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Eva unter Verdacht

Johanna Theden

Eva unter Verdacht

1. KAPITEL

Werner war gekränkt darüber, dass seine Exfrau ihm so schwere Vorwürfe machte. Aber Charlotte war wirklich außer sich vor Zorn – mit seinem Alleingang hatte Werner Robert schweren Schaden zugefügt.

„Ich habe es verstanden“, knurrte der Senior. Abgesehen davon saß er nun auch noch selbst auf der Anklagebank. Wegen der Anstiftung zur Falschaussage würde er um eine Geldstrafe sicher nicht herumkommen.

„Du erwartest hoffentlich nicht auch noch Mitleid von mir?“, fauchte Charlotte.

„Wer konnte denn ahnen, dass die dumme Gans einknickt?“, erwiderte Werner wütend.

„Schieb es jetzt nicht auf Frau Engel!“ Er blickte zu Boden.

„Ja. Ich habe mich verzockt. Zufrieden?“ Sie schüttelte nur den Kopf und verließ dann den Raum. Sie musste Robert warnen. Wenn Kommissar Meyser nicht schon längst bei ihm war …

Robert reagierte entsetzt auf das, was seine Mutter ihm berichtete. Darin hatte also Werners Plan bestanden?

„Ich habe so gehofft, dass er die Sache in den Griff bekommt.“ Robert stöhnte auf. Jetzt würde Meyser garantiert nicht mehr lockerlassen. Und Barbara von Heidenberg ganz von der Liste der Verdächtigen streichen. „Hoffentlich nehmen sie Lena nicht auch noch in die Mangel.“ Die Falschaussage war nicht allein Werners Idee gewesen. „Evas Vater, Gustl Moosburger … Angeblich hat er gesehen, wie Barbara den Blauen Eisenhut pflückte. Aber das war gelogen. Der liebe Herr Moosburger wollte nur das Kopfgeld kassieren. Lena und mein großartiger Vater wollten ihn trotzdem als Zeugen verkaufen.“

„Ich will es gar nicht hören.“ Müde winkte Charlotte ab. Und da klopfte es auch schon an der Tür, und Kommissar Meyser betrat den Raum.

Barbara machte bei Markus unterdessen Stimmung gegen die Saalfelds. Sie behauptete, ihn bei der nächsten Gesellschafterversammlung an ihrer Seite zu brauchen.

„Ich möchte den Saalfelds nicht allein gegenübertreten.“ Verwundert zog Markus die Augenbrauen nach oben. Damit hatte sie bislang doch keine Probleme gehabt?

„Weißt du es denn noch nicht?“ Sie gab sich erstaunt. „Werner hat Rosalie Engel zu einer Falschaussage angestiftet. Nach der sie mich angeblich gesehen hätte, wie ich irgendein giftiges Kraut gepflückt habe … Mit dem ich Götz dann …“ Sie brach ab und tat so, als könne sie es immer noch nicht fassen. „Meyser hat glücklicherweise Werners Telefon abhören lassen. Sonst säße ich jetzt im Gefängnis. Wieder einmal. Unschuldig.“

„Der schreckt wirklich vor gar nichts zurück“, empörte sich Markus. Zufrieden ließ sie ihn allein.

„Hast du es schon gehört?“ Markus war sofort zu Lena ins Bistro gekommen. „Werner Saalfeld wollte Rosalie Engel zu einer Falschaussage überreden!“ Lena nickte unmerklich. „Das ist so gut wie ein Schuldeingeständnis.“

„Ist es nicht“, widersprach sie.

„Warum sollte er das tun, wenn sein Sohn nichts mit Vaters Tod zu tun hat?“, ereiferte sich Markus.

„Es war meine Idee“, gestand seine Schwester da. „Ich habe Herrn Saalfeld darauf gebracht.“

„Aber …“ Markus schnappte nach Luft. Lena hatte doch behauptet, nichts davon gewusst zu haben. „Du hast mich angelogen!“

„Aus gutem Grund“, erklärte sie. „Du willst doch auch, dass der Mord an Papa aufgeklärt wird, oder?“

„Aber nicht so!“, giftete er.

„Warum willst du nicht sehen, dass sie es war?“, fragte sie.

„Woher willst du wissen, dass sie es war?!“, gab er aufgebracht zurück. „Es ist wie damals, als du mich ans Messer geliefert hast.“ Lena zuckte zusammen. „Du denkst wieder mal nur an dich. An das, was du willst. Anscheinend hast du nichts dazugelernt!“

Robert bestritt gegenüber Kommissar Meyser, von den Plänen seines Vaters gewusst zu haben.

„Sie wussten also nichts von der Falschaussage …“, meinte der Beamte skeptisch und musterte Robert lauernd.

