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Es war einmal ein Mord

Über die Autorin

P. J. Brackston lebt mit ihrem Partner und ihren beiden Kindern in den Black Mountains in Wales, einer wilden, bergigen Gegend. Sie hat an der Lancaster University den Master of Arts in Kreativem Schreiben erworben und ist Gastdozentin an der University of Wales in Newport. Sie liebt Märchen, Geschichte, alles, was Spaß macht, und starke Frauen, und so tanzte eines Tages die Idee zu Gretel, der Privatdetektivin aus Gesternstadt aus dem Bayern des achtzehnten Jahrhunderts, durch ihren Kopf. Von ihrer lebhaften Vorstellungsgabe abgesehen, lässt Brackston sich beim Schreiben auch von den Bergen und Wäldern inspirieren, von denen sie in Wales umgeben ist.

Mehr auf www.pjbrackston.com

P. J. Brackston

Es war einmal ein Mord

Ein Hänsel und Gretel Krimi

Roman

Aus dem Englischen von Frauke Meier

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Vor langer Zeit in einem fernen Land weinte laut schniefend ein einsamer Riese. Das klagende Geräusch erfüllte die Höhle, in der er hauste, und die Flammen der Fackeln flackerten im Luftzug seiner erstickten Schluchzer. Seine groteske Gestalt bildete einen riesigen schwarzen Schatten vor den tropfnassen Felswänden, sogar noch als Silhouette grässlich anzuschauen. Mit dem klobigen Handrücken wischte er sich über die Nase und verteilte eine Schicht schleimigen Sabbers auf seinem Gesicht. Aus einem tieferen Bereich der labyrinthartigen Höhle mischten sich die Klagerufe kleinerer, zerbrechlicherer Kreaturen in das Gejammer. Der Riese hörte einen Moment zu schluchzen auf, um zu lauschen. Ein finsterer Ausdruck legte sich auf seine groben Züge und verzerrte sein Gesicht zu Furcht einflößender Wildheit.

»Seid still«, grummelte er, doch die Schreie rissen nicht ab.

»SEID STILL!!!«, donnerte er und hämmerte die Faust mit solcher Wucht auf den Tisch, dass er zu Kleinholz zerbarst.

Die Schreie verstummten.

*

Gretel (genau, die Gretel) lag auf ihrem Schlafsofa und versuchte, das Gehämmer an der Tür zu überhören. Es war beinahe so laut wie das Hämmern in ihrem Kopf. Den Vorabend hatte sie in einem seltenen Anfall schwesterlicher Solidarität damit verbracht, zusammen mit Hänsel (jawohl, der Hänsel) zu viel zu trinken. Nun hatte sich hinter ihren Augen ein Kater von bemerkenswerter Hartnäckigkeit eingenistet. Sie zog sich ein seidenes Kissen über den Kopf, im Stillen damit beschäftigt, Hänsel zu verfluchen – und mit ihm Bier und Enzianschnaps und Leute, die an Türen klopften. »Pack dich fort«, ächzte sie. »Wer immer du bist, ich kaufe nichts. Ich hab keine Teppiche oder alten Plunder von bislang unterschätztem Wert, und ich will ganz bestimmt nicht gerettet werden.«

Wenn sie überhaupt eine Wirkung erzielte, dann die, dass das Klopfen noch lauter wurde.

»Herrgottsakra!« Mit einem saftigen Rülpser warf Gretel das Kissen von sich und mühte sich von ihrem heißgeliebten, bunt gemusterten Sofa hoch. Unterwegs hielt sie inne, um ihren Morgenmantel fester zu schnüren, und verzog gepeinigt das Gesicht, als sich der Gürtel um ihren nicht unbeträchtlichen Bauch spannte. Ihre Brüste lasteten schwer auf der üppigen Leibesmitte. Die Landschaft, die ihre Figur ihr präsentierte, entlockte ihr einen Seufzer: eine an die Anden gemahnende Kette aus gebirgigen Gipfeln und unauslotbaren Tälern, die keine Diät auch nur im Mindesten zu ebnen imstande war. Sie hatte schon vor langer Zeit akzeptiert, dass sie eine gewaltige Frau war. Nicht einfach nur fett, nein, gewaltig. Gewaltige Knochen, gewaltige Züge, gewaltige Stimme, gewaltige Behaarung. Gewaltiger Appetit. Nichts war geblieben von dem zarten Kind, das sich mit seinem Bruder einst im Wald verirrt hatte. Nichts von dem langbeinigen Teenager, der die Bühne jener lachhaften Nobelschule geziert hatte, zu der sie später auf Geheiß des Königs geschickt worden war. Nicht einmal von der üppigen jungen Frau in den Zwanzigern, die zumindest auf einen bestimmten Typ Mann anziehend gewirkt hatte, war noch etwas zu sehen. Stattdessen stand hier die fünfunddreißigjährige Gretel, die den Körperbau eines übergewichtigen Braunbären hatte und annähernd so viele Haare im Gesicht, zumindest, wenn sie ihre regelmäßigen Waxingtermine nicht einhielt.

