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Es war einmal ... und ist noch immer

Nimm einen Greis, der sanft entschlief, ein junges Ding, das man vom Felsen stieß, einen Geiger, der den letzten Ton nicht traf und einen König, den man der Eisernen Jungfrau gab. Nimm sie und zähl‘ die Jahre, die sie lebten. Zieh sie von heute ab. Und zähle weiter fort, damit die Geschichte beginnt.

Aus „Anan und das Bild vom Seepferdchen“ von Michael Habel

Es war einmal … und ist noch immer

-Märchenhafte Geschichten-

Herausgeberinnen: Karin Braun & Gabriele Haefs

Vorwort

Gabriele Haefs

Mit den Märchen ist es wie mit dem sprichwörtlichen Elefanten: Alle erkennen ihn sofort, wenn er in den Raum tritt, aber niemand kann ihn so beschreiben, dass jemand anderes ein klares Bild von ihm hat. Nicht einmal dem größten Märchenforscher von allen ist es gelungen, eine klare Definition des Begriffes Märchen zu geben – Jacob Grimm hat den Versuch irgendwann aufgegeben. Aber brauchen wir eine Definition, wo wir doch wissen (naja, zu wissen glauben), was ein Märchen ist? Es gibt natürlich den Prototyp, sozusagen das * Märchen (hier wird es wissenschaftlich, aber wir hören gleich wieder auf). Eine Heldin oder ein Held muss eine Aufgabe erfüllen, es gibt Gehilfen und Widersacher, am Ende die Belohnung. Alles ist von scharfen Gegensätzen geprägt, König und Grindkopf, Gold und Pech, Kluge Bauerntochter und törichter Prahlhans. Eigentlich muss alles dreimal passieren, zweimal geht alles schief, beim dritten Mal geht es dann gut. Und niemand lernt aus den Erfahrungen anderer, sondern macht genau den Fehler, der nicht gemacht werden darf -einfach, weil es gerade erst der zweite Versuch ist, oder weil es die zweite Schwester ist, die ihn unternimmt, nicht die dritte. Nebenfiguren, die die Handlung weiterbringen, interessieren nicht. Wenn die wahre Braut nach unsäglichen Qualen ihren ungetreuen Bräutigam zurückgewonnen hat, erzählt uns das Märchen nicht, was die neue Braut (die nichts vom Vorleben ihres Liebsten wusste) dazu sagt oder was aus ihr wird.

Es gibt einen wunderbaren langen, ausführlichen Katalog der Märchenmotive, hier nur ein paar willkürlich herausgefischte Beispiele:

 Der Mann auf der Suche nach der verlorenen Ehefrau

 Die Tierbraut

 Die Prinzessin, die einen ungeliebten Freier verachtete

 Prinzessin in eine Kröte verwandelt

Kurzum, wir können uns die passenden Motive aussuchen und unser Märchen daraus zusammensetzen. Nichts anderes haben, seit es Märchen gibt, die Erzähler*innen aus aller Welt gemacht, und so finden wir in Märchensammlungen aus unterschiedlichen Ländern auch immer Motive, die auf das jeweilige Land hinweisen – und sei es nur, dass es sich bei dem Riesen, dem ein Herz entwendet werden muss, anderswo um einen Troll handelt. Dazu aber kommen individuelle Entscheidungen. Das schreibt Mark Asadowskij, der Vater der modernen Märchenforschung, 1926 in seiner Studie über die sibirische Märchenerzählerin Natalja Ossipowna Winokurowa: „Vom persönlichen Geschmacke eines jeden Erzählers hängt die Wahl der Märchen aus dem Vorrate ab, welcher in der betreffenden Gegend sich erhalten hat.“ Lebensgeschichtliche Aspekte fließen ebenfalls in eine neue Version der Geschichte ein, wenn die Erzählerin sich damit auseinandersetzt – Natalja Winokurowa hatte Versionen von Erzählungen aus 1001 Nacht in ihrem Repertoire, von denen unklar blieb, wie und wann die nach Sibirien gelangt waren, aber bei ihr fehlten alle sexistischen Zutaten der gedruckten Fassungen. Ihre Märchen waren durch die Erfahrungen einer klugen alten Frau geprägt – während ihr deutsches Pendant, Egbert Gerrits, der als Wanderarbeiter immer am Hungertuch genagt hatte, seinen Märchenhelden reichlich Tabak und Schnaps zukommen lässt.

