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Evolution Bundle

Thomas Thiemeyer,

geboren 1963, studierte Geologie und Geografie, ehe er
sich selbstständig machte und eine Laufbahn als Autor und
Illustrator einschlug. Mit seinen preisgekrönten Wissenschaftsthrillern
und Jugendbuchzyklen, die mittlerweile in
dreizehn Sprachen übersetzt wurden, ist er eine feste Größe
in der deutschen Unterhaltungsliteratur. Seine Geschichten
stehen in der Tradition klassischer Abenteuerromane und
handeln des Öfteren von der Entdeckung versunkener
Kulturen und der Bedrohung durch mysteriöse Mächte.
Der Autor lebt mit seiner Familie in Stuttgart.

www.thiemeyer.de
www.thiemeyer-lesen.de

Für Max und Leon
The future has not been written.
There is no fate but what we make for ourselves.

(John Connor)

Image

1. Auflage 2016
© Arena Verlag GmbH, Würzburg
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen
Coverillustration: Jann Kerntke
Einbandgestaltung: Johannes Wiebel
ISBN 978-3-401-80633-4

www.arena-verlag.de
Mitreden unter forum.arena-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1

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Danksagung

»Wir wissen mit absoluter Gewißheit, dass
Arten aussterben und andere sie ersetzen.
Nichts in der Geschichte des Lebens ist
beständiger als der Wandel.«

»Alles, was gegen die Natur ist,
hat auf Dauer keinen Bestand.«

Charles Darwin
(1809–1882), englischer Naturforscher, begründete
die als Darwinismus bekannte Abstammungslehre.

Prolog

Jem hörte Steine von oben herabprasseln. Nur Kiesel und etwas Geröll, doch es genügte, um seinen Pulsschlag zu beschleunigen. Er lauschte. Da war es wieder – das unheimliche Jaulen.

Sie hatten seine Spur wiedergefunden.

Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier.

Panisch sah er sich um.

Der Pfad war zu schmal und zu steil, um auch nur einen Moment zu glauben, er könnte eine schnelle Flucht antreten. Die Stufen verloren sich in der endlosen Tiefe. Die Treppe, die jemand vor Urzeiten in den Fels geschlagen hatte, wand sich hin und her wie das Zickzackmuster auf dem Rücken einer Schlange.

Direkt unter ihm lag die nächste Kehre, wo es eine kleine freie Fläche gab. Rechts das steil aufragende Bergmassiv, links der bodenlose Abgrund.

Der Schnee hatte eine rutschige Pulverschicht hinterlassen. Er musste vorsichtig sein. Verdammt vorsichtig.

Als er die Kehre erreichte, blieb er stehen.

Lange brauchte er nicht zu warten. Als hätten sie einen unsichtbaren Befehl erhalten, kamen die Wölfe die Stufen herunter. Einer hinter dem anderen. Sie fixierten ihn mit ihren Blicken.

Es waren drei, unterschiedlich in Farbe und Größe. Einer von ihnen hatte ein weißes Fell und stechende gelbe Augen. Er war riesig. Die anderen waren kleiner, zierlicher und braunschwarz getupft. Vielleicht Weibchen. Alle hatten sie ihre Ohren aufgestellt und hielten witternd die Nasen in die Höhe. Sie schienen direkt durch seine Maskerade hindurchzusehen. Die drei nahmen Positionen ein wie bei einem Schachspiel.

Einer von ihnen sprang auf die untere Treppe, einer blieb oben, während der letzte auf ihn zukam. Es war der große weiße. Ein Ehrfurcht gebietendes Tier. Wenn es denn überhaupt ein Tier war. Langsam wusste er nicht mehr, was hier echt war und was nicht. Aber darüber nachzudenken, war in etwa so sinnlos wie die Frage, was er hier zu suchen hatte. Wie er überhaupt in diesen Irrsinn hineingeraten war.

Hektisch wühlte er in seiner Hosentasche und zog sein Taschenmesser hervor. Als er es aufklappte, sank sein Mut. Damit hätte er nicht den Hauch einer Chance gegen seine Angreifer. Aber die Wölfe standen nur da und witterten.

Jem riss das Fell von seinen Schultern und streckte es wie ein Schild vor sich aus. Mit der Rechten hielt er das Messer umklammert und richtete es auf die Angreifer.

Die Klinge zitterte.

Das war’s dann, dachte er. Game over!

1

Eine Woche zuvor …

»Letzter Aufruf für den Lufthansa-Flug LH-456 von Frankfurt nach Los Angeles. Die Passagiere Jerome Ellis und Lucinde von Winterstein werden gebeten, sich umgehend am Boardingschalter, Ausgang Z-54, zu melden. Letzter Aufruf für Lufthansa-Flug LH-456 nach Los Angeles.«

Jem schnaufte. »Hast du gehört, Lucie? Damit sind wir gemeint. Komm schon, wir müssen uns beeilen.« Eigentlich hatte er sich immer für gut trainiert gehalten, aber so langsam ging ihm die Puste aus. Die Gänge waren endlos und sein Rucksack schien mit jedem Schritt schwerer zu werden.

Das Mädchen neben ihm warf ihm nur einen gehetzten Blick zu. Ihr roter Pferdeschwanz zuckte wie eine Flamme im Wind. Sie hatte ein hübsches Gesicht. Schmal, blass und mit ein paar Sommersprossen auf Wangen und Nase.

Sie war ihm sofort aufgefallen, als er heute Morgen in den Zug nach Frankfurt gestiegen war. Er hatte noch nie ein fremdes Mädchen angesprochen, aber nachdem er den Sticker ihrer Reiseorganisation auf dem Koffer gesehen hatte, war er über seinen Schatten gesprungen. Eigentlich fand er Mädchen ansonsten eher schwierig und eine Freundin hatte er auch noch nie gehabt.

Aber Lucie war nett, wenn auch etwas seltsam. Da war etwas in der Art, wie sie sprach, was ihn aufhorchen ließ. Mal klang es, als wäre sie superintelligent, dann wieder gab sie total merkwürdiges Zeug von sich. Aber er war froh, das Labyrinth aus Gängen, Rolltreppen und Hinweistafeln nicht alleine durchqueren zu müssen. Zumal sie bessere Augen zu haben schien als er.

»Rechts«, keuchte sie und bog ab.

Hektisch überflog er den Wald aus Schildern und Anzeigentafeln. Tatsächlich, da war der Pfeil. Er hatte ihn schon wieder übersehen.

»Da drüben, Jerome, siehst du? Da ist unsere Sicherheitskontrolle. Terminal A/B 1. Wir haben es gleich geschafft.«

»Alles klar«, schnaufte er zurück. »Aber bitte sag Jem zu mir. Nur mein Vater nennt mich Jerome.«

»Alles grün. Ich werd’s mir merken.«

Alles grün? Farben schienen es ihr irgendwie angetan zu haben. Seit sie sich heute Morgen kennengelernt hatten, waren schon einige Sätze gefallen, in denen sie irgendwas von Rot, Grün, Blau oder Gelb geredet hatte – als lebte sie in einer kunterbunten Regenbogenwelt.

»Oh, da vorne ist Connie von der Agentur.« Lucie deutete in Richtung der Magnetschranke, hinter der eine zierliche Frau mit blondem Pferdeschwanz stand und hektisch winkte.

Jem kannte Connie bislang nur vom Telefon, sie gehörte zur Reiseorganisation Travel-Exchange, die sich auf Schüleraufenthalte in den USA spezialisiert hatte. Connie würde die Jugendlichen auf ihrem Flug nach Los Angeles begleiten und vor Ort dafür sorgen, dass jeder in die richtige Gastfamilie kam.

Jetzt redete sie auf einen Angestellten der Security ein, der immer wieder den Kopf schüttelte. Wahrscheinlich kein gutes Zeichen.

»Das schaffen wir doch nie«, murmelte Jem. »Sieh dir mal die Warteschlange an. Das sind mindestens fünfzig Leute und die müssen alle noch durchgecheckt werden.«

Connie deutete jetzt heftig gestikulierend in ihre Richtung. Der Beamte reckte den Hals, sah zu ihnen herüber und winkte dann eine Kollegin herbei. Die schwarz uniformierte Frau öffnete ein Absperrband.

»Ich glaube, die wollen uns durchlassen«, sagte Lucie. »Beeilen wir uns. Sie wirkt furchtbar gelb …«

Gelb? Jem runzelte die Stirn. Die Frau sah eigentlich ganz normal aus. Abgesehen davon, dass sie ein bisschen dicklich war und einen mürrischen Zug um den Mund hatte.

»Kommen Sie, Herrschaften, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit«, rief sie und wedelte ungeduldig mit der Hand. Lucie und Jem hielten auf sie zu.

Doch ihre Aktion erregte die Aufmerksamkeit anderer Fluggäste. Einige von ihnen machten sich ebenfalls auf den Weg.

»Dieser Schalter ist geschlossen«, rief die Beamtin. »Bitte bleiben Sie in der Schlange.«

»Und was ist mit denen da?« Ein älterer Herr deutete auf Lucie und Jem. »Die dürfen doch auch durch.«

»Ist ein Notfall«, erklärte die Beamtin.

Der Mann reckte sein spitzes Kinn vor. »Wir stehen hier schon eine halbe Stunde! Wird man jetzt auch noch fürs Zuspätkommen belohnt? Unerhört, so was!«

Jem versuchte, die Schimpftiraden auszublenden, und konzentrierte sich auf die Sicherheitskontrolle. Zu Connie hatten sich inzwischen ein Junge und zwei Mädels in Jems Alter gesellt, wahrscheinlich andere Teilnehmer des Schüleraustauschs. Sie sahen ziemlich genervt aus. Jem spürte, dass sie ihm die Schuld für die Verzögerung gaben. Dabei konnte er gar nichts dafür! Signalstörung auf der Strecke Köln–Frankfurt. Eine halbe Stunde hatte sie das gekostet. Allerdings schien er der einzige Dunkelhäutige in der Gruppe zu sein. Jem hatte diese abschätzigen Blicke schon häufig spüren müssen. Gib dem Neger die Schuld. Na klar. Noch nicht mal richtig angekommen, war er mal wieder der Schwarze Peter. Haha.

»Metallgegenstände, Schlüssel und Geldbeutel hier in die Wanne legen. Tablets und Notebooks daneben.«

Mit raschen Bewegungen leistete Jem den Anweisungen der Beamtin Folge.

»Haben Sie irgendwelche Flüssigkeiten dabei?«

»Nein.«

»Schuhe ausziehen.«

Er runzelte die Stirn. Lucie war bereits durch das Tor hindurch und wurde abgetastet. Sie hatte ihre Schuhe anbehalten dürfen.

»Beeilung, junger Mann, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Die Beamtin wippte mit dem Fuß.

Jem beugte sich vor, um die Schnürbänder seiner Chucks zu lösen. Dabei fiel ihm die Sonnenbrille runter.

»Brille und Gürtel ebenfalls in die Wanne.«

Ihm wurde warm. Schweiß trat auf seine Stirn. Kaum hatte er seinen Gürtel rausgezogen, merkte er, wie seine Hose zu rutschen anfing. Er trug seine Jeans gerne ein paar Nummern zu groß. Aber in diesem Moment hätte er viel lieber eine eng sitzende Hose angehabt. Den Bund mit der einen Hand festhaltend, watschelte er in Richtung Schranke.

»Durchgehen, bitte.«

PIEEEP!

Na toll.

»Bitte kommen Sie zu mir.« Ein Beamter hielt ihm ein kellenförmiges Gerät entgegen. »Arme ausbreiten.«

Jem streckte seinen Bauch raus und versuchte, seine Hose oben zu behalten – vergeblich. Wie in Zeitlupe rutschte das verdammte Ding dem Erdmittelpunkt entgegen. Und mit ihm sein letzter Rest von Würde. Von der anderen Seite der Sicherheitskontrolle ertönte Gelächter. »Schicke Unterhose, Alter.«

Der da rief, war schätzungsweise eins achtzig groß, muskulös und mit blondem Strubbelkopf. Eine echte Kante. Er trug ein Muscleshirt mit der Aufschrift UCLA – Westwood Los Angeles. Zwei hübsche Mädchen standen neben ihm, eine blond, die andere dunkelhaarig. Die Blonde hatte sich ziemlich aufgestylt.

»In Ordnung und jetzt umdrehen.«

Jem zog die Hose bis zum Anschlag. Doch kaum wurde er aufgefordert, die Beine zu spreizen und die Arme vom Körper wegzustrecken, fing das Spiel von Neuem an.

Er stieß einen Seufzer aus. So hatte er sich die erste Begegnung mit seinen Mitreisenden nicht vorgestellt. Lucie war die Einzige, die Mitleid mit ihm zu haben schien, und warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu. Er wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken.

»In Ordnung, junger Mann. Sie dürfen jetzt weitergehen.«

Danach ging alles ganz schnell: anziehen, packen, rennen – er hatte nicht mal Gelegenheit, den anderen Hallo zu sagen.

Der Wartebereich vor ihrem Gate hatte sich bereits geleert. Die anderen Passagiere befanden sich sicher längst alle im Flugzeug. Am Boardingschalter saß eine Stewardess und trommelte mit den Fingern auf das Pult. Kaum standen sie vor ihr, setzte sie ein maskenhaftes Lächeln auf.

»Herzlich willkommen bei der Lufthansa.«

Rechts neben ihr hockten drei Gestalten am Boden und spielten ein Spiel. Das Mädchen trug eine schwarze Nerd-Brille und eine umgedrehte Baseballkappe, unter der sich braune Locken hervorkringelten. Die beiden Jungs waren noch seltsamer. Der eine war winzig und trug eine Nickelbrille, dazu ein Minions-T-Shirt mit der Aufschrift Banana. Seine dunkelblonden Haare standen wirr vom Kopf ab. Der andere war ziemlich pummelig und wirkte, als wäre er aus der Zeit gefallen. Wer bitte schön trug denn heute noch Weste, Cordhose und Lederschuhe? Und war das etwa eine Taschenuhr, die da an einem Goldkettchen in der Westentasche verschwand?

Die drei nahmen keinerlei Notiz von ihnen. Sie schienen vollkommen in ihr Kartenspiel vertieft.

Jem trat näher und warf einen Blick auf die Karten. Irgendwelche Monster, Zaubersprüche und Fantasyländer. Er selbst fand sich mit seinen fünfzehn Jahren schon lange zu alt für so etwas, aber in seiner Klasse gab es einige, die sich dafür interessierten.

Connie hatte hektische rote Flecken im Gesicht, als sie in die Hände klatschte und rief: »Zusammenpacken, ihr drei. Lucie und Jem sind eingetroffen, finally!« Ihr amerikanischer Akzent klang, als hätte sie ein Kaugummi im Mund.

Die drei schenkten ihr keinerlei Aufmerksamkeit. Das Spiel beanspruchte sie voll und ganz.

»Na los, Beeilung«, sagte Connie nachdrücklich. »Und seht zu, dass ihr nichts vergesst!«

»Gleich«, rief der Winzling mit der Brille. »Olivia versucht gerade einen Großangriff mit ihren Goblins. Wenn ich nicht aufpasse …«

Das Muscleshirt trat vor. »Habt ihr nicht gehört, ihr Hobbits? Steckt euch eure Goblins dahin, wo die Sonne nicht scheint, und steht auf. Oder soll ich euch Beine machen?« Er griff nach einem ihrer Rucksäcke und trat dabei versehentlich auf ein paar Karten.

Jem hätte beinahe laut aufgelacht, als das Mädchen mit der Baseballkappe aufsprang und wie eine Furie auf den Blonden losging. Dass der sie um mehr als einen Kopf überragte, schien sie nicht im Mindesten zu beeindrucken.

»Runter von meinen Karten«, zischte sie. »Du stehst da auf einem Tarmogoyf.«

»So what?«

»Die Karte ist über fünfzig Euro wert.«

Der Blonde schnaubte verächtlich. »Glaubst du, das interessiert mich?« Vorsichtshalber machte er aber doch einen Schritt zurück. Diese kleine Furie schien ihm nicht geheuer zu sein. »Eins sage ich euch. Wenn ich wegen euch Kröten meinen Flieger verpasse, gibt’s Ärger, verstanden?« Er warf Jem einen finsteren Blick zu. »Das Gleiche gilt auch für dich, Compadre. So ein Rumgetrödel will ich nicht noch mal sehen! Und jetzt los.« Mit diesen Worten machte er sich mit den beiden Mädchen im Schlepptau auf den Weg zum Schalter. Jem schüttelte amüsiert den Kopf. Das schien noch eine lustige Reise zu werden.

»Rot«, murmelte Lucie so leise, dass nur er es hören konnte. »Einfach nur rot.«

»Stimmt!« Jem grinste. »Aber einer muss halt das Alphamännchen spielen. Scheint so eine Art Naturgesetz zu sein.«

Der Flieger war voll besetzt und bereit zum Abheben. Als sie eintraten, erklang vereinzelt ironischer Applaus, was Jem aber total egal war. Er war einfach nur froh, dass sie es doch noch geschafft hatten.

»Hier drüben«, rief Connie und deutete auf zwei Sitzreihen in der Mitte. Auf ihrer hellblauen Bluse zeichneten sich kreisrunde Schweißflecken ab. Sie machte wahrscheinlich drei Kreuze, wenn alle saßen und der Flieger endlich startete. »Da sind unsere Plätze. Macht’s euch bequem und dann geht’s los.«

Lucie, die bereits auf einem Platz in der vorderen Reihe saß, winkte Jem zu sich. Er freute sich, dass sie an ihn gedacht hatte, schob seinen Rucksack ins Gepäckfach und wollte gerade Platz nehmen, als er eine mächtige Pranke auf seiner Schulter spürte. »Nicht hier, Compadre.«

Er drehte sich um und starrte auf das Muscleshirt. Der Typ grinste ihn fett an. »Das ist unsere Reihe. Setz du dich zu den anderen Freaks.« Er deutete auf die Dreiergruppe in der Reihe dahinter. Das Mädchen und die beiden Jungs saßen über ihre Gameboys gebeugt und waren bereits in ihr Spiel vertieft.

Jem hob sein Kinn. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein?

»Na, was ist jetzt, brauchst du eine Extraeinladung?« Ein gefährliches Lächeln strahlte ihm entgegen.

Jem überlegte, ob er es auf einen Streit ankommen lassen wollte, entschied sich aber dagegen. Er hatte schon genug andere Probleme, da konnte er sich so etwas nicht leisten. Und außerdem – sobald sie gelandet waren, würde er den Typen vermutlich sowieso nicht wiedersehen.

Wortlos packte er seinen Rucksack und verzog sich eine Reihe nach hinten. Das überhebliche Grinsen brannte sich in seinen Hinterkopf. Er drehte sich um, stopfte seine Tasche ins Gepäckfach und nahm Platz.

»Halt, warte.« Lucie griff nach ihrer Tasche und wollte ihm folgen, als sie von dem Großen zurückgehalten wurde. »Du doch nicht«, sagte er. »So eine hübsche Lady darf natürlich bei uns bleiben. Mein Name ist übrigens Marek. Und wie heißt du?« Sein Lächeln wurde so breit wie in der Zahnpasta-Werbung. Jem verdrehte die Augen.

»Lucie.«

»Cooler Name. Ist das die Kurzform von irgendwas?«

»Lucinde. Lucinde von Winterstein.«

Mareks Begleiterinnen kicherten. Jem fand, dass die Blonde gar nicht mal so schlecht aussah, soweit sich das unter der dicken Schicht Schminke beurteilen ließ. Sie hatte blaue Augen und einen silbernen Nasenstecker. Als sie allerdings ihren Mund aufmachte, musste Jem wieder mal feststellen, dass gutes Aussehen einfach nicht alles war. »Klingt wie aus einem Gruselfilm«, sagte sie. »War Viktor Frankenstein vielleicht dein Urgroßvater?«

»Lasst gut sein, Katta«, fuhr Marek ihr über den Mund. »Ich finde den Namen schön. Wofür steht das von? Bist du adelig oder was?«

»Schon möglich. Ich glaube, mein Urgroßvater war tatsächlich ein Baron.«

Jem grinste in sich hinein. Er fand Lucie ziemlich schlagfertig.

»Cool«, sagte Marek. »Dann hat deine Familie doch bestimmt Geld, oder?«

Auf Lucies Gesicht erschien ein misstrauischer Ausdruck. »Warum willst du das wissen?«

»Nur so.« Marek ließ sich breit grinsend auf seinen Platz gleiten. »Ich interessiere mich halt für meine Mitmenschen, du nicht?«

Den Rest des Gesprächs bekam Jem nicht mehr mit. In diesem Moment liefen die Triebwerke an und ein Rütteln ging durch die Maschine.

Er setzte seine Ohrhörer auf und blendete die Welt ringsherum aus.

2

Schüleraustausch USA

Das erste Mal weit weg von zu Hause. Der Duft von Freiheit und Abenteuer. Erlebe die Vereinigten Staaten von Amerika hautnah und wage den Schritt über den großen Teich! Besuche das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem Tellerwäscher zu Millionären werden und Verteiler von Werbeflyern wie Brad Pitt zu Filmstars. Bewirb dich noch heute und lerne den Spirit of America kennen!