„Nein!“, rief der. „Das Einzige, was ich weiß, ist, dass mein Vater das alles nur getan hat, weil Sie zu unfähig sind, um Barbara endlich hinter Schloss und Riegel zu bringen!“

„Das klingt ganz so, als ob Sie sich an ihr rächen wollten?“, hakte Meyser ein.

„Ich will, dass sie endlich für ihre Verbrechen bezahlt! Ja!“ Der Kommissar betrachtete Robert abschätzig.

„Ich kenne Sie“, sagte er. „Sie werden einen Fehler machen. Und dann werde ich da sein.“

Eva und Gustl waren gemeinsam zur Almwiese spaziert und unterhielten sich. Sie hatte so viele Fragen an ihren Vater. Wie hatte er ihre Mutter zum Beispiel kennengelernt?

„Auf einem Tanzfest“, erzählte Gustl bereitwillig. Er war damals zufällig in der Gegend gewesen. „Ich habe sie gesehen, und es war um mich geschehen.“ Liesel und er hatten an dem Abend nicht nur miteinander getanzt.

„Aber sie war verheiratet“, meinte Eva. „Und hatte ein Kind.“

„Ich weiß.“ Er seufzte. „Aber gegen Gefühle ist man machtlos. Ich konnte nichts dagegen tun. Und sie auch nicht.“ Er war unsterblich verliebt gewesen in Liesel. „Sie war der warmherzigste, liebste und wunderbarste Mensch, den man sich vorstellen kann.“

„Sie hat meinen … Jacobs Vater betrogen“, wandte Eva ein.

„Damit war sie ganz und gar nicht glücklich“, erklärte Gustl. „Aber als wir uns kennenlernten, lief es gerade nicht so gut bei den beiden.“ Die Arbeit auf dem Hof, das kleine Kind – Liesel hatte sich über den immergleichen Trott beklagt. Liebe und Leidenschaft blieben für eine Weile auf der Strecke.

„Und darum hat sich meine Mutter nach einem anderen umgesehen?!“, fragte Eva.

„Bestimmt nicht mit Vorsatz.“ Die Liebe war einfach passiert. „Liesel war kein schlechter Mensch. Ganz bestimmt nicht.“

„Eine Heilige aber auch nicht“, fand Eva. Es fiel ihr nicht leicht, sich mit der Vergangenheit ihrer Mutter auszusöhnen.

„Für mich schon.“ Gustl hatte Liesel ja gefragt, ob sie sich vorstellen könne, ihren Ehemann zu verlassen. „Aber sie konnte und wollte ihre Familie nicht im Stich lassen. Und das war dann das Ende …“ Er stockte. Es war ihm anzumerken, wie schmerzlich diese Erinnerungen für ihn waren.

„Ich habe Gustl übrigens doch noch getroffen“, berichtete Eva, als sie zu Robert in die Wohnung kam. „So ein schlechter Kerl ist er gar nicht.“ Auf den Betrugsversuch wegen der Million hatte sie ihn allerdings noch nicht angesprochen.

„Sag bloß, du bist doch auf den Halunken reingefallen“, unterbrach Robert sie harsch, entschuldigte sich dann aber sofort für seinen Ton. „Ich hab’s nicht so gemeint. Ich bin auf Väter im Allgemeinen bloß gerade nicht gut zu sprechen.“

„Ist etwas passiert?“, fragte sie. Er nickte. „Willst du darüber reden?“ Es sprudelte nur so aus Robert heraus.

„Mach nicht alles an deinem Vater fest“, sagte Eva, nachdem sie alles gehört hatte. „Er wird bestimmt auch nicht glücklich darüber sein, wie es gelaufen ist. Er liebt dich. Und er wollte dir helfen.“

„Hat ja prima funktioniert“, schnaubte Robert.

„Zugegeben … Besonders geschickt hat er sich dabei nicht angestellt.“ Wider Willen musste er schmunzeln. „Trotzdem. Er würde alles für dich tun und macht sich wahrscheinlich selbst die schwersten Vorwürfe.“

Lena saß allein auf einer Parkbank und war sichtlich am Boden zerstört. Zufällig kam André vorbei und sprach sie vorsichtig an.

„Ich hatte ziemlichen Krach mit meinem Bruder“, erzählte sie leise. „Er meint, ich würde immer nur Mist bauen …“

„Und? Haben Sie?“ Sie zögerte, bejahte dann aber entschieden.

