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Evies Garten

K. L. Going

Evies

Garten

 

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Johanna Ellsworth

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für Kyle, der sagte:
»Schreib doch eine Geschichte über einen
Apfelbaum …«

Vignette

Damals

»Vor langer, langer Zeit gab es einen wunderschönen Garten.«

»So wie unser Garten?«

»Fast wie unserer, aber noch viel größer.«

»Gab es auch Bäume? Wie die, die Vater gepflanzt hat? Oder nur Obst und Gemüse?«

»In dem Garten wuchsen alle möglichen Bäume. Es gab Ahornbäume und Eichen. Feigenbäume und Olivenbäume. Orangenbäume und …«

»Apfelbäume!«

»Ja, auch Apfelbäume.«

»Und welche Tiere haben dort gewohnt?«

»Ach, so viele, dass ich sie vor dem Schlafengehen gar nicht alle aufzählen kann. Lass mich mal überlegen. Also da waren Tiger und Nashörner und natürlich die strahlend weißen Einhörner, die …«

»Einhörner gibt’s nicht. Hat Vater gesagt. Er hat gesagt, dass keine deiner Geschichten wahr ist, denn wenn es Zauberei geben würde, dann wärst du gar nicht krank.«

»So, hat dein Vater das gesagt? Dann verrate ich dir jetzt ein Geheimnis, aber du darfst es niemandem weitersagen.«

»Was für ein Geheimnis?«

»Vater weiß auch nicht alles. Er ist noch nicht mal schlau genug, abends hereinzukommen und sich die Geschichten anzuhören. Und das ist doch total wichtig, oder?«

»Ja. Total.«

»Aber soll ich dir was sagen? Eines Tages entdeckt vielleicht sogar dein Vater einen verzauberten Garten.«

»Nimmt er uns dann mit, damit wir ihn sehen können?«

»Dich würde er mitnehmen, Evie. Vater denkt immer an dich, selbst wenn es so aussieht, als hätte er dich vergessen.«

»Und nimmt er dich auch mit?«

»Kann sein. Vielleicht werde ich auch schon da sein und dort warten, wo das Gras grün ist und die Bäume immer blühen, und die Blätter der Kirschblüten wie Regentropfen auf dem Wind reiten.«

»Du, Mom? Hat es das Paradies wirklich gegeben? Ich meine nicht als Geschichte, sondern als echten Garten?«

»Das hängt davon ab, ob du dran glaubst. Manche Leute sagen, es hat einen echten Garten gegeben, der vertrocknet ist und vom Wind verweht wurde. Andere sagen wiederum, dass es nur eine Geschichte ist. Und ein paar glauben, dass es ihn noch gibt. Aber niemand weiß es genau.«

»Und was glaubst du?«

»Ich? Ich glaube, ein echter Garten wäre heute ziemlich verwildert, du nicht? Aber vielleicht findet jeder von uns eines Tages seinen eigenen wunderbaren Garten.«

»Aber wie sollen wir da hinkommen?«

»Das ist eine gute Frage. Vielleicht können wir erst dann in unseren Garten gehen, wenn wir gestorben sind. Möglicherweise ist das der Grund, warum wir nicht ewig leben.«

»Wirst du sterben?«

»Ja. Jeder von uns stirbt eines Tages.«

»Wirst du einen wunderschönen Garten finden, Mom?«

»Ich hoffe es, Evie.«

»Dann treffen wir uns dort. Und ich bringe Vater mit, auch wenn er nicht an vollkommene Gärten glaubt und lieber Unkraut rupft.«

»Okay, das klingt gut, aber ihr solltet erst zum richtigen Zeitpunkt kommen. Hilf Vater bis dahin in seinem eigenen Garten. Versprichst du mir das?«

»Hmm …«

»Du musst es mir versprechen.«

»Gut, ich verspreche es.«

Doch insgeheim kreuzte Evie die Finger.

Drei Jahre später …

Vignette

An der Wegkreuzung

Die letzte Kurve der endlosen Landstraße brachte sie nach Beaumont. Vater wollte immer geradeaus weiterfahren, doch dann kamen sie an eine Stelle, an der sich die Straße gabelte. Also hielt er den alten Lastwagen an, der mit ihrem ganzen Hab und Gut vollgepackt war, und stieg aus, um auf die beiden schmalen Straßen zu starren, die sich in der Dunkelheit verloren. Vielleicht hatten sie sich ja verfahren und mussten nach Michigan zurückkehren.