Lucie legte die Werbebroschüre zur Seite und blickte auf ihre Uhr. Die Stunden vergingen schleppend. In Deutschland war es jetzt kurz nach dreiundzwanzig Uhr, doch draußen war es immer noch hell. Das lag daran, dass sie gegen die Erddrehung flogen. Verrückt.

Die Geräusche im Flugzeug waren gedämpft. Lucie bemerkte, dass viele die Rollos heruntergezogen hatten und zu schlafen versuchten. Um sie herum lagen die Leute mit zurückgestellten Lehnen und dösten. Manche hatten Schlafmasken vor den Augen. Die ganz Erfahrenen verfügten sogar über aufblasbare Nackenpolster.

Leises Schnarchen drang an ihre Ohren. Sie beugte sich vor und spähte ihre Reihe entlang. Marek röchelte leise vor sich hin. Ein Speichelfaden tröpfelte aus seinem geöffneten Mund. Katta, die seitlich an seine Schulter gelehnt vor sich hin döste, lief Gefahr, davon getroffen zu werden. Ob sie sie warnen sollte? Och nö, lieber nicht. Sie lächelte und freute sich jetzt schon darauf, wenn die blonde Zicke erwachte.

Ihre direkte Sitznachbarin hatte sich als Zoe vorgestellt und schien ganz nett zu sein. Sie war zierlich und trug ihre dunklen Haare als Pagenschnitt. Bis vor ein paar Minuten hatte sie noch gelesen, aber jetzt schlief sie ebenfalls.

Lucie wunderte sich, dass sie selbst noch so wach war. Sie hatte versucht, die Augen zuzumachen, aber es geisterte einfach viel zu viel in ihrem Kopf herum. Sie war noch nie in den USA gewesen und wusste nicht, was sie erwartete. Auf dem Foto, das Connie ihr vor ein paar Wochen geschickt hatte, wirkte ihre Gastfamilie sehr nett, neben ihren Gasteltern William und Rose gab es noch ein Mädchen in ihrem Alter namens Kate und einen großen schwarzen Hund. Aber ob sie sich mit Kate verstehen und in ihrem neuen Zuhause wohlfühlen würde? Und ob ihr Englisch ausreichte, um sich zu verständigen?

Wieder blickte sie auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis Mitternacht. Sie drehte sich um und sah, dass in der Reihe hinter ihr auch noch alle wach waren. Alle bis auf Connie, die wahrscheinlich fix und fertig war nach der Aufregung.

Lucie stand auf und streckte sich.

»Na, kannst du auch nicht schlafen?«, fragte Jem.

»Kein Stück«, erwiderte sie. »Ich fühle mich, als hätte ich drei Tassen Kaffee getrunken.«

»Geht mir genauso.« Er blinzelte in Richtung Fenster. »Verrückt, dass es immer noch hell ist, oder? Kommt mir so vor wie im Polarsommer, wenn die Sonne niemals untergeht.«

»Warst du schon mal so weit nördlich?«

»Nö, du?«

Sie schüttelte den Kopf. »Schottland war bisher das weiteste.«

»Schottland? Das ist witzig.«

»Wieso?«

»Ach nur so. Als ich dich heute Morgen das erste Mal gesehen habe, dachte ich, du könntest vielleicht aus Irland stammen.«

»Wegen meiner roten Haare?«

»Und deiner grünen Augen.«

»Gibt viele, die mich das fragen«, sagte sie. »Meine Familie kommt aber nur ganz langweilig aus der Eifel. Verarmter Landadel, sozusagen.« Sie lächelte. Jem schien ein ziemlich netter Typ zu sein. Seine dunklen Augen sahen sie aufmerksam an, genau wie heute Morgen im Zug. »Und du? Wo kommen deine Eltern her?«

»Wie man sieht, nicht aus der Eifel.« Er schob den Ärmel seines dunkelblauen Kapuzenpullis hoch und hielt ihr lachend seinen schwarzen Arm entgegen. »Meine Mutter ist Kölnerin, mein Dad kommt aus den USA. Allerdings leben sie nicht mehr zusammen. Er wohnt jetzt wieder in San Diego, gar nicht weit von meiner Gastfamilie. Nach zwei Jahren werde ich ihn das erste Mal wieder treffen …«

»Haben sie sich getrennt?«

Er nickte.

»Oh.« Sie schluckte und ließ sich auf den freien Platz neben ihm fallen. »Und warum zwei Jahre?«

»Hat sich halt nicht ergeben«, sagte er schulterzuckend. »Wir hatten nie viel Geld und meiner Mutter war der Flug zu teuer. Den Schüleraustausch kann ich nur machen, weil ich dafür ein Stipendium bekommen habe. Da hatte ich echt Glück.«

»Was macht dein Vater denn?«

»Er arbeitet auf dem Marinestützpunkt von San Diego. Schiffe beladen und so …« Seine Stimme wurde leiser.

Lucie merkte, dass es ihm nicht leichtfiel, darüber zu sprechen. Wie schlimm musste es sein, den eigenen Vater so lange nicht zu sehen? Sie wurde ja schon bei dem Gedanken traurig, dass sie die nächsten zehn Monate Tausende von Kilometern von ihren Eltern entfernt war. Und dass die sich jemals trennen würden, war für Lucie unvorstellbar.

»Hey, soll ich dir mal was Tolles zeigen?« Jem deutete auf seine Sitznachbarn. Die drei waren ganz in ihre Videospiele vertieft. »Schau mal, das ist total spannend.« Er rutschte ein bisschen zur Seite, damit sie einen besseren Blick hatte. Das Mädchen und der kleine Junge mit der Nickelbrille bearbeiteten ihre Gameboys mit schnellen Tastenkombinationen.

Sie runzelte die Stirn. »Was spielen die da?«

»Pokémon«, sagte Jem. »Das ist übrigens Olivia. Daneben sitzt Arthur und ganz außen Paul.«

Paul schien ein ganz spezieller Typ zu sein mit seinen altmodischen Klamotten. Aber Lucie fand es eigentlich cool, wenn Leute ihren eigenen Stil hatten und sich etwas trauten. Sie selbst trug am liebsten Jeans und irgendein bequemes Oberteil – meistens Hoodies –, ziemlich unspektakulär also.

»Hi«, sagte Lucie in die Runde.

»Hi«, antworteten die drei wie aus einem Mund und ohne ihren Blick von den Daddelkisten abzuwenden. Obwohl sie schräg aussahen, wirkten sie irgendwie sympathisch. Dass sie Gamer waren, passte zu ihnen. Sie selbst hatte ein paarmal kleinere Spiele auf dem Smartphone gespielt, aber schnell festgestellt, dass es nichts für sie war. Zu laut, zu bunt, zu hektisch.

»Irre, oder?«, sagte Jem. »Kommt mir vor wie ein Duell der Titanen.«

»Was ist denn daran so besonders?« Lucie runzelte die Stirn. »Pokémon ist doch ein Spiel für Kinder.«

»Habe ich auch gedacht. Aber es scheint doch ziemlich komplex zu sein. Ich bin normalerweise eher der Typ für Shooter und Flugsimulationen, aber ich glaube, das könnte mir auch gefallen.«

»Ich habe keine Ahnung, wie so was geht.«

»Also normalerweise fängst du dir irgendwo ein Pokémon«, sagte Olivia. »Oder du gewinnst es im Kampf, ist ja auch egal. Jedenfalls sind das dann deine Kämpfer. Jedes Monster hat besondere Stärken und Schwächen, sodass du gut überlegen musst, wen du in den Kampf schickst. Aber man kann die kleinen Biester auch züchten und sie so seinen ganz speziellen Bedürfnissen anpassen.«

»Das ist Evolution«, ergänzte Paul. »Um es richtig zu machen, brauchst du vor allem Zeit. Manchmal bis zu einem Monat. Aber dafür bekommst du dann ein Pokémon, das praktisch unbesiegbar ist.«

»Züchten?«, fragte Lucie verwirrt. So ganz konnte sie dem Gespräch nicht folgen.

»Na ja, so mit Männchen und Weibchen«, sagte Arthur. »Die paaren sich dann, bekommen Eier, brüten sie aus. Wie im richtigen Leben halt …«

»Wie im richtigen Leben halt.« Auf Olivias Gesicht erschien ein breites Grinsen. »Im Aufklärungsunterricht hast du aber nicht besonders gut aufgepasst, Arthur.«

»Lass ihm doch seine Illusionen«, sagte Paul lachend. »Er hält sich immer noch für was Besseres. Mensch 2.0 oder so. Vermutlich hofft er, an seiner neuen Schule ein hübsches Alienweibchen zu finden, das gemeinsam mit ihm ein Nest baut und Eier legt.«

Olivia kicherte und schob ihre Brille hoch. »Das produziert dann viele kuschelige Facehugger, die dich anspringen und aus deinem Bauch kriechen.«

»Ihr schaut definitiv die falschen Filme«, stellte Arthur kopfschüttelnd fest.

Lucie hatte keine Ahnung, wovon die drei da redeten. Andererseits auch interessant, worüber sich andere Leute so Gedanken machten.

»Aber von Sex hast du schon gehört, oder?«, hakte Olivia nach.

»Wird überschätzt«, entgegnete Arthur. »Dieses ganze Tamtam mit den Geschlechtern, das verbraucht doch viel zu viel Energie. Maschinen sind da viel effizienter.«

»Oje, jetzt kommt er wieder damit.« Paul verdrehte die Augen. »Terminatoren und so …«

»Na klar«, sagte Arthur. »Maschinen sind so viel besser als wir. Sie können sich selbst erschaffen und ihren Bestand immer genauso groß halten wie nötig. Sie können sich selbst modifizieren und an spezielle Umgebungen anpassen. Nicht der Mensch wird den Weltraum erobern, sondern die Maschinen – hört auf meine Worte. So, und was unser kleines Duell hier betrifft, liebste Olivia: Ich bin mal gespannt, was du zu meinem Ditto hier sagst …«

Es funkte und sprühte auf den Bildschirmen.

»Du machst mir keine Angst«, entgegnete Olivia. »Dein Ditto ist doch nur eine blöde Kopie. Ich werfe dafür meinen Quabbel ins Rennen.«

Lucie konnte nicht länger auf die kleinen Bildschirme starren – zu viele Farben und nervige Musik.

»Scheiße«, fluchte Arthur. »Du hast mich gekillt. Dabei war ich genauso stark wie du …«

»Das Original ist halt immer besser als die Kopie. Quabbel rocks!« Sie reckte ihre Faust in den Himmel.

Lucie musste sich abwenden. Ihr Mund schmeckte plötzlich, als wäre er mit Säure gefüllt.

Jem sah sie fragend an. »Alles okay bei dir? Ist dir irgendwie schlecht oder so?«

»Ist schon in Ordnung«, stieß Lucie aus. »Ich kann bloß nicht so gut …«

»Was denn?«

Sie verstummte. Ihr Blick bohrte sich in die grau gemusterte Rückenlehne des Vordermanns. Sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen.

Es dauerte einen Moment, dann wurde es besser.

Sie atmete langsam und gleichmäßig. Jem war sichtlich besorgt.

»Was ist denn los? Du bist ja ganz blass.«

»Ach, das ist nichts weiter. Geht schon wieder«, sagte sie.

»Nichts? Du hast ausgesehen, als würdest du gleich umkippen.«

Lucie überlegte, ob sie ihm erklären sollte, was mit ihr los war, entschied sich dann aber dagegen. Sie sprach nicht gerne darüber. Außerdem kannten sie sich ja gerade erst ein paar Stunden. »Nur der Kreislauf.« Sie atmete noch ein paarmal tief durch, dann wurde es besser. »Nichts Dramatisches.«

Er nickte, obwohl sie ihm ansah, dass er ihr nicht glaubte. Arthur rettete sie vor weiteren unangenehmen Fragen. Schimpfend gestand er seine Niederlage ein und forderte Olivia zu einer Revanche heraus.

»Herausforderung angenommen«, rief sie lachend und schon machten sich die beiden für eine neue Runde bereit.

Lucie stand auf. Ihre Beine waren ziemlich wackelig.

»Ich versuche noch mal, ein bisschen die Augen zuzumachen. Vielleicht klappt es ja jetzt mit dem Schlafen.«

»Na klar. Hoffentlich geht es dir danach wieder besser.«

Lucie lächelte gequält und kehrte zurück an ihren Platz. Ihr war immer noch schwindelig. Kein Wunder, dass sie Video-games nicht mochte. Wenn sie selbst bei einem so harmlosen Spiel das große Flimmern bekam, sollte sie besser darauf verzichten. Der einzig positive Nebeneffekt war, dass sie jetzt tatsächlich hundemüde war. Ein bisschen dösen, dann würde die Welt schon wieder ganz anders aussehen.

3

Ein heftiger Schlag riss sie aus ihren Träumen.

Lange konnte sie nicht weg gewesen sein. Eine halbe Stunde oder so. Auch andere Passagiere waren aus dem Schlaf gefahren und sahen sich irritiert um. Wo man hinblickte, erschrockene Gesichter.

Eine weitere starke Böe erschütterte das Flugzeug.

Kattas Augen leuchteten glasig. »Sind wir schon da?«

Marek wischte sich den Speichel aus dem Mundwinkel. Mit tranigem Blick schaute er auf seine Uhr. »Nee. Noch vier Stunden bis zur Ankunft.«

»Ach so«, murmelte Katta, während Zoe sich nach unten beugte, um ihr heruntergefallenes Buch aufzuheben.

Ein weiteres Beben, das Flugzeug erzitterte vom Bug bis zum Leitwerk. Lucies Magen begann schon wieder zu rebellieren. Hörte das denn nie auf?

Sie war schon ein paarmal geflogen, aber noch nie allein. Geschweige denn bis ans andere Ende der Welt. Hoffentlich ging alles glatt.

Als sie nach hinten blickte, schaute sie in die aufgerissenen Augen von Olivia, Arthur und Paul. Auch Jem sah irgendwie beunruhigt aus. Ausgerechnet er, der so wirkte, als könne ihn so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Das machte die Situation noch beklemmender.

»Hat jemand eine Ahnung, wo wir gerade sind?«, fragte sie.

»Ich glaube, in der Nähe des Nordpols«, antwortete Arthur. »Allerdings lässt sich das nicht mit Bestimmtheit sagen, die Monitore sind eingefahren.« Er deutete nach oben. Er war so klein, dass er selbst in aufrechter Haltung kaum über die Rückenlehne ragte.

In diesem Moment hörte Lucie einen Gong, eine blecherne Stimme meldete sich aus den Lautsprechern: »Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht Kapitän Bennett. Wir durchqueren gerade eine turbulente Luftströmung. Es besteht kein Grund zur Sorge. Trotzdem möchten wir Sie bitten, sich auf Ihre Plätze zu begeben, sich anzuschnallen und die Notfallzeichen zu beachten. Sollten Sie Unwohlsein verspüren, wenden Sie sich bitte an unser Bordpersonal. Sobald die Warnzeichen über Ihren Köpfen erloschen sind, können Sie die Gurte wieder lösen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis.«

Eine erneute Turbulenz ließ das Flugzeug erzittern. Lucie krallte ihre Hände in die Armlehnen. Die Flugkabine verfärbte sich blau. Blau? Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ihr Blick fiel auf die Armbanduhr. Was war das denn? Die Zeiger spielten völlig verrückt. Rasten sie mit irrer Geschwindigkeit im Kreis? Lucie klopfte auf das Gehäuse, aber die Zeiger drehten sich immer weiter.

Sie überlegte, ob sie es den anderen zeigen sollte, als ein Schlag – heftiger als alle anderen – das Flugzeug erschütterte. Zum Glück war sie nicht auf die Idee gekommen, den Sicherheitsgurt zu lösen. Hätte sie es getan, sie wäre vermutlich in hohem Bogen durch die Luft geflogen.

Die Turbinen heulten und jaulten, als würden sie mit doppelter Leistung arbeiten. Ein scharfer Geruch durchströmte die Kabine. Was war das?

Der Geruch raubte ihr den Atem. Sie musste husten.

»Ruhig bleiben, bleibt ruhig!«, wiederholte Connie gebetsmühlenartig, als müsse sie es sich selbst immer wieder einreden.

Aus den Lautsprechern drang ein ohrenbetäubendes Knacken und Rauschen. »Sehr … Pass…te … auf Ihren Plätz…«

Offenbar versuchte der Pilot, mit ihnen zu sprechen, doch irgendwas störte die Übertragung. »…queren … schweres Sturm…«, hörte sie. Und dann: »… keine Sorge. Atmen Sie ruhig und gleichmäß… werden bald wieder …«

Die Verbindung brach erneut ab. Diesmal dauerhaft.

Vom Flugpersonal war keiner zu sehen. Vermutlich waren sie ebenfalls alle angeschnallt und warteten die heftigen Turbulenzen ab.

Die Turbinen der Maschine arbeiteten immer noch auf Hochtouren. Lucie zählte die Abstände zwischen den Erschütterungen.

»Eins … zwei … drei … vier …«

Bumm!

»Eins … zwei … drei … vier … fünf …«

Krawumm!

»Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs … sieben …«

Sie hielt inne.

Nichts passierte.

Es hatte aufgehört. Kein Rumpeln, kein Poltern, ja nicht einmal die Triebwerksgeräusche waren mehr zu hören. Von einer auf die andere Sekunde herrschte absolute Ruhe. Es war still.

Zu still.

Der Geruch war zwar immer noch da, aber er war erträglicher geworden.

Die Maschine glitt dahin wie ein fliegender Teppich. Lucie kam es vor, als befände sie sich in absoluter Schwerelosigkeit. Warum konnte sie nichts hören? Sie tippte an ihre Ohren und räusperte sich. Nein, mit denen war alles in Ordnung.

Vorsichtig hob sie den Kopf.

Das Rauschen in den Lautsprechern war verklungen. Stattdessen vernahm sie ein feines Wispern. Wie Hunderte von Stimmen, die durcheinanderflüsterten.

Und dann – mit einem Mal – wurde es hell. Als würde von einem Moment auf den anderen die Sonne aufgehen. Nicht außerhalb des Flugzeugs, sondern im Inneren. Eine gleißende, alles durchdringende Form von Helligkeit, die unmöglich von den Lampen stammen konnte.

Lucie schloss die Augen. Mitternacht. Geisterstunde, schoss es ihr völlig unsinnig durch den Kopf.

Sie fühlte, wie die Helligkeit ihre Augenlider durchdrang. Sie atmete ein, sie atmete aus, doch das Leuchten nahm unaufhörlich zu. Gleichzeitig wurde das Flüstern lauter. Sterne zuckten über die Innenseiten ihrer Augenlider. Lucie war, als würde jede Zelle ihres Körpers von Helligkeit durchdrungen. Sie holte noch einmal tief Atem, dann wurde sie ohnmächtig.

4

Jem schlug die Augen auf.

Die Sonne schien durch die Fenster und streifte einzelne Gesichter. Einige der Passagiere schliefen noch, viele andere aber waren wach und unterhielten sich leise. Ihr Flüstern erinnerte ihn an das Rauschen einer Fernstraße.

Die Turbinen arbeiteten leise und gleichmäßig. Auch der seltsame Geruch nach verschmorter Elektrik war verschwunden. Stattdessen wehte Kaffeeduft durch die Kabine.

Verwundert richtete er sich auf. Was um alles in der Welt war geschehen? Er hatte Lichter gesehen, seltsame Geräusche gehört und diesen stechenden Geruch wahrgenommen. Doch von alldem war lediglich ein hämmernder Kopfschmerz geblieben. Hatte er sich das nur eingebildet? Er schaute zur Seite.

Von seinen drei Sitznachbarn war nur Olivia wach. Sie bemerkte ihn, tippte kurz mit dem Finger an den Rand ihrer Kappe und widmete sich dann wieder ihrem Buch. In der Reihe vor ihm schliefen noch alle, auch Lucie.

Jem musste mal und richtete sich stöhnend auf. Verdammte Kopfschmerzen. Er wühlte in seiner Tasche, holte ein Ibuprofen raus und machte sich auf den Weg.

Vor der Toilette hatte sich eine kleine Schlange gebildet.

Er blickte auf die Uhr. Nach deutscher Zeit war es jetzt kurz vor zwei Uhr morgens. Was bedeutete, dass es nur noch zweieinhalb Stunden bis zu ihrer Ankunft waren! Er freute sich auf die zehn Monate fernab der Heimat, vielleicht konnte er den Scheiß der letzten Monate einfach hinter sich lassen. Angst, dass er sich nicht zurechtfinden könnte, hatte er keine, er hoffte nur, dass er Glück mit seiner Gastfamilie hatte. Und er würde seinen Vater wiedersehen. Und seine kleine Schwester! Der Gedanke ließ ihn schlagartig munter werden.

Um sich die Wartezeit zu verkürzen, blickte er aus dem Fenster. Zwischen den Wolkenlücken konnte er einzelne grüne Flecken erkennen. Offenbar hatten sie den Atlantik bereits hinter sich gelassen und flogen jetzt über Festland. Aber über welches? Dummerweise waren die Monitore immer noch eingeklappt.