Sie stolzierte am Flurspiegel vorbei, fest entschlossen, seinen kritischen Blick zu ignorieren, räusperte sich geräuschvoll, spie virtuos in den Spucknapf unter der Schusterpalme und riss die Tür auf mit den freundlichen Worten: »Scheiße auch, was willst du zu dieser Stunde?«

»Es ist beinahe vier Uhr«, entgegnete die gepflegte, zwergenhafte Gestalt namens Frau Hapsburg.

»Sag ich doch!«

»Ist das keine übliche Geschäftszeit?«

Das war eine berechtigte Frage. Ein Umstand, der Gretel nur noch mehr verärgerte. Sie blickte hinauf zu dem Schild, das verkündete, sie sei Gretel (ja, die Gretel) – Privatermittlerin. Sie runzelte die Stirn und sagte sich im Stillen, dass eine mögliche Auftraggeberin auch eine mögliche Geldquelle darstellte, und ihr Säckel war besorgniserregend mager gefüllt.

»Besser, du trittst ein«, sagte sie und machte auf dem Pantoffelabsatz kehrt.

Frau Hapsburg folgte widerspruchslos.

Gretels Detektei befand sich in einem ehemaligen Speiseraum und beherbergte noch immer eine ansehnliche Sammlung zinnerner Leuchter, konisch, wenn auch staubig, samt der zugehörigen Kerzen, dazu angelaufene Serviettenringe, einen offenen Besteckkasten mit Fischmessern sowie handgefertigte Platzdeckchen, auf denen Kätzchen dargestellt waren, die mit Wollknäueln herumtollten. Der Anblick der Stubentiger veranlasste Frau Hapsburg, in hemmungsloses Schluchzen auszubrechen.

Gretel schrak zurück. Sie verabscheute die Zurschaustellung von Emotionen, besonders, wenn es sich um die feuchte Variante handelte. Das Wehklagen und Heulen, begleitet von geröteten Augen, war ekelhaft. Sie musste etwas tun, damit es aufhörte. Sie suchte nach einem Taschentuch, fand aber nur eine schmuddelige Serviette. Zu spät erkannte sie, dass es eingetrocknetes Essen war, was sie auf den ersten Blick für ein abstraktes Muster gehalten hatte.

Frau Hapsburg schien das nicht zu stören. Sie schnäuzte sich geräuschvoll die Nase.

»Also«, sagte Gretel und gab sich geschäftsmäßig, um keinen neuerlichen Weinkrampf auszulösen, »was ist los?«

»Meine Lieblinge!« Frau Hapsburgs Stimme war heiser vor Schmerz und Verzweiflung. »Meine armen Lieblinge wurden entführt!«

»Deine Kinder? Jemand hat deine Kinder entführt?« Gretel, mit einem Mal munterer, beugte sich vor. Eine anständige Entführung aufzuklären brauchte Zeit und versprach deshalb lukrativ zu werden.

Doch Frau Hapsburg verbesserte sie sogleich: »Kinder? Ich habe keine Kinder. Ich spreche von meinen Katzen.« Sie schluckte einen weiteren Schluchzer hinunter. »Meine armen, armen Miezekätzchen!«

Gretel ließ sich auf ihrem Stuhl zurücksinken, was dieser mit einem alarmierenden Knarren quittierte.

»Katzen« war alles, was sie sich abringen konnte. Der Sinn, sich Haustiere zu halten, hatte sich ihr nie erschlossen, und Katzen verabscheute sie besonders. Bei viel zu vielen Gelegenheiten übernahmen sie samtpfotig die Rolle der Vertrauten einer Hexe. Und wenn es eines gab, das Gretel noch mehr zuwider war als Katzen, dann waren es Hexen. Wer wollte es ihr verdenken, in Anbetracht ihrer Vorgeschichte?