Was sagt das nun über die vorliegende Märchensammlung? Vom Geschmacke des Erzählers hängt vieles ab, doch der Geschmack der Herausgeberinnen spielt auch eine Rolle. Wir haben aber nicht, wie manche herausgebenden Herren früherer Zeiten (s. die Geschichte von Olea Crøger) die Geschichten unseren Moralvorstellungen entsprechend umformuliert, wir haben ganz einfach nur solche ausgesucht, die unserem Geschmacke entgegenkommen. Wir haben Autorinnen und Autoren gefragt, von denen wir sicher waren, dass sie etwas Gutes in der Schublade hatten oder schreiben würden, und Texte von solchen ausgesucht, die wir nicht mehr fragen können, die aber wunderbare Dinge hinterlassen haben. Und wir sehen, es ist alles vorhanden, was zur Märchenwelt gehört: Feen, Hexen, Zauberkünste, tumbe Königssöhne, tatkräftige Prinzessinnen und der verachtete dritte Bruder, der in der Asche haust und am Ende doch das im wahrsten Sinne des Wortes große Glück macht. Bei Geschichten aber, die so sehr heute spielen, dass der böse Troll googelt, ehe er der rächenden Prinzessin gegenübertritt, ist hinter den modernen Requisiten die alte Magie unversehrt aufs Schönste erhalten und die Tradition bleibt ungebrochen.

Gabriele Haefs

Ein Halm

war so grün wie jung

und verwegen genug

überall herumzustochern

niemand wusste

woher er kam

wer ihn gesät

in die Furche gelegt

unter die Erde gebracht

alle Welt wunderte sich

die Kinder läuteten Sturm

der Mond lächelte still

die Erwachsenen hielten

den Atem an und

einander die Hände

denn sie fürchteten sich.

Maiion Hinz

Das Mädchen und der Geist in der Laterne

Brigitte Beyer

Es war einmal ein Mädchen, das wollte hinausziehen in die Welt, um sich anzusehen, ob es woanders wohl anders zugehen möchte als daheim.

Ihre Mutter betrübte das sehr, schließlich war es ihre einzige Tochter und sie hatte weder zwei weitere Töchter noch drei weitere Söhne, wie es sich eigentlich für ein Märchen gehört.

Aber da sie wusste, dass ihre einzige Tochter halsstarrig wie drei war, so ließ sie sie gehen und gab ihr zum Abschied nur eine Laterne mit. Na, ich weiß nicht, das alte Teil kriegt man auch mit Polieren nicht mehr ansehnlich, bedankte sich das Mädchen. Wenn du an ihr reibst, erklärte die Mutter, dann erscheint dir ein dienstbarer Geist, der aber, sie zögerte kurz, mit Vorsicht zu genießen ist. Welcher Geist ist das nicht, dachte das reiserüstige Mädchen und wurde langsam ungeduldig. Ich weiß schon, wenn man nicht alles selber macht!

Denn, schloss die Mutter, die merkte, dass sie zum Ende kommen musste. Sie kannte ihre Tochter gut genug, um zu wissen, dass sie sie auch mit noch so langen Märchen nicht mehr von ihrem Vorhaben abbringen konnte. Er kann nicht wirklich zaubern, erklärte sie. Ach so. Sondern nur Hinweise geben. Alles andere muss der Besitzer der Laterne dann selber machen. Also wie im wirklichen Leben.

Und außerdem … Was denn noch? Ist der Geist kein großes Licht und es kann gut sein, dass man seinen Hinweisen besser nicht nachgehen sollte. Ach, so ist das also, dachte das Mädchen und schaute in den blauen Himmel, mir wird schon selber ein Licht aufgehen. Sonst verschenk sie weiter, schlug die Mutter vor und umarmte ihre Tochter zum Abschied. Was, nach dem, was du bisher erzählt hast, nicht wirklich ein Nachteil zu sein scheint. Ich brauche sowieso keine Wunderlaterne, aber was soll´s.