Evie hoffte, dass sie sich verfahren hatten.

Trotz der Kälte kurbelte sie das Fenster herunter. »Lass uns zurückfahren«, rief sie hinaus, doch ihr Vater machte ein paar Schritte und war gleich darauf im dichten Nebel verschwunden. Evie wartete ab. Als er nicht antwortete, setzte sie sich mit klopfendem Herzen auf dem Vordersitz auf und stieß die Tür auf. Doch sobald sie offen war, wurde Vater Stück für Stück wieder sichtbar, bis seine ganze Gestalt aus dem dunklen Grau aufgetaucht war.

»Ich weiß nicht, welchen Weg wir nehmen sollen«, sagte er, als er den Lastwagen erreicht hatte und sich an den Rahmen des offenen Beifahrerfensters lehnte. Obwohl er seine gefütterte Gärtnerjacke und die dicken Lederhandschuhe trug, waren seine Wangen und die Haut um seinen Bart herum vom Wind schon ganz rot. Die Kälte kroch in den Lastwagen. »Der Nebel ist zu dicht, und an diese Straßenkreuzung kann ich mich überhaupt nicht erinnern.«

Er kratzte sich am Kinn und zog die verkrumpelte Wegbeschreibung aus seiner Jackentasche. Er hatte sie schon seit Monaten. Bevor er das Grundstück zum ersten Mal besichtigt hatte, hatte er die Wegbeschreibung auf die Rückseite einer Einkaufsliste gekritzelt, die neben dem Telefon gelegen hatte. Milch, Eier, Erdnussbutter, Vollkornbrot, Route 71 Richtung Osten bis zur Ausfahrt Nr. 7, dann 70 Meilen auf Route 77 fahren …

Evie zog ihre Knie bis unters Kinn. Sie fröstelte in der kalten Luft, denn es war schon Ende Oktober. Der Saum ihrer Hose hörte über den Knöcheln auf, und die Kälte biss in ihre nackte Haut. Die Hose war zu kurz, doch es war die letzte, die Mom ihr gekauft hatte – das letzte ihrer hübschen Sachen, das noch keine Grasflecken vom Herunterrollen auf den Hügeln hatte. Das Einzige, dem die Dornen noch keine Löcher gerissen hatten. Diese Hose würde sie nie wegwerfen, selbst dann nicht, wenn sie ihr längst zu klein geworden war. Evie hatte sogar versucht, mit dem Wachsen aufzuhören, aber das hatte nicht funktioniert. Ihre Beine waren mittlerweile so lang und dünn wie die eines Jungen.

Evie zog sich die Socken so hoch wie nur möglich und zupfte am Saum ihres Wintermantels, damit er länger wurde. Dann betrachtete sie die Straßen, die nach links und rechts führten, doch beide sahen völlig gleich aus. Auf beiden Seiten war nichts zu sehen außer Bäumen und Nebel. Nebel so weit das Auge reichte, aber Evie meinte einen dichten Wald und zwei hohe Bergketten zu erkennen. Der Himmel war grau, und die Bäume an der Straße standen wie Wachsoldaten in Reih und Glied.

Evies Vater öffnete die Wagentür auf seiner Seite und setzte sich auf den Fahrersitz.

»Ich habe ›geradeaus‹ notiert«, sagte er und zeigte auf das zerknitterte Stück Papier. »Ich bin sicher, dass es bis zur Stadt geradeaus ging. Wirklich merkwürdig.«

Evie drehte eine Haarsträhne in eine Locke, ließ sie los und die Strähne wurde wieder glatt. Bei Moms Haaren war das nie so gewesen. Sie seufzte, und sofort flog ein Schwarm Krähen auf, als hätte ihr Atem ihn aufgescheucht. Die Vögel stiegen spiralförmig hinauf in den Nebel, und die Luft war erfüllt von ihren rauen Schreien.

Evie schauderte.

»Wir sollten wieder nach Hause fahren«, versuchte sie es noch mal. »Wir müssen irgendwo falsch abgebogen sein.«

Sie dachte an die lange Fahrt, die sie hinter sich hatten – von Michigan nach New York – und an jeder Abzweigung hatte sie gedacht, falsch, ganz falsch. Wie konnten sie sich nur so weit von Mom entfernen?