Sie atmete tief durch, ignorierte den Pelz auf ihrer Zunge und bemühte sich, ausreichend Begeisterung aufzubringen, um aus der armen Kreatur, die vor ihr saß, möglichst viel Profit zu schlagen. »Sind sie weggelaufen?«

Frau Hapsburg, eben noch von Trauer niedergedrückt, machte eine bemerkenswerte Verwandlung durch. »Nicht weggelaufen, entführt! Entführt, sage ich dir! Die Leute sagen, die Tiere wären einfach weitergezogen. ›Katzen verschwinden alle naslang‹, sagen sie. ›Das ist ihre Natur.‹ Aber ich kenne meine Katzen. Sie streifen nicht herum. Niemals! Jemand hat sie entführt! Ich will, dass du herausfindest, wer es war und wo sie sind, und dass du sie mir zurückbringst.«

»Verstehe. Und wann sind diese Mistv… Tiere verschwunden?« Sie hielt eine Hand hoch, um Frau Hapsburgs Protest im Ansatz zu ersticken. »Ich wollte sagen, wann wurden sie entführt?«

»Vor zwei Nächten. Seither hatte ich keine Ruhe mehr.«

»Verstehe«, sagte Gretel erneut. Wieder fing die Unterlippe ihrer Auftraggeberin zu beben an. »Natürlich bin ich im Moment ziemlich ausgelastet, viele Aufträge und so weiter. Es wird sehr schwer, deinen Fall da unterzubringen …«

»Oh! Bitte sag mir, dass du mir helfen wirst. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden könnte, und die herzlosen Gendarmen Ihrer Majestät interessieren meine Katzen nicht im Geringsten.«

Gretel stellte sich den Feldobergendarm Strudel vor und sein säuerliches Gesicht bei dem Gedanken, er müsste sich zu der Suche nach irgendwelchen fahnenflüchtigen Katzenartigen herablassen. Das Bild, das ihr vorschwebte, vermittelte ihr zum ersten Mal seit Tagen ein Gefühl der Freude. Aber natürlich behielt sie eine nüchterne Miene bei. Jetzt musste über Geld geredet werden, und Geld war eine ernste Angelegenheit.

»Nun, das würde bedeuten, dass ich andere Aufträge auf Eis legen müsste. Der Vorzug, den ich deinem Fall damit einräume, würde sich in meinem Honorar widerspiegeln … und dann sind da noch die Unannehmlichkeiten, die diese Sache für meine anderen Kunden bedeutet.« Sogar Gretel selbst fiel auf, dass sie dabei war, arg dick aufzutragen.

»Ich zahle, was immer es kostet.«

Und zu Gretels großem Entzücken fing Frau Hapsburg sogleich an, in ihrer Tasche zu wühlen, um gleich darauf einen kunterbunten Haufen Geld zutage zu fördern.

»Wie viel verlangst du?«, fragte sie.

Gretel ertappte sich dabei, sich die Lippen zu lecken, also sprach sie schnell: »Nun, da wäre zunächst mal meine übliche Pauschale plus dreißig Prozent Spesen, davon, sagen wir, die Hälfte im Voraus, tägliche Erstattung zusätzlicher Ausgaben als Standard und das Erfolgshonorar nach Abschluss. Ist dir das genehm?«

Frau Hapsburg sah ausreichend verwirrt aus, nickte aber heftig und schob, was sie an Geld dabeihatte, über den Tisch zu Gretel.

»Hervorragend.« Gretel tat, als würde sie das Geld zählen, um es anschließend in ihr zeltgroßes Korsett zu stecken. Dann aber fiel ihr ein, dass sie keines trug, und sie sah sich gezwungen, die aufkeimende Panik niederzukämpfen, von dem Geld ablassen zu müssen. Schließlich stopfte sie es in eine Keksdose, schlug den Deckel zu und schnappte sich einen Stift.

»Es wird besser sein«, sagte sie, »wenn ich dich in deinem Haus aufsuche. Um zu sehen, was ich tun kann.« Sie zog eine Koksrechnung aus einem gefährlich wackeligen Haufen an Papieren und kritzelte auf der Rückseite herum. Dort notierte sie die nötigen Einzelheiten, ehe sie Frau Hapsburg hinauskomplimentierte und ihr versprach, sie würde sich noch binnen der nächsten Stunde melden.

