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Eva in Gefahr

Johanna Theden

Eva in Gefahr

1. KAPITEL

„Hörst du mich? Markus, erkennst du mich?“ Erschüttert hielt Eva Markus’ schlaffe Hand in ihrer. Er starrte an die Decke und zeigte keine Regung. Was hatte sie erwartet? Dass er ihr sofort um den Hals fiel? Er hatte eine stundenlange Narkose und eine schwere Operation am Gehirn hinter sich. Das bedeutete gar nichts, wenn er sie nicht gleich erkannte. Er musste sich ausruhen. Inzwischen hatte er die Augen geschlossen. „Ja, schlaf“, flüsterte sie. Da spürte sie auf einmal einen schwachen Händedruck. „Markus?“ Keine Reaktion. War es nur Einbildung gewesen, dass er eben ihre Hand gedrückt hatte?

Michael hielt alles für möglich: dass sich Eva die Reaktion nur eingebildet hatte, dass es ein schlichter Reflex gewesen war, oder dass Markus tatsächlich bewusst gehandelt hatte.

„Ich habe gerade mit Professor Chen gesprochen“, berichtete Michael Eva und Lena. „Sämtliche neurologischen Tests ergeben, dass die Reflexe im Normalbereich sind.“ Was hieß, dass die berechtigte Hoffnung bestand, dass Markus die Operation ohne bleibende Schäden überstehen würde. Die beiden Frauen tauschten einen Blick. Da klingelte Lenas Telefon: André meldete sich aus Südafrika. Natürlich nahm sie den Anruf entgegen.

„Ihre Liebe und Ihre Unterstützung haben Herrn Zastrow bisher das Leben gerettet“, sagte Michael nun zu Eva. „Es grenzt an ein Wunder, dass er die OP so gut überstanden hat. Geben Sie ihm ein bisschen Zeit, sich zu erholen.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu. „Simon hatte Glück im Unglück!“, rief Lena da. Sie hatte ihr Telefonat wieder beendet. „Es ist zwar ein Trümmerbruch, aber sie konnten sein Bein retten.“

„Das ist doch mal eine gute Nachricht“, sagte Eva, die sich aufrichtig freute. Sie sah nun ein wenig zuversichtlicher in die Zukunft.

Kaum war sie zurück bei den Sonnbichlers begann sie, eine kleine Reisetasche zu packen. Da klopfte es an der Tür zu ihrem Zimmer, und Robert trat ein.

„Was machst du denn hier?“, fragte sie erschrocken.

„Reizende Begrüßung“, entgegnete er.

„Robert …“ Sie seufzte. „Wieso läufst du mir ständig hinterher?“

„Ich weiß, ich bin ein Blödmann und leichtsinnig …“ Er strahlte sie entwaffnend an. „Aber ich kann nicht anders. Was machst du dich auch so rar – das hält mein kleines Herz nicht aus.“ Tief sah er ihr in die Augen, und sie erwiderte seinen Blick. Ihre Sehnsucht nacheinander war mit Händen zu greifen. Doch als er einen Schritt auf sie zu tat, wich Eva vor ihm zurück. „Du hast vor, im Krankenhaus zu übernachten?“ Robert deutete auf die Reisetasche. Sie nickte.

„Markus’ Chirurg, Doktor Niederbühl – alle sind total überrascht, wie gut er die Operation überstanden hat.“ Robert hatte bereits davon gehört. Es kam einem medizinischen Wunder gleich. „Wobei sie noch nicht einschätzen können, ob es Spätfolgen gibt“, fuhr sie fort. „Als ich vorhin bei ihm war – es war schrecklich. Er ist zwischendurch zwar kurz aufgewacht, aber ob er mich erkannt hat …“ Sie zuckte die Achseln.

„Aber der Tumor ist jedenfalls erst mal weg“, tröstete Robert sie. Wie gern hätte er sie in den Arm genommen, aber ihr Verhalten signalisierte ihm deutlich, dass sie das nicht wollte. „Ich hoffe von Herzen, dass er wieder gesund wird. Ohne irgendwelche bleibenden Schäden …“ Er wollte es ihr nicht noch schwerer machen. „Ich lasse dich jetzt in Ruhe.“

„Und ich muss jetzt los.“ Traurig sahen sie sich noch einmal an. Schlechte Zeiten für Liebende.