Und so zog das junge Mädchen neugierig in die Welt hinaus, mit wenig Proviant, viel mütterlichen Ratschlägen und einer verbeulten Laterne. Und so ging sie in den Wald, den es damals noch reichlich gab, denn es ist ja ein Märchen.

Aber auch in einem Märchen kann man Hunger bekommen, und weil sie nach den vielen Erklärungen ihrer Mutter doch etwas überstürzt losgezogen war, hockte sie sich in den finsteren Tann und rieb an der Laterne. Einen Versuch war es wert. Prompt quoll Qualm hervor und der Geist nahm Gestalt an. Der war wohl seit den Anfängen der Laterne nicht mehr beim Frisör gewesen, mutmaßte sie und wartete.

Der Laternengeist, der noch im Stimmbruch zu sein schien, verneigte sich vor ihr, das ist schon mal nett, dachte sie, und sprach zu ihr: Was willst du, Herrin meiner Laterne? Etwas zauberischer könntest du dich schon ausdrücken, so mit was ist dein Begehr oder so. Na ja. Ihre Mutter hatte ihr ja schon gesagt, dass der Laternengeist kein großes Licht war. Ich habe Hunger, stellte sie fest. Leider kann ich kein fürstliches Mahl herbeizaubern, sprach der Geist. Ich hörte davon, sagte das Mädchen. Es war zwar schade, aber wer weiß, was diese Leuchte unter fürstlichem Mahl verstand, war vielleicht besser so. Und wer weiß, wie lange er schon in der Laterne eingesperrt war, da musste sie wohl eine gewisse Schwatzhaftigkeit erdulden. Ihre Mutter hatte ihr jedenfalls nichts davon erzählt, was sie mit den Wünschen an den Geist erreicht hatte. Verdächtig genug, denn ihre Mutter hatte sonst keine Geheimnisse vor ihr.

Aber ich könnte dir den Weg zu einem Platz voller Waldbrombeeren weisen, schlug der Laternengeist vor, der sich etwas darüber wunderte, dass er nicht sofort mit gierigen Wünschen überschüttet wurde. Waldmeister wäre mir lieber, da könnte man wenigstens noch was draus machen. Oder zu gutem Essen ganz in der Nähe, fuhr der Geist fort.

Schon besser. Wohin? Er streckte seinen Arm aus, der für den Körper übermäßig lang wirkte. Immerhin mehr als ein Fingerzeig. Wieder stieg Qualm aus der Laterne und weg war der hilfreiche Geist. Na gut, überlegte das Mädchen, ich kann es ja mal auf einen Versuch ankommen lassen, ob diese Leuchte etwas taugt. Nicht, dass ich das nicht selber gefunden hätte.

Und so marschierte sie wacker durch den hohen Tann, bis sie schließlich ein windschiefes altes Holzgebäude erreichte. Eindeutig ein Gasthaus, denn ein knarzendes Schild verkündete den Herbergsnamen. Auf dem stand „Zu den sieben Wiesen“. Das fand sie amüsant, entweder ein Schreibfehler oder die Wiesen waren inzwischen ganz weit weg. Immerhin qualmte es mächtig aus dem Schornstein. Der Qualm erinnerte sie an den Laternengeist, aber Hunger ist schlimmer als Heimweh. Sie würde sich schon zu helfen wissen, und ehe sie einen vegetarischen Tag einlegte und sich in die kratzigen Brombeeren schlug …

Und so betrat sie das Gasthaus, das drinnen genauso verqualmt aussah wie draußen.

