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Euer dunkelstes Geheimnis

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. EINS
  7. ZWEI
  8. DREI
  9. VIER
  10. FÜNF
  11. SECHS
  12. SIEBEN
  13. ACHT
  14. NEUN
  15. ZEHN
  16. ELF
  17. ZWÖLF
  18. DREIZEHN
  19. VIERZEHN
  20. FÜNFZEHN
  21. SECHZEHN
  22. SIEBZEHN
  23. ACHTZEHN
  24. NEUNZEHN
  25. ZWANZIG
  26. EINUNDZWANZIG
  27. ZWEIUNDZWANZIG
  28. DREIUNDZWANZIG
  29. VIERUNDZWANZIG
  30. FÜNFUNDZWANZIG
  31. SECHSUNDZWANZIG
  32. SIEBENUNDZWANZIG
  33. ACHTUNDZWANZIG
  34. NEUNUNDZWANZIG
  35. DREISSIG
  36. EINUNDDREISSIG
  37. ZWEIUNDDREISSIG
  38. DREIUNDDREISSIG
  39. VIERUNDDREISSIG
  40. FÜNFUNDDREISSIG
  41. SECHSUNDDREISSIG
  42. SIEBENUNDDREISSIG
  43. ACHTUNDDREISSIG
  44. NEUNUNDDREISSIG
  45. VIERZIG
  46. EINUNDVIERZIG
  47. ZWEIUNDVIERZIG
  48. DREIUNDVIERZIG
  49. VIERUNDVIERZIG
  50. FÜNFUNDVIERZIG
  51. SECHSUNDVIERZIG
  52. SIEBENUNDVIERZIG
  53. ACHTUNDVIERZIG
  54. NEUNUNDVIERZIG
  55. FÜNFZIG
  56. EINUNDFÜNFZIG
  57. ZWEIUNDFÜNFZIG
  58. DREIUNDFÜNFZIG
  59. VIERUNDFÜNFZIG
  60. FÜNFUNDFÜNFZIG
  61. SECHSUNDFÜNFZIG
  62. SIEBENUNDFÜNFZIG
  63. ACHTUNDFÜNFZIG
  64. NEUNUNDFÜNFZIG
  65. SECHZIG
  66. EINUNDSECHZIG
  67. ZWEIUNDSECHZIG
  68. DREIUNDSECHZIG
  69. VIERUNDSECHZIG
  70. FÜNFUNDSECHZIG
  71. SECHSUNDSECHZIG
  72. SIEBENUNDSECHZIG
  73. ACHTUNDSECHZIG
  74. NEUNUNDSECHZIG
  75. SIEBZIG
  76. EINUNDSIEBZIG
  77. ZWEIUNDSIEBZIG
  78. DREIUNDSIEBZIG
  79. VIERUNDSIEBZIG
  80. FÜNFUNDSIEBZIG
  81. SECHSUNDSIEBZIG
  82. SIEBENUNDSIEBZIG
  83. ACHTUNDSIEBZIG
  84. EPILOG

Über die Autorin

Amanda Jennings hat Kunstgeschichte an der Cambridge University unterrichtet und war bei der BBC in der Produktion tätig. Sie hat mehrere psychologische Spannungsromane geschrieben, die auch international veröffentlicht wurden. EUER DUNKELSTES GEHEIMNIS ist ihr neuester Roman und spielt in Cornwall, wo Jennings viel Zeit während ihrer Kindheit verbrachte. Heute lebt sie in Henley mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern.

AMANDA JENNINGS

EUER
DUNKELSTES
GEHEIMNIS

THRILLER

Aus dem Englischen von
Christina Neuhaus

Prolog

In der Nacht ihres Todes hatte ich einen lebhaften Traum. Es war der Traum, den ich schon so oft träumte. In ihm renne ich. Jedes Mal. Der Herzschlag wummert in meinen Ohren. Mein Atem geht stoßweise, ist nur noch ein schmerzhaftes Keuchen. Es ist dunkel und kalt, und die Bäume scheinen mit ihren knorrigen Fingern nach mir zu greifen, als wären sie zum Leben erwacht. Die Wurzeln im Boden sind stark und meinem Blick verborgen, und so stolpere ich immer wieder auf meinem Weg. Meine Füße schmerzen. Ich senke den Kopf und bemerke, dass ich nur noch einen Pantoffel trage.

Wann habe ich nur den anderen verloren?

Jetzt ergreift Furcht von mir Besitz. Panik steigt in mir auf, und ich schnappe mühsam nach Luft. In meiner Brust wird es eng, als würde sie von der Hand eines Riesen zusammengequetscht, sodass ich schließlich kaum noch atmen kann. Es wird dunkler. Ich muss weiterlaufen. Und dann, als ich schon denke, nun ist es mit mir vorbei, erscheint vor mir ein herrlicher Sonnenaufgang und treibt die Dunkelheit zurück.

Sie sitzt, wie sie es immer tut, in einem strahlenden Lichtkreis auf dem Waldboden. Ein kleines Mädchen in einem weißen Nachthemd, das blasse Gesicht von weichen goldenen Locken umrahmt. Ich renne auf sie zu, und sie hebt den Blick. Als sie mich sieht, lächelt sie. Ich winke, und sie winkt zurück, dann muss ich lachen, weil sie meinen anderen Pantoffel trägt. Wir haben beide je einen nackten und einen beschuhten Fuß. Wie lustig! Als ich lache, beginnt das Licht zu verblassen, wie auch das Mädchen vor mir. Ich schreie so laut, dass es sich anfühlt, als müsste meine Lunge bersten. Ich muss sie erreichen, bevor sie sich gänzlich auflöst! Aber es ist, wie immer, zu spät. In dem Moment, in dem ich meinen Arm ausstrecke und meine Finger sie berühren wollen, ist sie verschwunden. Meine Hand greift ins Leere, als versuche sie, eine Rauchwolke einzufangen.

Dann wird es schwarz um mich, und der Boden zu meinen Füßen verschwindet. Ich stürze in die Tiefe, lande in einer Grube mit fensterlosen Wänden, die sich endlos in die Höhe zu erstrecken scheinen. Ich bin umgeben von schlüpfrigen Wänden, die in der Dunkelheit unmöglich zu erklimmen sind. Ich bin für immer verloren.

Das war mein Traum. In der Nacht ihres Todes.

EINS

»Du solltest im Wagen bleiben und mich zuerst mit ihm reden lassen.«

Ich erwidere nichts. Es war ja keine Frage, also ist auch keine Antwort nötig.

Ich starre aus dem halb geöffneten Fenster auf die Landschaft, durch die wir fahren, sehe die Sonne durch die Bäume blitzen und zerfetzte Strahlen auf die einspurige Fahrbahn werfen. Am Straßenrand wild wuchernde Hecken. Tief sauge ich die Luft in meine Lunge. Es ist die Luft, in der ich aufgewachsen bin. Luft, die nach regennassen Wiesen riecht und dem würzigen wilden Kerbel an ihren Rändern. Luft, die die Bauernhöfe, welche nur ein paar Meilen von hier entfernt liegen, erahnen lässt.

Eine ungute Vorahnung ergreift von mir Besitz, als wir die vertrauten Kurven nehmen, und dann setzt auch schon das Tick, tick, tick des Blinkers ein, das anzeigt, dass wir unser Ziel fast erreicht haben.

Der Wagen wird langsamer, biegt ein, dann kommt er zum Stehen. Ich wappne mich gegen den Anblick des Alten Pfarrhauses durch die sich nun langsam öffnenden Tore. Das Haus wiedersehen zu müssen ist zu viel für mich, weshalb ich rasch den Kopf senke und stattdessen auf meine knetenden Hände starre. David tätschelt mein Knie, eine Geste, die mich daran gemahnen soll, mich zusammenzureißen. Ich lehne mich gegen seine Schulter und frage mich kurz, ob er es wagen würde, den Wagen zu wenden und mich einfach von hier fortzubringen.

»Ich vergesse immer, wie schön es hier ist«, bemerkt er, als der Wagen langsam durch das Tor rollt. »Deine Mutter mag vielleicht verrückt gewesen sein, aber sie hatte ein Händchen für das Gärtnern.«

Ich will ihm sagen, dass er nicht so gemein sein soll, nicht heute und vor allem nicht angesichts des morgigen Tages, den wir noch durchzustehen haben. Aber ich tue es nicht. Stattdessen sage ich: »Ja, sie hat den Garten geliebt.«

Natürlich hat er recht. Es ist ein wunderschönes Anwesen. Ein perfekt proportioniertes Pfarrhaus aus grauem Stein, dicht bewachsen von flaschengrünem Efeu. Es steht inmitten eines prächtigen Gartens, der wiederum von einer hohen Backsteinmauer umgeben ist. Wildrosen umranken den Vordereingang. Wilder Wein, jetzt noch grün und saftig, dessen Blätter jedoch im Herbst feuerrot leuchten werden, schiebt seine Ranken über die Dachgesimse und Regenrinnen. Die abblätternde Farbe an den Fensterrahmen und das Unkraut zwischen den moosbedeckten Steinen der Terrasse verströmen einen Shabby-Chic-Charme. Im Haus selbst gibt es Dielen, die schon eine Ewigkeit knarzen, und Fenster, die selbst beim leisesten Windhauch klappern. Ein Ort aufwühlender Erinnerungen – Erinnerungen an tiefe Liebe, verriegelte Türen und klaustrophobische Einsamkeit. Und als ich schließlich doch zögernd den Blick hebe, brechen Welle um Welle die heranrauschenden Emotionen über mir zusammen. Das Haus ohne sie. Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen.

Kies knirscht unter den Autoreifen, als wir auf die Einfahrt rollen. Die Bäume um uns herum scheinen sich vor uns zu verneigen, als seien sie untröstlich. Jetzt sehe ich uns, mich und meine Mutter, wie wir zwischen ihnen umherwandern. Ihre Hand, die meine fest umschließt, während sie mich ihre Namen lehrt. Ich blicke hinunter zum Teich, zur Trauerweide, deren zarte Zweige kraftlos im trüben Wasser treiben, als sei sie tatsächlich überaus betrübt. Ja, auch die Bäume werden sie vermissen.

»Du schaffst das schon.« David schiebt mir die Haarsträhne, die mir ins Gesicht gefallen ist, hinter mein Ohr und fegt mir etwas von der Schulter. »Ich bin ja bei dir.«

Ich nicke schweigend. Meine Aufmerksamkeit ist auf die Vordertür gerichtet, die sich nun langsam öffnet. Mir dreht sich der Magen um, als mein Vater heraustritt. Da steht er, leicht gebeugt, die Arme in die Hüften gestemmt. Und wie wir uns so durch die Windschutzscheibe hindurch anstarren, fällt mir auf, wie alt er geworden ist. Wann hat er stattgefunden, dieser dramatische Niedergang? War es ein schleichender, sich über Jahrzehnte hinziehender Prozess, der ihn jeden Tag ein wenig mehr verwittern ließ? Oder hatte der Verfall schlagartig eingesetzt, irgendwann im Laufe der letzten zehn Tage, ab dem Moment, da er mich im Wartebereich des Krankenhauses mit nichts als einem stummen Kopfschütteln begrüßt hatte?