„Hallo, Markus!“ Eva versuchte, ihrer Stimme einen fröhlichen Klang zu geben, als sie das Krankenzimmer betrat. „Ich wollte dir ein bisschen Gesellschaft leisten.“ Sie setzte sich an sein Bett und versuchte, sich zu entspannen. Aber ihre Gedanken fuhren Karussell: eben, mit Robert … Sie hatte es fast nicht ausgehalten. Wenn Markus wüsste, was sie ihm antat. Dabei wünschte sie sich so sehr, dass er wieder gesund und glücklich würde. Sie erhob sich wieder. Sie hatte einige der Kraniche, die sie und fast die gesamte Belegschaft des Fürstenhofs für Markus gefaltet hatten, mitgebracht. Und befestigte die Papiervögel nun an einer Kordel über seinem Bett.

Xaver hatte sich Debbie als Berater angeboten und meinte, sie solle Jacob Krendlinger durch einen tiefen Ausschnitt und einen kessen Hüftschwung verführen.

„Das bin doch gar nicht ich“, protestierte Debbie.

„Du hast diese Seite vielleicht noch nicht an dir entdeckt“, erwiderte der Portier. „Aber das wird Zeit, wenn du dir deinen Traummann krallen willst.“ Sie verzog das Gesicht. „Hast du dich nun in den Krendlinger verknallt, oder nicht?“ Zögernd bejahte sie. „Na also!“

„Aber …“ Xaver fiel ihr ins Wort.

„Komm mir bitte nicht wieder damit, dass er eine Freundin hat. Mit dem Thema waren wir durch.“ Sie winkte ab. Sie interessierte vor allem, ob Jacob und sie überhaupt irgendwelche Gemeinsamkeiten hatten.

„Mir ist das wichtig“, erklärte sie. „Ich muss ihn besser kennenlernen. Ich kann mich nur auf Jungs einlassen, mit denen mich etwas verbindet. Sonst kann ich noch so verliebt sein …“ Xaver verdrehte genervt die Augen. Aber dann versprach er, dafür zu sorgen, dass sie heute bei Jacob freie Bahn hatte. Er würde mit Sibylle ins Kino gehen. Am Nachmittag lief ein romantischer Liebesfilm. Ganz das, worauf Sibylle nun mal stand.

Sibylle staunte nicht schlecht, als Xaver sie ins Kino einlud. Zumal es für sie undenkbar war, Jacob nicht ebenfalls zu fragen. Das entsprach nun keineswegs Xavers Plänen. Tanja trat zu den beiden und reagierte begeistert auf die Idee, sich einen Liebesfilm im Kino anzuschauen.

„Kann ich mitkommen?“, fragte sie sofort. „Nils kriegen nämlich weder zehn Pferde noch die Aussicht auf wilde Knutscherei inklusive Popcorn in so eine Schmonzette.“ Sie lächelte Xaver an. „Oder haben wir noch Eiszeit?“ Er antwortete nicht sofort.

„Habt ihr euch gestritten?“, fragte Sibylle überrascht. Bevor Tanja etwas sagen konnte, erklärte Xaver: „Klar bist du dabei.“ Auf diese Weise konnten sie Jacob Krendlinger auch zu Hause lassen, dachte er. Natürlich war er immer noch sauer auf Tanja, weil sie die CD mit den Daten der Steuersünder einfach zerstört hatte. Aber vielleicht war es jetzt wirklich an der Zeit, wieder Frieden zu schließen.

Debbie sprach derweil Jacob Krendlinger an, den sie am Hintereingang des Hotels getroffen hatte.

„Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich Architektur studiere“, begann sie. „Und dafür muss ich ein Modell bauen.“ Sie bat ihn um Hilfe.

„Häuschen basteln ist, ehrlich gesagt, nicht so mein Ding“, erwiderte er etwas irritiert.

„Sorry, Missverständnis.“ Sie lächelte ihn an. „Das Bauen übernehme ich. Mir geht es nur um die Planung. Wir sollen nämlich ein Nutzgebäude entwerfen. Und ich dachte an eine Farm.“ Er runzelte die Stirn. „Ein Bauernhof.“

„Ich weiß, was eine Farm ist“, meinte er.

„Natürlich, sorry …“ Verlegen brach sie ab.

„Schon okay“, brummte er. „Ich verstehe bloß nicht ganz, inwiefern ausgerechnet ich …“

„Sie kennen sich schließlich aus“, plapperte sie eifrig los. „Sie hatten einen eigenen Hof und wissen, worauf man achten muss. Ich hab einfach zu wenig Ahnung.“

„Warum suchen Sie sich das Thema dann aus?“, wandte er ein. „Ich hätte gedacht, jemand wie Sie plant lieber etwas Schickeres, Spektakuläreres. Einen Wolkenkratzer, eine Arena …“

„Jemand wie ich?“, fragte sie getroffen.

