf diesen Umstand, keine Veränderung in der Garderobe, keinen fremden Geruch, kein verdächtiges Geräusch. Und doch wusste Roberto, dass sich jemand in dem Apartment befand.

Sein Gespür trog ihn nicht. Als Roberto die Tür zum Wohnzimmer aufstieß, stand ein Mann zwischen den beiden Fenstern. Er hatte ihm den Rücken zugekehrt und hielt eine Pistole in der Hand.

Eine 22er mit Schalldämpfer.

„Hereinspaziert“, sagte er. „Es ist nicht nötig, dass Sie die Tür schließen. Der Schalldämpfer arbeitet vorzüglich. Ihr Tod wird nicht lauter sein als das ,Plopp‘ eines Champagnerkorkens.“

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Roberto stoppte dicht hinter der Schwelle. Seltsamerweise hatte er keine Angst.

Ein Hitman mit klarem Auftrag würde sofort geschossen haben. Die Tatsache, dass der Besucher sich aufspielte und in makabrer Höflichkeit übte, ließ vermuten, dass er die zynische Demonstration seiner Überlegenheit fortzusetzen wünschte.

„Wer sind Sie?“ fragte Roberto.

Der Eindringling war schätzungsweise fünfundzwanzig. Er war nicht ganz so groß wie Roberto, etwa eins fünfundsiebzig, aber vom gleichen, aus schmalen Hüften und breiten Schultern bestimmten Zuschnitt.

Der Mann trug einen leichten, blaugrauen Sommeranzug und ein Oberhemd mit abgerundeten Kragenenden. Die Krawatte war, der neuesten Mode entsprechend, nicht viel breiter als ein Männerdaumen.

Der Mann hatte ein schmales, markantes Gesicht mit dunklen Augen und blauschwarz schimmernden Haar. Es war glatt zurückgekämmt.

Italoamerikaner seines Typs neigten zur Dandyhaftigkeit, ihr männliches Aussehen war nicht frei von femininen Akzenten. Doch sobald sie aggressiv wurden, bestand kein Zweifel an ihrem harten und oft brutalem Kern.

„Jetzt darfst du raten, Sherryboy“, sagte der Eindringling und verzog seinen roten, fleischigen Mund zu einem hässlichen Grinsen. „Ich gebe dir drei Versuche.“

Sherryboy.

Den Namen hatte Roberto schon einmal gehört oder gelesen.

Aber wo?

Und in welchem Zusammenhang?

Roberto schaltete prompt. Es musste einen Vincento Sheridan geben, der in der Unterweltszene den Spitznamen Sherryboy trug.

Mit dem wurde er verwechselt.

Diese Feststellung erfüllte Roberto nur mit dünner Erleichterung. Er hatte keine Lust in die Kriminalgeschichte einzugehen als ein Fall, wo eine Namens oder Personenverwechslung zum Mord geführt hatte.

„Ich bin 'ne Niete im Raten“, sagte Roberto und entspannte sich. Er schritt zu einem Sessel und ließ sich hineinfallen. Ihm entging nicht, dass ihm die behandschuhte Rechte des Gangsters mit der Waffenmündung folgte.

Roberto blickte hoch. Er war immer noch drei Schritte von seinem Gegner entfernt.

Der Gangster grinste. „Ich hab' mich als dein Bruder ausgegeben. Wie findest du das?“

„Ich sag's dir, wenn du mir mehr über die Hintergründe dieses großartigen Einfalls mitteilst“, bemerkte Roberto kühl.

Die Zeit des Siezens war vorbei. Man kam endlich zur Sache.

„Offen gestanden mache ich mir nur selten die Mühe, großartige Einfälle zu produzieren“, sagte der Mann. „Das überlasse ich denen, die dafür bezahlt werden. Ich führe aus, was man mir aufträgt. Nicht mehr und nicht weniger. Das tue ich perfekt. Weil man das weiß und schätzt, brauche ich mich über einen Mangel an Aufträgen nicht zu beklagen.“

„Da bist du fein ‘raus“, höhnte Roberto.

In ihm arbeitete es.

Sherryboy, Sherryboy. Wo, zum Teufel, war ihm dieser Name begegnet?

Plötzlich wusste er es.

Ein Mann namens Ronald Sheridan war einer der Hauptbelastungszeugen im Cuccimo Prozess gewesen.

Ronald Sheridans Spitzname: Sherryboy.

Genau wie den beiden anderen Zeugen hatte man Ronald Sheridan einen offiziell genehmigten Namenswechsel zugebilligt und ihm überdies Polizeischutz gewährt.

Er war mit unbekanntem Ziel aus New York verschwunden.

Er hatte gewusst, was ihm drohte.

Der Mozetti-Mob, in dessen Sold Cuccimo gestanden hatte, betrieb die Entlarvung und Bestrafung der Männer, die nach ihrer Zeugenaussage untergetaucht waren, mit beharrlichem Nachdruck. Das hatte gute Gründe.

Für die Mafia war es lebensnotwendig, jene zu vernichten, die den Nerv gehabt hatten, gegen einen der ihren in den Zeugenstand zu treten.

Zeugen mussten sterben - wenn sie sich nicht auf andere Weise zum Schweigen bringen ließen. Am besten war es, wenn man die Zeugen vor einem Prozess ausschaltete, aber es gab nun mal Fälle, wo man nachvollziehen musste, was sich nicht termingerecht hatte ausführen lassen.

Es war also kein Zufall, dass Luciano Cuccimo sich in der Stadt aufgehalten hatte. Er war hergekommen, um sich an Ronald Sheridan zu rächen.

Es gab ein paar Ungereimtheiten in Robertos Gedankenspiel. Warum überließ es Cuccimo einem anderen, den Racheakt zu begehen?

Ebenso offen blieb die bohrende Frage, wie Cuccimo es geschafft hatte, aus dem Gefängnis zu entkommen.

Die Bombe war vor einer halben Stunde hochgegangen. Möglicherweise wusste der Mann mit der 22er noch gar nichts von dem Schicksal, das Lucky Cuccimo in seinem blauen Cadillac ereilt hatte.

„Ich heiße Vincento Sheridan“, sagte Roberto Tardelli. „Ich lebe seit zwei Monaten in der Stadt. Ich besuche hier einen Abendkurs am Indian Management Institute. Du kannst das gern überprüfen. Es ist für mich offenkundig, dass du mich mit einem anderen verwechselst.“

Es stimmte übrigens, dass Roberto den Kurs besuchte. Die Schule war bekannt für einen ausgezeichneten Lehrkörper. Von ihm versuchten eine Menge Aufsteiger zu profitieren - nicht zuletzt ein paar Dutzend karrierehungrige Top-Gangster, die von ihren Chefs hierhergeschickt wurden, um der Organisation später in Spitzenstellungen als kommerzielle Lenker betrügerischer Manipulationen dienen zu können.

Die Tatsache, dass die Schülerschaft nach neuesten Erkenntnissen mit knapp vierzig Prozent Mafiosi durchsetzt war, hatte COUNTER CRIME dazu bewogen, Roberto Tardelli auf die Schule anzusetzen.

„Du hast deinen Vornamen geändert, mehr nicht“, sagte der Gangster. Glaubst du wirklich, das würde genügen? Zugegeben, dein Einfall war nicht dumm. Weil du davon ausgingst, dass wir annahmen, du hättest deinen Zunamen über Bord geworfen, bliebst du bei Sheridan. Oder haben die Bullen dir diesen Tipp gegeben? Wie dem auch sei, du konntest dich von deinem dir liebgewordenen Familiennamen nicht trennen, du gabst lediglich dem Ronald den Laufpass. Vincento!“ Er lachte kurz. „Du hättest dir was Besseres einfallen lassen können“, schloss er.

„Ich habe meinen Namen nicht geändert“, knurrte Roberto und erhob sich. Er ballte die Hände. „Warum hätte ich das tun sollen?“

Die Rechte des Gangsters vollzog Robertos Manöver mit. Die Waffenmündung hielt sich auf einer Ebene mit Robertos hämmerndem Herzen.

Der Gangster glitt zur Seite.

Er kehrte jetzt dem metallgerahmten Fensterquadrat seinen Rücken zu. Diese Position schien ihm mehr zu behagen. Sie baute vor ihm die schützende Barriere eines schweren Ohrensessels auf.

„Ich wüsste gern, wo Sheila lebt“, sagte der Gangster.

„Dann frag' sie doch“, raunzte Roberto. „Ich kenne keine Sheila.“

„Nicht doch!“, höhnte der Gangster. „Sie ist deine Puppe. Sie hat dich mit den Informationen gefüttert, die du später im Zeugenstand nicht für dich behalten konntest. Sie ist mit dir untergetaucht. Wir haben sie noch nicht aufgespürt, aber du wirst mir sagen, wo sie steckt.“

„Ich wiederhole mich nicht gern, aber mir bleibt keine Wahl. Ich habe niemals den Namen Ronald getragen. Du verwechselst mich mit einem anderen.“

Plötzlich krachte es. Das harte Bersten von Glas verband sich mit einem jähen Zusammenzucken des Gangsters.

Er brach in die Knie. Seine Lippen bewegten sich, und in den dunklen, auf einmal riesengroß erscheinenden Augen dämmerten Fassungslosigkeit und Entsetzen.

In dem von seinem Körper freigegebenen Fensterviereck gähnte ein winziges Loch. Von seinem Zentrum liefen gezackte Linien in alle Richtungen.

Der Gangster stöhnte. Sein Oberkörper bewegte sich schwankend, dann kippte er nach vorn. Roberto gab sich einen Ruck. Er erreichte mit einem Satz den Gangster und beugte sich über ihn.

Während Roberto mit raschem Griff die Pistole aus der behandschuhten Rechten des Mannes löste, sah er, wo es seinen Gangster erwischt hatte.

Ein Schultertreffer. Die Lage der Einschussöffnung gab dem Mann gute Chancen, mit einem blauen Auge davonzukommen. Er atmete keuchend. Sein Gesicht war dem Spannteppich zugekehrt. Seine linke Hand öffnete und schloss sich wie im Krampf.

„Ein Arzt“, japste er. „Ich brauche einen Arzt.“

Roberto richtete sich vorsichtig auf. Er trat ans Telefon und benachrichtigte Polizei und Notarztwagen.

Es hatte eine Zeit gegeben, wo Roberto es nicht hatte wagen können, die Polizei auf diese Weise zu kontaktieren, aber das war glücklicherweise vorbei. Trotzdem war er nicht darauf versessen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Es gab in ihr zu viele undichte Stellen. Außerdem war Roberto als Mitglied einer Geheimorganisation verpflichtet, die notwendige Vorsicht walten zu lassen und weitgehend als Einzelkämpfer aufzutreten.

Er legte auf.

Das zweite Fenster hatte ebenfalls keine Gardine, aber es war von einer herabgelassenen Jalousie bedeckt. Sie ermöglichte es Roberto, einen Blick durch die Lamellen zu werfen.

Das gegenüberliegende Haus hatte zehn Stockwerke. Ein paar dutzend seiner Schiebefenster waren geöffnet. Hinter jedem von ihnen hatte der Schütze stehen können. Es war anzunehmen, dass er ein Gewehr mit Zielfernrohr benutzt hatte. Die Tatsache, dass es ihm nicht gelungen war, den Gangster zu töten, warf die Frage auf, wer dahintersteckte. Hatte der Schütze den Gangster nur warnen wollen, oder war der Schultertreffer eine Panne, das Ergebnis eines Amateurs?

Roberto ließ die zweite Jalousie herab. Dann beugte er sich wieder zu dem Verletzten herunter und erkundigte sich: „Haben Sie den Geschmack von Blut im Mund?“

Es war ein bisschen absurd, den Gangster plötzlich zu siezen, aber irgendwie erschien es Roberto nach Lage der Dinge ganz angemessen zu sein, zivilere Töne anzuschlagen.

Der Verletzte verneinte mit einem nur angedeuteten Kopfschütteln.

Roberto nahm dem Mann mit sicherem Griff die Brieftasche ab. Sie enthielt einen Führerschein auf den Namen Guilio Gambini. In dem Führerschein lag eine brandneue Tausendernote. Roberto nahm an, dass Gambini ihn als saftigen Vorschuss erhalten hatte.

Roberto steckte die Brieftasche mitsamt Inhalt in den Sakko und wartete. Fünfzehn Minuten später traf der Notarztwagen ein, kurz darauf die Polizei.

Roberto Tardelli wies sich aus. Er benutzte dafür die ihm von COUNTER CRIME gelieferten Papiere. Er gab zu Protokoll, was geschehen war, und Unterzeichnete mit dem Namen Vincento Sheridan.

Eine Stunde später war das Ganze wie ein Spuk vorüber. Roberto setzte sich ans Telefon und wählte eine Nummer in New York, die er auswendig kannte.

Der Mann, der sich meldete, nannte keinen Namen, aber Roberto wusste, dass er Colonel Myer, seinen direkten Vorgesetzten, an der Strippe hatte.

„Was ist mit Lucky Cuccimo?“, fragte Roberto.

„Was soll mit ihm sein? Er sitzt“, erwiderte der Colonel.

„Ihr Informationsstand bedarf einer Korrektur“, sagte Roberto und berichtete, was er erlebt hatte.

Colonel Myer schwieg, nur eine Sekunde lang. Dann meinte er: „Bleiben Sie in der Nähe des Telefons. Ich rufe zurück.“

Roberto legte auf. Er sah sich das zerschossene Fenster an und peilte durch die Jalousielamellen. Es lag auf der Hand, dass der Schütze längst das Weite gesucht hatte.

Erst Cuccimo, dann Gambini.

Wer war hinter den Männern her, die die Absicht gehabt hatten, sich an ihm zu rächen?

Das Telefon klingelte. Roberto blickte auf die Uhr. Seit seinem Anruf waren nur zehn Minuten vergangen. Es war nicht anzunehmen, dass Colonel Myer bereits fündig geworden war - es sei denn, das Gefängnis hatte gerade erst entdeckt, dass Luciano Cuccimo auf die Idee verfallen war, Urlaub zu nehmen.

„Mein Informationsstand bedarf keineswegs einer Korrektur“, teilte der Colonel Roberto mit. „Lucky Cuccimo sitzt genau dort, wo er hingehört - in seiner Zelle.“

„Okay, so sieht es aus. Aber der Mann im Gefängnis kann nicht Cuccimo sein. Es muss sich um einen Doppelgänger handeln, um einen, der sitzt, um dem wahren Cuccimo draußen freie Hand zu lassen.“

„Ist es nicht denkbar, dass Sie einen Doppelgänger gesehen haben?“

„Halluzinationen gehören nicht zu meinen Standarderlebnissen“, sagte Roberto. „Ich habe Lucky gesehen. Leibhaftig. Er stand neben mir. Ich konnte ihn buchstäblich riechen. Und ich war dabei, als er in die Luft flog.“

„Wollen Sie der Gefängnisleitung unterstellen, dass sie schläft? Cuccimo sitzt!“, meinte Myer.

„Ich habe die Stimme gehört. Es war Cuccimos Stimme“, sagte Roberto. „Und da ist noch etwas. Man ist hinter mir her. Das heißt, man verwechselt mich mit Ronald Sheridan, der als Zeuge gegen Cuccimo aussagte.“

„Fassen wir zusammen“, meinte Myer, der nicht dazu neigte, langatmige Spekulationen anzustellen. „Wenn es stimmt, was Sie sagen, ist es Cuccimo gelungen, sich aus dem Gefängnis abzusetzen und einen ihm ähnlich sehenden Mann als 'Vertreter' agieren zu lassen. Cuccimos Ziel war es demnach, einen Rachefeldzug zu starten und sich gleichzeitig todsichere Alibis zu beschaffen - denn offiziell sitzt er ja hinter Gittern. Er muss erfahren haben ...“

„ ...dass ich mich in Indianapolis aufhalte“, ergänzte Roberto. „Ich wüsste gern, wie ihm das gelungen ist.“

„Wenn Sie es wünschen, blasen wir das Unternehmen in Indianapolis ab“, sagte Myer. „Ich habe nicht vor, Sie als enttarnten Agenten den Wölfen zum Fraß vorzuwerfen.“

„Gambini hat mitgekriegt, was ich zu Protokoll gegeben habe“, meinte Roberto. „Das ist unsere Chance. Die Gangster müssen inzwischen begriffen haben, dass ich mit Ronald Sheridan nicht identisch bin. Übrigens suchen sie dessen Freundin Sheila. Was wissen Sie über das Mädchen?“

„Sheila Baxter, Endzwanzigerin. Ein Mädchen aus dem Nachtklubmilieu, mit allen guten und schlechten Eigenschaften der Branche“, dozierte Myer. „Ich versuche herauszufinden, wo sie und ihr Freund Ronald Sheridan sich aufhalten. Außerdem kümmere ich mich um Cuccimo. Wir müssen feststellen, ob er es tatsächlich geschafft hat, einen Vertreter in seine Zelle zu lancieren. Ich rufe zurück, sobald ich Näheres weiß.“

Roberto legte auf.

Er verspürte Hunger. Der Kühlschrank bot nichts, was ihn zu reizen vermochte, und er verließ das Apartment. Als er die Halle im Erdgeschoss durchquerte, war er froh, dass die Blonde in der Glasbox ihm beim Telefonieren den Rücken zukehrte. Er hatte keine Lust, eine detaillierte Erklärung über die Gründe abzugeben, die Arzt und Polizei in sein Apartment geführt hatten.

Er suchte ein nahes Restaurant auf und hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Er hielt unauffällig und behutsam Umschau. Er entdeckte niemand, der auf Anhieb verdächtig wirkte.

Roberto verzehrte ein Steak auf Toast und spülte den Zwiebelgeschmack mit einer Zitronenlimonade hinunter. Er kehrte in das 'Blue Skies' zurück und musste sich diesmal der Neugierde der Blonden stellen. Er erfuhr dabei, was ihm längst klar war: Der Gangster, der sich als sein Bruder ausgegeben hatte, war identisch mit Guilio Gambini.

Robertos Muskeln spannten sich, als er die Suite 311 betrat. Gambinis Besuch hatte bewiesen, wie leicht es war, in das Apartment einzudringen. Vermutlich bedurfte es nur des Diebstahls eines Generalschlüssels, von dem jede Etagenputzfrau einen besaß.

Roberto blickte sich gründlich in der Wohnung um. Das Telefon klingelte. Roberto nahm den Hörer ab.

„Sheridan“, meldete er sich.

„Sie hatten recht“, sagte Colonel Myer. „Unser Freund Cuccimo ist getürmt.“

Roberto setzte sich. „Wie lange war er auf freiem Fuß?“

„Das wird noch geprüft. Für ihn sitzt ein Typ ein, der ihm nicht einmal sonderlich ähnlich sieht. Die Ermittlungen sind eingeleitet und werden Aufschluss darüber geben, wie der 'Tausch' vor sich gegangen ist. Schon jetzt steht fest, dass das Unternehmen nicht ohne die Beihilfe korrumpierter Beamter möglich gewesen sein kann. Sie müssen jetzt am Ball bleiben. In Indianapolis tut sich einiges. Ronald Sheridan und Sheila Baxter halten sich in der Stadt auf. Kann sein, dass die beiden Sie als Köder benutzten, um Cuccimo und seine Helfer aus dem Wege zu räumen. Sheridan hat uns zwar geholfen, Cuccimo zur Strecke zu bringen, aber wir wissen, dass Sheridan selbst kein unbeschriebenes Blatt ist. Wir haben keine Informationen darüber, was er nach dem Prozess angestellt hat und wovon er lebt.“

„Woher wissen Sie, dass er sich augenblicklich in Indianapolis aufhält?“

„Ganz einfach“, sagte Myer, „wir haben seine Mutter befragt.“

„Hat sie seine Adresse?“

„Nein, aber sie konnte mir die Anschrift eines Mannes mitteilen, mit dem Ronald als GI in Übersee war und der in Indianapolis lebt. Es ist anzunehmen, dass er diesen Freund aufgesucht hat. Vielleicht kommen Sie durch ihn weiter. Hier sind Name und Adresse: Jack Lombardi, 123 Michigan Road.“

Roberto notierte sich die Adresse. „Da ist noch etwas“, fiel ihm ein. „Es gab immerhin drei Zeugen, die vor Gericht gegen Cuccimo aussagten und sein 'Lebenslänglich' zementierten. Was ist mit den beiden anderen?“

„Ich kümmere mich um sie“, versprach Myer. „Wenn Cuccimo tot ist, droht ihnen keine Gefahr.“

„Das sehe ich anders. Gambinis Auftauchen beweist, dass Cuccimo keinen Alleingang plante.“

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Eine halbe Stunde später kletterte Roberto vor dem Haus Michigan Road 123 aus dem Wagen. Das Gebäude war ein Relikt aus den zwanziger Jahren. Erst kürzlich eingesetzte Fenster mit Metallrahmen dokumentierten einen resoluten Sanierungsversuch.

Roberto ignorierte den Lift und stieg die Treppe zur zweiten Etage empor. Seitdem sich gezeigt hatte, dass seine Mission in Indianapolis voller Tücken war, trug er seinen Revolver im Schulterholster. Er hasste es zwar, sich mit der Kanone zu bewegen, aber die Situation ließ ihm keine andere Wahl.

Er klingelte an der Tür, die Lombardis Namensschild trug. Die Tür der Nachbarwohnung öffnete sich. Eine ältere Frau mit grauem strähnigem Haar steckte ihren Kopf in den Flur und fragte: „Sind Sie der Fernsehmann?“

„Ja“, erwiderte Roberto ohne Zögern.

„Ich soll Sie reinlassen“, meinte die Frau und zog ihren Kopf zurück. Roberto hörte, wie sie die Kette ihrer Wohnungstür aushängte. Sekunden später tauchte die Frau mit einem Schlüssel auf. „Mr. Lombardi musste rasch noch mal weg, er bittet Sie, den Zeilenschalter zu überprüfen - oder wie das Ding heißt. Wenn Sie fertig sind, können Sie mir die Rechnung vorlegen.“

„Danke“, sagte Roberto und wartete, bis die Frau ihm Jack Lombardis Wohnungstür geöffnet hatte. Es war nicht immer so leicht, in eine fremde Wohnung zu gelangen. Hier sah er nicht einmal die Notwendigkeit für eine solche Aktion, andererseits hatte er gelernt, jede sich ihm bietende Chance auszunutzen.

„Brauchen Sie mich?“, fragte die Frau. „Sie wissen ja, wo der Apparat steht.“

„Ich klingele, sobald ich fertig bin“, meinte Roberto und schloss die Wohnungstür hinter der Frau.

Roberto betrat das Wohnzimmer. Es machte einen sauberen, aufgeräumten Eindruck und war leidlich modern möbliert. Auf dem Fernsehgerät lag ein handgeschriebener Zettel mit Reparaturanweisungen. Roberto interessierte sich allerdings nur für die Briefpost, die in einem Messinghalter steckte, der auf der geöffneten Klappe des Schreibsekretärs stand.

Roberto zog die Briefe heraus und studierte die Namen der Absender. Er fand weder den von Ronald Sheridan noch den seiner Freundin Sheila darunter. Roberto schob die Briefe in den Halter zurück.

Plötzlich hörte er ein Geräusch. Es kam von der Wohnungstür. Jemand machte sich daran zu schaffen.

Wenn es kein Betrunkener war, der die Türen verwechselt hatte, war anzunehmen, dass jemand mit einem Nachschlüssel hantierte und einige Mühe hatte, ihn richtig einzusetzen.

Ein leises Schnappen verriet Roberto, dass die Person an der Tür endlich ihr Ziel erreicht hatte. Roberto holte für alle Fälle den Revolver aus dem Schulterholster. Die Waffe lag fest und sicher in der Hand und vermittelte ihrem Besitzer ein tröstliches, wenn auch trügerisches Gefühl von Sicherheit.

Roberto huschte zur Tür des Nebenzimmers. Er öffnete sie und schob sich lautlos in den Raum. Er vermied es, die Tür zu schließen.

In der Diele wurden Schritte laut. Sie strebten auf das Wohnzimmer zu. Dann wurde die Tür aufgerissen.

Roberto spähte durch den Türspalt.

Ein Mann betrat das Wohnzimmer.

Roberto glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Er kannte den Mann.

Es war Lucky Cuccimo.

Robertos Mund wurde pulvertrocken.

Er hatte dem Colonel gegenüber bestritten, an Halluzinationen zu leiden, aber das, was er sah, erlaubte ziemliche Zweifel an seiner Behauptung.

Lucky Cuccimo konnte die Explosion unmöglich überlebt haben. Wenn er sich jetzt leibhaftig vor Robertos Blicken bewegte, gab es dafür nur eine Erklärung.

Als Roberto unweit des de Ville geparkt hatte, war nicht Cuccimo, sondern ein anderer Mann im Wagen gewesen.

Wer war dieser andere?

Und was wollte Cuccimo in der Wohnung von Roland Sheridans Freund Lombardi?

Lucky Cuccimo trug eine Sonnenbrille. Er setzte sie ab. Roberto kickte die Tür auf und jumpte über die Schwelle. Cuccimos Kopf flog herum. Sein Mund öffnete sich und entblößte zwei Reihen perfekter neuer Zähne.

„Wenn das keine Überraschung ist“, sagte er.

„Schade, dass es nicht Mitternacht ist“, meinte Roberto. „Sie hätten dann eine gute Chance gehabt, von mir als Gespenst betrachtet zu werden.“

„Roberto Tardelli“, sagte Cuccimo. „Es freut mich, mit einem so prominenten Kollegen sprechen zu können.“

Cuccimo legte die Sonnenbrille zusammen und steckte sie in seine Brusttasche. Der dunkelblaue Blazer war aus dünnem Tuch gefertigt und sah ebenso korrekt aus wie die helle, scharf gebügelte Hose und die sorgfältig geknotete Krawatte. Luciano Cuccimo ließ sich in einen Sessel fallen.

„Sie haben den Umgang mit Zweitschlüsseln und Dietrichen scheinbar nicht verlernt“, stellte Roberto fest.

Cuccimo grinste. „Dazu besteht kein Anlass“, sagte er. „Müssen Sie mir unbedingt mit der Kanone vor dem Gesicht herumfuchteln? Imponiergehabe ist mir zuwider, Tardelli. Es passt nicht zu Ihnen. Ein Mann Ihres Formates sollte darauf verzichten.“

„Was treiben Sie in Indianapolis?“

Cuccimo lehnte sich scheinbar entspannt zurück. Er legte ein Bein über das andere und strich dabei sorgfältig die Bügelfalten der Gabardinehose glatt.

„Dasselbe wie Sie, nehme ich an“, erwiderte er. „Ich jage Gangster.“

„Eine ergreifende Geschichte“, höhnte Roberto. „Sie hat bloß einen Nachteil. Es bleibt eine Geschichte. Mich interessieren nur Fakten.“

„Sind Sie nicht überrascht, dass ich mich auf freiem Fuße befinde?“

„Ich war es“, gab Roberto zu.

„Einem Mann meines Kalibers gibt man keine Chance, aus dem Gefängnis zu entkommen“, meinte Cuccimo. „Oh nein, einer wie ich muss schon andere Wege finden, um in die Freiheit zu gelangen.“

„Sie machen mich neugierig“, sagte Roberto, der nicht aufhörte, seinem Gegenüber die Revolvermündung zu präsentieren.

„Ich arbeite mit dem FBI zusammen“, grinste Cuccimo.

„Was Sie nicht sagen.“

„Sie glauben mir nicht?“, fragte Cuccimo. „Denken Sie doch einmal an Ihr eigenes Schicksal. Als Sie noch von der Polizei gejagt wurden, bot Ihnen auch jemand die Möglichkeit, sich zu rehabilitieren. Mit mir verhält es sich ähnlich. Ich muss ins Gefängnis zurück, sobald ich meine Aufgabe gelöst habe. Sie werden verstehen, dass ich nicht befugt bin, Ihnen nähere Einzelheiten zu geben. Mein Auftrag ist Top Secret.“

Roberto stülpte die Unterlippe nach, vorn.

Er bezweifelte, dass Cuccimo die Wahrheit sagte. Obwohl FBI und Justizministerium immer häufiger gezwungen wurden, mit Doppelagenten zu arbeiten und den Gegner mit Männern aus dessen Lager zu unterwandern, erschien es unvorstellbar, dass sich das FBI dabei eines Burschen bediente, dem zwei Morde nachgewiesen worden waren und von dem man vermutete, dass sechs weitere auf sein Konto gingen.

„Wer ist heute mit Ihrem Wagen in die Luft geflogen?“, fragte Roberto.

„Das kann ich nur vermuten“, sagte Cuccimo. „Es ist der Kerl, der versucht hat, die Sprengladung mit der Zündung zu verbinden. Eine tödliche Panne hat ihn ins Jenseits geblasen.“

„Wenn das zutrifft, wüsste ich gern, wer Ihnen auf den Fersen ist.“

„Ich habe ein paar Vermutungen, aber noch keine konkreten Hinweise“, sagte Cuccimo.

„Kennen Sie einen Mann namens Guilio Gambini?“, erkundigte sich Roberto.

„Nein.“

„Er war heute bei mir. Er hielt mich für Sherryboy“, sagte Roberto.

