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Evolution der Leere

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. 1
  6. Justine: Reset Jahr drei
  7. 2
  8. Inigos sechzehnter Traum
  9. Zwei Minuten später war alles vorbei.
  10. 3
  11. Inigos einundzwanzigster Traum
  12. 4
  13. Inigos sechsundzwanzigster Traum
  14. 5
  15. Inigos neunundzwanzigster Traum
  16. 6
  17. Inigos dreiunddreißigster Traum
  18. 7
  19. Inigos siebenundvierzigster Traum: Der Triumph des Waterwalkers
  20. 8
  21. Inigos letzter Traum
  22. 9
  23. Justine: Jahr fünfundvierzig
  24. 10
  25. Justine: Jahr fünfundvierzig, Tag einunddreißig
  26. 11
  27. 12
  28. Über den Autor

Für Felix F. Hamilton,
der zu Beginn der Void-Trilogie ankam.
Keine Angst, Daddys Welt ist nicht wirklich so.

1

Das Raumschiff hatte keinen Namen. Auch keine Seriennummer, nicht einmal eine Markierung. Es war nur ein einziges seines Typs jemals konstruiert worden. Und da niemals ein weiteres gebraucht werden würde und eine Kennzeichnung unnötig war, war es schlicht und einfach: Das Schiff.

Mit neunundfünfzig Lichtjahren in der Stunde raste es durch die Substrukturen der Raumzeit, das schnellste fliegende Etwas, das je von Menschenhand gebaut worden war. Die Navigation bei dieser ungeheuren Geschwindigkeit geschah mittels Quanteninterstitien-Ähnlichkeitsinterpretation, durch die sich die relative Position von Masse draußen im realen Universum bestimmen ließ. Dies verringerte den Einsatz von ordinärem Sysradar oder irgendwelchen anderen Sensoren, die möglicherweise von außen erfasst werden konnten. Der extrem hochentwickelte Ultra-Antrieb, über den das Schiff verfügte, hätte vielleicht sogar noch höhere Geschwindigkeiten erreicht, wäre nicht ein beträchtlicher Teil seiner phänomenalen Energie zur Fluktuationsunterdrückung genutzt worden. Das bedeutete, dass es in den Quantenfeldern keine verräterischen Verzerrungen gab, die anderen Raumschiffen, welche die Absicht haben mochten, es zu verfolgen, seine Position preisgeben konnten.

Ebenso bemerkenswert wie seine hervorragende Tarnfähigkeit war die Größe des Schiffs: ein dicker Ovoid von hundert Metern Länge und zweihundert Metern Durchmesser in der Mitte. Doch sein wirklicher Vorzug lag in seiner Feuerkraft; es gab Waffen an Bord, die imstande waren, ein halbes Dutzend Commonwealth-Navy-Schiffe der Capital-Klasse auszuschalten, noch bevor diese dazu kamen, sich aus ihrem Standby-Modus herauszuwagen. Waffen, die nur ein einziges Mal erprobt worden waren. Um sie ohne die Gefahr einer Ortung zu testen, hatte das Schiff mehr als zehntausend Lichtjahre zwischen sich und das Commonwealth gebracht. Noch in Jahrtausenden würden die primitiven Alien-Zivilisationen in jenem Teil der Galaxis die schillernden Nebel, die sich über die interstellaren Öden ausdehnten, als Gottheiten verehren.

Selbst jetzt, da sie in der sterilen halbkugelförmigen Kabine des Schiffs saß und die bildliche Darstellung der Flugroute still in ihrer Exosicht spielte, sah Neskia die Sterne noch vor sich, wie sie mit einem fast ängstlichen Zittern auseinandergebrochen waren. Es war eine Sache, die geheime Fertigungsstation für die Accelerator-Fraktion zu leiten und dabei Schiffe und Geräte an diverse Agenten und Repräsentanten zu verteilen. Das war leicht: ein kaltes Räderwerk, das mit einer Präzision funktionierte, auf die sie stolz sein konnte. Doch die Waffen im Einsatz zu sehen, war ein kleines bisschen anders. Sie war von einer Unruhe erfüllt, wie sie sie seit über zweihundert Jahren nicht mehr verspürt hatte, seit damals, als sie Higher geworden war und ihre geistige Migration in die Wege geleitet hatte. Nicht, dass sie ihren Glauben an die Accelerators in Frage stellte, nein, es war einfach das schlichte Wirkungspotenzial der Waffen, das ihr auf irgendeiner primitiven Ebene, die sich nie gänzlich aus der menschlichen Psyche verbannen ließ, zu schaffen machte. Die gewaltige Schlagkraft, über die sie allein gebot, machte ihr Angst.

Andere Elemente ihrer tierhaften Vergangenheit dagegen waren still und erfolgreich ausgelöscht worden. In erster Linie durch Biononics und die Übernahme der Higher-Lebensphilosophie, was darin gipfelte, dass sie sich die Grundsätze der Accelerator-Fraktion zu eigen gemacht hatte. Dann hatte sie sich, wie um ihre neuen Überzeugungen zu unterstreichen, zu einer unterschwelligen Ablehnung ihrer bestehenden körperlichen Daseinsform bekannt. Ihre Haut changierte jetzt in einem metallischen Grau, die Epidermalzellen waren von einer zeitgemäßen semiorganischen Faser durchdrungen, die sich in perfekter Symbiose anpasste. Das Gesicht, das, als sie jung gewesen war, so viele Männer veranlasst hatte, sich bewundernd nach ihr umzusehen, hatte jetzt ein effizienteres, flacheres Profil; mit großen runden Augen, die modifiziert worden waren, um über eine Vielzahl an Spektren zu sehen. Außerdem war ihr Hals gestreckt worden, sodass dessen erhöhte Flexibilität ihrem Kopf nun eine wesentlich größere Beweglichkeit verlieh. Die Muskeln unter ihrer sanft schimmernden Haut waren auf ein Maß verstärkt worden, das es ihr erlaubte, es mit einem irdischen Panther im Beutejagdsprint aufzunehmen, und das noch bevor ihre biononischen Kräfte in Aktion getreten wären.

Doch die größte Entwicklung hatte ihr Geist durchlaufen. Sie hatte auf ein bioneurales Profiling verzichtet, ganz einfach, weil sie für ihre Überzeugungen keine genetische Festigung brauchte. Verehrung war für Denkprozesse ein unbeholfener Begriff, doch zweifellos war sie ihrer Sache voller Hingabe ergeben. Auf einer durch und durch emotionalen Ebene hatte sie sich den Accelerators völlig verschrieben. Die alten menschlichen Belange und biologischen Zwänge tangierten sie schlicht und einfach nicht mehr: Ihr Intellekt kreiste einzig und allein um die Fraktion und deren Ziele. In den letzten fünfzig Jahren waren die Projekte und Pläne der Fraktion das Einzige gewesen, das Befriedigung oder Leid in ihr ausgelöst hatte. Ihre Eingliederung war total, sie war der Inbegriff acceleratoreigener Werte. Das war der Grund dafür, warum sie ausgesucht worden war, das Schiff für die Fraktionsführerin, Ilanthe, auf dieser Mission zu fliegen. Das, und nur das, machte sie zufrieden.

Das Schiff begann abzubremsen, als sie sich den Koordinaten näherten, mit denen Neskia den Smartcore gefüttert hatte. Die Geschwindigkeit sank, bis es inaktiv in transdimensionaler Suspension hing, während die Navigationsdisplays das dreiundzwanzig Lichtjahre entfernte Sol-System anzeigten. Die Distanz war ausreichend. Sie befanden sich außerhalb des weitgespannten Sensorennetzes, das die Geburtswelt der Menschheit umgab, und sie konnte doch in weniger als dreißig Minuten dort sein.

Neskia befahl dem Smartcore, einen Passivscan durchzuführen. Abgesehen von interstellarem Staub und einem seltsamen kalten Kometen gab es innerhalb von drei Lichtjahren keinerlei erkennbare Masse. Dort waren mit Sicherheit keine Schiffe. Allerdings fing der Scan eine winzige eigentümliche Anomalie auf, die Neskia ein kleines selbstzufriedenes Lächeln abrang. Rings um das Schiff hielten sich Ultra-Antriebe in transdimensionaler Suspension, nicht zu orten außer für dieses eine, gezielte Signal. Man musste wissen, wonach man suchte, um es zu finden, und niemand würde hier draußen nach irgendwas suchen, ganz zu schweigen von Ultra-Antrieben. Das Schiff bestätigte, dass dort achttausend Maschinen Position hielten und auf Anweisungen warteten. Neskia stellte eine Kommunikationsverbindung zu ihnen her und führte eine rasche Funktionskontrolle durch. Der Schwarm war bereit.

Sie machte es sich bequem und wartete auf Ilanthes nächsten Anruf.

Die Sitzung des ExoProtectorate Council wurde geschlossen, und Kazimir unterbrach die Verbindung zu dem perzeptuellen Konferenzraum. Er war allein in seinem Büro oben im Pentagon II und wusste sich keinen Ausweg. Die Abschreckungsflotte musste losgeschickt werden – das war jetzt nicht mehr die Frage. Nur sie war in der Lage, mit der anrückenden Ocisen-Armada fertigzuwerden, ohne dass es auf beiden Seiten zu inakzeptablen Verlusten kam. Und wenn durchsickerte, dass die Ocisen von Prime-Schlachtschiffen unterstützt wurden … Und das würde es. Dafür würde Ilanthe schon sorgen.

Ich habe keine Wahl.

Ein letztes Mal glättete er, während er zu dem großen Panoramafenster hinüberging, die aufsässige silberne Kragentresse an seiner Ausgehuniform und blickte hinunter auf die üppige Parklandschaft des Babuyan Atoll. Ein sanftes Leuchten schimmerte auf ihn herab, ausgehend von der Kristallkuppel, die sich am Himmel über ihm spannte. Dennoch konnte Kazimir durch die simulierte Dämmerung noch Icalanises Sichel erkennen. Ein Anblick, den er während seiner Amtszeit unzählige Male geschaut hatte. Er hatte ihn immer als selbstverständlich genommen. Jetzt fragte er sich, ob er ihn wohl jemals wiedersehen würde. Für einen wahren Mann des Militärs war das kein ungewöhnlicher Gedanke, tatsächlich befand er sich damit in namhafter Gesellschaft.

Sein U-Shadow öffnete einen Link zu Paula. »Wir bringen die Abschreckungsflotte gegen die Ocisen in Stellung«, teilte er ihr mit.

»Oh je. Ich schätze, die letzte Kapermission hat also nicht funktioniert?«

»Nein. Das Prime-Schiff ist explodiert, als wir es aus dem Hyperraum geholt haben.«

»Verdammt. Suizid sieht den Prime gar nicht ähnlich.«

»Sie wissen das, ich weiß das. Und ANA:Regierung weiß es natürlich auch, aber wie immer braucht es Beweise, keine Indizien.«

»Werden Sie mit der Flotte fliegen?«

Kazimir konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wenn du nur wüsstest. »Ja. Ich fliege mit.«

»Viel Glück. Ich möchte, dass Sie versuchen, den Spieß herumzudrehen. Die werden bestimmt da draußen sein und alles beobachten. Irgendeine Chance, dass Sie sie zuerst entdecken?«

»Wir werden’s auf jeden Fall versuchen.« Blinzelnd spähte er nach den Industriestationen, die den High Angel umkreisten, ein dünnes, glitzerndes Band vor dem Feld der Sterne. »Ich hab’ das von Ellezelin gehört.«

»Ja. Digby konnte nichts machen. ANA schickt ein forensisches Team. Wenn es ihnen gelingt herauszufinden, was Chatfield bei sich gehabt hat, können wir die Accelerators vielleicht vor Gericht schleppen, bevor Sie die Ocisen-Flotte erreichen.«

»Das glaube ich nicht. Aber ich habe ein paar Neuigkeiten für Sie.«

»Ja?«

»Die Lindau hat das Hanko-System verlassen.«

»Mit welchem Ziel?«

»Das ist eine höchst interessante Sache. Soweit ich es feststellen kann, sind sie zum Spike unterwegs.«

»Zum Spike? Sind Sie sicher?«

»Dafür spricht jedenfalls die Projektion ihres gegenwärtigen Kurses. Er ist inzwischen seit sieben Stunden stabil.«

»Aber das … Nein.«

»Warum nicht«, fragte Kazimir, leicht amüsiert über die Reaktion des Investigators.

»Ich glaube einfach nicht, dass Ozzie sich noch einmal in die Belange des Commonwealth einmischen würde, nicht so. Und er hat ganz gewiss niemals jemanden beschäftigt wie Aaron.«

»Okay, in dem Punkt gebe ich Ihnen recht. Aber es gibt noch andere Menschen im Spike.«

»Ja, stimmt. Wie wär’s mit einem Namen?«

Kazimir gab auf. »Wie ist also Ozzies Verbindung?«

»Keine Ahnung.«

»Die Lindau fliegt nicht so schnell, wie sie könnte. Wahrscheinlich ist sie auf Hanko beschädigt worden. Sie könnten spielend vor ihnen am Spike sein, oder sie sogar aufhalten.«

»Verlockend, aber darauf lasse ich mich nicht ein. Ich hab schon viel zu viel Zeit mit meinen persönlichen Obsessionen vergeudet, noch eine sinnlose Verfolgung kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr riskieren.«

»Na schön. Nun, ich werde in den nächsten paar Tagen ziemlich beschäftigt sein. Aber wenn es sich um einen echten Notfall handelt, können Sie mich jederzeit kontaktieren.«

»Danke. Zuallererst muss ich mich jetzt darum kümmern, den Zweiten Träumer zu finden.«

»Viel Glück damit.«

»Ihnen auch, Kazimir. Viel Erfolg.«

»Danke.« Nachdem er den Link zu Paula unterbrochen hatte, blieb er einige Sekunden am Fenster stehen. Dann aktivierte er seine biononische Feldinterface-Funktion, die mit der T-Sphäre der Navy vernetzt war. Er teleportierte zum Wurmlochterminus, der sich im Orbit um das gigantische Alien-Archenschiff befand, und kam über diesen wenig später an der Kerensk-Endstelle heraus. Ein weiterer Teleportsprung, und er befand sich in Hevelius Island, einer der schwebenden T-Sphären-Stationen der Erde, siebzig Kilometer über dem Südpazifik.

»Bereit«, teilte er ANA:Regierung mit.

ANA öffnete daraufhin das zugangsbeschränkte Wurmloch nach Proxima Centauri, vier Komma zwei Lichtjahre entfernt, und Kazimir trat hindurch.

Das Alpha-Centauri-System war, als Ozzie und Nigel dort 2053 ihr erstes Langstreckenwurmloch freigegeben hatten, eine herbe Enttäuschung gewesen. Angesichts der Doppelsterne der G- und K-Klasse und der Planeten, die mittels herkömmlicher Astronomie bereits entdeckt worden waren, hatte jedermann gehofft, dort H-kongruente, für die menschliche Besiedelung geeignete Welten zu finden. Es gab keine. Doch nachdem sie nun den Beweis erbracht hatten, dass es möglich war, Wurmlöcher über interstellare Distanzen einzurichten, fuhren Ozzie und Nigel damit fort, sich Gelder für die Company zu sichern, die bald schon zu Compression Space Transport wurde und den Grundstein für das Commonwealth legte. Nach Alpha Centauri kehrte niemand je zurück, und im Proxima-Centauri-System war nie jemand überhaupt gewesen. Mit seinem kleinen M-Klasse-Stern würde es niemals einen H-kongruenten Planeten besitzen. Und genau das hatte es für ANA zum idealen Ort gemacht, die »Abschreckungsflotte« zu bauen und zu stationieren.

Kazimir materialisierte im Zentrum einer schlichten durchsichtigen Kuppel mit einem Durchmesser von zwei Kilometern an der Basis. Ein winziges Bläschen auf der Oberfläche eines öden, luftlosen Planeten, der in einer Entfernung von fünfzig Millionen Kilometern seine Umlaufbahn um den kleinen roten Zwerg zog. Die Schwerkraft betrug etwa zwei Drittel Standard. Niedrige Hügel schufen ringsum einen zerknitterten Horizont. Der graubraune Regolith verkleckste unter Proximas wirkungsloser Strahlung zu einem trostlosen Rostrot.

Seine Füße standen auf etwas, das mattes, graues Metall zu sein schien. Nur dass sich die nichtssagende Fläche jedes Mal, wenn er versuchte, seinen Schwerpunkt zu verlagern, wegbog, so als würde irgendetwas seine Stiefelsohlen von der physikalischen Struktur trennen. Seine biononische Feldscanfunktion verriet ihm, dass sich um ihn herum gewaltige Kräfte zu regen und aus dem eigenartigen Boden nach oben zu steigen begannen.

»Sind Sie bereit?«, fragte ANA:Regierung.

Kazimir biss die Zähne zusammen. »Tun Sie’s.«

Wie Kazimir sowohl Gore als auch Paula versichert hatte, war die Abschreckungsflotte kein Bluff. Sie stellte den Höchststand von ANAs technologischen Fähigkeiten dar und konnte sich durchaus mit den Schiffen der Krieger-Raiel messen. Trotzdem musste er zugeben, dass es eine leichte Übertreibung war, sie eine Flotte zu nennen.

Zwangsläufig hatte sich die Frage gestellt, wem man ein so enormes Aufgebot an Feuerkraft anvertrauen sollte. Je mehr Crewmitglieder involviert waren, umso größer war die Wahrscheinlichkeit eines Missbrauchs oder einer Unterwanderung durch eine der Fraktionen. Ironischerweise lieferte die Technologie selbst die Antwort. Sie bedurfte nur eines einzigen steuernden Bewusstseins. ANA lehnte es aus ethischen Gründen ab, das Kommando selbst zu übernehmen, da dies in Essenz bedeutet hätte, zu Allmacht aufzusteigen. Also fiel die Aufgabe immer dem Chief Admiral zu.

Die Kräfte im Innern der Basis schwärmten um Kazimir herum, stürzten wie eine Flutwelle auf ihn ein; lasen ihn auf einem Quantenniveau aus und konvertierten dann die Erinnerung. Kazimir veränderte sich: Seine rein stoffliche Struktur verwandelte sich in eine äquivalente energetische Funktion, verkapselt in einem einzigen Punkt, der in die Raumzeit eindrang. Seine »Masse«, die Energiesignatur, die er erhalten hatte, war tief in die Quantenfelder gehüllt; sie machte sich ein ähnliches Konstruktionsprinzip zunutze wie das von ANA selbst. Die Signatur enthielt sein Bewusstsein und seine Erinnerung sowie einige wesentliche Manipulator- und Sinnesfähigkeiten, und anders als ANA war sie kein Fixpunkt.

Mit seinen neuen Wahrnehmungsfunktionen untersuchte Kazimir das interspatiale Gitter, das ihn augenblicklich umgab, und sichtete die wartende Menge transformierter Funktionen, die in der komplexen Exotische-Materie-Vorrichtung der Kuppel abgespeichert waren. Er suchte sich die heraus, die er für seine Mission vielleicht benötigen würde, und band sie in seine eigene Signatur ein: ein Vorgang, den er immer mit der Prozedur verglich, wenn ein Soldat aus grauer Vorzeit durch eine Rüstkammer ging und Waffen und Schilde aus den Regalfächern zog.

Schlussendlich integrierte er achthundertsiebzehn Funktionen in seine Primärsignatur. Funktion siebenundzwanzig war eine FTL-Tauglichkeit, die es ihm gestattete, seine komplette Energiesignatur durch den Hyperraum zu bewegen. Da er in dem Sinne keine Masse mehr besaß, würde die Geschwindigkeit, die er erreichen konnte, um ein Zigfaches über der eines Ultra-Antriebs liegen.

Kazimir startete von dem namenlosen Planeten und nahm mit hundert Lichtjahren in der Stunde Kurs auf die Flotte der Ocisen. Dann beschleunigte er.

Der Delivery Man lächelte dem Steward zu, der durch die Kabine ging und die Getränke der Passagiere einsammelte, während das Schiff sich auf den Eintritt in die Planetenatmosphäre vorbereitete. Eigentlich war dies ein Job, der eher einem Bot oder einem eingebauten Abfallschacht angestanden hätte. Aber die Linienfluggesellschaften unterhielten stets eine menschliche Crew. Die überwältigende Mehrheit der Menschen (der Non-Higher jedenfalls) schätzte dieses bisschen persönlichen Kontakt während der Reise. Außerdem sorgte eine menschliche Belegschaft für einen zusätzlichen Hauch von Noblesse, von Vornehmheit einer längst vergangenen Epoche.

Als die Atmosphäre um sie herum dichter wurde, griff er auf die Schiffssensoren zu. Es regnete auf Fanallistos zweitgrößtem südlichen Kontinent. Eine gewaltige Masse metallisch grauer Wolken begleitete ihren Weg landeinwärts, von Winden gepeitscht, die über den leeren Weiten der antarktischen See eine beängstigende Geschwindigkeit aufgebaut hatten. Städte schalteten die Kraftfelder ihrer Wetterkuppeln ein, so heftig war der Regen. Flutwarnungen gingen an die expandierenden Agrarzonen heraus.

Fanallisto befand sich in seinem zweiten Jahrhundert der Erschließung. Ein hinreichend freundlicher Planet, unscheinbar am Sternenzelt der Externen Welten. Er besaß eine Bevölkerung von zehn Millionen, konzentriert auf relativ reizlose urbane Regionen. In jeder von ihnen gab es einen offiziellen Living-Dream-Repräsentanten sowie eine beträchtliche Anzahl von Jüngern. Die geplante Pilgerfahrt rief bei den Einwohnern ein hohes Maß an Spannungen und Unfrieden hervor, eine Situation, die durch die jüngsten Ereignisse auf Viotia nicht eben entschärft wurde. Mit jedem Tag, den die Krise andauerte, nahm die Zahl der tätlichen Übergriffe auf die Gefolgsleute von Living Dream zu.

An sich stellte das nichts Außergewöhnliches dar. Dergleichen Konflikte griffen im gesamten Commonwealth zunehmend um sich. Allerdings waren den Ausschreitungen auf Fanallisto in mehreren Fällen Menschen, die über Biononics verfügten, entgegengetreten. Und daher hätte die Conservative-Fraktion liebend gerne gewusst, was denn so Besonderes an Fanallisto war, dass es der Hilfe und des Schutzes mutmaßlicher Accelerator-Agenten bedurfte.

Wie er der Fraktion unmissverständlich klar gemacht hatte, war das dem Delivery Man völlig egal. Ungeachtet dessen befand sich jedoch derzeit ein Agent der Conservative-Fraktion auf Fanallisto, und die Standardvorschriften für Feldeinsätze sahen vor, für eine unabhängige Rückzugsunterstützung zu sorgen. Das war der Grund, warum der Delivery Man vom Purlap-Raumhafen nicht direkt zurück nach London geflogen war. Stattdessen hatte er einen Flug nach Trangor genommen und das nächste Raumschiff nach Fanallisto erwischt. Wenigstens war er nicht Teil der aktiven Operation. Der andere Agent wusste nicht einmal, dass er auf dem Weg war.

Der Linienraumer sank durch die durchnässte Atmosphäre und landete auf dem Raumhafen von Rapall. Zusammen mit den anderen Passagieren ging der Delivery Man von Bord und holte in der Abfertigungshalle sein Gepäck ab. Auf Regrav schwebten die beiden mittelgroßen Koffer hinter ihm her und verstauten sich eigenständig im Frachtraum eines Taxis. Sodann befahl er dem Taxi, ihn in das Gewerbegebiet der Stadt zu bringen, eine kurze Fahrt in der kleinen Regrav-Kapsel, während sie unter der Kraftfeldkuppel umherflitzte. Von dort aus begab er sich zu Fuß zu einem weiteren Taxistand und flog, eine andere Identität benutzend, hinüber zum Foxglove-Hotel auf der Ostseite der Stadt.

Einen dritten Identitätsnachweis und einen nicht rückverfolgbaren Credit-Jeton verwendend, mit dem er für zehn Tage im Voraus bezahlte, checkte er ein für Zimmer 225. Er brauchte knapp vier Minuten, um den Cybersphären-Nodus des Raumes zu infiltrieren, in den er diverse Routinen installierte, die das Zimmer so aussehen ließen, als würde es benutzt. Ein hübscher professioneller Touch, wie er fand. Die kleine Kücheneinheit würde Mahlzeiten produzieren, die der Maidbot dann morgens, wenn er seinen täglichen Besuch abstattete, um das Zimmer herzurichten, in der Toilette herunterspülte. Die Sporendusche würde zum Einsatz kommen, ebenso wie einige andere Sanitärvorrichtungen; die Raumtemperatur würde von der Klimaanlage gesenkt und angehoben werden und der Nodus über die Unisphäre ein paar Anrufe tätigen. Der Energieverbrauch würde schwanken.