Alle fanden es falsch, was Vater da machte. Alle. Sie hatte gehört, was die Leute sich zuflüsterten, und es war auch niemand gekommen, um ihnen beim Packen zu helfen oder sich zu verabschieden. Vater wollte es nicht. Nicht einmal seine eigene Mutter hatte vorbeikommen dürfen.

»Ich brauche keine Hilfe von den Leuten, die hinter meinem Rücken über mich herziehen«, hatte er zu Evie gesagt. Aber es hatte sich schrecklich angefühlt loszufahren, während nur der Nachbar von nebenan aus dem Fenster winkte. Danach waren sie einen Highway nach dem anderen entlanggefahren und hatten eine Nacht in einem Hotel verbracht, das nach alten Kräckern roch und in dem es keinen Fernseher gab.

Vater hatte so getan, als wäre alles ein Abenteuer, was gar nicht zu ihm passte. Doch Evie hatte nur missmutig aus dem Fenster gestarrt und dem Armaturenbrett gelegentlich einen Tritt verpasst. Abenteuer – das war etwas, das Mom unternommen hatte, nicht Vater, und ein Abenteuer begann auch nicht um halb sechs Uhr morgens in einem Lastwagen mit kaputtem Anlasser, der eine halbe Stunde brauchte, bis der Motor endlich lief. Menschenleere Straßen, die nirgendwohin führten, waren einfach kein Abenteuer.

»Es ist alles ganz falsch«, murmelte Evie, doch Vater schüttelte den Kopf.

»Nee«, sagte er, »es ist genau das Richtige.«

Seine dunklen Augen blitzten auf, so wie immer, wenn es Probleme gab, die es zu lösen galt. An dem Tag, an dem er ihr erzählt hatte, dass er das Stück Land kaufen würde, hatten sie genauso gefunkelt. Nur sieben Monate nach Moms Tod war er eines Abends ganz aufgeregt beim Essen erschienen, weil irgendein alter Mann ihn angerufen hatte.

»Fünfzig Morgen Land, Evie – und er verschenkt sie buchstäblich, weil die Obstbäume keine Früchte mehr tragen. Die Leute in der Gegend denken, dass die Bäume verflucht wurden. Wie kann man nur so abergläubisch sein!« Vater war in der Küche auf und ab gegangen und hatte beim Sprechen wild mit den Händen gefuchtelt. »Sie reden sich Flüche und Pechsträhnen ein, aber das ist nichts als Dummheit. Die Bäume sind bloß krank, es bedarf nur harter Arbeit und sie werden wieder gesund.«

Evie war es egal, ob die blöden Bäume wieder gesund wurden oder nicht. Warum sollten Bäume wieder gesund werden, wenn Menschen es nicht wurden? Selbst der alte Mann war bald nach dem Anruf gestorben. Sie hatte beide Daumen gedrückt, weil sie hoffte, dass aus dem Kauf nichts wurde. Aber die Schwester des alten Mannes hatte ihnen das Grundstück verkauft, was ganz im Sinne ihres Bruders gewesen war. Und jetzt, drei Monate später, waren sie auf dem Weg dahin.

Evie verzog das Gesicht und starrte aus dem Fenster.

»Hoffentlich kommen wir nie an«, murmelte sie, doch Vater warf ihr nur einen Seitenblick zu und seufzte. Er streckte die Hand aus und strich Evie das Haar aus der Stirn. Die Ponyfransen hingen ihr in die Augen, weil Vater keine Zeit mehr gefunden hatte, sie zu schneiden – noch nicht mal, als Evie ihn darum gebeten hatte. »Morgen«, hatte er immer nur gesagt. »Jetzt muss ich mich um einen kranken Baum kümmern, aber ich verspreche, ich mache es morgen.«

Aber dieser Morgen kam nie, und jetzt war die Schere zusammen mit allen anderen Sachen verpackt. Evie zog den Kopf weg, und Vater legte seine Hand wieder aufs Steuer.

»Wir sind fast da.« Vaters Stimme klang weich. »Ich denke, es sind noch fünf Meilen bis Beaumont, vorausgesetzt, wir erwischen die richtige Straße.« Er zögerte und sah zu Evie hinüber. Ihre Blicke kreuzten sich.

»Sag du wohin, Evie.«

Und schon drehte sich Evies Magen um.