Das kleine Örtchen Gesternstadt wäre von vielen als liebreizendes Musterbeispiel für das Beste am Bayern des Jahres 1776 eingestuft worden, und doch war es von einer falschen Wärme, die Gretel verachtenswert fand. Es lag nicht nur an der malerischen Architektur, auch wenn die mit den idyllischen Holzhäusern, den Fensterläden und Blumenkästen, den tief hängenden Traufen und den Schornsteinen, die samt und sonders wackelig waren, schon so süß war wie eine Zuckertorte. Soweit es Gretel betraf, zuckrig genug, um Diabetes auszulösen. Nein, es war noch mehr als das; es waren das fröhliche Gewinke und die saloppen Erkundigungen nach dem Wohlergehen des anderen, das gesellige Pfeifen der Handwerker und das breite Lächeln der Händler. Nichts davon war echt. Wo waren all diese guten Leute gewesen, damals, vor vielen Jahren, als Gretel und Hänsel in den Wald geführt und den Wölfen überlassen worden waren? Wo waren sie gewesen, als ihre Stiefmutter behauptet hatte, sie hätte sie ins Sommerlager geschickt, während ihr Vater mit geröteten Augen und gehetztem Blick danebengestanden hatte? Wo hatten sie alle gesteckt?

Ein vorzeitiger Frühling hatte die Luft erwärmt, in der dennoch der übliche alpine Biss steckte. Die finsteren Wälder im Osten des Ortes schützten die Häuser vor den schlimmsten Winden, aber der Einfluss der Berge im Westen, jenseits der grünen Hochalmen, sorgte dafür, dass kein vernünftiger Mensch sich vor Juni ohne Wams aus dem Haus wagte. Gretel hielt sich in den meisten Belangen für eine vernünftige Person, doch soweit es sie betraf, gehörte Mode nicht zu den Dingen, die im Namen des gesunden Menschenverstandes kompromittiert werden durften. Zugegeben, die meisten Tage schlurfte sie in ihrem Morgenmantel durch ihre Behausung und kümmerte sich nicht ansatzweise darum, wie sie aussah. Aber zu den Gelegenheiten, zu denen sie sich der Mühen des Ankleidens unterzog, schlug regelmäßig die Eitelkeit zu. Die Reputation war entscheidend. Ansehen und Prestige vorrangig. Es kümmerte sie kein bisschen, dass es im Umkreis von fünfzig Wegstunden um Gesternstadt nicht eine Seele gab, die imstande gewesen wäre, ein Klaus-Murren-Gewand zu erkennen oder ein Paar Iksy-Makki-Schuhe. Sie wusste, was sie trug, und nur das zählte. Die volkstümliche Behaglichkeit und der traditionelle Schnitt, wie ihn die meisten Frauen im Ort bevorzugten, waren nichts für sie. Sollten die nur ihre Blusen mit all den Schnürchen und Bändchen tragen, ihre Filzwesten, die bodenlangen Dirndlröcke und geblümten Schürzen und zu bedeutenden Terminen und an Festtagen ihre Trägerschürzen abstauben. Als Teenager hatte Gretel sich ein Zimmer mit einem Mädchen aus Paris geteilt, und das hatte ihr für alle Zeiten den Kopf zurechtgerückt.

Dass der größte Teil der Kleider, nach denen es Gretel gelüstete, für Damen geschneidert wurde, deren Wuchs sich signifikant und folgenschwer von dem ihren unterschied, ignorierte sie. Verlangte die Saison hautenges Satin, würde sie hautenges Satin tragen. Irgendwie würde sie es schon hinbekommen, ihren wuchtigen Körper in das Zeug hineinzuzwängen, ganz gleich, wie unvorteilhaft es ihre Speckrollen und Wölbungen hervorhob. Gab es Brokatgewänder, in der Taille fest gegürtet, für die es sich zu sterben lohnte, zwang Gretel sich hinein, auch um den Preis ständiger Atemnot und selbst wenn sie am Ende eher ausgestopft als bekleidet aussah. Waren Kitten-Heel-Absätze de rigueur für die modebewusste Dame an anderen Orten, waren sie auch de rigueur für Gretel, und zwar ohne Rücksicht auf den unvorteilhaften Umstand, dass ihre breiten Füße doch sehr an Schweinsfüße gemahnten, wenn sie in die neuesten, schmalen Kreationen gezwängt wurden.

Leise über das Kopfsteinpflaster fluchend, das ihr bei jedem Schritt zum Verhängnis zu werden drohte, bahnte Gretel sich ihren Weg die Überstraße hinunter und über den Königsplatz, vorbei am Denkmal des Großherzogs von Mittenwald (dem der Ruf vorauseilte, er habe mehrere Drachen getötet, auch wenn die Beweislage dürftig war), am Kaffeehaus (wo sie mit Mühe dem verlockenden Duft frisch gebackener Sahnetorte widerstand) und am Gesternstädter Hof (wo Hänsel zweifellos den Betreiber finanziell unterstützte) bis in die Kirschbaumallee.