„Was denn für Ronald Sheridan?“, fragte Cuccimo und sah verdutzt aus. „Das ist absurd. Aber auch sehr merkwürdig. Ich muss dahinterkommen, was es damit für eine Bewandtnis hat.“

„Was wollen Sie von Lombardi?“

„Nun, er ist, wie Ihnen bekannt sein dürfte, mit dem wirklichen Ronald Sheridan befreundet. Ich möchte von Lombardi erfahren, wo Sheridan sich aufhält. Er soll in der Stadt sein, zusammen mit seiner hochattraktiven Puppe Sheila Baxter.“

„Sie wollen sich an Sheridan rächen?“

„Ja und nein. Sheridan ist einer der Männer, dem ich das 'Lebenslänglich' verdanke“, sagte Cuccimo. „Aber das FBI hätte mich nicht auf ihn losgelassen, um mich mein Mütchen kühlen zu lassen. Nein, Sheridan ist inzwischen das geworden, was ich einmal war - ein skrupelloser Killer. Er arbeitet für eine Gruppe, die dem Mozetti-Mob, meinem ehemaligen Arbeitgeber, bereits großen Schaden zugefügt hat. Das FBI ist nun keineswegs daran interessiert, Mozetti Schutz zu gewähren - aber es will verhindern, dass es zu einem Shootout im Stil der zwanziger Jahre kommt. Gangsterkriege mögen dem Bürger das Gefühl geben, dass sich da nur ein paar Ratten gegenseitig umbringen. Für das Image von Polizei und Staat dagegen sind derlei Auseinandersetzungen tödlich. Sie geben der Öffentlichkeit das Gefühl, dass die Unterwelt nach Gutdünken um sich schlagen und den Behörden auf der Nase herumtanzen kann. Wie gesagt: Ich habe die Aufgabe, dies auf meine Weise zu verhindern.“

„Stehen Sie auf!“, forderte Roberto scharf.

Cuccimo runzelte die Augenbrauen. Er schien einen Protest äußern zu wollen, aber dann gehorchte er. „Sie kennen die Prozedur“, sagte Roberto. „Stellen Sie sich mit dem Gesicht zur Wand und legen Sie die Hände auf die Tapete.“

Cuccimo befolgte die Aufforderung. Roberto trat von hinten an ihn heran und tastete ihn ab.

Cuccimo trug erstaunlicherweise nur ein bescheidenes Klappmesser bei sich. Es steckte in seiner Gesäßtasche. Roberto nahm es an sich.

„Okay?“, fragte Cuccimo.

„Okay“, sagte Roberto und trat einen Schritt zurück.

Das Nachlassen seiner Spannung rächte sich. Cuccimo zuckte wie eine losschnellende Stahlfeder herum. Er setzte alles auf eine Karte, als er seine Handkante hochfliegen ließ. Ihre durchtrainierte Härte traf Robertos Gelenk mit der Wucht einer Eisenstange. Der Revolver flog ihm aus den Fingern und landete krachend auf dem Boden. Noch ehe Roberto die Schrecksekunde überwunden hatte, demonstrierte Cuccimo erneut sein Reaktionsvermögen.

Der Karateschlag traf voll.

Roberto ging zu Boden. Er war benommen. Er versuchte, sich hochzustemmen, aber in seiner Nervenzentrale war einiges in Unordnung geraten. Die Befehle, die er seinem Körper erteilte, versickerten wie Wasser im Sand.

Cuccimo hob den Revolver auf. Er ließ die Magazintrommel rotieren. „Eine wundervolle Waffe“, höhnte er. „Exzellent gepflegt. Daran erkennt man den Profi.“ Er lachte kurz. „Aber zum Vollprofi ist für dich noch ein weiter Weg. Das erkennst du an der Tatsache, dass du jetzt auf der Schnauze liegst. Du musst noch viel lernen, Schnüffler.“

Roberto wälzte sich auf den Rücken. Der Druck in seinem Magen war dumpf und quälend. Roberto hasste nichts so sehr wie selbstverschuldeten Misserfolg.

Roberto richtete den Oberkörper auf und schüttelte den Kopf. Er hatte es in der Hand gehabt, Lucky Cuccimo erneut zur Strecke zu bringen und musste sich vorwerfen, den Gegner unterschätzt zu haben.

Pannen gab es immer wieder, zugegeben. Aber eine von dieser Art konnte tödlich enden. Und sie würde tödlich enden, wenn Lucky Cuccimos Story nicht den Tatsachen entsprach.

„Davon habe ich oft genug geträumt“, sagte Cuccimo und richtete die Waffe auf Robertos Kopf. „Mafia-Jäger Tardelli vor mir auf dem Boden! Wie ist das, wenn sich die Sekunden zu Ewigkeiten dehnen und wenn man darauf wartet, dass mit dem großen Knall das große Nichts beginnt? Hast du Angst vor dem Tod, Schnüffler?“

Robertos Augen brannten. Der Magendruck verwandelte sich in akute Übelkeit. Roberto war bemüht, sich nichts davon anmerken zu lassen. Er hatte zu oft dem Tod ins Auge geblickt, als dass er willens oder imstande gewesen wäre, in einer solchen Situation das Handtuch zu werfen. Vermutlich gab es im Leben eines jeden Menschen nur eine einzige, wahre Mutprobe. Das war sein Verhalten in der Stunde der Wahrheit, kurz vor dem Ende.

Roberto quälte sich auf die Beine. Ihm war zumute, als hätte er seine Muskeln gegen Pudding ausgetauscht. Er ließ sich in einen Sessel fallen, streckte die Beine weit von sich und lehnte den Kopf gegen die Rückenlehne.

Lucky Cuccimo hielt alle Trümpfe in der Hand. Er konnte sie nach Belieben ausspielen.

„Was treibst du in Indianapolis?“, erkundigte sich der Gangster. Er hielt den Revolver auf Roberto gerichtet. Der Finger hatte den Druckpunkt erreicht.

„Ich lerne“, sagte Roberto.

Cuccimo hob die Waffe um einige Millimeter, er zielte und schoss.

Im Zimmer klirrte Porzellan. Die Fensterscheiben bebten. Das Projektil knallte hinter Roberto in die Wand. Roberto schien es so, als habe ihn die glühende Peitschenspitze des Teufels nur knapp verfehlt.

„Noch so eine saudumme Antwort, und du hast ausgelernt“, drohte Cuccimo.

„Ich lerne wirklich“, sagte Roberto. „Ich bin als Schüler im Indiana Management Institute eingetragen.“

„Wofür?“

„Die Eckladen-Kriminalität hat ausgespielt“, sagte Roberto wahrheitsgemäß. „Wer heute die Mafia bekämpfen will, muss Jurist, Börsenmanager und Kaufmann in einem sein. Er muss jeden kommerziellen Trick beherrschen, um es mit der Beweglichkeit seiner Topgegner aufnehmen zu können.“

„Klingt vernünftig“, nickte Cuccimo.

Er tat plötzlich etwas Überraschendes. Er holte die Patronen aus dem Revolver und steckte sie ein.

Dann warf er Roberto die Waffe zu.

„Ich musste dich unter Druck setzen“, erklärte Cuccimo wie entschuldigend. „Verdammt, ich war es mir einfach schuldig, dich schwitzen zu lassen. Aber jetzt kehre ich zurück zu meiner Aufgabe. Ich hoffe und erwarte, dass du kein zweites Mal verrückt spielst, wenn ich dir über den Weg laufen sollte. Schließlich sind wir jetzt Kollegen. Wir sitzen in einem Boot.“

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Lucky Cuccimo ging.

Die Wohnungstür fiel dumpf hinter ihm ins Schloss.

Roberto blieb im Sessel sitzen. Er schob den Revolver ins Schulterholster und wartete darauf, dass sich die Schwäche in seinen Gliedern legte.

In einem Boot mit Cuccimo?

Das war nicht das, wofür er kämpfte. Die Justiz war legitimiert, sich jeder Informationsquelle zu bedienen, die sich ihr bot, aber es widersprach jedem Rechtsempfinden, wenn sie sich dabei eines Mannes bediente, der des zweifachen Mordes überführt worden war.

Aber alles sprach dafür, dass Cuccimo nicht log.

Wäre er nur ein Mann gewesen, der es mit einem raffinierten Trick geschafft hatte, aus dem Gefängnis zu entkommen, hätte er ihn, Roberto Tardelli, mit Sicherheit getötet. Es war für Cuccimo eine nicht wiederkehrende Chance gewesen, mit dem Mann abzurechnen, dessen Aktionen ihn vor den Kadi gebracht hatten.

Wenn Ronald Sheridan tatsächlich ein Gangster geworden war und den Mozetti-Mob bekämpfte, gab es immerhin einen Anhaltspunkt dafür, warum man auf ihn geschossen hatte.

Roberto spürte, wie seine Kräfte sich stabilisierten. Er erhob sich und machte ein paar Freiübungen. Sie fielen nicht gerade überwältigend aus, aber sie signalisierten ihm die Rückkehr seiner Spannkraft.

Im Schloss der Wohnungstür drehte sich ein Schlüssel. Die Tür wurde geöffnet. Schritte näherten sich dem Wohnzimmer. Der Mann stoppte abrupt, als er Roberto sah.

„Was treiben Sie denn hier?“, stieß er hervor.

Der Mann war schätzungsweise vierzig. Er war hochgewachsen und trug zu Bluejeans ein beigefarbiges Polohemd. Roberto fand, dass der Mann mit seinem schütteren, glatt zurückgekämmten Haar eine leichte Ähnlichkeit mit Ex-Präsident Ford hatte.

„Ich bin Vincento Sheridan“, stellte Roberto sich vor. „Können Sie mit dem Namen etwas beginnen?“

„Ich bin mit einem Ronald Sheridan befreundet“, sagte der Mann. „Mein Name ist Jack Lombardi. Ich wohne hier. Ehe wir weiterreden, wüsste ich gern, wie Sie in meine Wohnung gelangt sind.“

Er ballte dabei die Hände. Seine Augen waren schmal geworden. Sie machten klar, dass er die Antwort rasch und präzise zu haben wünschte. Anderenfalls schien er entschlossen zu sein, die Antwort in Westernmanier aus dem Besucher herauszuprügeln.

Roberto lächelte dünn. „Ich bin durch einen glücklichen Zufall in die Wohnung gekommen“, erklärte er. „Ihre Nachbarin hielt mich für den Fernsehtechniker. Ich habe sie in dem Glauben belassen.“

„Was bedeutet das Ganze? Ich begreife nur, dass Sie sich widerrechtlichen Einlass verschafft haben. Ich bin nicht geneigt, das hinzunehmen. Ich werde die Polizei verständigen und Sie verhaften lassen!“

Er trat ans Telefon und griff nach dem Hörer.

„Wollen Sie mich nicht erst mal anhören?“, fragte Roberto höflich.

Lombardis Augen verloren nichts von ihrer Feindseligkeit. Roberto konnte sie dem Mann nicht verübeln. „Fassen Sie sich kurz“, sagte Lombardi und behielt den Hörer in der Hand.

„Ich wohne unter meinem Namen Vincento Sheridan im 'Blue Skies'“, erklärte Roberto. „Als ich heute Mittag nach Hause kam, befand sich ein Fremder in meiner Wohnung. Ich erlebte also die gleiche Situation, in der Sie sich jetzt befinden. Mit einem kleinen Unterschied. Der Eindringling bedrohte mich mit einer Kanone. Er hielt mich für Ihren Freund Ronald Sheridan. Wahrscheinlich hätte der Bursche mich mit Blei garniert, wenn es nicht jemand für richtig befunden hätte, den Mann mit einem Schuss durchs Fenster aus dem Verkehr zu ziehen. Sie werden verstehen, dass ich keine Lust habe, wegen einer Namensverwechslung ins Gras zu beißen. Ich möchte eine Wiederholung der Ereignisse vermeiden und versuche herauszufinden, was es mit Ronald Sheridan für eine Bewandtnis hat. Wie ich hörte, sind Sie mit ihm befreundet. Deshalb bin ich hier. Ich wüsste gern, wie und wo ich Ronald Sheridan finde.“

Lombardi warf den Hörer auf die Gabel. „Warum fragen Sie mich? Ich habe seit mehr als einem Jahr nichts mehr von Sherryboy gehört. Dabei ist mir erst vorgestern seine Puppe über den Weg gelaufen.“

„Sheila Baxter?“

„Baxter, richtig! Ich glaubte, sie hat Baker geheißen. Ist ja egal! Jedenfalls erkannte ich sie sofort wieder. Auf Anhieb, trotz ihres rot gefärbten Haares. Ich ging auf sie zu, ich berührte ihren Ärmel, ich zupfte daran. Ich sagte: 'Hallo, Sheila!', und dann fragte ich sie, ob auch Sherryboy in der Stadt sei. Sie musterte mich eisig. Sie blickte mich an, als hätte ich ihr einen schmutzigen Antrag gemacht. 'Sie verwechseln mich', sagte sie. 'Ich kenne Sie nicht“. Mit diesen Worten ging sie weiter, hoch erhobenen Hauptes. Verdammt, ich habe mindestens ein Dutzend Male mit Sherryboy und seiner Puppe auf den Putz gehauen, deshalb weiß ich genau, dass es Sheila war, die mir gegenübergestanden hatte.“

„Was geschah danach?“

„Ich folgte ihr. Ich wollte Gewissheit haben. Ich sah, wie sie im 'Wimbledon' verschwand - das ist ein Hotel in der Flackville Road, unweit vom Woodstock-Friedhof. Ich wartete ein bisschen, dann ging ich hinein und schob dem Portier ein paar Bucks über den Tresen. Er sagte mir, wer die Puppe war - oder wie sie sich nennt, um genau zu sein. Sheila Baxter ist in dem Hotel als Maureen Craft abgestiegen.“

„Und Sherryboy?“

„Ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält. Anfangs hatte ich vor, nochmals mit Sheila zu reden, aber dann gab ich es auf. Wenn sie es wünscht, ein neues Leben zu führen, muss ich das respektieren. Natürlich finde ich es unfair von ihr und Sherryboy, mich zu schneiden. Aber ich verstehe, warum sie das tun. Sie fühlen sich verfolgt. Der Mozetti-Mob ist hinter ihnen her und hechelt nach ihrem Skalp.“ Er machte einen Schritt auf Roberto zu und forderte: „Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis.“

Roberto befolgte die Aufforderung. Jack Lombardi beruhigte sich, als er feststellte, dass der Name, den Roberto ihm genannt hatte, sich mit dem deckte, der in den Ausweispapieren stand.

„Sie haben mir sehr geholfen“, sagte Roberto.

Er wandte sich zum Gehen.

Ein kühler Luftzug in seinem Nacken ließ ihn auf den Absätzen herumschnellen.

Die Reaktion kam um keine Sekunde zu früh. Lombardis geballte Rechte sauste auf ihn zu. Roberto riss den Kopf zur Seite. Die Knöchel der gegnerischen Faust schrammten hart über seine Backen.

Roberto tänzelte auf Distanz. Er hatte noch nicht die altgewohnte Wendigkeit erreicht, war aber schnell und schlagstark genug, um kontern zu können. Sein linker Schwinger traf Lombardis Kinn.

Lombardi stolperte zurück, griff aber sofort wieder an. Seine wütende Hast kam dem nüchtern taktierenden Roberto entgegen. Er ließ Lombardi leerlaufen und nutzte jede Lücke, die sich ihm bot.

Lombardi konnte eine Menge vertragen, aber als Robertos Rechte exakt den Punkt traf, faltete er sich mit einem sanften Wehlaut auf dem Boden zusammen. Roberto klopfte den Gegner nach Waffen ab. Lombardi hatte keine bei sich.

Roberto wartete. Lombardi brauchte eine volle Minute, um zu sich zu kommen, und eine weitere Minute, um sich zu erheben. Er torkelte zu einem roten Plüschsessel und ließ sich hineinfallen. Sein Atem kam laut und keuchend. Ein rasselnder Unterton ließ vermuten, dass seine Bronchien defekt waren.

„Ich kann es nicht leiden, wenn ich grundlos von hinten attackiert werde“, sagte Roberto.

Lombardi schluckte. Seine Augen funkelten. „Verdammt, mir ist zu spät eingefallen, wer Sie sind“, sagte er und erklärte damit seinen so überraschend erfolgten Angriff. „Sie sind einer von Mozettis Leuten! Sie haben den Auftrag, durch mich herauszubekommen, wo Sherryboy steckt. Ich könnte mir die Zunge abbeißen! Ich hätte Ihnen nicht sagen dürfen, dass Sheila in der Stadt ist und im 'Wimbledon' wohnt.“

„Ich kann Sie beruhigen“, sagte Roberto. „Ich gehöre nicht zum Mozetti-Mob.“

„Können Sie das schwören?“

„Das kann ich, aber Sie verlangen hoffentlich nicht von mir, dass ich dabei meine Hand auf eine Bibel lege“, sagte Roberto.

Lombardi schüttelte den Kopf.

„Sie wissen, wie und wo Sie mich erreichen können“, sagte Roberto. „Rufen Sie mich an, wenn Sherryboy sich meldet oder wenn Sie erfahren, wo er sich aufhält.“

Roberto verließ die Wohnung.

Er fuhr mit dem Leihwagen geradewegs zum 'Wimbledon'. Das Stadthotel war nicht übermäßig groß. Es hatte fünf Etagen und klebte zwischen zwei wesentlich höheren Office Buildings. In der Lounge war kein Betrieb. Zwei alte Herren saßen in tiefen Sesseln und blätterten in druckfrischen Abendausgaben. Roberto bekam im Vorbeigehen die Schlagzeilen mit. Sie bezogen sich auf das traurige Ende des dunkelblauen Cadillac de Ville und des Mannes, der darin gesessen hatte. VICTIM NOT YET IDENTIFIED. Das Opfer war noch nicht identifiziert worden. Roberto trat an die Rezeption. Der Alte, der dahinter saß und mit einer Kartei beschäftigt war, blickte hoch. Roberto zupfte eine Zehndollarnote aus seiner Brieftasche und zauberte damit ein devotes, erwartungsfrohes Lächeln auf das Gesicht des Portiers. Obwohl er kein Jackett trug, sah er mit seinem blütenweißen Oberhemd und der schwarzen Schleife sehr korrekt und ordentlich aus.

„Noch mal dasselbe, wenn Sie mir ein paar Auskünfte geben“, sagte Roberto und sprach dabei so leise, dass die alten Herren ihn nicht hören konnten.

„Worum geht es, Sir?“

„Um Maureen Craft“, sagte Roberto. „Sie wohnt doch bei Ihnen?“

„Ja, Sir.“

„Was ist mit ihrem Freund?“

„Sie hat keinen, Sir. Jedenfalls erinnere ich mich nicht, dass sie jemals Herrenbesuch empfangen hat.“

„Wie lange wohnt sie schon hier?“

„Vierzehn Tage, Sir.“

„Was tut sie so den lieben langen Tag?“

Der Portier räusperte sich. Roberto blickte über seine Schulter. Ein knapp Fünfzigjähriger in grauem Flanell trat an den Tresen und streckte schweigend die Hand aus. Der Portier überließ ihm zwei Briefe. „Das ist alles, Sir“, sagte er.

Der Mann entfernte sich.

„Sind Sie ’n Journalist?“, fragte der Portier.

Roberto machte die zweite Banknote locker. „So was Ähnliches“, erwiderte er.

„Miss Craft verlässt das Hotel selten vor zehn Uhr morgens“, erklärte der Portier. „Sie ist immer prima in Schale. Sie hat das gewisse Etwas. Man merkt, dass sie aus New York stammt.“ Er machte eine unbestimmte Handbewegung. „Der Flair einer Weltstadt - das kann man hier bloß kopieren. Miss Craft hat's - aber das wissen Sie ja selbst“, fügte er wie entschuldigend hinzu. „Ich habe keine Ahnung, wann sie abends oder nachts zurückkehrt. Mein Dienst endet um sieben Uhr abends, Sir.“

„Empfängt sie Post?“, fragte Roberto.

„Dies ist der erste und einzige Brief, der bislang für sie eingegangen ist“, sagte der Portier und griff hinter sich in das Postfach. Es trug die gleiche Nummer wie Sheila Baxters Zimmer: 245.

„Darf ich mal einen Blick auf den Absender werfen?“, fragte Roberto.

„Er hat keinen“, erwiderte der Portier. Er hatte den Brief nicht herumgedreht und bewies mit seinen Worten, dass er längst die eigene Neugierde gestillt hatte.

„Eine Frauenhandschrift“, meinte Roberto.

„Sieht so aus“, meinte der Portier und legte den Brief in das Fach zurück.

„Ich danke Ihnen für Ihre Auskünfte“, sagte Roberto und wandte sich zum Gehen.

Er fuhr zum 'Blue Skies'.

„Hallo, Sir“, winkte ihm die Blonde aus der Glasbox zu. „Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie die Handwerker in Ihrer Suite antreffen. Die Glaser setzen eine neue Scheibe ein.“

Als Roberto die dritte Etage erreichte, verließen zwei Männer mit Werkzeugkästen sein Apartment. Sie trugen blaue Overalls.

Roberto betrat seine Suite. Im Wohnzimmer roch es nach Glaserkitt. Die Scheibe war ausgewechselt worden. Auf dem Teppichboden lagen noch ein paar Reste und Abfälle herum. Die kaputte Scheibe lehnte in der Ecke.

Roberto hatte ein ungutes Gefühl im Magen und war bestrebt, ihm auf den Grund zu gehen. Er blickte sich prüfend im Zimmer um, dann öffnete er die Tür zum Nebenraum. Obwohl die Männer hier nichts zu tun gehabt hatten, hing der gleiche, fremdartige Geruch in der Luft.

Roberto blickte unter das Bett. Dort entdeckte er ein Paket von der Größe eines doppelten Taschenbuches. Roberto fischte es behutsam hervor.

Das Paket war etwa ein Pfund schwer. Es entpuppte sich als mausgrauer Plastikbehälter, in dessen oberen Ende ein Einstellrad mit roten Ziffern befestigt war. Der Zeiger des Rändelringes wies auf die Siebzehn.

Roberto richtete sich auf. Er wusste, was er in der Hand hielt.

Das Paket war eine Bombe. Das Einstellrad bestimmte die Frequenz, mit der sich der Funkzünder fern auslösen ließ.

Roberto bekam feuchte Hände. Er trug die Bombe ins Wohnzimmer und schaffte es mit wenigen Handgriffen, den Zünder von der Sprengladung zu trennen. Dann hastete er zur Tür und rannte aus der Wohnung.

Der Lift brachte ihn in die Halle.

Die Blonde hatte ihren Tagesdienst quittiert und einem älteren, männlichen Kollegen übergeben. Der war gerade damit beschäftigt, den Inhalt seiner Imbissbox zu überprüfen. Roberto rannte zur Straße. Dort blieb er stehen.

Er sah sich um.

Die beiden Handwerker waren verschwunden.

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Roberto kehrte zurück in seine Suite und griff nach dem Telefonhörer. Binnen weniger Sekunden hatte er Colonel Myer an der Strippe. Noch ehe Roberto loslegen und seine Probleme an den Mann bringen konnte, sagte Myer: „Ich habe im Laufe des Spätnachmittags zweimal versucht, Sie zu erreichen.“

„Ich bin wahrhaft untröstlich, dass ich mich nicht melden konnte“, meinte Roberto grimmig. „Um ein Haar wäre es mir für immer unmöglich gewesen, einen Anruf zu beantworten. Man ist nämlich bestrebt, mich in die Luft zu blasen.“

„Cuccimo?“, fragte der Colonel. „Nein. Der hätte mich abservieren können - aber er hat darauf verzichtet“, erwiderte Tardelli und berichtete, was ihm widerfahren war.

„Ich lasse neue Papiere für Sie anfertigen“, entschied der Colonel. „Der Name Vincento Sheridan erweist sich immer mehr als gefährlicher Fehlgriff. Sie müssen Quartier und Identität wechseln.“

„Wissen Sie, was ich glaube?“

„Sie werden es mir sagen“, meinte Myer.

„Sie haben den Namen Sheridan mit Vorbedacht für mich ausgesucht“, sagte Roberto. „Ihnen war durchaus klar, welche Schwierigkeiten sich damit verbinden würden. Sie haben diese Schwierigkeiten gewollt und gefördert. Ich diene Ihnen als Köder.“

„Als Köder wofür?“

„Möglicherweise wissen Sie längst, dass Luciano Cuccimo im Auftrag des FBI auf freiem Fuß ist. Sie dürfen bloß nicht darüber sprechen.“

„Moment mal“, meinte Myer irritiert. „Das ist nicht Ihr Ernst. Wovon reden Sie überhaupt?“

„Von Lucky Cuccimo, meinem tüchtigen Kollegen, dem wackeren Streiter gegen das organisierte und etablierte Verbrechen“, erwiderte Roberto bitter. „Lässt Cuccimo Ihnen Durchschläge seiner Erfolgsmeldungen zukommen? War er es, der auf Gambini geschossen hat?“

„Sie machen Witze. Das FBI würde nicht mal im Traum daran denken, mit einem Killer wie Luciano Cuccimo zusammenzuarbeiten“, sagte der Colonel.

„Wissen Sie denn, was Cuccimo möglicherweise dem Chef irgendeines Field Offices angeboten und versprochen hat?“, fragte Roberto. „Vielleicht ist jemand Cuccimo auf den Leim gegangen. Während das FBI glaubt und hofft, eine besondere Trumpfkarte gezinkt zu haben, macht Cuccimo sein Spiel. Er führt die Burschen vom FBI an der Nase herum und kocht sein eigenes Süppchen.“

„Hypothesen sind eine feine und zuweilen unumgängliche Sache“, meinte der Colonel, „aber man sollte sie nur dann aufstellen, wenn keine Gefahr besteht, dass man sich durch sie lächerlich macht. Cuccimo hat Ihnen einen Bären aufgebunden.“

„Er hätte mich töten können“, sagte Roberto. „Warum hat er es nicht getan?“

„Cuccimo ist offenbar daran gelegen, Sie an seine FBI-Story glauben zu lassen. Es ist ein Bluff, nichts weiter.“

„Mehr haben Sie mir nicht zu sagen?“

„Doch. Ich habe Nachforschungen anstellen lassen. Wie Sie wissen, gibt es außer Ronald Sheridan noch zwei weitere Zeugen, denen Cuccimos Rachsucht gelten muss. Es sind Hank Lathien und Norbert Bratton. Beide sind seit einer Woche verschwunden. Da Lathien und Bratton unverheiratet waren, gibt es niemand, der uns sagen könnte, ob ihr Verschwinden mit Cuccimos Ausbruch zusammenhängt oder andere Gründe hat.“

„Weiß man schon, wer in dem blauen Cadillac vom Leben zum Tode befördert wurde?“, wollte Roberto wissen.

„Von dem Mann ist praktisch nichts übriggeblieben. Es wird schwer, wenn nicht gar unmöglich sein, seine Identität festzustellen.“

„Sie haben ja mich“, meinte Roberto. „Roberto Tardelli wird das Ding schon deichseln.“

Er legte auf.

Eine halbe Stunde später verzehrte er in einem italienischen Restaurant Spaghetti mit Herzmuscheln und einen Teller Salat. Danach fuhr er zum 'Wimbledon'. Als er die Rezeption des Hotels passierte, überzeugte er sich mit einem raschen Blick davon, dass der Brief aus dem Fach 245 verschwunden war. Roberto fuhr mit dem Lift in die zweite Etage.

Er klopfte an die Tür des Zimmers 245.

Niemand antwortete.

Roberto drückte die Klinke herab. Die Tür gab nach. Er betrat das Hotelzimmer. Das Wasserrauschen, das ihn empfing, machte klar, warum Sheila Baxter alias Maureen Craft sein Klopfen überhört hatte. Sie befand sich im Bad.

Die Tür zum Badezimmer stand offen.

„Hallo“, rief Roberto laut.

Sheila Baxter trat auf die Schwelle und verknotete den Gürtel ihres knielangen, weißen Bademantels. Roberto kannte ihr Gesicht nur von Fotos.

Sheila Baxter hatte sich kaum verändert. Sie war immer noch hochattraktiv. Ein harter Zug um ihre Lippen und Augen machte deutlich, dass sie keine leichte Jugend gehabt hatte. Auch ihre ersten Profijahre als Nachtklubtänzerin mussten hart gewesen sein. Das tizianrot gefärbte Haar kontrastierte mit dem Weiß des Bademantels und der überraschend straffen, glatten Haut ihres Gesichtes.

„Wer sind Sie, was wollen Sie?“, fragte Sheila Baxter und musterte ihn misstrauisch. Roberto schien es so, als verberge sich dahinter auch eine gehörige Portion Furcht.

„Ich muss Sie sprechen“, sagte Roberto und drückte die Tür hinter sich ins Schloss. „Mein Name ist Sheridan. Vincento Sheridan.“

Sheila öffnete ihren Mund und schloss ihn wieder. Ihr hatte wohl die Frage auf der Zunge gelegen, ob der Besucher mit ihrem Freund Ronald verwandt sei. Aber in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass sie unter falschem Namen im Hotel abgestiegen war und keinen Ronald Sheridan kennen durfte.

„Fassen Sie sich kurz“, sagte sie und wies auf einen Sessel. Roberto wartete, bis Sheila sich gesetzt hatte. Er bemerkte, dass zwei offene Reisekoffer auf dem Bett lagen. Sie waren gepackt und deuteten auf Sheilas Absicht hin, das Hotel zu verlassen.

„Ich bin das Opfer einer Namensverwechslung geworden“, sagte Roberto. „Jemand hält mich für Ronald Sheridan, für Sherryboy. Dieser Jemand versucht mich umzulegen. Ich bin hergekommen, um mir Klarheit über die Hintergründe des Geschehens zu verschaffen. Sie werden mir dabei helfen.“

„Was habe ich mit dem Ganzen zu tun?“

„Sie sind Sherryboys Freundin“, sagte Roberto.

Sheila blinzelte nicht einmal. Ihr Gesicht blieb ruhig und beherrscht. Nur in den Augen deutete sich an, was sie bewegte.