Ich bemerke, dass seine braune Strickjacke falsch zugeknöpft ist. Schief hängt sie über seinen Schultern, und es versetzt meinem Herzen einen Stich. Wenn es noch einen Beweis gebraucht hätte, dass sie wirklich und für immer gegangen ist, dann ist es diese nachlässig geschlossene Jacke. Wäre sie noch am Leben, hätte sie ihm das Ding seufzend auf- und wieder richtig zugeknöpft, wie sie ihn stets für jeden Besuch zurechtgemacht hat.

David steigt aus dem Wagen, und ich beobachte, wie er auf den Hauseingang zugeht. Mit beiden Händen ergreift er die hagere rechte meines Vaters und schüttelt sie. Dann spricht er einige Worte. Mein Vater schenkt ihm ein dürres Lächeln, nickt und erwidert etwas. Dann schauen beide in meine Richtung, und ich wende den Blick ab.

Ich bin noch nicht bereit. Lautlos beginne ich zu weinen. Ich bin noch nicht bereit, meine Mutter zu beerdigen.

Als ich wieder aufsehe, bedeutet mir David, zu ihnen zu kommen, als gelte es, ein verängstigtes Tier aus seinem Käfig zu locken. Ich hole tief Luft und öffne die Wagentür.

»Hallo, Bella.«

Mein Vater klingt matt. Er hebt seinen Arm in meine Richtung, lässt ihn dann aber wieder sinken. Vielleicht hat er mein Zögern bemerkt. Aus der Nähe wirkt er geradezu gebrechlich. Der Anblick schockt mich. Die Farbe seiner Augen ist verblasst, ein fahles Wasserblau, wohingegen die dunkelroten Tränensäcke darunter wie frische Blutergüsse hervorstechen. Das Gesicht ist ausgemergelt und grau. Der Tod meiner Mutter hat ihn zweifelsohne verwüstet. Keiner von uns sagt ein Wort, und dann wird mir bewusst, dass David uns anstarrt, unser Verhältnis zueinander genau beobachtet, wie er es immer tut. Unsere fehlende Zuneigung füreinander, die emotionale Kluft zwischen uns. Ich zwinge mich, einen Schritt auf meinen Vater zuzugehen. Ich sollte ihn umarmen, das gehört sich einfach so, und so öffne ich widerstrebend meine Arme. Einen Moment lang reagiert er nicht auf diese Geste, und das Gefühl von Peinlichkeit kriecht über mich hinweg. Aber dann, in einer abrupten Bewegung, tritt er vor, packt mich und zieht mich an sich, hält mich so fest, dass es mich zunehmend nervös macht. Doch er lässt nicht locker, und allmählich entspanne ich mich. Ich erwidere die Umarmung, presse mich an den weichen Cashmere seiner falsch zugeknöpften Jacke, atme ihn ein, den Geruch seines muffigen Arbeitszimmers, der sich mit dem Duft der Imperial-Leather-Seife vermischt, einer Seife, die er schon ein Leben lang benutzt. Meine Mutter und ich verwenden eine andere Marke. Pears Glycerine. Wie ein Tritt in die Magengrube fühlt es sich an, als mir einmal mehr bewusst wird, dass sie ja nicht mehr unter uns ist und dass ich in dieser Familie nun die Einzige sein werde, die von diesem Duft umweht wird.

Und als mein Vater und ich uns gegenseitig halten, scheint alles andere um uns herum zu verblassen. Die untröstliche Trauerweide, das Haus, das sich im Hintergrund erhebt, ja, sogar David, der schweigsame Beobachter. Das alles wird bedeutungslos, als der Duft und die Berührung meines Vaters mich umfangen.

»Es tut mir leid«, flüstert er, und ich spüre seinen Atem an meinem Hals. Dann versteift sich sein Körper, und der Moment der Nähe ist vorüber. Er macht einen Schritt zurück und deutet eine Verbeugung an. »Bitte, ihr beiden, kommt doch herein.«

Einen Moment lang zögere ich, wappne mich gegen die seltsame Stille, die nun zwischen den grauen Steinmauern herrscht.

Im Haus selbst ist es kühl. Es riecht nach abgestandener Luft und Möbelpolitur. Ich nehme meine Mutter überall wahr, im ausgetretenen Steinfußboden, in den Ölgemälden an den Wänden, ja, sogar beim Anblick der fehlenden Blumen auf dem Konsolentisch. Nicht ein Tag verging, an dem es keine Blumen im Haus gab, und sie wäre ziemlich ungehalten, wenn sie wüsste, dass Vater heute keine geschnitten hat. Weshalb wir alle nun auch so etwas wie ihre strenge Missbilligung verspüren.

David und ich gehen durch bis zur Küche, während mein Vater die Vordertür schließt – erst das Chubbschloss, dann die Kette, dann die Bolzen oben und unten –, ein Geräuschkonzert, laut und vertraut. Es ist, als flüstere das Haus mir zu. Es macht mich verantwortlich für ihren Tod.

Ich hätte es nicht aufhalten können, möchte ich schreien. Selbst wenn ich geblieben wäre, wäre sie jetzt trotzdem tot.

Es ist nicht meine Schuld.

Die Vorhänge in der Küche sind aufgezogen. Mein Magen verkrampft sich. Der Anblick sollte mir eigentlich gefallen, aber das tut er nicht. Er fühlt sich falsch an, als hätte mein Vater sich damit irgendwie illoyal verhalten. Ich widerstehe dem Drang, die Gardinen zu schließen, und setze mich an den Tisch. Ich streiche mit der Innenseite meiner Hand über das gemaserte Holz, verharre über einem alten Fleck, der von einem Filzstift stammt. Hier habe ich meine Hausaufgaben gemacht, Tag für Tag, an genau diesem Platz, von dem ich mich nur für Mathe und die Naturwissenschaften fortbewegte, die Fächer, die ich mit Henry in seinem verstaubten, mit Büchern angefüllten Arbeitszimmer durchnahm. Stets saß meine Mutter mit ernstem Gesicht neben mir, den Stift gezückt, mit dem sie auf diese oder jene Passage in meinen Lehrbüchern deutete, die Stimme ruhig, aber bestimmt. Ich liebte es zu lernen. Nie habe ich ihr gestanden, dass mir der Unterricht mit Henry besser gefiel. Es hätte sie schrecklich verletzt. Sie war eine gute Lehrerin, glaube ich, und nichts hat mich mehr gefreut, als sie so zufriedenzustellen, dass sie mir einen glänzenden goldenen Stern ins Arbeitsheft klebte.

Ich sehe auf, als mein Vater in die Küche kommt. Unwillkürlich rechne ich noch immer damit, dass er plötzlich ein breites Grinsen aufsetzt und sagt: Weißt du was? Es war nur ein kleiner Scherz meinerseits. Deine Mutter ist gar nicht tot, ihr ist nur ein wenig unwohl. Mach dir keine Sorgen. Sie kommt gleich runter. Aber das geschieht nicht. Stattdessen nimmt er den Kessel mit zur Spüle, füllt ihn mit Wasser. Ich will ihm sagen, dass er ihn zu voll macht, dass es so eine Ewigkeit dauern wird, bis das Wasser kocht. Aber die Anstrengung, die es mich kosten würde, diese Worte zu formulieren, ist einfach zu groß.

»Und? Alles bereit für morgen, Henry?«, fragt David. »Oder gibt’s vielleicht noch irgendetwas zu erledigen, was wir dir abnehmen könnten?«

Die Augen meines Vaters sind starr auf den Kessel gerichtet. »Oh, sehr nett, David, aber ich denke, ich habe so ziemlich alles auf den Weg gebracht. Du hast ja schon so viel für mich getan. Sie hätte nicht gewollt, dass ich eine große Sache daraus mache, also hab ich’s schlicht gehalten.«

»Nun, ich bin da, falls du noch was brauchst. Im Grunde ist es gut, dass du alles so schnell erledigt hast. Ich finde, es hilft, wenn man diese Dinge so rasch wie möglich hinter sich bringt und sich das Ganze nicht allzu sehr in die Länge zieht.«

Wenn man diese Dinge so rasch wie möglich hinter sich bringt? Wollte David das wirklich so formulieren? Nervös schaue ich zu meinem Vater, aber er scheint die taktlose Wortwahl meines Mannes gar nicht registriert zu haben. Stumm nickt er und widmet sich weiter der Teezubereitung.

Vater dabei zuzusehen, wie er diese einfache Aufgabe zu bewältigen versucht, ist schmerzvoll. Hilflos steht er vor dem Schrank aus Kiefernholz. Sein Blick irrt durch die Regale, dann greift er zögernd nach einer einzelnen Tasse, die er auf dem Tisch abstellt. Sodann geht er zurück und holt die zweite. Danach die dritte. Als die drei Tassen endlich vor ihm stehen, scheint ihm jeglicher Antrieb abhandengekommen zu sein. Ich beobachte, wie seine Verwirrung wächst, höre ihn murmeln, dass doch noch irgendetwas fehlt, dass der Tisch irgendwie anders aussieht, wenn sie ihn deckt. Dann tritt so etwas wie Erkenntnis in seinen Blick, und er geht noch einmal zurück zum Schrank. Um gleich darauf mit einem Stapel Untertassen zurückzukehren, die er eine nach der anderen unter die Tassen schiebt. Eine Untertasse bleibt übrig, was ihn offenbar wieder aus dem Konzept bringt. Geräuschvoll fängt hinter ihm der Kessel an zu kochen, verspritzt dampfend Wasser über die Arbeitsfläche. Leicht irritiert dreht er sich um, dann schaut er wieder auf seine Hand, als könne ihm die überzählige Untertasse so etwas wie Erlösung aus der Not bringen.

Er braucht Hilfe, aber ich rühre mich nicht. Ich sitze da wie eine kalte, schweigende Statue und verabscheue mich dafür. Und so ist es David, der Henry eine Hand auf den Rücken legt und ihn zu einem Stuhl geleitet. Mein Vater lässt sich darauf fallen, als hätte er einen Marathon absolviert, vollkommen erschöpft durch den Versuch, drei Tassen Tee zu servieren. Ich wende meinen Blick ab, will nicht darüber nachdenken, wie schwierig das Leben noch für ihn werden wird.

Ein paar Stunden später – David hat derweil in einem Sessel im Wohnzimmer Platz genommen und arbeitet sich durch das Kreuzworträtsel der Times – zwinge ich mich dazu, mit meinem Vater unter vier Augen zu sprechen. Ich finde ihn im Arbeitszimmer, wo er an seinem Schreibtisch mit der lederbezogenen Platte sitzt. Es ist der Raum, in dem er die meiste Zeit verbracht hat, seit er nicht mehr praktiziert und sich zur Ruhe gesetzt hat. Hier las er medizinische Fachzeitschriften und Biografien aus dem Zweiten Weltkrieg und bereitete meine Schulstunden vor. Ich versuche das Porträt meiner Mutter nicht anzusehen, das hinter ihm hängt. Es ist ihr ohnehin kaum ähnlich – viel zu majestätisch, viel zu mager –, und ihre Miene wie ihr Blick haben mich immer erschreckt.