Frau Hapsburg wohnte im letzten Haus auf der linken Seite. Als Gretel das kleine Holztor zum Vordergarten aufstieß, erregte ein hübsches junges Madel, das die Straße hinuntereilte, ihre Aufmerksamkeit. Aber nicht das hübsche Aussehen zog Gretels Blick an. Da war etwas an seiner Haltung, seiner Miene, an der Art, wie es sich bewegte, das erkennen ließ, dass unter der feinsäuberlich präsentierten Oberfläche ein mühsam verborgener Schmerz lauerte. Gretels Detektivinnensinne pflegten stets zu klingeln, sobald auch nur der leiseste Hauch einer Verschleierungsaktion spürbar wurde. Dieses Madel, wer immer es war, löste ein wahres Glockengeläut aus.

Eine ganz andere Duftspur lenkte Gretels Aufmerksamkeit wieder auf die Aufgabe, die vor ihr lag. Noch bevor die Tür geöffnet wurde, zuckten Gretels Nasenflügel, angewidert von dem Katzenodeur, der ihre Katerkopfschmerzen augenblicklich wieder zum Leben erweckte.

»Bitte, komm rein. Hier entlang.« Frau Hapsburg ging einen langen Flur hinunter, der mit den elenden Kreaturen regelrecht ausgelegt zu sein schien. Ihre geliebte Herrin schritt dahin wie Moses, vor dem sich das Rote Meer teilt, während sich vor Frau Hapsburg ein freier Pfad durch die wogenden Felle öffnete. Gretel stampfte hinterher, gepeinigt von der Furcht, die Katzen könnten sie überschwemmen, sollte sie allein auf dem Flur zurückbleiben.

Der Geruch in der guten Stube war auch nicht besser. Es war nicht nur Katzenpisse, es waren Katzenleiber, Katzenfelle, Katzenpfoten … nur der Himmel wusste, was da sonst noch Kätzisches war. Frau Hapsburg setzte sich. In dem riesigen Ohrensessel sah sie wie eine Zwergin aus. Etliche Katzentiere nahmen auf ihr Platz, und ein Dauerrauschen kombinierter Schnurrlaute erfüllte das Zimmer. Gretel schaute sich nach einem katzenfreien Sitzplatz um, auf dem sie hätte landen können, fand aber keinen und begnügte sich mit der Armlehne des Sofas.

»Wenn du mir zunächst ein paar Fragen beantworten könntest, damit ich mich anschließend ein bisschen umsehen kann«, sagte sie und förderte ein kleines Notizbuch zutage, um interessante Details festzuhalten oder wahlweise Katzen in die Flucht zu schlagen, was immer sich als notwendig erweisen würde. »Also, leben diese Katzen alle mit dir zusammen in diesem Haus?«

»Natürlich. Wo sollten sie sonst leben?«

»Und wie viele sind es genau?«

»Dreiundzwanzig. Jetzt.«

Gretel mühte sich um eine teilnahmslose Haltung und notierte sich die Zahl.

»Und gehen sie alleine raus? In den Garten zum Beispiel?« Sie hielt inne, um sich an der Wade zu kratzen, wo ein lästiger Juckreiz sie plagte.

»Es steht ihnen frei, herumzustreifen, wo immer sie wollen, aber sie gehen nie weiter als bis zum Zaun. Warum sollten sie auch?« Während Frau Hapsburg sprach, streichelte sie mit jeder Hand eine Katze. Eine große Tigerkatze kletterte auf ihre Schulter und rieb sanft den Kopf an Frau Hapsburgs ordentlichem Dutt. Zwei weitere schmiegten sich an ihre Füße. Ein Kätzchen schoss vorbei und huschte die bereits mehr oder weniger zerfetzten Vorhänge zur Hälfte hinauf, um im nächsten Moment loszulassen und auf den Kaminsims zu springen. Der Zierrat (Porzellankatzen bis auf den letzten Mann) wackelte gefährlich. Frau Hapsburg lächelte nachsichtig. »Hier haben meine Kätzchen alles, was sie brauchen.«

»Sieht so aus«, sagte Gretel. Der Juckreiz war inzwischen an ihrem Körper hinaufgewandert. Sie stand auf und balancierte auf einem Bein, um sich die Wade mit einem erlesen gekleideten Zeh zu reiben. »Kannst du mir eine Beschreibung der vermissten …«

»Gestohlenen!«

Ein kleiner Muskel unter Gretels linkem Auge fing an zu zucken.