Sieben finstere Gesellen saßen in einer Ecke bei Kümmel, Korn und Kartenspiel, die voluminöse Wirtin rieb an einem Bierglas herum, wahrscheinlich das erste Mal seit den Zeiten des seligen Rübezahl. Komm nur herein, Mädel, sagte die Wirtin zu ihr, wir haben heute Waldschnepfen gefangen, sieben an der Zahl, du siehst, wie lecker sie sich auf den Bratspießen drehen. Bald werden sie fertig sein. Möchtest du etwas trinken? Warum nicht, das Mädchen nickte, aber zahlen kann ich nicht viel. Ich bin auf der Wanderschaft. Kein Problem, meinte die Wirtin und nickte zu den Männern am großen Tisch hinüber, wenn du bereit bist, du weißt schon - werden die schon für dich zahlen. Und wer weiß, vielleicht gefällt dir ja einer.

Das Mädchen verdrehte die Augen, das hätte sie schon von weitem sagen können, dass da keiner in Frage kam. Fragte sich, wer hier für was bezahlte. Jaja, passt schon, ich wollte sowieso hier übernachten, meinte sie. Schön, schnurrte die Wirtin, soll ich dir zeigen, wo du schlafen wirst?

Wenn sich der Laternengeist seit Jahrzehnten nicht die Haare geschnitten hatte, dann hatte die Wirtin sich genauso lange nicht gewaschen, geschweige ihren zahnlosen Mund ausgespült. Das Mädchen versuchte, nicht durch die Nase einzuatmen, und hauchte danke, wenn ich vielleicht erst speisen könnte. Bei dem Wort konnte sie wenigstens ausatmen. Ist gut, nickte die Wirtin, umso leichter …

Die sieben Gesellen am Tisch hatten sich in Erwartung der gebratenen Schnepfen bislang flüssig ernährt und waren nun nicht mehr ganz so hungrig, dafür aber schläfrig. Das war auch gut so, denn an den gebratenen Schnepfen war nicht viel dran, die wären wahrscheinlich über kurz oder lang von alleine umgefallen. Soviel zum guten Essen, auf das der Laternengeist hingewiesen hatte.

Die sieben Räuber, Wilderer oder was auch immer sie waren, das interessierte ihren Magen wenig, johlten und winkten sie zu sich heran. Komm her, Süße, setz dich zu uns, hast du Hunger? Ja. Na, dann komm, wir werden es dir schon besorgen. Oder ich euch, lachte sie, hob ein großes Holzscheit auf, das vor dem Kamin lag und hieb es dem nächstbesten über den Kopf. Ehe die trunkenen Sieben reagieren konnten, zog sie das grobe Tischtuch grob vom Tisch, dass es nur so schepperte und die Wirtin vor Schreck ihr poliertes Bierglas fallen ließ. Das Mädchen schnappte sich mit dem Tuch die inzwischen fertig gebrutzelten Schnepfen, schließlich wollte sie sich nicht die Finger verbrennen, vorsichtshalber nahm sie auch den Spieß mit. Sie lief zurück in den Wald und machte sich über die Schnepfen her. Leider war der Schnepfendreck schon rausgenommen, aber sie wollte nicht kleinlich sein. Schließlich hatte sie dafür nicht bezahlen müssen. Sie öffnete die Flasche Wein, die sie sich noch geschnappt hatte, und lehnte sich gesättigt zurück. Ihre fettigen Finger wischte sie an der Laterne ab, was der Geist als Aufforderung zum Hervorqualmen aufzufassen schien. Er war inzwischen immer noch nicht beim Frisör gewesen. Du Unglückswurm, meinte sie, das war ja wohl nichts Rechtes. Wenn man nicht alles selber macht! Entschuldige, qualmte er, aber ich darf eben nur Hinweise geben, und wohin ich blicke, da liegt ein Schatz verborgen.

Wenn du diese Schnepfen einen Schatz nennst – ach, willst du vielleicht eine abhaben? Die hier scheint mir recht angekokelt. Das wär doch was für dich. Der Laternengeist guckte etwas irritiert und schüttelte traurig den Kopf: Essen benötige ich nicht mehr, danke, mir reicht der Rauch. Aber immerhin hat mich meiner Erinnerung nach noch niemand danach gefragt. Gier ist eben geiler als abgenagte Knochen. Und wohin weist du so? Meinte das Mädchen kauend. Na ja, mit einem schönen Prinzen kann ich leider nicht dienen. Das Mädchen zuckte die Achseln, was soll ich auch mit dem, hab ich das nötig? Ich werd schon einen finden, wenn mir danach ist. Dazu brauche ich deine Hilfe nicht.