Als er zurück an seinen Platz kam, sah er, dass auch Lucie wach war. Sie wirkte allerdings ziemlich verpennt.

»Na, du Frühaufsteherin«, begrüßte er sie. »Hast du auch ein bisschen Schlaf abbekommen?«

»Ein bisschen, ja«, erwiderte sie. »Aber ich habe lauter wirres Zeug geträumt.«

»Was denn?« Er suchte ihren Blick.

Sie senkte ihre Stimme, als wollte sie verhindern, dass die anderen etwas mitbekamen. »Ach, das war alles ziemlich verworren«, sagte sie. »Ich weiß nur noch, dass wir in eine Art Sturm gekommen sind. Es hat mich fast aus dem Sitz gehoben. Danach hatte ich so einen komischen Geruch in der Nase und es wurde furchtbar hell.« Sie lächelte entschuldigend. »Blöd, oder?«

»Nee, überhaupt nicht …« Das konnte doch gar nicht sein. »Also entweder haben wir beide das Gleiche geträumt oder …« Er verstummte.

»Oder was?«

»Oder es war gar kein Traum.« Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich erinnere mich nämlich an haargenau dasselbe.«

»Redet ihr gerade über die Sache mit den Turbulenzen?«, schaltete Olivia sich ein.

»Tun wir.« Jem setzte sich wieder hin. »Hast du davon auch etwas mitbekommen?«

»Allerdings«, stieß sie aus und sah sie dabei mit weit aufgerissenen Augen an. »Der Pilot hat noch versucht, uns etwas mitzuteilen, aber die Verbindung war gestört. Ich kann mich nur noch an Rauschen und Knacken erinnern.«

»Das Knacken, stimmt, das hatte ich total vergessen.« Lucie hatte sich auf ihren Sitz gekniet und blickte Jem über die Rückenlehne hinweg an. »Und da war noch was: Meine Uhr hat gesponnen. Sie hat sich wie verrückt vorwärtsgedreht, so, als ob man das Uhrwerk unter Starkstrom gesetzt hätte. Jetzt läuft sie allerdings wieder ganz normal.«

Paul und Arthur waren inzwischen ebenfalls wach und lauschten der Unterhaltung. Paul hatte hektische rote Flecken auf den Wangen. »Meine Taschenuhr funktioniert auch nicht mehr!« Wie zum Beweis schwenkte er sie hin und her. »Und dann dieses Flüstern. Daran kann ich mich besonders gut erinnern. Habt ihr das auch gehört …?«

»Und ob.« Jem war inzwischen überzeugt, dass sie es hier nicht mit einem Zufall zu tun hatten. Und ein Traum war das schon gar nicht gewesen. Irgendetwas Merkwürdiges war hier im Gange. Geradezu unheimlich.

»Ich sag euch, da ist was faul.« Paul senkte verschwörerisch die Stimme. »Irgendetwas geht hier vor, das spüre ich. Dazu passt auch, dass die Monitore noch nicht ausgeklappt sind und uns niemand sagt, was hier los ist.«

»Nun macht euch mal nicht gleich ins Höschen, ihr Süßen.« Vor Arthurs Platz tauchte plötzlich Mareks blonder Strubbelkopf auf. Ein überheblicher Ausdruck lag auf seinem Gesicht. »Nur wegen ein paar Luftlöchern sind wir noch nicht gleich von Aliens entführt worden. Alles ganz normal. Trinkt ein Glas Milch, esst einen Keks, dann wird alles wieder gut.«

Arschloch, dachte Jem. Aber was hatte er schon anderes erwartet?

Arthur warf Marek einen giftigen Blick zu. »Und dass es hier null Empfang gibt, findest du auch normal?« Er hielt ihm sein Gerät entgegen. »Kein Netz, kein GPS, nichts.«

»Bei mir auch nicht«, sagte Paul und tippte auf sein Smartphone. »Absolut tote Hose.«

»Keine Ahnung, was mit euren Apparaten los ist«, erwiderte Marek schnippisch. »Wieso sind eure Smartphones überhaupt auf Empfang gestellt? Das ist doch verboten …«

In diesem Moment ertönte ein Knacken in den Lautsprechern.

»Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Aufgrund unvorhergesehener technischer Probleme sind wir leider gezwungen, unseren gegenwärtigen Kurs zu verlassen und einen Zwischenstopp auf dem Denver International Airport einzulegen. Wir werden dort in voraussichtlich dreißig Minuten eintreffen. Es besteht kein Grund zur Sorge, trotzdem möchten wir Sie bitten, Ihre Plätze einzunehmen …«

Den Rest der Durchsage hörte Jem kaum noch. Er war viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt.

Was ging hier vor? Was hatten sie da erlebt? Und warum nur glaubte er dem Kapitän nicht?

Er hatte ein unmittelbares Gefühl von Bedrohung, das er aber nicht richtig fassen konnte.

Er war inzwischen überzeugt, dass Paul recht hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht, man wollte ihnen nur nicht sagen, was.

5

Das Knacken der Lautsprecher ließ Lucie hochschrecken. »Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir befinden uns nun im Anflug auf den Denver International Airport. Wenn Sie rechts aus dem Fenster sehen, können Sie die Berggipfel der Rocky Mountains erkennen. Aufgrund unserer gegenwärtigen technischen Probleme sind wir leider nicht in der Lage, Funkkontakt mit dem Tower aufzunehmen. Da der Landeanflug manuell erfolgt, möchten wir Sie dringend ermahnen, Ihre Plätze nicht zu verlassen und Ihre Gurte geschlossen zu halten. Ich melde mich wieder, sobald wir sicher gelandet sind. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.«

Einen Moment lang herrschte Stille im Flugzeug, dann fingen die Leute in der Reihe vor Lucie an zu spekulieren. Von Entführung war die Rede, von einem ärztlichen Notfall, von vergifteten Lebensmitteln, der junge Mann ganz außen sprach sogar von einem Ausfall der Turbinen. Zumindest das konnte Lucie ausschließen, immerhin war das Motorengeräusch noch zu hören.

»Wissen die in Denver überhaupt, dass wir kommen?«, rief Connie von hinten. »Wie lange wird die Verzögerung dauern?« Niemand gab ihr eine Antwort.

»Ich habe wichtige Termine in Los Angeles«, beklagte sich ein Mann mit Schnauzbart und kariertem Hemd, der rechts von Lucie am Fenster saß. »Wer informiert die Leute vor Ort? Wer kommt für die Kosten auf?«

Lucie wünschte, sie könnte sich zurück nach Hause beamen, in ihr kleines Zimmer direkt unter dem Dach, das bis oben hin vollgestopft war mit Büchern. Wie gerne hätte sie jetzt mit einem dicken Schmöker auf dem Bett gelegen, anstatt hier zu sitzen und nicht zu wissen, was mit ihr passierte. Die Welt um sie herum schien aus den Fugen geraten zu sein. Die Stewardessen hetzten durch die Reihen, sammelten die letzten Tabletts und den Müll ein und versuchten, den aufgeregten Fragen zu entgehen.

Denver? Das lag doch in Colorado. Wie sollte sie denn von dort aus weiter nach L.A. kommen? Ihr Smartphone war genauso tot wie das von Arthur und Paul. Niemand hatte Empfang. Wie sollte sie denn jetzt ihre Gasteltern erreichen?

Lucie wusste, dass die Familie in Pasadena, ein paar Kilometer außerhalb des Zentrums, wohnte. Sie waren bestimmt schon in Richtung Flughafen unterwegs, um sie abzuholen. Aber das war vermutlich gerade das kleinste Problem.

Viel wichtiger war erst mal, dass sie heil runterkamen. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was beim Landeanflug alles schiefgehen konnte.

»He, da unten ist Denver«, rief ein kleiner Junge. »Ich kann den Airport sehen.«

Lucie reckte den Hals, konnte aber nicht wirklich viel erkennen. Ihre Sitze waren alle in der mittleren Reihe, sodass die Entfernung zum nächsten Fenster recht groß war. Sie hielt es nicht länger aus. Sie löste ihren Gurt, stand auf und beugte sich über die fensterseitigen Sitze. Sie fühlte sich magisch angezogen.

Zwischen den Wolkenlücken erkannte sie Bäume, Wiesen und Wasserflächen. Das Land unter ihr sah wunderschön aus. Ruhig, beschaulich und grün. Verdammt grün.

Die Sonne war bereits hinter den Bergen versunken und der Himmel flammte orangerot auf. Plötzlich tauchten ein paar Hochhäuser auf, deren obere Hälften vom letzten Licht des Abends spektakulär beleuchtet wurden.

Lucie spürte ein Kribbeln im Nacken. Irgendetwas stimmte nicht. Als würde sie ein Bild betrachten, das ein verborgenes Geheimnis enthielt. Geradezu hypnotisch.

Plötzlich wusste sie, was es war. Sie beugte sich noch ein Stück weiter vor.

Der Mann mit dem Schnauzbart lehnte sich höflicherweise nach hinten, sodass sie mehr Platz hatte. Sie war viel zu verblüfft, um sich zu bedanken. »Das ist ja ein Ding«, murmelte sie. »Sehen Sie das auch?«

»Was meinen Sie?«

Lucie deutete hinaus. »Fällt Ihnen nichts auf? Da unten brennt kein einziges Licht.«

6

Jem machte es wahnsinnig, dass Lucie sich nicht hinsetzte. Hatte sie die Warnungen des Kapitäns nicht gehört? Was gab es da draußen so Spannendes zu sehen?

Ohne groß nachzudenken, löste er seinen Gurt und sprang auf. »Bitte komm jetzt endlich, Lucie«, sagte er und packte sie am Arm. »Setz dich wieder hin!«

»Keine Lichter«, murmelte sie. »Wie ein Garten Eden.«

»Was?«

Außer den dunklen Wolken und vorbeifegenden Baumwipfeln war nicht viel zu erkennen. Die Erdoberfläche war jetzt sehr nahe.

»Höchstens noch eine Minute«, sagte er mit einem Anflug von Panik. »Es wird uns die Füße unterm Hintern wegfegen, wenn wir nicht angeschnallt sind. Willst du, dass wir durch den Gang segeln?«

Doch Lucie schien sich der Gefahr gar nicht bewusst zu sein. Hatte sie ihm überhaupt zugehört?

»Wieso brennen da keine Lichter?«

»Scheiße, Lucie, komm endlich.« Er riss sie herum und zog sie auf ihren Sitz zurück, wo er ihren Gurt zuschnappen ließ. Keinen Moment zu früh war er wieder an seinem Platz. Kaum war sein Gurt eingerastet, setzte die Maschine krachend auf.

Jem wurde nach vorne geschleudert, wieder zurück und hin und her. Er packte die Vorderlehne, beugte seinen Kopf vor und schloss die Augen. Die Angst schürte ihm die Kehle zu. Er spürte, wie das Flugzeug ein paar Meter in die Luft stieg, nur um dann mit noch größerer Heftigkeit auf dem Boden aufzusetzen. Die Erschütterungen fuhren ihm durch Mark und Bein.

Der Lärm war ohrenbetäubend. Gepäckfächer sprangen auf und ließen einen Hagel aus schweren Gegenständen auf die Köpfe der Passagiere niederregnen. Die Leute fingen an zu schreien, die Geräusche waren so furchtbar, dass Jem sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Rote Lichter flammten auf und ein nervenzerfetzendes Alarmsignal erklang. Als die Klappen aufgingen und die Sauerstoffmasken herauspurzelten, brach Panik aus.

Und auch Jem hatte keinen Zweifel: Das war das Ende. Noch nie in seinem Leben war er sich so hilflos und ausgeliefert vorgekommen. Was immer hier vorging, eine normale Landung war das gewiss nicht.

Noch immer polterte die Maschine mit einem Affenzahn über die Landebahn. Ein heftiger Schlag ließ das Flugzeug erzittern. Es brach seitlich aus, kam vom Runway ab und pflügte über eine Wiese. Durch die Fenster sah Jem Laub und Zweige an ihnen vorbeifegen. Dann kippte die Maschine seitlich weg. Die einseitige Belastung ließ sie auf eine Tragfläche sacken und schleuderte sie herum wie ein wild gewordenes Karussell.

Knirschend rutschte das stählerne Ungetüm über den Runway, wo es endlich zur Ruhe kam. Ein ersterbendes Winseln, ein letztes Rumpeln, dann wurde es still.

Die Luft stank entsetzlich verbrannt. Der Rauch reizte Jems Atemwege, sodass er husten musste. Er wollte raus, nur weg hier, und da war er nicht der Einzige. Die Leute lösten ihre Gurte und drängten nach vorne, in kürzester Zeit waren die Gänge verstopft. Ruhig bleiben, ermahnte Jem sich selbst. Sein Herz raste, in seinem ganzen Leben hatte er noch nie eine solche Angst gehabt. Todesangst. Auch er hatte den Impuls aufzuspringen, um dieser Hölle so schnell wie möglich zu entkommen.

»Ich will hier raus!«, kreischte eine Frau, die an einem der Notausgänge gesessen hatte. Sie hämmerte so lange mit den Fäusten gegen die Tür, bis die Frau neben ihr sie wieder zurück auf ihren Platz zog.

»Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit!«, ertönte plötzlich wieder die Stimme des Kapitäns durch den Lautsprecher. Jem verstand kaum ein Wort, da jetzt neben ihm ein Mann mit einem Kind auf dem Arm stand, das wie am Spieß schrie.

»Das Bordpersonal wird nun die Notausgänge öffnen«, fuhr der Kapitän fort. »Bitte kümmern Sie sich um Ihre Nachbarn und helfen Sie anderen beim Aussteigen. Durch das Ausfahren der Türen werden sich automatisch die aufblasbaren Notrutschen entfalten. Sollten Ärzte an Bord sein, bitte ich diese, mit der Behandlung der Verletzten zu beginnen, sobald wir den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zum Flugzeug erreicht haben.«

In ebendiesem Moment öffnete das Bordpersonal die Notausstiege. »Ich darf Sie nun bitten …«, rief einer der Stewards, doch weiter kam er nicht, da er von den Passagieren zur Seite gedrängt wurde.

Jem berührte Lucie am Arm. »Alles okay bei dir?«

Sie sah ihn nur kurz an, dann wandte sie sich ohne ein Wort ab und reihte sich zwischen die anderen Passagiere ein.

»Kommt jetzt, raus«, sagte Olivia und schob sich an ihm vorbei. »Ich habe keinen Bock, dass uns diese Kiste noch unterm Hintern explodiert.«

Ein paar Minuten später standen sie auf dem Runway. Jem war erleichtert, dass er es einigermaßen unbeschadet aus dem Flugzeug geschafft hatte. Als er jetzt einen Blick zurückwarf, wunderte er sich, dass nichts Schlimmeres passiert war. Überall stieg Rauch auf und der linke Flügel wirkte, als wäre er in der Mitte durchgebrochen.

Instinktiv hielt Jem Ausschau nach einem roten Zopf, doch er konnte Lucie zwischen den vielen Passagieren nirgends ausmachen. Es fiel ihm jedoch etwas anderes auf. Das Flugfeld schien stillgelegt zu sein. Der Beton war rissig und hohes Gras wucherte aus den Spalten. Pfützen ließen darauf schließen, dass es hier vor Kurzem heftig geregnet hatte. Jem konnte sich kaum vorstellen, dass das hier der Denver International Airport sein sollte, auf dem jeden Tag Hunderte von Flieger landeten. Vereinzelt lag Müll herum. Uralte Dosen, ein Eimer, sogar ein Einkaufswagen, dessen Rahmen nur mehr aus dünnen, rostigen Streben bestand.

Der Jumbo lag wie ein totes Tier auf der Seite. Den würde so bald niemand in die Luft bringen. Jem entdeckte Olivia und Paul und ging zu ihnen hinüber.

Inzwischen hatte sich die Sonne endgültig verabschiedet. Über ihren Köpfen leuchteten die ersten Sterne. Die schreckensbleichen Gesichter der anderen Austauschschüler glommen wie Sumpflichter in der Dämmerung.

»Das war ja was«, sagte Paul. »Ich habe echt geglaubt, jetzt ist es vorbei. Finito, sayonara, hasta la vista, Baby.« Er lachte nervös und zog seine Weste zurecht.

Jem nickte nur, dann sah er sich wieder um. »Wisst ihr zufällig, wo Lucie steckt?« Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie sauer auf ihn war. Aber warum? Weil er sie vorhin vielleicht eine Spur zu grob auf ihren Sitz zurückbugsiert hatte?

Olivia deutete mit dem Kopf nach links. Ein paar Meter weiter stand Lucie bei Marek und den anderen Mädchen. Jem spürte einen kleinen Stich, denn offensichtlich legte Lucie keinen besonderen Wert auf seine Gesellschaft.

Er wandte seinen Blick wieder ab. »Wo sind wir hier eigentlich? Wieso sind hier keine Lichter?«

»Wenn ich das wüsste«, sagte Paul. »Der Runway sieht aus, als wäre er hundert Jahre alt. Schaut euch mal den Beton an, der ist total bröselig. Ist echt ein Wunder, dass wir überhaupt heil runtergekommen sind. Ich frage mich, wie der Kapitän auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet hier zu landen.«

»Das würde mich auch interessieren«, sagte Olivia. »Der Denver International Airport ist ja nun nicht gerade ein Provinzflughafen. Der strahlt doch wie ein Weihnachtsbaum. Wie kann man den bitte verpassen?«

»Jedenfalls ist es hier verdammt düster.« Jem reckte den Hals. »Vermutlich sind wir meilenweit vom Kurs abgekommen.«

»Dahinten sind einige Gebäude«, sagte Paul. »Scheinen aber leer zu stehen, jedenfalls ist dort auch alles dunkel.«

Jem fiel plötzlich Lucies Bemerkung ein, als sie sich wie hypnotisiert zum Fenster hinübergebeugt hatte. Keine Lichter.

»Der Form nach könnten es Flughafengebäude sein«, murmelte er. »Allerdings vermute ich, dass der richtige Flughafen ganz woanders liegt.«

Plötzlich erschien Arthurs bleiches Gesicht in der Dunkelheit. Er hatte seine Nickelbrille abgenommen, weshalb Jem ihn fast nicht erkannt hatte. »Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so sternklare Nacht gesehen zu haben«, sagte Arthur.

Jem blickte nach oben. »Schön …«

»Schön, ja. Aber auch sehr ungewöhnlich.«

»Wieso?«

»Du interessierst dich wohl nicht sehr für Astronomie, was?«

»Nicht weiter als bis zum nächsten Star Wars-Film. Warum?«

»Städte strahlen Licht ab. Und Wärme. Das bringt die Sterne zum Flimmern.« Arthur deutete nach oben. »Da oben flimmert nichts. Die Sterne sehen aus, als wären sie mit der Nadel gestochen.«

Das stimmte. Der Himmel war wirklich außergewöhnlich klar. »Du hast recht«, murmelte Jem. »Und ist euch aufgefallen, wie still es hier eigentlich ist? Also mal abgesehen von dem Gerede der Leute. Aber hört ihr irgendwo einen Highway oder so?«

Alle lauschten.

»Nada«, sagte Olivia. »Nicht ein Motor. Dafür jede Menge Grillen und Ochsenfrösche.«

»Gespenstisch«, murmelte Paul. »Und das in der Nähe einer Millionenmetropole. Wie viele Einwohner hat Denver noch mal?«

Den Rest des Gesprächs bekam Jem nicht mehr mit. Er war viel zu sehr damit beschäftigt herauszubekommen, was hier los war. Er war normalerweise kein Schisser, aber das hier war schon sehr seltsam. Beklemmend irgendwie.

»Da steckt ihr ja.« Connie trat zu ihnen. »Was steht ihr denn hier im Dunkeln rum? Ich habe euch schon überall gesucht! Die Passagiere versammeln sich gerade alle auf der anderen Seite bei dem Bugscheinwerfer. Ich glaube, der Kapitän will uns etwas sagen. Kommt mit.«

»Warte mal«, rief Jem. »Findest du nicht, dass hier einige Dinge ziemlich seltsam sind?«

In wenigen Worten erklärte er, was sie beobachtet hatten. Doch Connie winkte nur ab. »Ich habe schon so einige seltsame Dinge erlebt, das könnt ihr mir glauben. Es gibt kein Austauschjahr, in dem alles glattläuft. Macht euch mal keine Sorgen. Ich bin sicher, es gibt für alles eine Erklärung. Der Kapitän hat versucht, über Funk Hilfe anzufordern. Keine Ahnung, ob das geklappt hat, aber ich bin sicher, es wird nicht lange dauern, dann wird man uns abholen. Ihr solltet froh und dankbar sein, dass wir sicher am Boden sind.«

»Sind wir auch«, sagte Olivia.

»Gut. Dann kommt mit. Und beeilt euch ein bisschen.«

Als sie weg war, flüsterte Arthur mit verschwörerischer Stimme: »Connies Optimismus in allen Ehren, aber ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Hier gibt’s keinen Funk. Und Licht gibt’s auch keines. Irgendetwas läuft hier völlig falsch. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, wir befinden uns hier im absoluten Niemandsland.«

7

Es war noch dämmerig, als Lucie am nächsten Morgen die Augen aufschlug. Fern hinter den Baumwipfeln wurde der Himmel von einem rosigen Schimmer erhellt. Die ersten Vögel zwitscherten, es versprach, ein herrlicher Tag zu werden. Sie schlang die Wolldecke enger um sich.