»… gestohlenen Katzen geben?«

»Floribunda ist sechs Jahre alt. Sie ist eine Schildpatt – so ein hübsches Fell! Sehr scheu und sanft. Luitpold ist neun, ein großer, roter Kater. Und Seppl …« Frau Hapsburg fing an zu schniefen. »Der arme, liebe Seppl, er ist noch ein Baby. Silbergrau getigert – die schönsten Streifen, die du je gesehen hast.«

Gretel schrieb hastig. Der Ammoniakgehalt in der Luft vernebelte ihr allmählich die Sinne, und eine verstohlene Abtastung ihres Beins hatte eine Reihe kleiner Schwellungen ergeben, bei denen es sich nur um Flohbisse handeln konnte. Als wäre das nicht schon schlimm genug, fing sie an, Glocken zu hören. Kleine, blecherne Glocken. Beinahe wie ein fernes, himmlisches Glockenspiel. Sie musste ihre übrigen Fragen loswerden und gehen. Aber zuerst musste sie sich noch kurz dem Geschäft widmen.

»Es wird sehr schnell deutlich, Frau Hapsburg, dass dieser Fall viel komplizierter ist, als ich anzunehmen verleitet wurde. Drei Katzen, alle von unterschiedlicher Farbe, ausgewählt aus so vielen. So unendlich vielen.« Sie spürte, wie die Benommenheit sie immer mehr umfing. Die Katzen erkannten ihre Verwundbarkeit und wurden plötzlich aktiv, sprangen von Stuhl zu Stuhl, schlugen mit den schlangenartigen Schwänzen, und Dutzende von Augen konzentrierten sich nur noch auf Gretel. Bald war sie vollständig umringt, und jedes Schnurren war einem leisen Grollen gewichen. Die Glocken läuteten lauter. Gerade als Gretel fürchtete, sie könnte das Bewusstsein verlieren und die abscheulichen Kreaturen würden auf sie losgehen, entdeckte sie den Ursprung der musischen Klänge. Jede Katze trug ein samtenes Halsband, an dem ein kleines Messingglöckchen baumelte.

»Die gestohlenen Katzen – hatten die auch solche Halsbänder? Mit Glöckchen?«

»Oh, ja. All meine Katzen tragen sie. Es klingt wunderbar, findest du nicht?«

Der Juckreiz hatte sich noch deutlich weiter nach oben ausgebreitet. Die Vorstellung, dass Flöhe sich durch ihre Unterwäsche wühlten, schlug Gretel auf den Magen. Sie wollte so dringend weg, dass sie sogar vergaß, die geplante Forderung nach mehr Geld weiterzuverfolgen.

»Wunderbar. Ich denke, für den Augenblick habe ich alles, was ich brauche«, sagte sie, zog sich hastig in Richtung Diele zurück und wich dabei Pranken- und Klauenhieben aus. »Ich finde allein hinaus. Ich melde mich, sobald ich etwas Neues habe.«

Sie rannte aus dem Haus und schnappte keuchend nach Luft. Jeglicher Gedanke daran, unterwegs im Kaffeehaus Station zu machen, war vergessen, als sie linksherum die Kirschbaumallee hinunter und geradewegs zu der Apotheke auf der Westseite des Örtchens strebte. Sie brauchte Flohabwehrmittel und eine Medizin gegen den Juckreiz, und zwar sofort.

Für eine so große, wuchtige Person kam Gretel bemerkenswert schnell voran, umso mehr, wenn man die ungeeigneten Schuhe berücksichtigte. Ihr Weg führte sie vorbei an der glimmenden Lücke, die von der Werkstatt des Stellmachers übrig geblieben war. Als Gretel vorüberhastete, mehr als nur ein bisschen rot im Gesicht und ziemlich außer Atem, sah sie, dass Feldobergendarm Strudel mit dem zu seinem Amt gehörenden Knüttel im Schutt stocherte.

Seit dem Feuer, das Herrn Hunds Geschäft bis auf die Grundmauern niedergebrannt und Gretel aus ihrem Schlummer gerissen hatte, waren drei Tage vergangen. Das Brausen der Flammen, die das Holzgebäude und sämtliche Kutschen im Inneren verzehrt hatten, hatte den größten Teil der Bewohner von Gesternstadt geweckt. Ein Feuer in einer Stadt, die hauptsächlich aus Holz erbaut war, durfte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Mit dem Rauch verbreiteten sich Gerüchte – das konnte kein Unfall gewesen sein. Aber Herr Hund war ein harmloser Pudding von einem Mann mit zwei anständigen Söhnen, der keinerlei Feinde zu haben schien. Warum jemand sein Geschäft hätte niederbrennen wollen, war jedem ein Rätsel, nicht zuletzt dem jähzornigen Feldobergendarmen Strudel. Gretels Anblick trug wenig dazu bei, seinen dauerfinsteren Blick aufzuhellen. Ihr war nur zu deutlich bewusst, dass er es nicht ausstehen konnte, wenn sie ihre Nase in Dinge steckte, die er als seine Angelegenheit betrachtete. Ein Hass, der zu nicht geringen Teilen darauf zurückzuführen war, dass Strudel ein lausiger Ermittler war und Gretel, entgegen allen Erwartungen, das glatte Gegenteil.