„Das heißt … Im Ansatz habe ich eigentlich nichts falsch gemacht, aber …“ Sie seufzte.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag.“ Freundlich lächelte André sie an. „Wenn Sie heute Abend nicht nach Hause wollen …“ Das Restaurant dürfte ihn heute nicht allzu lange brauchen. „Sie gehen ins Kino, sehen sich irgendeinen lustigen Film an – und danach treffen wir uns, und Sie erzählen mir alles bei einer Flasche Rotwein.“ Dankbar nahm sie sein Angebot an. Auf Alkohol würde sie allerdings verzichten.

Rosalie wollte gerade Feierabend machen, als Barbara ins Büro kam.

„Ich wollte mich bei Ihnen bedanken, Frau Engel“, säuselte sie.

„Ich wüsste nicht, wofür“, gab Rosalie kühl zurück.

„Dass Sie sich für die Wahrheit entschieden haben.“ Die Geschäftsführerin nickte nur. „Ich vergesse nicht, wer meine Freunde sind“, fuhr Barbara fort. „Unter uns – mir hat Werners Intrige sehr zugesetzt. Könnte es sein, dass Robert dahintersteckt?“

„Nein“, entgegnete Rosalie irritiert. „Zumindest weiß ich nichts davon.“

„Schlafen Sie eine Nacht drüber“, meinte Barbara. „Vielleicht fällt es Ihnen ja wieder ein. Ich würde mich natürlich erkenntlich zeigen …“

Lena saß bei einer Tasse Tee mit André auf dem Sofa und hatte dem Chefkoch gerade ihr Herz ausgeschüttet. Er konnte schon verstehen, dass Markus empfindlich reagiert hatte.

„Was allerdings Barbara angeht – da bin ich voll und ganz bei Ihnen“, erklärte er. Auch er war überzeugt davon, dass niemand anderes als die von Heidenberg Götz Zastrow auf dem Gewissen hatte. Lena gähnte verstohlen. „Müde?“

„Ich habe heute Nacht nicht gut geschlafen“, antwortete sie entschuldigend. „Es war doch ein bisschen viel in letzter Zeit.“

„Um noch mal auf Barbara zurückzukommen … Auch wenn es vielleicht nicht ganz koscher war, was Werner und Sie da einfädeln wollten – es war das einzig Richtige!“ Kommissar Meyser würde es niemals gelingen, Barbara auf eigene Faust zu überführen. „Und ich versichere Ihnen: Auch Ihr Bruder wird sie irgendwann durchschauen. Spätestens dann renkt sich das mit Ihnen beiden wieder ein.“

„Hoffentlich“, seufzte Lena und sah André dann direkt ins Gesicht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber – Sie sind eigentlich ganz in Ordnung.“

„Das hört man doch gerne“, lächelte er.

„Eigentlich sogar ganz bezaubernd“, fuhr sie fort und kuschelte sich schläfrig ins Sofa. „Sie dürfen mir ruhig glauben. Ich habe zwar kein besonders gutes Händchen bei Männern …“ Sie gähnte und schloss die Augen. „Zumindest, was meine bisherigen Männer anbetrifft …“ Weiter kam Lena nicht mehr – sie war eingeschlafen. Gerührt betrachtete er sie. Dann holte er eine Decke und deckte sie damit fürsorglich zu.

Robert war aus der Küche gekommen, Werner wartete schon auf ihn. Er wollte sich bei seinem Sohn entschuldigen.

„Wenn ich das alles irgendwie rückgängig machen könnte …“ Der Senior seufzte.

„Lass gut sein.“ Müde winkte Robert ab.

„Die Vorstellung, du könntest an Barbaras Stelle ins Gefängnis müssen …“, setzte Werner von Neuem an.

„So sieht es aber momentan aus.“ Und das war Werners Schuld.

„Ich verspreche dir hoch und heilig, ich werde nichts mehr ohne Rücksprache mit dir unternehmen.“ Robert nickte und schenkte sich einen Cognac ein. Auch wenn sich sein Vater das noch so sehr wünschte – er konnte ihm so schnell einfach nicht verzeihen.

Eva wunderte sich sehr darüber, dass Markus heute bei ihr übernachten wollte.

„Ich habe keinen Bock auf Lena“, erklärte er gereizt.

„Habt ihr euch gestritten?“, fragte Eva erstaunt.

„Sie und der alte Saalfeld haben Rosalie Engel zu einer Falschaussage angestiftet!“, platzte Markus heraus. „Gegen Barbara. Meyser ist aber dahintergekommen. Sonst würde Barbara jetzt wohl offensichtlich unschuldig wegen Mordes einsitzen.“ Er schüttelte den Kopf. Er verstand seine Schwester nicht. „Als hätte sie nichts gelernt aus der Sache mit mir damals!“ Eva schwieg. „Ist das alles, was du dazu sagen willst?“, knurrte er.