„Na ja …“ Er wollte nicht durchblicken lassen, dass er sie oberflächlich fand. „Den perfekten Bauernhof gibt es in dem Sinne nicht. Bei uns daheim wurde jedenfalls immer viel improvisiert.“

„Genau so etwas interessiert mich“, erwiderte sie. „Wie man das – also Ihre konkrete Erfahrung – in Gebäude umsetzen kann. Die zweckmäßig sind, funktionieren – und trotzdem nicht steril und fantasielos wirken.“

„Zumindest scheinen Sie zu wissen, was Sie tun“, stellte er anerkennend fest.

„Ich versuche, es zu lernen. Aber ich brauche einen richtig guten Consultant. Bitte.“ Wie hätte er ihr die Bitte jetzt noch abschlagen können?

Sibylle fragte Jacob kurz darauf, ob er mit ihr, Tanja und Xaver ins Kino gehen wolle. Er erklärte, dass er mit Debbie verabredet sei. Sibylle reagierte mit leiser Eifersucht darauf, obwohl sie energisch das Gegenteil beteuerte.

„Ich finde das schön, wenn du ein bisschen eifersüchtig bist.“ Jacob zog sie lächelnd an sich. „Es zeigt mir nur, wie sehr du mich liebst. Und ich liebe dich!“ Auch er war nicht unbedingt begeistert davon, dass Xaver mitgehen würde ins Kino. Steindl traute er keinen Zentimeter über den Weg. Aber er vertraute Sibylle. Und das war das Wichtigste.

Debbie hatte Jacob in Michaels Wohnung gebeten und ließ sich nun erklären, was man bei der Planung eines Bauernhofs alles bedenken musste. Jacob berichtete von der Kälberzucht.

„Kälber werden direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt.“ Entsetzen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Wenn man es wirklich sofort macht, leidet keiner. Und die Vorteile überwiegen. Die Mutterkühe müssen natürlich weiterhin regelmäßig gemolken werden. Ein Kalb kann gar nicht so viel trinken, dass der Euter wirklich ganz geleert würde, und so bestünde die Gefahr einer Entzündung. Und für die Kälber ist es auch besser, wegen der Ansteckungsgefahr. Deshalb kommen sie in sogenannte Kälberiglus.“

„Wie bei den Eskimos?“, entgegnete Debbie staunend.

„Genau“, bestätigte er grinsend. „Offiziell heißen die Dinger ‚Kälberhütte‘.“ Aber weil sie meistens weiß und rund waren, wurden sie in der Regel „Iglu“ genannt. Zu Hause auf dem Hof hatten sie die Kälberiglus selbst gebaut. „Mein Vater hatte nie genug Geld, um die fertigen Dinger zu bestellen. Die Teile müssen unbedingt luftdurchlässig sein und gleichzeitig so konstruiert, dass die Jungtiere nicht frieren. Deshalb ist es wichtig …“ Er unterbrach sich, weil er bemerkte, dass Debbie ihn verträumt anstarrte. „Hey, hallo! Wollen Sie nicht mitschreiben?“

„Ups, sorry …“ Sie wirkte ertappt. „Könnten Sie das bitte noch mal erklären?“ Verlegen beugte sie sich über ihren Notizblock.

Debbie hatte eine erste Skizze aufs Papier geworfen.

„Für mich sieht das schon ziemlich gut aus“, lobte Jacob sie. „Irre, wie Sie das zack, zack mal eben so zeichnen.“

„Das gehört dazu“, wehrte sie bescheiden ab. „Wenn man erst mal die Grundstruktur hat, muss man unterschiedliche Zonierungen ausprobieren.“

„Aha.“ Er verstand nur Bahnhof, wollte sich vor ihr aber keine Blöße geben. „Und wie geht es jetzt weiter?“ Fachmännisch blätterte sie ihre Notizen durch.

„Sie haben mir erklärt, welche Nutzgebäude ich brauche: Kälberiglu, Futtersilo, Remise …“ Sie hatte gut aufgepasst, trotz ihrer Verliebtheit. „Ich versuche jetzt, das so gut wie möglich umzusetzen. Und dann natürlich, die einzelnen Gebäude sinnvoll zueinander anzuordnen. Vielleicht könnten Sie mich dabei noch mal …“ Erschrocken von ihrer eigenen Courage, hielt sie inne.

„Klar setzen wir uns wieder zusammen“, versicherte er. Er war nun tatsächlich neugierig, was für eine Lösung sie sich einfallen lassen würde. „Und außerdem muss ich ja aufpassen, dass Sie keinen Mist bauen.“ Die beiden lachten. Genau in diesem Moment kam Michael herein.

„Hallo.“ Er war sichtlich irritiert, Jacob Krendlinger in seiner Wohnung vorzufinden. Und Jacob verabschiedete sich auch sofort. „Was hat der hier gemacht?“

„Er gibt mir Tipps über Bauernhöfe“, antwortete Debbie. „Für ein Uniprojekt. Hier.“ Sie zeigte ihrem Vater ihre Notizen.