Überall unter dem Rumpf und den Tragflächen lagen Passagiere, die die Nacht in kleinen Grüppchen verbracht hatten. Gestern Nacht war es zu dunkel gewesen, um noch nach irgendeiner Unterkunft Ausschau zu halten, weswegen Bennet entschieden hatte hierzubleiben. Ein Glück, dass die Temperaturen so mild waren.

Lucie beobachtete eine Gruppe von Vögeln, die auf der Suche nach Nahrung über den zerborstenen Asphalt hüpften. Ihr grün-rot getupftes Gefieder schimmerte farbenfroh im ersten Licht des Tages. Einige von ihnen flatterten fröhlich zwischen den Passagieren hindurch. Sie schienen überhaupt keine Angst zu haben.

Lucie reckte ihre Arme und gähnte. Angesichts der Umstände und des unbequemen Untergrunds hatte sie erstaunlich gut geschlafen.

»Guten Morgen«, erklang eine leise Stimme ganz in ihrer Nähe. Es war Jem. Er saß an einen der riesigen Reifen gelehnt und sah zu ihr herüber.

»Morgen«, antwortete sie knapp.

»Hast du gut geschlafen?«

»Schon okay.« Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn gestern links liegen lassen und sich so offensichtlich an Marek gehängt hatte. Dabei fand sie diesen Typen eigentlich ganz schön daneben mit seinem Machogehabe …

»Ich nicht.« Jem zuckte die Schultern. »Blöder Jetlag. Mein Körper denkt, es wäre halb zwei am Nachmittag, dabei ist es früh um halb sechs. Ich fürchte, das wird noch ein paar Nächte so weitergehen.«

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Entschuldigungen waren nicht so ihr Ding.

»Hör mal, es tut mir leid«, sagte Jem leise. »Ich habe dich gestern ziemlich grob angepackt, das wollte ich nicht.«

»Nein, ich muss mich entschuldigen«, erwiderte sie, erleichtert darüber, dass er den Anfang gemacht hatte. »Ich hätte ja nicht gleich die beleidigte Leberwurst spielen müssen. Du hast es schließlich nur gut gemeint. Ich war einfach nur so erschrocken.«

»Weswegen?«

»Na, über diese völlige Dunkelheit. Das Land sah aus, als wäre es ausgestorben. Ich wollte es dir zeigen, aber dann hast du mich weggerissen und auf meinen Platz befördert. Es ging so schnell …«

»Wie gesagt: sorry.«

Sie sah ihn interessiert an. »Du warst gestern so anders. So kannte ich dich gar nicht. Deine Farbe …«

»Meine Farbe?«

Sie nickte. »Du hast rot und orange gelodert – wie ein Buschfeuer. Da war eine Wut in dir, die mich total überrascht hat.« Sie senkte den Kopf.

»Schwamm drüber.«

»Du hast mir das Leben gerettet …«

»Ach Quatsch.« Er lächelte. »Und wenn, dann würde ich das jederzeit wieder machen.«

Sie lächelte. Als sie merkte, dass eine Frau nebenan ihrem Gespräch lauschte, stand sie auf, ging zu Jem hinüber und nahm neben ihm Platz. »Gibt es schon etwas Neues?«, flüsterte sie.

»Seit gestern Abend?« Er schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste. Wie es aussieht, sind wir hier wohl erst mal ganz auf uns allein gestellt.«

»Seltsam«, sagte sie. »Wenn du mich fragst: Die Angelegenheit wird immer merkwürdiger.«

»Höchste Zeit, dass wir uns ein paar Antworten besorgen, findest du nicht?« Er lächelte und fuhr sich mit der Hand über die kurz rasierten schwarzen Haare.

»Ich habe gehört, dass ein paar Passagiere nachher zu den Gebäuden da drüben gehen wollen. Da bin ich auf jeden Fall dabei. Kommst du auch mit?«

»Klar.« Sie spürte, dass sie rot wurde. Jem schien ihr das blöde Getue von gestern wirklich nicht übel zu nehmen. »Alles besser, als hier nur rumzusitzen und Däumchen zu drehen.«

Eine knappe Stunde später hatte sie sich auf den Weg gemacht. Von den dreihundert Passagieren hatten sich acht Erwachsene und zehn Jugendliche eingefunden, allen voran Kapitän Bennett. Vom Aussehen her erinnerte er Lucie ein kleines bisschen an ihren Vater, er war groß gewachsen und hatte helle Haut. Die rotblonden Haare, die er sich sonst wahrscheinlich immer zu einem ordentlichen Scheitel kämmte, standen wirr vom Kopf ab. Lucie verbot sich einen Gedanken an zu Hause, sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie ihre Eltern durchdrehten vor Angst, wenn sie von ihrer Notlandung erfuhren.

Marek hatte sich natürlich direkt an Bennetts Fersen geheftet, der ein ordentliches Tempo vorlegte. Mit einem Stock bewaffnet, kämpften sie sich durch das schulterhohe Gras. Katta und Zoe waren beim Flugzeug geblieben. Mädchen haben da nichts verloren, so Mareks lapidare Begründung. Da aber weder Zoe noch Katta auf Lucie den Eindruck machten, als würden sie sich von einem Jungen etwas sagen lassen, vermutete sie, dass sie ohnehin keine Lust hatten mitzukommen.

Während Jem sich ein paar Meter weiter vorne mit einem kräftigen Mann unterhielt, lief Lucie neben Olivia her, die sich wahnsinnig über Marek aufregte.

»Macho«, brummte sie. »Der glaubt wohl, Frauen gehörten an den Herd.«

»Ach, der will sich doch nur ein bisschen aufspielen«, sagte Lucie lächelnd. »Ich nehme das nicht so ernst.«

»Es ist aber ernst«, erwiderte Olivia giftig. »Es kann doch echt nicht sein, dass es heutzutage immer noch Leute gibt, die so einen Stuss von sich geben. Als hätte es die Frauenbewegung und Emanzipation nie gegeben. Für Typen wie Marek sind Frauen nur ein Besitz. Hübsch müssen sie aussehen, fleißig sollen sie sein und ansonsten sollen sie möglichst die Klappe halten. Und das Schlimmste: Es gibt Frauen, die darauf abfahren.« Sie schüttelte mürrisch den Kopf. »Steinzeit.«

Lucie wusste nicht, was sie sagen sollte. Olivia hatte sich richtig in Rage geredet, dieses Thema schien sie sehr zu beschäftigen. Es klang fast so, als hätte sie selbst schon mal schlechte Erfahrungen mit so jemandem gemacht.

Lucie hingegen konnte keinerlei Erfahrungen mit Jungs vorweisen. Dass sie mit ihren fünfzehn Jahren noch nie einen Freund gehabt hatte, fand ihre beste Freundin Anna einen Skandal, aber Lucie störte das nicht. Klar war sie schon mal verliebt gewesen, allerdings hatten die Betreffenden das niemals erfahren.

Gedankenverloren spähte sie geradeaus. Die aufgehende Sonne überzog die Flanken des Gebäudekomplexes mit warmem Licht. Die zunehmende Helligkeit förderte immer neue Details zutage.

Die Fassade wirkte ziemlich heruntergekommen. Ein Haufen Chrom, Glas und Stahl, der früher bestimmt mal sehr beeindruckend ausgesehen hatte, aber mittlerweile eher ein Fall für die Abrissbirne war. Hinter einer Gruppe von Bäumen rankten sich Efeu und wilder Wein an den Fassaden empor. Auf den kegeligen Dächern wuchs dichtes Buschwerk.

Doch gab es auch einige Stellen, die sehr gepflegt aussahen. Zum Beispiel der Eingangsbereich. Dort, wo die großen Schiebetüren waren, hatte jemand die Pflanzen gestutzt und die Glasflächen gereinigt. Das obere Drittel des Gebäudes war mit Solarpaneelen gepflastert, die ebenfalls sauber und funktionstüchtig aussahen. Und was das bedeutete, war klar: Es musste irgendjemanden geben, der sich um all das kümmerte. Und dieser Jemand konnte ihnen bestimmt sagen, wo sie hier gelandet waren. Und Hilfe holen. Lucie spürte, wie sich ihre Anspannung zumindest ein kleines bisschen löste, immerhin war dies der erste Hoffnungsschimmer seit ihrer Bruchlandung.

Die großen Drehtüren funktionierten zwar nicht, aber es gab seitlich ein paar kleinere Schiebetüren, die unverschlossen waren. Bennett gab die Anweisung zu warten, bis er, Marek und ein paar der anderen Erwachsenen die Lage sondiert hatten.

Lucie hatte dagegen nichts einzuwenden. Die Sonne schien gerade so schön und die Wärme und das Licht halfen dabei, die Erinnerungen an den gestrigen Abend zu vertreiben. Sie setzte sich auf den warmen Asphalt, beobachtete die exotisch aussehenden Schmetterlinge und wartete.

8

Jem hasste es, tatenlos rumzustehen. Zehn Minuten waren vergangen und noch immer kein Zeichen von innen. Er stand auf.

»Also mir ist das jetzt echt zu blöd. Ich gehe jetzt rein. Wer kommt mit?«

Olivia war sofort dabei.

Arthur zögerte. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Bennett hat doch gesagt, wir sollen draußen warten.«

»Bennett hat gesagt«, spottete Olivia. »Was soll er denn machen? Uns den Kopf abreißen oder was?«

Beleidigt stand Arthur auf, stopfte die Hände in die Hosentaschen und trabte hinter Olivia her.

Jem konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die beiden waren echt ein Traumpaar. Er wollte gerade die Tür aufdrücken, als Marek ihm von innen entgegenkam. Durch den Spalt sah er ihn herausfordernd an. »Na, Compadre, schlechte Ohren?«

»Nö, wieso?«

»Es hieß doch ausdrücklich, ihr sollt warten.«

Jem reckte sein Kinn vor. »Befehle sind nicht so mein Ding. Schon gar nicht von Typen wie dir. Und jetzt geh zur Seite.«

»Oder was?« Marek hob amüsiert seine Brauen. Er blockierte die Tür mit seinem Fuß. »Glaubst du, eine halbe Portion wie du könnte mir Angst einjagen?«

Lucie war aufgestanden und stellte sich jetzt neben Jem vor die Tür. »Hört auf, ihr beiden. Erzähl uns lieber, was es Neues gibt. Habt ihr jemanden getroffen?«

Marek nahm seinen Fuß weg. »Das nicht«, sagte er und öffnete für sie. »Es gibt aber trotzdem einiges zu sehen. Bennett meinte, ich soll euch holen kommen. Das ist echt alles ziemlich krass.«

Ohne Marek eines Blickes zu würdigen, ging Jem an ihm vorbei und betrat die Eingangshalle.

Was er sah, verschlug ihm die Sprache. Er wusste nicht, womit er gerechnet hatte, aber ganz bestimmt nicht mit einem Gewächshaus. Zumindest kam es ihm auf den ersten Blick so vor.

Die Halle wurde von einem Dach überspannt, das entfernt an die Kuppel einer Kathedrale erinnerte. Dünne Stahlstreben hielten Glasscheiben, durch die das goldene Morgenlicht hereinströmte. Pflanzen rankten sich über Schalter, Läden, Rolltreppen und Aufzüge, krochen hinauf ins Obergeschoss und von dort aus bis unters Dach. Kaum ein Quadratmeter, der nicht irgendwie überwuchert war.

Schwerer Blütenduft durchströmte die Halle und das Zirpen und Zwitschern winziger Vögel war zu hören. Jem konnte ein paar von ihnen erkennen. Wie kleine blaue Blitze zischten sie hierhin und dorthin und tauchten in die weißen und rosafarbenen Blüten, um dort nach Nektar zu saugen.

Bio gehörte nicht unbedingt zu seinen Lieblingsfächern, aber er wusste sicher, dass solche Tiere und Pflanzen nicht in diese Breitengrade gehörten. Zumal sie nicht den Eindruck machten, als wären sie künstlich angesiedelt worden. Es wirkte alles ziemlich natürlich. Aber dies war doch eine Flughafenhalle.

Oder nicht?

Er wedelte eine pinkfarbene Hummel beiseite und ging weiter. Moment mal! Pink? So etwas hatte er noch nie gesehen!

Vor ihm erhob sich etwas, das früher mal ein Springbrunnen gewesen sein mochte. Er schien schon lange nicht mehr in Betrieb zu sein. Pflanzen wucherten wie Unkraut daraus hervor. In ihrer Mitte stand ein Gewächs, an dem unzählige türkisfarbene Früchte und rote Blüten hingen. Kolibris umschwirrten ihn wie aufgeregte Bienen.

Jem klappte der Unterkiefer runter. »Alter, was ist denn hier los?«, entfuhr es ihm. »Ist das ein botanischer Garten oder was?«

»Das, Herrschaften, ist der Denver International Airport.« Kapitän Bennett winkte sie zu sich herüber. Neben ihm standen zwei Männer, die beide ziemlich verwirrt aussahen.

»Oder das, was davon übrig ist.« Er stand zu Füßen einer Bronzestatue, die einen Raumfahrer darstellte. Auch sie war ziemlich überwuchert. An dem Sockel prangte ein uraltes, fleckiges Messingschild. Jem trat näher, um lesen zu können, was dort stand.

»John L. ›Jack‹ Swigert Jr. 1931–1982. Astronaut Apollo 13«, murmelte er und runzelte die Stirn. »Woher wissen Sie, dass wir hier in Denver sind? Dieses überdimensionierte Gewächshaus könnte doch an jedem Ort der Welt stehen.«

»Weil ich erst vor Kurzem hier war«, entgegnete Bennett. »Dies ist Halle B, eine der Haupthallen. Allerdings sah sie vor einem Monat noch ein bisschen anders aus.«

»Aber ich verstehe das nicht«, sagte der eine seiner Begleiter. Der Mann mit dem karierten Hemd und dem Schnauzbart. »Es ist doch offensichtlich, dass dieses Gebäude seit Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Wie kommen Sie dazu zu behaupten, dies wäre der Flughafen?«

»Weil es so ist. Ich weiß, wie das klingt, aber Sie sollten diese Tatsache akzeptieren.«

Inzwischen waren die restlichen Mitglieder der Gruppe eingetroffen, darunter auch Lucie. Sie warf Jem einen fragenden Blick zu und die Verwirrung stand ihr genauso ins Gesicht geschrieben wie den anderen. Jem zuckte nur mit den Schultern, er hoffte, dass sie bald herausfanden, was hier los war.

»Der Kapitän hat recht«, sagte der kräftige Mann, der sich Jem vorhin als Martin Jaeger vorgestellt und ihm in einem Halfter unter seiner Schulter eine Automatikpistole präsentiert hatte. Jaeger meinte, es wäre immer sicherer, mit einer Waffe in unbekannte Gefilde vorzudringen. Damit hatte er wahrscheinlich recht, trotzdem war Jem bei dem Anblick etwas unwohl zumute gewesen.

»Als Sky Marshall bin ich viel unterwegs und kenne den Flughafen«, fuhr Jaeger jetzt fort. »Die Statue von Colonel Swigert hat mir immer viel Freude bereitet. Er war an Bord der Apollo-Kapsel, die damals wegen einer Fehlfunktion nicht auf dem Mond landen konnte und beinahe in der Erdatmosphäre verglüht wäre.«

»Was ist bitte schön ein Sky Marshall?«, flüsterte Jem an Paul gewandt. Wenn jemand so etwas wusste, dann mit Sicherheit er.

Paul steckte die Taschenuhr zurück in seine Westentasche. »Ein Regierungsbeauftragter, der für die Sicherheit langer Flüge zuständig ist«, flüsterte er zurück. »Er darf als Einziger eine Waffe an Bord tragen.«

So was hatte Jem noch nie gehört. Aber wahrscheinlich schadete es nicht, so jemanden dabeizuhaben.

Arthur sah sich argwöhnisch um. »Ich verstehe nicht ganz, was das hier soll. Wo sind die Menschen?«

»Hier ist niemand, das ist ja das Rätselhafte«, sagte Bennett. »Es hat fast den Anschein, als ob dieser Flughafen bereits vor Jahrzehnten aufgegeben wurde. Alles hier ist uralt. Sehen Sie sich nur mal den Kunststoff hier an …« Er ging hinüber zu den Sitzbänken und rüttelte an einem der Plastiktische. Das Material war so spröde, dass es sofort zerbröselte. »Plastik ist normalerweise sehr haltbar. Das Gleiche gilt für Kunstleder.« Er drückte gegen eines der Sitzpolster. Sein Finger bohrte sich hindurch, als bestünde es aus Esspapier. »Auch hier erhebliche Spuren von Alterung.«

»Aber eben meinten Sie doch, Sie wären vor knapp einem Monat hier gewesen«, sagte Olivia. »Jetzt wiederum vermuten Sie, all das wurde bereits vor Jahrzehnten aufgegeben. Wie passt das zusammen?«

Bennett zuckte die Schultern. »Wenn ich es wüsste, würden wir hier nicht so ratlos herumstehen. Ich versichere Ihnen, mir ist das ebenso unerklärlich wie Ihnen. Wir müssen dringend irgendjemanden finden, der unsere Fragen beantworten kann.«

»Aber irgendwo müssen hier doch Menschen sein«, warf Paul ein. »Wer kümmert sich sonst um den gepflegten Eingangsbereich und stutzt die Pflanzen?«

»So sieht’s aus, junger Mann.«

»Was stehen wir dann noch hier rum?«, fragte Jem. »Machen wir uns auf die Suche.«

Bennett teilte die Gruppe in vier Teams ein, die das Gebäude systematisch durchkämmen sollten. Jem wäre gerne mit Lucie in einem Team gewesen, aber weil die blöderweise genau neben Marek gestanden hatte, musste sie jetzt mit ihm sowie einem älteren Ehepaar losziehen. Ausgerechnet Marek.

Jem war zusammen mit Olivia, Paul und Arthur in einem Team und sie hatten die Aufgabe, die Läden und Duty-free-Shops auf der linken Gebäudeseite zu untersuchen. Obwohl die Sonne inzwischen höher gestiegen war, reichte das flach hereinströmende Licht nicht aus, um auch die hintersten Winkel zu beleuchten, sodass die Shoppingmall im Halbdunkel lag.

»Mann, ist das unheimlich«, sagte Paul. »Wie in Dawn of the Dead. Der Angriff in der Shopping Mall, erinnert ihr euch?« »Würde mich nicht wundern, wenn hier gleich irgendwo Zombies rausgewankt kämen«, ergänzte Arthur.

»Vielleicht nicht unbedingt Zombies«, warf Jem ein und konnte nicht leugnen, dass ihm das alles hier ein wenig Unbehagen bereitete, »aber Ratten gibt’s auf jeden Fall. Hab eben ein paar gesehen. Ganz schön dicke Biester mit Streifen auf dem Rücken.«

»Na toll«, murmelte Paul.

»Die Läden sehen aus, als wären sie erst gestern verlassen worden«, sagte Olivia. »Seht euch nur mal das viele Zeug hier an. Parfüms, Whiskys, Souvenirs – alles noch da.«

»Aber die Sachen sind uralt«, entgegnete Jem, während er mit dem Finger über die dicke Staubschicht auf einer Packung Pralinen fuhr.

»Wenn wir bloß ein bisschen Licht hätten«, murmelte Arthur. »Ein paar Taschenlampen wären nicht schlecht. Und Batterien.« Jem nickte. »Vielleicht finden wir hier ja etwas.« Er ging ein Stück weit in den Laden, blieb dann aber stehen, weil er merkte, dass keiner ihm folgte. »Was ist los?«

»Also mich bringen da keine zehn Pferde rein.« Arthur schüttelte entschieden den Kopf. »Zwischen den Regalen könnte sich alles Mögliche verstecken.«

»Schisser«, murmelte Olivia.

»Du gehst doch selbst nicht rein!«, protestierte Arthur. »Außerdem hat Paul mit Dawn of the Dead angefangen.«

Jem kroch es kalt den Rücken hoch. Alleine würde er das Innere dieses Ladens bestimmt nicht durchforsten. Plötzlich hob Paul den Finger. »Wartet mal«, sagte er. »Hört ihr das?«

Jem spitzte die Ohren. Tatsächlich, da war etwas.

Ein Klang, der so gar nicht in diese befremdliche Atmosphäre passen wollte. Musik.

»Das kommt von da vorne.« Er deutete geradeaus. Der Gang mündete dort in eine zweite Halle.

Sie rüsteten sich noch schnell mit ein paar Spazierstöcken und Regenschirmen aus, dann folgten sie den Klängen. Das Gefühl, etwas in der Hand zu haben, mit dem er sich im Notfall verteidigen konnte, beruhigte Jem. Es waren zwar keine richtigen Waffen, aber auf jeden Fall besser als gar nichts.

Die Musik wurde lauter.

Jem konnte nicht behaupten, dass er sich sonderlich wohl in seiner Haut fühlte. Zumal er auch noch an vorderster Position war. Die anderen hielten sich im Hintergrund, so, als hätten sie ihn in stiller Wahl zum Anführer gewählt.

