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Exponentialdrift

Über dieses Buch

Dieser Roman ist ein hochspannendes Buch. Aber es ist auch mehr: Es ist ein literarisches Experiment. Vom September 2001 bis Juli 2002 erschien EXPONENTIALDRIFT als klassischer Fortsetzungsroman in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG, jede Woche eine Folge, Woche für Woche geschrieben und mit aktuellen Bezügen. Für die Taschenbuchausgabe dieses Thrillers stellte der Autor den jeweiligen Folgen die damals aktuellen Schlagzeilen voran und fügte einen ausführlichen Werkstattbericht hinzu, der interessante Einblicke in seine Arbeit und die Hintergründe des Projekts gewährt.

Über den Autor

Andreas Eschbach wurde 1959 in Ulm geboren, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Software-Entwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung »für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs« schrieb er seinen ersten Roman, der 1995 erschien. Bekannt wurde er vor allem durch den Bestseller DAS JESUS VIDEO. Andreas Eschbach lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Nähe von Stuttgart.

ANDREAS
ESCHBACH

EXPONENTIAL
DRIFT

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

VORWORT

Es dauert nur fünf Minuten. Ich verabschiede Sie, lieber Leser, kaum daß wir uns kennengelernt haben. Ich bleibe hier zurück, Sie reisen gleich ab. Steigen Sie ein. Die Startsequenz hat schon begonnen. Sie haben dieses Buch gekauft, weil sie in eine andere Welt transportiert werden wollen. Andreas Eschbach hat gleich die Kontrolle über Sie, über Ihren Raum und über Ihre Zeit, und ich sage Ihnen: Ich kenne keinen zeitgenössischen Schriftsteller, der schneller und auch weiter ans Ziel kommt. Vergessen Sie, was Sie bisher über gute oder schlechte Literatur gelesen haben. Hier geht es nicht um gut oder schlecht, sondern darum, wohin Sie mit diesem Buch wie schnell kommen werden. Ich garantiere: Sie werden es sich nicht träumen lassen. Dieses Buch ist ein Vehikel, der Spannungsdruck preßt Sie gleich in Ihren Sessel, der Zauber der dichterischen Phantasie macht Sie schwerelos.

Andreas Eschbach heißt der Mann. Er ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur. Der Arno-Schmidt-Preisträger schreibt viel spannender als Konsalik und besser als die meisten seiner ernstzunehmenden Altersgenossen. Eschbach ist ein junger deutscher Schriftsteller. Erschrecken Sie nicht! Eschbach ist kein problematischer Charakter. Er ist wirklich ein Erzähler. Er wird Sie also nicht belehren oder einschüchtern und ganz bestimmt nicht langweilen. Eschbach will Sie unterhalten, er zieht Sie an sich heran und läßt Sie nicht mehr los: ein Erzähler, der sich im Phantastischen häuslich einrichtet und im Häuslichen das Phantastische findet.

Seine wachsende Lesergemeinde weiß das längst. Die es noch nicht wußten, konnten es bei der »Exponentialdrift« erfahren. Die Geschichte erschien als Fortsetzungsroman in der neu gegründeten Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und hielt Woche für Woche die Leser in Bann. Von Spannungsbogen zu Spannungsbogen rundete sich die Geschichte, von der der Autor wohl selber nicht wusste, wo hinein sie eines Tages münden würde. Aktuelle Ereignisse schwammen wie Treibgut im Fluß der Erzählung mit, landeten an oder verschwanden, manche blieben Orientierungspunkte bis zuletzt.

Ich hatte Andreas Eschbach gefragt – gefragt, weil ich von seinem »Jesus Video« beeindruckt war und weil ich ihn für fähig hielt, das große Experiment zu wagen: Schreiben Sie, bot ich ihm an, Woche für Woche einen wirklichen Fortsetzungsroman, so wie Charles Dickens, Mark Twain oder Stephen King es taten. Eschbach saß in meinem Büro, überlegte keine fünf Minuten und schlug ein. Das Ergebnis dieses sonderbaren Pakts finden Sie, lieber Leser, auf den folgenden Seiten.

Klar: Eschbach ist kein Geheimtipp mehr. Er hat das Zeug zu einem deutschen Michael Crichton. Vielleicht gelingt es ja auch uns Deutschen, neben Tiefsinn oder Schwermut den puren, mitreißenden Erzähler gelten zu lassen. Einen wie Eschbach. Fangen Sie an zu lesen, und erleben Sie das Wunder einer Beschleunigung: Eschbach vertreibt uns die Nacht, und ehe Sie sich versehen, geht die Sonne auf über einer Welt, die nicht mehr die Ihre ist. Eschbach vertreibt uns die Nacht, und ehe Sie sich versehen, geht die Sonne auf über einer Welt, die nicht mehr die Ihre ist.