„Sie haben sich in der Tür geirrt“, sagte sie. „Ich heiße Maureen Craft. Ich kenne keinen Ronald Sheridan.“

„Darf ich mal einen Blick auf Ihren Ausweis werfen?“, fragte Roberto. „Sind Sie ’n Bulle?“

„Nein.“

„Dann bedaure ich, Ihnen einen Korb geben zu müssen. Ich hasse Privatschnüffler.“

Roberto erhob sich. Er zögerte eine Sekunde, dann kam ihm eine Idee. Er trat an den Papierkorb und blickte hinein. Er sah, was er gehofft hatte: Den Umschlag des Briefes, den Sheila bekommen hatte, und die Papierschnitzel des weißen, mit dunkelgrünem Filzschreiber beschrifteten Büttenpapiers.

Er holte eine Handvoll der Schnitzel heraus.

„Was soll das?“, fragte Sheila wütend.

Roberto bückte sich erneut. Er glättete den Umschlag und las laut vor: „Miss Maureen Craft.“

„Na, und?“

Roberto trat vor Sheila hin. Er hielt ein Papierschnitzel in der Hand. „Lesen Sie mal die Anrede vor, die auf dem Fetzen steht“, bat er.

„Liebe Sheila“, murmelte das Mädchen.

Roberto setzte sich erneut. „Eine Freundin?“, fragte er gedehnt. „Es muss sich um eine gute Freundin handeln. Einer anderen würden Sie kaum anvertraut haben, dass Sie gezwungen sind, sich unter falschem Namen in diesem Hotel einzuquartieren.“

„Es ist meine Schwester“, murmelte Sheila.

„Ich kann mir die Schnitzel aus dem Papierkorb fischen und wie ein Puzzle zusammensetzen“, sagte Roberto.

„Dann tun Sie‘s doch! Ich habe nichts zu verbergen“, meinte Sheila.

„Wenn das zutrifft, wüsste ich gern, warum Sie dieses Versteckspiel mit dem falschen Namen betreiben“, sagte Roberto.

„Es hängt damit zusammen, dass Ronald und ich beständig auf der Flucht sind. Wir haben vor mehr als einem Jahr dazu beigetragen, dass ein Top-Gangster für immer hinter Gitter gebracht wurde. Das hat man uns nicht vergessen. Seitdem sind wir vor denen auf der Flucht, die sich an uns rächen wollen.“

„Trifft es zu, dass Ihr Freund Sherrboy jetzt krumme Dinger dreht und sich auf seine Weise mit der Mafia zu arrangieren versucht?“, fragte Roberto. „Arbeitet er für die Organisation?“

„Das ist absurd“, erregte sich das Mädchen. „Die Mafia will seinen Skalp!“

„Wo ist Sherryboy jetzt?“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie wissen es“, widersprach Roberto ruhig.

Sheila war unter ihrem Make-up leichenblass. „Entschuldigen Sie, bitte“, sagte sie, stand auf und verschwand im Badezimmer. Roberto hörte, wie sie das Wasser abdrehte. Als sie wiederkam, sagte sie: „Ich muss Sie jetzt bitten, zu gehen. Ich habe keine Lust, wegen Ihnen das Wasser kalt werden zu lassen.“

„Ich warte unten im Restaurant auf Sie“, sagte Roberto.

„Ich kann Ihnen nicht mehr mit teilen, als Sie von mir gehört haben“, meinte Sheila. „Vielleicht sind Sie ein Mafia-Spitzel. Vielleicht haben Sie den Auftrag, durch mich an Ronny heranzukommen. Ich werde Ihnen nicht auf den Leim gehen, darauf können Sie sich verlassen.“

„Wie gesagt - ich warte im Restaurant“, sagte Roberto und ging.

Er war überzeugt, dass Sheila kommen würde. Während des Bades mussten ihr zwangsläufig eine Menge Fragen durch den Kopf schießen, die sie an ihn zu stellen vergessen hatte. Sie würde versuchen, das nachzuholen.

Aber sie kam nicht.

Im Hotel herrschte ein beständiges Kommen und Gehen. Roberto beobachtete den Strom der Gäste durch die rauchglasfarbige Kristalltür, die das Restaurant von der Lounge trennte.

Als eine dreiviertel Stunde verstrichen war, stand er auf und fuhr mit dem Lift in die zweite Etage. Er klopfte an Sheilas Zimmertür.

Sie antwortete ihm nicht.

Er öffnete die Tür und betrat das Zimmer.

Die Koffer lagen noch auf dem Bett. Sie waren jetzt geschlossen. Die Tür zum Bad stand offen.

„Hallo?“, rief Roberto.

Sein Ruf fand kein Echo.

Er durchquerte den Raum und blickte ins Badezimmer.

Roberto zuckte zusammen. Auf den weißen Bodenkacheln glänzte ein halbes Dutzend fast handtellergroßer Blutlachen.

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Das Wasser in der Wanne war nicht abgelassen. Es war rot gefärbt.

Roberto machte kehrt. Er sah erst jetzt die Blutspuren auf dem nougatbraunen Spannteppich. Sie führten zum Kleiderschrank. Dort endeten sie.

Roberto hastete zur Tür, stoppte und machte kehrt. Er blickte in den Kleiderschrank und unter das Bett, erst danach verließ er das Zimmer. Er versuchte, im Korridor weitere Blutspuren zu entdecken, fand jedoch keine. Er fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage.

Er blickte sich darin um. In der hintersten Reihe entdeckte er einen grünen Buick Century Regal mit New Yorker Zulassung. Roberto ging darauf zu. Er begann zu rennen, als er sah, dass eine Hand auf dem Lenkrad lag. Von ihrem Besitzer oder der Besitzerin war nichts zu sehen.

Roberto erreichte den Wagen.

Sheila Baxter war hinter dem Steuer bewusstlos zusammengesunken. Die Jacke ihres weißen Kostüms war falsch zugeknöpft und spannte sich über der bemerkenswerten Oberweite.

Roberto blickte sich um. Ein farbiger Boy schleppte, begleitet von zwei alten Damen, Gepäck zu einem nachtblauen Cadillac. Weder der Boy noch die alten Damen nahmen Notiz von ihm. Roberto öffnete den Wagenschlag und griff nach Sheilas Handgelenk. Der Puls des Mädchens schlug schwach und unruhig.

Roberto schob die Bewusstlose behutsam vom Steuer weg. Der Zündschlüssel steckte. Roberto klemmte sich hinter das Lenkrad, startete die Maschine und fuhr los.

Als er die Straße erreichte, entdeckte er einen Cop. „Die Dame muss zum Arzt“, sagte er. „Wo finde ich einen?“

„Gleich um die Ecke, Dr. Strayhorn“, sagte der Polizist. „Sie haben Glück. Er hat Nachtdienst.“

Zehn Minuten später hatte Roberto die Bewusstlose bei dem Arzt abgeliefert. Er setzte sich ins Wartezimmer. Nach einer Viertelstunde tauchte der Arzt auf. Es war ein kleiner, korpulenter Mann mit spiegelblanker Glatze und Brillengläsern, die so dick wie Flaschenböden waren.

„Sind Sie mit der Patientin verwandt oder befreundet?“, fragte er.

„Nein. Ich habe sie in diesem Zustand gefunden - am Steuer ihres Wagens. Bewusstlos. Sie ist im 'Wimbledon' abgestiegen“, sagte Roberto.

„Ich muss die Polizei verständigen“, sagte der Arzt. „Die Ärmste ist durch vier Messerstiche in den Rücken schwer verletzt worden. Ich habe inzwischen ihren Abtransport ins Krankenhaus veranlasst.“

„Wie hat sie es geschafft, in ihren Wagen zu kommen?“, fragte Roberto erstaunt. „Das Verbrechen muss sich im Bad des Hotelzimmers zugetragen haben.“

„Vieles deutet daraufhin, dass sie sich selbst versorgt hat“, sagte der Arzt. „Natürlich ist es auch denkbar, dass der Täter ihr die Pflaster auf die Wunden klebte, sie ankleidete und ins Auto trug.“

„Das bezweifle ich. Er hätte damit rechnen müssen, dabei beobachtet zu werden.“

„Es ist Sache der Polizei, die Zusammenhänge aufzuklären“, sagte der Arzt. „Darf ich Ihren Namen notieren, bitte?“

„Vincento Sheridan“, sagte Roberto. „Ich wohne im 'Blue Skies'.“

Roberto kehrte in das Hotel zurück. Als er wieder Sheilas Zimmer betrat, stand ein Mann am Bett und durchwühlte die beiden Koffer.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Roberto.

Der Mann war so in seine Tätigkeit vertieft, dass er das Öffnen der Tür überhört hatte. Robertos Stimme ließ ihn auf den Absätzen herumschnellen. Er starrte ihn erschreckt und wütend an.

Roberto schloss die Tür hinter sich. Er schätzte den Eindringling auf achtundzwanzig. Es war ein athletisch gebauter Typ mit einem Gesicht, bei dessen Anblick man nicht zu sagen wusste, ob es hübsch oder töricht wirkte.

Der Mann hatte dunkles, gewelltes Haar. Es glänzte wie pomadisiert. Bekleidet war er mit Cordjeans und einem Sweat-Shirt ohne Aufdruck. Der Mann stieß die Luft aus. Er stellte keine Fragen. Er ging auf Roberto los.

Der Mann zog seine Rechte ab. Der Schlag war als Finte ausgelegt und diente nur dem Zweck, den ausweichenden Roberto mit der Linken zu erwischen.

Der Treffer saß.

Roberto spürte, wie der schneidende Schmerz bis ins Zentrum seiner Nervenzentrale zuckte.

Roberto konterte.

Es gab keinen Zweifel, dass der Gegner ernst zu nehmen war. Er hatte eine Menge Punch in den Fäusten und verstand etwas von der Technik des Boxens.

Roberto hielt sich den Kontrahenten geschickt auf Distanz. Der Gangster griff immer wieder an. Er forcierte das Tempo. Roberto wartete auf seine Chance. Als sein Gegner eine Blöße in der Deckung zeigte, rammte Roberto die Faust dazwischen, als gelte es, einen Holzpflock in den Boden zu treiben.

Die Rechte landete auf dem Punkt.

Der Gangster fiel wie vom Blitzschlag getroffen um. Roberto, beugte sich über ihn.

Der Mann hatte keine Waffen bei sich. Aber eine Brieftasche. Sein Führerschein wies ihn als Herbert Head aus. Roberto schob die Brieftasche zurück in die Hose des Mannes. Head blieb drei volle Minuten auf Tauchstation. Seine Pranken lagen offen vor Robertos prüfenden Blicken. Sie waren blutbeschmiert.

Als Head sich aufrappelte, war er noch ziemlich benommen. Er lehnte sich gegen die Wand. In seinen dunklen Augen funkelte es ebenso tückisch wie angstvoll. Er hatte seine Lektion gelernt. Ihm war im Augenblick nicht danach zumute, eine Wiederholung in Betracht zu ziehen.

„Die Aktien stehen schlecht für dich, mein Sohn“, erklärte Roberto. „Mordversuch ist ein Delikt, das nirgendwo milde Richter findet.“

„Mordversuch?“, murmelte Head. „He, wovon reden Sie überhaupt?“

„Du hattest den Auftrag, das Mädchen abzuservieren“, sagte Roberto. „Du hast sie mit vier Messerstichen bedacht, als sie in der Badewanne saß. Dann bist du getürmt. Du hast dich im Hintergrund gehalten und beobachtet, was geschieht. Du hast gesehen, wie sich Sheila aus dem Zimmer schleppte und wie ich sie schließlich in ihrem Wagen wegbrachte. Das gab dir Gelegenheit, deinen Auftrag zu Ende zu führen. Erst hast du die Tatwaffe versteckt, und danach schließlich Sheilas Gepäck durchwühlt, um ein paar Hinweise auf Sherryboy zu finden.“

„Ich verstehe kein Wort!“

„Das Blut an deinen Händen spricht eine deutliche Sprache“, sagte Roberto und trat ans Telefon.

Head gab sich einen Ruck. Er stieß sich von der Wand ab und rannte zur Tür. Roberto erreichte sie noch vor seinem Gegner. Head wirbelte herum und versuchte einen Handkantenschlag anzubringen. Seine Rechte zerschnitt die Luft und verfehlte Roberto nur knapp. Roberto schlug zurück. Head ging erneut zu Boden.

„Das hat doch keinen Sinn“, meinte Roberto. „Ich habe deinen Namen, Junge. Es hilft dir nichts, wenn du zu türmen versuchst. Die Polizei wird dich finden.“

Head kam auf die Beine. Er atmete keuchend. Die Wut war merkwürdigerweise aus seinen Augen verschwunden. Jetzt zeigten sie nur noch nackte Angst.

„Ich bin kein Mörder!“, stieß er hervor. „Ich lasse mir von Ihnen nichts anhängen. Okay, ich bin kein Engel, ich lebe davon, Hotelzimmer auszuräumen. Mir würde es aber nicht mal im Traum einfallen, einen Menschen anzugreifen.“

„Tatsächlich?“, zweifelte Roberto. „Und wie würdest du den Umstand bezeichnen, dass du mit den Fäusten auf mich losgegangen bist?“

„Mann, das ist doch ganz klar! Ich fühlte mich ertappt. Ich wollte Sie aufs Kreuz legen und verschwinden“, sagte Head.

„Du vergisst das Blut, das an deinen Händen klebt“, sagte Roberto mit scharfer Stimme. „Los, sieh sie dir an!“

Head gehorchte. Er betrachtete seine Hände, als sähe er sie zum ersten Mal. Er schluckte dabei, dann ließ er sie fallen, blickte Roberto ins Gesicht und sagte: „Ehe ich mich an das Gepäck wagte, habe ich mich in der Suite umgesehen. Ich war auch im Badezimmer. Dort bin ich ausgerutscht. Beim Versuch, mich abzufangen, habe ich in das Blut gegriffen.“

„Du sitzt in der Tinte“, stellte Roberto fest. „Versuche dir nur mal vorzustellen, wie die Polizei auf deine Worte reagieren wird.“

„Die kennt mich. Die weiß, dass ich zu einer solchen Tat nicht fähig wäre.“

„Du bist vorbestraft.“

„Ja, aber wollen Sie mir nicht endlich sagen, wer Sie sind?“

„Aber klar“, meinte Roberto. „Ich bin einer, der das Verbrechen hasst. Ich hasse es so sehr, dass ich nicht gewillt bin, dich mit einem blauen Auge davonkommen zu lassen.“ Head fuhr mit der Zunge über seine trocken gewordenen Lippen. „Ich könnte Ihnen helfen“, sagte er.

„Was du nicht sagst! Und wie, bitte schön, soll diese ,Hilfe‘ beschaffen sein?“

Head holte tief Luft. „Ich weiß, wer die Puppe mit dem Messer attackiert hat.“

„Großartig“, erwiderte Roberto, der das Angebot seines Gegners für einen Trick hielt. „Du hast natürlich seinen Namen und seine Adresse - die komplette Biographie!“

„Ja, ich weiß, wie er heißt und wo er wohnt. Die Hausnummer ist mir entfallen, aber ich kann Ihnen sagen, dass Abe Grumman sein Leihgeschäft in dem Haus betreibt“, sagte Head.

„Jetzt mal schön der Reihe nach“, bat Roberto und lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen die Wand. Head nickte. Er leckte schon wieder über seine Lippen. Sein Blick wich dem von Roberto aus. Head war bemüht, sich zu konzentrieren.

„Ich habe Ihnen gesagt, wer ich bin. Ein Hoteldieb. Ich bin oft monatelang unterwegs. Ich lebe zwar in Indianapolis, hasse es jedoch, hier zu arbeiten. Die meisten Hotelportiers kennen mich. Ich betrete die Hotels durch Hintereingänge, durch Tiefgaragen oder in Verkleidung. Okay. Für heute hatte ich mir das 'Windsor' vorgeknöpft. Ehe ich es betrat, sah ich, wie Mike herauskam.“

„Welcher Mike?“

„Mike Hefner. Das ist der Mann, der in Abe Grummans Haus wohnt. Ich weiß, dass er ein Killer ist. Er wird von Carlo Cavaliere bezahlt.“

Carlo Cavaliere.

Diesen Namen kannte Roberto.

Er stand auf der Liste der einflussreichsten Mafiosi ganz oben.

Cavaliere kontrollierte das organisierte Verbrechen in Indianapolis und gehörte der Commissione an, dem Großen Rat der Mafia.

„Warum soll ich dir glauben?“, fragte Roberto.

„Es ist die Wahrheit.“

„Verschwinde“, sagte Roberto.

„Sie lassen mich laufen?“

„Ich muss zu Protokoll geben, was ich erfahren habe. Dabei wird dein Name fallen“, sagte Roberto.

„Das ist mir scheißegal, jedenfalls bin ich kein Mörder“, erklärte Head und griff nach der Türklinke. „Ich hätte Ihnen das mit Hefner nicht sagen dürfen“, erkannte er.

„Ich werde versuchen, deinen Namen rauszuhalten“, meinte Roberto, „immer vorausgesetzt, dass du nicht schwindelst und tatsächlich nur Hoteldieb bist.“

Head ging.

Roberto verließ kurz nach ihm das Zimmer. Als er die Straße betrat, fuhr ein Polizeiwagen vor. Es lag auf der Hand, dass die Beamten gekommen waren, um sich in Sheila Baxters Hotelzimmer umzusehen.

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Es war nicht schwer, Mike Hefners Bleibe ausfindig zu machen. Sie befand sich im Hause 36te Straße 114. Die Fenster des im Erdgeschoss untergebrachten Leihgeschäftes waren vergittert.

Das Haus hatte sieben Etagen. In der zweiten und fünften brannte Licht.

Roberto blickte auf seine Uhr. Inzwischen war es null Uhr fünfzig geworden.

Mike Hefners Wohnung befand sich im zweiten Stockwerk. Roberto fuhr mit dem Lift nach oben und klingelte. Er musste das Klingeln wiederholen, ehe hinter der Tür eine Mädchenstimme fragte: „Wer ist da?“

„Ich möchte Mike sprechen“, sagte Roberto.

„Polizei?“

„Es handelt sich um eine Privatsache“, sagte Roberto.

In dem Moment wurde die Tür aufgerissen. In ihrem Rahmen zeigte sich nicht das Mädchen, das die Fragen gestellt hatte, sondern der Mann, der ihr Freund war.

Er hielt einen Revolver in der Hand und grinste. „Das ist aber eine Überraschung“, sagte er. „Ein Privatgespräch zu später Stunde. Tritt ein mein Freund und nimm die Klauen hoch. Du wirst verstehen, dass ich mich in einer Zeit wachsender Kriminalität bemühe, meine persönlichen Sicherheitsvorstellungen zu entwickeln.“

„Ist doch klar“, sagte Roberto und hob die Hände.

Er hatte geahnt, was ihn erwartete und seinen Revolver im Wagen zurückgelassen. Mehr noch: Er hatte sogar seine Brieftasche dem Handschuhfach anvertraut.

Das Mädchen kam hinter der Tür hervor.

Sie war blendend gewachsen und hatte seidiges, hellblondes Haar. Ansonsten vermochte Roberto an ihrem Äußeren keine Vorzüge zu entdecken. Sie sah so billig aus, wie sie war. Sie blickte Roberto feindselig ins Gesicht und grinste dann. Sie war offenbar sehr stolz auf die Rolle, die sie gespielt hatte.

Roberto ließ die erwartete Prozedur über sich ergehen. Er stellte sich mit dem Gesicht zur Wand und legte die Hände dagegen. Das Mädchen klopfte ihn ab. Der Gangster hielt sich im Hintergrund und bot seiner Freundin Feuerschutz.

„Er hat keine Puste dabei“, sagte das Mädchen.

„Gib mir seine Brieftasche. Ich muss wissen, wer er ist“, sagte der Mann.

„Warum fragen Sie mich nicht einfach?“, erkundigte sich Roberto und wandte den Kopf.

„Schnauze!“, knurrte Hefner.

„Er hat keine Brieftasche bei sich“, sagte das Mädchen.

„Okay, führ' ihn ins Zimmer“, forderte Hefner. „Wir werden ‘ne Menge Spaß mit ihm haben.“

Das Wohnzimmer war mit guten und teuren Möbeln vollgestellt, aber überall dominierten Zeugen des Kitsches. Riesige Puppen, bestickte Sofakissen, gefühlsselige Öldrucke mit viel Abendrot. Es war zu erkennen, dass das Mädchen die Wohnung betreute und mit ihrem Geschmack verformt hatte.

„Stell' dich mit dem Rücken zur Wand, zwischen die Fenster!“, befahl der Gangster. Er hatte die Hand mit dem Revolver sinken lassen und musterte Roberto prüfend. „Deine Visage kommt mir bekannt vor“, sagte er.

Das überrascht mich nicht, dachte Roberto. Du hast mein Foto mindestens ein dutzend Male gesehen. Schließlich stehe ich auf der Liste eurer meistgesuchten Gegner ganz oben. Du kannst dich nur nicht erinnern, wann und wo du das Bild gesehen hast ...

Roberto hoffte jedenfalls, dass es sich so verhielt.

Denn falls es Mike Hefner zum Bewusstsein kommen sollte, dass er Roberto Tardelli vor seinem Revolverlauf hatte, war der weitere Verlauf der Begegnung festgelegt. Mike Hefner würde versuchen, sich das auf seinen Gegner ausgesetzte Kopfgeld zu verdienen.

„Ich sehe ihn zum ersten Mal“, sagte das Mädchen.

„Dich habe ich nicht gefragt“, schnauzte Hefner.

Er war um die dreißig und hatte braunes, glatt zurückgekämmtes Haar. Die nahe beieinanderliegenden Augen waren blau und spiegelten einem, der nicht genau hinsah, Treue und Naivität vor. Aber schon beim zweiten Blick wurde die eisige Kälte deutlich, die ihren Ausdruck bestimmte. Bekleidet war Hefner mit einem dunkelblauen Blazeranzug. Sein Mädchen trug weiße Jeans und ein rotes T-Shirt.

„Ehe wir das Gespräch fortsetzen, sollte ich Ihnen mitteilen, dass mein Freund in der Nähe ist. Er beobachtet das Haus und wird die Bullen alarmieren, falls ich zur abgesprochenen Zeit nicht zurückkehre. Wenn Sie wollen, können Sie es auf einen Versuch ankommen lassen“, sagte Roberto. Er war so ruhig, wie er sprach. Hefner war nur ein Werkzeug. Sein Imponiergehabe täuschte. Er konnte es sich nicht leisten, in der Gegend herumzuballern und einen Menschen zu töten, ohne vorher das Okay seines Bosses eingeholt zu haben. Notwehrfälle waren dabei ausgeschlossen, aber der lag hier nicht vor.

„Ein Freund. Soso. Und du glaubst, dass ich das schlucke“, höhnte Hefner, der seinerseits bemüht war, so zu tun, als habe er die Lage im Griff. Sein Revolver half ihm, diesen Eindruck zu vertiefen. „Kommen wir zur Sache. Was willst du von mir?“

„Geld“, sagte Roberto.

„Du siehst nicht so aus, als ob du welches brauchtest“, spottete Hefner.

„Der Eindruck täuscht. Mein Freund und ich dachten an fünf Riesen“, sagte Roberto.

„Ein hübsches Sümmchen“, meinte Hefner. „Was bietet ihr mir dafür?“

„Unser Schweigen.“

„Na, prima. Euer Schweigen. Eine fabelhafte Ware. Ein Klasseangebot“, grinste er und zwinkerte dem Mädchen zu. Er gab sich gutgelaunt und spöttisch überlegen, aber innerlich war er gespannt und hatte Mühe, seine Nervosität zu kaschieren. Das konnte nur bedeuten, dass sein Gewissen weder rein noch unbeschwert war.

„Mein Freund kann bezeugen, dass Sie im 'Windsor' waren“, sagte Roberto. „Heute Abend.“

„Ist es verboten, sich im 'Windsor' aufzuhalten?“

„Die Sache hat einen kleinen Haken“, meinte Roberto. „In der zweiten Etage des Hotels wurde ein Mordversuch verübt. Er galt einer jungen Dame namens Maureen Craft. Mein Freund scheint zu glauben, dass Sie in den Fall verwickelt sind. Er kann das zwar nicht beweisen, aber er geht davon aus, dass Ihnen daran gelegen sein muss, nicht in den Fall verstrickt zu werden.“

„Noch was?“

„Das ist schon alles.“

„Du wirst dich wundern, Junge. Ich kenne keine Maureen Craft“, sagte Hefner.

„Ich wundere mich keineswegs. Ich sage ja nicht, dass Sie versucht haben, die Puppe abzumurksen. Aber ich teile die Ansicht meines Freundes, dass die Polizei Ihnen die Tat liebend gern anhängen würde. Denn der sind Sie seit Langem ein Dorn im Auge.“

„Wie gut du die kennst. Und mich dazu“, sagte Hefner. Er bewegte sich auf Roberto zu. Seine Augen verhießen nichts Gutes.

Roberto fragte sich, ob er den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Ihm war es darum gegangen, Hefners Reaktionen zu testen. Sie liefen gerade erst an. Es war zu befürchten, dass ihr Höhepunkt keine Annehmlichkeiten für ihn zu bieten hatte.

„Fünf Riesen, was?“, fragte Hefner und blieb dicht vor Roberto stehen. „Mehr nicht?“

„Wir sind für Fair Play. Wir hätten das Zehnfache verlangen und anonym auftreten können“, sagte Roberto. „Vielleicht wäre es klüger gewesen. Ich mag es nicht, wie Sie mich behandeln.“

„Ich bin noch nicht fertig mit dir. Woher kennst du mich?“, fragte Hefner und fuchtelte mit dem Revolverlauf vor Robertos Gesicht herum.

„Ich kenne Sie nicht. Mein Freund kennt Sie. Und Sie kennen ihn. Deshalb hat er mich losgeschickt.“

„Dein Freund. Er ist ein Typ, der mich interessiert. Sag' mir den Namen, los!“

Roberto schwieg.

Mike Hefner grinste hässlich und zeigte dabei seine tabakbraunen, unregelmäßig gewachsenen Zähne. „Dein Freund wird dir gesagt haben, warum die Polizei mich nicht mag. Mir geht der Ruf voraus, im Umgang mit Menschenleben nicht zimperlich zu sein. Natürlich übertreiben diese Burschen ganz maßlos. Es stimmt aber, dass ich verdammt sauer reagiere, wenn jemand nicht nach meiner Pfeife tanzt. Ein Loch ist ein Loch und nicht notwendigerweise ein Unglück, aber wenn ich es dir einbrenne, wird dir das wenig gefallen. Deine Chancen, aus eigener Kraft hier aus dem Zimmer zu kommen, werden sich auf null reduzieren. Ist dir das klar?“

„Ziemlich“, sagte Roberto.

„Okay, dann halte dich an meine Worte. Nimm sie so ernst, wie sie gemeint sind und spucke den Namen deines Freundes aus!“

Es wäre Roberto ein leichtes gewesen, Heads Namen zu nennen, aber

Roberto gehörte nicht zu denen, die sich auf Kosten anderer, auch wenn es sich um Ganoven handelt, aus der Affäre ziehen.

„Ich warte“, knurrte Hefner drohend, „aber nicht mehr lange. Was rätst du mir, Baby?“, wandte er sich an das Mädchen.

„Zähle einfach bis drei“, empfahl die Blonde.

„Hörst du, was sie sagt?“, zischte Hefner. „Ich finde die Idee prima. Dich trennen drei Sekunden von einer Reise in die Ewigkeit. Wie findest du das?“

„Langsam“, sagte Roberto und geriet allmählich ins Schwitzen. „Sie vergessen meinen Freund. Er kann bezeugen, dass ich Sie besucht habe. Wenn ich nicht wieder aufkreuze oder morgen als Leiche auf der Mülldeponie entdeckt werde, müssen Sie dafür geradestehen. Dann kommen Sie mit fünf Riesen nicht davon.“

„Wenn er so dämlich ist wie du, wird er krepieren wie du“, prophezeite Mike Hefner.

„Wer von uns beiden der Dämlichere ist, muss sich erst noch zeigen“, erwiderte Roberto.

Mike Hefner schnappte buchstäblich nach Luft.

Er wusste nicht, was er von seinem Besucher halten sollte. Es widerfuhr Mike Hefner nicht allzu häufig, dass ein Gegner sich angesichts der massiven Bedrohung durch einen Revolver wie sein hochgewachsener Besucher verhielt.

Die meisten klappten buchstäblich zusammen und waren zu jeder Konzession bereit, die von ihnen gefordert wurde.

Mike Hefner ließ die Waffe sinken und trat einen Schritt zurück. „Das haut mich um“, murmelte er und ließ offen, ob er zu sich oder seinem Mädchen sprach. „Der Kerl muss den Verstand verloren haben. So was Naives habe ich noch nicht erlebt. Der hat keine Ahnung, was ihm blühen kann!“

„Fünf Riesen“, sagte Roberto. „Ich denke, die rechtfertigen ein kleines Risiko.“

Hefner verdrehte die Augen. „Hörst du das?“, fragte er. „Er spricht von einem kleinen Risiko!“

„Er versucht dich zu erpressen“, stellte das Mädchen fest. „Wäre ich an deiner Stelle, würde ich ...“ Hefner fiel ihr ins Wort. „Du bist aber nicht an meiner Stelle“, sagte er scharf. „Verschwinde!“

Das Mädchen zog eine beleidigte Miene und verließ das Zimmer. Hefner zog sich einen Stuhl heran. Er ließ sich rittlings darauf nieder und blickte aus schmal gewordenen Augen zu Roberto hoch.