»Wie geht es dir?«, fragt er mich, als ich die Tür hinter mir schließe.

»Ich vermisse sie«, erwidere ich, während ich mich auf dem durchgesessenen Lehnstuhl in der Ecke niederlasse. »Es ist seltsam ohne sie, oder? Als wäre das Haus nun ohne Steuermann. Klingt das komisch?«

»Nein, das klingt überhaupt nicht komisch.« Er reibt sich schwer seufzend über das Gesicht. »Ich sollte dich wirklich fragen«, sagt er dann. »Ob du sie sehen möchtest, meine ich.«

»Wie bitte?«

»Ihren Körper. Möchtest du – musst du – sie vor der Beisetzung noch ein letztes Mal sehen? Der Bestatter meint, du könntest sie am Morgen besuchen.«

Es gruselt mich bei dem Gedanken, sie tot und grau in der Kühlschublade einer Leichenhalle zu sehen, gleich neben anderen toten, grauen Menschen.

»Nein«, sage ich, und es fällt mir schwer, mir mein Grauen nicht anmerken zu lassen. »Ich muss sie nicht noch einmal sehen.« Ich halte inne. Dann: »Danke trotzdem.«

Er nickt und ein Tränenfilm benetzt seine Augen. Ich verspanne mich. Der Gedanke, ihn weinen zu sehen, ist fast so grauenvoll wie der Gedanke, die Leiche meiner Mutter betrachten zu müssen. Wir verfallen in ein unbehagliches, unnatürliches Schweigen, und um mich abzulenken, richte ich meinen Blick auf das Bücherregal neben mir. Im zweiten Fach steht eine Handvoll Fotoalben, die Rücken sorgfältig mit selbstklebenden Buchstaben beschriftet. Ich fahre mit den Fingern darüber und suche mir eines heraus, auf dem Elaine und Henry, Sommer 1977 steht.

Ich öffne das Album, und da ist sie. Das Foto raubt mir den Atem. Ich berühre ihr Gesicht, dann ihr Haar, dick und blond, die Farbe von Honig. Auf dem Bild trägt sie es hoch aufgesteckt, ein paar lose Strähnen hängen ihr bis auf die Schultern. Ihr Haar unterscheidet sich so sehr von meinem unbändigen mausgrauen Durcheinander. Einmal habe ich mir die Haare sogar blond gefärbt. Ich war zwölf, und Henry hatte gerade darauf bestanden, dass ich Schwimmen lerne, dabei meiner Mutter nachdrücklich klar gemacht, dass dies zwingend notwendig sei und dass sie ihre Angst vor großen Menschenansammlungen überwinden müsse. Am nächsten Tag dann bugsierte sie mich murrend und jammernd ins Auto und fuhr mit mir zum Friseur.

»Warum schneidest du mir nicht die Haare, Mama?«, fragte ich.

»Wenn du diesen verfluchten Schwimmunterricht mitmachst, wirst du auf andere Kinder treffen. Du brauchst einen guten Haarschnitt und ein bisschen Farbe. Kinder können grausam sein, weißt du? Das sagte ich dir ja schon. Wir wollen, dass du so gut wie möglich aussiehst.«

Also marschierten wir in den Salon.

»Sie braucht ein paar Akzente im Haar«, wies sie die Friseurin ohne große Vorrede an. »Haselnuss und Kupfer. Und ein bisschen fix, wenn ich bitten darf.«

»Es dauert so lange, wie’s nun mal dauert, tut mir leid«, sagte die Friseurin.

»Machen Sie einfach hin.«

Meine Mutter, die kaum jemals das Haus verließ, saß nervös da und klopfte mit dem Fuß auf den Boden, den Blick starr auf die Tür gerichtet. So bekam sie auch nicht mit, wie die Friseurin mir vorschlug, dass Blond eigentlich die bessere Wahl sei. Und wie sie Blond aussprach. Es klang so exotisch und aufregend.

»Blonde haben einfach mehr Spaß, weißt du? Mit Ausnahme deiner Mutter natürlich. Nicht böse sein, aber es könnte doch nicht schaden, wenn die sich mal den Stock aus dem Hintern ziehen und ein bisschen Spaß haben würde, was? Wobei sie dafür vielleicht nicht blond genug ist.« Die Frau lachte und zwinkerte mir zu. »Also, wie sieht’s aus? Blond?«

Ich zuckte leicht die Achseln und nickte. »Wie Sie meinen«, brachte ich trotz meiner krankhaften Schüchternheit heraus.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr mir der Anblick meines neuen Ichs gefiel. Aus dem Spiegel sah mir nicht mehr das schüchterne, stille Ding mit der mausgrauen Frisur entgegen, sondern ein anderes Mädchen – ein Mädchen mit wunderschönem blonden Haar, das ihre Züge unterstrich und ihre Augen hervorhob. Ich wandte mich zu meiner Mutter um, rechnete mit einem Lächeln. Aber sie weinte. Zuerst hielt ich es für Tränen der Freude, aber so war es nicht. Sie weinte auf dem gesamten Nachhauseweg. Kehlige Schluchzer, die ihren Körper so sehr durchschüttelten, dass ich Angst hatte, sie könnte mit dem Wagen von der Straße abkommen und uns beide in den Tod reißen. Meine Mutter hat mir nie erzählt, was sie damals so traurig gemacht hat. Und obwohl ich nicht sicher war, ob es an der Farbauffrischung lag – immerhin war das ihre Idee gewesen –, habe ich mir seitdem nie wieder die Haare gefärbt. Jetzt erinnere ich mich daran, wie sich ihr Haar anfühlte, wenn ich meine Finger darin vergrub, während sie mir vorlas, und mir laut wünschte, meine wären ebenso weich.

»Tja, und ich wünschte, ich hätte deine schönen Augen«, pflegte sie mir dann zuzuflüstern, bevor sie mich auf die Nasenspitze küsste. »Hellgrün – die Farbe von Seeglas. Genau wie die meiner Großmutter. Ziemlich unfair, dass du sie geerbt hast und ich nicht.«

Etwas, das meine Mutter und ich gemeinsam haben, ist der Teint. Milchweiß und durchscheinend, so zart, dass man das Netz der blauen und violetten Gefäße durchschimmern sieht, durch die das Blut pumpt.

Doch auch das teilen wir nun nicht mehr, denke ich, und mein Magen zieht sich aufgrund des sich einmal mehr bemerkbar machenden Verlusts zusammen.

Ich blättere durch das Album, und da, auf der letzten Seite, klebt plötzlich ein Foto, an das ich mich nicht erinnere. Sie ist im Urlaub, sitzt auf einem Handtuch am Strand. Die von Hitze und Sand erzeugten Gelb- und Rottöne werden durch die unnatürliche Farbwiedergabe des Siebzigerjahre-Filmmaterials noch verstärkt. Sie trägt einen weißen Bikini, der breite Gürtel mit dem schwarzen runden Plastikverschluss umspielt ihre Hüften. Das Haar ist lässig nach hinten gebunden und mit Sandkörnern gesprenkelt. Sie lehnt sich zurück. Auf ihre Hände aufgestützt, lächelt sie strahlend in die Kamera, die sommersprossige Nase wie so oft leicht gekräuselt. Vorsichtig hebe ich das Foto unter der Schutzfolie hervor und bringe es zu meinem Vater.

»Wann ist denn dieses Bild entstanden?«, frage ich und lege es vor ihn auf den Schreibtisch. Er hebt es hoch und blinzelt. Dann erscheint der Hauch eines Lächelns auf seinem Gesicht.

»Lange vor deiner Geburt. Das war in Griechenland.«

»Sie sieht so glücklich aus.« Ich fahre mit den Fingerspitzen über ihr Gesicht. »Und ich dachte, sie mochte es nicht, zu verreisen?«

Wortlos reicht er mir das Bild zurück.

»Tut mir leid, dass du nun ohne sie sein musst«, sage ich, weil mir nichts Passenderes einfällt.

»Ich komme schon klar.«

»Du wirst Hilfe im Garten benötigen. Vielleicht könnte ein- oder zweimal die Woche ein Gärtner kommen? Es würde ihr das Herz brechen, wenn er verkommen würde.«

»Dem Garten wird nichts passieren«, sagt er. »Ich kann mich sehr wohl selbst darum kümmern.«

Ich schüttle den Kopf. »Es geht nicht nur ums Laubharken und Rasenmähen, weißt du? Ich meine, du hast doch nie einen Rosenstrauch gestutzt, und im Garten gibt’s Hunderte von Rosenstöcken.« Ich warte auf eine Antwort, aber die kommt nicht. »Sie würde es hassen, wenn ihre Rosen vernachlässigt würden«, setze ich leise hinzu.

Ich wende den Blick ab und schaue aus dem Fenster. Die Dämmerung hat eingesetzt. Die Nacht nähert sich, und schon bald wird der morgige Tag anbrechen.

Der Tag, an dem wir sie beerdigen werden.

»Bella?«

Ich ziehe die Vorhänge zu und sehe wieder meinen Vater an. »Ja?«

»Ich muss dir noch etwas sagen … Es ist … wichtig …«

Er spricht leise, und in seiner Stimme schwingt ein Ernst mit, der sich für mich angesichts seiner Trauer irgendwie merkwürdig anfühlt. »Ich … nun …«

»Ja?«, sage ich wieder, und sein Zögern wird zu einem Schweigen.

Sein Gesicht ist vor Kummer verzerrt, dann schüttelt er den Kopf. »Nicht … nein, nicht jetzt … Das kann warten.« Wie er die Worte so stockend formuliert, erscheinen sie mir bleischwer. Dann vergräbt er das Gesicht in den Händen.

Eine Weile sitze ich einfach nur so da, darauf wartend, dass er sich wieder fängt. Aber das tut er nicht. Er bewegt sich kein bisschen.

»Dad?«, frage ich. »Alles in Ordnung?«

Er antwortet nicht, und ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll oder wie ich ihm helfen kann.

»Möchtest du etwas zum Abendessen?« Das Angebot klingt wenig überzeugend und unzureichend.

»Nein, danke«, sagt er endlich und hebt den Kopf, um mich anzusehen. »Ich habe keinen Hunger.«

Der Anblick des puren Schmerzes in seinem Blick erschüttert mich. Keinen Moment länger möchte ich mehr in seinem Büro sein. Ich muss hier raus.

»Dann gute Nacht«, sage ich.

Keine Antwort, also schließe ich hinter mir die Tür, was mich sogleich grenzenlos erleichtert. Draußen bleibe ich noch ein Weilchen im Flur stehen, und meine Gedanken gehen zurück zu dem Foto meiner Mutter am Strand. Ich hätte bei dem Thema nicht so schnell lockerlassen dürfen. Sie hat es immer gehasst, ins Ausland zu fahren. Ich hatte immer reisen wollen, hatte verzweifelt versucht, den Mauern des Alten Pfarrhauses zu entfliehen, um die Welt dort draußen kennenzulernen.