Frank Schirrmacher

25. März 2001
Die russische Raumstation MIR, die die Erde 15 Jahre lang umkreist hat, wird über einer menschenleeren Region des Pazifik östlich von Australien kontrolliert zum Absturz gebracht. Der 140 Tonnen schwere Koloß verglüht weitgehend in der Atmosphäre, lediglich etwa 30 Tonnen Trümmer stürzen in den an dieser Stelle über 1000 Meter tiefen Ozean.

28. April 2001
Als erster Weltraum-Tourist der Geschichte startet der amerikanische Multimillionär Dennis Tito von Baikonur aus mit einer russischen Sojus-Rakete zu einem einwöchigen Urlaub auf der Internationalen Raumstation ISS. Er bezahlt für diese Reise rund 20 Millionen Dollar.

1. Juni 2001
Der nepalesische Thronfolger Dipendra erschießt bei einem Familientreffen in Katmandu fast seine gesamte Familie und anschließend sich selbst.

30. August 2001
Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, stellt offiziell die Euro-Geldscheine und Euro-Münzen vor, die in den Euroländern mit Beginn des Jahres die nationalen Zahlungsmittel ablösen sollen.

11. September 2001
Kurz hintereinander rasen zwei vollbesetzte, vollgetankte Passagierflugzeuge in die zwei Türme des World Trade Centers in New York. Eine dritte Maschine stürzt ins Pentagon, während eine vierte, vermutlich im Anflug auf Camp David, den Landsitz des amerikanischen Präsidenten, in Pennsylvania zerschellt. Es ist der verheerendste Terroranschlag in der Geschichte. Um 9 Uhr 40 werden erstmals in der Geschichte der USA landesweit alle Flüge eingestellt. Wissenschaftler nutzen in den Tagen bis zu ihrer Wiederaufnahme die Gelegenheit, den Einfluß des Flugverkehrs auf das Klima zu erforschen.

FOLGE 1

»… was Sie vorschlagen? Ihn verhungern zu lassen?«

»Ich habe Therapieabbruch gesagt, nicht …«

Die Wand: hellgrau. Leicht glänzend im Licht von Neonröhren. Milchiges Glas im Fensterrahmen, dunkel bis auf einen schmalen hellen Streifen am oberen Rand. Davor ein Bett, darin ein junger Mann in einem roten T-Shirt, halb aufgerichtet, die Arme verkrümmt vor die Brust gepreßt, die Augen blicklos geöffnet. Krankenhausgeruch.

»… wie lange ist er schon …?«

»Vier Jahre …«

Worte, die vorüberglitten, verstanden wurden und zurück ins Nichts sanken. Begriffe, auftauchend wie von selbst, um Welt zu ordnen und zu benennen. Was blieb, war Dringlichkeit. Es war etwas zu tun, zu vollbringen, unbedingt.

»… mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder erwachen …«

Gesichter, die sich über ihn beugten. Gestalten, die sich vor den Jungen im roten T-Shirt schoben. Ein Stethoskop, das vor der Brust eines weißen Kittels baumelte. Helles Licht. Wärme.

»… ist denn dieser ungeheure Aufwand zu rechtfertigen …?«

Widerstand. Eine diffuse Erinnerung. Endgültigkeit. Keine Umkehr, aber wohin eigentlich? Nein, Umkehr kam nicht in Frage. Es galt, den Abgrund zu überwinden. Ein Schritt, keine große Sache. Ein Körper, in den man schlüpfen mußte wie eine Hand in einen Handschuh.

NATÜRLICH STÖRTEN DIE Leute vom Fernsehen den Tagesablauf und brachten den dichten, ausgeklügelten Pflegeplan in Verzug. Jürgen Röber sah zu, wie sie Kabel verlegten, Stative mit Scheinwerfern aufstellten und immer wieder prüfend durch die Sucher ihrer Kameras spähten. Er hatte nicht geahnt, daß ein derartiger Aufwand für jeden einzelnen dieser minutenkurzen Beiträge getrieben wurde, den er abends mit höchstens halbem Auge auf der Mattscheibe verfolgte.

»Können wir dann, Doktor Röber?« fragte der Redakteur, ein Mann mit rotgeränderten Augen und ungut aussehenden Leberflecken im Gesicht. »Wenn Sie sich jetzt neben das Bett stellen und ihm die Hand auf die Schulter … ja, so, wunderbar … Thorsten?«

Das war der Kameramann. Der ging in die Knie, drehte am Objektiv. Ein Assistent fummelte an einem Stück Stoff vor einer der taghellen Lampen. Röber hatte erwartet, daß noch jemand kommen und Schweiß von seinem Gesicht tupfen würde, aber offenbar interessierte sein Aussehen niemanden.