„Ich habe schon davon gehört“, meinte sie. „Robert hat es mir heute Nachmittag erzählt.“

„Natürlich, Robert.“ Markus’ Stimme klang bitter.

„Und genau deswegen würde ich das Thema am liebsten gleich wieder beenden“, fuhr sie fort.

„Weil du natürlich auf seiner Seite stehst“, vermutete er.

„Ich stehe auf niemandes Seite“, widersprach sie. „Aber wir beide haben nun mal andere Ansichten, was Roberts Schuld angeht.“ Sie wollte Markus in den Arm nehmen, aber er wehrte sie ab. „Bitte … Ich hatte mich so gefreut auf dich. Ich hatte heute so einen schönen Tag.“ Es war so gut gewesen, mit Gustl zu sprechen. Markus’ Miene wurde weicher. „Außerdem wollte ich mit dir noch mal über unseren Hochzeitstermin reden“, sagte sie mit zärtlicher Stimme. „Du willst mich doch noch heiraten?“ Er zögerte, nickte dann aber lächelnd. Und ließ es nun doch zu, dass sie ihn umarmte und küsste.

Michael staunte nicht schlecht, als er am nächsten Morgen entdeckte, dass Lena Zastrow bei ihnen auf dem Sofa übernachtet hatte. Und wollte von André natürlich sofort wissen, ob zwischen dem Chefkoch und ihr etwas passiert wäre.

„Wo denkst du hin!“ André hatte artig in seinem Bett geschlafen. „Ich war lediglich so etwas wie ein Seelentröster.“

„Ach, so nennt man das heute?“, frotzelte Michael.

„Die Kleine könnte meine Tochter sein“, winkte André ab. Und machte sich dann daran, für Lena ein herzhaftes Frühstück vorzubereiten.

Sie bedankte sich sehr für seine Fürsorge. Und dafür, dass er gestern Abend ein so guter Zuhörer gewesen war. Zum Abschied küsste sie André sogar auf die Wange. Wie vom Blitz getroffen stand der Chefkoch da. Diese junge Frau war wirklich bezaubernd!

Rosalie tat nach dem Aufwachen so, als wäre sie krank. Jacob bot an, bei ihr zu bleiben, aber sie schickte ihn fort. Kaum war er gegangen, stand Barbara von Heidenberg in der Tür. Und die glaubte natürlich keine Sekunde daran, dass Rosalie eine Grippe ausbrütete.

„Kann es sein, dass Sie sich nur vor einer Aussage gegen Robert drücken wollen?“, fragte sie mit einem falschen Lächeln.

„Diese Sache macht mich allerdings krank“, erwiderte die Geschäftsführerin und bemühte sich um eine feste Stimme.

„So zart besaitet sind Sie doch sonst nicht?“ Rosalie schnaubte.

„Ich habe keine Falschaussage zu seinen Gunsten gemacht, ich mache auch keine zu Ihren“, erklärte sie dann.

„Die Karriere Ihres Lovers scheint Ihnen ja nicht so wichtig zu sein“, stellte Barbara fest.

„Feuern Sie Jacob meinetwegen. Das ändert nichts daran, dass ich nicht für Sie lügen werde. Nicht für ihn und auch nicht für Sie.“ Rosalie würde sich auf keinen Fall weiter unter Druck setzen lassen.

Kommissar Meyser hatte angeordnet, alle Computer des Hotels und sämtliche Geschäftsunterlagen zu beschlagnahmen. Markus hätte sich die Haare raufen können vor Wut – wie sollte er denn jetzt arbeiten? Barbara teilte seine Empörung.

„Und das alles meinetwegen …“, sagte sie dann und gab sich zerknirscht.

„Dich trifft keine Schuld“, widersprach Markus.

„Ohne Werners Intrige gegen mich …“ Er schnaubte.

„Ja, wenn, müssen wir uns bei den Saalfelds bedanken“, stellte er fest. „Aber jetzt sollten wir zusehen, wie wir die nächsten Tage zurechtkommen.“ Er würde mit Herrn Sonnbichler sprechen – dem durfte die Arbeit ohne Computer ja noch einigermaßen vertraut sein. Barbara nickte.

„Solange der Mörder nicht gefasst ist, wird hier wohl keine Ruhe einkehren“, meinte sie dann berechnend.