Anschließend schob er zum Schein seine beiden Koffer in den einzelnen Schrank und schaltete ihren Sicherungsmechanismus ein. Was immer sich auch in ihnen befand, er wollte es gar nicht wissen; obwohl er auf ziemlich offensives Einsatzgerät tippte. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sie ordnungsgemäß funktionierten, verließ er das Zimmer und rief sich ein Taxi vor die Lobby des Hotels. Nicht er würde hierher zurückkehren, um die Koffer abzuholen – das würde ein Muster ergeben. Er war froh und dankbar für diese Einsatzvorschrift. Nach Justines letztem Traum wollte er nur noch zu seiner Familie zurück. Er hatte bereits entschieden, in den nächsten paar Wochen jedes weitere Ansinnen der Conservative-Fraktion rigoros abzulehnen, ganz egal, welches Horrorszenario sie ihm ausmalten und wie nett sie ihn baten. Die Ereignisse liefen auf einen Höhepunkt zu, und da gab es nur einen Ort, an dem ein richtiger Vater jetzt sein sollte.

Die Glasschleiertüren der Lobby teilten sich und ließen ihn hindurch. Das Taxi wartete bereits auf ihn, ein paar Zentimeter über dem Betonfeld draußen schwebend. Er hatte es noch nicht ganz erreicht, als die Conservative-Fraktion anrief.

Ich werde nein sagen, schwor er sich. Was immer es ist.

Er setzte sich in den geschwungenen Sitz des Taxis, gab dem Smartcore die Anweisung, ihn ins Stadtzentrum zu bringen, und nahm dann den Anruf entgegen. »Ja?«

»Die Abschreckungsflotte ist auf dem Weg«, sagte die Conservative-Fraktion.

»Es wundert mich, dass es so lange gedauert hat. Die Leute werden langsam nervös wegen der Ocisen, und sie wissen noch nicht einmal von den Prime.«

»Wir glauben, dass der ganze Einsatz von den Accelerators forciert worden ist.«

»Warum? Was könnten sie davon haben?«

»Sie würden endlich erfahren, worum es sich bei der Abschreckungsflotte genau handelt.«

»Okay, und inwieweit hilft ihnen das?«

»Das wissen wir nicht. Aber es muss äußerst wichtig für ihre Pläne sein. Sie haben beinahe alles riskiert, damit dieser Fall eintritt.«

»Das Spiel ändert sich«, erwiderte der Delivery Man matt. »Das hat Marius zu mir gesagt: Das Spiel ändert sich. Ich dachte, er würde von Hanko reden.«

»Offensichtlich nicht.«

»Dann treten wir also wirklich in eine kritische Phase?«

»So sieht es aus.«

Augenblicklich wurde der Delivery Man argwöhnisch. »Ich übernehme nichts mehr für euch. Nicht im Moment.«

»Das wissen wir. Deshalb rufen wir an. Wir denken, dass Sie es verdient haben, davon zu erfahren. Wir können nachvollziehen, wie viel Ihnen Ihre Familie bedeutet und dass Sie bei ihr sein möchten.«

»Ah. Danke.«

»Wenn Sie wieder in einen aktiveren Status zurückkehren wollen –«

»Lasse ich’s Sie wissen. Hat mein Ersatzmann Marius’ Verfolgung übernommen?«

»Einsatzinformationen unterliegen der Geheimhaltung.«

»Natürlich. Tut mir leid.«

»Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe.«

Der Delivery Man setzte sich auf, als das Gespräch abrupt endete. »Verdammt.« Die Abschreckungsflotte! Die Sache wurde langsam ernst, um nicht zu sagen potenziell tödlich. Er befahl dem Taxi, auf direktem Wege zum Raumhafen zu fliegen. Zum Teufel mit der Vorschrift. Der Flug, der für seine Abreise gebucht war, würde erst in zwei Stunden gehen. Binnen kürzester Zeit machte sein U-Shadow das erste Schiff zu einer Zentralwelt aus. Ein PanCephei-Line-Flug nach Gralmond, Start in fünfunddreißig Minuten. Der U-Shadow schaffte es, ihm einen Platz zu reservieren und entrichtete einen gigantischen Aufschlag, um ihm die letzte Erste-Klasse-Ruhekabine zu sichern, doch der Flug würde zwanzig Stunden dauern. Dann noch mal zwanzig Minuten, um über die Verbindungswurmlöcher die Erde zu erreichen, und in etwas mehr als einundzwanzig Stunden wäre er wieder zu Hause in London.

Das ist bestimmt noch früh genug. Oder?

Araminta hatte so verzweifelt aus Colwyn City herauskommen wollen, dass sie tatsächlich nicht einen Gedanken an die praktische Seite eines Wandelns zwischen Welten auf den Pfaden der Silfen verschwendet hatte. Die Vorstellung, durch geheimnisvolle Wälder mit sonnigen Lichtungen zu schlendern, entbehrte nicht einer gewissen Romantik, und auch der Gedanke, damit Living Dream und dem Bastard von Kleriker-Conservator Ethan den dritten Finger zu zeigen, war nicht ohne Reiz. Trotzdem, hätte sie nur einen Moment nachgedacht, hätte sie sich das, was sie am Leibe trug, bestimmt ein klein wenig sorgfältiger ausgesucht, und ganz gewiss hätte sie sich auch für ein Paar festere Stiefel entschieden. Und dann war da noch die Sache mit dem Proviant.

Nichts von dem wurde ihr während der ersten fünfzig Minuten, die sie sorglos durch das kleine Dickicht zu Tal spazierte, in dem der Pfad aus dem Francola-Wald herausgekommen war, bewusst. Sie staunte einfach nur über das eigene Glück, darüber, wie sie es geschafft hatte, ihre missliche Lage am Ende doch noch zu wenden.

Finde heraus, was du willst, hatte Laril zu ihr gesagt.

Und genau das mache ich gerade. Ich nehme mein Leben wieder selbst in die Hand.

Dann war das Quartett von Monden hinter dem Horizont versunken. Lächelnd hatte sie zugesehen, wie sie sich verabschiedeten, sich gefragt, wie lange es wohl dauerte, bis sie wieder auftauchen würden. Das Himmelszelt wanderte schnell, also würden sie diese Welt wohl mehrere Male am Tag umrunden. Als sie sich umdrehte, um den Horizont gegenüber zu prüfen, verblasste ihr Lächeln schlagartig angesichts der dicken, unerfreulich schwarzen Wolkenbank, die sich über den luftigen Hügeln am Rande des Tals zusammenzog. Zehn Minuten später hatte sie der Regen erreicht, eine erbarmungslose Sturzflut, die sie binnen Sekunden durchnässte. Ihre bequeme, alte Vliesjacke vermochte sie zwar vor leichtem Niesel zu schützen, doch für einen Wolkenbruch, der an einen Monsunregen heranreichte, war sie nicht gemacht. Nichtsdestotrotz schob sich Araminta die klatschnassen Haarsträhnen aus dem Gesicht und stapfte tapfer weiter, kaum in der Lage, mehr als hundert Meter weit zu sehen. Stiefel mit viel zu dünnen Sohlen glitten auf dem jetzt gefährlich rutschigen Gras-Äquivalent beständig aus. Als sie das Gefälle hinter sich gebracht hatte und am Talgrund angekommen war, verbrachte sie die Hälfte der Zeit in geduckter Haltung wie ein Gorilla, um sich langsam ihren Weg vorwärts zu kämpfen. Das war in den ersten drei Stunden.

Sie ging den ganzen Tag weiter, durchquerte das weite, öde Tal, während die Wolken sich unter Donnergrollen verzogen. Das orangefarbene Sonnenlicht half zwar, ihre Vliesjacke und Hosen zu trocknen, doch ihre Unterwäsche blieb lange Zeit klamm. Schon bald begann der Stoff, auf der Haut zu scheuern. Dann kam sie an einen breiten, mäandernden Fluss.

Das Ufer auf ihrer Seite des Tals war beunruhigend sumpfig. Wie es aussah, benutzten die Silfen keine Boote. Auch eine Furt war weit und breit nicht zu sehen, nicht einmal Trittsteine. Und überhaupt wollte ihr ganz und gar nicht gefallen, wie rasch das glitzernde Wasser dahinströmte. Sie biss die Zähne zusammen und setzte sich am Ufer flussabwärts in Bewegung. Nach einer halben Stunde fügte sie sich in die Erkenntnis, dass es keinen wie auch immer gearteten Übergang auf die andere Seite gab. Es half nichts – wenn sie über den Fluss wollte, würde sie hindurchwaten müssen.

Araminta zog sich Jacke, Hose und Bluse aus und schnürte alles mit ihrem treuen Werkzeuggürtel zusammen – auf keinen Fall würde sie die Sachen zurücklassen, selbst dann nicht, wenn sie gezwungen sein sollte zu schwimmen.

Das dicke Bündel über den Kopf haltend, watete sie in den Fluss. Dessen Grund war glitschig, das Wasser eisig genug, ihr den Atem zu rauben, und die Strömung beängstigend brutal. In der Mitte reichte ihr das Wasser fast bis zum Schlüsselbein, aber einmal mehr biss sie die Zähne zusammen und ging weiter.

Ihre Haut war vollkommen taub, als sie schließlich auf der anderen Seite ans Ufer taumelte. Das Zittern war so heftig, dass sie nicht einmal mehr das Kleiderbündel aufbekam, das jetzt ihre einzigen Besitztümer im Universum enthielt. Eine ganze Weile kauerte sie sich abwechselnd heftig fröstelnd zusammen oder machte mit schlenkernden Armen einige Schritte. Schließlich begannen ihre Finger, ihr wieder zu gehorchen. Ihre Haut war immer noch fürchterlich blass, als sie ihre zitternden Glieder wieder in die Kleider zwang.

Das Gehen wärmte sie nicht merklich auf. Und auch den Waldrand auf der anderen Seite des Tals erreichte sie nicht vor Einbruch der Nacht. Neben einem kleinen Felsen rollte sie sich zusammen und schlotterte sich in einen unruhigen Schlaf. Es regnete zweimal in dieser Nacht.

Am Morgen wurde ihr langsam schmerzlich bewusst, dass sie nichts zu essen hatte. Ihr Magen knurrte vernehmlich, als sie sich über ein kleines Wasserrinnsal beugte, das um einen Felsen herum floss. Gierig schlürfte sie die eiskalte Flüssigkeit in sich hinein. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so elend gefühlt zu haben; nicht an dem Tag, an dem sie Laril verlassen hatte, und auch nicht, als sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Apartments in Flammen aufgegangen waren. Dies hier war einfach erbärmlich. Und schlimmer noch, sie war sich noch nie so allein vorgekommen. Das hier war nicht einmal eine menschliche Welt. Wenn irgendetwas schiefging, irgendetwas so Banales wie ein verknackster Knöchel oder ein unglücklich verletztes Knie, gab es keinen Notdienst, den sie anrufen konnte, innerhalb von Lichtjahren keine Hilfe. Dann konnte sie sich in diesem Tal einfach nur noch auf den Boden legen und verhungern.

Bei dem Gedanken daran und an das Risiko, das sie am vergangenen Tag auf sich genommen hatte, indem sie durch den Fluss gewatet war, fingen ihre Glieder erneut an zu zittern. Verzögerter Schock, diagnostizierte sie, sowohl von der Durchquerung des Flusses wie von dem entsetzlichen Gefecht im Bodant Park herrührend.

Danach war sie um einiges vorsichtiger, als sie zu der Baumlinie hoch oben hinaufstieg. Allerdings war immer noch nirgendwo eine Spur von etwas Essbarem zu sehen. Am Boden wuchs lediglich gelbliches Gras mit Tupfern aus kleinen, lavendelfarbenen Blüten.

Während sie bedrückt weitertrottete, versuchte sie, sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was sie je über die Silfenpfade gehört hatte. Es war nicht viel. Selbst die Universalenzyklopädie in ihrer Speicherlakune enthielt mehr Mythologie als Fakten zu diesem Thema. Sie existierten, es gab jedoch keine Karte von ihnen, und ein paar menschliche Geschichtsforscher hatten sich aus verschiedenen persönlichen oder irrationalen Motiven auf ihnen auf die Reise gemacht – nur von wenigen hatte man je wieder gehört. Abgesehen von Ozzie natürlich. Jetzt, da sie darüber nachdachte, hatte sie geahnt, dass er ein Silfen-Freund war. Und das war Mellanie auch, wer immer sie auch sonst gewesen sein mag. Araminta hätte sich in den Hintern beißen können, dass sie nicht einmal eine simple Recherche mit ihrem U-Shadow durchgeführt hatte. Es war über eine Woche her, dass Cressida ihr von ihrer Abstammung erzählt hatte, und sie hatte es nicht für nötig befunden, mehr darüber in Erfahrung zu bringen, hatte nicht eine einzige Frage gestellt. Wie dämlich.

Bei dem Gedanken an Cressida riss sie sich zusammen. Cressida würde niemals aufgeben oder in einem Anfall von Selbstmitleid versinken. Und mit ihr bin ich genauso verwandt.

Also fing sie an, in Gedanken eine Liste von positiveren Aspekten aufzustellen, während sie weiter auf das Waldstück zuhielt, wo, wie sie sicher war, der nächste Pfad begann. Zunächst einmal konnte sie Pfade erspüren, was bedeutete, dass diese strapaziöse Reise irgendwann ein Ende haben würde. Das war doch schon mal was. Dass sie nichts zu essen hatte, war dumm, aber sie besaß ein starkes Advancer-Erbgut; und dessen Sinn und Zweck war es, den Menschen dazu zu befähigen, in der Galaxis zu überleben. Wie sie in ihrer Kindheit auf der Farm gelernt hatte, wo sie, ihr Bruder und ihre Schwestern beim »Wer-traut-sich-was«-Spielen alles Mögliche angeknabbert hatten, war es relativ schwierig für einen Advancer, sich mit außerirdischer Vegetation zu vergiften. Ihre Geschmacksnerven konnten sehr gut erkennen, was gefährlich war und was nicht. Und solange eine Pflanze nicht gerade extrem toxisch war, konnte ihr Metabolismus sie wahrscheinlich verkraften.

Trotzdem gefiel ihr das Gras auf dem Berg überhaupt nicht.

Ich werde bis zum nächsten Planeten warten, bevor ich zu solchen Maßnahmen greife.

Als sie die ersten moosbewachsenen Bäume erreichte, wurde die Luft spürbar kälter. Von weiter talabwärts zogen dicke Ambosswolken auf sie zu. Regen bei dieser Temperatur hatte ihr gerade noch gefehlt.

Sie ging tiefer in den Wald. Lange, honigbraune Blätter zitterten über ihrem Kopf an den Ästen. Kleine weiße Spindeln wie Spinnengespinste lugten durch das Gras unter ihr. Je weiter sie voranschritt, umso unbewegter wurde die Luft zwischen den Bäumen. Ihre Zuversicht wuchs. Irgendwo in ihrem Bewusstsein konnte sie spüren, wie die Veränderungen einsetzten. Als sie nach oben sah, zeigten die spärlichen Himmelsflecken, die sie durch das Astgewirr erspähte, ein leichtes Türkis, was ermutigend war. Auf jeden Fall war es heller und einladender als die Wolkenfront über den Bergen.

Tief im Gaiafield, oder dem Tagtraum des Silfen-Mutterholms – was immer das auch für ein Reich war, durch das ihr Geist derzeit trieb –, spürte sie, wie sich die Welt um sie herum fast unmerklich verformte. Der Pfad war in permanenter Bewegung, besaß weder fixen Anfang noch Ende – er war eine Straße, die auf die Wünsche des Reisenden reagierte. Obgleich unfassbar weit entfernt, war da ein Bewusstsein, das sie zu beobachten schien. Das war der Moment, in dem sie eine vage Vorstellung davon bekam, wie viele Entitäten sich auf den Pfaden befanden. Unzählige Millionen, alle frei umherziehend, einige mit Ziel, gelenkt von dem Wunsch, eine bestimmte Erfahrung zu machen, andere absichtslos und es den Pfaden überlassend, sie aufs Geratewohl durch die Galaxis zu tragen, um was auch immer zu finden und kennenzulernen.

Neue Bäume mit einer glatten, weißgrünen Rinde tauchten zwischen den moosbedeckten Stämmen auf. Ihre sattgrünen Blätter in den Kronen erinnerten Araminta an einen Laubwald im Frühling. Dann wimmelten Efeu und andere Klettergewächse die Stämme hinauf und ließen graue Blütenkaskaden erstehen.

Araminta ging weiter. Der Pfad wand sich an kleinen Hügeln vorbei und führte durch schmale Senken. Bäche plätscherten neben ihr dahin. Einmal konnte sie das Donnern eines großen Wasserfalls hören, aber offenkundig befand er sich nicht auf dem Pfad, also versuchte sie erst gar nicht, dem Geräusch zu folgen. Rote Blätter durchzogen das hellbraune Baumkronendach. Ihre Stiefel traten auf frisches Laub zwischen den Gräsern. Die Luft wurde trocken und warm.

Stunden nachdem sie das regnerische Tal hinter sich gelassen hatte, drang ein heiterer, mehrstimmiger Gesang in einer fremden Sprache an ihr Ohr. Es machte nichts, dass sie die Worte nicht verstand, die Harmonie war von bezaubernder Schönheit. Eine Weile blieb sie sogar stehen, um einfach nur zu lauschen. Es waren die Silfen, das wusste sie, eine größere Gruppe, frohgemut zu einer weiteren Welt unterwegs, die ihnen neue Anblicke und Aufregungen bot. Einen Moment lang wäre sie am liebsten losgerannt und hätte sich ihnen angeschlossen, um zu sehen, was sie sahen, um die Dinge so zu schauen wie sie. Doch dann drängte sich das Bild von Cressida – klug, selbstbewusst, zielstrebig – in ihr Bewusstsein, und beschämt gestand sie sich ein, dass es nicht die Lösung sein konnte, mit einem Haufen Alien-Elfen auf und davon zu ziehen. Widerstrebend setzte sie sich wieder in Bewegung. Irgendwo weit vor ihr befand sich eine Commonwealth-Welt, da war sie sich sicher; auch wenn der Pfad heutigentags wenig genutzt wurde. Die Silfen kümmerten sich nicht um Planeten, auf denen andere Zivilisationen entstanden; zumindest nicht oberhalb eines bestimmten technologischen Levels.

Araminta seufzte erleichtert auf, als sich der Wald endlich lichtete. Über ihr war es weiß und hell, und mit jedem Schritt, den sie voranging, wurde es wärmer. Die Bäume mit den roten Blättern waren jetzt in der Mehrzahl. Ihre hellgrauen Äste waren schlank und wuchsen weit auseinander. Als sie zu ihnen hochblickte, konnte sie erkennen, wie dick und wachsartig die Blätter waren. Unwillkürlich musste sie grinsen. Solche Pfade zwischen den Welten waren wirklich der Hammer.

Ihr Weg führte sie schließlich an den Saum der wogenden Bäume. Dort angekommen, blieb sie wie vom Donner gerührt stehen und starrte, im grellen Licht blinzelnd, auf das Panorama hinaus, das sich ihr bot. »Oh grundgütiger Ozzie«, flüsterte sie bestürzt. So weit das Auge reichte, war das vor ihr liegende Land eine weiße Fläche aus Sand. Hoch am Himmel brannte die heiße Sonne dieser Welt, und weit und breit war keine einzige Wolke zu sehen. »Eine Wüste!«

Langsam drehte sie sich einmal um sich selbst und stellte fest, dass sie inmitten einiger kläglicher Baumgrüppchen herausgekommen war, die sich am Ufer eines länglichen, schlammigen Tümpels festklammerten. Und irgendwo inmitten dieser Bäume schrumpfte der Pfad zusammen zu nichts. »Nein«, befahl sie ihm. »Nein, warte. Das hier stimmt nicht. Hier will ich nicht hin.« Aber da war der Pfad auch schon fort. »Oh Scheiße.«

Araminta mochte vielleicht absolut keinen Plan von fremdartigen Planeten haben, aber eines wusste sie sicher: Man stapfte nicht einfach los und marschierte mitten am Tag durch die Wüste, und ganz gewiss nicht, wenn man für so ein Abenteuer nicht gerüstet war. Langsam umrundete sie den Tümpel und versuchte, irgendwelche Hinweise auf andere vernunftbegabte Wesen in der Nähe zu finden. Doch abgesehen von einigen sehr seltsamen Spuren in dem trockenen Schlamm gab es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass irgendjemand die Oase regelmäßig nutzte. Indessen die Sonne immer höher stieg, setzte sie sich unter einen der grauen Bäume und machte aus den armseligen Schatten, die dessen dicke Blätter warfen, das Beste.

All die Zweifel und alles Selbstmitleid, die sie auf dem Pfad zu guter Letzt von sich geworfen hatte, drohten wieder auf sie einzustürzen. Vielleicht hatten die Silfen mehr mit galaktischen Ereignissen zu tun, als irgendjemand ahnte. Es war nicht auszuschließen, dass sie sie absichtlich an diesen Ort abgeschoben hatten, damit sie niemals eine Pilgerfahrt der Menschen anführen konnte. Schon der Gedanke ließ abermals ein Bild von Cressida vor ihrem inneren Auge erstehen; ihre Cousine zog in ihrer unnachahmlich spöttischen Art die Augenbraue hoch. Allein bei der Erinnerung daran zog Araminta unwillkürlich den Kopf ein.

Komm schon, reiß dich zusammen.

Sie schaute auf ihren Werkzeuggürtel herab. Das Sortiment an Geräten darin war relativ mager, und bei einigen war der Akku bereits fast leer. Aber sie konnten sich vielleicht als nützlich erweisen. Für was? Wie sollen die mir helfen, eine Wüste zu durchqueren? Ein weiteres Mal ließ sie ihren Blick über die totenstille Oase schweifen und versuchte, klug und analytisch an die Sache heranzugehen, so wie Cressida es tun würde. Okay, Wasser hätte ich also schon mal. Bloß, wie soll ich es tranportieren? Dann fiel ihr auf, dass es zwar ein paar aus dem Boden ragende Stümpfe ringsumher gab, aber keine umgefallenen Bäume. Sie rannte zu einem von ihnen hinüber und sah, dass er eine saubere und glatte Schnittfläche besaß. Hier hatte zweifellos jemand gesägt. Grinsend schaute sie auf den Stumpf hinab. Ein wertvoller Wink mit dem Zaunpfahl. Und jetzt denk nach. Was kannst du mit Holz in dieser Situation machen?

Die Energiesäge, die sie dabeihatte, war klein und eigentlich dafür gedacht, geringere Anpassungsarbeiten vorzunehmen, nicht, einen Baum zu fällen, egal wie dürr. Nichtsdestotrotz beharkte sie damit einen der Stämme, bis dieser schließlich aufgab und kippte. Der Länge nach stürzte er auf freies Gelände. Das Holz unter der Rinde war unglaublich hart. Sie sägte ein paar Stücke von etwa einem halben Meter Länge ab, rollte sie in den Schatten und setzte sich daneben. Sodann bohrte sie mit ihrem Drillbohrer in jedes von ihnen der Länge nach ein Loch in der Mitte. Nachdem dies getan war, schaltete sie das praktische Gerät auf seinen Verbreiterungsmodus um und begann aufs Neue zu bohren. Es dauerte Stunden, doch schließlich hatte sie alle Zylinder bis auf ein wenige Zentimeter dickes Gehäuse ausgehöhlt. Sie gaben hervorragende Flaschen ab. Als sie sie zu dem Tümpel hinübertrug, um sie mit dem klaren Wasser in der Mitte zu füllen, spürte sie, wie etwas unter ihren Füßen nachgab. Die dunkelblaue Kugel, die sie im nächsten Moment herausfischte, besaß eine glitschige, gallertartige Schale. Ein Ei! Nervös schaute Araminta sich um und fragte sich, welche Kreatur es wohl gelegt haben mochte. Ein Landtier oder ein Wasserbewohner? Vielleicht war es auch eine Samenkapsel.