»Guten Tag, Kapitän. Ich freue mich, Euch so in Eure Arbeit vertieft vorzufinden. Drei Tage, und noch immer durchsiebt Ihr die Ruinen von Hunds Lebensgrundlage nach Hinweisen. Welch eine Gewissenhaftigkeit. Für den unglücklichen Mann muss es ein großer Trost sein, dass sein Fall in solch fähigen Händen ruht.« Das andauernde Jucken in Gretels Genitalbereich zwang sie, forsch auszuschreiten, um die Reizung zu unterdrücken und sich selbst daran zu hindern, an ihrem wundervoll geschneiderten Rock zu zerren.

Strudel richtete sich zu voller Größe auf, womit er immer noch anderthalb Köpfe kleiner war als Gretel.

»Du hast hier nichts zu suchen«, herrschte er sie an. »Das ist ein Tatort.«

»Oh, ich kam nur zufällig des Weges.«

Etwas am Boden erregte Gretels Aufmerksamkeit. Erst dachte sie, sie hätte sich geirrt, aber nein, ihre Augen trogen sie nicht. Sie bückte sich über den rußgeschwärzten Schutt, um sich einen besseren Blick zu verschaffen, was bedauerlicherweise bedeutete, dass sie sich auch Strudel nähern musste. Abrupt hielt sie inne und zwang sich, sich nicht zu kratzen. Ein Teil von ihr (ein sehr großer Teil, logischerweise) wollte einfach in Richtung Apotheke rennen und sich unterwegs die Unterwäsche vom Leib reißen. Aber die Chance, den verhassten Feldobergendarmen ein wenig zu demütigen, selbst wenn er der einzige Mensch im ganzen Ort war, der seinen wahren Charakter für alle sichtbar in seinem Mienenspiel zur Schau trug, war viel zu verlockend, um die Gelegenheit einfach vorübergehen zu lassen.

»Dann habt Ihr noch nichts gefunden?«, fragte sie. »Keine Hinweise?«

»Das ist Sache der Feldgendarmerie und kein Gemeingut.«

»Das heißt dann wohl nein.«

»Es ist mir nicht gestattet zu enthüllen …«

»Ja, ja, ich weiß. Ich dachte auch nur. Ihr wisst schon, Interesse am Wohlergehen meiner Mitbürger etc. pp. Dann ist also nichts Nützliches aufgetaucht? Nichts, das auf ein Motiv hindeuten könnte?«

»Wir haben noch nicht entschieden, ob dieses Feuer auf Brandstiftung zurückgeht.«

»Also gibt es keinen Hinweis, der helfen würde, einen möglichen Pyromanen zu identifizieren? Beispielsweise so etwas wie die menschliche Hand, auf der Ihr gerade steht?«

»Was?« Strudel folgte der Linie von Gretels ausgestrecktem Finger zum Boden und erkannte, dass sie die Wahrheit gesagt hatte; er stand tatsächlich auf den verkohlten Überresten einer menschlichen Hand, die zudem an einem Arm hing, dieser an einer Schulter und selbige, wie ein vorsichtiges Stochern mit seinem Knüttel verriet, an einem vollständigen Leichnam.

In Strudel wütete ein Kampf zwischen Zorn und Aufregung. Die Aufregung gewann. Er nahm sich nur einen Augenblick Zeit, um Gretel gegenüber die Zähne zu fletschen, ehe er sich beeilte, seinen Untergebenen lauthals Order zu erteilen, einen Spaten und einen Bestatter herzuschaffen. Der nun ausbrechende Tumult verschaffte Gretel Gelegenheit, sich den Leichnam genauer anzuschauen. Ob es sich um eine Frau oder einen Mann gehandelt hatte, war nicht mehr zu erkennen, so zerkocht waren die Überreste, aber zwei Dinge durften als auffällige Fakten gelten. Das Erste war, dass der Leiche der Mittelfinger der rechten Hand fehlte. Doch sah es nicht so aus, als wäre er abgebrannt, eher so, als wäre er abgehackt worden. Das kam Gretel sonderbar vor. Hatte der Verstorbene seinen Finger schon vor Jahren verloren, oder war er ihm erst kürzlich abhandengekommen? Oder war der Finger – und diese Möglichkeit stachelte ihre detektivischen Fähigkeiten zu höchster Alarmbereitschaft an – erst nach dem Tod seines Besitzers entfernt worden? War es möglich, dass der Mann schon tot gewesen war, ehe das Feuer ausbrach? Fragen über Fragen drängten sich Gretel auf, wurden jedoch auf den zweiten Rang verwiesen – zu groß war die Bedeutung, die dem anderen Fakt zukam, der ihr aufgefallen war: Die ausgestreckte, in Hinblick auf ihre Glieder leicht benachteiligte Hand umklammerte irgendetwas. Behutsames Stupsen mit dem Fuß veranlasste dieses Etwas, sich aus dem Griff der Leiche zu lösen und als kleine, geschwärzte, aber immer noch erkennbare Messingglocke zu entpuppen.