»Und schauen Sie mich an, nicht die Kamera.« Über dem glotzäugigen Objektiv glomm ein rotes Lämpchen auf. »Okay.«

Röber nickte. Er hatte das Gefühl, kantig und verspannt zu wirken. »Dieser Patient hat im Mai 1998 eine Hirnblutung erlitten, unglücklicherweise in einem Flugzeug, das sich im Landeanflug befand.« Räusperer würden sie rausschneiden, hatte es geheißen. »Demzufolge dauerte es lange, bis Reanimationsmaßnahmen eingeleitet werden konnten. Zwar wurde sein Leben gerettet, aber er liegt seither im Wachkoma.« Die Schwestern hatten den Mann eigens frisch rasiert. Er hatte das magere Gesicht dem Fenster zugewandt, die Augen weit geöffnet, mit nichts zu erkennen gebend, daß er irgend etwas mitbekam von dem, was um ihn herum geschah.

»Seit über vier Jahren also. Nun sagt man ja, daß jemand, der länger als zwei Monate im Koma liegt, mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder erwachen wird …«

Röber musterte den Redakteur, in dessen Blick plötzlich etwas Dunkles, Aggressives lag. »Die Chancen sinken, je länger das Koma dauert, das ist richtig«, sagte er behutsam. »Aber es gibt viele gut dokumentierte Fälle, in denen Wachkoma-Patienten nach Jahren oder sogar Jahrzehnten spontan zu Bewußtsein gekommen sind. Im Prinzip kann ein Apalliker jederzeit erwachen.«

»Haben Sie einen solchen Fall schon einmal selbst erlebt?«

»Nein, leider nicht.«

Der Redakteur nickte verstehend. »Was«, fragte er, »kostet eigentlich die Pflege eines Apallikers?«

Plötzlich ahnte Röber, was gespielt wurde. Das Fernsehteam war hier, um das, was die Klinik tat, als Geldverschwendung erscheinen zu lassen. »Apalliker sind Schwerstkranke«, sagte er und spürte einen Zorn in sich aufwallen, von dem er wußte, daß er ihn im Zaum halten mußte, solange die Kamera lief. »Ihre fachgerechte Versorgung ist dementsprechend aufwendig und damit teuer. Aber verglichen mit vielen anderen Dingen, die unsere Gesellschaft sich leistet, ist –«

»Was heißt das in DM pro Monat?« unterbrach der Redakteur.

Röber atmete durch, ehe er antwortete. »Je nach Schwere des Falles monatlich elftausend bis vierzigtausend Mark.«

»Mit anderen Worten, das Koma allein dieses Mannes hat bisher zwischen einer halben und zwei Millionen verschlungen.« Das hatte er doch unmöglich in diesem Moment ausgerechnet. »Was bei mehr als dreitausend neuen Apallikern jährlich einem dreistelligen Millionenbetrag entspricht. Ist angesichts solcher Zahlen nicht zu überlegen«, fuhr er kaltschnäuzig fort, »künftig die Dauer der Komatherapie zeitlich zu begrenzen, wie das etwa in der Schweiz, in England oder den Niederlanden teilweise bereits gemacht wird?«

Röber spürte, wie sich sein Unterkiefer verkrampfte. »Dafür gibt es keine medizinische Rechtfertigung. Konkret heißt das nämlich, den Patienten verhungern zu lassen oder durch bewußte Vernachlässigung das Auftreten von Sekundärerkrankungen in Kauf zu nehmen, an denen er stirbt. Für mich ist das Euthanasie.«

»Aber ist denn dieser Aufwand zu rechtfertigen? Alles nur um Leben ohne Bewußtsein aufrechtzuerhalten?«

Röber hob abwehrend die Hand, spürte den Zorn in sich glühen wie schmelzendes Eisen, fühlte einen Impuls, die Fernsehleute aus dem Zimmer zu peitschen. »Wachkoma-Patienten sind keine unheilbar Kranken, keine Sterbenden und erst recht keine Hirntoten«, sagte er mit zitternder Stimme. Sie würden es sowieso herausschneiden. »Es sind lebende Menschen, die unsere Hilfe benötigen, genau wie andere schwerkranke auch. Sie haben zufällig kein Bewußtsein, aber das hat ein Säugling auch nicht.« Er war so wütend, daß er die unmerkliche Bewegung der Schulter unter seiner linken Hand fast nicht bemerkt hätte.

»Gut, eine andere Frage …«, begann der Redakteur, aber in einem Tonfall, als sei er erst dabei, sich diese zurechtzulegen.

In diesem Moment ruckte die Schulter wieder. Eine Bewegung, als wolle sie Röbers naßgeschwitzte Hand abschütteln. Röber fuhr herum. Das … konnte nicht sein. Er sank in die Knie. Ein spontanes Erwachen vor laufenden Kameras, das hatte es noch nie gegeben. Das war mehr, als man hoffen durfte.