Als alle Flaschen voll waren, zerrte sie sie eilig heraus. Das schlaffe Ei aber behielt sie. Es war etwa so groß wie ihre Faust, und die nasse Oberfläche gab unter ihren Fingern nach wie glibbriges Gummi. Allein sein Anblick ließ ihren Magen vor Hunger knurren. Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass sie nichts mehr gegessen hatte seit jenem letzten Frühstück mit Tandra und deren Familie, und das war inzwischen eine ganze Weile her.

Am Rand des Tümpels klemmte sie das Ei zwischen ein paar Steine, stellte ihren Laser auf geringen Streustrahl und strich mit dem rubinroten Fächer über die elastische Schale. Deren Farbe begann, sich zu einem schmutzigen Braun zu verdunkeln, auf dem sich, während sie langsam hart wurde, winzige Risse bildeten. Nach einigen Minuten stellte Araminta auf Verdacht den Beschuss ein und stach mit ihrem Schraubenzieher ein Loch in das Ei. Der Geruch, der ihr entgegenstieg, war nicht gerade angenehm, trotzdem brach sie die Schale weiter auf und angelte sich etwas von dem dampfenden, grünlichen Papp im Inneren heraus.

Mit angewidertem Gesicht berührte sie versuchsweise mit der Zunge den klebrigen Brei. Er schmeckte so gut wie nach gar nichts, ein wenig minzig vielleicht. Sekundärroutinen in ihren makrozellularen Clustern analysierten die Ergebnisse, die von ihren Geschmacksrezeptoren durch die Nervenbahnen schossen. Sie konnten nichts Tödliches in der heißen organischen Pampe erkennen. Das Zeug würde sie ganz gewiss nicht auf der Stelle umhauen. Sie machte die Augen zu und schluckte. Ihr Magen ächzte erleichtert auf, und Araminta schöpfte einen größeren Happen heraus.

Nachdem sie das erste Ei vertilgt hatte (sie war immer noch halb überzeugt, dass es sich um eine Art Wassersamen handelte), machte sie sich auf die Suche nach weiteren. Sie erbeutete insgesamt neun. Vier davon garte sie direkt mit dem Laser und spülte den faden Inhalt mit dem Wasser aus ihren Flaschen herunter. Das Holz war absolut dicht, was sie als einen bescheidenen Sieg ansah. Als ihr Magen endlich besänftigt war, nahm sie sich ein paar weitere Holzstücke vor, um sie zu spalten, und machte ein kleines Feuer. Sodann buk sie die restlichen Eier über den Flammen, um Energie in ihrem Laser zu sparen. Eine Idee, auf die sie mächtig stolz war, auch wenn sie vielleicht etwas eher daran hätte denken sollen.

Während das Feuer vor sich hin knisterte, machte sie sich daran, die Rinde von dem Baum, den sie gefällt hatte, zu schälen. Nachdem sie in dünne Streifen geschnitten war, begann sie, sich eine Kopfbedeckung zu flechten. Drei Anläufe später hatte sie ein flaches, trichterartiges Hütchen in Händen, das schließlich sogar auf ihrem Kopf sitzenblieb. Solchermaßen ermutigt nahm sie einen Korb für die Eier in Angriff.

Am späten Nachmittag unternahm sie noch einen Angelausflug, der weitere fünf Eier abwarf, und legte sich dann hin, um sich etwas auszuruhen, bevor die Dunkelheit einbrach. Sie hatte etliche Stunden vor sich hin gewerkelt und gemacht und getan, und doch sank die Sonne gerade erst auf den Horizont hinunter. Die Tage hier waren lang. Logischerweise waren es die Nächte dann auch, also sollte sie in der Lage sein, ein ordentliches Stück des Weges zu schaffen, bevor die Sonne wieder aufging.

Der Tag dauerte noch an, als sie eindöste und von einem schlanken, blonden Mädchen träumte, das ebenfalls allein war. Der Traum war undeutlich, und das Mädchen befand sich eher an einem Berghang als in einer Wüste. Ein hübscher Bursche tauchte auf, der das Herz des Mädchens zum Flattern brachte, dann stand sie vor einem Mann mit einem goldenen Gesicht.

Ruckartig schreckte Araminta aus dem Schlaf. Der Mann war Gore Burnelli gewesen. Was sie vermuten ließ, dass der Traum aus dem Gaiafield gekommen war. Es war hier nur schwach, aber sie konnte es immer noch spüren. Gore war sehr wütend über irgendetwas gewesen. Einen Moment lang war Araminta versucht, in das Gaiafield zurückzutauchen, um zu sehen, ob sie den Traum wieder einfangen konnte, doch sie entschied sich dagegen. Das Letzte, was sie im Augenblick wollte, war, eine abermalige Entdeckung durch Living Dream zu riskieren, auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, wie sie sie hier aufspüren wollten. Abgesehen davon hatte sie dringlichere Probleme.

Als die kleine, helle Sonne endlich hinter den Horizont glitt, packte sie ihre dürftige Wüstenüberlebensausrüstung zusammen. Die Flaschen waren bis zum Rand gefüllt und mit Holzstücken verstöpselt. Unter dem Gewicht ächzend wuchtete sie sich den Wasserproviant in einem Gurtwerk aus geflochtenen Rindenstreifen auf den Rücken. Die gebackenen Eier wanderten in ihren Korb, den sie sich über die Schulter schlang. Noch mehr Rindenstreifen hingen um ihren Hals – sie konnte sich nicht vorstellen, wozu sie sie brauchen würde, aber sie waren alles, was sie hatte, und außerdem die Früchte ihrer eigenen Arbeit. Dergestalt gerüstet machte sie sich auf den Weg.

Die Dämmerung hielt lange an, was ihr mehr als lieb war; völlige Dunkelheit wäre bedrückend gewesen und nicht nur ein bisschen unheimlich. Am Himmel begannen Sterne zu funkeln. Keine der Konstellationen ließ sich bestimmen, jedenfalls nicht anhand der Dateien ihrer Enzyklopädie. Demnach befinde ich mich nicht mal annähernd im Greater Commonwealth. Trotzdem war sie überzeugt, nicht weit von einem Pfad entfernt zu sein, der sie dorthin führen würde. Sie hatte nicht einen Moment gezögert, als sie von der Oase aufgebrochen war. Sie kannte die Richtung, die sie einschlagen musste.

Die Wasserflaschen waren lächerlich schwer. Doch sie musste so viel Flüssigkeit mitnehmen, wie sie nur konnte. Ihr Magen fühlte sich nicht wirklich an, als wäre er hundertprozentig in Ordnung, und der Hunger war jetzt ein beständiges Nagen. Anscheinend waren diese komischen Eier für Menschen doch nicht so fürchterlich nahrhaft. Aber immerhin hatte sie die Dinger bei sich behalten. Das war ein Plus.

Araminta musste grinsen. Schon eigenartig, wie sehr sich die Wahrnehmung in Abhängigkeit von den Umständen änderte. Noch vor einer Woche hatte sie sich Sorgen über die rechtzeitigen Anzahlungen von Käufern für ihre Apartments gemacht und sich über verspätete Lieferanten geärgert. Jetzt sah sie es schon als beachtliche Leistung, ohne zu kotzen durch eine unbekannte Wüste am Arsch der Galaxis zu stapfen.

Nach drei Stunden zwang sie sich zu einer Pause. Die Wüste wurde jetzt nur noch vom Licht der Sterne illuminiert. Einen Mond schien diese Welt nicht zu besitzen, aber einige Sterne leuchteten relativ hell. Sie wünschte, sie hätte genug Ahnung von Astronomie, um sagen zu können, ob es sich um Planeten handelte. Nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte. Und überhaupt, sie hatte jetzt wichtigere Dinge im Kopf. Es fühlte sich gut an, ein reales Ziel vor Augen zu haben, etwas, woran sich Erfolg messen ließ.

Vorsichtig, um nichts zu verschütten, trank sie etwas Wasser. Die Eier rührte sie nicht an. Die spar ich mir besser für den richtigen Hunger auf.

Eine halbe Stunde später spürte sie, wie die Luft deutlich kühler wurde, während die Tageshitze allmählich in den Himmel entwich. Sie schloss ihre Vliesjacke wieder und setzte sich erneut in Bewegung. Ihre Füße taten weh. Die Stiefel waren absolut nicht geschaffen für solch einen Marsch. Immerhin war wenigstens das Gelände gleichbleibend flach.

Während sie so dahintrottete, fragte sie sich, was sie machen würde, wenn sie das Commonwealth wieder erreichte. Sie wusste, dass sie nur eine Chance hatte, nur einen Versuch. Zu viele Leute suchten nach ihr. Davor, sich Living Dream zu stellen, scheute sie instinktiv zurück. Aber für Laril, bei all seiner Loyalität und seiner Bereitschaft zu helfen, war die Sache eine Nummer zu groß. Für wen nicht? Obwohl er vielleicht mit irgendeiner Fraktion verhandeln konnte. Aber mit welcher? Je mehr sie darüber nachdachte, umso überzeugter war sie, dass sie Oscar Monroe kontaktieren sollte. Wenn irgendjemand ihr Zuflucht bieten konnten, dann ANA selbst. Und wenn man sie dort auch instrumentalisieren wollte, war wirklich alle Hoffnung dahin.

Araminta schleppte sich weiter voran. Hunger und Mangel an richtigem Schlaf machten ihr zusehends zu schaffen. Sie fühlte sich erschöpft, aber sie wusste, dass sie nicht schlappmachen durfte. Sie musste während der Nacht so viel Boden gewinnen wie möglich, denn bei Tage würde sie nirgendwohin gehen. Ihre Glieder schmerzten, vor allem die Beine, während sie einfach nur weitermarschierte. Jedes Mal, wenn sie stehenblieb, um etwas zu trinken, wurde es mühsamer, die Flaschen wieder auf ihren Rücken zu hieven. Ihre Wirbelsäule begann, das Gewicht jetzt wirklich zu spüren. Als ihre Stiefel anfingen, über wundes Fleisch zu scheuern, war das Einzige, was sie tun konnte, die Zähne zusammenzubeißen und das Pochen in ihren Füßen zu ignorieren. Hin und wieder jagte die inzwischen eisige Nachtluft ihr einen Schauer über den Rücken, ein heftiges Zucken, das ihren ganzen Körper in Mitleidenschaft nahm. Dann blieb sie einen Augenblick stehen, schüttelte den Kopf wie ein aus dem Wasser kommender Hund und verfiel im nächsten Moment wieder in ihren Trott. Ich darf nicht aufgeben.

Es gab so viel zu tun, so viele Dinge, die sie zuwege bringen musste, um diesen ganzen Living-Dream-Wahnwitz zu stoppen. Ihr Geist begann davonzudriften. Sie sah wieder ihre Eltern, nicht die, mit denen sie sich in ihren späten Teenagerjahren andauernd herumgestritten hatte, sondern die aus ihren Kindertagen, die sie verwöhnt, mit ihr gespielt, sie getröstet und ihr zu Weihnachten ein Pony geschenkt hatten, als sie acht gewesen war. Selbst nach der Scheidung hatte sie keinen Drang verspürt, sie anzurufen. Zu starrköpfig, wie sie war, oder vielleicht auch zu dumm. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, was sie sagen würden, wenn ich ihnen erzählte, dass ich Mr Bovey kennengelernt und mich entschlossen habe, ein Multiple zu werden. Dann war da die Zeit, kurz nachdem Laril sich vom Planeten davongemacht hatte, als sie mit Cressida fast jede Nacht durch die Clubs gezogen war und eine Verabredung nach der anderen gehabt hatte. Frei sein, Spaß haben, erfahren, wie es war, jung und unverheiratet zu sein. Seine Unabhängigkeit im Commonwealth genießen, und ein kleines bisschen Stolz dazu.

Sie fragte sich, ob irgendetwas von diesem Leben jemals zurückkehren würde. Alles, was sie sich im Augenblick wünschte, war, dass dieser gefährliche Wahnsinn endete, dass Living Dream zunichte gemacht wurde, und für sich selbst, dass sie Mrs Bovey wurde. War es möglich, wieder in selige Vergessenheit abzutauchen? Andere hatten es geschafft, Tausende hatten ihren Augenblick des Ruhms oder der Schande. Mellanie musste es fertiggebracht haben.

Der Timer in Aramintas Exosicht blinkte purpurrot auf, begleitet von einem eindringlichen Piepsen, das sich durch die Hörnerven wand, und riss Araminta aus ihrer tröstlichen Träumerei. Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus und schälte sich aus dem Gurtzeug. Zumindest war es jetzt nicht mehr so kalt. Als sie die Flasche hochhielt, um zu trinken, sah sie plötzlich Lichter über das Sternenfeld kriechen. Sie hatte lange genug in Colwyn City gelebt, um Raumschiffe zu erkennen, wenn sie sie sah. »Was zur Hölle …?« Das war der Moment, in dem sie bemerkte, dass der Silfenpfad jetzt hinter ihr lag.

»Ozzie!« Ihr Geist nahm zahlreiche, ruhige Gedankenemissionen im Gaiafield wahr. Ihr Ausgangspunkt befand sich irgendwo in der Nähe. Eilig schirmte sie ihre eigenen Gedanken ab, damit nichts von ihnen herausdrang und ihre Anwesenheit verriet.

Wo in Ozzies Namen bin ich?

Abermals ließ Araminta den Blick umherschweifen und versuchte, die Umgebung auszumachen. Es gab nicht viel zu sehen, obwohl sie einen schwachen Schimmer an einem Bereich des Horizonts zu erkennen vermeinte. Lächelnd setzte sie sich hin und wartete.

Eine halbe Stunde später wusste sie, dass sie richtig gelegen hatte. Ein mattrosa Lichtschein begann emporzusteigen, als der Morgen anbrach. Jetzt konnte sie erkennen, dass sie sich immer noch in einer Wüste befand, doch anders als das gesichtslose Meer aus Sand, das sie hinter sich hatte, bestand diese größtenteils aus bröckeliger Erde und ockerfarbenem Gestein. Der graubraune Boden war hier und da von spärlichen Flecken grünblauer Vegetation unterbrochen, kleines immergrünes Gesträuch, das schon halb abgestorben wirkte. Lange Wedel von blass-cremefarbenen Grasbüscheln hielten sich in Spalten und zwischen Steinen versteckt, allesamt vertrocknet und welk. In der Ferne, zur Hälfte versunken im Flimmern der Luft, ragte eine breite Gebirgsfront in den Himmel empor. Ihre Berge waren von stattlicher Höhe, obwohl Araminta nirgendwo auf den Gipfeln Schnee entdecken konnte. Die Wüste erstreckte sich bis zu ihrem Fuß. In der anderen Richtung lag eine niedrige Hügelkette, schätzungsweise fünf Meilen entfernt, wenn nicht mehr. Aufgrund der gnadenlos eintönigen Landschaft ließ sich das schwer sagen.

In jedem Fall befand sie sich auf einem Feldweg, der von irgendwelchen Fahrzeugen geschaffen worden war. In einem langen, sanften Gefälle führte er hinab zu einer Kreuzung mit einer fest betonierten Straße. Allein ihr Anblick war eine riesige Erleichterung. Araminta hatte fast zwanzig Jahre im Hinterland eines Externen Planeten gelebt. Sie wusste, wie lange man in solchen Einöden bisweilen nach einer Straße suchen musste. Und dabei hatte Langham in einem erschlossenen Agrargebiet gelegen. Heutzutage benutzte jedermann Regrav-Kapseln. Kurz: Sie hatte verdammtes Glück gehabt, hier mitten in einer Wüste auf diese Straße zu stoßen. Enormes Glück.

Danke, sagte sie zum Silfen-Mutterholm.

Sie trank noch einen Schluck Wasser und setzte sich dann den Feldweg hinab in Bewegung. Die Entfernung hatte sie letzten Endes doch getrogen. Hartnäckig schien die Straße an der gleichen Stelle zu verharren, egal wie viel Wegstrecke sie auch zurücklegte. Während sie das leichte Gefälle hinabschritt, konnte sie jenseits der Hügelkette einige Regrav-Kapseln fliegen sehen. In der anderen Richtung rührte sich nichts über der ausgedehnten Wüste. Zumindest war damit klar, welchen Weg sie einzuschlagen hatte, als sie endlich an der Kreuzung angelangt war. Offenbar befand sich irgendeine Art von Ansiedlung hinter den Hügeln. Ein paar vorsichtige Prüfungen des Gaiafields bestätigten, dass das Gedankengewirr dort seinen Urprungsort hatte.

Sie brauchte weitere drei Stunden, um die Hügelkette zu erreichen. Wobei sich herausstellte, dass auch die Bezeichnung »Hügelkette« trog. Je näher sie kam, umso höher ragte der Grat vor ihr empor. Wie ein langgestreckter Berg. Und das Glück, welches ihr die Straße beschert hatte, hatte sie ganz offensichtlich verlassen; den ganzen Morgen über sah sie kein einziges Gefährt.

Als sie schließlich ermattet auf den Bergkamm hinkte, war sie so ziemlich auf jeden Anblick vorbereitet, außer dem, der sie nun begrüßte. Sie hatte fast richtig gelegen mit dem langgestreckten Berg. Der hohe Grat war in Wirklichkeit die Wand eines Kraters. Eines großen Kraters, inklusive kreisrundem See, der einen Durchmesser von mindestens zwanzig Meilen besaß. Dies hier war die Mutter aller Oasen! Die innen liegenden Abhänge des Trichters waren vollständig von grünem Waldland und von angebauten Terrassen bedeckt, bei denen es sich dem Anschein nach um Weinberge handelte. Die Straße vor ihr fiel ab und schlängelte sich in eine kleine Ansiedlung hinunter, deren bunte Häuser durch einen Saum hoher Bäume schimmerten. Obwohl sie völlig erschöpft war, jeden Knochen im Leib spürte und einigermaßen besorgt war über den schmerzenden Zustand ihrer Füße, brach sich bei dem herrlichen Panorama, das sich Araminta bot, ein kleines, ersticktes Lachen Bahn. Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und streifte langsam ihre Flaschentragegurte ab. Zusammen mit dem Korb voll Eiern deponierte sie ihre Last am Straßenrand hinter ein paar Felsen. Sodann setzte sie sich, mit ob des weggefallenen Gewichts frohlockenden Schultern, den Hang hinab in Bewegung.

Menschen starrten sie an, als sie in den Ort gehumpelt kam. Kaum verwunderlich. Sie hatte immer noch ihren albernen Hut auf dem Kopf, und ihre Klamotten waren eine einzige Katastrophe, völlig ruiniert von mehrfachen Wolkenbrüchen und Dreck. Wahrscheinlich roch sie auch entsprechend. Als sie einen vorsichtigen Vorstoß ins Gaiafield wagte, konnte sie das unwillkürliche Befremden spüren, das jedermann bei ihrem Anblick empfand. Auch ein hohes Maß an Furcht mischte sich unterschwellig mit hinein.

Die Häuser der kleinen Stadt waren zum größten Teil mit Schindeln gedeckt und in verschiedenen hellen Farben gestrichen. Moderne Werkstoffe waren nur spärlich zu sehen. Die einfachen Gebäude verliehen dem Ort eine behaglich-idyllische Atmosphäre. Der etwas altmodische Stil passte zu dem friedlichen See.

Selbst im Schatten der hohen, schlanken Bäume war es heiß in der vormittäglichen Sonne. Es waren nicht viele Menschen unterwegs. Trotzdem konnte sie schließlich ein älteres Paar wahrnehmen, das die Besorgnis seiner Mitbürger nicht vollkommen teilte. Die Frau strahlte sogar ein wenig Anteilnahme und Mitgefühl über ihre Gaiamotes aus.

»Entschuldigung«, sprach Araminta sie an. »Können Sie mir sagen, ob es hier im Ort eine Übernachtungsmöglichkeit gibt?«

Das Paar wechselte einen Blick. »Das ist ein außerplanetarer Akzent«, sagte die Frau.

Araminta unterdrückte ein Kichern, denn für sie hatte wiederum die Frau einen fremdartigen Akzent; sie verschliff ihre Worte fast, indem sie sie merkwürdig ineinanderlaufen ließ. Zum Glück waren die Kleider, die sie trugen, nicht von jener unzeitgemäßen Art, wie Living-Dream-Anhänger sie gewöhnlich favorisierten. Andererseits kam es selten vor, dass man jemandem begegnete, dessen Körper in einem solchen Maße gealtert war. »Stimmt, leider ja. Bin gerade erst angekommen.«

Die Frau sandte ein Aufschimmern von Befriedigung aus. »Das freut mich für Sie, meine Liebe. Waren Sie lange fort?«

»Ich, äh, bin mir nicht sicher«, erwiderte sie wahrheitsgemäß.

»Ich hab’s mal versucht«, sagte die Frau mit einem Anflug von Wehmut. »Bin auf keinen grünen Zweig gekommen. Vielleicht probier ich’s noch mal nach der Rejuvenation.«

»Ähm, ja. Dieses Hotel …?«

»Warum machen Sie es nicht einfach mit Ihrem U-Shadow ausfindig?«, fragte der Mann. Sein weißer Haarschopf lichtete sich bereits. Sein ganzes Äußeres ließ ihn gutmütig erscheinen, doch der Ton, den er anschlug, war relativ scharf.

»Ich bin ein Natural-Mensch«, erklärte Araminta.

»Bitte, Earl«, tadelte ihn seine Frau. »Es gibt ein StarSide-Motel gleich hier auf der Caston Street, meine Liebe. Nur vier Straßen weiter.« Mit freundlichem Lächeln wies sie Araminta die Richtung. »Preisgünstig, aber sauber. Sie werden dort keine Probleme haben.«

»Alles klar, vielen Dank.«

»Haben Sie Geld?«

»Ja. Danke.« Araminta verabschiedete sich mit einem knappen Nicken und machte sich auf den Weg. Nach ein paar Schritten blieb sie wieder stehen. »Äh, was für ein Ort ist das hier eigentlich?«

»Miledeep Water«, antwortete der Mann trocken. »Wir befinden uns auf Chobambas Äquatorialkontinent, bekanntermaßen eine Externe Welt.«

»Ach ja, richtig.« Sie lächelte, versuchte den Eindruck zu erwecken, als sei dies alles ihr nur kurz entfallen.

»Tatsächlich sind wir sogar die einzige Ansiedlung auf dem ganzen Kontinent, der von Küste zu Küste eine Wüste ist. Sie haben wirklich Glück gehabt, dass Sie uns gefunden haben.« Der spöttische Unterton des Mannes war deutlich zu erkennen, selbst durch den eigentümlichen Akzent hindurch.

»Ja.«

Ehe er etwas erwidern konnte, versetzte ihm die Frau einen sanften Schlag mit der Hand und brachte ihn damit zum Schweigen. Araminta lächelte abermals und machte dann rasch, dass sie fortkam. Während sie weiter die Caston Street hinunterging, war sie sich unangenehm des alten Ehepaars bewusst, das dort hinter ihr stand und ihr nachsah. Die Gedanken des Mannes verströmten eine leichte Belustigung, im Verein mit vielleicht einer winzigen Spur Verbitterung.

Es hätte schlimmer kommen können, sagte sie sich. Sie hätten Verdacht schöpfen oder mich erkennen können.

Araminta zog ihre Enzyklopädie-Files zu Rate und erfuhr, dass die Besiedelung Chobambas erst vor knapp zweihundertfünfzig Jahren stattgefunden hatte. Sie nahm an, dass das StarSide-Motel zu den ersten Unternehmen zählte, die seinerzeit hier gegründet worden waren. Seine kleinen Chalets bildeten einen auffallenden Gegensatz zu den Schindelhäusern der übrigen Stadt. Sie bestanden aus gewachsenem Drycoral, das inzwischen längst abgestorben war und unter der unbarmherzigen Sonne bereits abzubröckeln begann. Es war von ähnlicher Art wie das blassviolette Drycoral, das daheim auf der Farm in Langham für Ställe eingesetzt wurde, weshalb sie wusste, dass es, um dieses Stadium zu erreichen, mindestens ein Jahrhundert auf dem Buckel haben musste.

Das Motel nahm eine große Fläche ein, wobei die Chalets sich in einem weiten Kreis um einen zentralen Swimmingpool verteilten. Ihre Betonlandefelder für Gästekapseln waren samt und sonders rissig, von Unkraut und Kolonnen ekelhaft aussehender, roter Kugelpilze gesprengt. Zurzeit war dort nur eine einzige Kapsel geparkt.