„Robert Saalfeld …“ Alle Bitterkeit der Welt lag in Markus’ Stimme. „Immerhin sieht es so aus, als wäre auch der Kommissar mittlerweile von seiner Schuld überzeugt. Nur beweisen kann er es nicht.“

„Ich wäre froh, wenn es endlich vorbei wäre.“ Markus nickte. Dass sich in den Geschäftsunterlagen allerdings Beweise für Roberts Schuld finden ließen, bezweifelte er. „Dieser Mann ist so unfähig!“, empörte sich Barbara nun über den Kommissar. „Wie soll ich jemals über Götz’ Tod hinwegkommen, wenn Robert weiterhin ungestraft herumläuft?“

„Was willst du machen?“, entgegnete Markus sarkastisch. „Auch eine Falschaussage erkaufen und Beweise fingieren?“

„Natürlich nicht.“ Barbara gab sich entrüstet. „Aber am liebsten würde ich den Pachtvertrag fürs Bistro kündigen. Damit ich Robert nicht mehr ständig sehen muss.“

„Solange nichts bewiesen ist – kommt nicht infrage.“ Es war auch Lenas Bistro. Und auch wenn Markus im Moment ernsthaft böse war auf seine Schwester – schaden wollte er ihr nicht.

„Das ist reine Schikane!“, ereiferte sich Robert, als die Polizei auch in der Saalfeld’schen Privatwohnung auftauchte, um eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Kommissar Meyser drückte ihm nur den richterlichen Beschluss in die Hand. „Was glauben Sie, hier zu finden?“

„Nichts“, antwortete der Kommissar gelassen.

„Bitte? Und wozu dann alles?“ Ein genüssliches Lächeln ging über Meysers Gesicht.

„Die Hausdurchsuchung? Das ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Das nächste Mal machen wir etwas anderes. Und irgendwann verlieren Sie die Nerven und machen einen Fehler. Und dann werde ich da sein …“ Er hatte sich definitiv auf Robert eingeschossen.

2. KAPITEL

Rosalie hätte im Restaurant beinahe Werner über den Haufen gerannt. Und es war ihr sichtlich unangenehm, dem Senior zu begegnen. Nachdem sie bei der Falschaussage gegen Barbara einen Rückzieher gemacht hatte.

„Wenn Sie eine Entschuldigung erwarten: von mir aus“, sagte die Geschäftsführerin. „Es tut mir leid. Aber ich wusste mir nicht anders zu helfen.“ Sie hatte Angst vor Barbara von Heidenberg. „Und – eine Anstiftung zur Falschaussage … Im Endeffekt haben Sie es sich selbst zuzuschreiben.“

„Zugegeben“, erwiderte der Senior zu ihrer Verblüffung. „Ich habe Sie in eine missliche Lage gebracht. Nicht nur Sie.“

„Es tut Ihnen leid?“, staunte sie. Er nickte. „Und Sie sind nicht wütend auf mich?“

„Nur auf mich“, erklärte er. „Deshalb wäre es mir am liebsten, wir vergessen diese unleidige Geschichte einfach.“

„Sehr gern.“ Die Erleichterung stand Rosalie ins Gesicht geschrieben.

André machte Sit-ups im Wohnzimmer. Michael fragte ihn, warum er nicht in den Fitnessraum ginge, aber das wollte der Chefkoch nicht. Er fand sich zu dick und hatte beschlossen, in nächster Zeit etwas abzuspecken – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch da steckte Lena Zastrow den Kopf zur Tür herein. Hastig rappelte André sich hoch.

„Singen Sie gerne?“, fragte sie lächelnd.

„Ich?“ André zog die Augenbrauen hoch. „Ab und zu, ja, unter der Dusche. Aber unser Doc hier hat eine ganz passable Stimme. Warum?“

„Heute Abend findet im Alten Wirt ein Karaoke-Singen statt“, erklärte sie. „Und ich dachte, wenn Sie Lust hätten …“

„Sie wollte da … Mit mir?“ André war überrumpelt.

„Nur, wenn Sie Lust haben.“ Er strahlte. „Sie müssen aber auch singen!“

„Wird schon schiefgehen.“ Nun wandte sich Lena an Michael.

„Und Sie kommen auch mit! Wenn Sie so gut singen können.“ André versuchte, seinem Mitbewohner hinter ihrem Rücken zu signalisieren, dass er die Einladung ablehnen sollte. Aber Michael bemerkte das nicht.

„Gern“, meinte er erfreut.

„Dann sehen wir uns um acht im Alten Wirt“, stellte Lena fröhlich fest und war schon wieder verschwunden.

„Wenn du lieber mit ihr allein gehen willst …“ Michael hatte sich von André einige Vorwürfe anhören müssen. „Dann bleibe ich eben daheim.“

„Wie schaut das denn jetzt aus, wenn du nicht mitkommst?“, ereiferte sich André. „Als wollte ich dich nicht dabeihaben.“

„Willst du ja auch nicht.“ Michael klang amüsiert.

„Du kommst mit!“ Aber es war nicht zu übersehen, dass sich André schon jetzt über das verpatzte Date mit Lena ärgerte.