»Was ist –?« begann der Redakteur, aber Röber unterbrach ihn, ohne ihn anzusehen: »Lassen Sie die Kamera an, um Himmels willen.«

Es war atemberaubend. Er versuchte zu fassen, was geschah, doch letztlich war es jenseits aller Faßbarkeit, war es Magie zu sehen, wie aus irgendeiner ungreifbaren Dimension ein Geist, eine Wachheit, eine Präsenz in Augen einkehrte, die er bis jetzt nur als blicklose, ausdruckslose Murmeln gekannt hatte. So mußte es gewesen sein, als Adam die Seele eingehaucht wurde. Es war ein Moment, um an einen Gott zu glauben.

Dann, so plötzlich, wie man Licht einschaltet, war der Mann da. War Leben in den Augen. War jemand zu Hause.

Sein Mund bewegte sich, die Zunge kämpfte mit der Trockenheit darin. Sein Blick wanderte umher, von den Fernsehleuten zu den Scheinwerfern und zurück. Seine Hände tasteten mit unsicheren, eckigen Bewegungen über die Bettdecke.

»Mmwwoah …«, drang es krächzend aus der Kehle, die vier Jahre lang geschwiegen hatte. Der Brustkorb zitterte vor Anstrengung.

Röber tastete nach dem Arm des Mannes, strich darüber, auf einmal unsicher, das Richtige zu tun. »Es ist alles in Ordnung«, flüsterte er. »Es kann Ihnen nichts passieren.«

Der Kopf ruckte herum, sein Blick erfaßte den seinen mit erschreckender Intensität. Kehle und Mund arbeiteten noch immer daran, Laute zu formen, und er schien genau zu wissen, was er sagen wollte, wenn es auch niemand verstand. Alles, was er zustande brachte, war ein gutturales Etwas, das klang wie »Mmua de-hi«.

Röber merkte plötzlich, daß seine Beine weich wie Pudding waren, und spürte den völlig verrückten Drang zu weinen. Er streckte die Hand nach der Klingel aus, um eine der Schwestern zu rufen, und dann, ohne aufzustehen – denn das hätte er nicht gekonnt –, warf er dem Redakteur über die Schulter einen Blick zu. »Sie haben eine Sensation auf Band, das ist Ihnen hoffentlich klar?« Er sah zu den Scheinwerfern hoch. »Jetzt wäre es gut, die da auszumachen.«

Fortsetzung folgt …

2. Oktober 2001
Erstmals in ihrer Geschichte ruft die NATO den Bündnisfall aus.

4. Oktober 2001
Über dem Schwarzen Meer wird eine russische Passagiermaschine mit 78 Passagieren an Bord versehentlich von einer ukrainischen Rakete getroffen und zerstört.

5. Oktober 2001
In den USA stirbt ein Pressephotograph an Lungenmilzbrand. Er hat sich offenbar mit Krankheitserregern infiziert, die sich in einem an ihn adressierten Brief befanden.

6. Oktober 2001
Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt gegen Finnland 0:0 und verpaßt damit die direkte Qualifikation für die WM.

7. Oktober 2001
Die USA beginnen mit Luftangriffen auf Afghanistan.

FOLGE 2

MAN HÖRTE DIE eiligen Schritte von weitem in den Fluren hallen, die seltsam verlassen lagen für die Tageszeit. Durch das Oberlicht fiel das trübe Licht eines regnerischen Nachmittags und ließ die Wände fahl und die gerahmten Bilder darauf blaß aussehen. Dieser Teil der Klinik war nicht der, den man für die Prospekte fotografierte; es gab andere Gebäudeteile, in denen die Bemühungen der Architekten um Wohnlichkeit wesentlich mehr Erfolg gehabt hatten.

Das Fernsehteam stand gesammelt auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs, hinter dem Redakteur, der ungeduldig mit dem Fuß wippte. Einer der Leute mit den Scheinwerfern sah auf die Uhr, murmelte etwas von einer Verabredung mit seiner Freundin und bat den Kameramann um sein Handy, mit dem er sich ums Eck verzog.

Doktor Röber sah ihm unwillig nach. Er fand die Sorgen dieser Leute lächerlich, und hier mit ihnen herumzustehen, nur weil sie glaubten, Ansprüche stellen zu können, war die reine Zeitverschwendung.

Endlich kam der Mann, zu dem die Schritte gehörten, den Gang entlang, leicht außer Puste. Der Geschäftsführer der Klinik war untersetzt, ohne dick zu wirken, hatte ausgedünntes, ehemals lockiges Haar und große, fleischige Hände, mit denen er die des Redakteurs ergriff und schüttelte. »Herr Specht? Lembeck. Wir haben telefoniert.« Er nickte dem Rest des Teams flüchtig zu. »Was ist passiert?«

»Einer Ihrer Apalliker ist aufgewacht«, sagte der Redakteur in einem Ton, der fast vorwurfsvoll klang. »Der, von dem Sie sagten, er würde nie wieder zu sich kommen.«

»Herr Abel?« entfuhr es Lembeck. Er sah Röber mit großen Augen an. »Ist das wahr?«

Röber nickte grimmig. »Spontanes Erwachen. Nach über vier Jahren im Wachkoma. Und Herr Specht hat es auf Band. Einen der Fälle, die Ihrer Meinung nach nur medizinische Märchen sind.«

»Das habe ich so nie gesagt«, verwahrte sich der Geschäftsführer.