Sprinklerdüsen versprühten in kurzen Intervallen einen feinen Regen über den Vorgartenrasen, während sie hinauf zum Empfangsgebäude schritt. Sie nahm an, dass die gesamte Kraterwand bewässert werden musste.

Der Besitzer befand sich im Büro hinter der Rezeption und bastelte an einer museumsreifen Klimatisierungseinheit herum. Sofort kam er heraus, wischte sich an seiner schmutzigen weißen Weste die Hände ab und stellte sich ihr als Ragnar vor. Mit raschem Blick taxierte er Araminta von oben bis unten und musterte ihre Kleidung. »Ist ’ne Weile her, dass jemand bei uns reingeschneit ist«, sagte er, die Worte seltsam betonend. Sein Akzent war der gleiche wie der des älteren Paars von vorhin.

»Also bin ich nicht die erste?«, fragte sie argwöhnisch.

»Nein, Ma’am. Der Silfenpfad endet da draußen irgendwo hinter dem Krater. Da ist uns über die Jahre so mancher Reisende wie Sie untergekommen.«

»Ja, richtig.« Sie entspannte sich wieder ein wenig.

Ragnar beugte sich über den Tresen und dämpfte die Stimme. »Waren Sie lange da draußen?«

»Ich weiß nicht so genau.«

»Verstehe. Nun, Sie haben sich nicht gerade den besten Moment zum Zurückkommen ausgesucht. Sind momentan für das alte Greater Commonwealth ziemlich unruhige Zeiten, ja, das kann man wohl sagen.« Seine Augen verengten sich angesichts ihrer ausdruckslosen Miene zu schmalen Schlitzen. »Sie wissen, was das Commonwealth ist?«

»Ja, sicher, klar«, erwiderte sie rasch.

»Gut. Wollte nur gefragt haben. Diese Pfade sollen reichlich verworren sein nach dem, was man so hört. Ich hatte mal welche hier, die kamen direktemang aus ’nem Vor-Wurmloch-Jahrhundert. Junge, Junge, waren die von der Rolle.«

Araminta wollte nicht mit ihm darüber streiten, wie unwahrscheinlich das war. Stattdessen lächelte sie und hielt ihren Credit-Jeton hoch. »Ein Zimmer?«

»Null Problemo. Wie lange werden Sie bleiben?«

»Eine Woche.« Sie reichte ihm den Jeton.

Als er ihn ihr zurückgab, betrachtete Ragnar ein weiteres Mal mit skeptischem Blick ihre Kleidung. »Ich geb’ Ihnen Nummer Zwölf. Da ist es recht ruhig. Die Toilettenartikel gibt’s zu all unseren Zimmern umsonst dazu.«

»Prima.«

Er rümpfte die Nase. »Ich geb’ Ihnen ’nen Extrasatz mit.«

Zimmer Zwölf maß etwa fünf mal vier Meter und wies eine Tür in der hinteren Wand auf, die in ein kleines Bad mit einer Toilette und einer Badewanne führte. Keine Sporendusche, wie Araminta enttäuscht feststellte. Sie setzte sich auf das Doppelbett und starrte auf ihre Füße. Die Schmerzen waren inzwischen ziemlich heftig. Sie brauchte eine Weile, um aus ihren Stiefeln zu kommen. Als sie sie abstreifte, sah sie, dass ihre Strümpfe blutdurchtränkt waren. Immer wieder zusammenzuckend rollte sie die Socken vorsichtig ab. Blasen waren geplatzt und bis aufs rohe Fleisch aufgescheuert. Angeschwollen waren ihre Füße auch.

Araminta schaute sie an, wütend und den Tränen nah. Aber vor allem war sie müde. Sie wusste, dass sie wegen ihrer Füße eigentlich etwas unternehmen sollte, sie wenigstens baden. Doch sie besaß einfach nicht mehr die Kraft dazu. Stattdessen zog sie kurzerhand die dünne Bettdecke über sich und schlief schon im nächsten Augenblick tief und fest.

Zehn Stunden nach den Unruhen waren in Bodant Park immer noch Sanitäter im Einsatz. Nach den Unruhen oder nach dem Kampf oder dem Scharmützel oder wie immer man es nennen wollte. Eine Menge Leute nannten es schlicht und einfach Massenmord. Kleriker Phelim hatte die Senatsdelegation, als diese dergleichen Anschuldigungen gegen ihn erhob und deutlich hatte durchblicken lassen, dass das Commonwealth ein Kriegsverbrechertribunal mit ihm als Hauptangeklagtem einberufen würde, kurzerhand aus seinem Hauptquartier geworfen. Doch in einer außerordentlich misslungenen PR-Maßnahme hatte er, fünf Stunden nachdem die Agenten aufgehört hatten, wie wild aufeinander einzuballern, das Flugverbot für örtliche Ambulanzkapseln schließlich aufgehoben. Trotzdem würde er die Kraftfeldwetterkuppel nicht abschalten lassen. Ebenso wenig würde er erlauben, dass die Verletzten in Hospitäler in anderen Städten überführt wurden. Colwyns eigene Krankenhäuser und Kliniken, ohnehin schon überfordert von früheren Verwundeten aus Zusammenstößen zwischen Bürgern und Paramilitärs, würden die Sache allein bewältigen müssen.

Die Opferzahlen waren schwer zu beziffern, aber die Unisphären-Reporter vor Ort rechneten mit etwa hundertfünfzig Körperverlusten. Die Zahl der Verletzten ging weit über tausend, möglicherweise an die zweitausend, von leicht über schwer bis hin zu lebensbedrohlich.

Oscar hatte die Summe von Körperverlusten persönlich um zwei erhöht, und was den Kollateralschaden anging, war er nicht sicher, aber der würde wohl auch nicht gering ausgefallen sein. Niemand hatte sich in dem Kampf zurückgehalten. Auf einer Ebene war er insgeheim geradezu entsetzt über die Rücksichtslosigkeit, mit der er Araminta vor den Agenten, die hinter ihr hergewesen waren, beschützt hatte. Er hatte sich ganz den Kampfprogrammen überlassen, hatte ihnen gestattet, seine sämtlichen Reaktionen zu beherrschen. Dennoch waren seine eigenen Instinkte nicht unbeteiligt gewesen und hatten den Kampf um eine Wildheit ergänzt, die jeden Fehler, den sein Gegner erkennen ließ, brutal ausgenutzt hatte. Und seine Biononics waren absolute Oberklasse. Sie erzeugten Energieströme, die von den besten waffenfähigen Programmen generiert wurden, die seitens der Knight Guardians je entwickelt worden waren. Sicher war es auch hilfreich gewesen, dass Tomansio und Beckia sich binnen Sekunden mit all ihrer Feuerkraft und Wut mit in sein Gefecht geworfen hatten. Aber in diesen ersten kurzen und entscheidenden Augenblicken hatte er sich ganz auf sich allein gestellt behauptet. Es war das gleiche Gefühl wie bei der Hanko-Mission, damals, in der guten alten Zeit, als er beinahe selbstmörderische Flugmanöver über dem Stern ausgeführt hatte, ganz einfach, weil es nötig gewesen war.

Jetzt, am Morgen danach, begannen Schuldgefühle, ihn zu beschleichen. Möglicherweise hätte er etwas Zurückhaltung üben sollen, ein bisschen Rücksichtnahme auf die Unbeteiligten, die versucht hatten, aus der Gefahrenzone zu kommen. Wenngleich er verstandesmäßig nur allzu gut wusste, dass er Aramintas Flucht hatte decken müssen, koste es, was es wolle. Das Schicksal des Commonwealth hatte von diesem Moment abgehangen, der darüber bestimmte, welche Fraktion sie zu fassen bekam. Vielleicht hatte er deshalb so unbarmherzig gekämpft; er hatte gewusst, dass er erfolgreich sein musste. Die Alternative war zu entsetzlich, um sie auch nur in Betracht zu ziehen.

Gewiss, anfänglich hatten Tomansio und Beckia ein gewisses Maß an mangelndem Respekt erkennen lassen. Er wünschte nur, er hätte ihn sich auf andere Weise erworben.

Ihre geborgte Kapsel verließ die Basis der Ellezelin-Truppen an den Docks und flog eine Wende, um mit Kurs auf die große Spannbrücke dem Cairns River zu folgen.

»Irgendwer muss sie erwischt haben«, sagte Beckia; diese Feststellung war fast schon zu einem Mantra geworden. Nachdem sie sich von den Kämpfen in Bodant Park gelöst hatten, hatten sie den Rest der Nacht damit verbracht, Liatris bei der Suche nach Araminta, dem schwer zu fassenden Zweiten Träumer, zu helfen.

Zum Teil war ihr Verschwinden ihre eigene Schuld; Liatris hatte im Umkreis von fünf Kilometern um den Park sämtliche Sensoren zerstört. Alles, was in diesem Moment gezählt hatte, war, dass Araminta entkam. Und so war ihnen dieses Mittel als gerechtfertigt erschienen. Was sie allerdings verwunderte, war, wie schnell Araminta das bewerkstelligt hatte. Ihre Suche hatte nicht den leisesten Hinweis darauf ergeben, wo sie abgeblieben sein könnte, nachdem sie im Park vor Oscar die Flucht ergriffen hatte. Als Plus war zu verbuchen, dass auch niemand sonst, der nach ihr fahndete, sie bisher gefunden hatte (und es waren Liatris’ Erkenntnissen nach noch immerhin fünf operative Teams im Rennen).

»Living Dream jedenfalls nicht«, erwiderte Tomansio ruhig. »Darauf hatten wir unser Augenmerk. Solange wir keine Klarheit über ihre Lage haben, setzen wir die Mission fort. Richtig, Oscar?«

»Richtig.« Er sah wieder ihr Gesicht vor sich, jenen kurzen Moment der Seelenverwandtschaft, als das erschrockene, verängstigte Mädchen ihn aus verzweifelten Augen angesehen hatte. Sie hatte so zerbrechlich gewirkt. Wie um alles in der Welt macht sie das, dass sie allen immer eine Nasenlänge voraus ist? Dabei hätte er eigentlich am besten wissen sollen, dass außergewöhnliche Situationen mitunter nicht weniger ungewöhnliche Handlungsweisen provozierten.

»Irgendwelche Treffer bei der Bildüberprüfung?«, fragte Beckia.

»Nein«, lautete Liatris’ knappe Antwort. Nachdem Araminta vom Radar verschwunden war, hatte ihr Technikexperte eine Sichtung alter Sensoraufnahmen gestartet, um so vielleicht herauszufinden, auf welche Weise sie nach Bodant Park gelangt war. Das Begrüßungsteam war damit beschäftigt gewesen, die Daten sämtlicher öffentlichen Sensoren in der Stadt zu analysieren, um ihre Spur zu verfolgen. Liatris (und das rivalisierende Agententeam) hatte den Input in ihre halbintelligenten Routinen gestört und sie auf eine aussichtslose Suche geschickt. Aber es sprach für sich, dass keine ihrer eigenen Überwachungseinrichtungen sie während des Tages hatte ausmachen können, nicht einmal als sie sich Bodant Park genähert hatte. Das erste Mal, dass irgendjemand Aramintas Position festgestellt hatte, war in dem Moment gewesen, als beim Anblick ihrer in Flammen aufgehenden Apartments ihre aufgebrachten Gedanken ins Gaiafield hineingeplatzt waren. Bis jetzt war noch niemand dahintergekommen, wie sie es geschafft hatte, sich so vollkommen zu verbergen. Welcher Methode sie sich auch immer bediente, sie war effektiv genug, um sie auf dem Höhepunkt des Gefechts wie vom Erdboden verschwinden zu lassen.

Also blieben Oscar und seinem Team im Augenblick nur zwei Dinge zu tun: Erstens darauf hoffen, dass sie, sei es aus Dankbarkeit oder vielleicht auch aus purem Pragmatismus, über den Code, den er ihr gegeben hatte, anrufen würde. Und zweitens, wie professionelle Police Detectives jedem noch so winzigen Hinweis zu folgen. Paula wäre stolz auf uns, dachte er mit einem stillen Lächeln.

Ungeachtet einer Flut von eindringlichen anonymen Warnungen hatte das Begrüßungsteam den Großteil von Aramintas Familie verhaftet, mit Ausnahme jener respekteinflößenden Cressida, die sich in gleicher Weise in Luft aufgelöst zu haben schien wie Araminta. Sie waren alle zur »Vernehmung« zu den Docks gebracht worden. Liatris berichtete, dass sie Spezialteams von Ellezelin einfliegen ließen, um Erinnerungsauslesungen durchzuführen.

Womit nur noch Aramintas Freunde in der Stadt übrig waren; obwohl sie abgesehen von Cressida nicht viele zu haben schien. Was merkwürdig war, wie Oscar fand. Sie war eine äußerst attraktive junge Frau, frei und ungebunden. Das würde normalerweise einen großen Bekanntenkreis bedeuten. Bis jetzt hatte Liatris in dieser Hinsicht jedoch wenig gefunden, obwohl ein gewisser Bauzubehörhändler names Mr Bovey eine vielversprechende Spur darstellte. Sie würden ihm im Anschluss an den vor ihnen liegenden Termin einen diskreten Besuch abstatten müssen.

Tomansio steuerte die Kapsel vom Fluss weg und über den Coredna District. Sie landeten auf einem Feld am Ende einer Straße und stiegen aus. Die Häuser hier waren alle aus Drycoral, einstöckig und klein, ihre winzigen Gärten entweder vorbildlich gepflegt oder Endlagerstätte von Stapeln aus Abfall und Sperrmüll. Es war eines der ärmsten Viertel der Stadt. Dann entdeckten sie die Kapsel der Ellezelin-Truppen, die am anderen Straßenende abgestellt war.

»En garde«, sagte Tomansio leise.

Sie waren alle drei in die schlichten Uniformen der Besatzungstruppen gekleidet, keine Kampfanzüge. Oscar brachte seine Biononics auf volle Bereitschaft. Abwehrenergieströme und sein integrales Kraftfeld würden binnen Millisekunden auf jede Gefahr reagieren. Er hoffte, dass das reichen würde. Während sie geschlossen die Straße hinabgingen, checkte er die Kapsel vor ihnen mit einem Feldscan. Sie war inaktiv, leer.

»Zugeteilt Kommando FIK67«, teilte Liatris ihnen mit, als sie ihm die Seriennummer übermittelten. »Gegenwärtig zur Sicherung der Stadtgrenzen unterwegs.«

»So ’ne Scheiße«, murmelte Oscar, als sie sich dem Haus näherten, zu dem sie wollten. Sein Feldscan hatte in dessen Innerem jemanden mit Biononics registriert. Wer immer es war, er hatte seine Energieströme ebenfalls auf Bereitschaft. »Accelerators?«

»Darwinisten«, entschied Beckia.

»Separatisten«, meinte Tomansio.

»Ich will auch mal mitraten«, meldete sich Liatris. »Merkt mich für die Konservativen vor.«

Tomansio stieg zu der Aluminiumhaustür hoch und klopfte an. Gespannt warteten sie, als sie drinnen Fußtritte vernahmen. Dann öffnete sich die Tür und gab den Blick auf eine auffallend kleine und angespannt wirkende Frau in einem dunkelblauen Morgenrock frei.

»Ja?«, fragte sie.

Oscar erkannte Tandra von der Angestelltendatei, die Liatris aus dem Geschäftsführungsnetz des Nik’s herausgesaugt hatte.

»Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen«, sagte Tomansio.

Tandra verdrehte die Augen. »Nicht schon wieder ihr Typen. Was wollt ihr wissen?«

»Dürfen wir bitte hereinkommen?«, fragte Oscar.

»Ich dachte, ihr Living-Dream-Wichser macht euch nicht die Mühe zu bitten.«

»Trotzdem würden wir gern hereinkommen, Ma’am.«

»Na super!«, grunzte Tandra und stieß die Tür ganz auf. Sie drehte sich um und stapfte durch den kleinen Hausflur. »Ihr könnt gleich mitmachen bei der Party. Eine von eurer Sorte ist schon da.«

Oscar wechselte mit den anderen einen nervösen Blick und folgte Tandra ins Haus. Als er das kleine Wohnzimmer betrat, blieb er wie vom Donner gerührt stehen und gab einen gewaltigen Entsetzensstoß in das Gaiafield ab. Die Frau mit den aktiven Biononics saß auf der Couch, einen fröhlichen Zwilling an jeder Seite. Sie trug eine tadellos geschnittene Major-Uniform, und sie sah gut darin aus, der Inbegriff eines Berufsoffiziers. Martyn beugte sich soeben zu ihr herab, um ihr eine Tasse Kaffee zu reichen.

»Hallo, Oscar«, sagte The Cat lächelnd. »Lange nicht gesehen. Erzählen Sie, was haben Sie die letzten tausend Jahre getrieben?«

Oscar seufzte ergeben. Komm schon, dir war klar, dass das irgendwann passieren würde. »Ich war in Suspension, wo Sie im Augenblick auch sein sollten.«

»War mir zu langweilig«, erwiderte Cat. Sie warf einen Blick auf Tomansio und Beckia. Oscar hatte die beiden Knight Guardians noch nie so entgeistert gesehen. Sie waren sogar noch fassungsloser als er selbst. »Meine Leute«, sagte Cat spöttisch. »Herzlich willkommen.«

»Ich fürchte, nein«, sagte Tomansio. »Wir arbeiten für Oscar.«

»Aber nicht doch, da hab’ ich doch bestimmt den Vorrang. Ich hab’ euch schließlich erschaffen.«

»Sie haben Grundsätze und Überzeugungen«, entgegnete Oscar. »Hat was mit Charakterstärke zu tun …«

Cat lachte entzückt auf. »Ich hab Sie schon immer gemocht.«

»Was läuft hier eigentlich?«, Martyn blickte von Cat zu Oscar. »Ich dachte, ihr Typen wärt alle gleich.«

»Oh, das sind wir«, sagte Cat.

»Sind wir nicht«, widersprach Oscar heftig.

»Mixal, Freddy«, rief Tandra. »Kommt her.«

Cats Lächeln war ebenso vergnügt wie ihr Griff um die beiden Kinder fest war. »Ach, ich liebe diese Zwillinge«, sagte sie sanft.

Martyn machte einen Schritt nach vorn, als Mixal und Freddy sich in ihrer unnachgiebigen Umklammerung hin und her zu winden begannen. Rasch war Tomansio bei ihm und hielt ihn zurück. »Schön hiergeblieben«, knurrte er.

Beckia ergriff Tandra. »Nein«, warnte sie die Frau, als diese versuchte, sich auf ihre Kinder zu stürzen.

»Lassen Sie mich los«, schrie Tandra.

»Noch eine Bewegung, und ich knall Sie ab«, fuhr Oscar sie barsch an und hasste sich im gleichen Moment dafür, aber er hatte keine andere Wahl. Abgesehen davon würde der Schock sie vielleicht davon abhalten, irgendetwas Unüberlegtes zu tun. Sie würde niemals begreifen, dass die einzige Chance für die Zwillinge, die nächsten fünf Minuten zu überleben, darin bestand, ihn und sein Team die Regie übernehmen zu lassen.

»Große Worte«, sagte Cat.

»Ich habe nicht viele Alternativen«, erwiderte Oscar.

»Wie geht’s Paula?«

»Ich dachte, Sie hätten sie getroffen.«

»Nicht ganz. Noch nicht.«

»Es gibt immer ein nächstes Mal, was?«

»Das müssten Sie eigentlich wissen, besser sogar noch als ich.«

»Wissen Sie, als ich Sie das letzte Mal in dem Flugzeug nach Far Away gesehen hab’, sind Sie nicht so unartig gewesen.«

»Glauben Sie mir, ich war es«, entgegnete Cat.

»Seltsam, denn das war Ihr jetziges Ich. Das Ich, das die Knight Guardians ins Leben gerufen hat, ist in Ihrer persönlichen Erinnerung die Zukunft.«

»Schätzchen, das klingt alles schrecklich kompliziert und verschwurbelt.«

»Jetzt, wo ich darüber nachdenke, ist mir Ihr Ich im Grunde nie in der Maschine nach Far Away begegnet. Ihre Erinnerungen stammen aus der Zeit, bevor Sie nach Randtown geschickt wurden.«

»Und Sie wollen damit worauf hinaus?«

»Interessant, dass Sie über sich selbst recherchiert haben.«

»Kenne deine Feinde.«

»Ah, na das ergibt jetzt sogar einen Sinn. Vor allem bei der Menge, die Sie inzwischen haben.«

»Wohingegen Sie in einem glücklichen Universum leben.«

Oscar grinste sie schief an. »Na ja, es gibt Sie darin.«

»Autsch, das war persönlich, Schätzchen.«

»Natürlich war es persönlich. Wie könnte es anders sein nach dem, was in dem Flugzeug zwischen uns vorgefallen ist? Oh, warten Sie, die Erinnerung besitzen Sie ja nicht.«

Cat wirkte tatsächlich einigermaßen verblüfft. »Sie nehmen mich auf den Arm, Schätzchen. Sie stehen ja nicht mal auf Mädchen.«

»Nein. Aber wie Sie schon sagten, Sie mögen mich, und wenn man dem sicheren Tod entgegenrast, löst das in jedem Fall einige Reflexe aus. Ich hatte keine Wahl und musste mit dem arbeiten, was da war.«

»Jetzt werden Sie beleidigend.«

Oscar bewahrte eine absolut ausdruckslose Miene. »Nicht doch, ich bin nach wie vor nur persönlich. Schließlich, wessen Kind haben Sie nach der Zerstörung des Starflyers bekommen?«

»Kind?«, stieß Cat hervor. »Ich? Mit Ihnen?«

»Was ist bloß los mit euch Typen!«, schrie in dem Moment Tandra. »Haut einfach ab, alle. Haut ab und lasst uns in Ruhe.«

Oscar hob einen Finger in Richtung der aufgelösten Frau und wandte sich dann wieder Cat zu. »Falls Ihnen diese Kleinigkeit bei Ihren Recherchen entgangen ist, dann fragen Sie doch die Knight Guardians, die Sie erschaffen haben. Gibt es um die besagte Zeit herum eine Lücke in Ihrer Vita?«

Cat wandte ihren Blick auf Tomansio, der immer noch Martyn zurückhielt. »Es fehlt da tatsächlich eine gewisse Zeitspanne in Ihrer Lebensgeschichte im Anschluss an die Starflyer-Vernichtung«, sagte er. »Niemand weiß, was Sie damals gemacht haben.«

»Leck mich!«, schnauzte Cat ihn an. »Und Sie«, mit zornesfunkelndem Blick wieder an Oscars Adresse: »Sie wissen es auch nicht. Sie haben tausend Jahre als Memorycell an Paulas Halsband gebaumelt.«

»Das Gör hat mich besucht, nachdem ich relifed worden bin. Hat mir die ganze Geschichte erzählt.«

»Hören Sie auf. Sofort.«

»Okay«, erwiderte er gelassen. »Hatten Sie Gelegenheit, diesen netten Leuten hier ein paar Fragen zu stellen?«

»Ich lass mich von Ihnen doch nicht ins Hirn ficken.«

Oscar zwinkerte ihr zu. »Mit dem Rest hatte ich ja schon das Vergnügen.« Er wandte sich Tandra zu. »Hat sie Sie nach Araminta gefragt?«

Tandra streckte ihre Arme nach der Couch aus, wo sich die Zwillinge immer noch erfolglos aus Cats Griff zu winden versuchten. »Was?«

Oscar streckte seinerseits einen Arm aus. Ein roter Laser leuchtete durch die Haut seines Zeigefingers auf und warf einen Punkt auf Freddys Stirn. Alle erstarrten. Freddy fing an zu weinen, kauerte sich enger an Cat in dem Glauben, sie würde ihn beschützen. Wenn du nur wüsstest, wie falsch du liegst, dachte Oscar unglücklich. »Hat sie?«

»Das tun Sie nicht«, sagte Cat. Sie lächelte Tandra fröhlich an. »Er ist der Gute, er erschießt keine Kinder, so was mach nur ich. Und ich bin darin echt gut.«

»Na ja, ich würd’ jedenfalls nicht unseres erschießen«, warf Oscar in aufgeräumtem Tonfall ein. Er genoss den giftigen Ausdruck auf Cats Gesicht. »Was hat sich hier abgespielt, bevor ich aufgetaucht bin?«

»Nichts!«, schrie Martyn. »In Ozzies Namen, hören Sie auf. Bitte! Es sind doch nur Kinder.«

Unbeirrt sah Oscar Cat fest in die Augen. Sein Ziellaser schaltete sich aus. »Wir werden die Erkenntnisse teilen, und dann sind wir beide verschwunden.«

»Wie überaus schwach von Ihnen«, sagte Cat.