„Ich schlage dir ein Geschäft vor“, sagte er lauernd. „Du kriegst die fünf Riesen. Dafür nennst du mir den Namen deines Freundes.“

„Das läuft nicht“, sagte Roberto.

„Überleg' dir, was du sagst“, riet Hefner. „Du schlägst zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich lass dich hier ‘raus, und du brauchst mit deinem Kumpel nicht zu teilen. Wie findest du das?“

„Beschissen“, sagte Roberto. „Sie wollen ihn umlegen. Das mache ich nicht mit.“

„Wer spricht davon, dass ich ihn umlegen will?“, entrüstete sich Hefner. „Ich will ihm nur eine Lektion erteilen. Sie wird ihm gut bekommen.“

„Okay, geben Sie mir das Geld“, sagte Roberto.

Mike Hefner zögerte eine Sekunde, dann erhob er sich. Als er dabei mit einer halben Drehung auf das Sideboard zustrebte, legte Roberto los.

Sein Timing war von gewohnter Perfektion.

Zwar zuckte Mike Hefner in einem Reflex herum, kam aber nicht mehr dazu abzudrücken.

Aus dem Sprung heraus flog Robertos Handkante hoch. Sie traf hart und genau. Der lähmende Treffer landete auf Hefners Handgelenk. Die Waffe löste sich wie ein Geschoss aus den Fingern des Gangsters, flog durch die Luft und krachte gegen ein Stuhlbein.

Roberto setzte nach. Er hob die Waffe auf und richtete die Mündung auf Hefner. Der stand mit schlaff herabhängendem rechten Arm mitten im Raum. Im Gesicht einen Ausdruck von Wut und maßloser Verblüffung.

„Ruf die Puppe herein!“, zischte Roberto.

Hefner schwieg. Er atmete mit offenem Mund. Ihm dämmerte in diesem Augenblick, wie falsch es gewesen war, den Besucher für naiv zu halten.

Robertos Aktion war Profiformat. Mike Hefner kannte kaum jemand, der imstande gewesen wäre, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen.

„Die Puppe!“, wiederholte Roberto.

„Laura?“, rief Hefner.

In der Diele ertönten Schritte. Die Tür öffnete sich. Das Mädchen trat ein und stoppte. Ihre Kinnlade klappte herab.

„Nur hereinspaziert“, sagte Roberto. „Reißen Sie die Gardinenschnüre herunter und binden Sie Mike an einen Stuhl fest. Ich werde die Prozedur überwachen und Ihnen die notwendigen Anweisungen geben.“

„Das ... das kann ich nicht“, stotterte das Mädchen.

„Du Misthund“, keuchte Hefner und starrte Roberto ins Gesicht. „Ich hätte dich umlegen sollen!“

„Du hattest deine Chance“, meinte Roberto. „Jetzt bin ich am Zug.“ Er wandte sich an das Mädchen. Seine Stimme wurde scharf und schneidend. „Tun Sie, was ich Ihnen sage, oder Sie werden es bedauern.“

Das war der Ton, den sie verstand. Sie zitterte plötzlich vor Angst. Sie riss die Gardinenschnüre herab und zerrte dabei eines der Bretter aus ihrer Verankerung. Es krachte zu Boden und zog eine Fahne pulverisierten Putzes hinter sich her.

„Setz dich!“, herrschte Roberto den Gegner an.

Der zögerte eine Sekunde, dann gehorchte er.

Roberto sagte dem Mädchen, was es zu tun hatte.

Als erkennbar wurde, dass die Blonde seine Weisungen zu unterlaufen versuchte, korrigierte er sie. Roberto gab weder dem Mädchen noch ihrem Freund eine Chance. Er sorgte dafür, dass der Gangster am Ende der Prozedur solide an den Stuhl gefesselt war.

Roberto straffte einige der Knoten und überzeugte sich davon, dass Mike Hefner keine Chance hatte, sich aus eigener Kraft zu befreien.

„Jetzt sind Sie dran“, sagte Roberto, legte die Waffe aus der Hand und wandte sich an das Mädchen.

Er fesselte ihr die Hände auf dem Rücken. In den nächsten zehn oder zwanzig Minuten würden sie seine Aktionen nicht stören können.

Roberto schob den Revolver in seinen Hosenbund und machte sich an die Durchsuchung der Wohnung.

Im Badezimmer wurde er fündig.

Unter dem Deckel des Spülkastens klebte, von Haftstreifen festgehalten, eine Plastiktüte. Sie enthielt einen Dolch. Dort, wo die Klinge in den Griff eingelassen war, befanden sich winzige Reste von Blut. Sein frisches Rot ließ erkennen, dass es gerade eingetrocknet war.

Roberto kehrte mit dem Beutel ins Wohnzimmer zurück. Mike Hefners Gesicht war hochrot, die Adern traten an den Schläfen deutlich hervor. Es war klar, dass er sich vergeblich abgemüht hatte, seine Fesseln zu sprengen.

Als er das Messer in dem Plastikbeutel in Robertos Hand sah, sagte er resignierend: „Du hast gewonnen.“

Roberto setzte sich. „Das höre ich gern.“

„Du kannst die fünf Riesen haben.“

„So einfach ist das jetzt nicht mehr“, erklärte Roberto. „Du wirst mir ein paar Fragen beantworten müssen.“

„Du kannst sie stellen, aber versprich dir nicht zu viel von meiner Kooperationsbereitschaft“, knurrte Hefner.

„Du bist ein Profi. Wie kommt es, dass Sheila noch lebt?“, fragte Roberto.

„Sheila?“, echote Hefner.

„Sheila Baxter. Versuche mir nicht zu erzählen, dass du nicht wusstest, dass sie in der 245 wohnte.“

Hefner schwieg.

Roberto stand auf. Er trat ans Telefon. „Was hast du vor?“, fragte Hefner nervös. Seine Stirn glänzte schweißnass.

„Ich rufe die Bullen“, sagte Roberto. „Warum soll ich mich mit dir herumärgern? Die sind ganz scharf auf dich, die zahlen mir 'ne hübsche Belohnung für meine Aktivität. Mehr jedenfalls als fünf Riesen.“

„Du bist niemals hinter den fünf Riesen her gewesen“, erkannte Hefner. „Es war ein schmutziger Trick. Du wolltest mich aufs Kreuz legen!“

„Es sieht so aus, als ob ich's geschafft hätte“, meinte Roberto zufrieden.

„Das täuscht“, drohte Hefner. „Ich habe Freunde. Wirkliche Freunde, keine vorgegaukelten. Diese Freunde würden es nicht gern sehen, wenn mich die Polizei kassierte. Sie würden dich das fühlen lassen.“

„Sehe ich aus wie einer, der Angst hat?“

„Nur Dummköpfe haben keine Angst“, sagte Hefner.

„In diesem Punkt gebe ich dir recht“, nickte Roberto. „Tatsächlich kenne ich das Gefühl des Nervenflatterns besser, als mir lieb sein kann. Aber davon ist im Augenblick nichts zu spüren. Mag sein, dass es mit der Kanone zusammenhängt, die ich dir abgeknöpft habe.“

„Ich hatte sie vor dir in der Hand“, warnte Hefner. „Trotzdem sitze ich jetzt im Dreck. Das zeigt dir, wie schnell die Lage sich ändern kann.“

„Wer hat dich beauftragt, Sheila Baxter aus dem Verkehr zu ziehen?“

„Ich kenne keine Sheila Baxter.“

„Wir sprechen von dem Girl aus Zimmer 245 im 'Wimbledon'“, sagte Roberto.

„Meine Antwort bleibt dieselbe. Du sagst, es habe einen Mordversuch gegeben. Darüber kann ich nur lachen. Wenn ich mir jemand vorknöpfe, leiste ich ganze Arbeit.“ Er grinste tückisch. „Du wirst das noch zu spüren bekommen“, drohte er.

Roberto nahm den Telefonhörer ab und begann die Wählscheibe zu drehen.

Hefners Augen verengten sich zu Schlitzen. „Du bluffst“, sagte er.

Roberto antwortete nicht. Das Freizeichen drang an sein Ohr. Dann meldete sich die Vermittlung des Police Headquarters. „Sheridan“, sagte Roberto. „Verbinden Sie mich mit dem Morddezernat.“

Ein Klicken ertönte in der Leitung, dann sagte eine scharfe Männerstimme: „Lieutenant Capson.“

„Sheridan. Ich befinde mich in der Wohnung von Mike Hefner. Sagt Ihnen der Name etwas?“

„Auflegen!“, brüllte Hefner.

„Gehört die Stimme im Hintergrund ihm?“, wollte der Lieutenant wissen.

„Ja. Er ist an einen Stuhl gefesselt.“

„Wer sind Sie? Was haben Sie mir zu sagen?“

„Sie finden meinen Namen in einem Protokoll, das von Ihren Kollegen heute im Apartmenthotel 'Blue Skies' aufgenommen wurde. Im Zusammenhang mit den dabei zur Debatte stehenden Vorfällen habe ich festzustellen versucht, warum ich bedroht werde. Ich stieß dabei unter anderem auf Sheila Baxter, die Freundin von Ronald Sheridan. Sie wohnt unter dem Namen Maureen Craft im 'Wimbledon'.“

„Sie sprechen mit der Mordkommission“, erinnerte der Lieutenant. „Augenblick, bitte.“ Roberto hörte Getuschel am anderen Leitungsende. Capson meldete sich erneut. „Die Akte wird mir gerade hereingebracht“, sagte er. „Sheila Baxter ist in ihrem Hotelzimmer niedergestochen und ins Hospital eingeliefert worden.“

„Deshalb rufe ich an. Hefner war zur Tatzeit im Hotel“, sagte Roberto.

„Können Sie das beweisen?“

„Es gibt einen Zeugen, der ihn gesehen hat. Mir ist es gelungen, die mutmaßliche Tatwaffe in Hefners Wohnung aufzuspüren. Sie klebte in einem Plastikbeutel unter dem Deckel des Klosettspülkastens.“

„Warten Sie in Hefners Wohnung, bis wir dort aufkreuzen“, sagte der Lieutenant und hängte ein.

Roberto legte den Hörer auf die Gabel. Mike Hefners Augen brannten in düsterem Hass. „Das“, versprach er, „wird dich das Leben kosten.“

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Roberto wartete, bis die Polizei eintraf und gab zu Protokoll, was geschehen war. Er Unterzeichnete erneut mit dem Namen Vincento Sheridan.

„Wir werden Sie noch brauchen“, meinte Lieutenant Capson, ein hagerer Enddreißiger mit dunklen, sehr tiefliegenden Augen.

„Sie wissen, wo ich zu erreichen bin“, sagte Roberto.

Capson gab seinen uniformierten Kollegen ein Zeichen. Sie brachten Hefner und das Mädchen hinaus.

„Ich kann Sie unter Polizeischutz stellen“, schlug Capson vor. „Mike ist vor allem deshalb gefährlich, weil er mächtige Freunde hat. Freunde, die versuchen könnten, ihn herauszupauken.“

„Carlo Cavaliere“, sagte Roberto. „Kennen Sie ihn?“

„Nein. Nur den Namen.“

„Sie haben mir in Gegenwart von Hefner den Namen des Zeugen verschwiegen“, erinnerte der Lieutenant Roberto.

„Herbert Head. Er gibt sich als Hoteldieb aus.“

„Ich kenne ihn. Er ist auch einer. Head! Den kriegen wir nicht dazu, in den Zeugenstand zu treten. Wir müssen versuchen, Hefner mit der Tatwaffe zu überführen. Das Labor wird sie untersuchen.“

„Alles Gute“, sagte Roberto.

Er atmete auf, als er die Straße betrat, obwohl ihm klar war, dass er keinen Grund zum Aufatmen hatte. Die Dinge spitzten sich zu. Er entfernte sich immer mehr von seinem eigentlichen Auftrag und geriet dabei in die Schusslinie von Gangstern, die für COUNTER CRIME von zweitrangiger Bedeutung waren. Aber der Gang der Ereignisse ließ sich nicht aufhalten. Er war gezwungen, sich ihnen zu stellen. Schließlich ging es nicht nur darum, einen Killer vom Schlage Luciano Cuccimos zur Strecke zu bringen. Es war von fast noch größerer Bedeutung das Leben der drei Männer zu schützen, die den Mut besessen hatten, gegen Lucky auszusagen.

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Roberto fuhr zurück ins 'Blue Skies'. Er schlief bis weit in den nächsten Morgen hinein. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus dem Schlaf.

Colonel Myer war an der Strippe.

„Sie haben den Toten identifiziert“, sagte er.

„Welchen Toten?“, fragte Roberto, der einige Mühe hatte, wach zu werden.

„Den Mann, der mit dem Cadillac hochgegangen ist“, sagte Myer. „Ein paar Finger haben ausgereicht, das Opfer erkennungsdienstlich abzufertigen.“

„Was für eine Sprache!“, meinte Roberto kopfschüttelnd. „Wer war es?“

„Ronald Sheridan“, sagte Colonel Myer.

Roberto schwieg ein paar Sekunden. Er ließ die Nachricht auf sich einwirken.

„Was ist mit den anderen?“, fragte er.

„Vieles deutet daraufhin, dass Norbert Bratton und Hank Lathien ebenfalls nach Indianapolis gereist sind“, sagte der Colonel. „Sie müssen versuchen, die beiden zu finden. Ihr Leben ist aufs höchste bedroht.“

„Sonst noch was?“, knurrte Roberto. „Mein Leben ist ebenfalls bedroht. Oder ist es unfein, wenn ich Sie daran erinnere?“

„Wir verlassen uns nicht allein auf Sie“, sagte Colonel Myer. „Das Justizministerium und das FBI haben gestern Abend die Flucht von Luciano Cuccimo bekanntgegeben. Damit ist er enttarnt. Die Schlagzeilen der Zeitungen beschäftigen sich mit dem Skandal. Bratton und Lathien werden bei ihrer Lektüre erkennen, dass sie in eine Falle gelockt wurden. Ich hoffe, sie entkommen ihr, ehe es zu spät ist. Wie gesagt, die Großfahndung läuft auf vollen Touren. Sie hat ihren Schwerpunkt in Indianapolis. Aber Sie wissen, wie schwerfällig manchmal der Polizeiapparat reagiert. Die Polizei hat tausend Aufgaben zu bewältigen. Sie kann sich nicht nur um Cuccimo kümmern. Insofern baue ich darauf, dass Ihre Flexibilität und Ihre Spürnase entscheidend dazu beitragen wird, Bratton und Lathien vor dem Schlimmsten zu bewahren.“

„Das war eine hübsche Rede, fast schon eine Deklamation“, meinte Roberto grimmig. „Können Sie mir daneben noch etwas Handfesteres sagen. Können Sie mir wenigstens ein paar Fakten liefern, die mir die Suche nach den beiden erleichtert?“

„Bedaure, nein“, sagte Myer. Roberto legte auf.

Wenn es Cuccimo geschafft hatte, die drei Männer, denen er tödliche Rache geschworen hatte, in Indianapolis zusammenzuführen, fein säuberlich voneinander getrennt, versteht sich, war es nahezu unmöglich, den Fortgang der Katastrophe zu verhindern.

Wer die beiden Zeugen Lathien und Bratton vor Cuccimos Rache schützen wollte, konnte nur eines tun: Er musste Cuccimo unschädlich machen.

Aber Cuccimo hatte Hintermänner. Sie hatten ihm geholfen, das Gefängnis zu verlassen, und sie waren sicherlich entschlossen, die begonnene Aktion erfolgreich zu beenden.

Das hieß: Bratton und Lathien mussten sterben.

Roberto ging ins Badezimmer. Danach frühstückte er. Er wusste, dass keine Zeit zu verlieren war, aber auch Mafia-Jäger mussten essen. Mit leerem Magen ließ sich nicht kämpfen.

Als er gerade das Apartment verlassen wollte, klingelte das Telefon. Das Krankenhaus war an der Strippe und teilte ihm mit, dass die Patientin von Zimmer 310 A ihn zu sprechen wünschte.

„Ich mache mich auf den Weg“, sagte Roberto.

Eine halbe Stunde später saß er Sheila Baxter am Krankenbett gegenüber. Sie lag in einem Einzelzimmer, das unter Polizeischutz stand. Das Mädchen hing an einem Tropf und sah blass aus, aber die Tatsache, dass man sie aus der Intensivstation entlassen hatte, bedeutete, dass sie sich auf dem Wege zur Besserung befand.

„Ich muss Ihnen etwas sagen“, erklärte sie. „Ich weiß, dass es Ronald erwischt hat. Cuccimo hat ihn in die Luft gehen lassen.“

„Steht das schon in den Zeitungen?“, fragte Roberto.

„Nein. Aber ich war dabei, als es passierte - in der Nähe“, schränkte sie ein. „Als Sie mich besuchten, hatte ich meine Koffer gepackt und wollte die Stadt verlassen. Ohne Ronald hält mich hier nichts ...“

„Warum sagen Sie mir das erst jetzt?“

„Wundert Sie das? Ich traue keinem. Fast keinem“, fügte sie einschränkend hinzu. „Ich habe auch Ihnen nicht getraut. Ich möchte Sie bitten, die beiden anderen Zeugen zu finden. Ich will nicht, dass sie wie Ronald enden.“

„Wo finde ich die beiden?“

„Ich weiß es nicht. Ronald hatte mit ihnen keine Verbindung mehr. Nach dem Prozess waren alle drei bestrebt, getrennte Wege einzuschlagen.“

„Was erwarten Sie von mir?“

„Wahrscheinlich ein Wunder“, sagte das Mädchen und blickte ihn an. „Wenn es jemand gibt, der es vollbringen kann, dann sind Sie es.“

„Vielen Dank für die gute Meinung. Wunder sind in diesem Geschäft leider so selten wie im täglichen Leben“, sagte Roberto.

„Sie haben eines an mir vollbracht“, erklärte Sheila Baxter leise. „Sie haben mir das Leben gerettet. Man hat mir mitgeteilt, dass Sie mich gefunden und zum Arzt transportiert haben. Warum haben Sie das getan?“

„Die Frage ist leicht zu beantworten. Ich bin kein Gangster. Ich beschütze das Leben und nicht den Tod. Jetzt wüsste ich gern, wie es Ihnen gelungen ist, sich nach der mörderischen Attacke aus dem Hotelzimmer zu retten.“

„Ich wollte leben. Ich wollte weg aus diesem schrecklichen Hotel. Um jeden Preis! Ich hatte Angst vor weiteren Überfällen. Ich schaffte es, mir ein paar Pflaster auf die blutenden Wunden zu kleben und brachte es auch irgendwie fertig, mich anzuziehen und die Tiefgarage zu erreichen. Dort setzte ich mich mit letzter Kraft in meinen Wagen. Ich wollte zu einem Arzt fahren, ohne einen zu kennen. Rückblickend erscheint mir das Ganze wie ein böser Traum. Ich handelte wie jemand, der sich in Trance befindet.“

„Haben Sie den Mann gesehen, der auf Sie einstach?“

„Ja, er war mir fremd. Ich würde ihn aber jederzeit wiedererkennen.“

„Das ist gut. Die Polizei wird sicherlich eine Gegenüberstellung arrangieren. Apropos Polizei: War sie schon hier?“, fragte Roberto.

„Nein. Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll.“

„Die Wahrheit.“

„Ich will leben“, sagte Sheila Baxter bitter. „Ronald ist ein erschreckendes Beispiel dafür, was geschieht, wenn jemand die Wahrheit sagt und einen Gangster zur Strecke bringt. Ich habe gesehen, wie er mit dem Wagen in die Luft flog.“ Sie schloss die Augen und schüttelte sich wie im Fieber. „Ich werde diesen Anblick niemals vergessen, selbst wenn ich hundert Jahre alt werden sollte.“

„Was hat Ronald Sheridan dazu bewogen, in den Cadillac zu steigen?“

„Er bekam einen Anruf. Der Anrufer behauptete, ihm das Leben retten zu können. Der Anrufer sagte auch, er sei imstande, Ronald den Plan zu übermitteln, der von Mozetti und Cuccimo ausgearbeitet worden sei, um ihn, Ronald, sowie Bratton und Lathien aus dem Wege zu räumen. Der Anrufer forderte für den Plan tausend Dollar. Die Übergabe sollte hier in Indianapolis erfolgen, genau an dem Ort, wo der Cadillac abgestellt wurde.“

„Hat Ronald Sheridan nicht bemerkt, dass der Wagen von Cuccimo an den Platz gebracht wurde?“

„Hätte er es bemerkt, wäre er kaum eingestiegen, um den Plan aus dem Handschuhfach zu holen  dort sollte er angeblich deponiert sein“, sagte das Mädchen.

„Damit ist alles klar“, sagte Roberto grimmig. „Bratton und Lathien lassen sich freilich nicht mit der gleichen Masche aus dem Verkehr ziehen. Sie lesen Zeitungen und werden inzwischen begriffen haben, dass ihre Reise nach Indianapolis ein Trip in die Falle war.“

„Mit dieser Erkenntnis ist ihnen nicht geholfen“, meinte das Mädchen. „Lucky Cuccimo hat seine Helfer in der Stadt, er wird wissen, wo die beiden Quartier bezogen haben. Cuccimo wird nicht eher Ruhe geben, bis die beiden wie Ronald den Weg ins Jenseits angetreten haben.“

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Norbert Bratton schwitzte.

Er saß mit nacktem Oberkörper auf dem zerwühlten Bett und lauschte.

Das Zimmer, das er privat gemietet hatte, befand sich in einer nach Südwesten ausgerichteten Mansarde und war bis zum Sonnenuntergang von kochender Hitze erfüllt.

Es klopfte.

Bratton griff nach dem Revolver, der neben ihm auf dem Bett lag. Er erhob sich. Aus den Shorts ragten seine stämmigen, behaarten Beine. Bratton schlich barfuß zur Tür. Er stellte sich flach mit dem Rücken zur Wand, kehrte sein Gesicht der Tür zu und fragte heiser: „Wer ist da?“

„Die Zeitung, Mister!“, antwortete eine helle Jungenstimme.

Bratton schaute sich um. Er huschte auf nackten Füßen zum Sofa, schob die Waffe hinter ein Kissen, rief: „Moment!“ und ging zur Tür, um sie zu öffnen.

„Morgen, Mister Shearer“, sagte ein sommersprossiger Knirps und nannte den Namen, unter dem Bratton sich in dem Haus einquartiert hatte. „Hier ist die Zeitung.“

„Danke, Ronny“, meinte Bratton und fischte ein paar Münzen aus seiner Hosentasche. „Hier, das ist für dich. Moment mal, ich habe aufgeschrieben, was ich heute brauche. Du hast doch Zeit, mir die Klamotten zu besorgen?“

„Klar, Mann, das mach' ich, aber warum holen Sie sich die Sachen nicht selbst?“, wunderte sich der Junge. „Sie sind doch nicht krank!“

„Ich erwarte einen für mich sehr wichtigen Anruf“, log Bratton. „Ich muss zur Stelle sein, wenn das Telefon klingelt.“ Er überließ dem Jungen einen Zettel und eine Zehndollarnote. „Es dauert nur ‘ne Viertelstunde“, versicherte der Junge und ging.

Bratton riegelte die Tür hinter ihm ab und setzte sich auf das Sofa. Er hatte es sich angewöhnt, stets den Revolver in der Nähe zu haben.

Er schlug die Zeitung auf und begann zu lesen. Schon die Schlagzeile ließ ihn erblassen.

Cuccimo befand sich in Indianapolis.

Ronald Sheridan war mit einem gestohlenen Cadillac in die Luft geflogen. Vieles sprach dafür, dass es sich um einen Racheakt von Lucky Cuccimo handelte.

„Dieses Schwein“, murmelte Bratton.

Er legte die Zeitung aus der Hand und starrte auf das Telefon. Er konnte die Polizei anrufen und sie bitten, ihn aus diesem Schwitzkasten zu holen, aber er bezweifelte, ob er sich damit einen Gefallen erweisen würde.

Vermutlich wurden das Haus und sein Mansardenbewohner von Lucky Cuccimo und dessen Freunden bewacht. Sie hatten es nicht eilig, ihr Opfer abzuservieren. Sie ließen es auf kleiner Flamme rösten.

Immerhin war die von Cuccimo so erfolgreich begonnene Operation für ihn nicht länger risikolos. Polizei und FBI waren hinter ihm her. Er konnte sich nicht länger so frei und ungebunden bewegen, wie in den ersten Tagen nach seiner genialen Flucht.

Bratton stand auf. Er zog den Revolver hinter dem Kissen hervor, ging zum Bett und legte sich auf die klebrigen, feuchten Laken. Was für ein Rattennest! Aber er musste hier bleiben, bis sie Cuccimo geschnappt hatten. Er hatte einfach Angst, das Haus zu verlassen.

Möglicherweise sah er Gespenster. Vielleicht war Cuccimo keineswegs so gut informiert, wie er, Bratton, es befürchtete. Aber Vorsicht war eben die Mutter der Porzellankiste. Er hatte jedenfalls nicht vor, wie Ronald Sheridan zu enden.

Natürlich war es idiotisch gewesen, nach Indianapolis zu kommen und die Geschichte von dem angeblich käuflichen Mordplan ernst zu nehmen. Aber zum Zeitpunkt des Anrufes war es leicht gewesen, das Ganze zu glauben; schließlich hatte er, Bratton, annehmen müssen, dass Cuccimo hinter Gittern saß und keine Gefahr bedeutete.

Pustekuchen!

Lucky Cuccimo hatte niemals aufgehört, seine Rachepläne zu schmieden. Mit Ronald Sheridans Ende hatten sie einen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Es klopfte.

Norbert Bratton zuckte von seinem Lager hoch und griff nach dem Revolver.

„Ronny?“, rief er.

„Ja, ich bin's, Mister Shearer“, erwiderte der Junge.

Bratton legte die Waffe aus der Hand. Er schob sie unter die Bettdecke, dann ging er zur Tür und öffnete.

Hinter dem Jungen stand ein Mann.

Der Mann hatte seine Linke mit festem Griff auf die Schulter des Jungen gelegt. In der Rechten hielt er einen Revolver. Die Mündung der Waffe war auf Norbert Bratton gerichtet.

„Hallo, Bratton“, sagte der Mann. „Nett, dich wiederzusehen!“

Cuccimo gab dem Jungen einen Stoß.

Ronny stolperte mit seiner Einkaufstüte über die Schwelle. Er sah nicht ängstlich aus. Mit gespannter Neugierde blickte er abwechselnd auf den Revolver und auf den Mann, der ihn umfasst hielt.

Cuccimo betrat das Zimmer.

Bratton wich vor ihm zurück.

Er fühlte sich von dem Bett an der hinteren Längsseite des Zimmers magnetisch angezogen. Aber welchen Sinn hatte es, nach der Waffe greifen zu wollen?

Lucky Cuccimos Finger lag am Abzug. Cuccimo war in jedem Fall schneller am Drücker.

Norbert Bratton schluckte. Ihm war zumute, als sei sein Hals plötzlich entzündet.

„Du kannst gehen, Ronny“, sagte er und hatte Mühe, ein Beben in seiner Stimme zu unterdrücken. Jetzt ging es um den Jungen. Ihm durfte nichts zustoßen. Lieber Himmel, er war noch ein Kind!

„Ronny-Boy bleibt“, entschied Lucky Cuccimo.

Er trug eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern, die es Bratton unmöglich machten, den Augenausdruck seines Gegenübers zu studieren. Aber den konnte Bratton sich leicht vorstellen. Er wurde bestimmt von höhnischem Triumph und tödlichem Hass.

„Wo ist sie?“, fragte Cuccimo und zog mit der Linken die Tür hinter sich zu.

„Wo ist wer?“, murmelte Bratton. Er glänzte vor Schweiß.

„Deine Kanone“, sagte Cuccimo.

„Ich hab‘ keine“, behauptete Bratton.

Cuccimos Mund verzog sich zu einem verächtlichen Lächeln. „Mir machst du nichts vor, mein Junge. Soll ich dir auf die Sprünge helfen?“

Cuccimo wartete die Antwort nicht ab.

Er zielte auf Brattons Fuß und drückte ab.

Das Projektil fetzte dicht vor Norbert Bratton in die morschen Dielenbretter. Die Augen des Jungen wurden groß und rund. Er ließ vor Schreck die Einkaufstüte fallen. Sie platzte, und ihr Inhalt ergoss sich auf den Boden.

„Im Bett“, sagte Bratton. Ihm war übel.

Seit zwölf Monaten hatte er sich vor dieser Stunde gefürchtet. Er hatte sich zeitweilig eingeredet, dass seine Ängste absurd seien.

Cuccimo saß in Haft. Lebenslänglich. Seine Freunde hatten ihn abgeschrieben, ausradiert, vielleicht schon vergessen.

Er hatte sich das immer wieder eingehämmert. Es war so tröstlich gewesen! Und sogar logisch. Denn welchen Nutzen hatten die Gangster von der Bestrafung einiger Zeugen? Das Urteil war gefällt, es ließ sich nicht rückgängig machen. Wenn den Zeugen etwas zustieß, musste es zwangsläufig auf den Einzigen zurückfallen, der an einem solchen Racheakt interessiert sein konnte, nämlich auf Archie Mozetti.

Ja, das hatte er, Norbert Bratton, sich immer wieder vorgebetet, aber tief in seinem Unterbewusstsein hatte er es nicht akzeptiert.

Jetzt wusste er, wie recht er mit seinen verdrängten Zweifeln gehabt hatte. Weder Cuccimo noch Mozetti waren Leute, die vergessen konnten.

Ronny begann plötzlich zu weinen.

„Ich will nach Hause“, schluchzte er.

„Sperr’ ihn ins Bad!“, befahl Cuccimo.