Eines Tages – es war ihr Geburtstag –, kurz bevor ich an die Universität gehen würde, hatte ich ihr Bahntickets für einen Trip nach Frankreich gekauft. Sie hatte uns ein besonderes Festmahl zubereitet, und nachdem wir auch unseren Apfelstreuselkuchen vertilgt hatten, schob ich ihr mein Geschenk über den Tisch. Die Tickets hatten mich fast meine gesamten Ersparnisse gekostet. Geld, das mir Henry über die Jahre statt eines anderen Geschenks zum Geburtstag und zu Weihnachten gegeben hatte. Ich hatte bis dahin keine Gelegenheit gehabt, es auszugeben.

»Alles Gute zum Geburtstag«, sagte ich, und mein Magen rumpelte vor Aufregung.

Doch als Elaine die Karte aufklappte und die Tickets entdeckte, sah ich, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.

»Die sind für den Eurostar, Mum. Wir fahren nach Frankreich. Nach Paris.«

Wortlos stand Henry auf, um den Tisch abzuräumen.

»Ich weiß, du bist nervös, und das bin ich auch. Aber es wird toll werden. Wir werden in den Louvre gehen und die Mona Lisa sehen. Wir flanieren auf den Champs-Élyseé und essen dann in einem schicken Restaurant, wo die Kellner Fliegen tragen.«

Sie sagte nichts. Das einzige Geräusch, das zu hören war, kam von Henry, der mit einem Messer Essensreste von den Tellern kratzte.

»Ich hab sie selbst bezahlt. Von meinem Ersparten. Ich möchte so gern etwas mit dir unternehmen. Nur du und ich. Bevor ich das Haus verlasse und mit dem Studium anfange.«

Elaines Blick weitete sich. Sie begann am ganzen Körper zu zittern. Ich sah, wie sie anfing, mit der Hand an ihrem Arm herumzukratzen, wie sich ihre Nägel in die Haut gruben, wieder und wieder und wieder. So sehr, dass bald schon die ersten Schrammen erschienen.

»Mum, hör auf damit!« Ich griff nach ihrer Hand, versuchte, sie davon abzuhalten. »Du tust dir doch weh.« Aber sie hörte nicht auf. Fester und schneller pflügten ihre Nägel über die Haut. Schon trat Blut aus den selbst zugefügten Wunden.

»Mum, lass das. Bitte.«

Elaine sah mich an, als wüsste sie nicht, wer ich bin. »Ich kann nicht weg von hier«, sagte sie. Ihre Stimme klang tonlos und düster, und ein Schauer lief mir über den Rücken. »Ich kann … hier nicht weg.«

»Schon gut«, sagte ich. Mein Herz wummerte in wachsender Panik. »Es war eine blöde Idee. Aber hör jetzt bitte auf, dir wehzutun. Ich wollte dich nicht verärgern. Ich hab nicht nachgedacht. Es tut mir leid.«

Da fuhr mich Elaine mit einem Furor an, den ich nicht erwartet hatte. »Versprich mir, dass du auch nicht fortgehst. Niemals. Das kannst du mir nicht antun. Versprich es mir – jetzt.« Sie packte meine Hand und schlug ihre Nägel nun in meinen Arm. »Versprich es mir, Bella!«

»Ja, ich versprech’s«, erwiderte ich hastig, während der Griff um meine Hand immer schraubstockartiger wurde. »Ich versprech’s!«

Da stieß sie sich heftig vom Tisch ab. Der Stuhl fiel polternd nach hinten, und sie rannte aus dem Zimmer. Ich sah rüber zu Henry, der meinem Blick auswich, stattdessen den Teller, den er gerade in der Hand gehalten hatte, abstellte und ihr folgte.

Und da saß ich nun, allein am Esstisch. Allein mit dem unbarmherzigen Ticken der Wanduhr, die als Einzige das bedrückende Schweigen durchbrach. Ich nahm die Bahntickets vom Tisch und riss sie in klitzekleine Stückchen, während sich die Küchenwände langsam auf mich zuzubewegen schienen, als wollten sie mich erdrücken.

ZWEI

Henry Campbell – 28. Juli 1977

»Du bist exquisit«, sagte er und küsste ihren straffen gebräunten Bauch, wobei er mit seiner Zunge die feine Salzschicht ableckte, die das Bad im Meer auf ihrer Haut hinterlassen hatte.

Sie lachte, griff nach unten und fuhr ihm durch die Haare, wobei ihre Nägel leicht über seine Kopfhaut strichen, was seine Leidenschaft nur noch mehr entfachte. Er war überwältigt von dem plötzlichen Bedürfnis, in ihr zu sein.

»Mrs. Campbell«, flüsterte er und zog sich langsam nach oben, wobei er ihren Körper mit hauchzarten Küssen überzog. »Ich muss der wohl glücklichste Mann sein, der je gelebt hat.«

»Ja.« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, fuhr mit den Fingerspitzen über seine Schulterblätter. »Ja, das bist du ganz sicher. Der glücklichste Mann, der je gelebt hat.«

Wieder küssten sie sich, drängender diesmal, die Haut ihrer Körper feucht von Schweiß, wo sie sich berührten. Die Hitze im Raum war intensiv. Die Luft unbeweglich und drückend. Er hatte für das Zimmer schon viel mehr bezahlt, als er sich hatte leisten können, und die Hotels mit Klimaanlage lagen nun mal außerhalb seiner finanziellen Möglichkeiten. Sie hatte ihm versichert, dass das Zimmer in dem schlichten, weiß getünchten Gästehaus auf der Klippe, von wo aus man den Hafen überblickte, perfekt sei, aber er hatte bei ihrer Ankunft an ihrem Gesichtsausdruck abgelesen, dass diese Unterkunft sie doch ein wenig enttäuschte. Natürlich hatte sie gelächelt, ihm gesagt, er solle nicht albern sein. Dass es egal sei. Dass es in diesem Urlaub nur um sie beide und ihre traute Zweisamkeit ginge und dass sie ohnehin nicht mehr als ein Bett bräuchten. Und doch hatte er es ihr angesehen, und das schmerzte ihn.

Nachdem sie sich geliebt hatten, lagen sie in die Laken verwickelt da, ihre glatten und gebräunten Beine verschlungen mit den seinen, wobei ihr das honigfarbene Haar weich über die Schultern fiel.

»Glaubst du, ich trage schon ein Baby in mir?«

Die Frage überraschte ihn. »Was?«, erwiderte er lachend.

Sie kam hoch, stützte den Kopf mit einer Hand ab und starrte ihn unverwandt an. »Ich meine es ernst, Henry. Denkst du, es ist möglich? Glaubst du, es wächst gerade ein Kind, unser Kind, in mir heran?«

»Meine Güte, das bezweifle ich, Liebling. Statistisch gesehen ist das sogar sehr unwahrscheinlich.«

Ihre Züge entgleisten. Sie schnappte sich das Laken und zog es sich über den Körper. Dann drehte sie ihm ihren Rücken zu.

»Lainey?« Er griff nach ihr, doch sie zog sich von seiner Berührung zurück, rutschte gar ein Stück weit von ihm weg und legte, wie zum Schutz, einen Arm über ihren Kopf.

»Hey«, sagte er leise und rieb über ihre Schulter. »Was ist los? Hab ich was Falsches gesagt?«

Einen Moment lang rührte sie sich nicht, und dann, urplötzlich, drehte sie ihm ihr Gesicht zu und sah ihn an. Aus zusammengekniffenen glühenden Augen fauchte sie: »Statistisch gesehen?«

»Na ja, du weißt, es ist … tja, also du hattest doch erst kürzlich deine Periode, und solche Dinge … brauchen doch normalerweise ihre Zeit.«

Sie schüttelte missbilligend den Kopf, und er sah, dass sich Tränen in ihren Augenwinkeln bildeten. »Ganz der Arzt, was? Ich hab dich nicht nach medizinischen Fakten gefragt. Ich hab geträumt, den Moment genossen, und du hast ihn ruiniert. Du hättest nur ein bisschen mit mir träumen müssen, mehr nicht, aber du hast es kaputt gemacht.«

Er zögerte, konnte sich nicht erklären, wie sie von einem von Liebe erfüllten Moment in diese miese Laune gekommen war, so schnell und ohne erkennbaren Grund. So etwas hatte er noch nie erlebt. Genauer gesagt war es das erste Mal, dass er eine solch extreme Stimmungsschwankung bei ihr beobachtete. Er studierte ihre Miene, um zu sehen, ob sie womöglich gleich wieder lächeln oder gar lachen und ihn ermahnen würde, nicht so ernst aus der Wäsche zu schauen. Hoffte, dass sie ihn vielleicht nur aufgezogen hatte. Doch stattdessen rollten ihr nun wirklich die Tränen über die Wange.

»Hey, schscht, schscht, mein Engel«, versuchte er sie zu beruhigen. »Tut mir leid, dass ich deine Frage missverstanden habe.« Behutsam rutschte er zu ihr, wischte mit den Fingerspitzen die Tränen von ihrem Gesicht. Als sie nicht vor ihm zurückwich, zog er sie fest an sich, tätschelte ihren Kopf und streichelte ihr übers Haar. »Es tut mir leid, Lainey. Du hast recht, ich hab wirklich wie ein Arzt reagiert, und ich sehe nun, dass du das ganz und gar nicht magst. Manchmal bin ich wirklich ein Trottel. Und weißt du was? Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als den Gedanken an ein Baby, unser Baby, das gerade in diesem Moment in dir heranwächst. Was für eine tolle Hochzeitsreise das doch wäre. Man bricht zu zweit auf und kehrt zu dritt wieder zurück.«

Er fühlte, wie sie sich entspannte, dann legte sie ihre Arme auf seine Brust. »Oh ja«, flüsterte sie verzückt. »Das wäre wunderbar. Zu zweit aufbrechen und zu dritt heimkehren.«

Sein Körper wurde von Erleichterung erfasst, und er küsste sie sacht auf die Stirn.

»Das ist nämlich alles, was ich mir je gewünscht habe«, fuhr sie fort, während ihre Fingernägel eine Acht auf seiner Haut zeichneten. »Ein Baby, das ich versorgen kann. Das allein will ich, und bis ich nicht eins an meine Brust drücken kann, so lange werde ich nie wahrhaftig glücklich sein.« Sie küsste ihn auf den Hals. »Das verstehst du doch, Liebling, oder nicht?«

»Gewiss«, sagte er leise. Aber das tat er nicht, und während er sie noch immer hielt, versuchte er das Unbehagen zu ignorieren, das sich von seinem Magen aus langsam in seinem ganzen Körper ausbreitete.

DREI

Am nächsten Tag werde ich noch vor acht von den Strahlen der Sonne geweckt, die durch das Fenster auf das Bett fallen. Einen Moment lang habe ich vergessen, dass heute der Tag ihrer Beisetzung ist, doch dann trifft mich die Erinnerung wie ein Schlag, woraufhin ich sofort wieder in diese klebrige Trauer verfalle.