»Wie überaus taktisch«, gab Oscar zurück. »Wenn Sie sich widersetzen, werden wir uns gegen Sie wenden. Vielleicht erleiden ein oder zwei von uns einen Körperverlust, aber ANA dürfte uns innerhalb weniger Stunden wieder relifed haben. Sie dagegen werden definitiv sterben. Und die Informationen mit Ihnen. Ungenutzt. Die Accelerators werden Araminta nicht bekommen, und Sie … Ach ja, wie war das noch gleich? Nachricht von Paula. Sie hat der Eismond-Accelerator-Station einen kleinen Besuch abgestattet. Da waren etliche von Ihnen in Suspension. Wohlgemerkt waren, jetzt sind da keine mehr.«

Cat warf einen warnenden Blick auf die weinenden Zwillinge.

»Das mögliche Ende der Galaxis gegen zwei Leben«, fuhr Oscar fort. »Da fällt die Entscheidung nicht schwer. Vergessen Sie nicht, dass ich als Navy-Offizier gedient habe. Ich bin an solche Situationen gewöhnt. Das Erforderliche wiegt immer schwerer als Rührseligkeit. Ich habe Hankos Sonne in die Luft gejagt und damit einen ganzen Planeten zerstört.«

»Richtigerweise, Schätzchen, hab’ ich Hanko zerstört, aber lassen Sie uns das im Moment nicht weiter vertiefen.«

»Wir vertiefen hier gar nichts mehr. Sie haben genau zwei Möglichkeiten, von hier zu verschwinden oder zu sterben. Und machen Sie sich klar, falls Living Dream oder die Accelerators gewinnen, wird Ihr echter Körper nie wieder aus der Suspension rauskommen. Lange bevor dieser Tag gekommen sein wird, wird die Erde von der Begrenzung der Leere in reine Energie umgewandelt worden sein, um den Tagtraum irgendeines Idioten zu nähren.«

Oscar wandte Cat seinen Rücken zu. Wie viele, die das getan haben, wohl noch leben? Als sie nicht unverzüglich das Feuer auf ihn eröffnete, forderte er Tandra auf: »Erzählen Sie mir was über Araminta.«

»Sie war hier«, platzte Martyn heraus. »Dieses Miststück. Sie ist der Grund dafür, dass dies alles passiert ist, und sie kam hierher! Hier in unser Haus.«

»Wann?«

»Am Abend vor den Ausschreitungen in Bodant Park«, sagte Tandra matt. »Sie sagte, sie hätte Angst vor der aufgebrachten Menge dort und habe nicht gewusst, wohin sie sonst gehen sollte. Wir haben sie bei uns übernachten lassen. Auf der Couch.«

»Hat sie Ihnen erzählt, dass sie der Zweite Träumer ist?«

»Nein. Ich kann es immer noch nicht glauben. Sie ist so ein verkorkstes Mädel.«

»Sie ist weitaus mehr als das. Wie ist sie hierhergekommen?«

»Sie sagte, sie wäre gelaufen.«

»Ich hab ihr das von Anfang an nicht geglaubt«, knurrte Martyn.

»Haben Sie denn ein Trike oder ein Taxi gesehen?«, hakte Oscar bei Martyn nach.

»Nein, aber es ist zu Fuß ein langer Weg von Bodant Park. Und alles andere war auch gelogen.«

»Na schön, und wann ist sie wieder weg?«

»Sie ging zu Fuß fort«, sagte Tandra. »Ich hab sie weggehen sehen. Da war nirgendwo ein Trike oder irgendwas. Sie war ganz allein.«

»Wohin wollte sie?«

»Das hat sie nicht gesagt.« Tandra zögerte. »Ich dachte, vielleicht zu einem Kerl. Sie hat mein Make-up benutzt, hat ziemlich lange gedauert. Sie sah großartig aus, als sie aufgebrochen ist.«

»Ah«, mischte Beckia sich ein. »Sah sie wie sie selbst aus?«

»Nicht wirklich, sie hatte ’ne Menge verändert. Ihre Haare waren richtig dunkel. Ihre eigene Farbe steht ihr besser.«

»Clever.«

»Also gut.« Oscar schaute sich um zu Cat. »Hätten Sie noch eine Frage?«

»Wen vögelt sie?«, fragte Cat.

»Woher soll ich das wissen?«, erwiderte Tandra. »Ich hatte sie seit Ewigkeiten nicht gesehen. Ich war völlig überrascht, als sie plötzlich hier auf der Matte stand.«

»Sie sind also ihre beste Freundin? Die, an die sie sich in einer Krise wendet?«

Tandra zuckte die Achseln. »Schätze, ja.«

»Ich hab’ genug gehört.« Cat ließ die Zwillinge los und stand in einer einzigen, schnellen Bewegung auf.

Oscar blinzelte; sie hatte sich wirklich schnell bewegt. Muss Beschleuniger benutzen, dachte er bei sich.

Sofort stürzten Tandra und Martyn auf ihre Kinder zu.

Cat bedachte Oscar mit einem boshaften Grinsen. »Man sieht sich.«

»Ich werd’ den Enkelkindern sagen, dass Sie kommen. Ist schon ein ganzer Haufen. Immerhin waren es eintausend Jahre.«

Ihr Kichern klang echt. »Wissen Sie, vielleicht mach’ ich das sogar.«

Oscar wappnete sich. Falls sie irgendetwas anstellen würde, dann jetzt. Der Moment verstrich, und Cat ging.

Beckia stieß einen leisen Pfiff aus, als sie sich wieder entspannte.

Tomansio legte Oscar seine Hand auf die Schulter. »Dir ist hoffentlich klar, dass du fast so verrückt bist wie sie. Äh, du und sie in diesem Flugzeug, war das wirklich …«

»Ein Gentleman genießt und schweigt«, erwiderte Oscar mit ernster Miene.

»Leck mich.«

»Wenn das hier vorbei ist, nehm’ ich dich diesbezüglich beim Wort. Aber ich denke, wir verschwinden jetzt besser.«

Sein Feldscan verriet ihm, dass sich Cats gestohlene Kapsel von dem Landefeld erhoben hatte. Einmal mehr versteifte er sich. Würde sie über das Haus fliegen und wild drauflos ballern?

Tandra und Martyn kauerten sich schützend zusammen, ihre Kinder fest an sich gedrückt. Die Zwillinge schluchzten vor Angst.

»Hören Sie auf meinen Rat«, sagte Oscar zu ihnen. »Hauen Sie sofort von hier ab. Sehen Sie zu, dass Sie irgendwo anders unterkommen, bei Freunden oder in einem Hotel, überall, nur nicht hier. Es werden noch mehr kommen wie wir.«

»Ozzie soll euch verfluchen, ihr Schweine«, zischte Martyn wütend. Tränen liefen ihm über die Wangen.

»Ich bin Ozzie begegnet«, sagte Oscar ruhig. »Er ist nicht annähernd so, wie heutzutage jeder glaubt.«

»Gehen Sie einfach«, flehte Tandra.

Oscar drehte sich um und führte Tomansio und Beckia wieder zurück zu ihrer Kapsel. Kaum hatten sie das kleine Drycoral-Haus verlassen, rief er Paula an.

»Cat ist hier.«

»Sind Sie sicher?«

Oscar erschauderte. »Oh ja. Wir hatten gerade einen netten Plausch.«

»Und Sie leben noch? Ich bin beeindruckt.«

»Na ja, ich hab’ ihr einen gigantischen Floh ins Ohr gesetzt. Schätze, das hat ihr den Spaß an ihrem Spiel für ’ne Weile verdorben.«

»Sucht sie auch nach Araminta?«

»Ja.«

»War ja klar. Die Accelerators wollen sie unbedingt haben.«

»Ich dachte, wir auch?«

»Stimmt. Es ist unumgänglich geworden.«

»Ich tue mein Bestes. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sie mich vielleicht anruft. Sie ist nicht ganz die Superwoman wie alle Welt denkt.«

»Ich habe sie nie dafür gehalten. Was ist Ihr nächster Schritt?

»Wir werden einen Mr Bovey besuchen. Liatris hat irgendeine Verbindung zwischen ihm und Araminta entdeckt.«

»Okay, halten Sie mich auf dem Laufenden.«

»Was tun Sie?«

»Seien Sie unbesorgt, ich bin auf dem Weg nach Viotia.«

»Ich dachte, ich mach’ das hier, damit Sie sich zurückhalten können.«

»Die Zeit ist jetzt offiziell vorbei.«

Während er sich der Ocisen-Flotte näherte, hielt Kazimir eine einzelne Hyperkommunikationsverbindung zu ANA aufrecht. Er wusste, dass das Exoprotectorate Council von ihm erwartete, dass er ihm einen Echtzeit-Fortschrittsbericht von dem Einsatz lieferte, aber das hätte Ilanthe zu viele Informationen gegeben. Die Prime-Schiffe, die die Ocisen-Starslayer eskortierten, wären sofort von seiner Ankunft in Kenntnis gesetzt worden. Nicht, dass ihnen das, wie er einräumen musste, in Anbetracht seiner Schlagkraft viel genützt hätte. Andererseits war von ihnen nie die eigentliche Bedrohung ausgegangen. Etwas anderes würde dort draußen auf Beobachtungsposten sein und wertvolle Informationen über die Beschaffenheit der Abschreckungsflotte an die Accelerators übermitteln. Da war er absolut sicher.

Kazimir passte seine Geschwindigkeit der gewaltigen Alien-Armada an und nahm die Schiffe näher unter die Lupe. Mit seinen Sensorfunktionen war es ein Kinderspiel, sie zu orten; mehr als zweitausendachthundert Ocisen-Schiffe jagten mit viereinhalb Lichtjahren pro Stunde durch den interstellaren Raum, einschließlich neunhundert Starslayern. Seine Wahrnehmung durchdrang die Rümpfe, enthüllte die Waffen, die sie mit sich führten – genug von der Gattung Quantenzerstörer, um den größten Teil des Greater Commonwealth auszuradieren, sollten sie ihren Bestimmungsort jemals erreichen. Doch keine anderen, wie er erleichtert feststellte. Keinerlei postphysischen Systeme, auf die sie zufällig gestoßen waren und die sie nachgebaut und für ihre Zwecke umgemodelt hatten. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die siebenunddreißig Prime-Schiffe, die sie begleiteten; sie benutzten einen hochentwickelten Hyperantrieb, der so konfiguriert war, dass er ihre Distorsionen auf einem absoluten Minimum hielt. Ihre Waffen waren um einiges fortschrittlicher als alles, was die Ocisen besaßen, faktisch einem Commonwealth-Navy-Schiff der Capital-Klasse gewachsen. Aber das war es dann auch. Auch sie stellten keine Gefahr für ihn dar. Und weitere Schiffe gab es nicht, keine getarnten, über Ultra-Antrieb verfügenden Wachschiffe, keine unerklärbaren Hyperraum-Links innerhalb eines Radius von einem Lichtjahr um die Ocisen-Flotte herum. Allerdings hatte jedes Prime-Schiff eine Hyperraumverbindung zu irgendeinem Punkt jenseits der Grenze des Commonwealth-Raums geöffnet; er konnte sie spüren, dünne Fäden, die sich durch die Quantenfelder zogen, pulsierend vor übermittelten Daten.

Die Prime-Schiffe waren die Beobachter, schloss er. Vermutlich gingen sie nicht davon aus, dass er in der Lage war, alle siebenunddreißig gleichzeitig außer Gefecht zu setzen. Nun, das war ihr erster Irrtum.

Kazimir manifestierte in fünf der Prime-Raumer zusätzliche Sensorfunktionen. In der Raumzeit hatten sie kaum die Größe eines Neurons, doch sie konnten jegliche Inter-Prime-Kommunikation innerhalb der Schiffskörper empfangen. Jedes Schiff verfügte über ein überwachendes Immotile, das die gleichen Aufgaben übernahm wie ein Smartcore in Menschenschiffen und die direkte Kontrolle über die Technik besaß; desgleichen erteilte es die Anweisungen an die Motile. Die Schiffe repräsentierten einen Mikrokosmos der Prime-Gesellschaft. Zu vortechnologischen Zeiten hatten die Prime über fließende Nervenimpulse via Berührung ihrer Oberkörperstiele miteinander kommuniziert. Diese Art des Austausches war durch einfache elektronische Trägersignale ersetzt worden, die es den Immotile gestatteten, ihre unmittelbare Kontrolle auf weite Entfernungen auszudehnen.

Kazimir begann, die digitalisierten Impulse auszulesen. Das Commonwealth hatte einige Erfahrung mit Inter-Prime-Kommunikation. Nicht zuletzt war es die Navy gewesen, die eine ganze Palette von Störroutinen und elektronischen Kriegsführungstechniken entwickelt hatte. Falls die Prime jemals die Barrieren am Dyson-Paar überwinden und wieder zu einer Gefahr werden sollten, würden sie sich der Situation gegenübersehen, dass ihre Gedanken buchstäblich ausgelöscht wurden.

Das Erste, was offensichtlich wurde, war, dass die Prime in den Raumschiffen lediglich Wirtskörper für menschliche Gedanken waren. Paula hatte also recht, dachte Kazimir grimmig.

»Stimmen Sie mit meiner Einschätzung überein?«, fragte er ANA:Regierung.

»Ja.«

»Sehr gut.« Inmitten der Unmenge von neuralen Befehlen nahm er einen verschlüsselten Datastream wahr, der über die ultrasichere Hyperraumverbindung zum Commonwealth geschickt wurde. Da waren jede Menge Sensordaten, aber wie gehabt nichts, das über das Level eines Schiffs der Capital-Klasse hinausging. »Die Accelerators werden wissen, dass ich die Flotte abgefangen habe, wenn das Signal getrennt wird«, sagte er. »Aber ich kann dafür sorgen, dass sie die Natur der Unterbrechung nicht erkennen.«

»Machen Sie weiter.«

Kazimir manifestierte eine Serie aggressiver Funktionen in jedem der Prime-Schiffe und führte mit ihnen eine Attacke gegen das Hyperraumkommunikationssystem aus. Als die sicheren Verbindungen zusammenbrachen, wandte er sich den Hyperantrieben selber zu. Im Abstand von fünfzig Millisekunden fielen die Schiffe zurück in die Echtraumzeit. Nachdem ihre Flugfähigkeit neutralisiert war, machte er sich daran, die Bordwaffensysteme auszuschalten. Seine Aggressorfunktionen brauchten genau zweieinhalb Sekunden, um die Hardware lahmzulegen. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Ocisen.

Sein Problem war, die militärische Bedrohung, die die Aliens darstellten, zu eliminieren, ohne dabei katastrophale Verluste an Leib und Leben herbeizuführen. Er konnte nicht einfach die Antriebe so vieler Schiffe zerstören, denn dem Empire war es nicht möglich, eine derart große Zahl seiner Leute aus einer solchen Entfernung zu retten. Stattdessen manifestierte er besondere Aggressorfunktionen in jedem der Schiffe und ruinierte die Waffen so gründlich, dass sie auf keinen Fall mehr zu reparieren oder zu retten sein würden. Als er damit fertig war, gab es nicht einmal mehr genug brauchbare Komponenten für auch nur einen einzigen Laser, ganz zu schweigen von leistungsfähigeren Teilen.

Die Gesamtzeit, die nötig war, um alle zweitausendachthundert Raumschiffe aus dem Verkehr zu ziehen, betrug exakt elf Sekunden. Genug Zeit, um sie bemerken zu lassen, dass irgendetwas ganz entschieden aus dem Ruder zu laufen begann, allerdings nicht ausreichend, um darauf zu reagieren. Allerdings hätten sie so oder so nichts dagegen ausrichten können, selbst wenn ihnen die Natur des Angriffs und seine Anwesenheit bewusst gewesen wäre.

Kazimir kümmerte sich nicht weiter um sie. Seine Energiesignatur zuckte wieder zu dem Bereich im Raum zurück, wo die großen Prime-Schiffe hilflos dahintrieben. Diesmal manifestierte er eine Kommunikationsfunktion in einem der Schiffe, die über die gleichen Fähigkeiten wie das Inter-Prime-System verfügte. Wie jedes menschliche Bewusstsein benutzten auch diejenigen, die von den Prime-Körpern Besitz ergriffen hatten, Assoziationen als primäre Erinnerungsroutine.

Kazimir injizierte:

Herkunft.

Identität.

Zweck.

Jeder der Begriffe löste eine Flut von Gedanken aus. Kazimir konnte die treibende Persönlichkeit als Chatfields Bewusstsein identifizieren, sein menschliches Ich der meisten emotionalen Züge beraubt. Seine Zielgerichtetheit war eisern, ebenso wie seine Hingabe an die Accelerators. Die Prime-Schiffe sollten die Ocisen eskortieren und sie vor den Abfangversuchen der Commonwealth-Navy schützen, ihr wichtigster und eigentlicher Auftrag jedoch lautete, Bericht über das Auftauchen der Abschreckungsflotte zu erstatten, darüber, woraus sie bestand und wie leistungsfähig sie war. Danach war ihre Mission quasi erfüllt.

Ein Gefühl der Verwirrung blitzte zwischen dem Immotile und seinen Motile auf, als der Gedankensturm, den Kazimir hervorgerufen hatte, in deren Hauptbewusstsein verebbte. Dann folgte Erkenntnis. Es übermittelte einen speziellen Code an die Selbstzerstörungsbombe. Kazimir war nicht schnell genug, dies zu verhindern. Doch da er nun wusste, wonach er suchen musste, manifestierte er rasch eine gleichartige Funktion in den übriggebliebenen Schiffen, die die Kamikazebomben bei allen deaktivierte.

»Haben Sie jetzt genügend Beweise?«, fragte er ANA:Regierung.

»Ja. Die Accelerators haben verantwortungslos gehandelt. Mit ihrer Unterstützung der Ocisen und der Manipulation Living Dreams haben sie die Grundsätze verletzt, unter denen ich geschaffen worden bin. Ich werde eine Ausschlussversammlung einberufen.«

»Die werden sich denken können, dass es die Abschreckungsflotte war, die die Ocisen aufgehalten hat, auch wenn sie nach wie vor im Unklaren darüber sind, worum es sich dabei eigentlich handelt. Die müssen das Schlimmste befürchten, nämlich dass ich ihre Machenschaften mit den Prime aufgedeckt habe.«

»Das wäre logisch. Allerdings können ihre Agenten wenig ausrichten. Ist ihr einstweiliger Ausschluss erst einmal beschlossen, werden sie sich einer umfassenden Untersuchung stellen müssen und sind fürs Erste kaltgestellt.«

Kazimir betrachtete die inaktiv durchs All treibenden Schiffe. »Trotzdem – ich verstehe immer noch nicht, was die Accelerators zu erreichen gehofft haben, außer plumper politischer Manipulation. Ilanthe ist eigentlich intelligenter. Ich würde mich wesentlich wohler fühlen, wenn ich bei der Anhörung dabei wäre. Ich mache mich sofort auf den Rückflug.«

»Was ist mit der Ocisen-Flotte? Ich dachte, Sie wollten sie überwachen.«

»Sie ist nicht mehr in der Lage, irgendwelchen Schaden anzurichten. Wenn dem Commander das klar wird, werden sie keine andere Wahl haben, als nach Hause zurückzukehren. Unsere Capital-Schiffe können die weitere Beobachtung übernehmen.«

»Der Stolz des Commanders hat eine schwere Niederlage erlitten. Vielleicht will er gar nicht ins Empire zurück.«

»Das können ja dann die Capital-Schiffe eruieren. Ich komme zurück nach Sol.«

»Wie Sie möchten.«

Kazimir manifestierte eine Kommunikationsfunktion und übermittelte den Schiffen eine schlichte Botschaft: »An die Chatfield-Persönlichkeiten, hier spricht die Abschreckungsflotte der Commonwealth-Navy. Wir wissen, was Sie sind und was Sie beabsichtigen. Unternehmen Sie keine weiteren Selbstzerstörungsversuche. In Kürze werden Schiffe der Capital-Klasse eintreffen. Sie werden von der Navy in Gewahrsam genommen.«

Damit zog Kazimir seine manifestierten Funktionen zurück und nahm Kurs auf das Sonnensystem.

Justine: Reset Jahr drei

Exoimage-Gesundheitsdisplays flammten in der Dunkelheit auf und umgaben Justine Burnellis Bewusstsein. Sie hatte exakt dieselben Anzeigen schon einmal gesehen.

»O Mann«, ächzte sie, gleichermaßen erschrocken wie froh. »Es hat funktioniert.« Sie versuchte zu lachen, doch ihr Körper weigerte sich entschieden zu kooperieren, darauf insistierend, gerade drei Jahre in Suspension verbracht zu haben anstatt … Nun ja, eigentlich war sie sich nicht sicher, wie lange es gedauert hatte, die Leere auf diesen Punkt der Zeitlinie zurückzusetzen.

Die Abdeckung der Medi-Kammer kräuselte sich zurück und sie blickte sich wieder in der Kabine der Silverbird um. Im ureigensten Sinne, wieder. Sie setzte sich auf und wischte sich die Tränen von der Wange. »Status?«, fragte sie den Smartcore. Eine neue Kolonne von Exoimage-Icons und -Anzeigen sprang hervor. Sie bestätigten, dass die Silverbird drei Jahre unterwegs gewesen war und jetzt hart die Geschwindigkeit drosselte.

Etwas näherte sich.

»Wer sagt’s denn«, murmelte sie zufrieden, als die Schiffssensoren den Besucher abtasteten. Es war der Skylord, mit voll ausgebreiteten Vakuumschwingen.

Während er sich näherte, betrachtete sie noch einmal den eigenartigen ovoiden Körper. Sie war immer noch außerstande zu bestimmen, ob die phantastischen kristallinen Falten sich tatsächlich bewegten oder ob sie die Muster von Lichtbrechungen auf der Oberfläche sah. Die Sensoren der Silverbird konnten die Substanz nicht richtig erfassen.

Wie schon einmal lehnte sie sich auf der längsten Liege in der Aufenthaltskabine zurück und griff mit ihrem Longtalk hinaus nach dem Skylord.

»Hallo«, sagte sie.

»Sei uns willkommen«, erwiderte der Skylord.

So weit, so bekannt. Sehen wir mal weiter: »Ich bin in dieses Universum gekommen, um Erfüllung zu erlangen.«

»Alle, die hierherkommen, streben danach.«

»Wirst du mir helfen?«

»Deine Erfüllung kannst nur du selber erlangen.«

»Das weiß ich. Aber Menschen wie ich erreichen Erfüllung durch die Teilhabe an ihrer Gesellschaft. Bring mich bitte nach Querencia, der Welt, wo meinesgleichen lebt.«

»Wir sind uns keiner Gedanken in diesem Universum gewahr, die denen deiner Art ähnlich sind. Es ist niemand mehr da.«

»Auch das ist mir bekannt. Aber ich bin bloß die erste einer neuen Generation meiner Art, die an diesem Ort eintrifft. Bald werden Millionen mir folgen. Wir wollen auf der gleichen Welt leben und Erfüllung finden, auf der die Menschen vor uns herangereift sind. Weißt du, wo sie ist? Es gab dort eine große Stadt, die nicht von diesem Ort war. Erinnerst du dich, wie du die menschlichen Seelen von dieser Welt zum Herz geleitet hast?« Justine spannte sich an. Dies war die entscheidende Frage.