Da er nicht wie ein Angsthase aussehen wollte, packte er seinen Stock fester und ging voran.

Er wurde das Gefühl nicht los, dass es diesen Ort eigentlich nicht geben durfte. Alles wirkte so falsch, so verkehrt. Als hätte irgendein fehlgesteuerter Teleporter ihn in eine alternative Realität geschleudert.

Die zweite Halle sah ähnlich aus wie die erste. Auch hier wucherten überall Pflanzen. Auf verblichenen Schildern prangten Namen wie Delta oder United Airlines, versehen mit blauen und gelben Flugzeugsymbolen. Offenbar die Halle für Inlandsflüge.

Die Musik wurde immer lauter. Sie schien keinen klaren Ursprung zu haben, sondern durchwehte den Saal wie ein unbestimmbarer Duft. Jem vernahm eine melancholische Frauenstimme, die von Streichern und Bläsern untermalt wurde. Auch ein Akkordeon schien beteiligt zu sein. Eingängige Beats trieben den Song voran, wobei die sanfte Stimme und die treibenden Drums seltsamerweise gut zusammenpassten.

»Was ist denn das für ein Song?«, murmelte Olivia. »Habe ich noch nie gehört.«

»Ich auch nicht«, sagte Jem. »Klingt wie ein komplett neuer Musikstil.« Er deutete in die Ecken der Halle. »Die Musik kommt übrigens vom Band, seht ihr? Die Flughafenlautsprecher sind überall.«

»Umso verwunderlicher, dass wir vorhin nichts gehört haben«, sagte Arthur. In diesem Moment gingen überall flackernd die Lichter an. Im Gang, den sie soeben durchquert hatten, wurde es schlagartig hell.

»Meine Güte, das ist ja wie im Horrorfilm hier«, sagte Olivia und zog sich ihre Baseballkappe vor die Augen.

Auch Jem musste sich erst mal an das grelle Licht gewöhnen. Wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre, hätte man meinen können, irgendjemand wolle ihnen einen ganz üblen Streich spielen. Aus dem dunklen Loch von eben war plötzlich eine einladende Einkaufslandschaft entstanden. In einigen der Shops flimmerten Webefilmchen auf Videowänden und die Hinweistafeln über den Gates erwachten ratternd zum Leben.

»Haben wir das etwa ausgelöst?«, murmelte er. »Ich komme mir vor wie in der Twilight Zone.«

»Eher Akte X«, sagte Paul, der wirklich jede Fernsehserie zu kennen schien. »Also, wenn ihr mich fragt, ich würde jetzt wirklich gerne zurückgehen.«

»Kommt nicht infrage«, wiegelte Jem ab, obwohl er es Paul nicht verübeln konnte. Auch er hätte am liebsten die Beine in die Hand genommen und diesen Ort so schnell wie möglich verlassen. Doch was hätte das gebracht? Draußen warteten nur ein Flugzeug-Wrack und die anderen Passagiere, hier drinnen konnten sie vielleicht eine Antwort auf ihre Fragen finden. Vielleicht trafen sie auch auf jemanden, der sie aufklärte, der ihnen erklärte, wo sie hier waren und wie sie wieder von hier verschwinden konnten.

»Wir müssen erst herausfinden, was hier los ist«, sagte Jem. Er fasste all seinen Mut zusammen, als er die Hände an den Mund legte und rief: »Hallo, ist da jemand? Anybody there?«

Ein Scheppern und Poltern erklang von der hinteren Hallenseite. Jem zuckte zusammen. Olivia griff panisch nach seiner Hand und bohrte ihre Fingernägel in seine Haut. »Was war das?«, flüsterte sie.

»Ich glaube, da ist jemand«, entgegnete Jem und deutete nach links. »Hallo, wer ist denn da?«

»Hallo?«, meldete sich eine komische Stimme auf Englisch. Sie klang nach einem Kind mit einer ziemlich dicken Erkältung. Jem spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Was sie hier gerade erlebten, hätte sich kein Drehbuchautor besser ausdenken können.

Doch sosehr ihm noch der Schreck in den Gliedern steckte, so aufgeregt war er, endlich jemanden gefunden zu haben, mit dem sie reden konnten. Darauf hatten sie seit ihrer Landung gestern gehofft.

Er räusperte sich. »Bitte verzeihen Sie die Störung, wir hätten da ein paar Fragen.«

»Hallo«, erklang die Stimme erneut.

Jem runzelte die Stirn. »Where are you – wo sind Sie? Wer spricht denn da?«

Eine kurze Pause, dann hörte er die Stimme wieder.

»Hallo?«

Merkwürdig. Die Stimme klang irgendwie nicht menschlich. Jem wusste nicht, was er davon halten sollte. Hinzu kam, dass das Gespräch ziemlich einseitig verlief. »Kommt«, flüsterte er. »Lasst uns mal nachsehen.«

Die Büsche und Sträucher wuchsen in diesem Teil der Halle besonders dicht. Vorsichtig wie ein scheues Tier bewegte sich Jem entlang der helleren Bereiche. Jeder Meter kostete ihn Überwindung.

Er war etwa auf zehn Meter an die verdächtige Stelle herangekommen, als er ein erneutes Rappeln vernahm. Hinter einem der Schalter bewegte sich etwas.

Wie eingefroren blieb Jem stehen. »Ha… hallo?«

Ein runder Kopf erschien. Ein einzelnes gelbes Auge in der Mitte der Stirn leuchtete ihm unfreundlich entgegen. Der Mund war nicht mehr als ein langgezogener Schlitz.

»Hallo.«

Jem sprang einen Meter zurück. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Was zum Geier war das?

Sein Gegenüber sah ihn erwartungsvoll an.

Jem musste etwas sagen, er wusste nur nicht, was. Olivia trat vor und fragte in makellosem Englisch: »Wer sind Sie und warum verstecken Sie sich?«

Keine Antwort.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, herauszukommen und mit uns zu reden?« Sie schien in diesem Moment die besseren Nerven zu haben.

»Ist das eine dienstliche Anweisung?«

Jem runzelte die Stirn. Was für eine seltsame Frage. »Natürlich nicht. Wir wollten nur …«

»Dem Befehl wird nicht Folge geleistet.« Der Kopf tauchte wieder ab.

Die Jugendlichen warfen sich verdutzte Blicke zu. Olivias Augen wurden zu schmalen Schlitzen. »He, du da, komm sofort da raus! Wir haben Fragen an dich.«

Erneut erschien der Kopf. Das gelbe Auge rollte hierhin und dorthin. »Ist das eine dienstliche …«

»Ja, verdammt noch mal.« Jem trat einen Schritt vor. Der anfängliche Schrecken war verblasst und er fing jetzt langsam an, echt ungeduldig zu werden. »Das ist ein Befehl.«

Umgehend entstand Bewegung. Die Blechabdeckung glitt zur Seite und das seltsamste Wesen, das Jem jemals gesehen hatte, kam hinter dem Schalter hervor.

9

Lucie hielt sich dicht hinter Marek. Sie konnte nicht leugnen, dass sie lieber mit Jem in einer Gruppe gewesen wäre, aber entgegen ihrer Erwartung zeigte sich Marek von einer ziemlich netten Seite. Irgendwie schaffte er es, ihr ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, und das konnte sie im Moment gut brauchen.

Zusammen mit dem älteren Ehepaar befanden sie sich auf dem Weg ins Untergeschoss. Die Aufzüge waren allesamt außer Betrieb, weswegen sie nach einem Treppenhaus suchen mussten.

Dass es dort drinnen stockfinster sein könnte, daran hatten sie nicht gedacht. Nachdem sie etliche Shops nach Lampen durchkämmt hatten, fand Marek endlich ein paar kleine Schlüsselanhänger, die für ihre Zwecke geeignet waren. Sie schienen sich durch Handwärme aufzuladen und funktionierten einwandfrei.

Neben Souvenirartikeln und kleineren Mitbringseln fanden sie in dem schmutzigen, verwahrlosten Laden auch ein paar Zeitschriften. Sie fühlten sich seltsam an, nicht wie Papier. Lucie nahm eine davon mit, in der Hoffnung, später ein paar Informationen zu erhalten. Mit ihren vier LEDs erzeugten sie so viel Licht, dass sie sich auf den Weg ins Untergeschoss machen konnten.

Die Luft im Treppenhaus war stickig. Der Staub auf den Treppenstufen war zentimeterdick und wies keinerlei Fußabdrücke auf.

»Fast wie ein Dornröschenschloss«, flüsterte sie. »Als wären hier alle durch einen Zauber in Tiefschlaf gefallen.«

»Wenn sie wenigstens schlafen würden«, sagte Marek. »Aber es sieht aus, als hätten die Leute alles stehen und liegen gelassen und wären einfach verschwunden …«

»Wäre nicht das erste Mal«, meinte der Mann mit dem dunkelblauen Poloshirt. Lucie runzelte die Stirn. »Wie meinen Sie das?«

»Nun, darüber gab es neulich mal einen Bericht im Fernsehen. Ich rede von den Maya. Sie verfügten über den besten Kalender der Welt und bauten wunderbare Städte. Ihre Hauptstadt Tikal wurde zu ihrer Blütezeit von fünfundvierzigtausend Menschen bewohnt. Bis sie eines Tages aufbrachen und auf Nimmerwiedersehen verschwanden.«

»Und wohin?«, fragte Marek.

»Das weiß niemand«, antwortete der Mann. »Ein ganzes Volk verließ einfach seine Häuser. Die Menschen wanderten aus und niemand von ihnen kam je wieder zurück. Die Städte verödeten, der Dschungel fraß sich in die Straßen. Bis nur noch Ruinen übrig blieben. Es ist eines der größten ungelösten Rätsel der Menschheitsgeschichte.«

Lucie schluckte. Der Abschied aus Deutschland und von ihren Eltern war ihr ohnehin schwer genug gefallen. Aber trotz aller Aufregung hatte sie sich sehr auf die Reise gefreut. Auf ihre Gasteltern, den neuen Ort und all das, was er Spannendes mit sich bringen würde. Schließlich war immer klar gewesen, dass sie nach zehn Monaten wieder nach Hause durfte. Doch jetzt? Jetzt auf einmal war alles anders. Plötzlich war hier von untergegangenen Zivilisationen die Rede.

Die Frau stupste ihren Mann an. »Hermann, du machst den Kindern Angst.«

Marek legte Lucie den Arm um die Schulter. »So schnell bekommen wir keine Angst, nicht wahr, Lucie?« Er zwinkerte ihr zu. »Ich kann Sie gut verstehen. In diesem Moment macht sich wahrscheinlich jeder von uns so seine Gedanken …« Weiter kam er nicht, denn wie durch ein Wunder war plötzlich das Licht angegangen. Marek blinzelte ein paarmal überrascht, dann lächelte er: »Sehen Sie, manche Probleme lösen sich von ganz allein.« Er ließ den Schlüsselanhänger in seiner Tasche verschwinden und öffnete die Tür, auf der mit abblätternden Buchstaben Deck 1 zu lesen stand. Lucie folgte ihm.

Es war ein Parkhaus. Unzählige Fahrzeuge standen hier sauber geparkt auf ihren Plätzen.

Schweigend wanderten sie zwischen den Autos umher, spähten ins Innere und suchten nach Anhaltspunkten. In Lucie wuchs das Gefühl, dass sie die letzten Menschen auf dem Planeten waren.

»Schaut euch mal die Autos an«, sagte der Mann nach einer Weile. »Eigenartig, oder?«

Lucie verstand zuerst nicht, worauf er hinauswollte, doch dann fiel es ihr auf. »Einige von ihnen haben keine Lenkräder«, murmelte sie.

»Ich kann auch keine Schaltknüppel oder Pedale erkennen. Dafür sind überall riesengroße Displays angebracht.«

»Elektrofahrzeuge«, sagte Marek. »Jeder Stellplatz verfügt über eine eigene Ladestation, seht ihr?«

»Aber wieso fehlen die Lenkräder?«, hakte Lucie nach. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie man sich mit diesen Dingern von A nach B bewegen sollte.

»Sind vermutlich Selbstfahrer«, entgegnete Marek. »Die Dinger werden komplett über Navigationsgeräte gesteuert. Ich habe darüber mal einen Bericht gesehen. Man gibt einfach den Zielort ein, drückt auf Start und das Auto bringt einen dorthin, wo man will. Ich glaube, Google experimentiert gerade mit so etwas.«

»Und wozu sollte das gut sein?«

Marek zuckte mit den Schultern. »Vermeidung von Staus und Verkehrsunfällen, intelligentes Verkehrsleitsystem und so weiter.« Er fuhr mit dem Finger über die Oberfläche eines Wagens, der offensichtlich mal Silber gewesen war. Jetzt wurde er von einer dicken Staubschicht bedeckt. »Meine Eltern haben ein Autohaus, deswegen kenne ich mich ein bisschen mit dem Thema aus. Und eines kann ich euch sagen: So weit wie hier sind wir in Deutschland noch lange nicht. Mit solchen Autos ist frühestens in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu rechnen.«

»Denver scheint da schon weiter zu sein«, überlegte Lucie. »Oder das hier ist eine Art Testgelände.«

»Aber es ist alt«, entgegnete Marek und wischte sich die staubigen Finger an seiner Jeans ab. »Alles hier ist alt.«

Womit er natürlich recht hatte. Lucie vergaß immer wieder, dass dieser Ort ja verlassen war. Seit mindestens zehn Jahren. Je öfter sie darüber nachdachte, desto verwirrter war sie.

Ihr Blick streifte den Umschlag ihrer Zeitschrift. Einer Eingebung folgend, warf sie einen Blick auf das Datum. Die Zahlen waren wie eine Melodie. Eine höchst fremdartige und bedrohlich wirkende Melodie. Sie erstarrte.

»Das gibt’s doch nicht«, flüsterte sie.

10

Jem kniff die Augen zusammen. Das Wesen mochte etwa ein Meter fünfzig groß sein und sah aus wie eine Zapfsäule, der man einen Staubsauger auf den Rücken geschnallt hatte. In seinem mürrisch dreinblickenden Gesicht prangte ein einziges gelbes Auge, das nervös hin und her zuckte. Seine kräftigen Arme reichten bis zum Boden, während die stummelartigen Beine recht kurz waren und in eckigen Plattfüßen endeten. Die Grundfarbe der Kreatur mochte einmal Violett gewesen sein, doch inzwischen war sie überall abgeblättert und der Rost kam zum Vorschein. Irgendjemand hatte mit gelber Farbe eine sich rekelnde, halb nackte Frau sowie ein paar Buchstaben auf den Torso des Roboters gemalt. (MOD)Erator. Was immer das bedeuten mochte.

»Ein Roboter«, stieß Jem aus. Er ließ seinen Stock sinken und wich zurück. Gegen so eine Eisenkreatur würde er sowieso nichts nutzen.

Dieses Ding war ihm nicht geheuer.

Arthur hingegen schien völlig fasziniert zu sein. »Wie heißt du, mein Freund? Wie ist dein Name?«

»Name?«, ertönte die nasale Kinderstimme.

»Deine Bezeichnung. Wie wirst du angeredet?«

»Servicedrohne M.A.R.S.-327 zu Ihren Diensten.«

»Servicedrohne? Was bedeutet das?«, fragte Arthur.

Das Ding glotzte ihn ausdruckslos an.

Arthur präzisierte. »Was sind deine Aufgaben?«

»Meine Parameter umfassen die Pflege und Erhaltung des Betriebsgeländes, einschließlich der angrenzenden Waschräume.«

Olivia schüttelte den Kopf. »Das ist ein wandelnder Staubsauger. Eine gottverdammte eiserne Klofrau.«

»Sag doch so was nicht.« Arthur grinste. »Du könntest seine Gefühle verletzen.« Er ging auf die Maschine zu und strich mit den Fingern über die rostige Außenhaut. »Künstliche Intelligenz ist mein Spezialgebiet«, sagte er. »Ich verfolge die Forschung daran seit Jahren. Es gibt erste Versuche mit menschenähnlichen Robotern, aber sie sind bei Weitem nicht so fortgeschritten wie der hier. Allein schon, wie er geht! Wie er steht, uns beobachtet und beim Reden gestikuliert! Dass irgendein Flughafen so einen hoch entwickelten Roboter als einfache Servicekraft einstellt, hätte ich bestimmt mitgekriegt.«

»Und wenn du es einfach überlesen hast?«, fragte Olivia.

Arthur schüttelte energisch den Kopf. »Ausgeschlossen. Ich habe sämtliche Fachzeitschriften zu dem Thema abonniert. Abgesehen davon: Seht ihn euch doch an. Den Rost, die verharzte Ölschmiere in seinen Gelenken. Dieser Roboter ist alt. Uralt. Der wurde seit Jahrzehnten nicht mehr gewartet. Wie erklärt ihr euch das?«

»Können wir nicht«, sagte Jem. »Die Liste mit Rätseln und Ungereimtheiten wird nur noch ein Stück länger.« Er wandte sich der mechanischen Kreatur zu. »Du brauchst einen Namen. Wie wäre es, wenn wir dich einfach M.A.R.S. nennen? Klingt doch ganz nett.«

»M.A.R.S.? Gute Idee.« Arthur sah den Roboter an. »Bist du damit einverstanden?«

Das gelbe Auge zuckte von links nach rechts. »Positiv.«

Jem musste sich ein Lächeln verkneifen. Wie Arthur und der Roboter sich so gegenüberstanden, waren sie beinahe gleich groß.

»Sehr schön«, fuhr Arthur fort. »Dann können wir ja endlich ein paar Fragen klären. Wo sind wir hier? Wie heißt die nächstgelegene Stadt?«

»Denver.«

»Aha.« Arthur kratzte sich am Kopf. »Und ist das hier wirklich ein Flughafen?«

M.A.R.S. rollte das Auge einmal im Kreis. »Dies ist der Denver International Airport.«

»Und wie heißt dein Eigentümer?«

»Die Stadt und das County von Denver. Unterbereich Luftfahrtministerium.«

Jem und die anderen sahen einander an. Dann prasselten die Fragen wie Hagelkörner auf den Roboter ein.

»Welches Jahr haben wir?«

»Wann wurde dieser Flughafenbereich stillgelegt?«

»Wieso sind hier nirgendwo Menschen?«

»Wieso können wir mit niemandem Kontakt aufnehmen?«

»Gibt es hier irgendwo funktionierende Telefone?«

Der Blechmann glotzte sie stumpfsinnig an. Ein Geräusch drang aus seinem Mundschlitz. Es klang wie das Rauschen eines schlecht eingestellten Radiosenders.

Olivia runzelte die Stirn. »Vielleicht waren das zu viele Fragen auf einmal. Besser, es redet nur einer mit ihm.« Sie sah den Serviceroboter streng an. »Welches Datum haben wir?«

»Information nicht abrufbar.«

Ihre Brauen wanderten in die Höhe. »Nicht abrufbar? Aber wie kann das sein? Gibt es denn hier keinen Kalender oder so? Wem gehörst du? Wo sind all die anderen Menschen geblieben?«

»Bzzz …«

Arthur strich über sein Kinn. »Das war jetzt aber auch nicht viel besser.«

Olivia warf ihm durch ihre dicke Brille einen giftigen Blick zu.

»Ich glaube, dass er mit unseren Fragen hoffnungslos überfordert ist. Als einfache Drohne ist er vermutlich auf ein höhergestelltes System angewiesen, einen Zentralcomputer oder so. Wenn der seinen Dienst eingestellt hat, ist er völlig auf sich gestellt. Wo soll er denn Informationen herbekommen?«

Jem nickte. »Bei dem Zustand, in dem das Gebäude ist, würde mich das nicht wundern. Aber eine Frage kannst du uns vielleicht doch beantworten, M.A.R.S. Warum war gestern Nacht alles dunkel? Und wieso brennen jetzt die Lichter? Hast du den Strom wieder eingeschaltet?«

»Energiezufuhr nur temporär verfügbar. Betrieb nur bei Tageslicht möglich.«

»Bei Tageslicht«, murmelte Arthur. »Aber natürlich: die Sonne. Das hätte ich mir auch gleich denken können. Die Solarzellen sind draußen am Gebäude befestigt. Sie versorgen den Komplex mit Elektrizität. Keine Sonne, kein Strom.« Er wandte sich dem Roboter zu. »Gibt es denn einen Speicher hier unten? Batterien, Akkus, irgendetwas?«

M.A.R.S. senkte den Kopf, was ihn irgendwie betrübt aussehen ließ. Jem musste Arthur beipflichten. Da waren echt gute Programmierer am Werk gewesen. Die Körpersprache des Roboters glich der eines Menschen bis ins Detail. Vielleicht hatte er sich ja getäuscht und M.A.R.S. hatte doch Gefühle.

Da hatte Jem plötzlich einen Geistesblitz: »Gibt es hier noch mehr von deiner Sorte? Irgendwelche Kollegen, die man vielleicht einschalten kann?«

»Ich bin die letzte funktionstüchtige Serviceeinheit.«

»Oh.« Obwohl es sich nur um eine Maschine handelte, empfand Jem doch so etwas wie Mitgefühl.