David ist schon aufgestanden. Seine Seite des Betts ist kaum zerwühlt, nur ein Abdruck auf seinem Kissen ist zu erkennen, wo sein Kopf geruht hat. Er schläft nie länger als bis sechs. Etwas, an das ich mich erst gewöhnen musste. Mir gefällt das nicht. Nicht weil es mir etwas ausmacht, wenn er so früh auf den Beinen ist, sondern weil es – nein, weil er mich dadurch irgendwie faul aussehen lässt. Er verhehlt auch seine Missbilligung nicht, wenn ich länger schlafe, und mit länger schlafen ist alles nach halb acht gemeint. Dann verpasst du eben das Beste des Tages, bemerkt er dann, während er vorwurfsvoll mit der Zeitung raschelt. Meine Mutter war auch so. Sie hat es gern gesehen, wenn ich mich früh und gut gelaunt aus den Federn erhob und mich mit Frühstück im Magen sowie geputzten Zähnen zu unserer ersten Unterrichtsstunde um halb acht einfand. Manchmal frage ich mich, wie es wohl ist, mich den ganzen Tag im Bett herumzufläzen und nach Herzenslust meinen Tagträumen nachzuhängen. Selbst als ich noch Studentin war, habe ich mir das nie erlaubt. Zu konditioniert vermutlich, um es auch nur auszuprobieren. Aber eines Tages werde ich es mal versuchen. Ja, eines Tages werde ich hinter mir die Tür abschließen, um ihn auszusperren, und dann bis zum Schlafengehen absolut nichts tun.

Ich klettere aus dem Bett und gehe zum Fenster, schließe dabei den Gürtel meines Morgenmantels. Furcht ergreift mich, als ich den Tag draußen erblicke. Und er ist schön. Ich kann die Vögel singen hören, verborgen von allen Blicken in ihren schützenden Baumkronen. Der Himmel erstrahlt in einem satten Kobaltblau, nicht eine einzige Wolke ist in Sicht. Schon jetzt kann ich die Hitze der Sonne spüren, die sich ihren Weg durch die einfach verglasten Scheiben bahnt. Das Wetter ergibt keinen Sinn. Regen wäre angebrachter, dazu ein verdunkelter Himmel, ein richtiger Scheißwetter-Tag. Meiner Mutter hätte es gefallen. Sie liebte den Regen. Regen wäscht die Sünden von der Welt, Bella. Er wischt die Tafel wieder sauber. Ich schaue nach unten auf den Rasen, kann sie dort stehen sehen, die Schere in der einen, ein Bündel geschnittener Rosen in der anderen Hand. Sie hat das Gesicht zum Himmel emporgehoben und die Augen geschlossen, während die Regentropfen ihr Gesicht benetzen.

Die Sonne brennt in meinem Rücken, als wir schweigend in die Kirche gehen. Als ich Platz nehme, bemerke ich schmerzvoll, wie wenig Trauergäste anwesend sind, und mein Magen zieht sich zusammen. Doch was habe ich erwartet? Keine Ahnung. Vielleicht, dass ein paar mehr Verwandte kommen würden. Meine Eltern haben mir nie erzählt, warum sie sich so sehr von ihren Familien entfremdet haben, doch ich habe – vielleicht naiverweise – gehofft, der Tod könne wenigstens für einen Tag die Risse wieder kitten. Schon vor langer Zeit habe ich mich damit abgefunden, keine Großeltern zu haben, keine Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Doch es bricht mir das Herz, mich nun in der Kirche umzusehen und diese pflichtschuldigen Bekannten zu sehen, die vereinzelt oder zu zweit hier erschienen sind und schon jetzt gelangweilt auf ihre Armbanduhren schauen. Meine Mutter hat nie an das Konzept Freundschaft geglaubt. Wir drei, pflegte sie zu sagen, das ist alles, was wir brauchen. Doch wie ich mich nun so in der Kirche umschaue, weiß ich, dass sie damit falschgelegen hat.

Ich schaue zu meinem Vater. Er weint nicht, was mich gleichzeitig überrascht und seltsamerweise auch erleichtert. Stattdessen starrt er stur geradeaus, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und mit durchgedrückten Schultern Haltung bewahrend. Ich wundere mich ein wenig über seine demonstrative Emotionslosigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass er der Religion grundsätzlich misstrauisch gegenübersteht. Trotz Elaines größter Bemühungen ist er nie zur Kirche gegangen. Sie war sehr gläubig, ging jeden Sonntag zum Gottesdienst und stellte jedes Jahr eine Sachspende für die Dame, die die christliche Altkleidersammlung durchführte, vor unser Tor. Soweit ich mich erinnere, war der Kirchgang die einzige Gelegenheit, bei der sie freiwillig das Haus verließ. Jedes Mal musste ich sie begleiten, egal, wie sehr ich bettelte, zu Hause bleiben zu dürfen.

»Der Herr verlangt es«, pflegte sie zu sagen. »Er erwartet nicht viel, aber wenn du nicht an diesen anderen Ort kommen willst – und sei dir ganz sicher, das willst du nicht –, dann reichen die kirchlichen Festtage nun mal nicht aus.«

Soweit es Elaine betraf, musste man also Strenge und Disziplin walten lassen, wenn man das Himmelreich im Visier hatte, doch in diesem Punkt verzweifelte sie an Henry.

»Wenn du einmal so alt und griesgrämig bist wie er«, sagte Elaine immer, während sie meinen feinen schwarzen Mantel zuknöpfte, »kannst du für dich selbst entscheiden, ob du auch eine gottlose Heidin sein willst. Doch bis es so weit ist, kommst du mit mir.« Und auf ging es: Ich in meinen auf Hochglanz polierten Schuhen und mit widerwillig gekrauster Nase, die Hand fest in ihrem Griff, während sie mich daran gemahnte, den Blick gesenkt zu halten und mit niemandem zu sprechen.

Ich fange an zu weinen, als die Musik zu spielen beginnt, und im gleichen Moment weiß ich, dass ich nicht werde damit aufhören können. David lehnt sich zu mir herüber und sagt mir, ich solle still sein. Ich nicke durch die Tränen und versuche, die Schluchzer zu unterdrücken.

Nach dem Gottesdienst fährt David mit uns hinter dem Leichenwagen zum Krematorium. Er hatte meinem Vater von einem Trauerwagen für die Angehörigen abgeraten.

»Ich kann uns doch fahren, Henry. Ist doch nicht erforderlich, auch noch Geld für ein zweites Auto auszugeben.«

Ich lehne meinen Kopf ans Wagenfenster. Meine Augen brennen und fühlen sich geschwollen an. Und ich wünschte, ich hätte mich mehr an der Planung der Beisetzung beteiligt. Das alles hier fühlt sich doch recht dürftig an. Mein Vater hat sich selbst gegen einen Beerdigungskaffee entschieden. Unnötig, hat er gemeint, nicht zuletzt, weil sie den Gedanken an eine große Menge Leute im Haus gehasst hätte. Ich denke, das ist durchaus ein Argument.

»Kann ich was für dich tun?«, fragt David, als er seinen Schlips lockert, nachdem wir das Alte Pfarrhaus wieder betreten haben.

»Nein, danke.« Ich bücke mich, um den unteren Riegel vorzuschieben, dann schließe ich das Chubbschloss, während mein Vater wortlos nach oben geht. »Ich glaube, ich gehe ein bisschen im Garten spazieren.«

»Ohne einen Pullover?«

»So kalt ist es nicht –«

»Du brauchst einen Pullover. Warte hier, ich hole dir einen.«

Früher habe ich mich noch darüber beschwert, dass er um alles so ein Aufhebens macht. Aber er hat betont, es wäre seine Art, mir seine Liebe zu zeigen, und dass ich froh sein solle, dass sich jemand um mich kümmert. Und letzten Endes ist es einfacher, einzulenken, als ständig mit ihm darüber zu streiten. Davon abgesehen hat Elaine ja auch immer alles für mich erledigt, weshalb es mir nicht schwerfiel, diese Form der Fürsorge zu akzeptieren. Manchmal indes möchte ich ihn anschreien, ihm sagen, wie klaustrophobisch sich das anfühlt, aber ich hasse es, wenn er böse wird, wenn sich seine Miene verfinstert und er mich anfunkelt. Also gebe ich meistens nach.

»Na schön«, sage ich. »Dann nehme ich eben einen Pulli mit.«

»Gut«, erwidert er und lächelt. »Ich bin froh, dass ich hier bin und ein Auge auf dich haben kann. Du selbst kannst das ja nicht so gut. Weißt du was, ich bringe mir auch einen Pullover mit. Ich könnte auch ein bisschen frische Luft vertragen.«

»Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich allein gehe?«

»Du brauchst Begleitung. Ich –«

»Ist schon okay«, sage ich schnell. »Ich bleibe nicht lang.«

Er schaut mich zweifelnd an.

»Bitte.«

Ich atme erleichtert auf, als er endlich widerstrebend nickt. Ich warte, bis er mir den Pullover gebracht hat, danke ihm, als ich ihn überstreife, und schlüpfe schnell nach draußen, bevor er es sich noch anders überlegt.

Ganze Wolken von Mücken hängen in der Luft, und das gedämpfte Gurren der Ringeltauben durchbricht die Stille. Ich gehe über den Rasen auf die Eiche zu. Das ist der Lieblingsplatz meines Vaters. Vor Jahren hat er die Holzbank gemacht, die den halben Stamm einsäumt. Einen Monat lang hat er jedes Wochenende daran gearbeitet. So viel Mühe hat er sich dabei gegeben. Ich habe ihn von meinem Fenster aus dabei beobachtet, fasziniert von all dem Gehämmer, Gehobel und Geschleife und davon, wie er ab und an fast liebevoll über das Holz streichelte. Einmal habe ich entdeckt, dass er unter dem Baum die Nacht verbrachte. Am Abend zuvor hatte ich Streit im Haus mitbekommen, verärgertes Geschrei und das Weinen meiner Mutter, schließlich das Geräusch der heftig zugeschlagenen Hintertür. Dann am nächsten Morgen erblickte ich ihn, zusammengerollt und die Arme um seinen Körper geschlungen. Es war Sommer, und doch dachte ich damals, dass es ein ziemlich heftiger Streit gewesen sein musste, der ihn dazu veranlasste, eine ganze Nacht im Freien zu verbringen. Er hatte nicht mal ein Kopfkissen.

Ich setze mich auf die Bank. Die Zweige des Eichenbaums wiegen sich im gesprenkelten Licht über meinem Kopf. Die Blätter rascheln – ein sanftes uraltes Flüstern. Mit meiner Schuhspitze streife ich einen winzigen Regenwurmhügel und hebe dann das Gesicht dem Baumkronendach entgegen. Ich wünschte, ich wäre dem Krematorium ferngeblieben. Der Bestatter hat gemeint, wir müssten nicht dableiben, aber ich fand es nicht richtig, sie auf ihrem letzten Weg allein zu lassen. Es war der bei Weitem schlimmste Teil des Tages, klinische Kälte mit fluoreszierendem Deckenlicht, Holzstühle in unordentlichen Reihen und ein derber Teppich in Schmutzigorange. Ich musste mein Gesicht abwenden und an Davids Schulter legen, als sich der rote Samtvorhang öffnete und sie langsam verschluckte. Ich konnte das Bild, dass sie am anderen Ende wieder ausgespien würde, nicht verscheuchen, wobei nichts mehr von ihr übrig sein würde als ein Häufchen qualmender Asche und einige störrische Knochenstückchen, die sich geweigert hatten zu verbrennen.