Bratton nahm den Jungen bei der Hand. „Dir passiert nichts“, tröstete er ihn. „Du musst jetzt tapfer bleiben.“ Er führte ihn ins Badezimmer - einen hässlichen Verschlag, der mit einer Toilette und einer schlecht funktionierenden Dusche ausgestattet war.

Bratton erwog für den Bruchteil einer Sekunde, sich zusammen mit dem Jungen im Badezimmer einzuschließen, aber dann gab er den Plan auf. Er war sinnlos. Die Tür war morsch, sie ließ sich mühelos eintreten. Außerdem stand zu befürchten, dass Cuccimo einfach durch das Holz schießen und dabei auch den Jungen treffen würde.

Bratton schloss die Tür ab, drehte sich um und lehnte sich gegen die Füllung.

„Du hast mich erwartet, nehme ich an“, sagte Cuccimo.

Bratton schwieg.

„Du schwitzt vor Angst“, höhnte Cuccimo.

Bratton antwortete nicht. Wenn Cuccimo ihn quälen wollte, musste er das hinnehmen. Er war dem Killer wehr- und hilflos ausgeliefert.

Du hättest die Polizei anrufen sollen, warf er sich vor. Es war deine einzige Chance. Aber du hast sie nicht genutzt.

Bratton straffte sich. Er durfte jetzt nicht resignieren. Immerhin ging es um sein Leben. Er musste sich etwas einfallen lassen, um es zu retten. Vordringlich kam es darauf an, Zeit zu gewinnen.

„Wie hast du das bloß geschafft?“, würgte Bratton hervor. „Wie konntest du den Knast verlassen?“

Cuccimo grinste breit. „Jeder Mensch hat Anspruch auf Urlaub. Die einen nehmen ihn, um zu faulenzen, die anderen, um zu arbeiten. Ich habe ihn mir genommen, um zu töten.“

„Es wird auf dich zurückfallen.“

„Wie denn? Ich bin zu lebenslänglich verdonnert. Und wenn ich die ganze Stadt ausräucherte - mehr als das kann ich nicht bekommen!“

Brattons Augen wurden schmal. „Wer hat dir geholfen?“

„Das wüsstest du wohl gern, was?“

„Das kann nur Mozetti fertiggebracht haben“, meinte Bratton.

„Stimmt. Wir bilden immer noch ein perfektes Team. Er hat damit gezeigt, dass ihm nichts unmöglich ist“, sagte Lucky Cuccimo. „Es war keine Kleinigkeit, das darfst du ruhig glauben. Es hat eine Menge Geld gekostet, außerdem musste der Widerstand einiger Justizbullen mit Erpressungen und Geiselnahmen gebrochen werden. Was zählt, ist, dass wir erfolgreich waren. Mozettis Vorarbeit war auch in anderer Hinsicht Spitze. Ihm verdanke ich eure Adressen.“

Der Junge hörte mit.

Das musste auch Cuccimo klar sein. Oder klar werden.

Was würde geschehen, wenn ihm dämmerte, dass er Ronny mit diesem Wissen nicht laufen lassen durfte? Ein Junge war kein Zeuge. Aber das schloss nicht aus, dass die Polizei durch ihn informiert wurde, und entsprechende Gegenmaßnahmen einleitete.

Cuccimo drehte wie lauschend den Kopf zur Seite und runzelte die Stirn. Er schien etwas zu hören, was Bratton nicht wahrzunehmen vermochte.

„Still!“, sagte er.

Draußen blieb alles ruhig.

Cuccimo bewegte sich rückwärtsgehend auf das Bett zu. Er setzte sich auf dessen Rand und ließ seine Linke unter Decke und Kissen gleiten. Er grinste, als er den Revolver entdeckte. Er steckte ihn in seinen Hosenbund. Während der Aktion hatte er sein Gegenüber keine Sekunde aus dem Auge gelassen.

Cuccimo erhob sich. Er setzte sich sofort wieder. Sein Gesicht nahm einen erstaunten Ausdruck an. Irgendetwas schien mit ihm nicht zu stimmen.

Er hob die Linke und griff sich an den Hals. Sein Gesicht verfärbte sich. Er wurde erst leichenblass, dann puterrot. Vieles sprach dafür, dass er vor einem Anfall stand. Norbert Bratton verfolgte das Geschehen mit einer Mischung von Erstaunen und Hoffnung. Er hatte nicht gewusst, dass Cuccimo krank war.

Cuccimo stand erneut auf. Er taumelte, machte einen Schritt vorwärts und brach dann abrupt zusammen. Er blieb liegen, ohne sich zu rühren.

Selbst Bratton hatte plötzlich Mühe, sich zu bewegen. Ein Wunder war geschehen. Es war nicht leicht, es zu begreifen.

Bratton gab sich einen Ruck. Er jumpte auf den am Boden liegenden Killer zu und nahm ihm beide Waffen ab. Cuccimos Puls schlug schwach und unregelmäßig.

Bratton richtete sich auf. Er ging zum Sofa, legte Cuccimos Revolver unter das Kissen und stopfte die eigene Waffe in den Bund seiner Shorts. Dann öffnete er die Badezimmertür. Ronny fiel ihm buchstäblich entgegen. Er hatte an der Tür gelauscht.

„Mr. Shearer!“, stieß er hervor. Er sah Cuccimo auf dem Boden liegen. „Wie haben Sie das geschafft?“, fragte er verblüfft.

„Er ist verrückt“, behauptete Bratton. „Er spielt den starken Mann. Was er sagt, ist nicht ernst zu nehmen. Ich muss jetzt bei ihm bleiben, bis er wieder zu sich kommt. Es ist besser, du verschwindest - sonst spielt er noch mal verrückt.“

Ronny fragte: „Soll ich die Polizei verständigen?“

„Nein“, meinte Bratton. „Das ist nicht notwendig. Er ist wirklich ganz harmlos.“

„Aber er hat Sie und mich mit dem Revolver bedroht!“

„Das Ding war nicht geladen.“

„Sie machen mir was vor, Mister“, erkannte der Junge. „Ich habe doch gesehen, wie Sie sich vor ihm gefürchtet haben!“

„Ich wusste nicht, dass die Waffe nicht geladen war, das weiß ich erst jetzt“, erklärte Bratton und schob den Jungen zur Tür. „Lass mich mit ihm allein.“

„Ich möchte bleiben!“

„Kommt nicht in Frage, Ronny. Das ist nichts für kleine Jungen. Hier hast du fünf Bucks. Sie gehören dir, wenn du mir versprichst, zu gehen und den Mund zu halten.“

Ronny musterte mit glänzenden Augen die Fünf-Dollar-Note, überlegte kurz und sagte dann: „Geht in Ordnung, Mister, Sie können sich auf mich verlassen.“

Der Junge verließ den Raum. Bratton überzeugte sich davon, dass Ronny zur Treppe ging, dann riegelte er die Tür hinter sich ab und kniete sich neben Cuccimo auf den Boden. Er schüttelte ihn. Cuccimo war bewusstlos.

Bratton biss sich auf die Unterlippe. Was sollte er jetzt tun? Er kam auf die Beine und trat ans Telefon. Es gab nur eine Antwort auf seine Frage. Er musste die Polizei benachrichtigen.

Er griff nach dem Hörer.

In diesem Moment klopfte es.

„Wer ist da?“, fragte Bratton. Er rechnete damit, Ronnys Stimme zu hören. Vermutlich war der Junge nochmals zurückgekehrt, um noch etwas zu fragen.

„Polizei.Öffnen Sie bitte.“

Bratton erschrak. Er holte den Revolver aus dem Hosenbund und versteckte ihn unter der Bettdecke. Dann ging er zur Tür und öffnete.

Er erkannte sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Einen wahrscheinlich tödlichen Fehler.

Die beiden Männer, die ihm gegenüberstanden, waren keine Polizisten.

Sie hatten die harten, entschlossenen Gesichter von Männern, die dafür bezahlt werden, dass sie über Leichen gehen.

Einer von ihnen hatte einen Revolver in der Hand. Mit Schalldämpfer.

Der Mann war schätzungsweise fünfundzwanzig und trug einen dünnen, himmelblauen Mohair-Anzug.

Der zweite, unbewaffnete Mann war wenig auffällig gekleidet. In Leinenhose und beigefarbiger Waschlederjacke, sah er sportlich und salopp aus. Er war zehn Jahre älter als der Gunman und trat als Sprecher auf.

„Verschränke die Hände hinterm Nacken und stell' dich mit dem Gesicht zur Wand“, sagte er.

Bratton machte kehrt und gehorchte. Sein Bedarf an Angst, Terror und Überraschungen war gedeckt.

„Gib's ihm“, sagte der Mann in der Waschlederjacke.

Bratton spürte einen kühlen Luftzug an seiner Schläfe. Im nächsten Moment traf ihn der Revolverschaft des Bewaffneten.

Der Schlag war von brutaler Härte. Er schickte Bratton ins Reich der Träume.

Als er wieder zu sich kam, registrierte er einen hässlichen Geschmack im Mund und brütende, klebrige Hitze. Es dauerte geraume Zeit, bevor sein Bewusstsein sich soweit festigte, dass er erkannte, dass er halbnackt auf den Dielenbrettern seines Mansardenzimmers lag.

Seine Erinnerung begann zu arbeiten. Er hob den Kopf und verzog das Gesicht. Hinter seiner Stirn war ein schmerzhaftes Klopfen. Es legte sich nur langsam. Er sah Cuccimo nur zwei Schritte von sich entfernt liegen.

Norbert Bratton kam auf die Beine. Er torkelte ins Badezimmer und drehte die Dusche auf. Sie hustete einige Male, ehe sie sich anschickte, stoßweise laues Wasser von sich zu geben. Bratton hielt seinen Kopf unter den Strahl. Er wartete vergeblich darauf, dass das Wasser sich abkühlte. Trotzdem erfrischte es ihn und sorgte dafür, dass sein Kopf weiter aufklarte.

Bratton drehte das Wasser ab. Er nahm sich nicht die Mühe, sich trockenzureiben, sondern ging mit tropfendem Haar zurück ins Zimmer.

Zwei Dinge fielen ihm auf.

Cuccimo machte den Eindruck, als habe er seine Stellung verändert.

Neben seinem Körper lag ein Revolver.

Es war seine, Norbert Brattons Waffe. Er besaß dafür einen Waffenschein. Er war ihm schon vor dem Prozess gegen Luciano Cuccimo bewilligt worden.

Bratton bückte sich nach dem Revolver. In diesem Moment sah er das Blut.

Es sickerte aus drei Einschusswunden in Cuccimos Brust in den Stoff seiner Kleidung. Ein größeres Rinnsal hatte sich einen Weg auf die Dielenbretter gebahnt und erweiterte sich allmählich zu einem handtellergroßen, wie poliert leuchtendem Fleck.

Bratton schluckte. Er schnupperte an der Waffenmündung und nahm den Geruch von Barium und Antimon wahr.

Ihm fiel es wie Schuppen von den Augen.

Mit seiner Waffe war auf Cuccimo geschossen worden.

Es sollte so aussehen, als habe er, Norbert Bratton, den Killer getötet.

Bratton setzte sich.

Er war wie durch ein Wunder davor bewahrt worden, durch Cuccimo erschossen zu werden. Jetzt sah er sich plötzlich der Gefahr ausgesetzt, des Totschlages bezichtigt zu werden.

Er konnte der Polizei zwar die Beule an seinem Schädel vorweisen und von den Männern berichten, denen er sie verdankte. Es war zweifelhaft, ob die Polizei bereit sein würde, ihm seine Version des Geschehens abzunehmen.

Er war von Cuccimo bedroht worden.

Alles deutete darauf hin, dass er den Gangster beim entscheidenden Zusammentreffen in Notwehr erschossen hatte.

Aber wer waren die Leute, die das alles arrangiert hatten?

Welche Namen und Absichten verbargen sich hinter diesem falschen Spiel?

Norbert Bratton zermarterte sich den Kopf, um eine Antwort darauf zu finden, aber ihm fiel nichts ein. Er wusste nur, dass er rasch handeln musste, wenn er seine miserable Situation nicht noch mehr verschlechtern wollte.

Er zögerte noch einen Moment, dann trat er ans Telefon und wählte die Nummer des Police Headquarters.

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Roberto brachte Sheila Baxter am späten Nachmittag Blumen und eine Schachtel Konfekt ins Krankenhaus. Er hatte das Gefühl, mit Sheilas Hilfe voranzukommen. Es kam lediglich darauf an, jene Informationen aus den Schichten ihres Unterbewusstseins zu lösen, die dem Fall und ihm von Nutzen sein konnten.

„War die Polizei schon hier?“, fragte er das Mädchen und setzte sich.

Sheila schnupperte an den Blumen. Sie hing immer noch am Tropf, sah aber erholt aus. „Ja. Was sagen Sie zu seinem Ende?“

„Zu wessen Ende?“, fragte Roberto.

Sheila Baxter sah erstaunt aus. „Haben Sie‘s noch nicht gehört? Lucky ist tot.“

„Lucky Cuccimo?“, entfuhr es Roberto. „Das wusste ich nicht. Ein Unfall?“

„Er wurde erschossen. Man hat ihn in einer Mansarde gefunden, die von Norbert Bratton bewohnt wird. Bratton bestreitet, den Killer getötet zu haben. Fest steht aber, dass Lucky Cuccimo mit Norbert Brattons registriertem Revolver erschossen wurde.“

Sheila berichtete detailliert, was sie von dem Polizisten erfahren hatte und schloss: „Ich kann über Cuccimos Tod nur Erleichterung empfinden. Damit ist Ronalds Tod gesühnt. Ich kann endlich wieder frei atmen.“

„Sie halten Bratton für den Täter?“

„Na klar ist er es gewesen! Die Geschichte von den beiden Unbekannten, die ihn bewusstlos schlugen und Cuccimo dann mit seiner, Brattons Waffe, töteten, ist doch nur als Schutzbehauptung zu werten.“

„Hat man Bratton verhaftet?“

„Nein, aber ihm ist zur Auflage gemacht worden, bis auf weiteres in der Stadt zu bleiben.“

Roberto verabschiedete sich und ging.

Cuccimos unerwarteter Tod löste einige Probleme, insbesondere für die Justiz. Es schuf aber ein paar neue, die keineswegs geringer einzustufen waren.

Wer hatte Cuccimo getötet?

War es tatsächlich Bratton gewesen, oder hatte man sich des Zeugen nur bedient, um die ermittelnden Behörden zu täuschen?

Roberto fuhr zurück in sein Apartment. Er versuchte, Myer telefonisch zu erreichen, aber es meldete sich niemand. Roberto wurde wieder einmal bewusst, mit welchen Handicaps er fertig zu werden hatte. Die Computerbefragung, die jeder Polizist auslösen konnte, war für ihn mit zeitraubenden Anrufen verbunden und zuweilen, wie gerade jetzt, überhaupt nicht durchführbar. Es war ein Wunder, dass die Liste seiner Erfolge trotzdem einen so stattlichen Umfang angenommen hatte. Dieses Ergebnis forderte zu der Frage heraus, ob es am Ende nicht gerade deshalb zustande gekommen war, weil seine Tätigkeit ihn zwang, sich außerhalb des Apparates zu bewegen.

Spekulationen dieser Art brachten ihn nicht weiter. Er stellte das Radio an und lauschte dem Sprecher des Polizeifunks.

Es klingelte.

Roberto ging in die Diele. „Wer ist da?“, rief er halblaut.

„Ich bin's“, erwiderte eine männliche Stimme. „Ihr Freund und Kollege Lucky Cuccimo.“

Tote kehren nicht zurück.

Wer immer sich Luciano Cuccimos Namen bediente, ging davon aus, dass Roberto bis zur Stunde noch nichts vom Tode des Killers erfahren hatte.

„Moment“, sagte Roberto. „Ich ziehe mir nur rasch etwas über.“

Er hastete ins Wohnzimmer, betrat den Balkon und schätzte die Entfernung zum Balkon des Nachbarapartments ab. Der Sprung zum nächsten Balkon war lebensgefährlich, aber es war nicht minder risikoreich, in der Wohnung zu bleiben.

Roberto kletterte auf die Balkonbrüstung und blickte in die Tiefe. Er schüttelte das leichte Frösteln ab, spannte die Muskeln und jumpte.

Danach riskierte er einen zweiten, dritten und vierten Sprung. Niemand stoppte ihn. Aus keinem der Balkontürfenster, die er passierte, ertönte ein Ruf des Erschreckens oder des Protestes. Seine akrobatischen Kunststücke wurden von niemand registriert.

Eine angelehnte Balkontür machte es ihm möglich, durch Wohnzimmer und Diele eines Apartments, dessen Bewohner nicht zugegen war, an die Tür zu gelangen und sie einen Spalt breit zu öffnen.

Roberto sah zwei Männer vor seinem Apartment stehen.

Einer war hochgewachsen und trug zu hellen Leinenhosen eine beigefarbige Waschlederjacke. Der zweite war mit einem himmelblauen Anzug bekleidet. Die Männer machten einen sehr gespannten Eindruck. Sie blickten sich sichernd um, dann nahmen sie einen Anlauf und warfen sich mit vereinten Kräften gegen die Tür der Suite 311.

Sie mussten die Attacke wiederholen, dann stolperten sie mit der aus ihren Angeln gerissenen Apartmenttür ins Innere.

Roberto nutzte seine Chance und hastete zur Treppe. Er stürmte hinab ins Erdgeschoss, betrat die Straße und sah, wie nur wenige Schritte von ihm entfernt eine alte Dame aus einem Taxi stieg.

Roberto war der alten Dame behilflich, dann kletterte er in den Wagenfond, überließ dem Fahrer eine Zwanzigdollarnote und sagte: „Warten Sie bitte auf der anderen Straßenseite, bis ich Sie bitte, zwei Männern zu folgen. Ich muss in Erfahrung bringen, wer sie sind und wo sie wohnen. Ich arbeite als Versicherungsdetektiv.“

Der Fahrer kassierte grinsend den Schein und wendete auf offener Straße, obwohl eine durchgehende Linie ihm das untersagte. Danach scherte er in eine Parklücke ein. Er stellte keine Fragen.

Fünf Minuten später tauchten die beiden Männer auf. Sie trennten sich vor dem Haus und gingen in entgegengesetzte Richtungen davon.

„Das ist ja Dave Cassidy“, sagte der Fahrer. „Der mit der Lederjacke.“ Er holte die zusammengerollte Zwanzigdollarnote aus seiner Brusttasche und reichte Roberto das Geld zurück. „Nehmen Sie es wieder an sich, Mister“, sagte er. „Es ist nicht genug, um einen Selbstmordversuch zu rechtfertigen.“

„Angst?“, fragte Roberto.

„Das ist geschmeichelt. Ich wäre nicht der Erste, der sich wegen Dave in die Hose macht.“

„Wer ist es?“

„Einer, den ich mir nicht, um alles in der Welt, zum Feind machen möchte“, sagte der Fahrer. „Dave arbeitet für den Cavaliere-Mob.“

„Ein Killer?“, fragte Roberto.

„Das haben Sie gesagt“, murmelte der Fahrer.

„Behalten Sie das Geld“, meinte Roberto und stieg aus. „Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen.“

Er ging zu seinem in der Nähe parkenden Leihwagen. Ehe er dessen Tür öffnete und sich hineinsetzte, überzeugte er sich davon, dass keine verdächtigen Drähte auf das Vorhandensein einer Sprengladung hindeuteten. Danach fuhr er ein bisschen durch die Gegend. Indianapolis war eine schöne Stadt, aber er schaffte es einfach nicht, an ihr Gefallen zu finden.

Er speiste in einem italienischen Restaurant zu Abend und versuchte nach dem Essen nochmals Myer zu erreichen. Diesmal klappte es.

„Ich stehe unter der Sprechhaube eines Münzautomaten“, sagte Roberto halblaut. „Seien Sie also nicht überrascht, wenn ich während unseres Gesprächs das Thema wechsele und Unsinn zu reden beginne. Im Augenblick ist die Luft rein. Lucky ist tot.“

„Ich bin davon in Kenntnis gesetzt worden“, erklärte der Colonel. „Ich vermute, dass Archie Mozetti hinter dem Verbrechen steckt.“

„Aber Mozetti hat dazu beigetragen, seinen Ex-Hitman zu befreien“, wandte Roberto ein.

„Das hat nichts zu bedeuten. Lucky Cuccimo kann für Mozetti im Gefängnis zum Sicherheitsrisiko geworden sein“, meinte Colonel Myer.

„Sie bringen mich auf eine Idee“, sagte Roberto.

„Spucken Sie sie aus.“

„Tante Leonie klagt wieder über Asthma“, sagte Roberto und ließ einen dunkelhaarigen Typ passieren, der sich auf dem Weg zur Toilette befand. Myer schwieg. Roberto wartete, bis der Gast außer Hörweite war, dann fuhr er fort: „Cuccimo hat die Aussicht auf lebenslänglich nicht verkraften können. Er wollte um jeden Preis raus. Cuccimo hat von Mozetti seine Befreiung verlangt und angedeutet, dass er sonst für nichts geradestehen könne. Mozetti muss klar gewesen sein, wie ernst Cuccimos Worte zu nehmen waren. Der Mafiaboss kurbelte daraufhin eine Großaktion an und schaffte es tatsächlich, den Killer aus dem Knast zu holen.“

„Das wissen wir nicht erst seit heute“, sagte Myer.

„Ich bin noch nicht fertig. Mozetti wünschte zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er wollte Cuccimo Gelegenheit geben, mit den Zeugen von damals abzurechnen. Er wollte bei dieser Gelegenheit veranlassen, dass Cuccimo, der für den Mob zu einer Belastung geworden war, aus dem Verkehr gezogen wird. Der Mord wurde so arrangiert, dass es aussieht, als sei es zwischen Bratton und Cuccimo zum Kampf gekommen. In Wahrheit trifft zu, was Bratton über den Tathergang zu sagen hat. Ich sehe das Ganze so: Mozetti musste Cuccimo aus dem Knast holen, um sicherzustellen, dass der Hitman nicht durchdreht und singt. Cuccimo hatte bereits im Gefängnis einen Plan ausgebrütet, wie die Abrechnung mit den Zeugen aussehen sollte. Mozetti hatte es geschafft, die Aufenthaltsorte der drei festzustellen. Als Cuccimo auf freiem Fuß war, lief der Plan an. Cuccimo lockte seine Gegner unter einem Vorwand nach Indianapolis. Hier, fern von New York, glaubte er, ebenso unerkannt wie unbelästigt seinen Plan in die Tat umsetzen zu können. Er wusste nicht, dass zwischen Mozetti und dem hiesigen Mobster, Carlo Cavaliere, eine Absprache bestand, die zum Inhalt hatte, dass Cuccimo sterben sollte - und zwar so, dass der Tatverdacht nicht das Syndikat, sondern einen von Cuccimos Gegnern treffen würde. Dave Cassidy war der Mann, der das Geschehen in die Hand nahm. Ich wüsste gern, wo ich ihn erreichen kann. Ich fahre jetzt zurück in mein Apartment. Rufen Sie mich an, sobald Sie die Adresse haben.“

Er legte auf. Als er eine Viertelstunde darauf sein Apartment betrat, klingelte das Telefon.

„Dave Cassidy, Carson Street 98“, sagte der Colonel. „Nehmen Sie sich vor ihm in Acht. Der Mann ist so gefährlich wie eine Sandviper.“

Roberto bedankte sich, warf den Hörer auf die Gabel und verließ das Apartment wieder.

Inzwischen war es fast zweiundzwanzig Uhr geworden. Er fuhr nach einem Blick auf den Stadtplan in Richtung Beech Grove. Cassidy bewohnte ein kleines Haus im Außenbezirk. Es lag in einer ruhigen, ausgesprochen bürgerlich anmutenden Straße und war weit davon entfernt, wie ein Gangsterquartier auszusehen.

Das weiße Holzhaus mit den grün gestrichenen Fensterläden hatte einen kleinen Garten. Im Garten wurde offenbar ein Fest gefeiert. Bunte Lampions schaukelten im Nachtwind. Lachende Stimmen ließen erkennen, dass der Alkohol bei den Gästen Wirkung zu zeigen begann.

Es war für Roberto kein Problem, die Runde der fröhlichen Zecher vom Nachbargarten her, in dem er sich befand, zu beobachten.

Cassidy führte das große Wort. Er hob immer wieder das Glas, um mit den anderen anzustoßen. Roberto zählte fünf Männer, Cassidy eingeschlossen. Unter ihnen war der Mann mit dem hellblauen Anzug.

Roberto fiel auf, dass Cassidy trotz seines häufigen Zuprostens kaum trank und auffallend nüchtern blieb. Trotzdem zeigte er gute Laune. Das war nach seiner Panne im 'Blue Skies' erstaunlich. Aber vermutlich ging es jetzt und hier vor allem darum, das Ableben von Luciano Cuccimo zu feiern.

Roberto, der das Treiben eine Zeit lang beobachtete, stellte fest, dass der Mann im himmelblauen Anzug immer wieder ins Haus ging, um für Nachschub zu sorgen. Wenn die Männer das Bedürfnis hatten, dem Getränkestau in ihren Körpern ein Ventil zu öffnen, schlugen sie sich einfach in die Büsche.

Roberto stellte fest, dass der Zugang, den der Gangster benutzte, um Flaschen zu holen, an der Schmalseite des Hauses lag und geradewegs in die Küche führte. Sie war durch eine Holztreppe mit dem Garten verbunden. Die Tür war unverschlossen. In der Küche brannte Licht.

Roberto verließ seinen Beobachtungsposten und schaffte es ohne Mühe, sich an Cassidys Haus heranzupirschen. Er ging hinter zwei Mülltonnen in Deckung und wartete, bis der Gangster im himmelblauen Anzug mit einem Arm voll Bierdosen wieder einmal die Küche verlassen hatte. Als der Dosenträger dem Garten und den brüllenden Männern zustrebte, huschte Roberto in die Küche.

Im Haus klingelte das Telefon.

Im nächsten Moment schlug eine Außenklingel an. Sie war laut genug, um die Männer im Garten vom Läuten des Telefons zu informieren.

Roberto hastete in die Diele. Er sah den Drehknopf eines Wandschrankes und öffnete ihn. Es war ein Besenschrank. In ihm war genug Platz für einen ausgewachsenen Mann. Roberto huschte hinein und zog die Tür hinter sich zu. Er hörte, wie Schritte die Küche durchquerten und von der Diele ins Wohnzimmer strebten.

Roberto konnte nicht hören, was gesprochen wurde. Der Anruf war kurz, aber er zeigte Wirkung. Fünf Minuten später verließen die Zecher, offenbar von Cassidy dazu aufgefordert, den Garten.

Roberto hörte, wie danach die Türen geschlossen wurden. Im Haus kehrte Ruhe ein.

Eine Viertelstunde später stoppte vor dem Haus ein Wagen. Gleich darauf klingelte es.

Der Besucher wurde eingelassen und durch die Diele geleitet. Roberto peilte durch einen Spalt des Besenschrankes und sah, wen Dave Cassidy empfangen hatte.

Es war kein Geringerer als Carlo Cavaliere.

Der Mafiaboss war ein sportlicher Typ, eine drahtige Erscheinung mit markanten Gesichtszügen und grau blondem, kurz geschnittenem Haar. Er hatte keinen Gorilla bei sich, aber es war anzunehmen, dass er nicht ohne Begleitung gekommen war, und dass seine Männer das Haus absicherten.

Cavaliere und Cassidy betraten das Wohnzimmer. Roberto setzte alles auf eine Karte. Er verließ sein Versteck und bezog an der Wohnzimmertür einen Lauscherposten.

„Du hattest eine Fete“, sagte Cavaliere.

„Ich habe mit Jack und den anderen ein bisschen gefeiert, schließlich gab's für uns einen guten Grund“, erklärte Cassidy.

„Du bist verrückt“, zischte Cavaliere. „Glaubst du, die Bullen sind nicht imstande, zwei und zwei zu addieren? Wenn auch alles dafür spricht, dass Bratton seinen Gegner abserviert hat, wird es eine Menge Leute geben, die Brattons Version Glauben schenken. Er kann dich beschreiben. Und jeder weiß, dass du mein Mann bist.“

„Mir kann nichts passieren. Ich habe für die Tatzeit ein Alibi“, sagte Cassidy.

„Ich habe es dir gekauft, okay. Zwei Männer sind bereit, dich zu decken. Mozetti wird mir die Auslagen erstatten“, sagte Cavaliere. „Trotzdem gefällt es mir nicht, wie du dich aufführst. Grund zum Feiern gibt es erst dann, wenn wir Tardelli beerdigt haben.“

„Verdammt, er könnte so kalt sein wie ’n Eis am Stiel“, sagte Cassidy. „Cuccimo hatte die einmalige Chance, den Kerl umzulegen. Warum hat er‘s nicht getan?“

„Warum, warum!“, knurrte der Mafiaboss. „Dreimal darfst du raten. Warum! Cuccimo hatte von Archie grünes Licht für das Abservieren der drei Zeugen bekommen. Roberto Tardelli war eine Nummer zu groß für ihn. Das konnte er nicht ohne das ausdrückliche Okay seines Bosses tun. Leute vom Kaliber eines Roberto Tardelli knallt man nicht einfach ab. Man dreht sie erst einmal durch die Mangel. Oder man versucht, sie gefügig zu machen. Es gibt hundert gute Gründe. Cuccimo wusste das. Er hat das respektiert.“

„Was nun?“, fragte Cassidy.

„Tardelli ist in der Stadt. Wir wissen, wo er wohnt. Sobald er heute nach Hause zurückkehrt, geht er mit seiner Bude in die Luft“, sagte Cavaliere.