Aber wo der Geist schon mal da war, konnte sie ihn auch gleich ausfragen: Wie bist du eigentlich in die Laterne geraten? Die, nebenbei gesagt, schon ein älteres Modell zu sein scheint. Er seufzte, ja, stimmt wohl. Ich wohne auch schon Lichtjahre darin. Aber das alte Stück hat den Vorteil, dass jeder, der sie in die Finger kriegt, daran herumreibt. Und dann komm ich halt mal vor die Lampentür. Wieder seufzte er: Tja, also, wenn ich mich richtig erinnere, bin ich folgendermaßen hineingeraten: Als ich noch jung war…Hoffentlich hört er bald mit diesem nervtötenden Geseufze auf, war im Augenblick ihr größter Wunsch. Ich wollte unbedingt ein großer Zauberer werden, fuhr der Geist fort, dann hätte ich mir alle Reichtümer der Welt und alle Königreiche zusammenzaubern können, wonach mir der Sinn gestanden hätte. Und so ging ich zu einem Zaubermeister in die Lehre, der damals …, er seufzte und sie verdrehte die Augen, als der wirkmächtigste seiner Zunft galt. Aha, stellte das Mädchen fest und konnte gerade noch ihrerseits einen Seufzer unterdrücken, da hat er wohl den richtigen Lehrling bekommen.

Erst ließ sich auch alles ganz gut an, erzählte der Laternengeist, einen Besen aus einer Zimmerecke in die andere schweben lassen, Zinnteller verbiegen, das übliche Zeug eben. Aber mein Meister war auch ein guter Zauberer, nicht von der Sorte, wo es immer nur um Gold ging oder den Menschen üble Streiche zu spielen. Also zu verarschen, sagte das Mädchen und spie den abgenagten Knochen aus. Wie bitte? Was ist das denn für ein Ausdruck aus dem Mund einer jungen Dame? Vergiss es, das sagt man so. Ach so. Erzähl lieber weiter.

Eines Tages sagte mein Meister zu mir: Du hast jetzt schon einiges bei mir gelernt, nun gebe ich Dir eine Gelegenheit zum Gesellenstück. Und er schickte mich in eine große Stadt, in der ich dem ersten, dem ich begegnete, einen Wunsch erfüllen sollte. Das werde ich schaffen, frohlockte ich. Und welche Stadt war das? Ach, das sage ich lieber nicht. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Menschen besser werden, deshalb will ich den Namen lieber für mich behalten. Egal, sagte sie, ist auch nicht wichtig.

Ich betrat durch das große Tor die Stadt und kam direkt auf den Markt. Als erstes wurde ich auf eine junge Frau aufmerksam, die Gemüse anbot und dabei gar jämmerlich dreinblickte. Kann ich dir helfen? Fragte ich. Ja, kauf was, und zwar jetzt, denn ich muss zum Bader. Warum das denn? Weil ich Zahnschmerzen habe. Vielleicht könnte ich helfen, sagte ich laut, wusste aber nicht so recht wie. Ach, wie denn? Hau bloß ab, du nervst mehr als meine Zahnschmerzen. Quacksalber haben wir hier genug. Und den Trick mit dem Wein kenn ich auch schon.

Als nächstes kam mir ein Priester entgegen, der auch nicht gerade fröhlich dreinblickte. Dem würde ich sicherlich eine gute Tat erweisen können. Unsere Glocke hat keinen Klöppel, maulte der Priester, und jetzt kann ich sehen, dass ich das Geld zusammenbekomme, das Teil gießen zu lassen, denn nächste Woche will der Bischof zu Besuch kommen. Da könnte ich helfen, sagte ich und ging im Geiste meine erlernten Zaubersprüche durch. Das Gießen eines Klöppels war nicht darunter. Der Priester musterte mich von oben bis unten und verzog das Gesicht. Da sei Gott vor, so wie du aussiehst, kannst du garantiert nicht helfen, es sei denn mit Mitteln, die ich nicht gutheißen kann, weil sie des Teufels sind. Also lass mich meines Weges ziehen. Ich blickte an mir herunter und fragte mich, was denn alle an meinem Aussehen zu bemängeln hatten. Könnt ich was zu sagen, schwieg das Mädchen lieber und trank einen großen Schluck Wein.