„Ah, du denkst zumindest wieder ans Studieren“, bemerkte Michael mit leisem Spott. „Dann fährst du also demnächst zurück und holst deine Prüfungen nach?“

„Ich muss noch ein bisschen weiterarbeiten“, erklärte sie, raffte ihre Sachen zusammen und verschwand in ihrem Zimmer. Skeptisch blickte er ihr nach.

Xaver hatte sich im Kino entsetzlich gelangweilt. Aber die Mädels waren begeistert von dem Film und konnten auf dem Weg nach Hause über nichts anderes reden. Immerhin erfuhr er so, was die beiden unter Romantik verstanden. Offensichtlich wollten sie einen starken Mann, einen Beschützer, einen, der sie auch aus gefährlichen Situationen retten konnte. Und da kam Xaver eine Idee.

„Wie war denn dein Treffen mit der Tochter von Doktor Niederbühl?“, fragte Sibylle, als sie Jacob nach dem Kino im Personalraum begegnete.

„Überraschend okay“, antwortete er fröhlich. „Ich habe ihr von unserem alten Bauernhof erzählt und erklärt, worauf es bei der Planung eines landwirtschaftlichen Nutzbetriebs ankommt.“ Er gab Sibylle einen zärtlichen Kuss. „Und mit Eurer gnädigen Erlaubnis, Prinzessin, würde ich das Mädchen gern weiter mit klugen Ratschlägen versorgen.“

„Gewährt“, entgegnete Sibylle grinsend. Und dann berichtete sie ihm von ihrem Plan, das Training ihres Pferds Rodrigo zu intensivieren. „Damit er bald wieder ein Rennen gewinnt. Und erfolgreich als Zuchthengst loslegen kann.“ Sie wusste, das Gestüt würde Jacob nicht den verlorenen Hof seiner Familie ersetzen. „Trotzdem hoffe ich, es macht dich ein bisschen glücklich.“

„Mit dir ziehe ich sogar eine Alligatorenzucht in einem mückenverpesteten Sumpfgebiet auf und werde glücklich“, scherzte er.

Xaver hörte unterdessen enttäuscht, dass Debbie und Jacob sich noch immer siezten.

„Du bist doch sonst die Erste, die hier zu jedem Du sagt“, meinte er. Sie zuckte die Schultern. „Also – wann trefft ihr euch das nächste Mal?“

„Ich zeichne jetzt erst mal. Und sobald ich wieder seinen Rat brauche …“ Xaver ging das alles viel zu langsam.

„Debbie, so geht das nicht“, erklärte er. „Du musst am Ball bleiben. Und als unterstützende Maßnahme …“

„Warum machst du so einen Druck?“, fiel sie ihm ins Wort. „Es geht hier um meinen Traummann.“

„Entschuldige.“ Xaver sah sich gezwungen, zurückzurudern. „Ich bin nervös. Deinetwegen, wegen Sibylle … Sogar wegen Krendlinger. Denn wenn du zulässt, dass die beiden tatsächlich heiraten, werden gleich drei Menschen für immer unglücklich.“ Das war eine glatte Lüge. Auf die Debbie hereinfiel.

„Lieb, dass du dir Sorgen machst. Trotzdem: Ich brauche meine Zeit, um ihn kennenzulernen.“ Sie lächelte versonnen. „Außerdem hätte ich nie gedacht, dass mir Arbeit für die Uni noch mal so viel Spaß machen würde.“ Als Nächstes würde sie sich jetzt Bücher über Tierhaltung besorgen. „Um bei unserer nächsten Session besser vorbereitet zu sein. Zusammen fachsimpeln schafft nämlich Nähe.“ Sie zwinkerte Xaver zu.

Doch ihre Zuversicht löste sich in Luft auf, als sie Jacob zufällig mit Sibylle sah. Die beiden wirkten so verliebt ineinander, so glücklich. Wie sollte sie da eine Chance bekommen?

Michael sprach unterdessen mit Tanja darüber, dass Jacob Krendlinger heute bei Debbie in der Wohnung gewesen war. Tanja wusste das schon, Sibylle hatte es ihr beim Kinobesuch erzählt.

„Und da hast du mich nicht gewarnt?“, fragte Michael verärgert.

„Warum sollte ich?“, entgegnete Tanja erstaunt.

„Weil Krendlinger ein skrupelloser Casanova ist!“, rief er wütend. „Soll meine Tochter etwa sein nächstes Opfer werden?“

„Meinst du nicht, du übertreibst ein bisschen?“, hielt sie sanft dagegen.