Meine Gedanken werden durch ein entferntes Husten unterbrochen. Ich schaue in die betreffende Richtung. Mein Vater geht über den Rasen auf mich zu. Ich hebe die Hand zu einem schüchternen Gruß. Er reagiert nicht darauf, kommt aber immer näher, die Last der ganzen Welt auf seinen zerbrechlichen Schultern. Ich wünschte, unser Verhältnis wäre besser. Es wäre schön, im Kummer vereint zu sein, anstatt der Trauer zu erlauben, uns noch mehr zu isolieren. Trotz oder vielleicht wegen der mehr als seltsamen Momente, in denen wir uns in der Gesellschaft des anderen wohlgefühlt haben – im Biologie- und Matheunterricht hauptsächlich. Momente, in denen sich sein Gesicht aufhellte und Begeisterung in seiner Stimme mitschwang. Nie sind wir uns näher gewesen. Es gab auch kaum Gelegenheit dazu. Wenn ich zurückblicke, so hat uns meine Mutter auch nie den Raum dazu gelassen, einander näherzukommen. Wenn ich irgendetwas brauchte, war sie es, die es mir gab. Henry und ich umkreisten sie, wie Himmelskörper die Sonne umkreisen, jeder auf seiner eigenen Umlaufbahn und doch beide angezogen von ihrer Schwerkraft. So war es eben. Ihre Familie: klaustrophobisch, einsiedlerisch, abhängig. Ich wünschte, ich wüsste etwas zu sagen, was uns jetzt wieder zusammenbringen könnte, aber vielleicht ist das nicht mehr möglich. Vielleicht sind wir zu alt, zu eingefahren auf den Gleisen, die meine Mutter einst verlegte. Ich versuche mir zu sagen, dass der tiefe Respekt und die distanzierte Liebe, die wir füreinander empfinden, ausreichen. Dass, wenn unsere jeweilige Trauer einmal verebbt ist, dies genügen wird, um uns Trost zu spenden.

Mein Vater setzt sich neben mich. Ich hebe ein zu Boden gefallenes Blatt auf, skelettiere und zerkrümele es schweigend zwischen meinen Fingern. Seine Stirn ist zerfurcht von tiefen Linien, und der Blick aus seinen Augen, rotgerändert von still geweinten Tränen, ist irgendwie abwesend.

»Störe ich dich?«, fragt er.

»Nein, überhaupt nicht.«

»Gut.« Er räuspert sich. »Bella …«

»Ja.«

»Ich … Ich muss mit dir reden.« Doch dann, wie schon gestern in seinem Arbeitszimmer, verstummt er.

»Was ist denn?«

»Oh.« Er wirkt überrascht. »Ja … Ich …« Wieder hält er inne, und seine Aufmerksamkeit scheint nun etwas Unsichtbarem und weit Entferntem zu gelten. Dann wendet er sich mir zu. »Wie geht’s denn so auf der Arbeit?«

»Arbeit?«

»Ja, Arbeit«, wiederholt er. »Ist bei deiner Arbeit alles in Ordnung?«

Ich weiß, dass er nicht darüber mit mir hat reden wollen, aber ich gehe darauf ein. »Danke, in meinem Job ist alles okay. So viel Drama findet ja in einer Unibibliothek nicht statt.«

»Gut.« Er zögert. »Das … ist gut.«

Ich warte eine Weile, falls er sich doch noch dazu durchringen kann, mir zu erzählen, was er auf dem Herzen hat. Aber das tut er nicht. Und ich werde ihn nicht dazu drängen. Ich bin mir sicher, er wird dazu in der Lage sein, wenn die Trauer um den Tod meiner Mutter sich ein wenig gelegt hat.

Ich schaue in die Zweige über uns. Ein Windhauch geht durch sie hindurch, und die Schatten der Blätter tanzen über mich hinweg. »Schön hier, oder?«, sage ich. »Unter dem Baum. Ich verstehe, warum du diesen Platz so sehr magst. Sehr friedlich hier.«

Das Geräusch, das er nun von sich gibt, lässt mich zusammenzucken. Ein seltsames, klagendes Wimmern, als leide er körperlich unter einer unsichtbaren Wunde. Sein Gesicht scheint noch mehr zusammengefallen zu sein, die Augen sind geschlossen, und doch quellen Tränen unter den Lidern hervor, während er unmerklich den Kopf schüttelt.

»Dad? Oh Dad.« Ich nehme seine Hand. »Es wird leichter werden, das verspreche ich dir. Noch fühlt es sich nicht danach an, aber das wird es. Irgendwann wird es dir bessergehen. Wird es uns bessergehen.«

Er drückt meine Hand, dann zieht er seine fort, als gelte es, sich zusammenzureißen und den Gefühlsausbruch, der ihn erfasst hat, irgendwie unter Kontrolle zu bringen. Er schüttelt wieder den Kopf, öffnet die Augen und sieht mich an. »Sie hat dich geliebt«, sagt er mit erstickter Stimme. »Sie hat dich sehr geliebt.«

»Ich hab sie auch geliebt.«

»Und die schrecklichen Fehler, die wir gemacht haben, tun mir leid.« Er umklammert die Kante der Bank mit beiden Händen, als wolle er Kraft aus dem Holz ziehen.

»Es gab keine Fehler. Ich war glücklich, das versichere ich dir. Die meiste Zeit über war ich sehr glücklich.«

Er scheint noch mehr in sich zusammenzufallen und wischt sich fahrig über das Gesicht. »Ich wünschte, ich wäre ein Mann mit größerer Stärke gewesen«, flüstert er.

Wie aus dem Nichts versetzt eine plötzliche Windbö die Zweige über uns in Aufruhr. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper, weil es mich fröstelt.

Was raunen sie mir zu?

Jemand ist über mein Grab gelaufen?

»Hör mal, wenn du für ein paar Tage mit uns zurückkommen willst, bist du herzlich willkommen. Falls du dich einsam fühlen solltest, meine ich. Ist ja ein großes Haus für nur eine einzige Person.« Ich für meinen Teil könnte mir nicht vorstellen, hier allein zurückzubleiben. Zu viele Dinge, die mir den Schlaf rauben würden. Das Knarzen des sich abkühlenden Holzes, die angsteinflößende Treppe, die hoch auf den Speicher führt, die im Schatten liegenden Ecken und die klammen Wände, die zu atmen scheinen.

Und jetzt auch noch der Geist meiner Mutter.

Er scheint mich nicht gehört zu haben. Er lehnt sich zurück und reibt mit den Handflächen über die Außenseite seiner Schenkel. Dann erhebt er sich. »Vergib mir.«

Zumindest glaube ich, dass er das gesagt hat. Seine Stimme ist so dünn, ja, fast tonlos, dass ich mir nicht ganz sicher bin.

Ich sehe zu, wie er zurück zum Haus schlurft. Es scheint unmöglich, doch in diesem Moment wirkt er auf mich noch älter als gestern schon. Noch verwitterter und zerbrechlicher. Als könne eine weitere unerwartete Windbö ihn mit sich und gen Himmel tragen wie einen Regenschirm.

Ich bleibe unter der Eiche sitzen, bis es mir zu kalt wird. Zurück in der Küche schnappe ich mir den Kater meiner Mutter und drücke mein Gesicht in das weiche Fell. Immer hat es eine graue Langhaarkatze im Haus gegeben. Diese hier ist Nummer drei. Ich setze mich und streichle ihn, aber er weigert sich zu schnurren, springt schon bald von meinem Schoß und jagt aus dem Zimmer.

»Du bist länger draußen gewesen, als du vorhattest«, meint David, der im Türrahmen erschienen ist.

»Mein Vater ist dazugekommen. Er wollte mir was sagen, konnte es dann aber doch nicht. Hat er vielleicht mit dir gesprochen?«

David schüttelt den Kopf. »Es wird noch schlimm werden für ihn. Sie war eine starke Persönlichkeit.« Mit seinen Fingerknöcheln streicht er mir über die Wange. »Ich mache dir eine Tasse Milch heiß, während du duschst und dir die Haare wäschst.«

Mit starker Persönlichkeit meint mein Mann schwieriger Mensch. Oft sage ich ihm, dass er uns nun mal so nehmen muss, wie wir sind. Er mag ja der Meinung sein, dass meine Eltern anders, ja, ein bisschen kauzig sind, aber sind das auf ihre Art nicht alle Familien? Erscheint nicht jede Familie nach außen hin ein wenig sonderbar? Ich versuche, mich mit Davids Geringschätzung nicht zu belasten. Er und meine Mutter sind sich nie auf Augenhöhe begegnet, aber ich wusste immer, dass das nie geschehen würde. Auch wenn sie gute Miene zum bösen Spiel machten, wann immer sie sich trafen, war ihr unterschwelliger Argwohn doch mit Händen zu greifen. Sie befanden sich im ständigen Wettbewerb darüber, was wohl das Beste für mich sei. Sich mit ihnen im selben Raum aufzuhalten und liebende Tochter und Ehefrau gleichzeitig spielen zu müssen war anstrengend.

Auf dem Weg Richtung Treppe komme ich am Arbeitszimmer meines Vaters vorbei. Die Tür ist zu, doch unten fällt ein Lichtschimmer in den Flur. Ich presse mein Ohr an das Holz und halte den Atem an, als ich zu lauschen versuche, aber ich höre nichts.

»Gute Nacht, Dad«, rufe ich durch die geschlossene Tür. »Ich bin müde. Bis morgen. Schlaf gut.«

Ich warte auf Antwort, doch vergebens. Ich sollte zu ihm reingehen, aber der Gedanke an seinen verzweifelten Kummer und sein hilfloses Gestammel hält mich davon ab. Also drehe ich mich um und steige so leise wie möglich die Treppe hinauf. Das Haus beobachtet jeden meiner Schritte. Auf dem oberen Absatz angekommen schlage ich den Weg zum Gästezimmer ein. Als ich an dem Aufgang vorbeikomme, der zum Dachboden führt, senke ich den Blick. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Eng und dunkel ist diese Stiege, und oben ist es stockfinster, als führe dieser Weg direkt ins Nichts. Ich werde nicht aufsehen. Egal, wie oft ich mir sage, dass es nur eine Treppe ist, mit einem Speicher an ihrem Ende, der mit Kartons, kaputtem Mobiliar und ausrangierten Büchern angefüllt ist, dass jedes Haus so einen Ort hat, dass es doch bloß ein ganz normaler Abstellraum ist – er ängstigt mich trotzdem.