Schließlich begegnete ich einem wohlgenährten Weinhändler, der in Pelz, Samt und Seide gewandet war, aber trotzdem kein zufriedenes Gesicht machte. Edler Herr, sprach ich ihn an, habt Ihr vielleicht einen Wunsch, den ich Euch erfüllen kann? Da glotzte er nicht schlecht unter seiner Pelzjacke hervor. Verständlich, nickte das Mädchen, so ein Angebot bekommt man sicherlich nicht jeden Tag.

Der dicke Bürger sagte: So ein abgerissener Junker wie Ihr hat mir gerade noch gefehlt, schert Euch davon und treibt Eure Späße mit anderen, ich habe zu tun. Was denn, edler Herr? Fragte ich. Nun, nächste Woche kommt der Bischof in unsere Stadt und da müssen die Weinfässer wohl gefüllt sein. Da könnte ich helfen, sagte ich meinen Spruch auf. Ach ja, und wie bitte schön? Endlich war jemand verzweifelt genug, mir zuzuhören. Ich könnte Wasser in Wein verwandeln. Haha, lachte das laufende Weinfass, das haben andere garantiert besser geschafft als du dahergelaufener Lump. Der Priester, der sich schon entfernt hatte, drehte sich um, aber dann doch gleich wieder weg und ging des Weges. Du bist mir ja ein ganz Schlauer, aber was soll´s, viel hab ich nicht zu verlieren, meinte der Händler, vielleicht klappt´s ja. Also komm mit.

Und er drehte sich um und watschelte mir zu einem großen, reich verzierten steinernen Bau am Marktplatz voraus. Er durchquerte das Tor und trat in den Hof. Hier stand ein gemauerter Brunnen. Auf den wies er mit seinen Speckfingern und meinte: Das ist ein Brunnen. Seh ich. Mit Wasser. Ja. Mach, dass dieses Wasser zu Wein wird und nicht mehr versiegt. Ich holte tief Luft, ich hatte zwar etwas Lampenfieber, aber das würde ich schaffen. Ich füllte zunächst den Schöpfeimer mit Wasser und schüttete ihn in den Brunnen, wie es mich mein Meister gelehrt hatte. Dann deklamierte ich den Zauberspruch, der Wasser zu Wein verwandeln sollte. Und natürlich klappte es. Natürlich, nickte das Mädchen und rülpste.

Der Weinhändler zog einen vollen Eimer aus dem Brunnen nach oben und kostete. Tatsächlich, Wein, rief er, und gar nicht mal so schlecht! Will ich meinen, erwiderte ich voller Stolz, meine Aufgabe so gut erfüllt zu haben. Ohne ein Wort des Dankes hielt der Händler sofort seine Gesellen an, Fässer heranzuschaffen und mit allen verfügbaren Eimern den Wein aus dem Brunnen zu schöpfen. Das lief richtig gut. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Flüssigkeit im Brunnen stieg und stieg. Zwischendurch gab es einen Eimer für den Weinhändler, einen für jeden Gesellen und auch einen für mich. Warum guckt er denn jetzt so missbilligend auf die Weinflasche, wunderte sich das Mädchen, die ist doch sowieso gleich leer.

Schließlich lallte der Weinhändler: Das Maß ist voll, jetzt kannste aufhören, wir haben genug getankt, und prostete mir zu. Auch gut.

Dummerweise fiel mir gerade in diesem Augenblick nicht der Zauberspruch ein, um die Weinflut aufzuhalten. Inzwischen beteiligte sich die halbe Stadt am Auffangen des Weins. Alle Fässer und Bottiche waren inzwischen gefüllt, die Eimer auch, jede Kanne vom Sonntagsgeschirr und unsere Bäuche sowieso. Auch die Bader holten ihre Wannen herbei, um den Wein aufzufangen.