»Entscheide du, Tally.«

Es war immer Moms Aufgabe gewesen, den richtigen Weg zu finden. Schon immer. Vater sagte, sie hätte einen perfekten Orientierungssinn, doch Mom hatte gesagt, dass der Wind ihr zuflüsterte, welcher Weg der richtige war.

Evie stellte sich vor, wie ihre Mutter aus dem Lastwagen gestiegen wäre, um sich die Weggabelung näher anzusehen. Sie hätte ganz still und gerade dagestanden in der Arbeitshose mit den vielen Taschen, die Evie so liebte, und mit den stabilen Ledersandalen, die sie das ganze Jahr über trug – sogar im Winter, und ein Haarband hätte ihre Korkenzieherlocken zusammengehalten. Dann hätte sie tief eingeatmet und so lange gewartet, bis sie wusste, welchen Weg sie nehmen musste.

Evie wollte aussteigen und genau an der Stelle stehen, an der sie sich gerade ihre Mutter vorgestellt hatte. Der Wind draußen blies heftig und fast schien es, als wollte er ihr etwas sagen, fast schien es, als würde Evie dieses Mal etwas anderes hören als nur betäubende Stille. Sie wollte so sehr etwas hören, dass es in ihrem Inneren brannte wie Knie, die man sich auf dem Asphalt aufschürft, aber gleichzeitig spürte sie schon, wie ihr ganzer Körper sich verkrampfte und ihre Ohren sich verschlossen, bis sogar die Schreie der Krähen in der Ferne verstummten.

»Nun mach schon«, drängte Vater. Evie schüttelte den Kopf.

Vaters Hände umklammerten das Steuer. Endlich ließ er den Motor an, und der alte Lastwagen sprang rumpelnd und ächzend an. Vater atmete ein paarmal laut ein und aus, bis es so schien, als wäre der letzte Rest an Sauerstoff aus seiner Lunge entwichen.

»Dann halt links«, entschied er schließlich. »Es macht sowieso keinen Unterschied.«

Vignette

Der bleiche Junge

Als sie in den Nebel und in den Wald hineinfuhren, fielen Evie Hänsel und Gretel ein, und sie wünschte sich plötzlich, Brotkrümel in der Tasche zu haben wie in dem Märchen, das ihre Mutter ihr abends so oft vorgelesen hatte. Die Straße krümmte und wand sich schier endlos. Dann wurde der Asphalt zu Kies, und nun holperte der Lastwagen eine ganze Weile mühsam den Weg entlang. Dann wurden die Bäume am linken Straßenrand spärlicher, und auf einmal zeigte Vater geradeaus.

»Da vorne ist der Apfelgarten.«

Evie starrte auf die langen Reihen von Apfelbäumen. Natürlich waren sie abgestorben. Jeder, der schon mal was über Beaumont gehört hatte, wusste das. Trotzdem war die Luft immer noch erfüllt vom Duft nach kräftigem Apfelmost. Als sie näher an die Bäume herankamen, streckten sie ihnen ihre Äste wie abgemagerte Arme entgegen, als wollten sie sie davor warnen, näher heranzukommen.

»Sei vorsichtig zwischen Bäumen«, hatte Mom einmal zu ihr gesagt. »Zwischen ihren Wurzeln und Ästen kann sich das Tor zu einer anderen Welt verbergen …« Aber nun waren zehn Monate seit Moms Tod vergangen, und es hatte sich kein Tor geöffnet, kein wunderschöner Garten war erschienen und auch der Wind hatte ihr weder Trost noch eine Botschaft zugeflüstert. Die Welt war genau so wie Vater sagte: Erde + Wasser + Sonne = Leben. Und alles, was lebte, starb und ging wieder in die Erde ein. Und so begann der Kreislauf immer wieder von vorn. Es sei denn, man war in Beaumont.

Hier schien jedes Leben aufgehört zu haben. Keine Krähe schwirrte mehr über ihren Köpfen umher und selbst der Wind pfiff nicht mehr durch die Äste. Vater drückte auf die Radiotaste. Es knackte, doch in der Stille klang das Rauschen so laut und unangenehm, dass Vater das Radio schnell wieder abstellte. Jetzt war es noch stiller als still.

»Es müsste doch bald ein Schild kommen«, murmelte Vater vor sich hin.