»Aber gemeint.«

»Drehen Sie mir doch nicht das Wort im Mund herum. Ich habe gesagt, daß wir die Kosten und ihr Verhältnis zum Nutzen im Auge behalten müssen, und dazu stehe ich, egal, was mit Herrn Abel passiert ist.«

»Da drüben ist der Mann mit der Kamera«, sagte Röber. »Der ist bestimmt dankbar für eine Aussage, wieviel Mark ein Menschenleben wert ist.«

»Wenn es nach Ihnen ginge, dann trieben wir den medizinischen Fortschritt so weit, bis eines Tages die eine Hälfte der Bevölkerung im Koma oder sonstiger Pflegebedürftigkeit vor sich hin dämmert und der Rest nichts anderes mehr tut, als sie zu pflegen«, versetzte Lembeck ärgerlich und hielt auf die Tür von Zimmer 62 zu. »Überhaupt will ich mir das erst einmal mit eigenen Augen ansehen.« Er verschwand im Patientenzimmer.

Der Redakteur warf Röber einen abschätzigen Blick zu. »Sie haben ziemlich oft Streit mit ihm, was?«

»Er ist ein Kaufmann«, sagte Röber. Das letzte Wort spuckte er beinahe aus, absichtlich.

Lembeck kam wieder aus der Tür. Der Mann, der eine Maschinenbaufirma geleitet hatte, ehe er auf seine alten Tage dem Ruf des Stiftungsvorstands gefolgt war, schien sichtlich erschüttert. »Der ist ja wieder voll da«, meinte er. »Ich dachte, Sie meinen nur irgendwelche kommunikativen Zeichen.«

»Er hat eigenständig Kontakt aufgenommen, mich fixiert und angesprochen«, erklärte Röber. »Wobei er, was Sprache anbelangt, noch desorientiert ist, aber man kann praktisch zusehen, wie er wieder adäquat wird. Und deshalb«, setzte er hinzu, »sollte ich jetzt da drin bei Schwester Irene sein.«

»Nein, deshalb sollten wir jetzt da drinnen weiterfilmen«, unterbrach der Redakteur. Er stocherte mit dem Zeigefinger in Richtung auf Lembecks Brust. »Wir richten uns selbstverständlich nach ärztlichen Vorgaben, aber diese Gelegenheit müssen wir wahrnehmen und den ganzen Fall dokumentieren. Daraus kann eine große Sache werden, ein Beitrag für ein Wissenschaftsmagazin zum Beispiel oder auch für eines der politischen Magazine …«

Lembeck wich einen Schritt zurück. »Und warum tun Sie es dann nicht?«

»Weil Ihr Stationsarzt meinte, das sei nicht abgesprochen gewesen.«

Der Geschäftsführer sah Röber unwillig an. »Doktor, auf ein Wort.« Er nahm ihn am Arm und zog ihn ein Stück den Gang entlang, außer Hörweite des Fernsehteams. »Ich hätte Sie eigentlich für so schlau gehalten«, sagte er leise, »daß Sie die Chance erkennen, die sich Ihrer Sicht der Dinge hier bietet. Ein Mann erwacht nach über vier Jahren aus dem Wachkoma, das Fernsehen steht bereit, um eine Riesensache daraus zu machen – und Sie wollen sich das entgehen lassen?«

»Es ist ein ungefragtes Eindringen in seine Privatsphäre. Und wir wissen nicht, ob es ihm nicht schaden kann.«

Lembeck ließ ihn los und massierte sich seufzend die Nasenwurzel. »Ich hätte nie gedacht, daß ausgerechnet ich Sie daran erinnern muß, wie skandalös schlecht die Versorgung von Schwersthirngeschädigten ist. Daß die meisten Patienten im apallischen Stadium schon nach ein paar Wochen in Pflegeheime abgeschoben werden, deren Personal sich nicht einmal selbst für qualifiziert hält, sie angemessen zu versorgen.«

Röber musterte den untersetzten Mann verwundert. »Das sind doch alles meine Argumente –?«

»Vielleicht bin ich nicht das Scheusal, für das Sie mich halten«, meinte Lembeck, wandte sich um und rief dem Fernsehteam zu: »Doktor Röber trägt die Verantwortung für die Patienten. Er hat das zu entscheiden.«

Fortsetzung folgt …

8. Oktober 2001
Ein Block des Kernkraftwerks Philippsburg muß vom Netz genommen werden, weil die Betreiber Sicherheitsvorschriften mißachtet haben.