Als ich aus der Dusche komme, liegt David schon im Bett. Meine Haut kribbelt vom heißen Wasser, und das frisch gewaschene Haar fühlt sich gut an. Auch ist es eine Erleichterung, das unangenehme Spannungsgefühl der getrockneten Tränen auf meinem Gesicht fortgespült zu haben. Ich klettere neben ihn, befreie mich umständlich aus dem Handtuch, als ich endlich ganz unter der Decke liege. Selbst nach acht Jahren bin ich noch immer zu gehemmt, um mich in seiner Anwesenheit nackt zu zeigen. Die Art, wie er mich dann immer ansieht, nervt mich. Wie ein gieriges Kind, das einen Schokokuchen anstarrt. Es könnte mir schmeicheln, ich weiß. Und ja, ich wünschte, ich wäre nicht so verklemmt und prüde. Ich wünschte, ich wäre eins dieser Mädchen, die sich einfach die Kleider vom Leib reißen und raus in den Regen laufen. Ich greife nach der Tasse mit der heißen Milch, die er für mich auf dem Nachttisch bereitgestellt hat. Er klappt sein Buch zu und legt mir eine Hand auf die Schulter.

»Mein hübsches Ding«, sagt er. »Ich muss sagen, es freut mich, dass du ein bisschen Gewicht zugelegt hast. Du bist zuletzt doch ein wenig zu mager geworden. Ich sage ja immer …« Er streicht mit der Hand über meine Brust. Ich versuche, mich nicht zu verspannen, und starre wie gebannt an die Decke, die stellenweise durch alte Stockflecken ein wenig nachgedunkelt ist. »… traue nie einer dürren Frau. Mit einer Frau, die kein Essen mag, stimmt was nicht. Da fehlt die Leidenschaft.« Er beugt den Kopf, küsst meine Brüste. Sein leicht ergrautes Haar fühlt sich weich an auf meiner Haut, sein Bartschatten ist rau. Ich stelle die Tasse zurück auf den Nachttisch und rutsche auf meine Seite des Bettes, fort von seinen Lippen auf meinem Körper.

»Glaubst du, meine Beerdigung wird so werden wie ihre?«, frage ich in der Hoffnung, damit seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken.

Er lacht.

»Findest du das lustig?«

»Tut mir leid. Nein.« Er schiebt die Finger unter mein Haar, legt meinen Nacken frei. »Sie wird nicht so ausfallen.«

»Woher willst du das wissen? Ich meine, wer sollte denn kommen?«

»Zum Beispiel Jeffrey und Barbara.«

»Ja, weil sie deine Freunde sind. Nicht meine.«

»Sei nicht albern. Wir sind verheiratet. Es sind unsere Freunde. Davon abgesehen arbeitest du in der Unibibliothek. Jeffrey ist dein Arbeitgeber. Und natürlich die Kollegen aus dem College, die werden auch kommen.«

»Ja, aus Pflichtschuldigkeit.«

Er rollt sich weg von mir und verzieht das Gesicht. »Bella. Du bist achtundzwanzig. Hör auf, dich wegen deiner Beerdigung zu sorgen. Vielmehr solltest du mal über meine nachdenken. In drei Monaten werde ich siebenundvierzig.« Er knurrt leise. »Meine Güte, siebenundvierzig. Wie schrecklich ist das denn? Da kann ich von Glück sagen, dass du mich jung hältst, was?«

»Warum schließe ich keine Freundschaften, David? Ich hatte nie Freunde. Mein bester Freund, nein, mein einziger Freund, existierte nur in meiner Fantasie. Ist das nicht tragisch?«

»Nein, das ist keineswegs tragisch. Davon abgesehen brauchst du auch keine Freunde. Du hast ja mich.« Er küsst mich wieder. »Und viele Kinder haben imaginäre Freunde.«

»Du auch?«

Er lacht. »Nein, natürlich nicht.«

Und dann erscheint dieser Ausdruck auf seinem Gesicht, der mir signalisiert, dass er jetzt Sex will. Er presst seinen Mund auf meinen, zwingt mit seiner Zunge meine Lippen auseinander, während seine Hand unter die Decke und zwischen meine Beine fährt.

»Würde es dir was ausmachen, wenn wir heute darauf verzichten?«, sage ich und versuche, mich von ihm wegzubewegen. »Mir ist irgendwie nicht danach, nach dem heutigen Tag, meine ich.«

»Mir ist aber danach, und es macht dir doch nichts aus, oder?« Er reibt sich an meinem Oberschenkel. Sein Atem ist heiß und feucht an meinem Hals. »Keine Sorge, ich mache schnell.« Mit diesen Worten spreizt er meine Beine und schiebt sich über mich. Ich beiße mir auf die Lippen, als er in mich hineinstößt.

VIER

Henry Campbell – 12. September 1983

Mit einem Handtuch wischte sich Henry den Schweiß aus dem Nacken und lehnte sich mit einem glücklichen Lachen an die Wand auf dem Squash-Feld.

»Gutes Match, Fraser«, keuchte er. »Schade, dass du mich trotzdem nicht schlagen konntest.«

»Ach, sei doch still, im dritten Satz hätte ich dich fast gehabt, und wenn du mich nicht angerempelt hättest, hätte ich das Spiel auch gewonnen.«

»Du hättest ja ein Let fordern können.«

»Was? Um mich dann für den Rest des Tages von dir als Weichei bezeichnen zu lassen? Wohl kaum.«

Henry lachte. »Du kennst mich zu gut.« Er rappelte sich auf und begann, seine Ausrüstung zusammenzupacken. »Wie geht’s Mum?«, fragte er vorsichtig, ohne Fraser dabei anzusehen.

»Na ja, sie hätte gern, dass du sie mal anrufst. Sie kann sich nicht erklären, was sie falsch gemacht haben soll. Versteht nicht, warum du sie nicht mehr besuchst.«

Henry antwortete nicht sofort. Er schulterte seine Sporttasche und machte sich auf Richtung Hallentür. »Das ist es nicht. Ich gehe ihr nicht aus dem Weg oder so. Wir haben nur noch keinen Tag gefunden, an dem es uns allen passt. Das ist alles.«

»Sie wüsste auch gern, was du zu Weihnachten geplant hast.«

Henry seufzte. »Herrgott, Fraser, es ist gerade mal September.«

»Ich weiß. Aber jetzt mal ehrlich, Hen, du kennst das doch. Ja, es ist noch früh, aber sie möchte das Ganze eben gern rechtzeitig planen, und wenn ich ehrlich bin, ich auch. Wenn ihr nicht kommt, würden Abby und ich die Kinder nämlich nach Pembroke bringen, wo wir dann bei Abbys Familie feiern würden. Ihre Leute haben gemeint, dass auch Mum und Dad herzlich eingeladen sind, aber Mum wird nicht zusagen, solange sie nicht weiß, was Elaine und du vorhabt. Elaine wird sicherlich nicht zu meinen Schwiegereltern kommen wollen, aber ihr beide seid natürlich ebenfalls willkommen. Wie auch immer, wenn ihr also bei Mum und Dad feiern wollt, werden wir Abbys Eltern absagen. Es ist schon eine halbe Ewigkeit her, dass wir Weihnachten mit euch verbracht haben.«

»Gut. Ich werde es dieses Wochenende mit Lainey besprechen. Ich sage dir und Mum dann Sonntag Bescheid, okay?«

»Klar. Danke. Ich hoffe wirklich, ihr verbringt die Feiertage mit uns. Wir vermissen euch.« Fraser klopfte seinem Bruder auf den Rücken. »Wollen wir noch was trinken?«

»Ich muss zurück.«

Fraser lachte und schüttelte den Kopf. »Die hat dich richtig an der Kandare, was?«

»Halt den Mund, Fraser«, gab Henry gallig zurück.

»Aber es ist doch so. Frauen sollten ihren Männern nicht andauernd vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Du musst dich auch mal gegen sie durchsetzen. Zeig mal etwas Rückgrat, Mann.«

»Hörst du jetzt auf damit? Verdammt, du hast doch keine Ahnung, was wir gerade durchmachen.«

»Schau, es muss doch möglich sein, dass du mit deinem Bruder noch einen Drink nimmst, ohne dass deine Frau eine Krise bekommt. Mehr sag ich doch gar nicht.«

Henry holte tief Luft, um sich wieder zu beruhigen. Fraser jetzt anzuschnauzen würde zu nichts führen. Und um ehrlich zu sein, war ihm im Moment sehr danach, mit seinem Bruder einen zu heben. Natürlich hatte Fraser recht. Wenn er nicht zur vereinbarten Zeit zu Hause war, würde Elaine ausflippen. Und dennoch … »Sie ist meine Frau«, sagte er. »Ich liebe sie, und ich gehe jetzt heim, weil ich es will, nicht weil sie es von mir verlangt. Und ich möchte auch nicht mehr in dieser Art und Weise über sie reden. Hast du mich verstanden?«

Um Beherrschung ringend starrten sich Fraser und Henry an, beide gleichermaßen drauf und dran, das auszusprechen, was endlich einmal rausmusste.

Es war Fraser, der als Erstes die Waffen streckte. »Sicher, Henry. Kein Problem. Ich dachte nur, wir könnten ein Viertelstündchen relaxen und uns einen genehmigen. Mehr nicht.«

Die Anspannung in Henry ließ nach. »Ich weiß. Sieh mal, die Situation zu Hause ist gerade alles andere als einfach.« Er seufzte schwer. »Lainey hatte schon wieder eine Fehlgeburt, wenn du es denn genau wissen willst. Ihr geht es wirklich nicht gut, und deshalb braucht sie mich jetzt.«

»Verstehe. Das tut mir leid. So ein Pech. Kann ich irgendwas für euch tun?«

Henry lachte bitter auf. »Nein, Fraser, es sei denn, du kannst verhindern, dass meine Frau ständig Fehlgeburten erleidet.«

Henry sah, wie die Züge seines Bruders entgleisten, und bekam ein schlechtes Gewissen. Zum Teufel, es war ja schließlich nicht Frasers Schuld. Es war niemandes Schuld. Alle Spezialisten, die sie im Laufe der letzten fünf Jahre konsultiert hatten, hatten ihnen versichert, dass es nicht an ihnen läge. Mit ihnen beiden sei alles in Ordnung. Es gäbe keine Erklärung dafür. Nichts, was die entsetzlichen Verluste erklären konnte, die sie verkraften musste.

Als Henry heimkam, fand er sie zusammengekauert auf dem Küchenboden sitzend. Sie hatte den Kopf gebeugt, das Haar fiel ihr ins Gesicht, die Beine waren angezogen. Die Hand war um ein sich auflösendes Stück Küchenkrepp geballt, das nass war von ihren Tränen. Als sie zu ihm aufsah, war ihr Gesicht vom Weinen ganz aufgedunsen und fleckig, die für gewöhnlich porzellanzarten Wangen mit Wimperntusche verschmiert.

»Oh Lainey, Liebling, ich bin ja jetzt hier. Ich bin zu Hause.«

»Wo … warst … du?«, fragte sie mit schwacher Stimme und nach Luft schnappend.