„Hast du vergessen, wie er sich an Rosalie rangemacht hat?“, empörte er sich weiter. „Sogar als ich blind war, war er hinter ihr her.“

„Dazu gehören immer zwei“, gab Tanja zu bedenken.

„Debbie ist viel zu jung und zu unerfahren“, knurrte er. „So einem Windhund hätte sie nichts entgegenzusetzen.“

„Debbie mag jung sein, aber sie hat absolut ihren eigenen Kopf. Woher willst du überhaupt wissen, dass sie sich für Jacob als Mann interessiert?“ Seine Tochter hatte den Krendlinger gesiezt!

„Und dabei duzt sie sonst jeden und alles nieder. Wenn sie so förmlich bleibt, kann das nur bedeuten, sie ist befangen. Und das wiederum …“ Michael schwieg, als er Tanjas breites Grinsen bemerkte.

„Selbst wenn Debbie eventuell tatsächlich vielleicht anfangen könnte, für unseren feschen Stallknecht zu schwärmen – er ist verlobt. Mit einer echten Prinzessin. Die er liebt. Und sie ihn.“ Aber damit räumte sie sein Misstrauen nicht aus. Er würde Debbie und den Krendlinger im Auge behalten. Er machte sich nämlich wirklich Sorgen um seine Tochter.

Eva hatte die Nacht auf einem Stuhl an Markus’ Bett verbracht. Nun schreckte sie hoch. Und bemerkte, dass Markus gerade dabei war, die Augen zu öffnen. Sie beugte sich über ihn und flüsterte seinen Namen.

„Hörst du mich?“ Er nickte schwach. „Weißt du, wer ich bin?“

„Eva“, murmelte er leise. Tief bewegt griff sie nach seiner Hand.

„Ich bin so froh. Du ahnst ja nicht, wie froh ich bin.“

„Was … ist …?“ Sie erklärte ihm, dass er operiert worden war. „Wann?“, brachte er mühsam hervor.

„Vorgestern. Du hast bis eben geschlafen.“ Diese Information schien er erst einmal verarbeiten zu müssen. „Geht es dir gut?“ Er nickte. „Keine Schmerzen?“ Er verzog das Gesicht. Natürlich spürte er, dass er einen schweren Eingriff hinter sich hatte. Aber als Eva vorschlug, die Krankenschwester um Schmerztabletten zu bitten, schüttelte er den Kopf. Er wollte nur Evas Hand halten. Mehr nicht.

Ihre Gegenwart tat ihm sichtlich gut.

„Professor Chen ist es gelungen, den Tumor komplett zu entfernen“, erzählte sie nun. „Du wirst leben! Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin.“ Ein Strahlen breitete sich aus auf seinem Gesicht.

„Ich kann … sprechen … hören … fühlen … Ich bin kein … Zombie …“ Überglücklich schloss er die Augen. „Und du bist … meine Frau.“ Er drückte ihre Hand. Was sollte sie tun? Irgendwann würde sie ihm sagen müssen, dass sie nicht verheiratet waren. Aber doch nicht jetzt! Hoffentlich würde er nicht direkt danach fragen. „Die Hochzeit …“, flüsterte er. „Ich kann mich nicht erinnern …“

„Völlig unwichtig im Augenblick“, sagte sie. „Das größte Glück ist doch: Du kannst wieder ganz gesund werden.“

„Ohne dich … hätte ich keine Kraft gehabt für die OP … Ich liebe dich …“ Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen.

„Pst, du redest zu viel.“ In Wahrheit setzten seine Liebeserklärungen ihr zu. „Versuch, ein bisschen zu schlafen. Du musst dich noch schonen.“

2. KAPITEL

„Ich freue mich so für ihn!“ Eva war in den Fürstenhof gefahren und erzählte ihrem Bruder im Personalraum von Markus.

„Meinst du, ich kann ihn mal besuchen?“ Jacob blickte sie fragend an.

„Ich wünschte, du könntest es mir abnehmen“, seufzte Eva. „Aber außer Lena und mir soll momentan eigentlich noch keiner bei ihm sein, meinen die Ärzte.“

„Und du würdest dich am liebsten drücken“, vermutete Jacob. Sie nickte. Sie kam sich so schäbig vor.

„Ich kann Markus weder sagen, dass ich ihn liebe – noch, dass ich ihn nicht liebe. Und jetzt glaubt er zu allem Überfluss auch noch, wir sind tatsächlich verheiratet.“ Aus Markus’ Sicht war das ja auch logisch. Er hatte schließlich noch sein Jawort gegeben, bevor er zusammengebrochen war. „Und ich warte bloß noch auf den richtigen Moment, ihn zu verlassen, um endlich mit Robert zusammen zu sein.“

„Du hast alles gegeben – und aufgegeben – damit Markus seine Krankheit übersteht“, erinnerte Jacob sie liebevoll. „Und diese schwere Entscheidung war richtig. Er hat es geschafft. Langsam darfst du auch wieder an dich denken. An dein Glück. Das ist nicht verwerflich.“

Robert saß gerade im Bistro und schrieb einen Brief an Eva.