8. Oktober 2001
Auf dem Mailänder Flughafen, dessen Bodenradar seit einem Jahr ausgefallen ist, kommen beim Zusammenstoß eines skandinavischen Passagierflugzeugs mit einem deutschen Privatjet insgesamt 118 Menschen ums Leben.

12. Oktober 2001
Das Nobelpreiskomitee gibt bekannt, daß der diesjährige Friedensnobelpreis an die Vereinten Nationen und ihren Generalsekretär Kofi Annan geht.

FOLGE 3

DA KAMEN SIE wieder. Die Gestalten. Das Licht. Er fand ein Wort dafür: Scheinwerfer. Ein dunkles Kameraauge, das ihn examinierte. Es mußte etwas Bedeutsames mit ihm geschehen sein, daß solcher Aufwand getrieben wurde.

Finger, die ihm vors Gesicht gehalten wurden. Wie viele? Er suchte nach dem Wort. »Drei.« Gehorchte. Folgte einer Bewegung mit den Augen. Sie schienen zufrieden. Fragten ihn nach etwas, das sie »seinen Namen« nannten, doch er wußte nicht, was sie meinten. Wie heißt der Bundeskanzler, fragte einer. Dazu fiel ihm ein Wort ein. »Bundeskanzlerhelmutkohl.« Sie lachten und sagten: »Gerhard Schröder, aber das macht nichts.«

Eine Welt baute sich zusammen, aus Worten, die ihm der Nebel zurückgab. Er lag in einem Bett. Der Mann in dem weißen Kittel war ein Arzt. Er formte ein Unbehagen um zu einer Frage. »Was ist passiert?« sagte er, und sie gerieten fast außer sich.

Der Arzt sprach schließlich zu ihm, aber viele seiner Worte zerfaserten, zerbröckelten, lösten sich auf. »Hirnblutung … vor vier Jahren … Wachkoma …« Er verstand nichts. Nur eine vage Furcht blieb ihm, daß etwas schrecklich schiefgegangen sein mußte.

Er spürte ein Zittern. Das Herz. Sein Herz schlug. Angst. Er mußte wach bleiben, Bestandsaufnahme machen, sich vergewissern. Was war geschehen? Wo war er hier? Er hatte das Gefühl, es einmal gewußt zu haben. Da war ein Wort, nein, ein Begriff, den er erst zu einem Wort machen mußte, und er mühte sich ab, rang damit, konzentrierte alle Kräfte auf die Aufgabe, wenigstens das Wort zu finden. Sie sahen ihn an, zahllose Augen, verstanden nicht.

Es schlug wild, das Herz, das seines war, und sein Mund war trocken, tat weh. Jemand reichte ihm einen Gegenstand, einen Becher, aus Plastik, mit einer Trinköffnung. Er trank. Wasser. Nein, Tee. Es tat gut.

»Ich glaube, das reicht jetzt«, sagte der Mann in dem weißen Kittel. Der Arzt. »Er braucht Ruhe.«

Jemand sagte etwas, ein Mann in einer schwarzen Jacke. Es klang unzufrieden. Doch das Licht erlosch, und alle verschwanden bis auf die junge Frau mit blonden Locken und den rosigen Wangen, die vorher schon dagewesen war. Sie setzte sich auf einen Stuhl neben ihn und lächelte.

Wie seltsam es war, diesem Menschen gegenüberzusitzen, den sie jahrelang gepflegt hatte, ohne jemals ein Zeichen von Erkennen bemerkt zu haben. Zu sehen, wie er sich bewegte, wie er sprach. Ein wenig war es, dachte Irene Kocic, als sei der Kinderwunsch in Erfüllung gegangen, die Lieblingspuppe möge zum Leben erwachen. Sie hatte nicht wirklich daran geglaubt, und doch war es passiert.

Ob er sich an irgend etwas erinnerte aus dem Koma? Ob er wußte, wer sie war und daß sie sich um ihn gekümmert hatte? So etwas kam vor. Zumindest hatte sie davon gelesen.

Falls er sie erkannte, zeigte er es nicht. Es sei denn, man nahm sein stillschweigendes Einverständnis mit ihrer Anwesenheit als eine Art Erkennen. Er saß da, das Rückenteil hochgestellt, fünf Kissen unter sich, und war in die Betrachtung seiner rechten Hand vertieft. Er drehte sie langsam, um sie von allen Seiten zu betrachten, die Finger bebten dabei, die Bewegung war eckig, aber es ging besser als noch kurz zuvor.

Sein Blick blieb an dem goldenen Ring um seinen Ringfinger hängen. »Was ist das?« fragte er.

»Ihr Ehering«, sagte sie.