Und mir fiel einfach der Zauberspruch nicht ein, um dem Weinfluss Einhalt zu gebieten. Schließlich eilten sogar die Siebmacher, Taschenmacher und Schirmflicker herbei, um zu helfen. Aber es half nichts, es floss und floss und quoll und quoll über den Brunnenrand.

Irgendwann stand uns der Wein bis zum Hals. Schließlich blieb kein Stein auf dem anderen und die Glocke versank tonlos in den Fluten und mit ihr die ganze Stadt. Nur einige Menschen hatten sich retten können. Und der Weinhändler trieb kieloben. Alle Dämme brachen und wir standen am Rand eines immer weiter ausufernden Sees. Da tauchte auf einmal der Meister neben mir auf, stellte sich ans Ufer des Sees und sprach:

Seifenkraut, Seifenkraut, schäum, damit die Flut abflaut.

Nun bildeten sich auch noch Schaumkronen und ich warf einen zweifelnden Blick auf meinen Meister. Aber der See hörte auf zu wachsen und die Flut hatte ausgeflutet.

Ja, das mit dem Wünsche erfüllen ist nicht so einfach, nickte mein weiser Meister. Das kommt bei unerfahrenen Gesellen schon mal vor, dass die Gier mit ihnen durchgeht. Ich möchte nicht wissen, wie viele Gewässer auf diese Weise entstanden sind.

Ich zog die Schultern hoch und suchte fieberhaft nach einer Rechtfertigung. Der Meister aber schäumte jetzt richtig los: Du bist eine Schande für unsere Zunft, du kleiner missratener Geselle, an den ich meine Zeit verschwendet habe. Sowas will Zauberer werden! Ich werd dir helfen, grinste er nicht mehr so meisterlich. Du wirst nicht mehr zaubern. Ich guckte erstmal dumm aus der Wäsche.

Wie, kannst du auch anders gucken? Fragte sich das Mädchen und betrachtete ihre lang gewachsenen Fingernägel.

Aber Herr und Meister, wagte ich einzuwenden, so wie Wasser nass und Feuer heiß ist, habe ich dir immer getreulich gedient. Um nun bei der erstbesten Gelegenheit einem Gierschlund zu helfen! Donnerte der Meister weiter. Also Wasser ist jedenfalls nicht dein Ding, fuhr er fort, du wirst mir sowieso nie das Wasser reichen können. Wir sind eher Wasser und Feuer. Apropos Feuer. Vielleicht klappt das bei dir besser. Ich gebe dir diese Laterne als neue Heimstatt, viel Platz ist nicht drin, geb ich zu, aber vielleicht lernst du auf diese Weise, nicht jedem gierigen Begehr nachzukommen. Trotzdem will ich dir nicht Wasser u n d Feuer verweigern. Auch wenn du mit dem Zaubern eindeutig überfordert bist, so sollst du den Menschen doch Hinweise geben können, damit sie selbst den Weg zur Erfüllung ihrer Wünsche finden. Hab ich gesehen, was dabei herauskommt, nickte das Mädchen.

Und wie mache ich das? Fragte ich verzagt. Indem du mit der Laterne eine Leuchte bist. Ein weiter Weg für den armen Kerl. Das Mädchen rutschte auf dem Waldboden hin und her. Soll ich weitererzählen? Fragte der Laternengeist verunsichert, seine Lebensgeschichte hatte bislang niemanden wirklich interessiert. Jaja, mach nur, ich hab ja gefragt.

Aber bis das klappt, wird noch viel Wasser durch den See fließen, lachte mein Meister, schürzte sein Gewand und lief über den See davon. Und ich stand da mit meinem neuen Zuhause.

Und dann? Ich musste wirklich viel lernen, seufzte der ehemalige Zauberlehrling, aber schließlich überlegte ich mir, ich könnte einfach meinen Blick beziehungsweise den Schein der Laterne auf eine Stelle richten, wo ein Schatz liegt, das konnte doch nicht schaden und vielleicht hatte mein Meister dann ein Einsehen und würde mich wieder frei lassen.