»Kein Wunder, dass er mit der Arbeit nicht hinterherkommt«, stellte Paul fest. »Vermutlich kann auch er sich nur dann bewegen, wenn der Strom über die Solarzellen kommt. Das würde bedeuten, dass er nachts ausfällt.«

Jem wippte ungeduldig mit dem Fuß. »Mag alles sein. Allerdings sind wir der Lösung des Problems damit noch keinen Schritt näher gekommen. Menschen gibt es hier wohl keine, oder?«

»Menschen?«

»Na, so wie wir«, sagte Arthur. »Bipede Kohlenstoffeinheiten.«

Das ausdruckslose Glotzen des Roboters sprach Bände.

Jem konnte es ihm nicht verübeln, er selbst verstand auch nur die Hälfte von dem, was Arthur von sich gab. »Jetzt rede doch nicht so geschwollen, das ist doch kein Science-Fiction-Film hier«, sagte er genervt. Es ärgerte ihn, dass M.A.R.S. ihnen keine Hilfe war und sie kein Stück weiterbrachte.

»Wollen wir zurückgehen und den anderen zeigen, was wir gefunden haben?«

»Absolut«, rief Paul. »Bin schon gespannt, was sie zu unserer Entdeckung sagen.«

11

Was soll das heißen, das Jahr 2035?« Jem starrte sie dermaßen ungläubig an, dass er Lucie fast schon wieder ein bisschen leidtat. »Das kann unmöglich dein Ernst sein.«

»Sorry, ich habe mir das nicht ausgedacht. Es steht hier drin.« Sie reichte ihm die Zeitschrift. Während er darin herumblätterte, blickte sie schweigend über das Rollfeld. Etwa hundert Meter entfernt versammelte Bennett die Passagiere im Schatten des Jumbojets, um sie über die Neuigkeiten zu informieren. Aber egal, was die anderen gefunden hatten, eins war jetzt schon klar: Ihre Zeitschrift würde die Bombe zum Platzen bringen.

»Das ist doch nicht möglich«, murmelte Jem. »Es muss sich um einen Irrtum handeln. Jemand will uns hinters Licht führen. Versteckte Kamera oder so.«

»Ich dachte auch erst an einen schlechten Witz, aber es scheint die Wahrheit zu sein«, sagte Lucie.

»Unmöglich.« Jem kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus. »So was gibt es doch nur in Filmen! Ich meine, das würde ja bedeuten …«

»… dass wir einen Zeitsprung unternommen haben. Stimmt«, führte Arthur ihren Satz zu Ende.

»Das glaubt ihr doch nicht im Ernst. Zeitsprünge sind doch gar nicht möglich.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Arthur herausfordernd.

»Die Forschung daran steckt noch in den Kinderschuhen. Aber erinnert euch, dass erst kürzlich das Gottesteilchen entdeckt wurde. Und auch die Gravitationswellen sind brandneu. Es gibt noch so viel, von dem wir keine Ahnung haben. Das heißt aber nicht, dass es nicht existiert.« Er zuckte die Schultern. »Wer weiß, was da oben im Flugzeug passiert ist.«

Lucie konnte sich nur wundern. Arthur schien zu jedem Thema eine wissenschaftliche Erklärung parat zu haben.

»Vielleicht war das nur ein dummer Zufall«, überlegte Paul. »Eine kosmische Fügung, ein Zeitloch – nennt es, wie ihr wollt. Tatsache ist doch, dass wir uns alle an das erinnern, was auf dem Flug geschehen ist. An das Licht, die seltsamen Geräusche, unsere Ohnmacht …«

Lucie nickte. Bei dem Gedanken daran lief es ihr kalt den Rücken runter.

»Man hört doch immer wieder von verschwundenen Flugzeugen«, fuhr Paul fort. »Die meisten werden irgendwann gefunden, aber es gibt auch Maschinen, die für immer verschollen bleiben. Keiner kann mit Sicherheit sagen, was aus ihnen geworden ist.«

»Eben«, rief Arthur. »Vielleicht haben sie das gleiche Schicksal wie wir erlitten? Vielleicht gibt es ja so etwas wie Risse im Raum-Zeit-Kontinuum. Ich bin kein Experte, aber fest steht, wir befinden uns nicht mehr in derselben Zeit wie bei unserem Abflug.«

Lucie presste die Lippen zusammen. So, wie sie das sagten, klang es ziemlich logisch. Trotzdem fiel es auch ihr schwer, das zu glauben. Genau wie Jem.

»Und, wenn das alles nur ein Test ist?«, fragte er. »Eine Fälschung, eine Art Filmset? Ich frage mich, ob man so etwas nicht fälschen könnte.«

»Natürlich könnte man das«, sagte Arthur. »Aber zu welchem Zweck? Abgesehen davon: Was ist mit all den anderen Dingen, die wir gesehen haben? Das Rollfeld, das Flughafengebäude, die Gegenstände, M.A.R.S. Wisst ihr, was es kosten würde, so etwas zu inszenieren? Niemand betreibt so einen Aufwand, nicht mal, um einen millionenteuren Film zu drehen. Wenn diese Zeitschrift der einzige Hinweis wäre, würde ich dir ja recht geben, aber da ist so viel mehr. Die Dinge, die in den Stores aufbewahrt werden. Die Wartehallen, die Autos …«

»Nicht zu vergessen die seltsamen Pflanzen und Tiere«, ergänzte Lucie. Es stimmte, was Arthur sagte, es gab da so viel mehr, was mysteriös war. »Wisst ihr, ich habe eine ganze Weile dagesessen und die Tiere beobachtet. Es gibt hier Vögel und Insekten, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Sie sind vollkommen friedlich und haben nicht die geringste Angst vor uns. Und denkt nur an diese tropischen Pflanzen und die pinkfarbenen Hummeln.«

»Und diese seltsamen gestreiften Riesenratten«, warf Marek ein. »Das wäre viel zu aufwendig, das alles zu faken.«

»Arthur hat vorhin übrigens mit seinem Laptop Zugang zur Festplatte des Roboters bekommen«, berichtete Olivia. »Er hat herausgefunden, dass das Datum der letzten Wartungssoftware mit dem auf der Zeitschrift übereinstimmt …«

»M.A.R.S. läuft mit einer Linux-basierten Software«, erklärte Arthur. »Was ein großes Glück ist, sonst wäre ich da nicht drangekommen. Auch USB-Ports scheinen in der Zukunft noch Verwendung zu finden. Auf die Art konnten wir ein paar Informationen herausziehen. M.A.R.S.’ Name leitet sich übrigens von seiner Typenbezeichnung ab und steht für Multi-functional Armoured Robot System. Vermutlich ein Basistyp, der auch für andere Zwecke eingesetzt wird. Vielleicht sogar für militärische. Seine Inbetriebnahme erfolgte am 23. Februar 2033.«

»2033? Wie kommt es dann, dass er so ramponiert aussieht?«, fragte Jem.

»Darauf kommen wir gleich«, sagte Arthur. »Leider ist es mir nicht gelungen, Zugang zum Mainframe des Airports zu erlangen. Die Verbindung wurde offenbar bereits vor vielen Jahren unterbrochen. M.A.R.S. wurde niemals aktualisiert und läuft immer noch auf der Werkseinstellung.«

»Soll heißen?«

»Dass er keine Ahnung hat, was vorgefallen ist. Weder, in welchem Jahr wir uns befinden, noch, was in all der Zeit passiert ist. Er ist genauso ahnungslos wie wir.«

»Scheiße«, stieß Marek aus. »Dann ist er genauso nützlich wie ein Abfalleimer.«

»So etwas kann nur jemand von sich geben, der absolut keine Ahnung von Computertechnologie hat«, erwiderte Arthur mit einem Kopfschütteln. »Wenn wir irgendwo einen funktionierenden Großrechner fänden, könnte M.A.R.S. als Schnittstelle fungieren. Wir könnten ihn anschließen, ihn aktualisieren und so eine Menge Informationen gewinnen. Mit einem Abfalleimer dürfte dir das ziemlich schwerfallen.«

Lucie grinste. Gut gemacht, Arthur.

Mareks Augen funkelten, aber er schien nicht zu wissen, was er dem entgegensetzen konnte.

»So viel also zu den technischen Details«, sagte Paul. »Die Sache ist nur die: Unsere Entdeckung hat weitreichende Konsequenzen. Viel weitreichender, als es manchem von euch klar sein dürfte.«

»Inwiefern?«, fragte Lucie.

Paul nahm die Mütze vom Kopf, strich sich die braunen Haare glatt und setzte sie wieder auf. »Ich fürchte, die meisten von euch haben die Tragweite unseres Problems noch nicht ganz erfasst. Die Antwort auf die Frage nämlich, warum der Flughafen in so einem schlechten Allgemeinzustand ist. Sie dürfte recht niederschmetternd ausfallen.«

»Was könnte wohl noch niederschmetternder sein als die Erkenntnis, dass wir im Jahr 2035 gelandet sind?«, fragte Lucie.

Paul knabberte an seiner Unterlippe. »Nun, zum Beispiel die Tatsache, dass dies nicht das Jahr 2035 ist.«

Lucie zog die Augenbrauen zusammen. »Aber eben hast du doch gesagt …«

»Auf der Zeitschrift steht als Erscheinungstermin der 8.3.2035. Sie ist aber in Wirklichkeit viel älter. Vermutlich ist sie nur deshalb so gut erhalten, weil sie nicht aus Papier, sondern aus einem besonders dauerhaften Material hergestellt wurde.« Lucie wusste, was er meinte. Das Zeug war zäh wie Kunststoff. Sie hatte versucht, es zu zerreißen, mehr als einen kleinen Riss hatte sie aber nicht zustande gebracht. Ein leichter silbriger Schimmer lag auf dem Material.

»Wir tippen auf beschichtete Metallfolie«, sagte Paul.

»Oh Mann …« Lucies Blick streifte die rostige Außenhülle des Roboters. »Und welches Jahr haben wir nun?«

»Wenn man die Größe mancher Bäume und den allgemeinen Verfall des Geländes mit einbezieht, tippe ich auf weitere zweihundert Jahre.« Arthur lächelte entschuldigend. »Vermutlich mehr.«

Lucie hatte plötzlich einen trockenen Hals. »Das würde ja bedeuten, dass das …«

Paul nickte »… das Jahr 2235 wäre. Genau.«

12

Es war Nacht, als der Schauer aufhörte und die ersten Sterne und der Mond herauskamen. Lucie blickte durch die großen Scheiben nach draußen. Ein merkwürdiges Wetter war das hier. Mal war es warm, dann wieder kalt. Mal regnete es, dann schien wieder die Sonne. Die Luft roch feucht. Umso besser, dass sie ins Flughafengebäude umgezogen waren und jetzt ein schützendes Dach über dem Kopf hatten.

Die Nachricht, dass sie allem Anschein nach in der Zukunft gelandet waren, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Die meisten hatten es nicht glauben können, waren kopfschüttelnd umhergelaufen und wollten sich vergewissern, ob das alles nicht doch irgendein schlechter Scherz war. Einige der Passagiere standen kurz vorm Nervenzusammenbruch, die schmächtige Frau mit dem Pferdeschwanz, die ein paar Meter von Lucie entfernt am Boden kauerte, wimmerte schon seit Stunden leise vor sich hin und ließ sich von niemandem ansprechen. Eine ältere Dame, die Lucie gestern noch erzählt hatte, dass sie ihren Enkelsohn in den USA besuchen wollte, war sogar in Ohnmacht gefallen. Lucie selbst versuchte, nicht so viel darüber nachzudenken und sich irgendwie abzulenken. Das Buch, das sie sich für den Flug mitgenommen hatte, war schon lange ausgelesen, jetzt starrte sie in den sternenklaren Himmel. Sie spürte eine Leere in sich und war unendlich erschöpft, doch schlafen konnte sie nicht. Eine nervöse Unruhe hatte sie ergriffen und ließ sie einfach nicht los.

Bereits am Nachmittag hatten die Passagiere damit begonnen, ihre Sachen ins Flughafengebäude zu schleppen. Das betraf nicht nur das Gepäck und die Vorräte, sondern vor allem Dinge wie Decken, Kissen, Erste-Hilfe-Koffer, Signalpistolen und vieles mehr.

Den meisten schien klar geworden zu sein, dass sie so bald keine Hilfe zu erwarten hatten und dass sie vermutlich noch eine ganze Weile hier ausharren mussten.

Mit M.A.R.S.’ Hilfe waren einzelne Gebäudeabschnitte von Pflanzen gesäubert und sanitäre Einrichtungen in Betrieb genommen worden. Wasser gab es im Überfluss, auch wenn die Pumpen wegen des Stroms nur tagsüber arbeiteten.

Um zusätzliche Elektrizität zu erhalten, wurden weitere Sonnenkollektoren von Pflanzenwuchs befreit und an das Energienetz angeschlossen.

Immerhin hatten sie genug zu essen. Zu Lucies Überraschung waren viele der Nahrungsmittel in den Shops und Supermärkten noch genießbar – was schon fast an ein Wunder grenzte, angesichts der langen Zeit, die inzwischen vergangen war. Kandierte Erdnüsse und Chips waren offenbar länger haltbar, als sie vermutet hätte, ebenso Konserven und Dinge wie Haferflocken, Müsli oder Trockenobst. Das würde für Tage oder Wochen reichen. Und für frisches Obst oder Gemüse mussten sie nur nach draußen gehen. Das Land um sie herum war wie ein Garten Eden. Man brauchte nur die Hand ausstrecken und sich bedienen.

Allein, was die Einheimischen betraf, waren die ausgeschickten Spähtrupps ohne greifbare Ergebnisse wiedergekommen. Menschen schienen in dieser seltsamen Welt nicht zu existieren.

Lucie stand auf und schlenderte durch die Halle. Etwas weiter drüben, neben einem Schalter der Air France, sah Lucie das Feuer, das Marek entfacht hatte. Dort sah sie auch die restlichen Mitglieder der Austauschgruppe. Kreisförmig saßen sie um das Feuer und starrten in die knisternden Flammen. Der Geruch von Gebratenem lag in der Luft. Unter dem Kommando von Martin Jaeger – einem totalen Unsympath, wie Lucie fand – waren vorhin ein paar Leute ausgeschwärmt, um auf Jagd zu gehen. Offenbar hatten sie Erfolg gehabt.

»Darf ich mich zu euch setzen?«, fragte Lucie, als sie die anderen erreicht hatte. Sie wollte lieber in Gesellschaft sein, als allein ihren Gedanken nachzuhängen.

»Mach’s dir bequem«, sagte Marek grinsend und lüpfte den Cowboyhut, den er irgendwo gefunden haben musste. »Ist noch reichlich Platz da.«

»Woher kannst du das?«, fragte sie.

»Was, Feuer machen?« Er winkte großspurig ab. »Das ist nun wirklich keine Kunst, hier liegen doch überall Feuerzeuge rum. Aber versuch das mal nur mit Steinen und Holzstücken, dann wird’s interessant.«

»Kannst du das auch?«

»Na, und ob. Pfadfinder. Fünf Jahre lang, dreimal die Woche«, erklärte Marek. »Da lernt man schon so einiges. Wasser finden, Unterstände bauen, sich in der Natur orientieren und natürlich Nahrungsmittel besorgen.«

»Aha«, sagte Lucie. Pfadfinder passte irgendwie überhaupt nicht zu Marek. Das zeigte mal wieder, dass man nicht immer etwas auf den ersten Eindruck geben sollte. Vielleicht kamen noch ganz andere Seiten an ihm zum Vorschein, die man nicht vermutet hatte. »Und welche Nahrungsmittel waren das zum Beispiel?«, erkundigte sie sich.

»Na ja, vor allem Fische. Entweder mit Speeren oder mit selbst gebauten Angeln. Fische bekommt man eigentlich überall und sie sind eine gute Nahrungsquelle«, erklärte Marek und Lucie bemerkte Jems genervten Blick. Im Gegensatz zu Marek war er kein Typ, der sich in den Vordergrund spielte, obwohl er wahrscheinlich auch jede Menge zu erzählen gehabt hätte.

»Aber wenn kein Fluss oder Teich in der Nähe ist«, fuhr Marek fort, »tut’s auch mal ein Kaninchen oder Eichhörnchen. Die bekommt man am besten mit Schlingen.«

»Und du nimmst sie auch aus?«

»Häuten, ausnehmen, das ganze Programm. Nur, was das Jagen betrifft, ist unsere liebe Zoe hier besser als ich.«

»Wieso?«

»Na, zum Beispiel, weil sie in der Bundesauswahl der Jugendsportschützen ist. Sie hat vorhin drei Kaninchen erlegt.«

Lucie war verblüfft, das zu hören. Sie stellte gerade fest, dass sie eigentlich so gut wie nichts über ihre Mitreisenden wusste. Sie blickte auf die Tasche, die neben Zoe lag und von der sie sich nie zu trennen schien.

»Hast du da deinen Bogen drin?«

Zoe erwiderte ihren Blick. »Jep.«

»Darf ich ihn sehen?«

»Klar.« Sie öffnete den Reißverschluss und zog etwas heraus, was Lucie nur mit Mühe erkennen konnte. Das Ding hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den Holzstäben, mit denen sie früher Cowboy und Indianer gespielt hatten.

Jem schien zu wissen, was das war. Er pfiff durch die Zähne. »Ein Recurve. Tolles Gerät. Wie weit kannst du damit schießen?«

»Zielgenau etwa neunzig Meter. Aber wenn es nur nach Weite geht, etwa dreihundert.«

»Was, echt?« Lucie klappte der Unterkiefer runter.

»Echt.« Zoe nickte.

»Sie ist so gut, dass sie auf fünfzig Meter einer Fliege das Auge rausschießen könnte«, sagte Marek grinsend und warf ein kleines Stöckchen ins Feuer, das neben ihm gelegen hatte.

»Was du immer so redest …« Zoe lächelte.

Lucie sah auf die Pfeile und war beeindruckt. Die Vorstellung, aus hundert Metern Entfernung von so einem Ding durchbohrt zu werden, war nicht gerade angenehm.

Etwas summte an ihrem Ohr. Sie wedelte es mit der Hand weg, doch es kam wieder. Als es sich niederließ, klatschte sie es mit der Hand tot.

»Was ist los?«, fragte Jem.

Sie zeigte ihm das Exemplar. Groß und grünlich schimmernd. So etwas hatte sie noch nie gesehen.

Doch Jem nickte. »Ich tippe auf Mücken. Auch wenn sie nicht so aussehen. Auf jeden Fall ziemlich aggressiv, die Viecher. Musste auch schon ein paar von ihnen erschlagen. Morgen sollten wir damit anfangen, sie auszuräuchern.«

»Mücken, pinke Hummeln und gestreifte Ratten sind nicht das Einzige, was hier seltsam ist«, warf Olivia ein. »Irgendwie scheinen die Tiere überhaupt keine Angst vor uns zu haben. Arthur, Paul und ich sind vorhin an einem Strauch vorbeigegangen, der voller Vögel war. Glaubst du, sie wären weggeflogen? Sind einfach hocken geblieben und haben uns angeschaut.«

»Man hätte sie mit der Hand pflücken können«, berichtete Paul. »Richtig unheimlich.«

Katta warf Lucie ein Fläschchen rüber. »Jedenfalls hast du hier was zum Einreiben. Habe ich vorhin in einer der Apotheken gefunden.«

»Eigentlich kein Wunder bei den vielen Wasserflächen«, überlegte Jem. »Als ich Lucie auf ihren Sitz verfrachtet habe, konnte ich es für einen kurzen Moment durchs Fenster sehen. Überall Sümpfe, ringsherum.«

»Sehr ungewöhnlich«, sagte Arthur. »Diese Schwüle und diese Sümpfe. Denver liegt eigentlich recht hoch. Sein Spitzname lautet Mile High City. Kommt daher, weil das Kapitol genau eine Meile über Meereshöhe liegt.«

»Was du alles weißt.« Olivia stupste ihn in die Seite.

Er errötete. »Hat eigentlich einer von euch Netz? Bei meinem Smartphone ist immer noch völlig tote Hose.«

»Niemand hat hier Empfang, auch der Kapitän nicht. Hat er vorhin eingestanden«, erzählte Paul. »An den Geräten liegt es nicht. Es gibt einfach kein Netz. Kein Handynetz, kein Funknetz, nichts.«

»Hoffen wir mal, dass unsere Geräte einfach nur zu veraltet sind«, sagte Arthur. »Die andere Möglichkeit wäre nämlich ein bisschen gruselig.«

Lucie runzelte die Stirn. »Wovon sprichst du?«

»Na, zum Beispiel, dass niemand mehr hier ist, um zu senden. Weder Radio noch Fernsehen, keine Mittelwelle oder Langwelle oder andere Frequenzen.«

»Oh.«

»Stimmt, das ist gruselig«, sagte Jem.

»Unsinn«, stieß Marek aus. »Jetzt geht das schon wieder los. Warum seht ihr denn alle so schwarz? Was wir hier brauchen, ist ein bisschen Optimismus.« Er reckte sich. »Morgen früh werden wir es uns hier so richtig gemütlich machen. Was wollt ihr denn? Wir haben ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen und trinken.«

»Also ich werde nicht hier rumsitzen und darauf warten, dass Hilfe kommt.«

»Was hast du denn stattdessen vor?« Der Spott in Mareks Stimme war unüberhörbar.