„Ich mache mir Sorgen um dich, du hast so viel auf dich genommen und durchgemacht“, begann er. „Und ich respektiere deine Entscheidung, bei Markus zu bleiben, bis es ihm gesundheitlich besser geht. Du gibst ihm Kraft, aber wenn du dich selbst schwach fühlst, lass mich bitte wissen, wenn ich etwas für dich tun kann, um dich zu unterstützen. Ich denke an dich und bin immer für dich da.“

„Was tust du da?“ Lena hatte ihm von hinten über die Schulter gesehen.

„Was tust du da?“, giftete er sie an und bedeckte den Brief mit der Hand. „Schon mal was von Privatsphäre gehört?“

„Markus braucht Eva mehr denn je“, sagte sie ernst. „Die Situation ist sowieso schon kompliziert genug, mach jetzt bitte nicht alles noch schwieriger!“

„Halt dich da raus!“ Das ging nur ihn und Eva etwas an. „Und was heißt überhaupt mehr denn je? Eva hat schon so viel für deinen Bruder getan. Er wurde operiert, er lebt. Jetzt ist sie auch mal dran.“

„Und das hast du zu entscheiden, oder was?!“, fauchte Lena. „Ganz schön egoistisch. Markus ist noch lange nicht über den Berg!“

„Ich habe volles Verständnis für deine Angst“, entgegnete er. „Aber du kannst von Eva nicht erwarten, dass sie sich ewig geißelt. Das wäre ziemlich egoistisch von dir. Du solltest Eva dankbar sein für alles, was sie getan hat.“

„Das bin ich.“ Lena war ruhiger geworden. „Und ich begreife auch sehr gut, in welchem Dilemma sie steckt.“ Und dennoch – im Moment ging es Lena nur um das Leben ihres Bruders. „Und Eva empfindet das genauso. Weil sie einer der anständigsten Menschen ist, die ich kenne.“

„Wenigstens siehst du es ein“, bemerkte Robert sarkastisch.

„Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass du Markus’ Heilung gefährdest.“ Lena schien zu allem entschlossen zu sein. Aber Robert hatte sich noch nie von den Dingen abhalten lassen, die er für richtig hielt.

Eva saß in Gedanken versunken auf ihrem Bett. Eigentlich hätte sie glücklich sein müssen: Markus wurde wieder gesund! Und die Kraniche hatten sicher auch geholfen dabei – all die guten Wünsche, die sie da hineingefaltet hatten … Bald würde Markus sie nicht mehr brauchen. Wenn Eva ihm nur endlich die Wahrheit sagen könnte! Sie konnte es kaum erwarten, Robert in die Arme zu nehmen, zu küssen … Aber das war egoistisch! Noch war Markus viel zu schwach, um den Schmerz auszuhalten. Und sie würde ihm sehr wehtun. Es tat ihr so leid. Aber jetzt musste sie ihm noch bedingungslos beistehen. Ganz egal, wie schwer das für sie war.

„Die Verlobung Ihrer Tochter mit dem Stallburschen ist so gut wie gelöst“, sagte Xaver ins Telefon. Jenny von und zu Liechtenberg machte wieder einmal einen ihrer Kontrollanrufe. „Aber zaubern kann ich auch nicht.“ Da sah er, dass Debbie sich näherte. „Ich muss aufhören, Feind hört mit. Ich melde mich, wenn es was Neues gibt.“ Damit legte er auf.

Erst jetzt registrierte er, wie aufgewühlt Debbie wirkte.

„Was ist denn los?“, fragte er.

„Ich kann das nicht“, brach es aus ihr heraus.

„Du kannst alles, du bist Amerikanerin“, zog er sie auf.

„Ich habe die beiden zusammen gesehen. Vielleicht sollte ich ihn einfach in Ruhe lassen.“ Das war nun das Letzte, was Xaver hören wollte.

„Wir waren uns doch einig, dass du eine Hochzeit zwischen den beiden verhindern musst“, beschwor er sie.

„Warum eigentlich?“, begehrte sie auf. „Weil ich mich verliebt habe? Nur wegen dieses bescheuerten Traumes von einem Mann mit braunen Haaren und einem Siegelring?“

„Bisher haben deine Träume immer gestimmt“, erwiderte er eindringlich. „Denk an deinen Vater und seinen Unfall.“ Dieses Argument erreichte sie. „Du musst nur richtig kämpfen!“, legte Xaver nach. „Vielleicht war das mit dem Planen und Zeichnen ein bisschen zu intellektuell. Du möchtest schließlich seine Gefühle rauskitzeln.“ Und er hatte auch schon einen Plan.