„Bravo. Aber was ist, wenn er nicht zurückkehrt, was ist, wenn er genau das Gegenteil von dem macht, was wir erwarten? Ich erinnere dich daran, wie oft er uns schon durch die Lappen gegangen ist.“

„Das wird sich nicht wiederholen“, sagte Cavaliere. „Ich habe mit der Commissione gesprochen. Ein Dutzend Gunmen der Spitzenklasse befindet sich auf dem Weg nach Indianapolis. Sie werden eingreifen, falls das Feuerwerk nicht funktioniert. Diesmal wird Tardelli uns nicht entkommen. Es ist für mich eine Prestigefrage. Wenn Tardelli unsere Stadt lebend verlässt, kann ich meinen Hut oder einen Strick nehmen.“

Roberto huschte zurück in sein Versteck. Er hatte genug gehört. Nach zehn Minuten betraten die Männer die Diele. Cassidy begleitete seinen Boss bis an die Tür.

„Du weißt jetzt Bescheid“, sagte Cavaliere.

„Geht in Ordnung, Boss“, erwiderte Cassidy.

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Roberto hörte, wie zwei Fahrzeuge sich entfernten. Im Wohnzimmer wurde Musik laut. Cassidy hatte eine Schallplatte aufgelegt.

Roberto verließ den Besenschrank. Er näherte sich auf Zehenspitzen der Wohnzimmertür. Den Revolver hielt er in der Rechten.

Er drückte sein Ohr gegen die Türfüllung. Außer dem sanften Rhythmus einer großen Streicherband war nichts zu hören.

Roberto öffnete die Tür.

Dave Cassidy saß in einem bequemen Sessel und kehrte der Tür seinen Rücken zu. Der Killer hatte den Nacken auf die Lehne gebettet und die Beine hochgelegt. Sie ruhten über Kreuz auf der Marmorplatte des Couchtisches. Neben dem Sessel stand auf dem Boden ein Glas mit Whisky und Soda.

Cassidy rührte sich nicht. Er hielt die Augen geschlossen und lauschte entrückt der Musik. Die Lautstärke der Boxen setzte ihn außerstande zu hören, wie Roberto den Raum betrat und die Tür hinter sich ins Schloss zog.

Die beiden zur Straße weisenden Fenster waren geschlossen. Läden und Vorhänge schützten den Bewohner vor unliebsamen Überraschungen.

Das Zimmer war groß, und seine Möblierung verriet Geschmack. Zwischen den Fenstern hing, drapiert von der Nationalflagge, ein Bild von George Washington. Sicherlich machte es sich gut, wenn Polizisten, die sich hier wiederholt einfanden, von Dave Cassidy den Eindruck gewannen, dass er versuchte, ein aufrechter Patriot zu sein.

Roberto hatte die Rückenlehne des Sessels erreicht und sah, wie Cassidys Muskeln sich plötzlich strafften. Der Killer spürte, dass er nicht mehr allein war. Er rührte sich nicht.

„Hallo“, sagte Roberto leise.

Cassidy schwang die Füße auf den Boden. Erst danach warf er einen Blick über seine Schultern. Sein Blick kreuzte sich mit dem des Besuchers.

In Cassidys Gesicht zuckte kein Muskel. Er stand auf und wandte sich Roberto zu. Zwischen den Männern stand der Sessel, ein solides, klotziges Möbel mit Hochlehne.

„Wer sind Sie, was wollen Sie?“, stieß Dave Cassidy hervor.

Er trug immer noch die helle Leinenhose und ein dazu passendes schwarzes Polohemd mit kurzen Ärmeln. Die Lederjacke hatte er ebenso abgelegt wie seine Schuhe.

„Ersparen wir uns das Theater“, schlug Roberto vor. „Du kennst mich. Und ich kenne dich.“

Cassidy grinste plötzlich. Das Grinsen wirkte forciert. Seine Muskeln entkrampften sich nicht. Die Spannung hielt ihn erbarmungslos im Griff.

„Warte mal“, sagte er gedehnt. „Dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Ich kenne es von einem Foto. Jetzt habe ich‘s! Du bist Roberto Tardelli.“

„Wir machen Fortschritte“, lobte Roberto.

„Seit wann bist du in der Stadt? Und welchem Umstand verdanke ich die Ehre deines Besuches?“

„Das wiederum“, klagte Roberto, „ist ein Rückschritt. Du weißt längst, dass ich mich unter falschem Namen in Indianapolis einquartiert habe. Du selbst hast versucht, mich ins Jenseits zu befördern.“

„Du spinnst. Warum hätte ich das tun sollen?“, fragte Dave Cassidy.

„Weil dein Boss es verlangt. Und weil dein Hauptauftrag, Lucky Cuccimo aus dem Wege zu räumen, nunmehr erledigt ist“, sagte Roberto. „Zieh' hier keine Schau ab. Ich habe dein Gespräch mit Don Carlo belauscht.“

Cassidy bückte sich nach seinem Glas. Er schüttelte es ein wenig, sodass die Eisstückchen darin klirrten. „Was hast du vor?“, fragte er.

„Ich biete dir ein Geschäft an“, meinte Roberto.

„An Geschäften bin ich stets interessiert“, behauptete der Killer.

„Du bist neben Cavaliere ein kleiner Fisch“, sagte Roberto. „Mir geht es vor allem darum, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Du kannst mir dabei helfen. Du kannst es auch bleiben lassen. Die Wahl, vor die du gestellt bist, ist einfach. Entweder du lieferst, mir einen Haufen gutes und echtes Belastungsmaterial, um Cavaliere hochgehen zu lassen, dann lasse ich dich laufen, oder du legst dich quer. Dann landest du allerdings noch in dieser Nacht dort, wo du hingehörst.“ Cassidy starrte in die auf ihn gerichtete Waffenmündung. „Das ist wirklich nicht die feine Art“, beklagte er sich stirnrunzelnd.

„Die feine Art würdest du nicht verstehen“, meinte Roberto. „Mit dir muss man Fraktur reden. Entscheide dich. Ich gebe dir drei Minuten.“

„Du tickst nicht sauber. Wie stellst du dir das vor? Leute meines Berufs halten sich alles Schriftliche und Belastende vom Leib. Du wirst im ganzen Haus keinen Fetzen Papier finden, dessen Inhalt imstande wäre, den Boss aufs Kreuz zu legen.“

„Das nehme ich dir ab. Aber du wärest nicht die Ratte Dave Cassidy, wenn du dir nicht längst den einen oder anderen Trumpf gesichert hättest, um Cavaliere im Notfall damit erpressen zu können.“

„Ich bin doch nicht verrückt!“, sagte Cassidy. „In dieser Branche heißt es, loyal zu bleiben. Sonst beißt man ins Gras.“

„Kennst du einen Mann namens Guilio Gambini?“, erkundigte sich Roberto.

„Der Name stand in den Zeitungen. Auf ihn ist geschossen worden. In deiner Bleibe. Stimmt's?“

„Ja. Gambini war bei mir eingedrungen und erwartete mich mit einer Kanone in der Hand. Er hielt mich für Ronald Sheridan. Ehe ich ihm richtig klarzumachen vermochte, dass er sich irrt, wurde er abgeknallt - von draußen. Der Schütze muss hinter einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses gestanden haben.“

„Ich war nicht dabei, als es geschah, aber ich kann mir denken, was dahintersteckt. Soviel ich weiß, ist Gambini mit einem blauen Auge davongekommen, mit einem Schultersteckschuss. Wie äußert er sich zu dem Vorfall?“, fragte Cassidy.

„Überhaupt nicht. Er verweigert die Aussage.“

„Ich kenne Gambini flüchtig. Er ist ein kleiner Ganove, nicht syndikatsgebunden. Cuccimo wird ihn engagiert haben. Gambini sollte Lucky helfen, die drei Zeugen zur Strecke zu bringen - Bratton, Sheridan und Lathien. Der Schuss auf Gambini entsprang einer Koordinierungspanne.“

„Ausgeschlossen“, sagte Roberto. „Wenn Gambini für Lucky arbeitete, muss ihm klar gewesen sein, dass der wirkliche Ronald Sheridan bereits tot war.“

„Da ist was dran“, meinte Cassidy und stülpte die Unterlippe nach vorn. Er schnippte mit den Fingern. „Ich hab's!“, sagte er. „Cuccimo muss erkannt haben, dass er sich den falschen Mann geangelt hatte. Gambini kann verdammt penetrant sein. Nachdem er von Cuccimo engagiert wurde, stellte er vermutlich maßlose Forderungen an seinen Auftraggeber. Der schickte ihn in deine Wohnung und wartete darauf, Gambini abservieren zu können.“

Es klingelte. Cassidy zuckte zusammen. „Wer kann das sein um diese Zeit?“, fragte er, mehr zu sich selbst als an Roberto gewandt.

„Sieh einfach nach“, schlug Roberto vor. „Ich folge dir mit der Kanone in die Diele. Wenn du Mätzchen machst, drücke ich ab.“

Cassidy nahm einen Schluck aus dem Glas und stellte es beiseite. Er bückte sich nach den braunen Mokassins, die unter dem Couchtisch standen, schlüpfte hinein und ging zur Tür.

Roberto folgte ihm.

Das Klingeln wiederholte sich.

Dave Cassidy betrat die Diele und erreichte die Haustür. Dort blieb er stehen. Er wandte den Kopf und blickte Roberto an. Der hob mit einer klaren, drohenden Geste die Waffe.

Cassidy nickte grimmig. Er befand sich in Robertos Schussfeld und hatte keine Chance, der Situation ohne Blessuren zu entkommen.

Cassidy öffnete die Tür.

In diesem Moment krachte es. Zweimal hintereinander. Das dumpfe, harte „Plopp Plopp“ der Schüsse machte klar, dass sie aus einer mit Schalldämpfer ausgerüsteten Waffe abgegeben wurden.

Dave Cassidys Körper wirkte wie von Stromstößen getroffen. Er brach zusammen. Sein Kopf rollte hilflos zur Seite, der Mund öffnete sich.

In Dave Cassidys brechenden Augen fraß sich die unbarmherzige Kälte des Todes.

Der Schütze jagte davon. Roberto hörte, wie er durch den kleinen Vorgarten zur Straße stürmte.

Roberto besann sich auf die Küche. Er sprintete hinein, durchquerte den Raum, riss die Hintertür auf und rannte durch das Dunkel des Gartens zur Straße.

Roberto sah gerade noch, wie ein mittelgroßer Mann, der einen dunklen Blouson und eine dunkelrote Seglerkappe trug, sich in einen Wagen schwang, einen Pacer.

Der Starter begann zu rattern. Die Maschine sprang nicht an. Das Manöver wiederholte sich. Es brachte dem Fahrer keinen Erfolg.

Er sprang aus dem Wagen, blickte sich gehetzt um und stellte beruhigt fest, dass die Straße völlig menschenleer war. Die Tür von Dave Cassidys Haus stand offen. Aus ihr fiel ein heller Lichtkeil in den Vorgarten.

Der Mann kletterte zurück in den Pacer. Er versuchte nochmals sein Glück, aber die Maschine weigerte sich, ihren Dienst aufzunehmen. Der Mann stieg aus und ging die Straße hinab.

Roberto folgte dem Mann in sicherem Abstand bis zur nächsten Kreuzung. Der Mann schaute sich kein einziges Mal um. Er winkte einem vorüberfahrenden Taxi zu, dann einem zweiten. Diesmal hatte er Glück. Er stieg ein. Roberto merkte sich die Nummer des Wagens, kehrte zu seinem Bonneville zurück und fuhr in die City. Er entdeckte ein kleines Hotel in einer Seitenstraße und quartierte sich dort ein. Zum Glück fragte niemand nach seinen Papieren, sodass er darauf verzichten konnte, sich des inzwischen gefährlich gewordenen Namens Sheridan zu bedienen.

Aus dem Hotelzimmer rief er die Polizei an. Dann telefonierte er mit der Taxi-Company. Er gab sich als Privatdetektiv aus und bekam über Funk den Wagenfahrer an die Strippe, der den mutmaßlichen Mörder kutschiert hatte.

Der Fahrer erinnerte sich genau an den Kunden. Er war zu einer Pension namens „Roseland“ in der 32ten Straße gebracht worden.

Inzwischen war es null Uhr zwanzig geworden.

Roberto verließ das Hotel und fuhr in die 32te Straße. Die Pension fiel schon von Weitem durch eine knallrote Neonleuchtreklame auf.

Die Rezeption war klein und schmutzig. Der Spannteppich aus Nylonfilz zeigte die Trampelpfade, die seine vielen Gäste produziert hatten. Der breiteste davon endete am Tresen, hinter dem der Nachtportier eingeschlafen war.

Roberto streckte die Hand nach der Glocke aus, aber dann sah er das aufgeschlagene Gästebuch und hielt es für eine gute Idee, ihm erst seine Aufmerksamkeit zu widmen. Mit den eingetragenen Namen konnte er nichts beginnen. Sie waren ihm fremd.

Der Portier hob den Kopf. Er schaute über seine Schulter und erhob sich blinzelnd.

„Wir sind besetzt, Mister“, sagte er. „Full House!“

Roberto zückte eine Zehndollarnote. Die Auskunft, um die es ihm ging, war eine Menge mehr wert, aber er hatte nicht vor, ihre Bedeutung durch die Höhe seines Angebots zu verraten.

„Sie haben einen Gast“, sagte Roberto. „Dunkelblauer Blouson, rote Seglermütze mit Schild ...“

„Oh, Mr. Graves“, fiel der Portier Roberto ins Wort. „Er ist in seinem Zimmer. Wünschen Sie ihn zu sprechen? Ich müsste anrufen, es ist schon spät ...“

Roberto zückte eine zweite Zehndollarnote. „Es soll eine Überraschung werden“, meinte er. „Vielen Dank.“

„Erste Etage, Zimmer 11“, sagte der Portier.

Roberto ging nach oben.

Die 11 lag am Ende des Korridors. Unter der Tür schimmerte Licht hervor. Roberto klopfte.

„Wer ist da?“, fragte die Stimme eines Mannes. Sie war halblaut und klang seltsam gepresst. Es war zu spüren, dass ihr Besitzer Angst hatte.

„Ein Telegramm für Sie, Sir“, sagte Roberto.

Schritte näherten sich der Tür. Roberto nahm seinen Revolver in die Hand. Die Tür öffnete sich. Für den Bruchteil einer Sekunde tauchte das Gesicht des Mannes auf, den Roberto in der Carson Street gesehen hatte, dann versuchte der Hotelgast, die Tür wieder zuzuschlagen. Der Versuch misslang. Roberto warf sich mit voller Wucht gegen die Türfüllung. Die Attacke brachte den Mann auf der anderen Türseite aus dem Gleichgewicht.

Er schaffte es, nicht zu fallen und sprintete auf das Sofa zu, das als Zweitlager im Zimmer stand.

„Stopp!“, sagte Roberto.

Er stand mit erhobener Waffe auf der Schwelle. Es war klar, dass sein Gegner unterwegs war, um sich gleichfalls zu armieren.

Der Mann blieb stehen. Er hob die Hände und kehrte Roberto dabei den Rücken zu.

„Umdrehen!“, befahl Roberto.

Der Mann gehorchte.

Roberto erkannte erst jetzt, wen er vor sich hatte.

Es war der dritte Zeuge, Hank Lathien.

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Er sah noch genauso aus wie auf den Pressefotos, die seinerzeit von ihm veröffentlicht worden waren. Hank Lathien war von den drei Zeugen der einzige mit mehreren Vorstrafen gewesen, aber das hatte das Gericht nicht davon abgehalten, seine Aussagen als völlig glaubwürdig zu werten.

Hank Lathien war fünfundvierzig. Er sah alles in allem sehr durchschnittlich aus. Es war das typische Gesicht in der Menge und hatte keinerlei Merkmale, die jemand dazu animieren konnten, sich nach ihm umzudrehen.

„Drehen Sie sich mit dem Gesicht zur Wand, und legen Sie die Hände dagegen!“, befahl Roberto, betrat das Zimmer und kickte die Tür mit dem Fuß hinter sich ins Schloss. Lathien gehorchte.

Roberto ging an ihm vorbei. Hinter dem Sofakissen lag ein Revolver mit Schalldämpfer. Roberto schnupperte an der Mündung und stopfte sich die Waffe in den Hosenbund. „Setzen Sie sich“, sagte er.

Hank Lathien drehte sich um. Er starrte Roberto ins Gesicht. „Wer sind Sie?“

„Ein Zeuge. Das, was Sie einmal waren“, stellte Roberto fest.

„Und was können Sie bezeugen?“

„Dass Sie Dave Cassidy erschossen haben.“

Lathien setzte sich erst jetzt. Er schien unter hohem Blutdruck zu leiden. Jedenfalls waren in beiden Augen ein paar Äderchen geplatzt. Er musterte Roberto aus seinen roten Augen und sagte: „Sie sind kein Bulle.“

„Spielt das eine Rolle?“

„Für mich schon. Aber Sie sind auch kein Gangster. Wären Sie einer von Cavalieres Männern oder Cassidys Freunden, hätten Sie längst geschossen.“

„Warum haben Sie's getan?“

„Stört es Sie, wenn ich rauche?“

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

Hank Lathien erhob sich. Er bewegte sich ziemlich schwerfällig. Es schien, als lasteten Tonnen auf seinen Schultern. Er wirkte müde, erschöpft und ausgelaugt.

Roberto folgte Lathien mit den Blicken. Lathien öffnete seinen Koffer, der auf einem Stuhl am Fußende des Bettes lag.

„Keine Mätzchen“, warnte Roberto.

Hank Lathien nahm ein Päckchen Zigaretten und ein großes, signalrotes Feuerzeug aus dem Koffer. Er klemmte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und ging auf Roberto zu. „Ich bin fix und fertig“,, sagte er. „Sie haben keine Ahnung, wie ich mich fühle.“

Er hob das Feuerzeug an die Zigarette und betätigte den Schalter. Statt einer Flamme löste sich aus der verkappten Waffe ein scharfer, ätzender Sprühnebel. Er zischte Roberto geradewegs ins Gesicht.

Roberto war geblendet.

Er hätte blindlings abdrücken und auf Lathien schießen können, aber Panikreaktionen standen nicht auf seinem Repertoire.

Lathien jumpte auf ihn zu und versuchte, ihm einen der beiden Revolver zu entreißen. Roberto war in der Gegenreaktion auf die Radarsteuerung seiner Sinne angewiesen. Seine hochfliegende Linke traf mit der Handkante Lathiens Schulter.

Lathien sackte mit einem Gurgellaut in die Knie, kam aber sofort wieder auf die Beine.

Roberto schoss in die Luft.

Er konnte nur hoffen, dass der Warnschuss ein paar Gäste wecken und zum Eingreifen veranlassen würde, aber das enthob ihn nicht der Aufgabe, Hank Lathien weiterhin auf Distanz zu halten.

Lathien hatte gemordet. Er war entschlossen, den Zeugen der Tat zum Schweigen zu bringen. Dieser Umstand bestimmte sein Handeln.

Roberto sah den Anstürmenden nur konturenhaft. Es schien, als wüchse er aus einem wässrigen Nebel. Roberto praktizierte einen Sidestep. Lathiens Faust verfehlte Robertos Solarplexus nur knapp.

Roberto warf den Revolver in die Ecke. Er zog die Rechte ab, dann die Linke. Er schlug nicht so blindlings zu, wie es den Anschein hatte. Immerhin sah er seinen Gegner als dunklen Schatten. Robertos Augen brannten und tränten.

Er legte seine ganze Wut in die Schläge und landete einen Sonntagstreffer. Er saß exakt auf dem Punkt. Lathien knallte zu Boden.

Roberto holte das Taschentuch aus der Hose und tupfte sich die Augen trocken. Er tastete sich ins Badezimmer. Das Brennen blieb. Erst nachdem er die Augen mit kaltem Wasser gespült hatte, ließ das Brennen nach. Er konnte wieder klar sehen. Roberto kehrte ins Zimmer zurück. Lathien bewegte sich. Er schüttelte den Kopf und war noch völlig benommen. Roberto hob den Revolver auf, setzte sich auf den Rand des Bettes und wartete.

Lathien kam auf die Beine. Er torkelte zu dem Sofa. Es nahm sich in dem Hotelzimmer wie ein Fremdkörper aus. Lathien setzte sich. Er atmete schwer. Sein Blick ging ins Leere.

„Ich habe ihn gesehen“, murmelte er. „Durch einen Zufall. Cuccimo! Da wusste ich, wer mich nach Indianapolis gelockt hatte. Ich hatte plötzlich einen Trumpf in der Hand. Ich wusste, worum es ging. Ich hätte natürlich abreisen können, ich hätte türmen können, aber das wollte ich nicht. Ich war entschlossen, mich der Herausforderung zu stellen. Mehr noch: Ich wollte ihn fertigmachen.“

Er schloss die Augen. „Sie müssen sich das vorstellen. Seit einem Jahr lebe ich in Angst. Ich fühle, dass man mich belauert und beobachtet. Gelegentlich bekam ich Anrufe und Morddrohungen. Das hält kein Mensch aus. Ich wechselte die Wohnorte - aber sie blieben mir auf den Fersen. Ich wollte einen Schlussstrich ziehen. Ich wollte es ihnen heimzahlen. Vor allem Cuccimo. Verdammt, ich hätte ihn abserviert, wenn ich ihn vor die Flinte gekriegt hätte. Ich war unterwegs, um es zu tun - da kamen mir diese Gangster zuvor.“

„Dave Cassidy & Company“, sagte Roberto.

„Genau. Ich machte eine merkwürdige Entdeckung. Als Cuccimo sich dem Haus näherte, in dem Bratton lebte, erwarteten ihn zwei Männer. Er hat sie nicht bemerkt. Sie saßen in einem parkenden Wagen. Es waren Cassidy und sein Freund. Sie hatten eine komische Waffe bei sich eine Art Blasrohr. Sie schossen damit auf Cuccimo. Er stoppte, er klatschte sich mit der Hand gegen den Hals. Er glaubte, von einem Insekt gestochen worden zu sein. Dann ging er weiter.“

Roberto gab einen Pfiff von sich. Jetzt wusste er, weshalb Cuccimo in Brattons Wohnung plötzlich zusammengeklappt war.

Der mit einem betäubenden Gift versehene Dorn hatte gute Arbeit geleistet. Cassidy hatte sich exakt ausrechnen können, wann der Kollaps erfolgen würde. Zu diesem Zeitpunkt war Cassidy mit seinem Komplizen bei Bratton eingedrungen. Dort hatten die beiden von Cavaliere beauftragten Gangster ihren Job beendet.

„Ich folgte Cuccimo in die Mansarde“, sagte Lathien, „ich war dabei, als die tödlichen Schüsse fielen. Später folgte ich Cassidy und überzeugte mich davon, wo er wohnte. Als ich im Polizeifunk hörte, was geschehen war, fasste ich den Entschluss, Cassidy zu erledigen.“

„Cuccimo war tot. Warum Cassidy?“, wollte Roberto wissen.

„Wir waren einmal drei“, sagte Lathien schwer atmend. „Ronald Sheridan, Norbert Bratton und ich. Ich habe miterlebt, wie es erst Sheridan erwischte und wie sie versuchten, Bratton fertigzumachen. Mir ist klar, dass ich immer noch auf ihrer Liste stehe, auch nach Cuccimos Tod. Ich wollte es ihnen heimzahlen. Ich wollte mich für die schlaflosen Nächte rächen, für alles, was die Mafia mir angetan hat. Ich finde, dass Cassidy dafür ein lohnendes Ziel war. Hätte ich warten sollen, bis es Cavaliere eingefallen wäre, ihn auf mich anzusetzen?“

„Es war Mord“, sagte Roberto.

„Für mich“, erklärte Lathien und holte tief Luft, „war es ein Akt der Befreiung.“

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Er ist noch nicht zu Ende“, erklärte Roberto. „Sie müssen sich stellen und der Justiz helfen, Cassidys Hintermänner hochgehen zu lassen - nämlich Cavaliere und Mozetti.“

„Ist das alles?“, höhnte Lathien. „Cavaliere und Mozetti! Wissen Sie, was das für Leute sind?“

„Ich weiß. Ich werde Ihnen helfen, die beiden zur Strecke zu bringen. Natürlich ist das nicht alles. Sie müssen sich gleichzeitig wegen des an Dave Cassidy verübten Mordes verantworten.“

Lathien beugte sich nach vorn. „Auf wessen Seite stehen Sie eigentlich?“

„Auf der des Rechtes.“

„Dann müssen Sie mir anerkennend auf die Schulter klopfen und sich bei mir dafür bedanken, dass ich Cassidy voll Blei gepumpt habe“, sagte Lathien. „Mit ihm ist die Welt um eine Ratte ärmer geworden.“

„Es war Mord“, wiederholte Roberto und trat ans Telefon. Er schob den Revolver in die Tasche und begann die Wählscheibe zu drehen.

„Ich sage nicht aus“, murmelte Hank Lathien. „Ich habe mir geschworen, kein zweites Mal in den Zeugenstand zu treten. Dabei bleibt es.“

„Sie müssen es um Ihrer selbst willen tun“, meinte Roberto. „Das Gericht wird Verständnis dafür haben, dass Sie unter einem kaum vorstellbaren Druck handelten, und dass Ihre Tat die fast natürliche Folge einer einjährigen Serie von Drohungen war.“

Die Polizeivermittlung meldete sich. Roberto sagte, worum es ging und erfuhr, dass Lieutenant Capson sich am Tatort in der Carson Street befand. Nach einigem Hin und Her bekam Roberto den Lieutenant an die Strippe. Capsons Stimme wurde durch das Autotelefon, dessen er sich bediente, stark verfremdet.

„Sheridan“, meldete sich Roberto.

„Vincento Sheridan?“, erkundigte sich der Lieutenant.

„So ist es. Wir kennen uns.“

„Geben Sie's auf“, meinte Capson mit mäßigem Spott. „Ich weiß inzwischen, wer Sie in Wahrheit sind. Wir haben ein paar wichtige Hinweise aus dem Justizministerium erhalten. Wir sind beauftragt worden, Ihnen zu helfen, uns um Ihren Schutz und Ihre Sicherheit zu kümmern.“

„Ich bin gerührt“, sagte Roberto.

„Nehmen Sie das Ganze nicht zu leicht“, warnte der Lieutenant. „Bis jetzt hatten Sie Glück. Niemand ist darauf abonniert. Wir waren im 'Blue Skies'. Wir haben Ihrer Suite mit unseren Metallsonden einen Besuch abgestattet. Dabei haben wir einen Sprengkörper entdeckt, dessen Zünder sich durch Funkkontakte auslösen lässt. Es ist uns gelungen, die Bombe unschädlich zu machen. Sie leben gefährlich, Mister Tardelli.“

„Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass Ihrer Analyse zuzustimmen ist“, erwiderte Roberto. „Wollen Sie nicht den Grund meines Anrufs erfahren? Ich war dabei, als Dave Cassidy erschossen wurde. Es ist mir gelungen, den Täter zu stellen.“

„Sie werden für die Polizei allmählich zum Alpdruck“, erklärte Capson. „Sie sind wie ein Phantom. Sie sind überall dabei und trotzdem nicht zu fassen. Wer hat Cassidy abserviert?“

„Hank Lathien. Er wohnt unter dem Decknamen 'Graves' im 'Roseland'.“

„Lathien! An den hat niemand von uns gedacht“, meinte der Lieutenant. „Ist er geständig?“

„Das finden Sie am besten selbst heraus“, sagte Roberto.

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Da zu befürchten war, dass die Handlanger der Mafia alle Bahnhöfe und Flugplätze kontrollierten, hielt es Roberto für angezeigt, die Stadt per Anhalter im Lieferwagen eines Farmers zu verlassen.

In Bloomington ließ er sich absetzen. Er rief zunächst die Leihwagenfirma an, von der er sich den Bonneville beschafft hatte, und teilte dem Angestellten mit, wo der Wagen zu finden war. „Ehe Sie ihn zurückholen, sollten Sie sich davon überzeugen, dass er nicht mit einer Bombe garniert wurde“, warnte Roberto. „Der Vorschuss, den ich Ihnen gezahlt habe, dürfte ausreichen, um die Leihgebühren zu decken. Was übrig bleibt, können Sie wohltätigen Zwecken zuführen - wobei ich einen Bierabend mit Freunden gern einschließe.“

Er legte auf. Eine Minute später hatte er Colonel Myer an der Strippe.

„Mission beendet“, meldete Roberto und schilderte, was es zu berichten gab. „Der Rest ist Sache der Gerichte“, schloss er.

„Sie haben gute Arbeit geleistet“, lobte Myer. „Wenn Sie wollen, können Sie ein paar Tage Urlaub machen. Auf unsere Kosten, versteht sich. Aber nicht zu lange, bitte. Auf Sie wartet eine Menge Arbeit.“

„Ich kann es kaum erwarten, sie in Angriff zu nehmen“, meinte Roberto. „Was ist es denn diesmal?“

„Das Übliche“, erwiderte Myer. „Es wird Ihnen Spaß machen.“

„Nicht so viel wie Ihnen, fürchte ich“, sagte Roberto und legte auf.

ENDE

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Mord am East River

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von Alfred Bekker

Ein neuer Fall für Bount Reiniger, New York Citys besten Ermittler: Ein junger Hacker wird ermordet, der sich in eine Firma gehackt hat, die Raketenbauteile herstellt. Kurz darauf stirbt einer der Geschäftsführer dieser Firma. Wie hängen die beiden Fälle zusammen? Bount muss Kopf und Kragen riskieren, um das herauszufinden.