»Ich erinnere mich an diese Welt«, sagte der Skylord. »Viele habe ich von dort zum Herzen geführt.«

»Bitte bring mich dorthin. Bitte lass mich Erfüllung erlangen.«

»So soll es geschehen.«

Justine merkte, wie sich in der Kabine auf irgendeine Weise die Schwerkraft veränderte. Der Smartcore meldete eine alarmierend hohe Anzahl von Störungen überall im Schiff. Sie schenkte ihm keine Beachtung – ihr war fürchterlich schwindelig. Sie stand kurz davor, sich zu übergeben, außerstande, ihren Blick auf die gekrümmte Kabinendecke zu fokussieren, so rasend schnell bewegte sie sich. Eilig presste sie die Augenlider zusammen, was den Effekt nur noch schlimmer machte; also zwang sie sich, die Augen wieder zu öffnen und konzentrierte sich mit aller Macht auf die Medi-Kammer unmittelbar vor ihr. Sekundärroutinen in ihren makrozellularen Clustern setzten ein, um die unberechenbaren Impulse zu korrigieren, die ihr Innenohr ins Gehirn abfeuerte, und versuchten, dem entsetzlichen Schwindelgefühl entgegenzuwirken. Als der Effekt ein wenig nachließ, checkte sie die Sensorbilder. »Heilige Scheiße.«

Die Silverbird schlingerte und rotierte, als ihre Flugbahn eine jähe Kurve beschrieb; wie Treibgut war sie verfangen im Kielwasser des Skylords. Die geschwungenen Muster in den kristallinen Hautlappen des Skylords wogten wie eine schäumende See, während seine Vakuumschwingen wie ein schillernder Schleier über dem sanften Glühen der Nebelflecken der Leere wallten. Das einzige Bild, das ihr dazu einfiel, war ein wild flatternder Vogel. Dann war die Kursänderung vollzogen. Die Sensoren der Silverbird meldeten eine deutliche Dopplerverschiebung im Licht der Sterne. Sie beschleunigten mit Hunderten von g, genau wie es der Skylord bei ihrer ersten Begegnung getan hatte.

Jener ersten Begegnung, korrigierte sie sich. Oder sollte ich sagen … Am Ende entschied sie, dass die Grammatik der menschlichen Sprache den Möglichkeiten der Leere noch ein bisschen hinterherhinkte.

Welche seltsame temporale Anpassung der Skylord auch immer vorgenommen hatte, um ihre Beschleunigung zu ermöglichen, bald darauf endete sie. Vor ihnen hatten die wenigen Sterne, die inmitten der Nebelflecken leuchteten, eine bläuliche Färbung angenommen, die dahinter reichten in ihrem Spektrum bis hinunter ins Rot. Der Smartcore der Silverbird ermittelte, dass sie nun mit etwa null Komma neun Lichtgeschwindigkeit flogen. Die Störungen an Bord reduzierten sich auf ein akzeptables Maß, und ihr Schwindelgefühl klang ab.

Sie stieß einen riesigen Seufzer der Erleichterung aus, dann grinste sie traurig. »Danke, Dad«, sagte sie laut. Auf ihn konnte man sich immer verlassen, wenn einem selbst die Ideen ausgingen. Ihre gute Laune verflog, als sie an die anderen dachte, die in die Leere kommen würden; diese verdammte Pilgerfahrt würde auch zu einer Jagd nach Querencia werden. Ob der Zweite Träumer wohl eingewilligt hat, sie anzuführen? Und wie zur Hölle wollen sie jemals an den Raiel in der Kluft vorbeikommen?

Gore hatte ihr geraten, sich völlig darauf zu konzentrieren, nach Makkathran zu gelangen. Sie musste also ganz darauf vertrauen, dass er wusste, was er tat, obwohl sie das nicht unbedingt mit Zuversicht erfüllte. Er hatte irgendeine Art Plan gehabt, aber wahrscheinlich keinen, mit dem sie einverstanden gewesen wäre.

Nein, vergiss das »wahrscheinlich«: Sie wäre es definitiv nicht.

Nicht, dass sie viele Alternativen gehabt hätte.

Nun, da sie unterwegs waren, kartierte der Smartcore der Silverbird ihren Kursvektor. Justine betrachtete die Projektion, die an einem violettroten Sternennebel, der wie eine Frauenschuhorchidee geformt war, eine scharfe grüne Linie vorbeizog. Der Nebel war elf Lichtjahre entfernt, und was immer sie auch jenseits von ihm ansteuerten, war nicht zu sehen, lag verborgen hinter Sternwolkenlicht und Aschehaufen aus schwarzem interstellaren Staub.

Nach dem Frühstück und einer Runde körperlicher Ertüchtigung in der Fitnesskabine des Schiffs nahm Justine wieder auf der Liege Platz und wandte sich über Longtalk erneut an den Skylord.

»Wie lange wird es dauern, bis wir die Welt, zu der wir reisen, erreichen?«

»Bis wir sie erreichen.«

Sie hätte beinahe gelächelt. Es war wirklich so, als spräche man mit einem fünf Jahre alten Gelehrten. »Die Welt umkreist ihren Stern in einer konstanten Geschwindigkeit. Wie oft wird er sie umrundet haben, wenn wir dort angekommen sind?« Die große Frage hierbei war, ob der Skylord überhaupt so etwas wie ein Zahlenverständnis besaß.

»Die Welt, zu der du möchtest, wird ihren Stern siebenunddreißig Mal umrundet haben, bis wir dort angekommen sind.«

Mist! Und ein Querencia-Jahr ist um einiges länger als ein Erdenjahr. Hatten die Monate dort nicht so um die vierzig Tage? »Ich verstehe. Danke.«

»Werden die anderen deiner Art schon bald in das Universum kommen?«

»Die, mit denen dein Verwandter gesprochen hat, die, die euch gebeten hat, mich hereinzulassen; sie wird sie führen. Horcht auf sie.«

»Das tun alle meine Verwandten.«

Was Justine einen leichten Schauer über den Rücken jagte. »Ich würde gern den Rest des Flugs schlafen.«

»Wie du wünschst.«

»Wenn etwas passiert, werde ich aufwachen.«

»Was wird passieren?«

»Ich weiß nicht. Aber wenn sich irgendetwas verändert, werde ich wach sein, um mit dir darüber zu sprechen.«

»Veränderung in diesem Universum bedeutet Erfüllung finden. Wenn du schläfst, wirst du keine Erfüllung erlangen.«

»Ich verstehe. Danke.«

Sie verbrachte einen weiteren halben Tag damit, Vorkehrungen zu treffen, überprüfte verschiedene Systeme und gab eine Reihe von hypothetischen Ereignissen ein, die für den Smartcore einen Grund darstellten, sie aus der Suspension zurückzuholen. Schlussendlich gestand sie sich ein, dass sie damit nur Zeit zu schinden versuchte. Das Letzte, was sie tat, nachdem sie sich ausgezogen hatte, war, das Konfluenznest herunterzufahren, um sicherzustellen, dass nicht noch mehr verstärkte Träume durchsickerten und die Realität mit solch unerwarteten Folgen verzerrten. Das brachte den einen Gedanken zurück, den sie die ganze Zeit zu vermeiden versucht hatte. Im Geiste war sie wieder bei jenem Kazimir, den sie an den Abhängen des falschen Mount Herculaneum zurückgelassen hatte. Das Einzige, was von ihm geblieben war, war eine Schablone in der Erinnerungsschicht der Leere. Es war nicht fair, so kurze Zeit gelebt zu haben, nur um ungeschehen gemacht zu werden.

Ich werde dich wieder Wirklichkeit werden lassen, versprach Justine ihrer schmerzhaften Erinnerung an ihn. Dann legte sie sich in die Medi-Kammer und aktivierte die Suspensionsfunktion.

2

Hunger und ein bohrender Schmerz ließen Araminta erwachen. Entsetzlich schlaftrunken lag sie auf ihrem Bett in dem Motel. Helles Tageslicht sickerte durch die Vorhänge in den Raum und erwärmte die stehende Luft. Ihre steifen Muskeln protestierten, als sie sich aufzusetzen versuchte. Jeder einzelne Körperteil tat ihr weh. Ihre Füße pochten. Als sie die Bettdecke zurückschlug, um sie anzusehen, zuckte sie bei dem Anblick tatsächlich zusammen.

»Oh Ozzie.«

Na schön! Es war nicht gut, einfach nur rumzuliegen und sich selbst leidzutun. Zuerst einmal musste sie ihre Füße ein bisschen säubern. Behutsam schob sie ihre Beine über die Bettkante und zog langsam ihre verdreckten Sachen aus. Die Klamotten hatten es eindeutig hinter sich und waren reif für die Tonne.

Das Zimmer besaß einen Cybersphären-Nodus gleich neben dem Bett, so alt, dass er wahrscheinlich installiert worden war, unmittelbar nachdem das Drycoral in Form gewachsen war. Den neuen Account benutzend, den sie in Colwyn City im Büro von Larils fragwürdigem Unternehmen Spanish Crêpes eingerichtet hatte, begann Araminta, auf dem kleinen Tastenfeld des Nodus herumzudrücken. Miledeep Water konnte zwar mit keinem großen Einkaufszentrum auf der grünen Wiese aufwarten, dafür gab es auf halber Höhe der Stoneline Street eine Fülle von kleinen Geschäften, wo sie alles bekam, was sie brauchte. Der Reihe nach griff sie auf deren halbintelligente Shopsysteme zu, gab ihre Bestellungen auf und setzte die Artikel auf die Liste des Lieferservices, den sie angeheuert hatte.

Dann ging sie hinüber ins Bad. Dort setzte sie sich auf den Rand der Wanne, regulierte das Wasser auf knapp unter Körpertemperatur und steckte vorsichtig ihre Füße hinein. Der lauwarme Strom spülte den ärgsten Dreck und das meiste verkrustete Blut ab, und danach sahen sie schon gleich ein bisschen besser aus. Während sie sie trocknen ließ, klopfte es an der Tür. Zum Glück stellte das Motel Frotteemäntel bereit. Sie hatte angenommen, dass der Lieferservice aus einer Kurierkiste bestehen würde, die auf Regrav dahergeschwebt kam, alles schön zeitgemäß und unpersönlich. Stattdessen stand, nachdem sie zur Tür hinübergehumpelt war, ein junges Teenagermädchen auf der Schwelle, auf dem Kopf eine Kappe mit dem Logo des Lieferunternehmens und mit mehreren großen Umhängetaschen.

Araminta war froh, dass ihr Haar noch völlig zerzaust und der abgetragene Bademantel ein lächerlich rot-weiß gestreifter Fetzen war. Selbst wenn das Mädchen alles über den Zweiten Träumer gewusst hätte, hätte es sie in diesem Aufzug niemals erkannt.

»Ich glaube, Ranto ist eben auf die Einfahrt eingebogen«, sagte sie, nachdem sie sich als Janice vorgestellt hatte, und überreichte Araminta ihre Taschen.

»Ranto?«

»Haben Sie nicht bei Smokey James Essen bestellt? Er liefert für sie aus.«

»Ah. Ja. Danke.« Araminta konnte nicht feststellen, ob Janice auf ein Trinkgeld aus war oder nicht. Es sagte viel über Miledeep Waters Wirtschaft aus, wenn man für Dienstleistungen wie diese Menschen statt Bots einsetzte. Auf jeden Fall aber konnte sich Araminta erinnern, wie sehr sie selbst vor nur einem halben Jahr auf die Trinkgelder im Nik’s angewiesen gewesen war. Also zog sie ihren Credit-Jeton hervor, was offensichtlich das Richtige war, denn Janice lächelte dankbar.

Noch bevor sie die Tür wieder geschlossen hatte, erschien besagter Ranto und lieferte die fünf Thermplastikschachteln mit Essen von Smokey James bei ihr ab. Dies stürzte Araminta augenblicklich in ein Dilemma. Eigentlich hätte sie dringend ein paar von den Medikits, die sie gekauft hatte, anwenden müssen, aber der Duft, der aus den Essensschachteln quoll, war zu viel für ihren Magen, sie konnte förmlich hören, wie er in heftiger Erwartung rumorte. Also setzte sie sich wieder aufs Bett, hielt ihre Füße ein Stück weit über den Boden und machte sich über die Schachteln her. Es gab Pfannkuchen mit Beerensirup und Sahne, gefolgt von einem üppigen Frühstück aus Räucherspeck, einheimischem Chulfy-Rührei, Röstis, gebackenem Galow und gebratenen Pilzen; in der Getränkebox befanden sich eisgekühlter Orangensaft und eine Literflasche English-Breakfast-Tee; den Abschluss bildeten schließlich getoastete Muffins. Nachdem sie ihr bescheidenes Mahl beendet hatte, taten ihr die Füße schon nicht mehr ganz so weh. Nichtsdestotrotz trug sie den antiseptischen Wundreiniger auf, der wie die Hölle brannte und sie mehrmals gequält zusammenzucken ließ. Dann sprühte sie beide Füße mit synthetischer Haut ein und verschloss das misshandelte Fleisch unter einem schützenden Film. Als sie fertig war, rollte sie sich an Ort und Stelle auf der Matratze zusammen und fiel augenblicklich wieder in Schlaf.

Als sie erwachte, war es dunkel, und sie brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Irgendetwas war irgendwo nicht ganz richtig und machte ihrem Unterbewusstsein zu schaffen. Sie glaubte nicht, dass es eine weitere Traumverbindung zu dem Skylord war, zumindest konnte sie sich nicht erinnern, während ihres letzten Schlafs eine solche gehabt zu haben. Positiv zu vermerken war allerdings, dass sie nicht mehr im Entferntesten Hunger verspürte. Zeit, an mich zu denken.

Die Badewanne hatte einen automatischen Überlaufschutz, der nicht funktionierte. Trotzdem stellte sie die Wassermenge auf Unterkante Wannenrand ein und gab die Duftseife, die sie gekauft hatte, hinein. Während die Wanne volllief, tippte sie am Cybersphären-Nodus mühsam eine Informationsanfrage über Oscar Monroe ein. Die antiquierte Suchsoftware extrahierte aus der Unisphäre eine Liste mit Bezügen. Sie bestand aus achteinhalb Millionen Einträgen. Und die Suche war nicht bis in die tiefen Cache-Datenbänke gegangen.

»Grundgütiger Ozzie«, murmelte sie. Einmal mehr wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihren U-Shadow vermisste, der die Informationen binnen einer halben Sekunde auf etwas Brauchbares zusammengestutzt hätte. Eine weitere Minute brauchte sie, um neue Parameter einzutippen, dann hatte sie die Liste auf biographische Details heruntergefiltert, die nach allgemeinem akademischen Maßstab des Commonwealth als gesichert gelten durften – immer eine gute Ausgangsbasis. Damit waren es nur noch eins Komma zwei Millionen.

Inzwischen war die Badewanne voll. Sie stieg hinein und aalte sich in dem Schaum, während der Schmutz sich allmählich löste. Ihr Einarbeitung in das Thema Oscar würde noch etwas warten müssen, aber zumindest wusste sie schon mal, dass er wichtig sein musste. In dem Punkt hatte er nicht gelogen. Als sie wieder aus der Wanne stieg, fühlte sie sich erheblich besser.

Araminta kippte den restlichen Inhalt der Taschen auf das Bett und machte sich daran, die Kleider zu begutachten. Das meiste stammte aus einem Geschäft für Campingbedarf, das ihr auch die praktischen Wanderstiefel geliefert hatte, die ihr bis über das halbe Schienbein reichten. Als sie sie anprobierte, erwiesen sie sich als erstaunlich bequem. Die dunkelbraunen Jeans waren robust und wasserabweisend, was einige interessante Fragen aufwarf angesichts des Umstands, dass sie sich auf einem Wüstenkontinent befand. Sie schlüpfte in ein einfaches, schwarzes Unterhemd und streifte sich ein weites, burgunderfarbenes T-Shirt darüber. Die marineblaue Vliesjacke ähnelte der, mit der sie hergekommen war, außer dass diese wasserdicht und die semiorganische Faser temperaturreguliert war. Sie brauchte diese Funktion, denn selbst nach Sonnenuntergang herrschte aufgrund der Wüstenluft, die über den Kraterrand wehte, in Miledeep Water immer noch ein Klima wie im Backofen. All die anderen Accessoires – der Rucksack, die Wasserflasche (samt manueller Filterpumpe), der Solarspeicher-Kocher, das Allzweckmesser, Mikrozelt, Handschuhe, thermogeregelter Bodysuit, Hygienepack, Erste-Hilfe-Kit – sie alle bedeuteten, dass sie jetzt gehen konnte, wann und wohin sie wollte. Mit hartem Grinsen betrachtete sie das vor ihr ausgebreitete Sortiment. Sie hatte das ganze Zeug rein instinktmäßig gekauft. Ihr war klar, dass Miledeep Water nur eine Durchgangsstation war; allerdings mochte sich Chobamba selbst möglicherweise als eine solche herausstellen.

Sie fuhr sich mit der Hand durch das immer noch feuchte Haar, auf einmal wieder verunsichert. Doch grübelnd in einem Motelzimmer herumzusitzen, führte sie nicht wirklich weiter. Entschlossen zog sie ihre Vliesjacke zu und begab sich hinaus, um zu sehen, was Miledeep Water an Nachtleben zu bieten hatte.

Nachdem sie eine halbe Stunde durch die nahezu verlassenen Straßen gewandert war, hatte sie ihre Antwort: nicht viel. Einige Bars waren geöffnet und ein paar Restaurants sowie diverse vollautomatisierte Ganztagsläden, die sich auf eine Kundschaft mit begrenztem Budget eingerichtet hatten. Trotz seiner Lage und der hübschen Häuser erinnerte sie Miledeep Water einfach zu sehr an Langham, als dass sie sich hier hätte wohl fühlen können. Eine Kleinstadt mit ihrem dazugehörigen Mief.

Die Emotionen, die über das Gaiafield aus einer Bar am Seeufer waberten, erregten ihre Aufmerksamkeit. Die Menschen darin freuten sich über irgendetwas. Als sie näher kam, konnte sie einen schrägen Gesang durch die offene Tür dringen hören. Die Gaiafield-Emissionen wurden stärker, schärfer, als sie zu dem funkelnden holographischen Licht, das durch die Fenster fiel, hinaufschritt. Araminta ließ es zu, dass die Bilder und Gefühle ihren Geist durchfluteten – und erlebte, wie Justine weit, weit entfernt in der Silverbird erwachte. Die Essenz ihres Gesprächs mit dem Skylord hallte durch Aramintas Kopf, verstärkt durch den Begeisterungstaumel der Leute in der Bar.

Justine ist auf dem Weg nach Makkathran.

Das zaghafte Lächeln auf Aramintas Gesicht verblasste rasch, als sie feststellte, wer genau sich in der Bar aufhielt. Es waren Living-Dream-Anhänger, die die jüngste Entwicklung zu ihren Gunsten feierten. Ängstlich darauf bedacht, dass nichts von ihrer eigenen Enttäuschung ins Gaiafield sickerte, drehte sich Araminta auf dem Fuß um und schlich davon. Dass es in Miledeep Water Anhänger dieses Vereins gab, überraschte sie nicht; sie waren so ziemlich auf jeder Externen Welt des Greater Commonwealth zu finden, und selbst die Zentralwelten waren vor ihnen nicht sicher. Kurz schoss ihr die Frage durch den Kopf, was diese Typen wohl gemacht hätten, wenn sie einfach so mir nichts, dir nichts in die Bar hineinspaziert wäre. Sie als Gefangene festgehalten oder sich ihr zu Füßen geworfen?

Vielleicht bringt Justine ja irgendetwas zuwege. Araminta konnte sich an den letzten Traum, den sie gehabt hatte, den mit Gore und Justine in irgendeinem Zimmer, nicht mehr so richtig erinnern. Ich muss den Rest von Inigos Träumen sehen, muss herausfinden, was mit Edeard passiert ist und wieso er alle so inspiriert hat. Ich muss genau wissen, womit ich es zu tun habe.

Plötzlich blieb sie mitten auf der Straße wie vom Blitz getroffen stehen: Ihr Unterbewusstsein hatte endlich die Tür zu der fehlenden Erinnerung aufgestoßen, die sie so genervt hatte: die Zeitanzeige auf dem Unisphären-Nodus. Ebenso plötzlich setzte sie sich wieder in Bewegung, eilte, ohne Rücksicht darauf, ob man sie über die verlassenen Bürgersteige hasten sah, und ohne an den Kreuzungen auf irgendwelche Verkehrssolidos zu achten, zurück zum Motel.

Sowie sie in ihrem Zimmer war, verschloss sie die Tür hinter sich und aktivierte den Unisphären-Nodus. Das Zentralzeit-Display, das in der oberen Ecke des Bildschirms blinkte, war stets auf die mittlere Greenwich-Zeit der Erde eingestellt, ein zweites Display zeigte die Ortszeit an. Araminta schaltete es sofort auf Viotia-Zeit um und dann auf Colwyn City. Es dauerte einen Moment, bis sie, unterstützt von ihren makrozellularen Clustern, im Kopf nachgerechnet hatte – anschließend ging sie die Zahlen ein zweites Mal durch. Wenn sie sich nicht irrte, und die Sekundärroutinen in den makrozellularen Clustern waren praktisch unfehlbar, dann war es gerade mal fünfzehn Stunden her, dass sie den Francola-Wald betreten hatte. Aber das war unmöglich. Sie hatte einen ganzen Tag und eine Nacht damit verbracht, sich durch dieses erste nasse, kalte, trostlose Tal zu quälen, dann war da der eine Tag an der Oase gewesen. Schließlich noch der Marsch durch die Wüste vor Miledeep Water, nach dem sie den Rest des Tages verschlafen hatte. In dem Moment fiel es ihr wie Schuppen von den Augen – der Weg durch die Wüste nach Miledeep Water plus die Zeit, die sie schlafend in ihrem Motelzimmer gelegen hatte, machten gut zwölf dieser fünfzehn Stunden aus!

Das heißt, auf den Silfenpfaden vergeht praktisch gar keine Zeit. Aber wie kann das sein? Dabei war ich nicht mal die ganze Zeit auf den Pfaden. Gütiger Ozzie, manipulieren sie die Zeit auf den Planeten vielleicht auch? Andererseits, wer kann schon genau sagen, wo sich die Planeten befinden, in welchem Universum oder in welcher Dimension? Und wo ich schon dabei bin – sind sie überhaupt real?

Als sie ihre in synthetische Haut eingekapselten Füße anblickte, wusste sie, dass sie sehr wohl irgendwo herumgestiefelt war, und das mehr als nur ein paar Stunden. Was sich abspielte, oder vielmehr wo und wann sie auf den Silfenpfaden unterwegs war, war von keinerlei Bedeutung. Plötzlich erkannte sie, dass die Silfen ihr die Pfade und Welten nicht als Asyl zur Verfügung stellten. Es war eine instinktive Erkenntnis, die direkt aus dem Innersten des Silfen-Mutterholms kam.

Ich werde diese Suppe wahrhaftig allein auslöffeln müssen.

»Oh Scheiße!« Sie schnappte sich den Orangen-Schokoriegel, der Teil ihrer Warenbestellung gewesen war, und biss ein großes Stück davon ab, bevor sie sich rückwärts aufs Bett fallen ließ.

Es gab tatsächlich kein Entkommen.

Also, wo fange ich an? Sich über Edeard schlauer zu machen war sicher nicht der schlechteste Ansatz, und wenn sie ehrlich sein sollte, freute sie sich fast darauf, wieder in sein Leben einzutauchen. Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es wichtiger war, etwas über Justine in Erfahrung zu bringen. Sie verlangsamte ihre Gedanken, nicht ohne eine gewisse Genugtuung darüber, dass sie Likans Melange-Programm nicht länger benötigte, um jenen ruhigen Wachzustand zu erreichen, der für eine ernsthafte Interaktion mit dem Gaiafield erforderlich war – nicht, dass die Gedanken des Skylords in diesem ganz speziellen Reich wohnten. Sie fand ihn in einer ähnlichen Domäne, sein Geist friedvoll und still.

»Hallo«, sagte sie.

»Sei stets willkommen.«

»Danke. Und danke, dass ihr unsere Abgesandte empfangen habt. Bist du der, der sie nach Makkathran begleitet?«

»Ich bin bei den Meinen.« Die phantastischen Sinne des Skylords offenbarten einen unermesslichen Streifen sternenlosen Raums zwischen den Nebeln. Immer fort und fort flog er durchs Nichts, gefolgt von einer Schar seinesgleichen, die sich gegenseitig über die Kluft hinweg riefen. Sie alle waren voll Freude, dass wieder Bewusstseine in der Leere erschienen, gigantische dunkle Gedanken, beseelt von Erwartung.