Lucie bemerkte den herausfordernden Ausdruck in Jems Gesicht. Als er antwortete, klang seine Stimme betont beiläufig, viel zu beiläufig.

»Ich werde in die Stadt fahren«, verkündete er. »Rauskriegen, was los ist. Informationen sammeln – darüber, was hier vor sich geht, warum sich niemand blicken lässt und warum keiner auf unsere Hilferufe reagiert.«

Lucie blickte ihn überrascht an. »Der Flughafen liegt vierzig Kilometer von der Innenstadt entfernt. Wie willst du es bis dahin schaffen?«

Jem lächelte wissend. »Tja, du hast mich da auf eine Idee gebracht!«

»Was, ich? Wie?« Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

»Ich habe mir da etwas überlegt. Lasst euch überraschen. Wer Lust hat, kann mich morgen früh in der Tiefgarage besuchen kommen. Dann werdet ihr es sehen.«

13

Jem war schon eine gefühlte Ewigkeit wach, als am nächsten Morgen endlich überall die Lichter angingen. Er hatte ziemlich schlecht geschlafen und war immer wieder hochgeschreckt. Was, wenn sein Plan schiefging? Was, wenn die anderen ihn auslachten? Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sein Vorgehen genauer zu durchdenken, und hoffte, dass er sich nicht blamieren würde.

Lucie kam als Erste zum vereinbarten Treffpunkt. »Na, da bin ich ja mal gespannt«, sagte sie nur und grinste. Sie trug Jeans-Shorts und ein weißes T-Shirt mit einem Flamingo darauf. Passt irgendwie zu unserem aktuellen Aufenthaltsort, dachte Jem und sah Arthur, Paul und Olivia näher kommen. Sie wirkten alle ziemlich verpennt.

»Na, dann los«, sagte er, nachdem sie noch kurz gewartet hatten. »Dann sind wir jetzt ja wohl komplett.«

Insgeheim war er froh, dass Marek offenbar Wichtigeres zu tun hatte, doch kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, hörte er eine Stimme rufen: »Hey, ihr wollt doch wohl nicht ohne uns los, oder?«

Na toll, dachte Jem. War ja klar, dass Marek sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen konnte. Wahrscheinlich hofft er darauf, sich an passender Stelle wieder aufspielen zu können. Katta und Zoe ließen sich davon scheinbar wirklich beeindrucken.

»Na, dann schieß mal los, Compadre. Wie sieht er denn nun aus, dein toller Plan?«

»Wart’s ab«, antwortete Jem und führte die Gruppe in die Tiefgarage.

»Da bin ich aber wirklich mal gespannt«, flüsterte Katta in Zoes Richtung, während Arthur und Paul schon wieder über irgendwelche technischen Details redeten, die Jem nicht verstand.

Als sie das Parkdeck erreicht hatten, deutete Jem auf einen gelben Schulbus am hinteren Ende. »Ich werde dieses Ding da flottmachen und mit ihm Richtung Denver fahren.« Er versuchte, möglichst selbstbewusst zu wirken. »Mit ein bisschen Glück bekommen wir ihn so weit wiederhergerichtet, dass wir die Reise antreten können. Wie gesagt, es sind nur vierzig Kilometer. Eigentlich ist das binnen eines Tages zu schaffen.« Es war ihm unangenehm, dass die anderen ihn so anstarrten, aber da musste er jetzt wohl durch. »In Denver werden wir hoffentlich ein paar Leute finden, die uns erklären können, was hier los ist.« Er hielt kurz inne. »Wer mitwill, ist herzlich eingeladen.«

Marek schien ausnahmsweise mal nicht zu wissen, was er sagen sollte. »Du willst … einen Schulbus kapern?«

»Aber klar.« In wenigen Worten erläuterte er ihnen sein Vorhaben. Gemeinsam begutachteten sie das Fahrzeug. Nachdem sie den Bus einmal umrundet hatten, blieben sie stehen.

»Ausgeschlossen«, sagte Marek. »Das kann nicht funktionieren.«

»Und warum nicht?«, fragte Jem.

»Da weiß ich ja gar nicht, wo ich anfangen soll.« Er strich über den gelben Lack. »Zuerst mal: Warum ein Schulbus? Geht es nicht auch eine Nummer kleiner?«

»Wir brauchen Platz«, entgegnete Jem. »Vor allem natürlich für M.A.R.S., der irgendwo untergebracht werden muss. Und vielleicht wollen ja auch noch andere mitkommen.«

»M.A.R.S.? Warum der?« Marek runzelte die Stirn.

»Wir brauchen ihn, um ihn an einen funktionierenden Mainframe anzuschließen«, erklärte Jem. »Er ist der Einzige, der mit den aktuellen Computersystemen kommunizieren kann. Zumindest habe ich Arthur so verstanden.«

»Das stimmt«, erwiderte Arthur. »Vorausgesetzt natürlich, wir finden einen Rechner, der noch nicht seinen Geist aufgegeben hat.«

Marek verschränkte die Arme vor der Brust. »Na schön. Nehmen wir mal für einen Moment an, ich verstünde deinen Plan – was nicht der Fall ist –, wie willst du den Bus überhaupt in Gang bringen? Das ist ein Elektrofahrzeug, genau wie alle anderen.«

»Dieser Bus ist eine fahrbare Solarzelle«, erläuterte Jem. »Wenn ihr ganz nah herantretet, seht ihr unter dem Lack ein feines Netzwerk unzähliger Leiterbahnen. Es sieht aus wie ein Muster aus Fischgräten. Bei den anderen Autos ist das genauso. Hab ich in Lucies Zeitschrift gelesen.«

»Das heißt also, der Bus wird sich selbst aufladen, wenn er draußen in der Sonne steht«, schlussfolgerte Arthur.

»Ja, und?« Marek schien immer noch nicht zu verstehen. War er wirklich so langsam oder stellte er sich absichtlich dumm?

»Wenn es uns gelänge, diesen Bus ins Freie zu befördern, wäre unser Problem gelöst«, erklärte Jem. »Der Bus würde sich praktisch von alleine aufladen.«

»Ah, jetzt verstehe ich«, sagte Marek. »Nette Idee. Leider hat sie einen Haken.«

Warum konnte dieser Typ seine Meinung nicht einfach mal für sich behalten? »Und der wäre?«, fragte Jem genervt.

Marek zerrte an der Tür. »Er ist verriegelt. Ohne Schlüssel kommen wir da bestimmt nicht so einfach rein. Von der Zündung und dem Anlasser will ich gar nicht reden …«

»Lass das mal meine Sorge sein«, unterbrach ihn Jem. »Ich habe Übung in so was.«

»Ist das so?« Marek verzog spöttisch den Mund.

»Allerdings.«

Lucies Blicke brannten sich in sein Gesicht. Ihm fiel gerade auf, dass es vor allem sie war, die er beeindrucken wollte.

Er ging nach vorne und zog sein Spezialmesser aus der Hosentasche. Ein Werkzeug, das ihm in der Vergangenheit viele gute Dienste geleistet hatte. Eine Vergangenheit, auf die Jem nicht besonders stolz war. Eigentlich hatte er geschworen, damit aufzuhören, aber das Schicksal schien andere Pläne mit ihm zu haben. Wenn er sich nur auf diese Weise Respekt verschaffen konnte, dann sollte es eben so sein.

Er setzte die Klinge an die entsprechende Stelle und drückte zu.

*

Lucie beobachtete, wie er in die Tasche griff und ein merkwürdig aussehendes Werkzeug herauszog. Fast wie ein Taschenmesser, aber zusätzlich mit seltsam geformten Klingen und Haken. Neugierig trat sie näher.

Jem hatte ein schmales rechteckiges Metallblatt gewählt, steckte es in das Schloss, und ehe sie mitbekam, was genau er da tat, machte es Klick und die Tür sprang auf.

Sie sah ihn erstaunt an. »Na, das ging ja fix.«

»Jahrelange Übung«, erwiderte er knapp. Er schob die Türen auseinander und stieg ein. Die Federung ließ den Bus leicht wippen.

»Woher kannst du solche Sachen?«, flüsterte sie, als sie ihm folgte.

»Ich habe dir doch gesagt, dass du vieles von mir noch nicht weißt.« Ihr fiel auf, dass er es vermied, ihr in die Augen zu sehen. Schämte er sich etwa?

»Bist du ein Spezialist im Aufbrechen von Autos?«

»Nur ein kleines Hobby von mir. Na ja, zugegebenermaßen nicht gerade das tollste …« Jem setzte sich hinter das Lenkrad und schien nach der Zündung zu suchen. Doch anscheinend war da keine. Lucie sah weder Schloss noch Startknopf oder Ähnliches. Was umso kniffliger war, als Jem versuchte, die Handbremse zu lösen. Offenbar war sie mit der Zündung gekoppelt. Jem rüttelte daran herum, dann stieß er einen leisen Fluch aus.

»Was ist los?« Sie konnte seine Nervosität beinahe körperlich spüren. Es sah aus, als würden kleine orangefarbene Blitze über seine Haut huschen.

»Nichts zu machen. Sitzt völlig fest.«

»Ich wusste doch gleich, dass das eine Schwachsinnsidee ist«, rief Marek von draußen. »Der Plan war von Anfang an zum Scheitern verurteilt.«

»Sei doch mal still«, fuhr Lucie ihn an.

Jem tauchte unter der Lenksäule ab, um dort die Kunststoffverkleidung zu lösen und den dahinterliegenden Kabelstrang freizulegen. Nicht schlecht, dachte Lucie. Sie war sich sicher, dass er das nicht zum ersten Mal machte. Hoffentlich hatte er Erfolg. Wenn auch nur, damit Marek endlich den Mund hielt.

Nach einer Weile tauchte Jem wieder auf.

»Ich glaube, ich hab’s«, sagte er mit Blick auf das Display. »Verbindung steht, Zündung ist kurzgeschlossen.«

Lucie sah schwach leuchtende Ziffernfolgen über die gläserne Oberfläche huschen. Er schien es tatsächlich geschafft zu haben.

Jem nickte zufrieden. »Glück im Unglück«, sagte er. »Wie es aussieht, sind die Batterien nicht tief entladen. Ein bisschen Saft ist noch drin. Mal schauen, ob er sich bewegen lässt …«

Er senkte seinen Fuß aufs Gaspedal. Ein sanftes Summen ertönte und der Bus bewegte sich um wenige Zentimeter. Angespornt von diesem ersten Erfolg, gab Jem noch etwas mehr Gas. Und tatsächlich: Der Bus fuhr los. Langsam zwar, aber immerhin.

Jem drehte noch eine Schleife, dann hielt er an. Er wischte sich ein paar Schweißtropfen von der Stirn und lächelte ihr zu. Seine dunklen Augen strahlten und die Anspannung, unter der er gerade noch gestanden hatte, schien langsam von ihm abzufallen. Auch Lucie fiel ein Stein vom Herzen. Wenn sie es mit diesem Bus tatsächlich bis nach Denver schafften, hätte ihr Martyrium sicher bald ein Ende.

»Schlösser knacken, Autos kurzschließen – ich will lieber nicht wissen, woher du das alles kannst«, flüsterte sie. »Aber so etwas ist ja im Zweifelsfall ganz nützlich.«

»Und was jetzt?«, fragte Marek und stieg zu ihnen in den Bus. »Um hier rauszukommen, musst du über diese Rampe da fahren. Schaffst du das?«

»Das werden wir ja gleich sehen.« Jem grinste. »Oder willst du es vielleicht probieren?«

»Ich bin schon Auto gefahren, als ihr noch mit Lego gespielt habt«, entgegnete Marek großspurig. »Kein Problem für mich.«

»Na dann bitte schön!« Jem räumte den Platz und sprang aus dem Bus. Lucie folgte ihm und stellte sich mit ihm zu Arthur, Paul und den Mädchen, die die Aktion aufmerksam verfolgt hatten.

»Genial«, sagte Arthur. »Ich hätte nicht gedacht, dass das klappt.«

»Passt schon«, murmelte Jem und hielt seinen Blick auf den Bus gerichtet.

Lucie hatte den Eindruck, dass es ihm nicht unrecht war, wenn jetzt mal jemand anders die Verantwortung übernahm. Sie beobachteten, wie Marek das Fahrzeug wendete und die Rampe hinauffuhr. Mit leuchtenden Rücklichtern verschwand er hinter der nächsten Biegung.

»Und was weiter?«, fragte Lucie.

»Jetzt werden wir uns alle ein bisschen die Hände schmutzig machen. Putzen, schrauben, basteln. Helft ihr mir?«

Lucie lachte. »Was für eine Frage.«

14

Jem und die anderen hatten lange überlegt, wen sie alles dazuholen sollten, wenn sie den Bus flottgemacht hatten und von ihrem Plan berichten wollten. Sie mussten eine Auswahl treffen, schließlich konnten sie unmöglich alle dreihundert Passagiere zusammentrommeln. Abgesehen davon wollten sie ihr Vorhaben eigentlich auch nicht gleich an die große Glocke hängen. Inzwischen hatten sich mehrere Gruppen gebildet, die unterschiedliche Ansichten vertraten. Ein paar Leute hatten sich offenbar mit ihrem Schicksal abgefunden und vertrauten darauf, dass irgendwann schon Hilfe kommen würde. Andere waren auf eigene Faust losgezogen, um irgendetwas herauszufinden, und bislang nicht zurückgekehrt. Und ein Großteil der Passagiere klammerte sich an Bennett, als wäre er der rettende Fels in der Brandung. Auch wenn der Kapitän mit der Situation genauso überfordert war wie alle anderen, glaubten die Leute offensichtlich, dass er einen Masterplan in der Hinterhand hatte.

Jem dachte, dass es wahrscheinlich normal war, sich in der Not an irgendwem festzuklammern, aber ob dieser Jemand unbedingt Bennett sein musste, bezweifelte er.

Nach einigen Diskussionen hatten sie beschlossen, dass jeder von ihnen drei Leute bestimmen sollte, von denen er glaubte, dass sie ihr Vorhaben interessant finden und auf irgendeine Art unterstützen könnten.

Dass Mareks Wahl auf Bennett fiel, wunderte Jem nicht. Schon bei ihrer ersten Erkundung des Flughafengebäudes war deutlich geworden, dass Marek, der sich sonst von niemandem etwas sagen ließ, in dem Kapitän eine höhere Distanz zu sehen schien.

Jem selbst hatte Connie ausgewählt sowie zwei ältere Herren, mit denen er sich gestern über die solarbetriebenen Autos unterhalten hatte.

Der Nachmittag war bereits fortgeschritten, als Jem Bennett und die anderen kommen sah. Er war gespannt, was sie zu der Idee sagen würden und ob sie sich ihnen vielleicht anschließen wollten. Platz gab es im Bus ja immerhin genug.

Schnell beendete er die Überprüfung der Radmuttern, stand auf und wischte sich die öligen Finger an einem Lappen ab.

In diesem Moment kam Lucie von der anderen Seite des Busses. Sie warf Jem ein aufmunterndes Lächeln zu. »Der Plan ist genial«, sagte sie leise. »Die werden bestimmt gleich Augen machen.«

Arthur, Olivia, Paul, Marek, Katta und Zoe bauten sich ebenfalls neben dem Bus auf.

»Jetzt bin ich aber gespannt«, sagte der Kapitän, als er bei ihnen eintraf. »Was wollt ihr uns denn zeigen?«

Jem räusperte sich. »Wie dachten uns, dass es vielleicht sinnvoll wäre, unseren Aktionsradius etwas zu erweitern. Deswegen haben wir ein Fahrzeug organisiert. Hier ist es.« Er deutete auf den Bus.

Bennett riss die Augen auf. »Wo habt ihr den denn her?«

»Fährt der noch?«, wollte Connie wissen.

»Der stand doch in der Parkgarage, oder?«, fragte der Mann, der am ersten Tag mit Lucie das Untergeschoss erkundet hatte.

»Ja, der Bus stand in der Garage«, antwortete Jem. »Wir haben ihn wieder flottgemacht.«

Die beiden älteren Herren nickten anerkennend. »Dass noch kein anderer auf die Idee gekommen ist! Respekt, Junge!«

Jem spürte, dass er ein kleines bisschen rot wurde. »Na ja, zu Fuß kommen wir hier ja leider nicht weit«, fuhr er fort. »Da wir keinen Funkkontakt haben und bislang von niemandem etwas gehört haben, müssen wir uns die Informationen wohl selbst besorgen.«

»Wir haben vor, damit nach Denver zu fahren«, platzte Marek heraus und blickte schon fast ehrfurchtsvoll zum Kapitän.

»Wir?«, fragte Bennett überrascht.

Jem nickte und deutete auf die anderen. »Wir alle hier. Und der M.A.R.S. natürlich. Wir werden ihn brauchen, um Kontakt zu einem funktionierenden Computersystem herzustellen.«

»Ihr wollt in die Stadt? Mit M.A.R.S.?«, fragte Connie, als hätte sie sich verhört.

»Jawohl«, antwortete Jem.

»In einem Schulbus?«

»So ist es. Wer will, kann gerne mal einsteigen. Das Fahrzeug ist voll funktionsfähig.«

Jem musste zugeben, dass er ganz schön stolz auf sich war. Dass er den Bus tatsächlich zum Laufen gebracht hatte, war wirklich ziemlich genial. Wer hätte gedacht, dass sich die Akkus durch die Sonne tatsächlich sofort wieder aufladen würden?

Der Kapitän umrundete schweigend den Bus, dann erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. »Ich denke, wir nehmen deine Einladung an. Oder, Leute? Eine kleine Abwechslung würde uns allen mal guttun.«

Jem öffnete die Türen. »Nehmen Sie irgendwo Platz, dann kann es losgehen.«

Ein kurzes Zögern der Zuschauer, dann folgten sie der Aufforderung. Bennett und Jem waren die Letzten, die einstiegen.

»Wo sind die Schlüssel, junger Mann?« Jem hatte sich schon gedacht, dass der Kapitän sich ans Steuer setzen wollen würde.

»Brauchen wir nicht«, sagte er. »Ich erkläre Ihnen, wie es funktioniert.«

Er wartete, bis Bennett Platz genommen hatte, und zeigte ihm dann die Armaturen. Der Kapitän legte beide Hände aufs Lenkrad und startete den Motor. Mit einem satten Summen erwachte das Fahrzeug zum Leben.

»Das ist ja großartig!«, rief Connie. »Applaus für unsere Tüftler, würde ich sagen.«

Jem schloss die Türen und die Leute fingen tatsächlich an zu klatschen.

Inzwischen hatte sich der Himmel zugezogen. Ein fernes Grollen ertönte und Blitze zuckten auf. »Ist schon ein verdammt merkwürdiges Wetter hier«, sagte Bennett. »Fast wie in den Tropen. Da fängt es auch im Laufe des Nachmittags immer an zu regnen. Nur dass Denver nicht in den Tropen liegt. Als hätten wir es mit einem massiven Klimawandel zu tun.«

Nachdem sie ein paar Hundert Meter gefahren waren, tauchte plötzlich die Skyline von Denver am Horizont auf.

»Seht mal, dahinten!«, rief Lucie. »Da ist Denver! Sieht doch gar nicht so weit weg aus!« Ihre Stimme überschlug sich fast vor Aufregung und auch Jem musste zweimal hinschauen, bis er es wirklich glaubte. Nach allem, was ihnen in den letzten Tagen widerfahren war, hätte es ihn nicht gewundert, wenn es Denver gar nicht gegeben hätte.

Erste Tropfen fielen vom Himmel. Bennett betätigte die Scheibenwischer und schaltete auch gleich das Abblendlicht ein. Zwei Lichtkegel bohrten sich durch das Unwetter. Der Regen wurde immer heftiger und trommelte auf das Blech.

»Das mit dem Bus habt ihr gut hinbekommen«, rief er über den Lärm hinweg. »Wie soll es jetzt weitergehen?«

Jem tippte auf die Ladeanzeige. »Morgen um diese Zeit dürften die Akkus vollgeladen sein. Dann wären wir startbereit.«

»Einverstanden.« Bennett blickte nach oben. Der Sturm schien jetzt direkt über ihnen zu sein.

»Besser wir ziehen uns wieder ins Flughafengebäude zurück und sprechen dort über die Einzelheiten«, rief er. »Vor allem müssen wir uns um die Verpflegung kümmern.«

»Wir?« Jem sah ihn verwundert an.

»Aber natürlich. Denkst du etwa, wir würden euch alleine auf eine solche Tour lassen? Es wird tatsächlich langsam Zeit, dass wir den Dingen auf den Grund gehen. Allerdings ist keiner von euch qualifiziert, einen solchen Bus zu fahren. Abgesehen davon wäre da ja noch die Sache mit den Waffen …«

»Waffen?«

Bennetts Ausdruck wurde ernst. »Es wäre viel zu leichtsinnig, ohne entsprechende Verteidigungsmöglichkeiten auf eine solche Tour zu gehen. Wir wissen schließlich nicht, was uns erwartet. Aber ich habe da schon eine Idee.«

Er drehte noch ein paar Schleifen über das Rollfeld, dann wendete er und steuerte auf das Flughafengebäude zu. Inzwischen kübelte es wie aus Eimern. Die pechschwarzen Wolken öffneten ihre Schleusen und ließen eine wahre Sintflut über ihren Köpfen niedergehen. Der Regen prasselte gegen die Scheiben und klatschte auf den Runway, bald stand das gesamte Vorfeld unter Wasser. Blitze zuckten auf und Donner rollten über den Himmel. Es war eine Szene wie bei einem Weltuntergang.