Evie verzog verächtlich das Gesicht. Warum sollte jemand ein Schild für eine Stadt aufstellen, um die sich seit 1900 niemand mehr scherte? Doch es gab tatsächlich ein Schild – ein altes Holzschild am Straßenrand. Darauf stand in großer verschnörkelter Schrift: Willkommen in Beaumont. Darunter stand: Heimat des New Yorker Apfels, und statt des Wortes war ein Apfel abgebildet. Die aufgemalten Buchstaben waren schon brüchig und auf dem verwitterten Holz verblasst; doch man konnte noch erkennen, wie das Schild ausgesehen haben musste, als die Farben noch frisch und fröhlich waren und die Apfelbäume geblüht und Früchte getragen hatten.

»Wir sind da«, sagte Vater. Evie sah sich um. Doch es gab nichts zu sehen. Hinter der Stadt lagen auf einer Seite ein langgezogenes Waldstück und auf der anderen ein verlassenes Haus am Rand der Apfelplantage. Wie es aussah, waren sie ab jetzt die einzigen Lebewesen in Beaumont.

Und dann sahen sie die Beerdigung.

Auf der linken Seite, abseits der Straße und nicht weit vom alten Haus entfernt, lag ein Friedhof. Das Grau seiner Grabsteine verschmolz mit dem Grau des Himmels, sodass nur die Trauergäste hervorstachen. Es war eine kleine Gruppe von Leuten in langen schwarzen Mänteln, aus denen unten schwarze Hosen oder Strumpfhosen herausragten. Sie standen um eine Stelle herum, an der ein Grab sein musste. Sie hielten ihre Hüte und Schals fest, doch keiner von ihnen rührte sich – als wäre die Zeit stehen geblieben, als wären sie wie durch einen Fluch erstarrt.

»Wer mag da wohl gestorben sein?«, wunderte Vater sich laut. Er fuhr jetzt noch langsamer, damit der Motor in der Stille des Spätnachmittags nicht so laut tuckerte. Evie presste die Nase an die Fensterscheibe. Ihr Magen krampfte sich so stark zusammen, dass sie keine Luft mehr bekam. Der Tag, an dem Mom beerdigt worden war, war genauso düster und grau gewesen. Sie wandte den Kopf ab, doch aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich eine Gestalt von der Gruppe entfernte.

Evie wandte sich um. Es war ein Junge, der ungefähr so alt sein musste wie sie selbst. Einen so bleichen Jungen hatte sie noch nie gesehen. Seine Haut wirkte durch den schwarzen Mantel gespenstisch weiß, und an den blassen Händen trug er keine Handschuhe, sodass es aussah, als würde er nur aus Gesicht und Händen bestehen.

Der Junge war der Einzige, der sie und Vater bemerkt hatte. Er drehte sich um und beobachtete, wie der Lastwagen an ihm vorbeikroch. Niemand sonst schien den Jungen wahrzunehmen, und sein Gesichtsausdruck war so einsam und traurig, dass Evie die gespreizte Hand an die Fensterscheibe drückte.

»Siehst du den Jungen da?«, fragte sie, doch sobald sie anfing zu reden, drehte der Junge sich um und mischte sich unter die Trauergäste. Er wurde von einem Meer aus schwarzen Mänteln verschluckt.

Vater sah zum Friedhof. »Jemand in deinem Alter?«

Evie zuckte mit den Schultern. Was für einen Unterschied machte es schon? Doch aus irgendeinem Grund reckte sie den Hals, um ihn im Rückspiegel zu beobachten.

Vater fuhr weiter, und bald waren der Junge und die Beerdigung nicht mehr zu sehen. Die Straße führte jetzt in eine Kleinstadt, und an beiden Seiten tauchten Geschäfte auf. Insgesamt waren es zwölf, doch die meisten waren geschlossen und ein paar waren sogar mit Brettern vernagelt.

Sie fuhren weiter die menschenleere Hauptstraße entlang, die sich hinter der Stadt in der Ferne verlor. An einem Laternenpfosten hing ein Schild mit der Aufschrift CLAIREVILLE 35, DUPONT 48. Fünfunddreißig Meilen bis zum nächsten Ort.

Evie runzelte die Stirn, als sie an einem Spielplatz vorbeikamen, dessen Klettergerüst verrostet und Schaukeln kaputt waren. Sie konzentrierte sich auf die Gebäude, in denen noch Leben zu sein schien: ein Lebensmittelgeschäft, eine Bank, eine kleine Bücherei …

Ihr Blick blieb an der Bücherei hängen, und sie dachte daran, wie Mom und sie früher die Stufen zur Bücherei zu Hause hinaufgerannt waren.