Doch weder die Laterne noch ich wussten so recht, wohin wir blicken und leuchten sollten. Die Menschen aber rannten los und fanden schließlich eine ergiebige Erzader im Berg. Das musste ich mir ansehen. Ich brachte einen Bergjungen dazu, mich für die Fahrt in den Stollen mitzunehmen. Im Förderkorb nach unten wurde mir doch etwas mulmig zumute. Der Geist sah das Mädchen entschuldigend an, irgendwie fühle ich mich in der Laterne doch recht beengt, wenn du verstehst, was ich meine. Sie nickte brav.

Der Korb schaukelte dermaßen, dass ich hervorqualmen musste. Na, hat der junge Bergmann sich erschreckt! Aber ich beruhigte ihn und erklärte, dass ich ein hilfreicher Geist wäre. Das sähe man ja schon daran, dass ich sie überhaupt zu reichen Erzader geführt hätte. Nun wolle ich mir ihr Glück ansehen, ich würde auch nicht stören, versprach ich. Der Hauer guckte zwar weiterhin zweifelnd, meinte aber schließlich, dass ich mitkommen dürfte. Nun aber musste er zu seiner Arbeit und lief in einen dunklen Stollen voraus. Ich konnte kaum Schritt halten mit ihm und schließlich war er in irgendeinem Gang verschwunden und ich stand im Dunkeln. Da wurde mir Angst und Bange, ich machte Feuer in meiner Laterne und pfiff beruhigend vor mich hin. Plötzlich pfiff es zurück. Wie das, ein Echo untertage? Ich hob mein Licht und dann … Der Laternengeist kam etwas ins Stottern und blickte betreten zur Seite. Ja? Was dann?

Alle Bergleute kamen mir mit weit aufgerissenen Augen entgegengerannt und rissen mich fast um. Was ist denn los? Fragte ich. Es hat aus den Spalten gepfiffen, das ist der giftige Atem des Berggeistes, schnell raus hier! Und mach deine verdammte Laterne aus! Äh, das mit dem Pfeifen … Aber sie zogen mich mit sich zum Förderkorb und es ging holterdiepolter wieder an die Erdoberfläche. Dort ließen wir uns alle keuchend und außer Atem auf den Boden sinken.

Na, da scheint ihr aber doch Glück zu … japste ich. Verschwinde, du Unglückswurm, brüllte der Steiger, du hast den Berggeist erzürnt. Aber ich bin doch auch ein Geist, wandte ich ein, ein Laternengeist. Schafft mir diese Leuchte aus den Augen, schrie der Steiger mit hochrotem Kopf und ich sah zu, dass ich in die Laterne zurückqualmte. In dem Moment gab es ein grollendes schreckliches Gerumpel unter unseren Füßen und Flammen schlugen aus dem Stollen hervor. Dann schloss er sich und aus war ´s mit

der Ader zum Reichtum.

Weg mit dieser Unglückslaterne, schluchzte der Steiger, jetzt haben wir alle keine Arbeit mehr!

Der junge Hauer nahm meine Laterne mit nach Hause, der arme Kerl war ratlos und unglücklich, aller Arbeit und aller Mühe Lohn ledig. Er trug mich auf den Dachboden und versteckte mich unter dem hintersten Sparren.

Dort blieb ich eine Weile im Dunkeln. Schließlich beschloss sein Sohn, das alte Haus zu verkaufen und für sich und seine Familie ein neues zu errichten. Dafür sollte entrümpelt werden und so kam ich wieder ans Licht. Der arme Sohn, dachte das Mädchen, wenn das mal gutgeht mit diesem Schussel.

Ich, also meine Laterne, war wohl inzwischen eine Antiquität geworden und die Frau des Sohnes meinte, mit etwas Polieren könne man das alte Teil vielleicht noch verkaufen. Wer weiß, sagte sie, vielleicht reicht es sogar für eine Fensterscheibe im neuen Haus. Gesagt, getan. Sie kam mit einem ätzenden Metallputzmittel wieder auf den Dachboden gekrabbelt und fing an, die Laterne zu polieren.

Das juckte mächtig und ich konnte gar nicht anders, als nach draußen zu qualmen. Oh, sagte die junge Frau.

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