»Was bedeutet das?« wollte er wissen, doch etwas in ihm fand die Antwort selber: »Daß ich verheiratet bin. Nicht wahr? Ich habe … eine Frau.«

Sie nickte. »Ja. Sie kommt morgen.« Als sie den verwirrten Ausdruck in seinen Augen bemerkte, fragte sie: »Erinnern Sie sich an Ihre Frau, Herr Abel?«

»Nein«, sagte er, schüttelte den Kopf und korrigierte: »Doch, ja. Ich erinnere mich. Es ist nur …« Er blinzelte, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ist das mein Name? Abel?«

»Ja. Bernhard Abel.«

Etwas wie Entsetzen stand in seinem Gesicht. Er starrte angestrengt auf das Fußende seines Bettes, nicht, als sähe er dort etwas Bestimmtes, vermutlich hätte er genausogut auf jeden anderen Punkt im Raum starren können, sondern so, als beschäftige ihn das Gehörte ungeheuer. Einen schrecklichen Augenblick lang fürchtete sie, ihn erneut zu verlieren, hilflos zusehen zu müssen, daß er zurückglitt in das lichtlose Gefängnis, in dem er über vier Jahre zugebracht hatte. Doch endlich blinzelte er, stieß die Luft mit seufzendem Keuchen aus. »Abel«, wiederholte er.

»Genau.«

Er sah sie an. »Das ist … seltsam.« Er suchte nach Worten, bewegte minutenlang stumm den Mund, als probiere er sein Vokabular durch. »Da ist etwas schiefgegangen.«

Etwas Unheilvolles lag in der Art und Weise, wie er das sagte. Irene Kocic schluckte unbehaglich, wollte das bedrohliche Gefühl verscheuchen. »Wieso denken Sie, daß etwas schiefgegangen ist?« fragte sie.

»Weil ich mir sicher bin, daß das nicht mein Name ist«, sagte der Mann. »Bernhard Abel – das bin ich nicht.«

Fortsetzung folgt …

18. Oktober 2001
In Afghanistan sind erstmals US-Spezialeinheiten auch am Boden eingesetzt.

21. Oktober 2001
Die französische Astronautin Claudie Haignière startet von Baikonur aus als erste Europäerin zur Internationalen Raumstation ISS.

FOLGE 4

ICH DACHTE, DEIN Mann hat dich verlassen.«

»Das hat er ja in gewisser Weise auch.«

»Also entschuldige. Einen Schlaganfall kriegen und ins Koma fallen ist doch nicht dasselbe wie seine Frau zu verlassen.«

Evelyn Abel klappte die Sonnenblende herab und überprüfte ihr Aussehen in dem kleinen Spiegel darin. Zum zehnten Mal, seit sie hier standen. »Für mich ist es aufs Gleiche herausgekommen.«

»Du hättest mir davon erzählen sollen.«

Sie klappte die Blende wieder hoch und sah ihn von der Seite an. Wolfgang hielt das Lenkrad umklammert, sah geradeaus, und sein Kinn schob sich mit winzigen Zuckungen hin und her. »Ich wollte nicht mehr an ihn denken, okay?« Sie seufzte unwillig und sah hinaus, über den sorgfältig gepflegten Rasen, der sich rund um die Klinik erstreckte. »Zuerst haben sie mir Hoffnungen gemacht. Ein paar Wochen, hieß es. Irgendwann waren es Monate, und ich habe immer noch gewartet. Bis eine Ärztin mir das mal erklärt hat, daß er wahrscheinlich nicht mehr aufwachen wird, wenn das Koma länger dauert als ein Jahr. Und wenn, daß er geistig schwer behindert sein kann. Ich weiß genau, daß Bernhard das ein Greuel gewesen wäre, und dann dachte ich, es ist besser so, wie es ist. Daß er eben so dahindämmert und irgendwann stirbt.«

Wolfgang warf ihr einen entsetzten Blick zu. »Scheiße«, murmelte er mit einer wie flachgepreßt klingenden Stimme. »Ich dachte, aus ’nem Koma … da holen sie einen irgendwann auf jeden Fall wieder raus …?«

»Tja. Falsch gedacht. Sie können eine Menge machen, aber im Griff haben sie es nicht. Sie können nicht mal vorhersagen, ob einer wieder zu sich kommt oder nicht. Im ersten Jahr – ich glaube, ich habe ein halbes Medizinstudium gemacht. Wachkoma. Apallisches Syndrom. Basale Stimulation. Multisensorisches Konzept. Ich bin bei ihm am Bett gesessen und habe ihm aus seinen Computerzeitschriften vorgelesen, die immer noch gekommen sind, weil ich es nicht fertiggebracht habe, die Abos zu kündigen. Doch, man kann eine Menge machen. Es kostet bloß auch eine Menge.« Sie strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Ich hab’ gedacht, mich trifft selber der Schlag, als ich gesehen habe, was das alles kostet.«