»Oh. Weißt du, wo sie ist?«

»Die, die du suchst, ist innerhalb unseres Universums. Das ist uns allen bekannt. Dafür sagen wir Dank. Bald werden es mehr sein. Bald werden wir die Deinen erneut zum Herzen geleiten.«

»Kannst du den, der bei ihr ist, rufen?«

»Die Meinen sind weit über das Universum verstreut. Die meisten befinden sich jenseits meiner Reichweite. Ich werde ihnen rechtzeitig wiederbegegnen, im Herzen.«

»Woher wisst ihr dann, das einer der Unseren eingetroffen ist?«

»Das Herz spürt es. Wir alle spüren das Herz.«

»Verdammt. Okay, danke.«

»Wann wirst du kommen? Wann wirst du mit den Deinigen hier sein?«

»Das weiß ich nicht.«

Araminta zog ihren Geist zurück, und die Verbindung erlosch. Einen Moment lang gab sie sich ihrer Enttäuschung hin. Es wäre schön gewesen, wenn sie mit Justine hätte sprechen können. Doch stattdessen musste sie sich auf sich selbst verlassen. Etwas, woran sie sich zunehmend gewöhnte.

Verstohlen griff ihr Geist wieder in das Gaiafield der Menschen hinaus, schlüpfte in das lokale Konfluenznest wie ein lautloser Dieb. Ihre Gedanken flatterten um Edeard, seine Sehkraft, seinen Geschmacks- und Geruchssinn herum, und dann sprang in ihrem Verstand plötzlich das herrlich träge Erwachen auf einer weichen Matratze hervor, während das Morgenrot den Himmel über Makkathran entfachte.

Ein Kuss berührte Edeards Wange, das Phantomgefühl jagte Araminta ein wonniges Kribbeln über den Rücken. Eine Nase liebkoste ihr Ohr. Dann war eine Hand zu spüren, die ihren/seinen Bauch hinabglitt, und ihr Lächeln wurde breiter. Jessile kicherte ganz nah und vor Tausenden von Jahren. »Na das nenn ich mal einen Aufgang, um den Morgen zu begrüßen«, säuselte sie.

Das andere Mädchen begann ebenfalls zu kichern.

Edeards Augen klappten auf, und Araminta blickte durch sie in seine Maisonette.

Die Kapsel der Ellezelin-Truppen glitt über die glatte, rasch dahinziehende Oberfläche des Cairns. Direkt voraus lag ein großes, altes Haus, dessen Mauern aus weißen Bogenfenstern mit purpursilbernem Glas bestanden. Es wurde von Balkonen gesäumt, die auf einen Pool mit verlockend türkis funkelndem Wasser hinausgingen. Tadellos gepflegte Ziergärten fluteten den Hang hinab bis zum Südufer des Stroms. Selbst in dem trüben Licht, das durch die gegen Colwyn Citys Wetterkuppel jagenden grauen Wolken schimmerte, sah der Ort noch einladend aus. Ein Traum von einem Zuhause.

»Sehr schick«, grummelte Beckia, als die Kapsel auf die breite Rasenfläche herabschwebte. »Die Bauzubehörbranche wirft offenbar mehr ab, als ich dachte.«

»Auf Externen Planeten ist die Konvertierung zu einem Multiple nur eine clevere Methode, Abgaben zu umgehen«, entgegnete Tomansio abfällig. »Bovey könnte sich das gar nicht leisten, wenn alle seine Ichs Einkommensteuern zahlen müssten.«

Die Kapseltür öffnete sich.

»Kann ich mich auf euch verlassen?«, fragte Oscar leise. Seine beiden Begleiter erstarrten, dann sahen sie ihn an. Beckias Gaiafield-Emissionen spien Verärgerung aus. Tomansio schien mehr als alles andere belustigt.

»Du kannst dich auf uns verlassen«, sagte Tomansio mit einem warmen Gefühl von Vertrauen, das er in das Gaiafield sickern ließ.

»Cat hat eure Organisation gegründet. Ohne sie würde es euch gar nicht geben. Und ihr wartet alle auf ihre Rückkehr.«

»Weitverbreiteter Irrtum«, erwiderte Tomansio. »Jeder von uns versteht ihre Fehler, aber das heißt nicht, dass wir sie ihr auch verzeihen. Es stimmt, wir wurden aus ihrer Entschlossenheit geboren, doch inzwischen sind wir weit über sie hinausgewachsen.«

»Zögling-Meister-Verhältnis, was?«, fragte Oscar zweifelnd.

»Exakt. Sie hat eine Menge bewirkt zu ihrer Zeit, wovon das meiste unheilvoll war. Wir sind so ziemlich das einzig Gute, das jemals aus Cats Leben erwuchs.« Er hob eine Augenbraue. »Sofern sie keine Kinder hat …«

Oscars Antwort bestand nur aus einem schiefen Grinsen.

»Eben«, fuhr Tomansio fort. »Daher ist ihre Weiterexistenz, wenn auch in Suspension, in gewisser Weise eine Beleidigung für uns. Sie führt bloß zu Missverständnissen wie diesem.«

»Far Away hat Zeter und Mordio geschrien, als Investigator Myo sie verhaftet hat«, hielt Oscar dagegen.

»Far Away, ja«, entgegnete Beckia. »Aber nicht wir. Zu der Zeit war sie bereits zu einer Art Symbol für Far Aways Unabhängigkeit geworden. Ihre Verhaftung wurde als repressiver politischer Akt seitens eines autoritären Commonwealth gegen die Planetenregierung gesehen. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Unruhen ziemlich schnell aufgehört haben, als die Einzelheiten über die Gräueltaten der Pantar Cathedral bekannt geworden sind.«

»Aber ihre Grundsätze bestehen für uns weiter«, sagte Tomansio. »Der Glaube an Festigkeit und Stärke. Seit unserer Gründung haben wir unseren Kodex niemals gebrochen. Wir bleiben unseren Auftraggebern gegenüber absolut loyal, komme, was wolle. Nicht einmal The Cat hat dieses eherne Gesetz überschritten. Und ganz bestimmt würden wir kein doppeltes Spiel mit dir treiben. Oscar, als du dich selbst geopfert hast, damit unsere Spezies weiterbestehen konnte, hast du die ultimative menschliche Stärke bewiesen. Ich hab es dir schon einmal gesagt, wir respektieren dich fast ebenso sehr wie The Cat.«

Oscar blickt in Tomansios ebenmäßiges Gesicht, das so voller Aufrichtigkeit war, nur für einen Hauch unterstützt von seinen Gaiafield-Emissionen. Er hoffte inständig, dass seine eigene Beschämung nicht allzu offenkundig war. »Na schön.«

»Abgesehen davon war das nicht unsere Cat, nicht die Gründerin der Knight Guardians. Wenn wir nicht dir verpflichtet wären, wäre es mir ein großes Vergnügen, sie persönlich aufzuspüren und in Erfahrung zu bringen, welche Fraktion unsere Cat für ihre eigenen Ziele in den Schmutz gezogen hat. Sagtest du nicht, sie hätten noch mehr von ihr geklont?«

»Das ist Geschichte«, erwiderte Oscar, während er aus der Kapsel stieg, matt. Beckia und Tomansio tauschten ein Grinsen aus und folgten ihm hinaus auf den sauber getrimmten Rasen.

Mr Bovey war bereits aus dem Haus gekommen, um der Kapsel entgegenzugehen. Genauer gesagt: drei von ihm. Oscar war noch nie einem Multiple begegnet, jedenfalls nicht wissentlich. Er konnte sich nicht mal erinnern, auf Orakum überhaupt jemals etwas von ihnen gehört zu haben. Der Anführer des Trios, der, der vorne stand, besaß eine dunkle Haut und ein Gesicht, das sogar noch mehr Falten aufwies als Oscars; ein paar graue Haarsträhnen bedeckten seine Schläfen. Zu seiner Linken stand ein orientalisch wirkender Mann. Der dritte war ein junger Teenager mit einem dichten blonden Haarschopf. Keiner von ihnen ließ irgendetwas in das Gaiafield dringen. Trotzdem erkannte Oscar schon an ihrer Haltung, dass sie sich als extrem stur herausstellen würden.

Oscar bereute augenblicklich, dass er die Uniform der Ellezelin-Truppen trug, die gerade jetzt für jeden Bürger Viotias ein riesiges rotes Tuch darstellte. Dann begann sich eine tiefer sitzende Schuld in ihm zu regen. Seine Anwesenheit war nicht durch die Ellezelin-Autorität gedeckt – nein, sein Auftraggeber war um einiges mächtiger als sie. Und das war das Problem. Die Befugnis und Macht, in irgendjemandes Haus einzumarschieren und dessen Kooperation zu verlangen, war genau die Art von faschistischer Unterdrückung, die so sehr die politischen Instinkte des jungen Oscar Monroe geweckt hatte. Was ihn wiederum am College in die Arme der Sozialistischen Partei getrieben und letztendlich zur Folge gehabt hatte, dass er von radikalen Elementen verführt worden war. Eine Reise, die mit der Tragödie von Abadan Station ihr Ende gefunden hatte.

So viel zum Thema ›Hier schließt sich der Kreis‹. Aber wir müssen sie finden. Übergeordnete Zwänge – der Sirenengesang der Tyrannen zu allen Orten und Zeiten. Trotzdem weiß ich, dass wir sie um keinen Preis den Fraktionen in die Hände fallen lassen dürfen. Verdammt, wie hält Paula dies Leben nur aus?

»Was wollen Sie?«, fragte der erste Mr Bovey barsch.

Oscar grinste, ließ seine Belustigung in das Gaiafield fließen. »Oh, kommen Sie. Wir wissen, dass Sie und Araminta was am Laufen hatten.«

Die drei Mr Boveys starrten trotzig geradeaus.

»Hören Sie«, sagte Oscar ruhig und zupfte an seiner Uniform. »Diese Uniform, die ist ein Haufen Stuss. Wir gehören nicht zu Living Dream. Ich bin noch nie überhaupt nur auf Ellezelin gewesen. Ich arbeite für ANA.«

»Was Sie nicht sagen? Und ich arbeite für die Raiel«, gaben alle drei Mr Boveys unisono zurück. »Dann sind wir ja beide Superagenten.«

»Ich habe Araminta in Bodant Park gesehen. Ich und mein Team hier, wir haben ihr Rückendeckung gegeben, damit sie abhauen konnte. Fragen Sie sie. Wir sind der Grund dafür, dass sie noch da draußen ist. Falls sie es immer noch ist.«

Ein leichtes Anzeichen von Unsicherheit flackerte in den Augen des dunkelhäutigen Mr Bovey auf. »Ich hab’ Araminta ein paar Mal getroffen, mehr nicht.«

»Es war mehr als das. Kommen Sie, Mann, sie sitzt so tief in der Scheiße, dass sie darin ersäuft, wenn sie keine massive Hilfe von außen erhält. Also bitte, wenn Sie wissen, wo sie ist, raus damit.«

»Ich hab’ sie seit Tagen nicht mehr gesehen.«

Tomansio ächzte auf. »Sie hat’s Ihnen nicht gesagt, stimmt’s? Sie wussten nicht, dass sie der Zweite Träumer ist?«

Mr Boveys finsterer Blick wurde noch finsterer. Keines seiner Ichs sah Tomansio an.

»Verdammt, das muss wehtun«, sagte Oscar. »Wahrscheinlich hat sie versucht, Sie zu schützen.«

»Ja, klar«, erwiderte Mr Bovey.

»Sie hatte Angst, das wissen Sie. Dieser Planet wurde nur wegen ihr besetzt. Und sie ist ganz allein. Sie weiß nicht, was sie tut. Wirklich, sie hat absolut keine Ahnung. Wenn Sie wissen, wo wir sie finden können, oder irgendeine Idee haben, wo sie sein könnte, dann sind wir diejenigen, denen Sie das sagen sollten. Rufen Sie ANA an, falls Sie eine Bestätigung meines Status brauchen. Es sind noch andere da draußen, die sie genauso dringend suchen, und damit meine ich nicht Living Dream. Der Zweite Träumer ist im Augenblick ein entscheidendes politisches Werkzeug. Was glauben Sie, wer der Grund für die Bodant-Park-Schlacht war?«

»Bodant-Park-Massaker«, sagte Mr Bovey. »Ihr habt ein Massaker auf unserem Planeten entfesselt. Es gab Hunderte von Toten.«

»Das war nur die Aufwärmübung«, entgegnete Tomansio. »Die Agenten, die hinter ihr her sind, kümmern sich einen Scheiß um Zivilisten, die ihnen im Weg stehen. Erinnerungsauslesung wird noch Ihre geringste Sorge sein, wenn die anderen hier aufkreuzen. Und das werden sie. Bald.«

»Wir haben Sie schließlich auch gefunden«, setzte Beckia hinzu. »Die anderen werden nicht lange auf sich warten lassen. Denken Sie nach. Seien Sie realistisch. Die mächtigsten Organisationen im Greater Commonwealth fahnden nach ihr. Ihr gesamter Planet wurde okkupiert, weil Living Dream sie so verzweifelt sucht. Glauben Sie wirklich, sie kann uns allen entkommen?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte der Blonde durch zusammengebissene Zähne. »Sie hat mir nichts gesagt. Warum hat sie mir nicht gesagt, wie es um sie stand?«

»Wenn sie Sie geliebt hat, wird sie versucht haben, Sie aus allem herauszuhalten«, sagte Oscar. »Aber das war beinahe rührend naiv, und diese Zeit ist jetzt vorbei. Sie müssen sich entscheiden. Wollen Sie ihr tatkräftig helfen? Falls ja, reden Sie mit uns. Falls nicht: Rennen Sie. Jedes Ihrer Ichs sollte die Beine in die Hand nehmen und beten, dass man Sie nicht erwischt.«

Die drei Verkörperungen des Geschäftsmannes sahen sich gegenseitig an. Oscar war sich der reglos dastehenden Gestalten bewusst, die er vage im Haus erkennen konnte. »Geben Sie mir einen Augenblick«, sagte Mr Bovey.

Oscar nickte verständnisvoll. »Klar.« Er zog sich ein paar Schritte zurück und sprach mit leiser Stimme zu seinem Team. »Was denkt ihr?«

»Er weiß nichts«, meinte Beckia. »Wenn er es täte, wäre er jetzt da draußen und würde ihr helfen. Die Trennung macht ihm ganz schön zu schaffen. Er liebt sie, oder dachte es zumindest.«

»Ich bin geneigt zuzustimmen«, sagte Tomansio.

»Es könnten Dutzende von ihm jetzt in diesem Moment da draußen sein, um sie nach Kräften zu schützen«, gab Oscar zu bedenken.

Tomansio stieß einen tiefen Seufzer aus. »Kann ich mir schlecht vorstellen.«

»Kann man eigentlich bei einem Multiple überhaupt eine Erinnerungsauslesung machen?«, fragte Beckia.

»Vermutlich müsstest du alle von ihnen zusammensuchen«, erwiderte Tomansio. »Und dann wüsstest du nicht mal, ob du wirklich alle hast, bis es zu spät ist. Multiples sind für gewöhnlich recht zugeknöpft, was die exakte Anzahl ihrer Körper betrifft, wahrscheinlich so ’ne Art instinktiver Sicherheitsreflex. Interessante psychologische Entwicklung. Jedenfalls bleibt uns für solche Katz-und-Maus-Spielchen sowieso keine Zeit. Wenn er uns irgendwie nützlich sein soll, dann muss es freiwillig geschehen, und zwar gleich.«

Oscars U-Shadow teilte ihm mit, dass Cheriton auf einem ultrasicheren Kanal anrief. Liatris klinkte sich in den Anruf ein.

»Macht euch auf schlechte Neuigkeiten gefasst«, sagte der Gaiafield-Experte. »Living Dream hat sie gefunden.«

»Scheiße«, grunzte Tomansio. Er warf Mr Bovey einen vorwurfsvollen Blick zu. »Wo?«

»Das ist der Punkt, wo es wirklich interessant wird. Nachdem die Konfluenznester sie in Bodant aufgeschnappt haben, hat Living Dream die Emotionsresonanz-Routinen auf ihrem exakten Gedankenmuster basierend verfeinert. Aufgrund des Upgrades besitzen sie jetzt die Art von Sensitivität, die imstande ist, noch ihre geringsten Bewusstseinsemissionen ausfindig zu machen. Und vor genau einer Viertelstunde ist sie hergegangen und hat an Inigos achtem Traum partizipiert.«

»Hat die noch alle Tassen im Schrank? Ausgerechnet jetzt im Leben des Waterwalkers rumzustöbern?«, echauffierte sich Beckia. »Um Ozzies willen, ist ihr denn Bodant überhaupt keine Lehre gewesen?«

»Falsche Frage«, sagte Cheriton.

»Wo ist sie?«, fragte Tomansio.

»Chobamba.«

Ein verdutzter Oscar sah sich veranlasst, die Liste mit Commonwealth-Planeten von einer Speicherlakune aufzurufen. »Das ist über sechshundert Lichtjahre entfernt«, protestierte er. »Das kann unmöglich stimmen. Vor sechzehn Stunden war sie doch noch hier.«

»Dein Ultra-Antrieb könnte das packen«, wandte Tomansio unsicher ein. »So gerade.«

»Sie hat einen Weg gefunden, am Gaiafield zu drehen«, schlug Beckia vor. »Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Schließlich ist sie der Zweite Träumer. Das muss ihr irgendeine Art von Fähigkeit geben, die unsereiner nicht hat.«

»Cheriton, bist du sicher?«, fragte Tomansio.

»Wir dürfen das Gebäude nicht mehr verlassen«, erwiderte Cheriton. »Und ich benutze ein totes Relais, um Zugang auf die Unisphäre zu bekommen. Traummeister Yenrol springt hier im Dreieck, seit die Nester sie aufgespürt haben. Sämtliche Traummeister wissen Bescheid. Sie geben sich alle Mühe, es geheim zu halten. Ich glaube nicht, dass es eine Ente ist.«

»Wie zur Hölle ist sie nach Chobamba gekommen?«, wollte Oscar wissen.

»Wissen sie, wo auf Chobamba?«, fragte Tomansio dazwischen.

»Noch nicht«, entgegnete Cheriton. »Aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Es handelt sich um eine Externe Welt, Living Dream hat mehrere Traummeister dort.«

»Kannst du sie noch einmal warnen?«, sagte Oscar.

»Ich bin nicht sicher. Es ist die Rede davon, Chobambas Konfluenznester abzuschalten und vom Gaiafield zu isolieren.«

»So ein Schwachsinn«, meinte Tomansio. »Dann weiß sie doch sofort, was los ist.«

»Liatris, kannst du ein Shotgun-File nach Chobamba rausjagen und sie warnen?«, fragte Oscar.

»Sie hat seit Tagen nicht mehr auf die Unisphäre zugegriffen«, erwiderte Liatris. »Es gibt keine Garantie, dass sie die Nachricht bekommt.«

»Wenn die Leute davon erfahren, dürfte es das Planetengespräch sein«, sagte Beckia. »Und das kriegt sie mit Sicherheit mit. Wir müssen es nur öffentlich machen.«

Tomansio stieß Oscar leicht mit dem Ellbogen an. Mr Bovey war offensichtlich zu einer Entscheidung gelangt, der dunkelhäutige Typ kam zu ihnen herüber, während die anderen beiden mit nachdenklichem Blick zurückblieben.

»Ja?«, fragte Oscar.

»Ich habe das mit ANA überprüft«, sagte Mr Bovey. Er klang immer noch ein wenig erstaunt. »Sie sind, wer Sie behaupten.«

»Und?«

Sein Gesicht drückte große Sorge aus, die sich in denen seiner anderen Verkörperungen spiegelte. »Sie weiß nicht … sie kann nicht wissen, wie sie hiermit fertigwerden soll. Niemand wüsste das. Ich werde wohl oder übel auf ANA vertrauen müssen. Wie ironisch ist das? Da wird man Multiple, um die Notwendigkeit einer technischen Lösung für die Unsterblichkeit zu verringern, und dann das.«

»Können Sie Kontakt mit ihr aufnehmen?«

»Nein.« Traurig schüttelten alle seine Verkörperungen den Kopf. »Ich hab’ es fast minütlich versucht, seit ich es erfahren hab’. Ihr U-Shadow ist offline. Sie nimmt meine Anrufe nicht an.«

»Ich weiß, wie schmerzlich das alles ist, aber könnte es irgendjemand anderen geben, an den sie sich vielleicht wenden würde?«

»Ihre Cousine Cressida, sie standen sich sehr nahe. Um die Wahrheit zu sagen, war sie so ungefähr Aramintas einziger richtiger Freund in Colwyn City, bevor wir uns trafen.«

»Kennen wir. Sie ist ebenfalls von der Bildfläche verschwunden, aber vielen Dank. Falls Araminta sich meldet, lassen Sie es mich bitte wissen.« Oscars U-Shadow übermittelte Mr Bovey einen Unisphären-Zugangscode. »Umgehend bitte. Die Zeit läuft uns davon.«

»Das ist alles?«, fragte ein verblüffter Mr Bovey, als Oscar sich auf diese Worte hin wieder zur Kapsel umdrehte.

»Keine Angst, wir bleiben dran. Und vielleicht sollten Sie über den Rat meines Freundes, sich aus der Stadt zu verziehen, nachdenken. Sie können mir absolut glauben, wir waren nur die ersten, die bei Ihnen auf der Matte standen, und wir sind wirklich die Guten.«

Die Kapseltür glitt zu und schloss Mr Boveys finsteren Blick aus. Sanft hoben sie ab, brachten sich mit einem weiten Bogen wieder über den mächtigen Fluss und nahmen Kurs zurück zu den Docks.

»Und jetzt?«, fragte Tomansio. Seine Frage klang für Oscar rein rhetorisch. »Ich hör’ mal nach«, erwiderte er dem Knight Guardian.

»Ja?«, meldete sich Paula, kaum dass der sichere Link geöffnet war.

»Wir haben sie gefunden«, sagte Oscar.

»Ausgezeichnet.«

»Nicht wirklich, sie ist auf Chobamba.«

Es folgte lediglich ein kurzes Zögern. »Sind Sie sicher?«

»Living Dream hat seine Konfluenznester auf besseren Empfang hochgedreht. Das hat irgendwas damit zu tun, ein emotionales Muster besser erkennen zu können. Demnach befindet sie sich auf Chobamba und vertreibt sich die Zeit damit, Inigos Träume zu teilen.«

»Das ergibt nicht viel Sinn.«

»Wie schnell können Sie dort sein?«

»Nicht viel schneller als Sie.«

»Ich hoffe, Sie haben Ihre Leute bei Living Dream. Wenn sie versuchen sollten, sie zu schnappen, muss sie gewarnt werden.«

»Zunächst einmal müsste ich sie finden.«

»Kann ANA sie denn nicht aufspüren? Irgendjemand muss doch ihr Raumschiff bemerkt haben, als es dort ankam.«

»Es müsste eins mit Ultra-Antrieb gewesen sein, das würde bedeuten, dass ihr irgendeine Fraktion hilft. Aber welche?«

»Ich hab’ schon an eine Shotgun-Warnung gedacht.«

»Ja. Das könnte funktionieren. Ich klär das.«

»Wenn wir Bescheid wissen, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Cat es auch tut.«

»Ja. Wenn sie Richtung Chobamba abreist, müssen Sie hinterher.«

»Ach Scheiße, das stand alles nicht im Vertrag.«

»Können Sie Ihrem Team vertrauen?«

»Ich denke, sie werden auf meiner Seite sein, ja.«

»Sehr gut. Ich melde mich wieder, wenn ich mit ANA gesprochen habe. Übrigens, die Accelerators werden sich in knapp einer Stunde bei einer Veranstaltung zu verantworten haben, die wohl auf einen Prozess hinauslaufen wird. Sie haben hinter der Invasion des Ocisen-Empires gesteckt.«

»Ach du Kacke. Echt?«

»Ja, echt.«

»Sollten sie für schuldig befunden werden, dürfte der Druck, unter dem wir uns augenblicklich befinden, um einiges nachlassen.« Paula beendete das Gespräch.

Tomansio und Beckia sahen Oscar erwartungsvoll an.

»Und? Was denkt dein Boss?«, fragte Tomansio.