Xaver hatte sich noch einmal bei Sibylle Zimmermann entschuldigt. Und sie hatte seine Entschuldigung auch angenommen. Aber sie hatte ihm klargemacht, dass sie trotzdem nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Die Verletzung saß einfach zu tief.

Sie war dabei, ihre Sachen zu packen. Dabei hörte sie die CD, die Xaver ihr gebrannt hatte: „I wanna be loved by you“.

„Sie haben die Rechnung bestellt?“ Sibylle stand inzwischen bei Jacob an der Rezeption. „Wegen Xaver Steindl?“ Sie nickte unglücklich. „Warten Sie kurz, ich rufe ihn, und dann besprechen Sie das Ganze noch mal in Ruhe.“ Aber davon wollte Sibylle nichts wissen.

„Ich bin Xaver gerade auf dem Gang begegnet. Ich glaube, er hat mich nicht mal gesehen.“ Sie wollte wirklich die Rechnung haben.

„Schade“, sagte Jacob traurig. „Sie sind doch mein Lieblingsgast.“

„Und Sie mein Lieblingsportier.“ Sie reichte ihm eine Kreditkarte. Er zog sie durchs Lesegerät, runzelte die Stirn und versuchte es noch einmal. „Geht’s nicht?“

„Die Karte wird nicht akzeptiert“, stellte er fest. „Haben Sie noch eine andere?“

Nachdem auch Sibylles andere Kreditkarten nicht funktioniert hatten, war sie zu Rosalie Engel ins Büro gegangen, um mit ihrer Bank zu telefonieren. Und dabei stellte sich heraus, dass ihre Mutter all ihre Karten hatte sperren lassen.

„Mir ist das schrecklich peinlich“, sagte sie rot vor Verlegenheit zu Rosalie. „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht hier abgestiegen.“

„Gar kein Problem“, winkte die Geschäftsführerin ab. Dann würde der Fürstenhof eben eine Rechnung schicken, und Sibylle konnte das Geld überweisen.

„Meine Mutter hat aber alle Konten sperren lassen“, flüsterte die nun. Und ihre Mutter würde Sibylles Hotelrechnung niemals bezahlen.

„So schlimm haben Sie sich zerstritten?“, fragte Rosalie. Sibylle nickte, wollte aber nicht weiter darüber sprechen. „Und was machen wir jetzt?“, überlegte die Geschäftsführerin. „Ich kann eine Prinzessin ja wohl kaum in die Küche zum Tellerspülen schicken.“

„Bitte, vergessen Sie endlich dieses ganze Prinzessinnengedöns“, seufzte Sibylle. Es musste ja nicht gleich Tellerspülen sein. „Gibt es nicht auch irgendetwas anderes? Womit ich vielleicht etwas mehr Geld verdienen könnte?“ Nachdenklich überprüfte Rosalie den Personalplan. In der Tat brauchte der Fürstenhof noch eine Etagenkellnerin. Aber war Sibylle das wirklich zuzumuten? Doch die zögerte keinen Moment.

Barbara wollte im Restaurant etwas im Reservierungsbuch nachsehen – verlangsamte aber ihre Schritte, als sie vor der Küchentür Valentinas Kinderwagen stehen sah. Unwillkürlich beugte sie sich über die Kleine und lächelte sie wehmütig an.

„Was machst du da?“ Werner war aus der Küche gekommen.

„Heuerst du gerade wieder Mitarbeiter für deine genialen Intrigen an?“, spottete Barbara, die sich sofort wieder im Griff hatte. „Oder warum lässt du Valentina hier allein?“ Sie schaukelte den Wagen leise.

„Finger weg!“ Seine Stimme klang drohend.

„Wenn du so viel Angst um sie hast – warum lässt du sie dann unbeaufsichtigt stehen?“ Werner schnaubte nur. „Die Rolle des Opas steht dir vortrefflich“, fuhr sie fort. „Aber vielleicht kann ich dir noch den einen oder anderen Tipp geben …“

„Ich habe nicht vor, Valentina zu vergiften“, konterte er. „Danke.“ Für einen Moment war Barbara sprachlos. „Meinst du, wir wissen nicht, dass du dich selbst vergiftet hast?“, fuhr er fort. „Und dabei, ohne mit der Wimper zu zucken, dein Ungeborenes ermordet hast?“

„Sei still!“, zischte sie.

„Dass du es fertigbringst, mit all dieser Schuld zu leben … Das macht ein Monster aus dir.“ Damit ging Werner mit dem Kinderwagen davon. Hasserfüllt starrte sie ihm hinterher.