Erstveröffentlichung: 1991

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Ted Hughes hatte Todesangst. Er saß stumm und nachdenklich vor dem Computerschirm, dessen Licht sein Gesicht noch grauer erscheinen ließ, als es im Augenblick ohnehin schon war. Seine Finger gingen wie mechanisch über die Tastatur, aber das, was sich da auf dem Schirm tat, interessierte ihn jetzt nicht mehr wirklich. Er hatte andere Sorgen. Er stand auf und fingerte nervös nach einer Schachtel Zigaretten. Dann ging er zum Fenster, griff nach dem Feuerzeug in seiner Hosentasche und zündete sich eine an. Er bemerkte das Zittern seiner Hände und erschrak.

Nur ruhig bleiben!, dachte er. Ruhig bleiben und kühlen Kopf bewahren! Er blickte aus dem Fenster. Draußen war es Nacht, aber auf der Straße herrschte noch immer reger Betrieb. Ted wusste, dass die Sache, auf die er sich da eingelassen hatte, zu groß für ihn war. Aber jetzt war es zu spät.

Ich hätte es vorher wissen müssen!, dachte er. Aber vielleicht hatte er es insgeheim sogar gewusst und die Wahrheit nur mehr oder weniger erfolgreich verdrängt. Er zog an seiner Zigarette und ließ sie in dem Halbdunkel, dass in dem Zimmer herrschte, aufglimmen.

Ein Geräusch ließ ihn zusammenzucken und herumfahren. Beinahe wäre ihm dabei der Glimmstängel auf den Teppichboden gesegelt. Er schluckte. Mein Gott!, dachte er. Ich bin schon völlig hysterisch! Er ging wieder zum Bildschirm. Da er keinen Aschenbecher fand, wandte er sich erneut herum und erstarrte dann zur Salzsäule.

Eine dunkle Gestalt stand da in der Tür. Ted konnte das Gesicht nicht sehen. Es befand sich im Schatten.

Dafür sah Ted etwas anderes, etwas, das ihm den Puls bis zum Hals trieb. Er wich zurück und stieß dabei gegen den Tisch, auf dem sein Computer-Equipment aufgebaut und verkabelt war.

Alles ging sehr schnell. Zwei Sekunden dauerte es. Kaum länger.

Die Gestalt im Schatten winkelte den rechten Arm an. Dann blitzte es. Ein trockenes 'Plop!' war zu hören. Ted bekam die Kugel aus der Schalldämpferpistole mitten in die Stirn. Er taumelte zurück, rutschte am Tisch entlang zu Boden und räumte dabei den Bildschirm und eine Diskettenbox ab. Indessen machte der Killer Licht. Er verlor nicht einen einzigen Augenblick, steckte die Waffe weg und begann zu suchen.

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Bount Reiniger, der bekannte New Yorker Privatdetektiv, hatte Glück gehabt, gleich einen Parkplatz zu finden, auf dem er seinen champagnerfarbenen Mercedes 500 SL abstellen konnte. Es war zwar eine Frage von Zentimetern gewesen, aber Bount ging das Risiko ein.

Er stieg aus und schlug sich den Mantelkragen hoch. Ein verdammt frostiger Abend war das. Und der Wetterbericht behauptete, dass die Quecksilbersäule noch weiter in den Keller sacken würde.

Der Privatdetektiv sah noch einmal nach der Hausnummer und nickte stumm. Hier muss es sein!, dachte er. Fast einen ganzen Monat lang war er hinter dem Kerl hergewesen. Und jetzt hatte er Name und Adresse.

Er hieß Ted Hughes und wohnte im fünften Stock.

Reiniger kam ins Treppenhaus und wollte den Aufzug nehmen. Aber der war defekt, wie ein Hinweisschild freundlicherweise verriet. So musste er laufen, aber das war halb so schlimm. Schließlich hatte er eine gute Kondition. Viel ärgerlicher war etwas ganz anderes. Als er vor Ted Hughes' Wohnungstür stand, bemerkte, dass sie einen kleinen Spalt weit offen stand.

Das konnte alles Mögliche bedeuten, nur wahrscheinlich nichts Gutes und so ging Bount auf Nummer sicher. Er griff unter Mantel und Jackett nach der Automatik, die er im Schulterholster trug und lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch.

Von drinnen war ein Geräusch zu hören.

Bount schob die Tür ein Stück auf und kam in einen dunklen Flur. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er, dass im Nachbarraum Licht brannte. Aber das Licht ging aus und das konnte kein Zufall sein.

Bount sah einen Mündungsblitz aufleuchten, aber da war kein Schussgeräusch. Der Privatdetektiv warf sich flach auf den Boden, rollte sich herum und ließ die Automatik loskrachen. An der Tür, die von dem Flur aus vermutlich ins Wohnzimmer führte, war nichts mehr zu sehen. Nur Finsternis. Bount war blitzschnell wieder auf den Beinen und presste sich gegen die Wand.

"Kommen Sie heraus!", rief Bount. "Sie sitzen in einer Mausefalle!"

Keine Antwort.

Bount tastete sich bis zum Türrahmen vor und riskierte schließlich einen Blick. Er sah, dass die Balkontür offen stand. Mit der Waffe im Anschlag stürmte Bount in den Raum, aber da war niemand mehr zu sehen. Er machte Licht und sah Ted Hughes' Leiche am Boden liegen. Jedenfalls nahm er an, dass es Hughes war, denn gesehen hatte er ihn bis dahin noch nicht. Aber er passte einfach zu genau auf die Beschreibungen, die man ihm geliefert hatte. Ein junger Kerl, neunzehn oder zwanzig, lang, schlaksig, mageres Gesicht, unreine Haut und dicke Brille. Die Brille war ihm heruntergerutscht und hing nur noch an einem Ohr. Seine Augen blickten starr und kalt ins Nichts. Die Kugel hatte mitten auf der Stirn ein kleines, rundes Loch produziert, aus dem jetzt langsam Blut sickerte. Ein Profi!, dachte Bount. Oder jedenfalls ein sehr guter Schütze. Wenn im Flur mehr Licht gewesen wäre, hätte es mich wahrscheinlich erwischt!

Bount ging durch die Balkontür hinaus. Aber er hatte kaum seine Nase vorgestreckt, da pfiff ihm bereits wieder eine Kugel um die Ohren. Reiniger duckte sich. Das Projektil durchschlug eine Fensterscheibe und ließ sie in tausend Scherben zerspringen.

Der Killer, der Ted Hughes offenbar auf dem Gewissen hatte, war von dessen Balkon auf den der Nachbarwohnung und von dort aus auf das Flachdach des niedrigeren Hauses nebenan gelangt. Jetzt stand er neben einem dicken Schornstein und schoss ein paar Mal in Bounts Richtung, so dass dem Privatdetektiv nichts anderes übrig blieb, als den Kopf einzuziehen. Dann tauchte Reiniger hervor und feuerte mit der Automatik zurück. Aber er wusste nur zu gut, dass es fast unmöglich war, den Kerl in seiner Deckung zu erwischen. Bount hörte er ein klackerndes Geräusch. Es verriet ihm, dass sein Gegenüber die Flucht über die Dächer fortsetzte. Bount folgte ihm. Er schwang auf den Nachbarbalkon und dann auf das Flachdach. Die Automatik hielt er dabei schussbereit in der Rechten, aber er brauchte sie nicht, denn es war niemand zu sehen.

Aber Bount war klug genug, vorsichtig zu bleiben. Schließlich hatte er es vermutlich mit einem Mann zu tun, der Erfahrung in seinem Geschäft hatte und nicht die geringsten Skrupel kannte. Der Kerl würde vermutlich das Risiko scheuen, aber in dem Moment, in dem er die Chance hatte, sein Gegenüber zu töten, würde er nicht den Bruchteil einer Sekunde lang zögern, es auch zu tun.

Das Dach zog sich ziemlich lang hin. Bount kam bis zum Schornstein und sah den Flüchtenden am Schrägdach des angrenzenden Hauses empor krabbeln. Wenigstens konnte er sein Schießeisen nicht gleichzeitig benutzen, denn er brauchte beide Hände, um die Steigung zu bewältigen.

Bount setzte nach. Sein Spurt war gewaltig und er holte auf. Der Killer drehte sich herum. Bount sah sein Gesicht im Mondlicht. Es war hartgeschnitten und kantig - und jetzt zu einer Grimasse verzogen. Der Mann keuchte. Als er sah, dass er keine Chance hatte, den First zu erreichen, bevor Bount ihn zu fassen kriegte, hielt er an und griff wieder nach der Waffe. Das Dach war sehr steil und durch die Stellen mit gefrorener Nässe ziemlich tückisch für jemanden, der darauf herumzulaufen versuchte. Der Killer hatte also alles andere als einen sicheren Stand, als er den Schalldämpfer seiner Pistole auf Bount richtete.

Dennoch - sein Gesicht entspannte sich ein wenig. Er fühlte sich überlegen und glaubte, die Sache wäre gelaufen. Der Finger spannte sich um den Abzug. Eine Kugel mehr oder weniger in irgendeinem Schädel, welche Rolle spielte schon für einen wie ihn?

Der Schuss ging los, aber der Killer hatte sich verrechnet. Die Kugel ging in den klaren Nachthimmel.

Bount hatte sich hingeworfen und nach dem Fuß des Killers gelangt.

Wenn er ihn verpasst hätte, wäre der Privatdetektiv ein toter Mann gewesen. Aber Bount verpasste ihn nicht.

Als er den Fuß des Killers zu fassen bekam, verlor dieser das Gleichgewicht. Beide rollten sie die Steigung hinunter und bevor der Killer wieder auf den Beinen war, hatte Bount ihm die Waffe aus der Hand gekickt. Sie flog ein paar Meter über das Flachdach. Der Killer machte ein ziemlich grimmiges Gesicht, als Bount ihm die Automatik unter die Nase hielt.

"Schön ruhig!", warnte Bount. "Oder du bekommt eine Kugel in den Kopf!"

Der Killer atmete tief durch. Ein begehrlicher Blick ging zur Seite, in jene Richtung, in die seine Pistole geflogen war. Aber es war aussichtslos, sie zurückzubekommen.

Der Kerl war klug genug, es auch gar nicht erst zu versuchen.

"Wer bist du?", fragte Bount.

Um das Gesicht des Killers spielte ein zynischer Zug. Er hatte nicht die Absicht, irgendetwas zu sagen. "Na schön", meinte Bount. "Du bist nicht sehr gesprächig, was?"

"Wundert dich das?", brummte er.

Bount lächelte dünn.

"Die Polizei wird das Puzzle schon Stückchen für Stückchen zusammensetzen. Ich weiß nicht, wie viele Schädel du vorher schon durchlöchert hast, aber dieser Mord wird dir das Genick brechen."

Der Killer verzog das Gesicht.

"Abwarten!", knurrte er.

Bount zuckte mit den Schultern und machte eine eindeutige Bewegung mit der Automatik. "Zieh deinen Mantel aus!", sagte er.

Der Killer kniff die Augen ein wenig zusammen.

"Es ist kalt", brummte er.

"Du kannst den Mantel gleich wieder anziehen, ich will nur überprüfen, was du außer deinem Schießeisen vielleicht noch so an tödlichen Spielzeugen bei dir hast!"

Er zuckte mit den Schultern und begann damit, den Mantel aufzuknöpfen. Bount fixierte ihn dabei mit den Augen. Nicht eine Sekunde durfte er diesen Mann aus den Augen lassen, das wusste er.

"Bist du ein Bulle?", fragte der Killer.

"Die Fragen stelle ich! Das solltest du inzwischen gemerkt haben!"

"Nein", murmelte er. "Wenn du ein Bulle wärst, hättest du mir sicher schon deine Marke gezeigt und die Rechte vorgelesen - damit es am Ende nicht einen Verfahrensfehler gibt, den die Verteidigung ausnutzen kann!"

Bount winkte ab.

"Dein Fall ist so eindeutig, dass du damit auch nichts mehr herausholen würdest!"

"Warten wir's ab!"

Der Unterton, mit dem er das sagte, gefiel Bount nicht. Der Killer zog den Mantel aus. Es war ein dunkler Wollmantel, der ganz nach Schurwolle oder Cashmere, auf jeden Fall aber elegant und teuer aussah. Dieser Mann hatte also sein blutiges Auskommen...

Er nahm den Mantel hoch und warf ihn zu Boden. Aber gleichzeitig kam aus seinem Jackett-Ärmel blitzschnell ein Messer heraus, das er Bount entgegenschleuderte.

Es war ein gut gezielter Wurf.

Den Bruchteil einer Sekunde hatte Bount, um die Linke hochzureißen und die Klinge abzufangen. Das Messer zerschnitt dabei schmerzhaft seine Hand. Es blutete schrecklich. Der Killer setzte sofort nach schnellte blitzartig nach vorne. Bount wollte ihm einen Schuss ins Bein verpassen, aber dazu kam er nicht mehr. Ein Karate-Tritt ließ seine Automatik über das Flachdach segeln, ein zweiter Fußtritt traf ihn mitten auf dem Solar Plexus.

Bount blieb einen Augenblick lang die Luft weg. Er war dem K.O. sehr nahe und taumelte rückwärts, konnte sich aber halten. Er verengte die Augen ein wenig und sah, wie der Killer zu dem am Boden liegenden Messer gesprungen war, das Bount abgewehrt hatte.

Der Killer hob es auf, wog es in der Rechten und kam dann langsam näher, Bount machte sich auf das Schlimmste gefasst. Zu seiner Automatik zu rennen, war aussichtslos. Sobald Bount losspurtete, würde sein Gegner ihm das Messer einfach in den Rücken schleudern.

Es blieb dem Privatdetektiv also nichts anderes übrig, als den Messer-Mann ruhig zu erwarten und zu versuchen, seinen Angriff so gut es ging abzuwehren. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich und es war beiden klar, dass dies ein Kampf auf Leben und Tod war - zumindest von Seiten Killers aus.

Der Kerl kam heran und ließ die Messerklinge giftig vorschnellen, so dass Bount ausweichen musste. Ein paar Mal ging das so und Bount musste immer weiter zurückweichen. Der Killer lächelte siegesgewiss.

"Mach's mir nicht so schwer!", zischte er. "Es hat doch sowieso keinen Zweck..."

Bount merkte, dass sein Gegner ihn immer mehr an den Rand des Daches drängte. Ein paar Meter noch, dann würde Bount nicht mehr zurückweichen können, aber der Killer trieb ihn unbarmherzig vor sich her.

Dann schnellte das Messer zum entscheidenden Stoß auf Bount zu. Der Privatdetektiv bog dem Kerl den Arm zur Seite, so dass der Stoß ins Leere ging. Der Killer fiel zu Boden und riss Bount dabei mit sich. Sie rollten übereinander und bewegten sich dabei gefährlich auf den Rand des Daches zu. Unten brauste der Verkehr.

Bount gewann schließlich die Oberhand, packte den rechten Unterarm seines Gegenübers und schlug diesen roh gegen die Betonkante, die sie beide noch vom Abgrund trennte. Es fehlte nicht viel und der Arm wäre gebrochen gewesen, aber der Killer war eine harte Nuss. Zweimal musste Bount die Übung wiederholen, dann erst löste sich der Griff um das Messer. Die Klinge segelte in die Tiefe, aber im selben Moment gelang es dem Killer, Bount auszuhebeln und wegzustoßen. Der Killer war derjenige, der schneller wieder auf den Beinen war. Er rannte davon und Bount setzte nach.

Der Killer lief den Weg zurück, den er gekommen war und Bount war ihm auf den Fersen und holte auf.

Dann hatte der Kerl den Balkon von Ted Hughes' Nachbarwohnung erreicht und sprang durch die gläserne Balkontür. Von drinnen waren Stimmen zu hören.

Augenblicke später hatte auch Bount den Balkon erreicht und wollte gerade durch die zerschlagene Tür treten, da bekam er einen furchtbaren Hieb, der ihn nach hinten taumeln und mit dem Hinterkopf gegen das gusseiserne Geländer schlagen ließ. Alles begann sich vor seinen Augen zu drehen. Ihm war schwindelig und hundeelend. Bount wollte sich wieder hochrappeln, aber der Versuch endete damit, dass er völlig zusammensackte.

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"Bleiben Sie, wo Sie sind!"

Die helle Frauenstimme schnitt wie ein Messer durch die Finsternis und bewahrte Bount vielleicht davor, vollends in die Bewusstlosigkeit hinüberzugleiten. Für einen Moment war er ziemlich weggetreten gewesen, aber jetzt wurde es besser. Der Killer war über alle Berge, soviel dämmerte ihm.

Er blickte auf und sah eine junge Frau, die mit zitternden Händen einen Baseballschläger hielt.

"Haben Sie damit zugeschlagen, Miss? Wenn man danach geht, wie sehr mir meine Rippen im Moment wehtun, dann haben Sie mir ganz schön einen verpasst!"

"Ja! Und ich werde ich noch einmal tun, wenn Sie sich rühren, bis die Polizei da ist!"

Bount befühlte seinen Hinterkopf, mit dem er gegen das Geländer geknallt war. Bohrende Kopfschmerzen ließen ihn das Gesicht etwas verziehen.

"Sie brauchen keine Angst zu haben", erklärte er.

"Ihr Freund hat mich über den Haufen gerannt. Ich wollte zum Fenster, um zu sehen, was da draußen auf dem Dach los ist! Sie haben sich die falsche Wohnung für einen Einbruch ausgesucht, Mister! Ich habe weder Geld noch Schmuck!"

"Erstens hätte ich mir sicher eine andere Gegend für einen Einbruch ausgesucht, eine, die in dieser Hinsicht vielversprechender ist..." Bount machte eine kurze Pause und rieb sich über das Gesicht. Er war noch nicht wieder hundertprozentig da.

Die junge Frau hob die Augenbrauen, aber der Baseballschläger in ihren schlanken, aber kräftigen Armen blieb eine latente Drohung.

"Und zweitens?", fragte sie.

"Zweitens ist der Kerl, der durch Ihre Wohnung gestürmt ist, nicht mein Freund. Noch nicht einmal mein Partner."

"Kann man leicht behaupten."

"Der Mann ist ein Mörder", sagte Bount ruhig. "Ihr Nachbar - Ted Hughes - ist von ihm erschossen worden. Ich kam leider zu spät, um ihn noch zu retten!"

Bount griff in die Innentasche, um seine Private Eye-Lizenz herauszufingern. Er warf sie ihr hin. "Hier, Sie können doch sicher lesen!"

Einen Augenblick lang sah sie Bount misstrauisch an. Dann bückte sie sich, nahm den Ausweis und entspannte sich etwas.

"Bount Reiniger, Privatdetektiv", murmelte sie. Sie zuckte mit den Schultern. "Wie gesagt, ich habe die Polizei schon gerufen. Die wird dann alles klären!"

"Tun Sie mir einen Gefallen und rufen Sie auch gleich die Mordkommission." Bount versuchte ein Lächeln. "Ich verspreche Ihnen auch, dass ich mich nicht vom Fleck rühre." Sie musterte Bount noch ein paar Sekunden lang prüfend, warf noch einen Blick auf die Lizenz und gab sie Bount zurück.

"Sie wissen, wie viel Gewalt es in den Straßen gibt. Und dies hier ist nicht gerade die beste Gegend!"

"Ich weiß."

"Einmal dem Falschen vertraut und schon ist man das Haushaltsgeld los oder tot."

"Ich will weder Ihr Leben, noch Ihr Geld. Nur ihr Telefon. Und wenn ich eine falsche Bewegung mache, dann können Sie mir ja immer noch auf die Finger hauen."

Sie atmete tief durch. "Na gut."

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"Du siehst ja ziemlich ramponiert aus, Bount!", dröhnte Toby Rogers, Captain des Morddezernats C/II von Manhattan, als er seinen alten Freund Bount Reiniger erblickte.

Bount lächelte schwach. Er hatte sich inzwischen notdürftig die Messerwunde an der Hand verbunden.

"Ließ sich leider nicht vermeiden", brummte er. "Und zu allem Überdruss ist mir der Kerl auch noch durch die Lappen gegangen!"

Rogers’ Grinsen ging von einem Ohr zum anderen.

"Schon lange her, dass dir so etwas passiert ist, was?" Bount deutete auf die junge Frau.

"Der Kerl hatte leider einen unschlagbaren Verbündeten!", meinte er.

Die Frau errötete. "Tut mir schrecklich leid", meinte sie. "Ich konnte ja nicht wissen, dass..."

"Schon gut", erwiderte Bount. "Hätte ja auch noch schlimmer kommen können!" Er wandte sich an Rogers. "Sind die Leute von der Spurensicherung schon über die Nachbarwohnung hergefallen?"

"Sind noch unterwegs, Bount. Was wird hier eigentlich gespielt? Das hörte sich am Telefon ja ziemlich dramatisch an..."

"Lass uns rübergehen!"

Der ziemlich korpulente Polizei-Captain zuckte die breiten Schultern. "Wie du willst!"

Wenig später waren sie in der Wohnung von Ted Hughes. Es war kein schöner Anblick, den jungen Mann dort so liegen zu sehen.

"Das Werk eines Profis, nicht wahr?", schloss der dicke Rogers, wobei er es sichtlich vermied, allzu oft zu dem toten Hughes hinzusehen.

Bount nickte. "Das war auch mein erster Gedanke", meinte er. "Wie schon am Telefon erwähnt - ich bin dem Killer noch begegnet!"

"Hast du sein Gesicht gesehen?"

"Ich würde ihn wiedererkennen - wenn es das ist, worauf du hinaus willst, Toby!"

"Und was hast du hier zu suchen, Bount?"

"Ich war hinter Hughes her. Leider kam ich zu spät."

"Was wolltest du von Hughes?"

Bount machte eine unbestimmte Geste und fragte dann zurück: "Sagt dir der Name Jupiter Electronics etwas?" Toby überlegte ein paar Sekunden und schüttelte dann sehr energisch den Kopf. "Nein, Bount. Tut mir leid."

"Ein aufstrebendes Elektronik-Unternehmen, das sich in den letzten Jahren von sich reden gemacht hat."

"Und diese Firma ist dein Klient!", schloss der Captain.

"So ist es. Ein Hacker ist in die EDV der Firma eingedrungen und hat sich dort wahrscheinlich großzügig bedient." Toby Rogers hob die Augenbrauen. "Kommt so etwas nicht jeden Tag vor? Einige dieser Computer-Kids sollen doch schon bis in die Großrechner von Pentagon und NASA vorgedrungen sein!"

"Mag sein", räumte Bount ein. "Aber dieser Hacker könnte eventuell wirklich großen Schaden angerichtet haben. Es geht um Produktdaten für Raketenbauteile... Es war gar nicht so einfach in diese Hackerkreise einzudringen, aber schließlich habe ich dort die Spur von Hughes gefunden. Er hat sich einem dieser Leute nämlich anvertraut damit geprahlt, dass er bei Jupiter Electronics hineingekommen ist. Bis heute dachte ich, dass es sich bei Ted Hughes einfach nur um einen Freak handelt, der das ganze mehr oder weniger als Sport betrachtet und sich gar nicht darüber im Klaren ist, was er da tut."

"Und das denkst du jetzt nicht mehr."

"Richtig."

In diesem Moment kamen zwei Männer von der Spurensicherung.

"Ihr seht ja, was es hier zu tun gibt", meinte Rogers. Die beiden knurrten etwas Unverständliches vor sich hin. Wahrscheinlich hatten sie eigentlich längst frei und waren alles andere als begeistert davon, zu dieser späten Stunde noch einmal ran zu müssen.

"Sieht aus, als hätte der Killer hier etwas gesucht", meinte Rogers. "Fragt sich nur, was!"

Bount deutete auf Hughes' Computeranlage. "Ich möchte wissen, was auf den Disketten ist!", meinte er.

"Erst sind meine Leute dran."

"Ich weiß. Aber ich hoffe, du vergisst mich nicht!" Bount klopfte seinem Freund auf die Schulter. "Mach's gut", meinte er. "Das wird sicher noch 'ne lange Nacht..." Toby Rogers’ Stirn legte sich in tiefe Falten.

"Und wohin willst du dich jetzt verflüchtigen?"

"Ich muss noch einmal auf das Dach des Nachbarhauses. Da liegt irgendwo meine Automatik herum. Und dann geht's nach Hause."

"Na, meinetwegen. Aber morgen kommst du zu mir und siehst dir Fotos an! Wenn das wirklich ein Profi war, dann haben wir ihn vermutlich auch in der Kartei."

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"Sie haben gute Arbeit geleistet, Mister Reiniger", erklärte Ross Malrone, einer der leitenden Angestellten von Jupiter Electronics, während er nervös seine Zigarette in den Aschenbecher drückte. "Schließlich war es ja nicht so einfach, den Kerl aufzutreiben."

"Das ist allerdings wahr", meinte Bount.

"Natürlich interessiert uns, ob dieser Hacker die Daten abspeichern konnte, die er gestohlen hat", warf Gary Soames ein, ein dicklicher Mann in einem viel zu knappen weinroten Jackett, das ihm vielleicht vor zehn Jahren noch gepasst hätte. Bount machte eine unbestimmte Geste. "Alles, was Ted Hughes besaß, wird im Augenblick von der Polizei unter die Lupe genommen. Auch seine Disketten und Festplatten."

"Was wollen wir eigentlich?", meinte Soames. "Dieser Hacker kann ja nun schließlich keinen Schaden mehr anrichten. Das ist doch die Hauptsache, oder vielleicht nicht?"

"Schon", brummte Malrone.

"Na, also! Ich schlage vor, dass wir dem Aufsichtsrat berichten, dass die Sache abgeschlossen ist." Soames zuckte mit den Schultern. "Zivilrechtlich werden wir gegen den Jungen wohl nicht mehr vorgehen können..."

"Mister Soames, das ist pietätlos!", meinte Grace Manninger, die in ihrem eng sitzenden, grauen Kostüm und den schlichten, aber sehr exquisiten Accessoires dem Leitbild einer dynamischen Managerin entsprach. "Und im Grunde ist der Schaden ja jetzt auch begrenzt", fügte sie hinzu. Sie lächelte Bount Reiniger geschäftsmäßig an. "Das Loch ist gestopft und damit ist Ihr Auftrag beendet, Mister Reiniger!" Reiniger zuckte mit den Schultern.

"Wie Sie meinen."

"Wir werden auf Ihren Scheck noch etwas drauflegen", meldete sich Soames zu Wort. "Wie gesagt, Sie haben hervorragende Arbeit geleistet."

Aber Bount Reiniger schien anderer Ansicht zu sein. Er erhob sich von seinem Platz und meinte: "Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie Sie, die Sie hier sitzen, zufrieden sein können! Ich bin es jedenfalls nicht!"

Gary Soames zupfte nervös an seinem weinroten Jackett und musterte den Privatdetektiv misstrauisch.

"Was wollen Sie damit sagen?"

"Nun, ich habe es in dem Bericht, den ich Ihnen geliefert habe, doch schon angedeutet! Ted Hughes wurde wahrscheinlich von einem Profi-Killer ermordet und..."

"Ja, das überaus tragisch, Mister Reiniger. Aber was hat das mit Jupiter Electronics zu tun?", unterbrach der dickliche Soames den Privatdetektiv. Er machte auf einmal einen merkwürdig gereizten Eindruck.

"Hughes wäre nicht der erste Hacker, der gezielt angeworben wurde", meinte Bount. "Der KGB hat so etwas schon versucht. Warum sollte es nicht auch zum Beispiel einer Ihrer Konkurrenten tun? Es geht ja schließlich um Produktdaten von Raketenbauteilen - und diese Ware ist mindestens so heiß wie Rauschgift!"

"Worauf wollen Sie hinaus, Mister Reiniger?", fragte Grace Manninger deutlich unbefangener als ihr Kollege Soames. Reiniger machte eine unbestimmte Geste. "Nun", meinte er. "Wer es einmal versucht, wird vielleicht weiterbohren. Wenn ich Sie wäre, würde ich der Sache auf den Grund gehen und herauszufinden versuchen, wer dahintersteckt!"

"Das ist ganz allein unsere Entscheidung!", erklärte Soames und Bount wusste, dass die Sache damit gelaufen war. Gegen Ignoranz war kein Kraut gewachsen. Da war nichts zu machen. Er lächelte dünn.

"Am Ende ist es allerdings auch Ihre Firma, die die Zeche bezahlen muss. Aber das müssen Sie wissen!"

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Als Bount wenig später in seinem champagnerfarbenen 500 SL saß, konnte er sich eines unguten Gefühls nicht erwehren. Und daran konnte auch der Scheck in seiner Innentasche kaum etwas ändern.

Bount fühlte sich wie einer, den man hinausexpediert und mit ein paar Extra-Dollars geschmiert hatte, um ihn möglichst schnell loszuwerden.

Er zuckte mit den Schultern, ließ den Motor an und fädelte sich in den Verkehr ein. Vielleicht wollten die Leute von Jupiter Electronics einfach kein Aufsehen. Das konnte ihnen nur schaden und würde die Kurse ihrer Aktien in den Keller treiben.

Für Bount war die Sache damit erledigt.

Jedenfalls fast, denn sein nächster Weg würde ihn zum Morddezernat Manhattan C/II führen.

Als Bount eine Viertelstunde später Toby Rogers’ Büro betrat, verzehrte der dicke Captain gerade sein zweites Frühstück.

Rogers hob die Kaffeetasse zur Begrüßung, konnte aber nichts weiter, als einen unterdrückten Laut von sich geben, da er den Mund voll hatte. Übervoll.

Bount grinste.

"Schon gut, Toby. Ich kann mir denken, was du sagen willst!"

Toby drückte den Bissen etwas schneller herunter, als er es eigentlich wohl vorgehabt hatte und ächzte dann: "Auch einen Kaffee?"