»Dasselbe wie wir: dass das alles ziemlich merkwürdig ist. Machen wir, dass wir wieder aufs Schiff kommen, für den Fall, dass wir eilig nach Chobamba aufbrechen müssen.«

Das schlanke Ultra-Antriebsschiff fiel ein halbes Lichtjahr vor Ellezelin aus dem Hyperraum. In ihrer Kabine prüfte Valean die Daten, die ihr die Schiffssensoren lieferten. Sie sah die Exotische-Materie-Intrusionen, welche die Wurmlöcher repräsentierten, die Ellezelin mit den ökonomisch unterworfenen Planeten, die die Freie Handelszone ausmachten, verband. Das Ausmaß der Wurmlöcher war wirklich beeindruckend. Ihre Entstehung reichte bis in die erste Commonwealth-Ära zurück, als die Big15-Planeten die Zentren eines Wirtschaftsnetzes darstellten, das Hunderte von Welten zusammengeschweißt hatte. Unter Berücksichtigung ihrer Größe und Nennleistung war Valean überzeugt, dass jedes der Wurmlöcher für den Auftrag geeignet war, den Atha ihr überantwortet hatte. Obwohl das mit dem Anschluss an Agra vorzuziehen wäre. Es war das modernste und reichte am weitesten.

Wie die meisten Higher, die schon lange dabei waren, hatte Valean mit Hilfe von Biononics ihren Körper umgestaltet und in einen Zustand gebracht, der ihr funktional und nützlich erschien. Gegenwärtig haarlos, wirkte sie wie ein Skelett, mit einer Haut, die einen seltsamen gräulichen Schimmer besaß und so straff über ihre Knochen gespannt war, dass man jede einzelne Rippe sehen konnte. Die Muskeln waren harte Stränge, die ebenfalls hervorstanden und wie Malmetall wogten. Ihr Gesicht wirkte nicht minder abgezehrt, mit tief eingesunkenen Wangen und einer schmalen Nase, deren Nüstern Lamellen ähnelten. Weit auseinander stehende Augen hatten Augäpfel, die in einem einheitlich blassen Rosé leuchteten. Ihr einziges schmückendes Beiwerk bestand aus einem goldenen Kreis oberhalb ihres Brustkorbs, der aus stramm gebündelten Fäden zusammengesetzt war, die aussahen, als würden sie sich langsam bewegen.

Nachdem sie zehn Minuten in ihrer schmucklosen Kabine gestanden hatte, machte das Schiff eine winzige Verzerrung innerhalb des Quantenfelds aus. Ein weiteres Schiff fiel neben dem ihren aus dem Hyperraum. Der Neuankömmling war unwesentlich größer, sein Rumpf ausgebaucht von stromlinienförmigen Wülsten. Sie führten ein Rendezvous-Manöver aus und koppelten ihre Luftschleusen an.

Kurz darauf glitt Marius in Valeans Kabine. Sein Togaanzug sonderte kleine Strähnen aus Dunkelheit ab, die ihm in seinem Kielwasser folgten.

»Ein physisches Treffen hat immer ein bisschen etwas Theatralisches, finden Sie nicht?«, begann er. »Unsere TD-Verbindungen sind doch nach wie vor zuverlässig.«

»Das sind sie«, versicherte ihm Valean lächelnd und entblößte dabei zwei Reihen kleiner polierter, metallischer Zähne. »Dennoch war man der Auffassung, dass dies hier der Nachricht mehr Nachdruck verleiht.«

»Die da lautet?«

»Ihr scheiß Chatfield hat einen unerwünschten Fallout produziert, und ich bin gerade unterwegs, um den größten Teil davon zu beseitigen.«

»Paula Myo hatte ihn im Visier. Ihn nach Ellezelin abzukommandieren, ist eine schlichte Vorsichtsmaßnahme.«

»Und haben Sie eine Entschuldigung für The Cat?«

Marius blieb unbeeindruckt. »Ihr Verhalten kann mitunter unvoraussehbar sein. So ist sie nun mal. Soweit ich mich entsinne, war es nicht allein meine Entscheidung, sie von Kingsville zu bergen.«

»Irrelevant. Ihr Vorgehen hat in dieser entscheidenden Phase zu höchst unwillkommenen Folgen geführt. Sie sind mit sofortiger Wirkung heruntergestuft.«

»Ich erhebe Einspruch.« Noch während er die Worte aussprach, versuchte er bereits Ilanthe anzurufen, nur um festzustellen, dass das Gespräch abgelehnt wurde. Nichtsdestotrotz zeigte seine kaltblütige Gelassenheit nicht den winzigsten Riss.

Die metallischen Zähne kamen wieder zum Vorschein, ihre scharfen Spitzen perfekt in Reihe und Glied. »Irrelevant. Ihr neues Auftragsziel ist der Delivery Man.«

»Das soll wohl ein Scherz sein!«, rief Marius aus.

»Wir nähern uns dem Einsatz, der Krönung all dessen, was wir sind. Nichts darf den Ablauf behindern. Er wurde auf Fanallisto gesehen. Finden Sie heraus, warum. Was macht er dort, was führen die Conservatives im Schilde? Darüber hinaus müssen wir wissen, wie sich die übrigen Fraktionsagenten hinterher verhalten.«

»Der Sieg ist nur Stunden entfernt, und ihr schickt mich zu irgendeinem beschissenen Planeten außerhalb der Zivilisation, um ein inkompetentes Teilzeittier auszuspüren? Das hab ich nicht verdient.«

»Nichterfüllung wird mit Körperverlust geahndet. Und nachdem der Schwarm aktiv geworden ist, steht Relifing nicht mehr zur Verfügung. Ich würde vorschlagen, Sie treffen Ihre Entscheidung.«

Die dunklen, nebelhaften Tentakel, die Marius’ Togaanzug verströmte, wirbelten erregt. Wütend starrte er Valean an und überschüttete sie mit gigantischer Verachtung, die sich aus seinen Gaiamotes ergoss. »Der eigentliche Grund für ein physisches Treffen, ich verstehe. Also gut. Ich werde den Auftrag erfüllen. Unser Erfolg ist mir oberstes Gebot.«

»Gewiss.«

Marius drehte sich um hundertachtzig Grad herum und glitt wieder hinaus in sein eigenes Schiff.

»Danke«, formten Valeans Lippen, womit sie die Luftschleuse meinte, die sich hinter ihm schloss. Dann befahl sie dem Smartcore, sie nach Ellezelin zu bringen.

Kleriker-Conservator Ethan war in das Oval Sanctum des Bürgermeisters im Orchard-Palast zurückgekehrt. Der Sicherheitsdienst hatte das Bedrohungsniveau heruntergestuft, zum Teil aufgrund von Ethans persönlicher Unterredung mit ANA:Regierung. Das überlebende Schiff hielt einen stabilen Orbit und sammelte die Trümmerstücke seines besiegten Gegners auf.

Das Personal hatte ihm ein spätes Nachtmahl, bestehend aus gegrillten Gurelol-Filets mit Backkartoffeln und Babykarotten, serviert, das er mit einem perlenden Weißen hinunterspülte, der im Charakter dem von Love’s Haven, an dem sich Edeard in seinem ersten Leben mit Kristabel gütlich getan hatte, ähnelte.

Es war dunkel draußen, und durch die Fenster des Sanctums schimmerten ein paar Sterne. Ethan aß allein an einer kleinen Tafel etliche Meter entfernt von dem wuchtigen Mur-Eichenschreibtisch. Über ihm schufen einige blütenblattähnliche Linien in der hohen Decke ein blass orangefarbenes Licht. Verwaschene Schatten an den Wänden ließen den Raum sogar noch größer erscheinen.

Er schenkte sich soeben ein zweites Glas Wein ein, als sein U-Shadow meldete, dass gerade ein dringender Anruf von Phelim einging.

Bitte, Herrin, nicht noch mehr Hiobsbotschaften heute Abend, dachte Ethan müde, während er das über eine sichere Verbindung hereinkommende Gespräch annahm. Er erwartete immer noch den Anruf von Marius’ »Freund«.

»Wir haben sie gefunden«, verkündete Phelim.

Mit der Flasche in der Hand erstarrte Ethan mitten in der Bewegung. »Wen?«

»Den Zweiten Träumer. Die verbesserten Mustererkennungsroutinen haben sie aufgespürt. Es ist kaum zu glauben, aber sie partizipiert gerade an Inigos elftem Traum.«

»Gütige Herrin! Dann habt ihr sie also geschnappt?«

»Nein, genau da fängt das Problem an. Sie befindet sich nicht mehr auf Viotia.«

»Verdammt. Wo ist sie dann?«

»Chobamba.«

»Chowas?« Noch während er fragte, zog Ethans U-Shadow bereits die Daten aus dem Zentralregister. »Das ist unmöglich«, sagte er und stellte die Flasche ab.

»Ja, das habe ich auch gesagt. Aber die Routinen sind zuverlässig. Die Traummeister, die sie durchführen, legen ihre Hände dafür ins Feuer, dass die Messdaten stimmen. Angefangen hat sie vor zwanzig Minuten mit dem Achten Traum.«

»Dem Achten?«

»Ja.«

Ethan wusste, dass es eigentlich nicht von Belang sein konnte, doch seine Neugier hinsichtlich der rätselhaften Araminta siegte. »Und wieso hat sie die Träume dazwischen übersprungen?«

»Hat sie nicht«, erwiderte Phelim. »Sie geht sie der Reihe nach durch.«

»Vier Träume in zwanzig Minuten?« Die Worte entfuhren Ethan lauter, als er beabsichtigt hatte, und sein Erstaunen hallte durch das leere Sanctum. Er selbst benötigte im günstigsten Fall einige Stunden, um sich eingehend mit einem von Inigos Träumen zu befassen, und das auch nur, weil er so vertraut mit ihnen war. Es gab ein paar Living-Dream-Anhänger von der inbrünstigeren Sorte, die ganze Tage für einen Traum aufgewendet und sich währenddessen intravenös ernährt hatten.

»Eindeutig. Das macht mich auch so sicher, dass es keine falschen Messergebnisse sind. Ihr Geist ist … anders.«

»Wie im Namen der Herrin ist sie nach Chobamba gekommen? Es war definitiv sie in Bodant Park. Das haben Sie bestätigt.«

»Jemand muss sie hingeflogen haben. Und es muss ein Ultra-Antriebsschiff gewesen sein, alles andere wäre nicht schnell genug.«

»Demnach hat eine der Fraktionen sie gefunden und vom Planeten geschafft. Ver fluchte Bande.«

»Ja, dieser Schluss liegt nahe, aber wäre das nicht ein komischer Ort für ein Versteck? Ich meine, wenn sie absolut sicher hätte sein wollen, wäre sie zu einer Zentralwelt geflogen, wo wir keine Kontrolle über die Konfluenznester haben. Das müsste die betreffende Fraktion doch wissen. Vielleicht ist das hier eine Botschaft. Wenngleich ihr Inhalt mir schleierhaft ist.«

Ethan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und starrte auf die dünnen, geschwungenen Lichtfäden in der Decke. Die Blüten, die sie nachzeichneten, hatte niemals jemand auf Querencia oder im Greater Commonwealth gesehen. Vorausgesetzt, es waren überhaupt Blüten. Edeard hatte immer gehofft, sie eines Tages zu finden; doch nicht einmal die großen Reisen seines Achtundzwanzigsten und Zweiundvierzigsten Traums hatte ihn in das Land geführt, wo sie wuchsen. Und jetzt stellte Araminta ein noch größeres Mysterium dar.

»Wir müssen sie haben«, erklärte Ethan. »So einfach ist das. Koste es, was es wolle. Ohne sie ist die einzige Verbindung, die die Menschheit zur Leere hat,« – er erschauderte – »Gore Burnelli. Und ich denke, wir wissen, wo er steht.«

»Justine kann nichts machen«, entgegnete Phelim ruhig.

»Seien Sie sich da nicht zu sicher. Die Burnellis sind eine außergewöhnliche Familie. Ich hab’ alles abgerufen, was ich über ihre Geschichte in Erfahrung bringen konnte. Und ich nehme mal an, dass so einiges nie in die Archive gelangt ist. Gore gehörte bekanntlich zu ANAs Gründern. Es gibt da Gerüchte über gewisse Sonderrechte.«

»Was wollt Ihr also unternehmen?«

»Wie lange wird es dauern, bis wir Aramintas genaue Position haben?«

»Sie hält sich in einer Stadt namens Miledeep Water auf, was uns vor ein kleines Problem stellt. Sie liegt ein bisschen abgeschieden. Ehrlich gesagt, haben wir nicht mal jemand Vertrauenswürdigen vor Ort. Unsere Traummeister müssen an die dortigen Konfluenznester ran, um ihre exakten Koordinaten zu bestimmen. Es dürfte etwa eine Stunde dauern, bis wir genau wissen, wo sie ist, wahrscheinlich eher länger. Ich hoffe nur, dass sie nicht zu schnell mit Inigos Träumen durch ist.«

»Nächste Frage: Haben wir auf Chobamba irgendjemanden, der in der Lage sind, sie zu uns zu schaffen?«

»In Miledeep Waters planetarer Bewegung gibt es ein paar sehr treue Anhänger von uns, ich denke, ich kann es mit ihnen versuchen. Ich würde vorschlagen, wir heuern ein paar Soldaten mit Waffenenrichments zu ihrer Unterstützung an. Es dürfte ziemlich klar sein, dass sie Fraktionsrepräsentanten zu ihrem Schutz hat.«

»Wie Sie meinen. Und, Phelim, ich will kein zweites Bodant Park.«

»Das will niemand. Aber das haben wir wohl nicht in der Hand.«

»Ja. Ich vermute, Sie haben recht. Bitte halten Sie mich auf dem Laufenden.«

Die Verbindung zu Phelim brach ab, und Ethan blickte auf das kalt gewordene Essen auf seinem Teller. Er schob es zurück.

»Ihr seht besorgt aus, Conservator.«

Ethan fuhr zusammen und wirbelte auf seinem Stuhl herum, um zu sehen, woher die Stimme kam. Im gleichen Augenblick forderte sein U-Shadow bereits Hilfe bei der Palast-Security an.

Das Frauen-Etwas, das seelenruhig aus den Schatten auf der anderen Seite des Schreibtisches trat, war eine Beleidigung für sein Auge. »Ich glaube, Ihr habt mich erwartet«, sagte sie. Sie war nackt, was Ethans Missbilligung nur noch verstärkte, da ihr Körper keine Geschlechtsmerkmale aufwies. Ihre Haut bestand aus irgendeiner Art künstlicher Umhüllung, die eine graue, konturlose Oberflächenschicht schuf. Weit schlimmer als das aber war ihre Gestalt. Es schien, als wären ihre inneren Organe zu klein für ihren Körper, sodass sich die Haut in jeden Rippenzwischenraum hineinwölbte. Und ihre Augen rissen den schlechten Eindruck auch nicht heraus: kleine Flecken aus roséfarbenem Mondlicht, die zu keinem Zeitpunkt erkennen ließen, wohin genau sie blickte. Direkt unter ihrem Halsansatz befand sich ein goldener Kreis, aus dem zwei lange dunkelrote Stoffbänder sprossen. Diese waren über ihre Schultern drapiert und schwebten mehrere Meter hinter ihr horizontal in der Luft. Sie kräuselten sich mit der trägen Fluidität eines Embryosacks.

In dem Moment stürzten durch die Haupttür fünf gepanzerte Wachen herein, die schweren Waffen schussbereit in der Hand. Die Higher-Frau neigte den Kopf ein wenig zur Seite, während das Gaiafield in ihren Gedanken eine eiskalte Höflichkeit zeigte.

Ethan hob einen Finger. »Halt!«, befahl er den Wachen. »Hat Marius Sie geschickt?«

Ein schmaler Mund öffnete sich und brachte funkelnde Metallzähne zum Vorschein. »Marius wurde inzwischen mit anderen Aufgaben betraut. Ich bin Valean, seine Nachfolgerin. Ich bin hier, um zu helfen, unser gemeinsames Problem mit dem ANA-Schiff in eurem Orbit zu lösen.«

Ethan gab den Wachen ein Zeichen, und sie gingen hinaus. Er nahm an, dass sie dieser Frau sowieso nicht lange standgehalten hätten. »Was wollen Sie?«

Sie kam näher auf ihn zu, schlangenartig wehten die roten Bänder hinter ihr her. Ethan sah, dass ihre Hacken in langen, spitz zulaufenden Zapfen endeten, als hätten beide Füße ihre eigenen Stilettos ausgebildet. »Ich benötige Zugriff auf den Agra-Wurmlochgenerator. Bitte verständigt Euren Generalstab, dass mir volle Kooperation zuteil werden muss.«

»Was haben Sie vor?«

»Den ANA-Agenten daran hindern, noch mehr Trümmerstücke zu bergen.«

»Ich kann mir im Augenblick einen Konflikt mit ANA nicht leisten. So manche im Senat warten bloß darauf, dass ich ihnen irgendeinen noch so dürftigen Grund liefere, der ein Eingreifen der Navy rechtfertigen würde.«

»Wir gehen davon aus, dass dergleichen Befürchtungen in absehbarer Zeit irrelevant sind. Seid versichert, Kleriker-Conservator, es wird zu keinerlei physischen Kampfhandlungen kommen.«

»Also gut, ich werde dafür sorgen, dass Sie uneingeschränkte Vollmacht erhalten.«

»Danke.« Sie verneigte sich leicht und wandte sich daraufhin zur Tür.

»Bitte richten Sie Ihren Fraktionsführern aus, ich würde es vorziehen, mit Marius zu verhandeln«, rief er ihr nach.

Valean drehte sich nicht einmal um. »Ich werd’s ihnen sagen.« In ihren Gedanken war nicht die Spur von Ironie, ihre höfliche Fassade blieb vollkommen intakt.

Die Türen schlossen sich hinter ihr, und Ethan stieß langsam die Luft aus. Diese Frau verhieß wenig Gutes; ihm war, als habe man ihm endlich gezeigt, was der verlorenen Seelen harrte, die in den Honious hinabfuhren.

Vorläufige Sensoranalysen der Trümmerwolken zeigten an, dass es unter der Vorgabe, alles mit einzubeziehen, was größer als fünf Zentimeter war, 1312 kritische Bruchstücke gab. Als Chatfields Schiff explodiert war, war mehr als ein Drittel von ihnen auf Flugbahnen Richtung Ellezelin geschleudert worden, auf denen sie binnen der nächsten halben Stunde in der Atmosphäre verglühten, der Rest raste mit hohen Geschwindigkeiten auf extrem unterschiedlichen Orbitalkursen dahin. Es würde verflixt schwierig werden, sie zu bergen.

Digby war insgeheim froh darüber, wie der Smartcore der Columbia505 die Einsammelaktion deichselte. Modifizierte Ingrav-Antriebsemissionen rissen die Trümmerteile aus ihren finalen Flugbahnen; Sensoren hatten mehrere Partikel, die Exotische-Materie-Bestandteile aufwiesen, entdeckt und machten ständig weitere aus. Das schnittige Ultra-Antriebsschiff schoss von hierhin nach dorthin und zog die ersten Brocken in den mittleren Frachtraum, wo sie in Stabilisierungsfelder eingeschlossen wurden. ANA:Regierung hatte ihm ein forensisches Team zugesichert, das in zehn Stunden eintreffen würde. Digby zählte darauf, denn Stabilisierungsfelder waren nicht dazu gedacht, exotische Materie zu konservieren. Ein Großteil zerfiel direkt vor seinen Augen, und er konnte rein gar nichts dagegen tun.

Plötzlich flammten in seiner Exosicht Warnungen auf, die er niemals erwartet hätte zu sehen. Ein extrem großes Wurmloch drängte sich in den Raum, keine drei Kilometer von der Columbia505 entfernt.

»Was zur Hölle …?«

Der Smartcore registrierte, wie etliche Wracktrümmer in den Wurmlochtrichter stürzten. Dann änderte das Wurmloch seine Austrittkoordinaten und tauchte fünf Kilometer weiter wieder auf. Noch mehr Schrott wurde in den Schlund hinabgesaugt. Exoimage-Displays zeigten ihm an, dass es das Wurmloch war, das normalerweise Ellezelin mit Agra verband. Irgendjemand lenkte es mit enervierender Geschicklichkeit um und schnappte sich die wertvollen Beweise. Sein U-Shadow stellte einen direkten Kontakt zur planetaren Cybersphäre her und versuchte auf das Generatornetz zuzugreifen. »Es ist abgeschirmt«, meldete der U-Shadow. »Ich erhalte nicht einmal Zugang zu dem Netz des Gebäudes; wer immer sich darin aufhält, er hat sich vollkommen abgeschottet.«

Die Sensoren der Columbia505 strichen über den Generatorkomplex im Randgebiet von Riasi hinweg, siebentausend Kilometer um die Planetenkrümmung herum entfernt. Das gesamte Gelände war von einem Kraftfeld geschützt. »Mist.« Digby befahl dem Smartcore, die Pseudostruktur des Wurmlochs zu verzerren. Negative Energieflüsse griffen aus dem Schiffsantrieb nach dem Wurmloch und versuchten, dessen Integrität zu destabilisieren. Doch gegen die Leistungskraft der planetaren Generatoren kam das Raumschiff nicht an. Es war ein Kampf, den Digby nicht gewinnen konnte.

»Bring uns runter«, befahl er dem Smartcore. »Schnell.« Während das Schiff in die Atmosphäre eintauchte, rief er ANA:Regierung an und schilderte die Lage.

»Ich werde den Kleriker-Conservator anrufen«, sagte ANA: Regierung. »Man wird ihm begreiflich machen müssen, dass er nicht ungestraft so mit uns umspringen kann.«

Digby war sich ziemlich sicher, dass der Kleriker-Conservator das wusste, behielt seine Meinung jedoch für sich. Es war weit nach Mitternacht in Makkathran2, was bedeutete, das Riasi soeben über die Terminatorlinie ins Tageslicht glitt. Mit einer Beschleunigung von fünfzehn g stieß die Columbia505 in die Stratosphäre über dem Sinkang-Kontinent, an dessen Nordküste sich die ehemalige Hauptstadt befand. Wie ein in Flammen gehüllter Span, aus der Korona einer Sonne geschnitzt, raste das Schiff weiter in die untere Atmosphäre. Fünfhundert Meter direkt über dem Kraftfeld des Agra-Wurmlochgenerators kam es unter Aufbietung immenser Bremskräfte zum Stillstand. Die Hyperschallschockwelle seines Sturzflugs donnerte an ihm vorbei und ließ im Umkreis von drei Kilometern sämtliche nicht geschützten Glasscheiben zerspringen. Regrav-Kapseln, die sich in der Nähe befanden, wirbelten wie Blätter in einem Schneesturm durch die Luft, während ihre Smartnets auf die Notenergie zugriffen, um sie wieder in eine sichere Fluglage zu bringen. Auf allen Frequenzen schallten Digby Warnungen der lokalen Verkehrsüberwachung entgegen. Städtische Polizeistreifen kurvten am Himmel herum, um ihn in die Zange zu nehmen. Er setzte einen flächendeckenden Rundspruch ab, der von jedem Cybersphären-Nodus und makrozellularen Cluster im und um das Kraftfeld herum empfangen werden konnte.

»An alle, die sich im Generatorkomplex befinden, schalten Sie das Kraftfeld aus und deaktivieren Sie das Wurmloch. Sie behindern eine ANA-genehmigte Operation. Ich bin autorisiert, äußerste Gewalt einzusetzen, um Ihr rechtswidriges Vorgehen zu beenden.«

Wie er erwartet hatte, kam keine Antwort. Sie würde nie kommen, das war ihm klar. Jeder Augenblick, den er damit vertat, hier den Guten zu spielen, war ein weiterer Augenblick, der zur Beseitigung der wertvollen Beweise im Orbit genutzt wurde. Stellte sich nur noch die Frage, wie er das Kraftfeld ausknipsen sollte, ohne damit die halbe Stadt in Schutt und Asche zu legen.

Acht dünne atomare Distorsionsstrahlen stießen von dem Raumschiff aus auf den höchsten Punkt der Kraftfeldkuppel herab und rissen die Luftmoleküle in einer lodernden Weißglut auseinander. Ungeheure elektrostatische Entladungen entwichen flackernd und brüllend in die sich auflehnende Atmosphäre. Das Kraftfeld begann, blassviolett zu glühen, als würde es einen Bluterguss bilden. Dann hagelte ein Schwarm Energy-Dumps von der Columbia505 herab. Als sie auf das Kraftfeld trafen, ließen sie Blüten aus dunklen, kleinen Wellen entstehen. Die Dunkelheit um sie herum intensivierte sich und breitete sich rasch aus. Unter solch einem Ansturm war die Überlastung nur eine Frage der Zeit. In einer Flut von energetischen Eruptionen und superheißen Stoßwellen, die die umliegenden ...

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