Auch wenn es Eva nicht ganz leichtfiel, sprach sie Gustl nun auf seinen Betrugsversuch an. Nach einigem Hin und Her gab er schließlich zu, dass er es tatsächlich nur auf Lenas Million abgesehen hatte. Und Eva presste die Lippen zusammen. Einerseits war ihr Vater so lieb und freundlich – und andererseits ein solches Schlitzohr, das auch vor einem glatten Betrug nicht zurückschreckte. Wie hatte sich ihre Mutter nur auf einen solchen Hallodri einlassen können?

„Man kann sich seine Eltern nun mal nicht aussuchen“, sagte Gustl zerknirscht.

„Stimmt“, meinte sie nachdenklich. Er zog ein zerfleddertes Notizbuch aus der Tasche und zeigte es ihr. Markus Zastrow hatte ihm erzählt, dass Eva zeichnete. Das Talent hatte sie offensichtlich von ihrem Vater geerbt – das Notizbuch war voller Skizzen. Gerührt betrachtete Eva die Bilder. Offenbar hatten Gustl und sie tatsächlich Gemeinsamkeiten. „Ich habe gerade ein Kinderbuch gemacht.“ Auch das wusste Gustl bereits. Sie hatte sogar schon einen Vorschuss über zweitausend Euro dafür erhalten. „Möchtest du es sehen?“

„Unbedingt!“ Er strahlte sie an. „Wenn ich mir das vorstelle … Ein Kinderbuch von meiner Tochter … Und das kann man dann überall kaufen?“ Er war sichtlich stolz.

Später saßen die beiden gemeinsam im Bistro – Eva wollte ihren Vater von dem Geld, das der Verlag ihr bezahlt hatte, zum Essen einladen. Und nun war es an Gustl, ihr Fragen zu stellen.

„Der Herr Zastrow, das ist dein Freund?“, fragte er.

„Wir heiraten bald“, lächelte Eva.

„Da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen“, freute er sich. In diesem Moment trat Robert zu den beiden an den Tisch.

„Entschuldigt, dass es so lange gedauert hat“, sagte er und wandte sich an Eva. „Für dich sicher die indische Pfanne mit Edelfisch …“

„Erraten.“ Sie grinste.

„Und für Sie, Herr Moosburger?“ Robert begegnete Evas Vater unterkühlt, aber höflich.

„Das Lammfilet“, antwortete Gustl. „Den Geschmack meiner Tochter scheinen Sie ja gut zu kennen.“ Robert und Eva tauschten einen kurzen Blick. „Kochen Sie auch auf ihrer Hochzeit?“

„Eher nicht.“ Roberts Miene hatte sich schlagartig verdüstert. „Wenn ihr mich jetzt entschuldigt … Ich muss in die Küche.“ Und schon war er verschwunden. Interessiert sah Gustl ihm nach.

André und Michael hatten gerade den Alten Wirt betreten. Es war ziemlich voll. André bestellte sich als Erstes einen Schnaps – ohne den würde er garantiert keinen Ton herausbekommen beim Karaoke-Singen. Und dann erschien auch schon Lena. André begrüßte sie charmant. Aber er wurde irgendwie das Gefühl nicht los, dass sie sich eigentlich für Michael interessierte …

Seine Laune verschlechterte sich zusehends. Und dann sang Michael auch noch einen Song von Barry White, was Lena sichtlich begeisterte. Als sie ihn dann bat, gemeinsam mit ihr „Don’t go breaking my Heart“ zu singen, konnte er sich einfach nicht vorstellen, dass sie wirklich ihn meinte. Und schickte Michael vor.

„Ich an ihrer Stelle würde auch lieber mit dir singen“, knurrte er, als sein Mitbewohner protestierte. „Und nicht mit mir altem Zausel.“ Am Ende des Abends war er vollkommen frustriert. Wie hatte er nur glauben können, dass er bei einer so strahlenden jungen Frau wie Lena Zastrow auch nur den Hauch einer Chance haben könnte?

Wieder wartete Werner abends in der Wohnung auf seinen Sohn. Müde kam Robert von der Arbeit.

„Das Bistro läuft nicht schlecht, oder?“, fragte der Senior. Robert schwieg. „Ich weiß schon, du willst nicht mit mir reden …“ Werner atmete tief durch. „Du kannst mir glauben, ich bin genauso wütend auf mich wie du. Auch wenn du mir nicht so schnell verzeihen kannst, ich …“ Robert fiel ihm ins Wort.

„Lass gut sein“, bat er. „Das hatten wir doch schon letzte Nacht. Und deine grandiose Idee, die Engel zu einer Falschaussage anzustiften, ist nicht der Grund für meine schlechte Laune.“

„Sondern?“, hakte Werner nach.