Debbie und Xaver warteten in einer entlegenen Ecke des Parks auf Jacob. Xaver hatte sich extra informiert: Krendlinger hatte gerade einen Termin mit dem Hufschmied gehabt und müsste gleich aus dem Stall kommen.

„Und du denkst, das funktioniert?“ Debbie wirkte skeptisch. „Männer verlieben sich doch nicht bloß in Frauen, die sie beschützen können?!“

„Nicht nur deshalb natürlich“, erwiderte Xaver. „Aber es hilft. Glaub mir, jeder Mann möchte ein ganzer Kerl sein.“ Und da entdeckte er auch schon Jacob in der Ferne. Rasch setzte er sich eine schwarze Sturmmütze auf. „Los, dein Auftritt!“, zischte er ihr zu und gab ihr, weil sie sich nicht rührte, eine kleinen Schubs. „Nimm dein Portemonnaie raus und mach alles genau so, wie wir es besprochen haben.“ Sie holte ihre Geldbörse hervor.

„Hilfe!“, rief sie zaghaft.

„Lauter!“, flüsterte Xaver.

„Das ist einfach nur albern“, sagte sie.

„Denk dran, was auf dem Spiel steht!“ Debbie rang mit sich. Doch dann trat sie einen Schritt vor und begann, so zu tun, als wäre sie Opfer eines Überfalls.

„Hilfe!“, schrie sie. „Lassen Sie mich! Hilfe!“ Jacob wurde sofort aufmerksam. Er sah, dass Debbie von einem maskierten Unbekannten bedroht wurde. Er rannte los.

„Hey!“, brüllte er aus vollem Halse. „Finger weg, du Mistkerl!“ Xaver zerrte ein wenig an Debbie herum. Jacob kam näher. Nun tat Xaver so, als würde er ihn bemerken, und ergriff die Flucht. „Ist alles okay?“, fragte Jacob, als er die scheinbar aufgelöste Debbie erreichte. „Geht es Ihnen gut?“

„Danke“, hauchte sie. „Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte.“

„Na warte, den kaufe ich mir.“ Vergeblich versuchte Debbie, Jacob zurückzuhalten. Er hatte sich schon an Xavers Fersen geheftet. Und er war schneller als der Portier. „Hier geblieben!“ Jacob packte Xaver an der Schulter und wirbelte ihn herum. „Wir zwei haben jetzt ein Date mit der Polizei!“ Xaver wollte sich losreißen, aber Jacob hielt ihn eisern fest. „Was sind Sie nur für ein feiges Schwein, eine junge Frau zu überfallen?!“ Jacob riss dem Unbekannten die Mütze vom Kopf. „Steindl? Sie?“ Am liebsten wäre Xaver im Boden versunken.

„Das ist alles ganz anders …“, stammelte er.

„Anders?“, hakte Jacob ein. Hilfe suchend sah Xaver zu Debbie. Doch die war viel zu fasziniert von Jacobs männlichem Auftreten, als dass sie ihm zu Hilfe gekommen wäre. „Wer hätte gedacht, dass sich unser kleiner Portier auf diese Weise ein kleines Zusatzeinkommen beschafft?“

„Ich bin kein Dieb!“, protestierte Xaver.

„Dann erklären Sie mir, was das alles zu bedeuten hat!“, verlangte Krendlinger. Nun meldete sich endlich Debbie zu Wort.

„Lassen Sie ihn“, bat sie. „Es ist ja nichts passiert.“

„Es war nur ein Scherz“, behauptete Xaver nun.

„Selten so gelacht“, knurrte Jacob. „Wer solche Scherze macht, gehört ins Gefängnis.“

„Das können Sie nicht tun!“ Xaver war sichtlich erschrocken.

„Nein!“, rief auch Debbie. „Bitte kein Gefängnis! So schlimm war es wirklich nicht!“ Jacob schien nicht die Absicht zu haben, auf sie zu hören. „Es war nur ein Spiel.“

„Ernsthaft“, pflichtete Xaver ihr bei. „Es war nicht böse gemeint.“

„Das soll die Polizei klären.“ Jacob zog Xaver mit sich. Debbie kam nicht umhin, seine Tatkraft zu bewundern. Aber natürlich wollte sie nicht, dass Xaver Ärger bekam.

„Es war wirklich nur ein Witz“, begann Xaver von Neuem. „Ein Spaß. Debbie hat von einem Überfall geträumt und mir das erzählt …“ Er wusste nicht mehr weiter.