»Aber für so was gibt es doch Versicherungen.«

»Ja, toll. Bernhards tolle teure private Krankenversicherung hat ihn so früh wie möglich zum Dauerpflegefall erklären lassen und an die Pflegeversicherung abgeschoben. Und was die zahlen, das reicht für gar nichts.« In ihrer Stimme zitterte etwas mit, das ein Wutanfall werden mochte oder pure Verzweiflung war. »Ich habe nicht immer in einer billigen kleinen Dreizimmerwohnung an der Hauptverkehrsstraße gewohnt und in einer Parfümerie gearbeitet, weißt du? Bernhard hat gut verdient. Er war Computerspezialist, ist in der ganzen Welt herumgekommen, in Saudi-Arabien, in Japan, den USA … Seinen Mercedes habe ich als erstes verkauft. Weil ein Auto schnell an Wert verliert. Das Geld dafür hat gerade die Zeit überbrückt, die ich gebraucht habe, um unsere Ferienwohnung bei Alicante zu einem einigermaßen guten Preis loszuwerden. Ich habe immer gehofft, daß ich das Haus behalten kann, wenigstens das Haus, habe ich gedacht.« Sie atmete aus, das Beben in ihrer Stimme verlor sich etwas. »Den größten Teil der Möbel mußte ich auch verkaufen, als es so weit war. Ich konnte sie ja nicht alle unterbringen auf sechsundsechzig Quadratmeter.« Sie preßte die Faust vor den Mund in dem Versuch, ein Schluchzen zu unterdrücken. »Und jetzt, gerade als das ganze Geld aufgebraucht ist, wacht er wieder auf!«

Ein Moment des Schweigens trat ein. Man hörte den Motor knacken. Wolfgang sah sie beunruhigt an. Er hatte rauchblaue, weit auseinanderstehende Augen, und wenn ihn etwas beunruhigte, schien jedes davon ein Eigenleben zu entwickeln. »Soll ich heute abend überhaupt noch mal kommen?« fragte er schließlich. »Oder war’s das?«

Sie sah auf ihre Hände hinab, die ihre Handtasche umschlossen, und betrachtete den schmalen Ring mit dem Diamanten. Den hatte Bernhard ihr zu Theresas Geburt geschenkt, und sie trug ihn heute zum ersten Mal wieder seit dem Tag, an dem sie die Hausschlüssel hatte hergeben müssen. Seither war sie nicht mehr in der Klinik gewesen. Sie hatte die Rechnungen bezahlt, diese horrenden Beträge, hatte voller Schuldgefühle gehofft, daß er sterben würde, ehe alles Geld aufgebraucht war, und versucht, so zu leben, als sei er schon tot.

»Ich geh’ jetzt da rein«, sagte sie mit einem wunden Gefühl in der Brust, »und sage ihm, daß ich die Scheidung will.«

Fortsetzung folgt …

22. Oktober 2001
Zum ersten Mal seit dem Unglück vom Juli 2000 fliegt wieder eine Concorde von London nach New York.

24. Oktober 2001
Die US-amerikanische Raumsonde »Odyssee« erreicht den Mars. Zu den wichtigsten Zielen der Mission gehören die Suche nach Wasser auf dem roten Planeten sowie die Erkundung von möglichen Landeplätzen.

FOLGE 5

SIE STAND VOR dem grauen Plattenweg, den sie so lange Zeit jeden Tag gegangen war und dann so lange Zeit nicht mehr. Alles sah noch aus wie damals. Immer noch ragte die Klinik traurig-trotzig über der in Bäume und Büsche gehüllten Villensiedlung auf. Evelyn Abel war plötzlich, als habe sie die Jahre ihres selbständigen Lebens nur geträumt.

Sie tat den ersten Schritt, und dann noch einen und noch einen, bis sie beim Haupteingang anlangte und die gläsernen Schiebetüren mit jenem diensteifrigen Ächzen vor ihr auffuhren, das sie unter allen Geräuschen dieser Welt wiedererkannt hätte. Für einen Moment vermischte der Duft der Blumen draußen sich mit dem Geruch des Krankenhauses, dem Mief aus Desinfektionsmitteln und menschlichen Ausdünstungen, und sie fühlte sich endgültig in die Vergangenheit zurückkatapultiert. In eine Zeit, in der ihr Leben zwar nicht in Ordnung, aber voller Hoffnung gewesen war.

Heute, erkannte sie mit jähem Schmerz, war es genau umgekehrt.

Sie hätte sich blind zurechtgefunden. Am Empfang vorbei, durch den verglasten Gang hinüber in das flache Nebengebäude, dessen Wände hellgelb gestrichen waren und trotzdem wie die eines Gefängnisses wirkten. Station C1. Noch immer herrschte hier gespenstische Ruhe, genau wie damals, als sie jeden Tag hiergewesen war, um mit Bernhard zu sprechen, ihn zu berühren, unter Anleitung der Pfleger seltsame Übungen mit ihm zu machen: ihm die Beine zu schienen und ihn zusammen mit einem Helfer auf die Füße

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