»Das hab ich dir doch gesagt.« Er setzte sich neben sie, legte den Arm um ihre Schulter und zog sie zu sich. »Ich war zum Squash-Spielen im Club. Erinnerst du dich?«

»Ich hab versucht, dich in der Praxis anzurufen. Wollte, dass du das absagst und nach Hause kommst, aber die Frau am Empfang hat gemeint, du wärst schon gegangen. Dabei war es erst halb fünf. Wieso warst du schon weg? Und dann dachte ich, du wärst vielleicht schon zu mir unterwegs. Aber du … bist nicht … heimgekommen.«

»Die letzte Patientin hat ihren Termin abgesagt, Liebes. Roger meinte, ich könnte gehen. Er würde die Stellung halten, falls noch jemand kommt.«

Sie verengte die Augen. Er wappnete sich. »Warst du mit Fraser zusammen?«

Die Schärfe in ihrer Stimme durchschnitt ihn förmlich. Er würde seine Worte sorgfältig wählen müssen, damit die Stimmung nicht gänzlich umschlug. Er holte tief Luft. »Ja, ich war mit Fraser zusammen. Wir hatten uns schon vor Wochen zu diesem Squash-Match verabredet. Aber gleich danach bin ich heimgefahren.«

»Ich kann nicht glauben, dass du das nicht abgesagt hast. Unser Baby ist vor siebzehn Tagen gestorben. Unser Baby ist gestorben. Henry! Wieso hast du den Termin nicht abgesagt? Du weißt doch, wie verzweifelt ich bin. Weißt, wie schwierig das für mich ist. Du weißt … Das weißt du doch, Henry.«

»Ich bin doch jetzt hier, Lainey. Bin doch jetzt bei dir, und alles wird wieder gut.«

»Weißt du was?« Sie spie die Worte fast aus, als sie sich erhob und nun mit fest verschränkten Armen auf ihn herabsah. »Das alles ist ziemlich weit entfernt von gut. Nichts ist gut. Ich muss all das hier durchmachen, und du kannst nicht mal ein Squash-Spiel absagen? Ich erkenne dich nicht mehr wieder. Ich meine, wie kannst du nur daran denken, in solch einer Situation Squash zu spielen? Hast du denn gar kein Herz?«

»Lainey, ich …«

»Sei still, Henry. Sei einfach still. Du weißt genau, wie sehr ich dieses Kind wollte. Und ich dachte, du wolltest es auch.«

»Aber das tue ich.«

»Nein, tust du nicht. Wenn es so wäre, hättest du dich nicht mit deinem Bruder zum Squash verabredet, nachdem dein Kind gestorben ist. Dann wärst du dazu nämlich zu traurig gewesen. Zu traurig, um Spaß zu haben. Beim Squash. Mit deinem Bruder.«

Henry kam auf die Beine und legte seine Hände auf ihre Schultern. Seine Stimme war sanft, als er sagte: »Es tut mir leid. Aufrichtig leid. Ich hätte sehen müssen, dass es noch zu früh ist, um dich allein zu lassen.« Rhythmisch und zart rieb er über ihre Arme und hoffte auf ein Zeichen der Entspannung in ihrem Gesicht. Doch ihre Augen blieben kalt, als sie über seine Worte nachdachte, zuckten hin und her auf der Suche nach was auch immer in seinem Blick. Endlich registrierte er so etwas wie einen winzigen Riss in ihrem Panzer. Er atmete erleichtert auf, ergriff ihre Hände. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und legte die Stirn an seine Schulter.

»Halt mich fest, Henry«, flüsterte sie. »Setz dich einfach aufs Sofa und halte mich hier im Dunkeln, bis ich einschlafe, ja? Ich bin so unglücklich. Ich habe mir ein Messer geholt, als du fort warst. Hab es an meine Pulsadern gehalten und gedacht, wie einfach es doch wäre, alldem ein Ende zu setzen. Diesem ganzen Schmerz. Kannst du mich einfach nur festhalten?«

»Natürlich. Ich halte dich fest. Die ganze Nacht, wenn du willst.«

Sie nickte und machte einen Schritt zurück. Dann lächelte sie und fuhr ihm durch die Haare in dem Versuch, sie ein wenig in Ordnung zu bringen. Da wusste er, dass sie zurück war. Ihre Züge hatten sich entspannt. Die Krise war vorbei. »Und wie geht’s Fraser?«, fragte sie. »Gut? Und Abby und den Kindern auch?«

»Ja, es geht ihm gut«, sagte er so unbeschwert wie möglich, auf dass nichts an dem Gesagten ihr Misstrauen zu erregen vermochte. »War nett, ihn mal wiederzusehen. Ach ja, er hat mich wegen Weihnachten angesprochen.«

»Und du hast ihm gesagt, dass wir verreisen, nicht? Dass wir auf die Kanaren in die Sonne fahren?«

»Es war nicht der rechte Moment, weißt du? Aber das werde ich noch.«

»Das musst du auch. Du musst es ihm sagen. Ich hab Ruhe nötig, Henry. Eine Pause und ein bisschen Sonne. Nur du und ich. Wir brauchen ein wenig Zeit allein. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist, im Haus deiner Eltern zusammengepfercht zu sein mit diesen schrecklichen lärmenden Jungs. Die sind ein Albtraum und du hasst sie doch genauso wie ich. Schon vergessen, wie sehr du sie hasst? Also wirst du es Fraser mitteilen, ja? Und deiner Mutter auch? Das Letzte, was ich brauche, ist noch mehr Stress. Im Ernst, Henry, ich war kurz davor, mir was anzutun.«

»Ich werde es ihnen morgen sagen.«

»Versprochen?«

»Ja.«

Er beugte sich vor, nahm sie in die Arme. Er fühlte sich so hilflos. Warum konnte sie nicht einfach schwanger bleiben? Mehr als alles auf der Welt brauchte sie ein Baby. Wenn sie erst einmal ein Kind hatten, dann bekäme er auch seine Frau zurück. Sie würde wieder völlig normal werden. Und er, er würde wieder glücklich sein.

FÜNF

Ich erwache mit einem schlechten Gewissen. Erholsamer Schlaf fühlt sich meiner Mutter gegenüber respektlos an, die nun in Form von Asche und unverbrannten Knochenstückchen in einer kalten Messingurne ruht.

David sitzt am Küchentisch, isst Toast mit Marmelade und liest die Zeitung.

»Heute fahren wir nach Hause«, sagt er.

»Meinst du nicht, wir sollten noch ein wenig bei meinem Vater bleiben?«

»Er kann uns jederzeit anrufen, wenn er uns braucht.« Er sieht mich an. »Wir sollten ihm ein wenig Raum geben, Bella. In ein oder zwei Wochen fahre ich dich wieder her, wenn du willst.«

»Wann willst du los?«

Er blickt auf seine Armbanduhr. »Noch am Vormittag. Ich dachte, ich fahre vorher noch schnell beim Supermarkt vorbei und kaufe etwas für ihn ein. Im Haus gibt es kaum Vorräte, und wir wollen ja nicht, dass er verhungert, oder?«

»Nein«, sage ich. »Wir wollen nicht, dass er verhungert.«

Ich rufe nach meinem Vater. Erst im ganzen Haus, dann zur Hintertür hinaus Richtung Eichenbaum, aber er antwortet nicht. Ich klopfe an die Tür seines Schlafzimmers, warte einen Moment, dann luge ich hinein. Aber dort ist er auch nicht. Allerdings scheint er schon auf zu sein, denn das Bett ist bereits gemacht. Ich verharre auf der Schwelle. Der Raum riecht ganz und gar nach ihr und ist angefüllt mit Dingen, die ihr gehören – ihren Pantoffeln am Fußende des Bettes, ihren Kosmetikartikeln und Parfümflakons auf dem Kaminsims, ihrem Buch und der Lesebrille, die auf dem Nachttisch geduldig auf ihren Einsatz warten. All das erzeugt die Illusion, sie wäre noch am Leben. Mein Blick geht in die Ecke des Raums – dort steht der mit Karostoff bezogene Sessel, den Henry immer in mein Zimmer schleppte, wenn ich krank war. Dann saß meine Mutter die ganze Nacht über an meinem Bett und kühlte meine Stirn mit kalten Frotteewickeln, wann immer ich Fieber hatte. Hielt mir das Haar zurück, wenn ich erbrechen musste. Beruhigte mich mit Wiegenliedern und hielt mich in ihren Armen, bis ich einschlummerte. Ich erinnere mich, wie ich mit hohem Fieber aus dem Schlaf aufschreckte und sie mich mit sanften Worten wieder beruhigte.

Ich schließe die Tür und gehe durch den Flur wieder zurück. Am Fuß der Treppe zum Dachboden halte ich an.

»Dad?«, rufe ich zögernd hinauf. Ich lausche angestrengt, doch kein Geräusch dringt zu mir. Er könnte durchaus da oben sein, um irgendetwas zu verstauen. Ich setze meinen Fuß auf die erste Stufe, dann halte ich inne. Mein Herz hämmert. Ich erinnere mich, wie sie mich anbrüllte, als sie mich einmal draußen vor der geschlossenen Speichertür vorfand. So laut schrie sie, dass ich dachte, mir würde das Trommelfell platzen. Zwei Stufen auf einmal nehmend kam sie die Treppe hinaufgehastet und packte mich am Arm. So fest zog sie daran, dass ich vor Schmerz aufschrie.

»Geh nie wieder da oben rauf, hast du gehört?«, sagte sie, als sie mich nach unten gezerrt und wir am Küchentisch Platz genommen hatten. »Es ist gefährlich dort. Alles steht voll mit Möbeln, die auf dich drauffallen und dich zerschmettern könnten, du dummes Mädchen.«

Ich erinnere mich auch, dass Henry meine Schulter später wieder eingerenkt hat. Es tat so höllisch weh, dass ich das Bewusstsein verlor, und als ich wieder zu mir kam, gab er mir Schokolade.

Sei nicht albern, sage ich mir und gehe die Treppe hinauf. An der Tür halte ich an. Es gibt keine Klinke. Nur einen Vierkantbolzen, auf dem die Klinke hätte sitzen sollen. Ich halte den Atem an und lausche. Nichts.

»Dad«, sage ich wieder. »Bist du da drin?«

Keine Antwort.

»Nicht gefunden?«, fragt David, als ich wieder herunterkomme.

»Vermutlich ist er spazieren gegangen.«

»Ja, gut möglich.«

»Obwohl ich noch nie erlebt habe, dass mein Vater je spazieren gegangen wäre.«

David erhebt und streckt sich. »Also gut, du gehst nach oben und packst unsere Sachen, während ich die Einkäufe erledige. Das könnte ein, zwei Stunden dauern. Am Duschkopf ist die Dichtung hinüber, deswegen tropft es auch die ganze Zeit. Ich bringe das noch rasch in Ordnung, brauche dazu aber einiges aus dem Baumarkt.« Er kommt auf mich zu und ergreift meine Schultern. »Und schau nicht so besorgt. Vermutlich ist er noch vor mir wieder zurück.«

Ich warte, bis David fort ist, dann rufe ich wieder nach meinem Vater, und es fällt mir schwer, die Panik aus meiner Stimme zu verbannen. »Dad! Henry! Wo bist du?«

Ich laufe durch den Korridor zu seinem Arbeitszimmer. Die Tür ist geschlossen. Er könnte in seinem Stuhl eingenickt sein. Das passierte ihm früher auch manchmal, und wenn meine Mutter ihn nicht nach oben und ins Bett befehligte, konnte er so die ganze Nacht dort verbringen.

Langsam drücke ich die Klinke nieder, stoße die Tür auf. Es ist dunkel im Zimmer.

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