»Wer als Erste ein Buch findet, darf die Gutenachtgeschichte aussuchen!«

Nun gab es keine Gutenachtgeschichten mehr, und Vater nahm beim Vorbeifahren noch nicht mal den Fuß vom Gas. Er parkte vor einem kleinen Laden auf der anderen Straßenseite – einem Laden, dessen Schaufenster mit Harken und einem Strohballen dekoriert war. Genau die Art von Geschäft, vor dem Vater immer anhielt.

»Wir müssen reingehen und den Schlüssel holen«, erklärte er, während er den Motor abstellte. »Es dauert nicht lange.« Auf dem Schild im Schaufenster stand: CLAYTONS FARMZUBEHÖR.

Vater ging durch die Tür, und Evie folgte ihm widerstrebend und mit etwas Abstand. Beim Eintreten erklangen laute Glöckchen, doch es kam niemand. Es sah so aus, als wäre der Laden leer, was Evie nur recht war. Vater reckte den Hals und sah sich suchend zwischen den Regalen um.

»Glaubst du, es ist jemand da?«, fragte er. In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür hinten im Laden, und eine alte Frau kam eilig herbei. Als sie Vater sah, blieb sie stehen und musterte ihn prüfend, Evie in der Ecke schien sie völlig zu übersehen.

»Frank Adler?«, fragte sie. »Sie sehen ganz anders aus als an dem Tag, an dem wir den Kaufvertrag gemacht haben. Muss wohl am Bart liegen.« Sie gluckste. »Freut mich, dass Sie es hergeschafft haben. Der Schlüssel ist irgendwo hier drin.«

Sie klopfte die Taschen ihrer großen Schürze ab.

»Nett, Sie wiederzusehen«, erwiderte Vater und zog Evie nach vorne. »Das ist meine Tochter Evie.«

Die Frau erstarrte.

»Ihre Tochter?«, fragte sie mit angehaltenem Atem. »Und sie heißt Eva?« Sie ignorierte Vaters verwirrten Blick. »Sie haben mir gar nicht gesagt, dass Sie eine Tochter haben. Ich dachte, Sie sind Junggeselle wie mein Bruder.«

Evie verdrehte die Augen. Das war typisch für Vater; er hatte einfach vergessen, sie zu erwähnen.

Die Frau schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. Sie war groß und kräftig, und ihr langer grauer Zopf ging ihr bis zur Taille. Evie wollte sie nicht mögen, weil die Frau sie so unhöflich anstarrte, doch aus einem unerklärlichen Grund fühlte sie sich zu der Fremden hingezogen. Plötzlich brach die Frau in Gelächter aus. Es klang wie ein Luftballon, der platzt, und ihr lautes Gelächter erfüllte den ganzen Raum.

»Verzeihen Sie«, sagte sie. »Ich bin nur völlig baff!«

Sie hatte ein wundervolles Lachen, ein lautes, sattes Lachen, und Evie spürte ein freudiges Kribbeln, so als wäre sie dieser Frau schon einmal irgendwo begegnet. Als hätten sie zusammen vor einem Kamin gesessen und heiße Schokolade mit Marshmallows drin getrunken.

Das ist mir ganz egal, dachte Evie. Ich mag dich nicht.

»Ich heiße Margaret«, erklärte die Frau. »Aber ihr könnt mich Maggie nennen, so nennen mich alle.« Sie nahm Evies Hand in ihre Hände, die sich so warm und weich anfühlten, wie sich Großmutters Hände immer angefühlt hatten, aber Maggie wirkte nicht so alt wie Großmutter. Jedenfalls nicht ganz so alt. Ihr Haar war zwar auch grau, doch der Zopf schwang bei jeder Kopfbewegung mit, und ihre Augen waren jung geblieben und sprühten vor Lebendigkeit. Sie lächelte Evie an.

»Wunderhübsch«, sagte sie, als hätte sie das gerade entschieden. Evie errötete. Dann verzog sie das Gesicht und verschränkte die Arme. Sie war nicht wunderhübsch, das wusste sie genau. Sie war unscheinbar und dünn und hatte viel zu lange Beine für ein zehnjähriges Mädchen.

Trotzdem war da etwas in der Art, wie die alte Frau so sicher und entschlossen »wunderhübsch« gesagt hatte, das in Evie den Wunsch weckte, in den Spiegel zu sehen. Vielleicht hatte sie sich auf der Fahrt von Michigan nach New York auf wundersame Weise verändert?