"Wenn er richtig stark ist!"

"Ist er. Zum Schlafen hatte ich kaum Gelegenheit."

"Ich auch nicht. Mein Schädel hat gebrummt!"

"Oh, tut mir Leid."

"Ist schon besser geworden."

Bount bekam eine Tasse mit rabenschwarzem Kaffee in die Hand gedrückt.

"Hier, Bount! Und setz dich gar nicht erst, wir gehen rüber zu Lieutenant Carey."

Lieutenant Carey war zierlich, brünett und eine sehr attraktive junge Frau. Sie schenkte Bount ein entzückendes Lächeln, aber ihr Blick verriet auch, dass sie jemand mit starkem Willen und viel Durchsetzungskraft war.

"Ah, Sie müssen Bount Reiniger sein!", meinte sie. "Der Captain hat mir gesagt, dass Sie heute vorbeikommen würden."

"Allerdings glaube ich, dass wir noch nicht das Vergnügen hatten."

"Ich habe von Ihnen gehört, Mister Reiniger."

"Ich hoffe nur Gutes!"

"Was dachten Sie denn!"

"Zur Sache!", forderte Rogers und deutete auf den Computerschirm, der vor Lieutenant Carey auf dem Tisch stand.

"Ich habe alles vorbereitet", sagte Carey und warf dabei ihre Haare in den Nacken. "Die Killer-Parade kann beginnen. Ich hoffe nur, dass es überhaupt ein Bild von ihm gibt!" Und dann drückte Carey auf die Tasten. Ein Bild nach dem anderen ließ Bount über sich ergehen. Manchmal waren es nicht einmal Fotografien, sondern nur Phantombilder.

Aber der Mörder von Ted Hughes war nicht darunter. Toby Rogers musterte angestrengt das Gesicht seines Freundes und schien jedesmal innerlich zu seufzen, wenn dieser wieder den Kopf schüttelte.

Als Bount seinen Kaffee geleert hatte, waren sie dem Killer noch immer nicht einen Millimeter mehr auf den Pelz gerückt. Die Zeit ging quälend langsam dahin, aber bei so einer Sache musste man Geduld haben. Eine zweite und eine dritte Tasse Kaffee schüttete Bount in sich hinein. Schließlich waren sie endlich durch.

"Das sind alle?", fragte Bount.

"Findest du nicht, dass es viel zu viele sind?", raunte Toby zurück.

Bount zuckte mit den Schultern. "So kann man es natürlich auch sehen!"

"Das waren nur die, von denen wir Bilder haben!" Das war Carey. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl herum. "Die wirklich geschickten Profikiller sorgen dafür, dass sie nie fotografiert oder erkennungsdienstlich behandelt werden!" Toby Rogers ballte die Hände unwillkürlich zu Fäusten. "So ein verdammter Mist!", schimpfte er. "Außer dem Gesicht dieses Kerls haben wir kaum etwas in der Hand!"

"Was ist mit der Tatwaffe?", fragte Bount. "Deine Leute müssten sie auf dem Dach des Nachbarhauses gefunden haben!"

"Richtig."

"Und?"

"Das übliche, Bount. Die Seriennummer ist abgefeilt. Wahrscheinlich hat der Kerl sich das Eisen extra für seinen Auftrag besorgt und hätte sie anschließend in den East River geworfen oder anderswo verschwinden lassen. Wir sind mit der Überprüfung noch nicht durch, aber wenn der Mann clever war, dann kommen wir mit der Pistole nicht viel weiter! Einmal benutzt und dann weg damit, so machen die Brüder das!"

"Und das Messer?", fragte Bount. "Ich sage dir, der konnte damit umgehen wie nur wenige!" Er hob seine bandagierte Linke. "Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte er mich damit erledigt!"

Rogers atmete tief durch, blickte erst Bount an und dann den Bildschirm. "Gehen wir doch einmal die Killer durch, von denen wir kein Bild haben, Lieutenant!"

"Ist einer dabei, der mit dem Messer arbeitet?"

"Einen Moment, haben wir gleich." Lieutenant Careys flinke Finger flogen über die Tastatur. Vier Namen blieben auf dem Schirm stehen.

"Vielleicht ist unser Mann ja dabei!", meinte Bount.

"Wir werden sie überprüfen."

"Viel Erfolg!"

Toby Rogers runzelte die Stirn. "Ich dachte, du ermittelst in dieser Sache?"

"Meine Aufgabe war es, den Hacker aufzutreiben, der in die EDV von Jupiter Electronics hineingekommen ist. Das habe ich gemacht."

"Glaubst du, dass die beiden Sachen zusammenhängen?" Bount zuckte mit den Schultern. "Warum nicht? Es könnte aber auch etwas ganz anders dahinterstecken." Bount lachte und klopfte Toby Rogers mit der flachen Rechten auf die Schulter.

"Du wirst es schon heraus bekommen!" Er wandte sich an Carey. "Wiedersehen, Lieutenant!"

Reiniger wandte sich schon zum Gehen, aber Rogers war sofort bei ihm und packte ihn am Arm. "Hey, so einfach kommst du mir nicht davon?"

"Was ist denn noch? Überprüft doch erst einmal die vier Namen da auf dem Schirm!"

"Erzähl mir, was du über diesen Ted Hughes herausgefunden hast! Außerdem brauchen wir dich noch für das Phantombild."

"Ich weiß nur, dass er in einschlägigen Hacker-Kreisen als ganz besonders talentiert gilt."

"Wovon lebte er?"

"Er hat neue Computer-Spiele für ein halbes Dutzend Zeitschriften besprochen!"

Rogers kratzte sich am Hinterkopf. "Zahlen diese Blätter so miese Honorare oder weshalb lebte er in so einer Gegend?"

"Ich schätze, dass er möglichst preiswert wohnen wollte und sein ganzes Geld in das Equipment gesteckt hat. Ich kenne mich ja nun ein bisschen in dieser Szene aus. Das ist dort nichts Ungewöhnliches."

"Hatte er eine Freundin? Und Bekannte, Freunde?"

"Ich glaube nicht, dass es viele waren. Zumindest nicht außerhalb der Szene. Von einer Freundin weiß ich nichts. Habt ihr übrigens schon überprüft, was auf Hughes' Disketten war?"

"Ja. Spiele und selbstgeschriebene Programme."

"Nicht zufällig etwas, das mit Bauteilen für Raketen zu tun hat?"

"Nein, bis jetzt nicht. Aber du kannst dich darauf verlassen, dass wir alles noch einmal unter die Lupe nehmen werden!" Bount nickte.

Die beiden Freunde gingen ein Stück zusammen, und als sie weit genug von Lieutenant Carey entfernt waren, meinte Bount: "Für einen Lieutenant ist sie noch ziemlich jung, oder?"

"Stimmt. Aber sie ist verdammt gut. Sowohl am Computer, wie auch auf dem Schießplatz."

"Ich sehe sie hier zum ersten Mal."

"Sie ist auch erst seit letzter Woche hier - und ich fürchte, sie wird mir nicht allzu lang erhalten bleiben." Bount runzelte die Stirn. "Weshalb?"

"Weil sie Karriere machen wird. Überall, wo sie bis jetzt war, war sie ziemlich bald die Beste. Wenn nichts dazwischen kommt, wird sie die Leiter hinauffallen!"

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7

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Für den Mittag hatte Reiniger sich mit June March, seiner attraktiven Assistentin, zum Essen verabredet. Bount hatte einen Tisch im 'Windows of the World', reservieren lassen, das im obersten Stockwerk des World Trade Center zu finden war. Der Blick, den man von hier aus hatte war an einem so kalten und klaren Tag geradezu fantastisch.

"Womit habe ich das denn verdient?", fragte June, die ihre blonde Mähne durch ein paar Nadeln gebändigt und kunstvoll hochgesteckt hatte.

Bount hob die Augenbrauen. "Was meinst du?"

"Na, dass du mich in diesen Luxusladen ausführst! Ich schätze, hier herrscht Krawattenzwang. Jedenfalls habe ich noch niemanden ohne Schlips gesehen."

"Gut beobachtet. Es ist tatsächlich so, ohne Schlips kommt hier keiner herein." Er hob das Glas. "Ich dachte mir, nach dem letzten Fall könnten wir beide einmal einen anderen Anblick vertragen, als den von flimmernden Computerschirmen..."

"...und pickeligen, dickbebrillten Jungs, die nichts Besseres zu tun haben, als mit diesen Dingern Unfug zu treiben!"

Bount nippte an seinem Glas und lächelte. "Das mit den Pickeln und den dicken Brillen ist ein Vorurteil, June!"

"Ach! Sag bloß, es sind auch welche in der Szene, die Kontaktlinsen tragen!" Sie nahm einen Schluck. "Was ist eigentlich mit dem Killer? Ist Toby und seine Mannschaft ihm schon auf der Spur?"

Bount machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Im Augenblick stehen vier Namen zur Auswahl und am Ende könnte sich herausstellen, dass keiner von ihnen unser Mann ist. Es gibt kein Bild von ihm in den Akten."

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8

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Bount und June ließen sich Zeit beim Essen und so dauerte es gut zwei Stunden, ehe sie sich auf den Weg in die 7th Avenue machten, an deren nördlichen Ende der Privatdetektiv seine Residenz hatte. Bount Reinigers Büro und Wohnung lagen in einer Traumetage mit Blick auf den Himmel über dem Central Park. Der Aufzug trug die beiden hinauf, aber schon als sie die aufgebrochene Tür sahen, war klar, dass hier etwas nicht in Ordnung war.

Bount holte mit einer schnellen, sicheren Bewegung die Automatik aus dem Schulterholster und bedeutete June wortlos, etwas zurückzubleiben. Dann schob er mit dem Fuß die Tür etwas weiter auf und trat mit der Pistole im Anschlag ein. Es machte den Eindruck, hätte ein Orkan durch die Agentur gewütet. Alles war durchwühlt worden und nun herrschte grenzenloses Chaos.

Bount durchquerte leichtfüßig den Flur und warf einen kurzen Blick in jeden Raum. Aber von dem unfreundlichen Besucher, der das hier verursacht hatte, war nichts mehr zu sehen.

Inzwischen war June ihm gefolgt. Bount steckte die Waffe ein, ließ sich auf einer Couch nieder, deren Polster mit einem Messer zerschnitten waren, und atmete einmal tief durch.

"Wir hatten Besuch!", meinte er.

"Ich hoffe, es fehlt nichts!" June ließ den Blick schweifen, aber Bount schüttelte den Kopf.

"Ein gewöhnlicher Räuber war das nicht! Alles, was sich zu Geld machen lässt, scheint noch da zu sein." Er deutete auf den halb offenen Safe. "Nur das bisschen Bargeld ist weg!" June verschränkte die Arme vor der Brust.

Bount erhob sich wieder, zog seinen Mantel aus und warf ihn in einen Sessel. Einen Augenblick später stand Bount vor den abschließbaren Metallschränken, in denen die Ermittlungsunterlagen der Agentur aufbewahrt wurden. Die Schränke waren allesamt gewaltsam aufgebrochen worden und dabei war der Einbrecher war alles andere als zimperlich vorgegangen.

"Scheint, als wäre eine neue Büroausstattung fällig, was?", meinte June, die neben ihn getreten war.

Bount machte eine Handbewegung und deutete auf die Schränke. "Vielleicht war er daran interessiert!"

"Du meinst, es könnte irgendjemand sein, gegen, den wir mal ermittelt haben?"

"Wenn wir wissen ob und was fehlt, werden wir schlauer sein! Du könntest übrigens die Polizei anrufen. Kann ja nicht schaden, wenn die sich die Sache auch einmal ansehen!"

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9

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Der Mann vom Einbruchsdezernat hieß McGuire und trug eine dicke Hornbrille, die seinem blassen, schmalen Gesicht eine Struktur gab. Er rückte mit zwei Kollegen an, aber viel kam bei der Spurensuche nicht heraus. Keine Fingerabdrücke oder dergleichen, nichts was der Täter unbeabsichtigt zurückgelassen hatte. Es war zum Verzweifeln.

"Fehlt irgendetwas außer dem Bargeld, Mister Reiniger?", fragte McGuire. Der Privatdetektiv zuckte die Achseln.

"Wir sind noch nicht ganz durch."

"Der Täter hat scheinbar irgendetwas Bestimmtes gesucht und in großer Eile gearbeitet - das sind wohl Tatsachen", meinte McGuire. "Haben Sie sich mit irgendjemandem angelegt? So etwas passiert einem wie Ihnen doch schon mal, oder?"

"Ach, hören Sie auf!"

"Wir nehmen die Sache zu Protokoll, aber machen Sie sich nicht allzu große Hoffnungen. Wissen Sie, wie viele Einbrüche jeden Tag in New York passieren?"

"Ich weiß schon, was Sie mir damit sagen wollen. Sie sind überlastet und haben einen Haufen ungelöster Fälle!" McGuire machte eine hilflose Geste. "Was erwarten Sie von mir? Wunder? Was ist mit ihrer Kundenkartei?"

"Durchgewühlt, aber das Interesse des Einbrechers scheint gleichmäßig verteilt gewesen zu sein. Ich glaube nicht, dass dort etwas fehlt."

McGuire kratzte sich am Kinn und meinte dann ziemlich unvermittelt: "Sind Sie eigentlich versichert, Mister Reiniger?"

"Ja."

"Dann vergessen Sie die Sache am besten." Es dauerte noch ein bisschen, dann hatten die Leute vom Einbruchsdezernat ihre Arbeit beendet. Sie waren schnell verschwunden und Bount konnte sich an zwei Fingern ausrechnen, dass bei den Ermittlungen nicht viel herauskommen würde. Ein Vorgang in den Akten, das würde davon bleiben. Sonst nichts.

"Denk doch mal nach, Bount", schnitt Junes Stimme in sein Bewusstsein. "Könnte dieser Einbruch nicht mit der Geschichte von gestern Abend zusammenhängen?"

"Du meinst..."

"Dieser Killer, ja genau!"

"Aber dieser Mann weiß von mir nicht mehr als ich von ihm! Jeder kennt vom anderen das Gesicht, das ist alles!" June trat etwas näher an ihn heran und blickte zu ihm auf.

"Der Unterschied ist der, dass dein Bild ab und zu mal in der Zeitung steht, während er peinlich darauf bedacht sein muss, dass es kein Bild gibt!"

Bount schüttelte den Kopf.

"Nein, das ist mir zu sehr an den Haaren herbeigezogen."

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10

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Zwei Tage später sah es in Bount Reinigers Residenz schon wieder ganz passabel aus. Die beschädigten Möbel waren erneuert worden und Bount und June hatten sich alle Mühe gegeben, Wohnung und Office wieder in ihren Urzustand zu versetzen.

Die Klientin, die Bount an diesem Morgen aufsuchte, war ohne Anmeldung gekommen und machte einen ziemlich verzweifelten Eindruck. Sie war nicht älter als fünfundzwanzig und hatte aschblondes, gelocktes Haar, das zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengefasst war. Ihre Kleidung war sportlich und praktisch, verriet aber doch Stil.

"Sie sind Mister Reiniger?", fragte sie, obwohl sie das längst erraten hatte. Bount bot ihr einen Platz an und nickte.

"Ja, der bin ich, Miss..."

"Hughes. Charlene Hughes"

Bount hob die Augenbrauen und sie musterte ihn mit ihren graugrünen Augen. Ihr feingeschnittenes Gesicht machte einen angestrengten, etwas traurigen Eindruck. Das Lächeln, das über ihre Lippen flog war kurz und flüchtig.

"Was möchten Sie von mir?"

"Mein Name kommt Ihnen bekannt vor, nicht wahr?"

"Nun..."

"Sie vermuten richtig. Ich bin die Schwester von Ted Hughes, dem Mann, den Sie im Auftrag von Jupiter Electronics im Visier hatten."

"Woher wissen Sie das?"

"Ich habe mit seinen Freunden aus der Hacker-Szene gesprochen. Und außerdem war ich bei Jupiter Electronics."

"Wissen Sie auch, was Ihr Bruder dort angerichtet hat?"

"Man hat es mir nicht gesagt. Aber worum soll es schon gehen? Er wird sich in die EDV hingehackt haben. Jupiter Electronics stellt das her, was eine Rakete intelligent macht, was ihr sagt, wo ihr Ziel ist und dafür sorgt, dass sie es auch über Tausende von Kilometern hinweg noch sicher findet! Also wird es um irgendetwas gegangen sein, das damit zusammenhängt. Da habe ich richtig kombiniert, oder?"

"Ja, ganz genau", bestätigte Bount. "Ich frage mich, was Sie von einem Detektiv wollen, wenn Sie doch selbst schlau genug sind, um Sinn in die Sache zu bringen und sich das Nötige zusammenzureimen?"

"Mein Bruder ist ermordet worden. Deshalb bin ich bei Ihnen, Mister Reiniger."

"Nennen Sie mich ruhig Bount."

"Meinetwegen."

"Leider bin ich zu spät gekommen, um Ihrem Bruder noch helfen zu können", sagte Bount mit Bedauern "Manchmal spielt das Leben so. Hätte ich auf meinem Weg ein bisschen öfter grün bei den Ampeln gehabt, so hätte ich ihn vielleicht noch retten können!"

"Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf, Bount." Bount Reiniger lehnte sich etwas zurück, holte seine Zigaretten hervor und bot seinem Gast ebenfalls eine an. Aber Charlene Hughes lehnte ab.

Bount meinte: "Die Polizei ermittelt in der Sache. Ein Profi hat Ihren Bruder auf dem Gewissen."

"Ja, und man hat mir gesagt, wie toll die Chancen sind, dass die Polizei den Kerl erwischt."

Bount zuckte die Achseln. "Glauben Sie, meine sind größer?"

"Ich weiß nicht. Aber ich möchte auch nichts unversucht lassen. Außerdem interessiert mich dieser Killer gar nicht in erster Linie."

"Sondern?"

"Ich will, dass diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die diesen Kerl geschickt haben!" Sie atmete tief durch. "Ich bin Geschäftsführerin einer gutgehenden Boutique in der Bronx und habe einige Rücklagen. Um Ihr Honorar brauchen Sie sich also keine Sorgen zu machen!"

Bount lächelte dünn. "Mache ich mir auch nicht. Haben Sie einen Verdacht, wer hinter dem Mord stecken könnte?"

"Ted war ein verschlossener Mensch. Er war nicht sehr gesprächig."

"Es ging um Produktdaten für Raketenbauteile - und die sind so wertvoll wie Rauschgift oder Gold. Er könnte versucht haben, diese Sachen zu verkaufen. Interessenten gibt es rund um den Globus! Es könnte sein, dass er dabei jemandem in die Quere gekommen ist!"

Aber Charlene schüttelte ganz energisch den Kopf. "Sehen Sie, Mister Reiniger, Sie kannten Ted nicht."

"Ich weiß nur wenig über Ihren Bruder, das ist richtig. Und alles nur zweiter Hand."

"Sein Leben war der Computer. Früher war es für ihn eine Art Sport in alle möglichen EDV-Anlagen einzudringen, Datenbanken anzuzapfen, sich bei Versandhäusern Sachen zu bestellen, ohne dafür bezahlen zu müssen..." Ja, dachte Bount. Aber am Ende hat er doch bezahlen müssen. Und zwar sehr teuer. "Wie reimen Sie sich die Sache zusammen, Charlene - nachdem Sie meine Version nicht akzeptieren können."

"Ted stand in letzter Zeit sehr unter Druck. Er wollte nicht darüber reden, obwohl ich es mehrmals versucht habe. Er war nicht wie sonst, Bount, da bin ich mir sicher!"

"Sie glauben, Ted handelte nicht aus eigenem Antrieb, als er in die EDV von Jupiter Electronics eindrang?"

"Ja."

"Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?"

"Vor einer Woche. Ich bin bei ihm vorbeigefahren, weil ich mir Sorgen um ihn gemacht habe. Unsere Unterhaltung war nicht sehr ausführlich. Ted hat mich gleich an der Tür wieder weggeschickt."

"Warum?"

"Er hatte jemanden zu Besuch und war sehr nervös. Das war schon merkwürdig. Wenn er sonst mal Freunde da hatte - was selten genug vorkam - hat er sie nie versteckt. Ich habe dann im Auto gesessen und gewartet. Eine Viertelstunde später kam ein gutgekleideter Mann."

"Wie sah er aus?"

"Dunkler Teint, Schnurrbart und nicht größer als eins siebzig."

Bount lächelte. "Sein Autokennzeichen haben Sie nicht zufällig auch aufgeschrieben?"

"Er hat ein Taxi benutzt. Ich bin dann noch einmal hinauf zu Ted gelaufen und habe ihn zur Rede gestellt. Er hat mich beschworen, ihn in nächster Zeit nicht mehr aufzusuchen. Zu meiner eigenen und seiner Sicherheit. Mehr hat er nicht gesagt." Sie seufzte. "Ich hätte früher zu Ihnen kommen sollen, nicht wahr? Ich mache mir Vorwürfe."

"Machen Sie sich nicht selbst verrückt, Charlene!"

"Übernehmen Sie den Fall?"

"Ich tue immer mein Bestes, aber ich kann niemandem Wunder versprechen."

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11

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In der Tiefgarage, in der Bount seinen 500 SL abgestellt hatte, herrschte eine Art Dämmerlicht. Er hatte ein paar Leuten, die er bei seinen Ermittlungen in der Hacker-Szene kennen gelernt hatte, einen Besuch abgestattet, aber plötzlich schien niemand mehr mit Bount reden zu wollen.

Vielleicht hatte Ted Hughes' Ableben ihnen einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie plötzlich die Sprache verloren hatten. Hughes war ja auch kaum der Einzige von ihnen, der in krummen Sachen drinsteckte.

Es waren ein paar verlorene Stunden für Bount gewesen. Bount öffnete die Tür des Mercedes und stieg ein. Er hatte noch nicht einmal den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt, da spürte er etwas Hartes im Nacken. Er erstarrte mitten in der Bewegung.

"Nicht umdrehen!", raunte ihm eine Männerstimme ins Ohr. "Sonst haben Sie ein Loch um Kopf!"

"Was wollen Sie?", fragte Bount gelassen.

"Erst einmal nur, dass Sie still sitzen bleiben!" Bount schielte zum Rückspiegel. Aber der Kerl, der hinter dem Fahrersitz emporgekommen war, trug bis zur Nase einen Wollschal und darüber eine Mütze. Immerhin konnte Bount sehen, dass der Kerl blaue Augen hatte, aber das nützte ihm im Moment kaum etwas.

Eine Hand langte nach der Automatik, die Bount im Schulterholster trug, und nahm ihm die Waffe ab.

"Und nun?", fragte Bount.

"Wir machen eine kleine Ausfahrt. Ich werde Ihnen sagen wohin. Tun Sie einfach nur, was ich Ihnen sage." Bount zuckte mit den Schultern.

"Ich schätze, mir bleibt ohnehin nichts anderes übrig!"

"Fahren Sie los."

Bount lenkte den Wagen aus dem Parkhaus heraus und reihte sich in die rollende Blechlawine ein.

"Die nächste rechts und dann links!", befahl der Mann mit den blauen Augen knapp.

"Sie sind der Boss!"

"Wenn Sie das einsehen, leben Sie länger, Reiniger!"

"Oh, meinen Namen kennen Sie auch!"

"Maulhalten!"

"Vielleicht sagen Sie mir einfach, worum es geht!"

"Ich sagte: Maulhalten!"

Dann herrschte eine ganze Zeitlang eisiges Schweigen. Erst als Bount erneut abbiegen sollte, meldete sich der Entführer wieder zu Wort. In der Zwischenzeit hatte er mit seiner freien Hand das Magazin aus Bounts Automatik gefingert und ließ die Patronen herausrieseln. Dann warf er die Waffe auf den Boden. Die Fahrt ging über die George Washington Bridge nach New Jersey hinüber. Und dann waren sie waren sie auch bald am Ziel. Der Mann mit den blauen Augen lotste Bount auf einen offenbar stillgelegten Schrottplatz. Nicht nur die abgestellten Wagen, sondern auch die Kräne und Pressen hatten Rost angesetzt und waren vermutlich kaum noch funktionsfähig.

"Halten Sie an, Reiniger!"

Bount gehorchte.

"Und was nun? Haben Sie sich diesen Ort ausgesucht, um mich ungestört erschießen zu können?"

"Wäre schon möglich." Er lachte hässlich. "Beunruhigt Sie dieser Gedanke?" Er drückte Bount den Lauf seiner Waffe jetzt besonders heftig in den Nacken. "Denken Sie immer daran, dass Ihr Leben hier nichts wert ist. Ich kann hier mit Ihnen anstellen, was immer mir beliebt. Keiner würde einen Schuss oder einen Schrei hören. Wissen Sie, wie weit der nächste Mensch entfernt ist, der Ihnen helfen könnte? Eine Meile, zwei Meilen... Vielleicht noch weiter."

Unweit der eingerosteten Schrottpresse war eine Holzbaracke, in der vermutlich früher das Büro untergebracht gewesen war.

Zwei Kerle kamen jetzt hinter der Baracke hervor und gingen schnellen Schrittes direkt auf den Wagen zu. Beide trugen Motorradhelme mit heruntergelassenen Visieren. Von ihren Gesichtern waren kaum die Augen zu sehen. Dafür konnte Bount um so besser die Ketten und Schlagringe sehen, die sie in ihren behandschuhten Händen hielten. Vor der Motorhaube des 500 SL blieben die beiden stehen. Einer setzte seinen Fuß auf die Stoßstange, der andere drückte den Stern nieder.

"Ich verabscheue Gewalt", sagte der Mann mit den blauen Augen Bount direkt ins Ohr. Es klang allerdings wenig glaubwürdig. "Es hängt alles von Ihnen ab, Reiniger! Ich hoffe, Sie sind kooperativ!" Einer der beiden behelmten Gorillas strich jetzt provozierend mit dem Schlagring über die Motorhaube und kratzte den Lack herunter. "Sie haben etwas an sich gebracht, dass Ihnen nicht gehört, Mister Reiniger..." Bount hob die Augenbrauen.

"Das ist mir neu!"

"Es geht um Daten, vermutlich auf einer Diskette gespeichert. Sie waren in Ted Hughes' Wohnung."

"Alles, was in der Wohnung an Datenträgern war, befindet sich jetzt bei der Polizei!"

Der Mann mit den blauen Augen lachte heiser.

"Aber Sie waren eher dort und haben sich bedient. Das wollen Sie doch nicht im Ernst abstreiten, Reiniger!" Bount verzog das Gesicht zu einem müden Lächeln. "Es ist interessant, dass Sie überhaupt davon wissen, dass in Ted Hughes' Wohnung war!"

Langsam wurde der Kerl sauer.

"Nun ist es aber genug! Heraus damit, wo ist das Zeug?"

"Stecken Sie hinter dem Einbruch in meine Wohnung?"

"Ich habe keine Lust, meine Frage ein zweites Mal zu stellen!"

Reiniger zuckte ungerührt mit den Schultern und erwiderte sachlich: "Ich habe keine Ahnung, worum es geht!"

"Um das Know-how für bestimmte Raketenbauteile. Wenn Sie denken, dass Sie handeln können, Reiniger, dann vermuten Sie völlig falsch. Ihr Leben, das ist alles, was wir Ihnen bieten können. Wenn Ihnen das nicht genug ist, können wir es auch nicht ändern!"

"Ich glaube eher, dass Sie mich in jedem Fall töten werden"

"Und wissen Sie, was ich glaube, Reiniger? Sie brauchen erst eine Abreibung, um zu begreifen, welches Spiel hier gespielt wird!" Er winkte den beiden Gorillas zu, und die hatten schon lange ungeduldig auf ihren Auftritt gewartet. Die Fahrertür des 500 SL wurde aufgerissen und Bount herausgezerrt. Er bekam einen mörderischen Hieb mit der Kette und taumelte auf den hart gefrorenen Boden. Inzwischen kletterte auch der Mann mit den blauen Augen aus dem Mercedes heraus, die Waffe nach wie vor im Anschlag.

Bount richtete sich halb auf. Die drei Kerle standen um ihn herum. Im Hintergrund war eine kalte, kraftlose Wintersonne am Himmel. Das Rasseln der Kette mischte sich mit den Schreien einiger Krähen, die oben auf dem Kran Platz genommen hatten.

"Sagen Sie uns einfach, wo das ist, was wir haben wollen. Sie haben keine andere Chance, Reiniger!", knurrte der Mann mit den blauen Augen. Bei ihm klang das wie die Verkündung eines Todesurteils. Er hob den Revolver, richtete die Waffe auf Bount und spannte den Hahn. "Mischt ihn noch ein bisschen auf, Leute!", zischte er unter seinem Schal hervor.

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Einer der Helm-Gorillas holte zu einem Schlag mit seiner Kette aus und trat dabei einen Schritt vor. Im letzten Moment konnte Bount zur Seite weichen. Der Schlag traf ihn nicht voll, und die Kette glitt seitlich ab. Bount bekam sie zu fassen und nutzte die Gelegenheit. Mit einem kräftigen Ruck zog er den Kerl zu sich heran, rammte ihm das Knie in den Magen und gab ihm einen kräftigen Stoß. Der Mann mit den blauen Augen sah seinen Komplizen auf sich zu taumeln und konnte deshalb nicht schießen. Als er dann doch losballerte, hatte Bount sich hinter einen rostigen Packard gerettet, dessen Dach an der Fahrerseite ziemlich plattgedrückt war.

Bount kauerte in seiner Deckung, während zwei Schüsse durch das dünne Blech hindurchschlugen, um dann in den von Ratten angefressenen Polstern ...

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