„Eva und Zastrow. Sie holen ihre geplatzte Hochzeit nach.“ Das hatte er während des Besuchs von Eva und ihrem Vater im Bistro heute mitbekommen.

„Es tut immer noch weh, hm?“ Robert nickte nur. Sein Vater bot ihm einen Cognac an.

„Das ist zur Abwechslung mal eine gute Idee von dir.“ Die beiden tauschten ein Lächeln. Der erste Schritt zur Versöhnung war getan.

Gustl konnte nicht schlafen, sondern geisterte nachts durch Haus der Sonnbichlers. Dabei traf er auf Hildegard, die sich noch etwas zu trinken holen wollte.

„Mir gehen so ein paar Sachen im Kopf herum“, sagte er.

„Ist es wegen Eva?“, fragte sie. Sie war außerordentlich froh darüber, dass Gustl und seine Tochter sich ausgesprochen hatten. Auch wenn Hildegard nicht mit allem einverstanden war, was Alfons’ Halbbruder so trieb – im Innersten seines Herzens war er ein guter Kerl, das wusste sie. Und das versuchte sie auch, ihrer Schwester klarzumachen. Aber Käthe wollte nichts von Gustl hören. Sie empfand es als Zumutung, mit einem Landstreicher unter einem Dach wohnen zu müssen, und hatte schon einen Schlüssel für ihre Zimmertür verlangt.

„Ich weiß eigentlich nichts über Eva“, stellte Gustl nun fest. „Nichts über ihr Leben … Heute zum Beispiel war ich mit ihr im Bistro. Und als ich den Koch …“

„Robert Saalfeld“, ergänzte Hildegard. Er nickte.

„Als ich ihn gefragt habe, ob er auf Evas Hochzeit kocht, da waren beide plötzlich so komisch“, fuhr er dann fort. „Anscheinend habe ich damit etwas Falsches gesagt. Weißt du, warum?“

„Das fragst du Eva am besten selbst“, erwiderte sie, aber das wollte er auf keinen Fall.

„Ich möchte nicht, dass sie denkt, ich würde mich in Sachen einmischen, die mich nichts angehen.“ Dafür hatte Hildegard Verständnis. Also offenbarte sie ihm, dass Eva und Robert mal ein Paar gewesen waren.

Am nächsten Morgen begleitete er seine Tochter zu den Saalfelds. Robert war schon dabei, Valentinas Tasche zu packen – Eva wollte mit der Kleinen spazieren gehen.

„Sie haben hoffentlich nichts dagegen, wenn ich mitkomme?“, fragte Gustl freundlich. Robert schüttelte den Kopf. „Es ist nur – wir haben so viel Zeit nachzuholen und …“

„Herr Moosburger“, fiel Robert ihm ins Wort. „Es stört mich wirklich nicht.“

„Allzu viel wissen wir auch noch nicht voneinander“, fügte Gustl noch hinzu.

„Ich weiß gar nicht, ob ich alles wissen will“, lachte Eva.

„Das ist wahrscheinlich die beste Einstellung, damit so eine Vater-Kind-Beziehung funktioniert“, scherzte Robert. Und dann sahen Eva und er sich an. Mit einem Blick, der Gustl nicht entging.

Im Park traute er sich, Eva zu fragen, wie die Geschichte mit Robert zu Ende gegangen war.

„Wir haben einfach nicht zusammengepasst“, meinte sie. „Wir sind immer noch befreundet, und ich arbeite für ihn – aber das zwischen mir und ihm ist lange vorbei.“ Sie spürte, dass ihr Vater ihr nicht so recht glaubte. „Robert würde nicht mehr mit mir zusammen sein wollen und ich nicht mit ihm“, fügte sie also hinzu. „Markus dagegen … Wir sind so glücklich! Er weiß immer, was ich will, was mir gefällt, wie er mich zum Lachen bringen kann … Ich freue mich so auf die Hochzeit. Wir wären ja längst verheiratet, wenn nicht … Wenn nicht sein Vater umgebracht worden wäre.“ Aufmerksam hörte Gustl ihr zu. Und dachte sich seinen Teil.

Danach sprachen sie wieder über Liesel. Gustl hatte Evas Mutter sehr geliebt. Eigentlich war er bis zum heutigen Tag nicht über sie hinweggekommen.

„Wenn man richtig liebt, den oder die Richtige gefunden hat – das lässt einen nie mehr los.“ Seine Stimme war wehmütig geworden.

„Aber … Hättest du dann nicht mehr um sie kämpfen müssen?“ Er zuckte die Schultern. Für ihn wäre das sicher richtig gewesen. Aber für Liesel? Ihren Mann? Evas Bruder?

„In einer Beziehung geht es um mehr als nur um Liebe“, stellte er fest. „Das weißt du doch selbst.

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