„Stimmt das?“, fragte Jacob nun Debbie. Sie bejahte eifrig.

„Ich hatte ziemliche Angst“, meinte sie. „Und habe mich kaum noch getraut, allein rauszugehen.“ Xaver nahm den Faden auf.

„Ich wollte ihr helfen. Mit so einer Art Schocktherapie.“ Jacob runzelte die Stirn. Erst sollte der Überfall ein Witz gewesen sein, und nun eine therapeutische Maßnahme?

„Es war natürlich eine ziemlich blöde Aktion“, räumte Debbie jetzt ein. „Aber Xaver ist so. Er hat sich schon häufiger lustig gemacht über meine Träume.“

„Ich soll ihn also laufen lassen?“ Sie nickte.

„Er hat mir geholfen. Ich fühle mich jetzt schon viel sicherer.“ Sie schlug einen flirtenden Ton an. „Weil ich jetzt weiß, dass es hier mutige Menschen gibt.“ Jacob zuckte die Achseln. Es war ihre Entscheidung. Befremdet ließ er Xaver los.

Eva war bei Valentina.

„Wolltest du nicht eigentlich im Krankenhaus sein?“, wunderte sich Robert.

„Da fahre ich auch gleich wieder hin“, gab sie zur Antwort. „Ich brauchte nur zwischendurch mal ein bisschen Kindergebrabbel und ein paar Patschehändchen im Gesicht.“ Er lächelte. „Übrigens hat Valentina eben ihr erstes Bild gemalt“, fuhr sie fort.

„Das kann nur dein guter Einfluss sein“, sagte er grinsend. „Vielleicht ist Talent nicht nur angeboren, sondern färbt auch im täglichen Leben ab.“

„Über Talent sollte man vielleicht noch nicht sprechen“, sagte Eva und grinste ebenfalls. „Es waren eher Kritzeleien.“ Und Valentina hatte großen Spaß dabei gehabt, ihr erstes Bild gleich wieder in Fetzen zu reißen.

„Es hat ihren hohen künstlerischen Maßstäben nicht genügt, verstehe.“ Robert freute sich, dass er Eva zum Lachen bringen konnte.

„Es tut so gut, mal nicht über Krankheit und Tod nachzudenken“, seufzte sie.

„Wie geht es Markus denn?“, fragte er ernst.

„Er hat mich erkannt. Gott sei Dank. Und sogar geredet.“ Über den Berg war Markus natürlich noch nicht, aber es gab Hoffnung. „Das Einzige, woran er sich nicht erinnern kann, sind die letzten Momente vor seinem Zusammenbruch. Aber das ist wohl normal.“

„Dann besteht Hoffnung, dass dieser Albtraum ein Ende hat?“ Sie nickte, wirkte allerdings alles andere als froh. „Du siehst nicht so aus, als wäre dir nach Feiern zumute.“ Kläglich hob sie die Schultern. „Weil du irgendwann mit ihm reden musst.“

„Irgendwann. Über unsere Liebe, über die geplatzte Hochzeit, über alles. Aber jetzt würde es ihn umbringen.“ Das konnte Robert verstehen. Für Markus Zastrow würde es furchtbar werden. Egal, wann Eva ihm die Wahrheit sagte. „Ich würde es lieber heute als morgen tun.“ Robert betrachtete sie liebevoll.

„Eigentlich wollte ich dir das in einem Brief sagen: wie sehr ich dich dafür bewundere, dass du für Markus da bist. Und dass ich dir dabei helfen möchte, so gut ich kann.“ Dankbar lächelte sie ihn an. „Lass dir alle Zeit der Welt. Ich kann auch noch eine halbe Ewigkeit länger warten.“

Jacob erzählte Sibylle von Xavers „Überfall“ auf Debbie. Er sah sich nun in dem schlechten Eindruck, den er ohnehin von dem Portier hatte, bestätigt. Aber Sibylle verteidigte Xaver.

„Traust du ihm im Ernst zu, Frauen zu überfallen, um ihnen das Portemonnaie zu klauen?“

„Dem traue ich alles zu“, knurrte Jacob. Er ärgerte sich über sie. „So, wie du diesen Schwachkopf verteidigst, könnte man meinen, du bist immer noch in ihn verknallt.“

„Unsinn!“, protestierte sie.

„Du warst es mal“, beharrte er.

„Da kannte ich ihn kaum“, erwiderte sie. „Und vor allem: Ich kannte dich nicht wirklich. Seit sich das verändert hat, bin ich nur noch in einen verliebt. In dich.“ Sie gab ihm einen Kuss. „Kapiert, du Idiot?!“

„Jawohl!“, entgegnete er mit einem schiefen Grinsen.

„Es gibt überhaupt keinen Grund zur Eifersucht.“

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