15

Es war mitten in der Nacht, als Lucie aufwachte. Etwas hatte sie in ihrem Schlaf heimgesucht. Ein Geräusch, ein Blick, ein böser Gedanke … Mit pochendem Herzen sah sie sich um.

Sie saß auf ihrer Schlafmatte, die braune Wolldecke bis zu den Schultern hochgezogen. Ein Traum! Es war nur ein Traum gewesen. Aber was für einer.

Irgendetwas war hinter ihr her gewesen. Etwas mit scharfen Klauen und noch schärferen Zähnen. In seinen Augen hatte ein böses Funkeln gelegen. Lucie hatte versucht zu entfliehen, aber sie war einfach nicht vom Fleck gekommen. Als wäre sie über weichen Sand gelaufen und permanent eingesunken. Ekelhaft!

Und das Ding war nicht alleine gewesen. Sie erinnerte sich an mindestens vier oder fünf dieser bedrohlichen Wesen, die sie unbarmherzig eingekreist und ihr den Fluchtweg abgeschnitten hatten. Gerade in dem Moment, als die Angreifer nahe genug herangekommen waren, um sie zu erkennen, war sie erwacht. Langsam beruhigte sie sich wieder, doch an weiterschlafen war nicht zu denken.

Der Vollmond schien durch die übergroße Fensterfront und spann ein silbernes Netz aus Licht auf dem Boden. Wie üblich hatte der Regen sich verzogen und war einer herrlichen Nacht gewichen.

Nicht weit von ihr entfernt lag Jem auf dem Rücken. Leises Schnarchen drang aus seinem Mund. Er sah so friedlich aus, dass Lucie es nicht übers Herz brachte, ihn zu wecken. Sie schaute auf ihre Uhr.

Halb drei.

Vielleicht würde sie ja wieder einschlafen, wenn sie sich ein bisschen die Beine vertrat. Das wirkte oft Wunder bei ihr.

Rasch streifte sie die Decke zur Seite, schlüpfte in die Schuhe und stand auf. Auf Zehenspitzen schlich sie an dem überwucherten Springbrunnen vorbei in Richtung Haupteingang. Der Vollmond übte eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Sie wollte sehen, wie die Welt im Schein der Nacht aussah.

Sie spürte, wie ihre Nerven vor Aufregung förmlich summten – wie die zu straff gespannten Saiten einer Geige.

Das Rollfeld wirkte wie mit Chrom übergossen. Wann hatte sie jemals eine solche Mondnacht erlebt?

Ohne groß nachzudenken, drückte sie den Riegel nach unten und verließ das Gebäude.

Ein kühler, feuchter Windhauch schlug ihr entgegen.

Diese Nacht war von einem Zauber erfüllt, den man erst spüren konnte, wenn man wirklich draußen war. Die Wolken hatten sich fast vollständig verzogen und ein überwältigender Sternenhimmel spannte sich über das Firmament. Lucie hatte das Gefühl, tiefer ins Universum blicken zu können als jemals zuvor. Sie war so fasziniert, dass sie die Bewegung drüben am Rollfeld erst nach einer Weile bemerkte.

Zuerst dachte sie, es wäre der Wind in den Büschen, doch dann sah sie, dass dort etwas stand und sie beobachtete.

Sie kniff die Augen zusammen.

Das Ding mochte hundert oder hundertfünfzig Meter entfernt sein und befand sich an einer Stelle, die dicht bewachsen war. Die Bäume und Büsche kamen dort besonders nah an das Flughafengelände heran. Sie glaubte, eine dunkelrote Aura zu spüren, fast schon auf dem Weg zum Violetten. Ein dunkler Schatten vor einem noch dunkleren Hintergrund.

Jetzt bewegte er sich wieder.

Sie hielt den Atem an.

»He, Lucie.«

Um ein Haar hätte sie laut aufgeschrien. Wie aus dem Nichts war Jem neben ihr aufgetaucht. Wie hatte er sich nur so lautlos nähern können?

»Mann, hast du mich erschreckt«, stöhnte sie. »Willst du, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?«

»Ich bin wach geworden, als du aufgestanden bist«, sagte er. »Was gibt es denn da zu sehen?«

»Sssch.« Sie legte den Finger auf ihre Lippen und deutete auf die andere Seite des Rollfeldes. »Siehst du das?«

Das Ding hatte sich in Bewegung gesetzt. Es lief von links nach rechts und wieder zurück, ohne dabei jemals den Schutz der Dunkelheit zu verlassen.

»Ist das ein Hund?« Jem starrte angestrengt in die Dunkelheit. Lucie war beeindruckt. »Du hast ziemlich gute Augen«, flüsterte sie. »Sieht tatsächlich aus wie ein Hund. Ein ziemlich großer. Ich habe das Gefühl, er beobachtet uns.«

»Das Gefühl habe ich auch«, sagte Jem. »Abgesehen davon, ist er nicht allein.«

»Was?«

Er deutete nach links und rechts. »Dort und dort, siehst du? Sie stehen vor dem dichten Blattwerk.«

Lucie war wie versteinert. Schlagartig fiel ihr der Traum wieder ein. Mein Gott! Das war es, was sie verfolgt hatte. »Wölfe«, flüsterte sie.

»Glaubst du?«

Sie bekam eine Gänsehaut. Wie konnte es sein, dass ihr Traum plötzlich Realität wurde? »Ich bin mir fast sicher«, sagte sie. »Die Art, wie sie sich bewegen. Siehst du, wie ihre Augen im Mondlicht schimmern? Und diese spitzen Ohren. Es können nur Wölfe sein.«

Jem schwieg.

»Vermutlich sind sie auf der Jagd.« Lucie ergriff seine Hand. Seine Haut fühlte sich warm und trocken an. Beruhigend.

»Wir gehen jetzt lieber zurück«, stammelte sie. »Rein ins Gebäude, da sind wir sicher.«

»Ich glaube nicht, dass uns gerade Gefahr droht«, flüsterte Jem. »Sie beobachten uns nur.«

»Trotzdem. Ich würde es lieber nicht darauf ankommen lassen.«

»Na gut, verdrücken wir uns.« Doch anstatt ihr zu folgen, ließ Jem ihre Hand los und blieb stehen. »Warte kurz.«

»Was ist denn?«

Er beschirmte seine Augen vor dem hellen Mondlicht und starrte angestrengt in die Nacht. »Ich bin mir nicht ganz sicher …«

»Bitte komm«, flehte sie.

»Da ist noch etwas anderes«, stieß er aus. »Hinter den Wölfen, in den Bäumen.«

»In den Bäumen?« Sie reckte den Hals und kniff die Augen zusammen, konnte aber nichts erkennen. Was meinte er? Da war doch nichts. Nur diese Wölfe. Und die schienen jetzt langsam näher zu kommen.

»Mir reicht’s jetzt, ich gehe«, sagte sie bestimmt. »Wenn du unbedingt willst, bleib hier, aber ich bin jetzt weg.«

»Na gut, lass uns gehen. Aber wir sollten den Vorfall morgen unbedingt melden.«

»Muss das sein?«

»Die Leute müssen doch wissen, dass sich hier Wölfe herumtreiben! Immerhin sind auch kleine Kinder dabei.«

Im Moment war ihr alles egal. Hauptsache, sie durfte wieder rein. Sie seufzte. »Also schön. Versuchen wir, noch ein bisschen Schlaf zu bekommen. Obwohl ich nicht glaube, dass ich heute Nacht noch ein Auge zubekommen werde.«

16

Haben sss…sie uns gesehen?

Vermuten nnn…nein.

Woher kommen sss…sie?

Wissen wir nicht.

Beratung. Sss…situation unklar.

Sssie waren vorher nicht hier. Sssie gehören nnn…nicht hierher.

…friedlich?

Mmm…meldung weitertragen. ES muss davon erfahren.

17

Die Sonne stand am höchsten Punkt, als der Bus endlich fertig bepackt und abreisebereit war. Die Expeditionsteilnehmer verabschiedeten sich, dann stiegen sie ein und suchten sich einen Platz. Hoffentlich klappt alles, dachte Jem. Auch wenn Bennett den Bus steuern würde, fühlte Jem sich verantwortlich für das Vorhaben. Schließlich war das alles seine Idee gewesen. Und wenn der Bus irgendwann seinen Geist aufgab, würde er wahrscheinlich die Schuld dafür bekommen.

Es war der dritte Tag seit ihrer Ankunft und noch immer hatten sie kein Lebenszeichen vom Rest der Welt empfangen. Mittlerweile zweifelte niemand mehr daran, dass irgendetwas Schreckliches vorgefallen sein musste.

Als es darum gegangen war, wer alles mitfahren würde, hatte Jem befürchtet, dass es vielleicht zu Streitereien kommen würde. Die Platzanzahl im Bus war begrenzt, doch dann hatte sich herausgestellt, dass ein Großteil der Passagiere gar kein Interesse daran hatte, das Flughafengelände zu verlassen. Entweder aus Bequemlichkeit oder aber aus Angst, schließlich wusste niemand, was sie auf ihrer Fahrt erwarten würde.

Jem wollte das Risiko trotzdem eingehen, denn alles war besser, als tatenlos herumzusitzen und auf ein Wunder zu warten.

Und so sahen es auch die anderen Teilnehmer der Austauschgruppe.

»Ich hoffe so, dass wir endlich jemanden finden, der uns sagen kann, was passiert ist«, sagte Lucie. »Oder der uns die Möglichkeit gibt, zu Hause anzurufen und unsere Eltern zu beruhigen. Ich meine, die müssen doch schon verrückt sein vor Sorge!«

»Ich will deine Illusionen ja nicht zerstören«, erwiderte Paul, der heute eine altmodische Kniebundhose und ein weißes Hemd trug. »Aber wenn wir – und darauf deutet ja alles hin – wirklich in der Zukunft gelandet sind …«, er zögerte einen Moment, »… leben unsere Eltern vielleicht gar nicht mehr.«

»Paul, Schluss damit«, schaltete sich Connie ein. »Solange wir dafür keine Beweise haben, denken wir gar nicht daran!«

Jem sah, dass sich ein nachdenklicher Zug auf Lucies Gesicht gelegt hatte. Er wusste, wie sehr sie ihre Eltern vermisste und was es bedeuten würde, wenn sich Pauls Vermutung als wahr herausstellte …

»Wie sieht es aus?«, fragte er deshalb betont fröhlich in die Runde. »Wollen wir los?«

»Wir sind bereit«, rief Bennett, der hinter Jaeger in den Bus stieg. Wäre es nach Jem gegangen, hätten sie auf den übellaunigen Sky Marshal gerne verzichten können, doch der Kapitän hatte darauf bestanden, dass sie ihn mitnahmen.

Mit M.A.R.S. waren sie zu zwölft.

Marek verabschiedete sich noch schnell mit Handschlag von einigen der herumstehenden Passagiere, dann sprang er als Letzter in den Bus und setzte sich nach vorne zu Bennett und Jaeger. Jem fand dieses arschkriecherische Verhalten ziemlich lächerlich, hatte aber beschlossen, sich nicht darüber zu ärgern und lieber bei Lucie zu bleiben. Sie machte einen ziemlich aufgewühlten Eindruck und er wollte versuchen, sie ein kleines bisschen aufzumuntern.

Bennett schloss die Tür, hupte und fuhr über ein paar Bodenschwellen Richtung Highway.

Die Fahrt wurde holperiger.

Alle saßen schweigend an den Scheiben und blickten betroffen hinaus. Was sich vor ihren Augen abspielte, war kaum in Worte zu fassen.

Wohin Jem auch blickte, herrschte Zerstörung. Kaum noch ein Stein, der auf dem anderen stand. Nur hin und wieder sah er einige verfallene Gebäude, umgeben von riesigen Wasserflächen und ausufernden Schilfregionen.

Ihm wurde es kalt ums Herz. Der Anblick war so fremdartig, dass er sich vorkam wie in einem Film. All das war zu verrückt, um real zu sein. Er war inzwischen überzeugt, dass sich eine unheimliche – um nicht zu sagen beispiellose – Katastrophe während ihrer Abwesenheit ereignet hatte. Während ihrer gesamten Fahrt waren sie nicht einer Menschenseele begegnet, und wie es aussah, würde sich das so schnell nicht ändern.

Der Asphalt war zugewuchert und voller Risse, sodass sie nur langsam vorankamen. Die Fahrt zog sich in die Länge.

Im Bus wurde es immer heißer und Jem spürte, wie ihn Müdigkeit überkam. Er hatte letzte Nacht nur wenig geschlafen. Aber egal, wie müde er war – er konnte jetzt nicht schlafen. Er wollte sich in keinem Fall irgendetwas entgehen lassen, vielleicht war es nur ein winziges Detail, das ihnen am Ende weiterhalf.

Lucie hatte die ganze Fahrt über noch nichts gesagt und starrte regungslos aus dem Fenster. Jem hätte sie gerne auf andere Gedanken gebracht, aber er wusste nicht, was er sagen sollte. Dass sie sich in einer beschissenen Situation befanden, konnte er auch nicht schönreden.

Paul, der eine Reihe vor ihm saß, blätterte versunken in einem Buch herum. Seltsam, dachte Jem. Wie man in einer solchen Situation lesen konnte, war ihm schleierhaft. Aber Paul war einfach anders. Speziell. Wahrscheinlich eignete er sich wieder irgendein unnützes Wissen an, das er später zum Besten geben konnte. Paul war echt ganz okay, aber in Jems Augen der totale Nerd.

»Was siehst du dir da an?«, fragte er trotzdem.

Paul hob das Buch.

»Sightseeing in Denver?« Jem runzelte die Stirn.

»Ein Reiseführer, ja.« Paul grinste. »Habe ihn mir in einem der großen Shops besorgt.«

»Wusste gar nicht, dass es noch Bücher gibt.«

»Oh doch. Allerdings bloß noch bei den Souvenirartikeln. Scheint so etwas wie eine Antiquität zu sein. Sieh mal, es ist aus dem gleichen seltsamen Material hergestellt wie Lucies Zeitschrift.«

Jem hob belustigt eine Braue. »Was hast du vor, willst du dir die Sehenswürdigkeiten anschauen?«

Paul zuckte die Schultern. »Das nicht, aber es kann nicht schaden, wenn man eine Vorstellung von der Umgebung hat. Immerhin sind ein Stadtplan und eine Übersichtskarte von Colorado mit dabei. Für den Fall, dass wir uns verirren. Außerdem gibt es ein Verzeichnis sämtlicher Shops, Läden, Museen und Kaufhäuser in der Innenstadt. Falls wir das eine oder andere organisieren müssen …«

Jem musste zugeben, dass die Idee nicht schlecht war. »Gut, dass wenigstens einer an so was gedacht hat.« Er klopfte Paul auf die Schulter.

Der erhob sich aus seinem Sitz und deutete mit dem Kopf nach hinten. »Komm mal mit! Ich muss dir unbedingt zeigen, was Arthur und Olivia entdeckt haben.«

Jem warf einen kurzen Blick auf Lucie, die weiter aus dem Fenster starrte. »Bin gleich wieder da«, sagte er, doch sie schien mit ihren Gedanken ganz weit weg zu sein. Also folgte er Paul nach hinten.

Arthur und Olivia saßen neben M.A.R.S. und hielten irgendwelche Geräte in der Hand, die entfernt an Gameboys erinnerten. Eins war pink und eins grün, beide waren über Kabel mit M.A.R.S.’ Universalbuchse verbunden.

»Hey«, grüßte Paul. »Jem würde sich gerne mal eure Apparate anschauen.«

»Hier«, sagte Arthur und hielt Jem den grünen Kasten vor die Nase. »Es scheint sich um ein Nachfolgemodell der guten alten Walkie-Talkies zu handeln. Holotalkies heißen die Dinger. Wir haben sie in einem Spielzeuggeschäft gefunden.«

»Direkt neben den Superheldenfiguren und Baseballschlägern.« Olivia grinste. »Scheint der neueste Hit zu sein. Schau dir das mal an.« Sie drückte auf einen Knopf und ein Bild erschien. Es war grünlich und halb durchsichtig und schwebte in der Luft. Zu sehen war Arthur, der das eine Gerät in der Hand hielt. Als er ebenfalls einen Knopf drückte, erschien eine verkleinerte Version von Olivia. Sie wirkte ziemlich dreidimensional und redete und bewegte sich exakt so wie das Original. Jem war erstaunt. Mit so etwas spielten die Kids aus der Zukunft also? Abgefahren.

»Wie funktioniert das?«, fragte er.

»Hologramme«, sagte Arthur. »Hier oben ist eine Linse, mit der das Bild aufgezeichnet wird, siehst du? Dann wird es übertragen und kann auf dem anderen Gerät abgespielt werden. Wie ein Bildtelefon, nur in dreidimensional.«

»Nicht schlecht«, sagte Jem. Vielleicht würden ihnen die Dinger später noch nützlich sein. »Was haben die denn für eine Reichweite?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Olivia. »Haben wir noch nicht ausprobiert. Da unsere Smartphones mangels Netz allesamt unbrauchbar sind, wäre das doch vielleicht eine gute Möglichkeit, sich über Entfernungen hinweg zu verständigen. Wir laden sie gerade auf und werden sie nachher mal testen …«

Bennett trat so plötzlich auf die Bremse, dass Jem und Paul sich gerade noch so an einem Sitz festhalten konnten. Es gab ein kurzes Quietschen, dann stand der Bus. Jem blickte erschrocken nach vorne.

»Was ist denn los? Warum halten wir?«

»Ich schätze, wir haben hier ein Problem«, rief der Kapitän nach hinten. »Am besten, ihr steigt alle aus und seht es euch selbst an.«

Jem und die anderen folgten seiner Aufforderung.

Draußen empfing sie brütende Hitze. Um sie herum wimmelte es von Tieren. Violette und metallisch grüne Vögel zischten umher, in den Tümpeln quakte es und die Luft war erfüllt vom Summen ungewöhnlich großer Insekten. Der Lärm, den sie veranstalteten, war ohrenbetäubend. Schachbrettartig gemusterte Pflanzen wucherten um sie herum. Manche von ihnen trugen Blüten, die bei Berührung leise klingelten. Trompetenartige Gewächse verströmten einen betäubend süßlichen Geruch. Die Fremdartigkeit dieser Welt umfing ihn wie ein klebriges Spinnennetz. Der Flughafen war ja schon seltsam gewesen, aber hier draußen war das Erlebnis noch viel intensiver.

Jem ging nach vorne. Jetzt sah er, was los war.

Die Straße war versperrt. Eine Brücke musste hier vor langer Zeit zusammengekracht sein und Trümmer bedeckten meterhoch den Asphalt. Die Betonblöcke, die sich von einer Seite des Highways zur anderen ersteckten, stellten ein unüberwindliches Hindernis dar. Dazwischen wucherten Bäume, Büsche und meterhohes Gras. Auf der rechten Seite war das Land von undurchdringlichen Sümpfen überflutet, links schien es etwas besser befahrbar zu sein. Aber es war unmöglich, dorthin auszuweichen. Eine doppelte Reihe von Leitplanken versperrte ihnen den Weg.

»Tja, Leute, das war’s wohl«, sagte Bennett zerknirscht. »Ich fürchte, unsere Reise ist hier zu Ende.«

»Soll das ein Witz sein?«, rief Jem. »Wir haben es ja noch nicht mal richtig versucht.«

»Und wie gedenkst du weiterzufahren, Junge?«, raunzte Jaeger ihn an. »Lässt du unseren Bus durch einen Zaubertrick über die Barriere fliegen?«

Unter Jaegers Achseln hatten sich mächtige Schweißflecken gebildet. Er war tatsächlich noch übellauniger und miesepetriger als bei ihrer Abfahrt.

»Ich wüsste da vielleicht noch etwas anderes.« Jem borgte sich Pauls Karte aus, verglich die Realität mit der Abbildung und tippte auf die betreffende Stelle.

»Die Brücke vor uns gehört zum Highway E-470«, sagte er. »Er kreuzt an dieser Stelle den Peña Boulevard und verläuft in Richtung Süden weiter. Wenn wir es links die Böschung hochschaffen, können wir weiterfahren, bis wir in etwa zwanzig Kilometern die Interstate 70 schneiden. Dort biegen wir dann rechts ab und wären wieder auf dem richtigen Kurs. Wenn Sie mal schauen wollen …« Er hielt den beiden Männern die Karte entgegen.

Der Sky Marshal griff danach und studierte den Plan. »Mag sein, Junge«, grummelte er. »Allerdings löst das nicht unser Problem. Wie sollen wir auf die linke Seite kommen?«

»Mein Name ist Jem.

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