»Ich habe schon sehr auf Sie gewartet«, erklärte Maggie jetzt zu Vater. »Und wenn ich gewusst hätte, dass Sie eine Tochter haben, dann hätte ich das Haus auf Hochglanz poliert. Aber ehrlich gesagt bin ich seit Rodneys Tod nicht mehr oft dort gewesen.«

»Mein herzliches Beileid«, sagte Vater und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Als Antwort lächelte Maggie wieder. Diesmal war ihr Lächeln zwar trauriger, aber ihre Augen strahlten immer noch.

»Ist schon in Ordnung so«, erwiderte Maggie. »Mein Bruder hatte ein langes Leben. Er war schon neunzig, wissen Sie. Ich denke, er hat jetzt mehr Frieden, als er je gehabt hat. Der arme alte Rodney hatte im Leben nicht viel Glück.«

Sie seufzte. »Ich wünschte, er hätte dich kennengelernt«, fuhr sie fort und sah dabei Evie an. »Auch wenn er wohl gewusst hat, dass du mitkommen würdest?« Sie sah Vater fragend an.

»Ich habe Evie sicher erwähnt, als wir telefoniert haben«, entgegnete Vater, doch er klang dabei nicht wirklich sicher. Evie zupfte an einem losen Faden, der von ihrem Mantel herunterhing, und drehte ihn so lange, bis er abriss.

Maggie schnalzte wieder mit der Zunge und schüttelte den Kopf. »Nun ja … egal, ihr seid genau das, was unser Städtchen braucht – Leute, die den Boden wieder pflügen. Ich wette, Beaumont wird wieder Auftrieb bekommen, und Leute wie wir, Menschen mit Visionen, wir werden diejenigen sein, die es erleben. Nicht wahr?«

Vater nickte und trat von einem Fuß auf den anderen. Wenn Mom jetzt hier wäre, hätte sie gelacht und gestrahlt, und Maggie und sie wären schon nach einer Stunde die besten Freundinnen geworden. Doch Vater räusperte sich nur, und Evie betrachtete angestrengt ihre zerrissenen Turnschuhe. Es entstand eine lange Pause, in der Vater sich den Kopf zerbrach, was er sagen könnte. Als er schließlich Worte fand, war es das absolut Falsche.

»Ich habe gesehen, dass es in der Stadt einen Todesfall gibt. Wir sind an der Beerdigung vorbeigekommen.«

Maggies Lächeln war wie weggewischt.

»Ja«, sagte sie nach einer ganzen Weile. »Ein Junge ist gestorben. Eine sehr traurige Sache. Er war erst zehn Jahre alt.«

Evie blickte auf. Eigentlich hatte sie nichts sagen wollen, doch jetzt konnte sie nicht anders. »Woran ist er denn gestorben?«

Maggie schüttelte den Kopf. »An Leukämie. Er starb vor ein paar Tagen. Leider haben sie für seine Beerdigung einen eiskalten Tag erwischt. Wir hatten in letzter Zeit schlechtes Wetter, wissen Sie. Es ist ungewöhnlich kalt, wenn man bedenkt, dass wir noch nicht mal November haben. Aber das Wetter hier macht öfter, was es will. Es hat was damit zu tun, dass wir uns in einem Talkessel befinden. Der Wind fegt durch die Berge …«

Evie hörte nicht länger zu. Sie dachte an das bleiche Gesicht des Jungen. Er war ungefähr zehn Jahre alt. Aber der Junge war lebendig gewesen. Oder hatte er nur lebendig ausgesehen?

»… das stimmt doch, Evie?«

Vater hatte sie etwas gefragt, und Maggie sah sie erwartungsvoll an. Als Evie keine Antwort gab, bekam Maggie große Augen.

»Keine Schule?«, fragte sie. »Was willst du denn den ganzen Tag machen? So ein Heimunterricht kann doch nicht besser sein, als in einem Klassenzimmer voller Kinder in deinem Alter zu lernen?«

Evie hätte ihr am liebsten gesagt, dass sie schon immer zu Hause unterrichtet worden war. Es war Moms Idee gewesen. Sie hatte kein Interesse an einem Klassenzimmer voller Kinder in ihrem Alter.

»Ich brauche keine Schule«, sagte sie schließlich.

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