Gretel schnappte nach Luft. Als sie aufblickte, stellte sie fest, dass Strudel zurückkam. So behände, wie ihre Rundheit es erlaubte, bückte sie sich, schnappte sich das Glöckchen und ließ es in ihrem Büstenhalter verschwinden, ausnahmsweise nicht beglückt über den Mangel an Taschen in ihren Designerroben. Das Messing war immer noch warm und stellte unter ihren Kleidern eine weitere Quelle des Ärgers dar.

»Sapperlot! Was tust du da?«, blaffte Strudel sie an, als er herbeistapfte, um die Leiche zu bewachen wie ein Gamsbock sein Revier.

»Nichts. Gar nichts«, sagte Gretel und machte sich davon. »Ihr habt offenkundig wichtige Dinge zu tun, also überlasse ich Euch Eurer Arbeit«, rief sie über die Schulter.

Wutschnaubend kehrte sie nach Hause zurück, in der Hand eine empörend kostspielige Salbe von Herrn Pfinkle, dem Apotheker. Als sie die Stufen zu ihrer Veranda hinaufstieg, sinnierte sie darüber, wie rasch sich das Schicksal doch wenden konnte. In einer Minute war da etwas, das ein langwieriger Fall im Auftrag einer Klientin zu werden versprach, die bereit war, mehr als üblich hinzublättern, im nächsten Moment sah es ganz so aus, als wären die vermaledeiten Katzen schlicht und einfach dem Feuer zum Opfer gefallen. Und das war es dann, aus und vorbei, nichts weiter zu tun, außer Frau Hapsburg die Neuigkeit zu überbringen, dass ihre kostbaren Haustiere geröstet worden waren. Und zu allem Überfluss war Gretel über und über mit Flohbissen bedeckt, hatte irrsinnig viel Geld für die Behandlung bezahlen müssen, und Strudel war derjenige von ihnen, der einen interessanten, verdächtigen Todesfall untersuchen durfte.

Die Abenddämmerung senkte sich über Gesternstadt, und der Tag schien gänzlich aus dem Lot geraten zu sein. Wie zur Bestätigung schlug Gretel, kaum dass sie die Vordertür geöffnet hatte, der Geruch von Frühstück entgegen.

»Englisch, fully cooked!«, brüllte Hänsel ihr aus der Küche entgegen. »Willst du auch was?«

Gretel wollte – und wollte auch wieder nicht. Sie wollte, weil sie den ganzen Tag nichts gegessen hatte und furchtbar hungrig war. Sie wollte nicht, weil die Kalorienorgie, die Hänsel ihr vorzusetzen gedachte, sicher nicht dazu beitragen würde, ihren ständig wachsenden Körperumfang zu bändigen. Sie wollte, weil der Geruch von gebratenem Schinken ihr den Mund wässrig machte und den Kopfschmerz und das Jucken vertrieb. Sie wollte nicht, weil jener Teil von ihr, der sie davon abhielt, von einer Klippe zu springen oder sich vor eine vorbeirasende Kutsche zu werfen, sie an die Unmengen von Dreck erinnerte, in der das Mahl zubereitet worden war. Die Mäßigung ermahnte die Gier, doch die Gier brüllte sie nieder.

»Eine Extraportion Blutwurst für mich, Hänsel, und knausere nicht mit den Würstchen«, rief sie.

Eine Stunde später lag sie ermattet auf ihrem Sofa. Sie hatte sich wieder in ihren bevorzugten Hausmantel geworfen, ihre Kleider ausgeräuchert, ihre Bisswunden mit der Salbe eingerieben und Hänsels grandioses Frühstück verschlungen. Nun stocherte sie zufrieden mit einer Gabel zwischen ihren Zähnen herum.

»Was ich nicht verstehe«, sagte Hänsel, dessen Worte von dem dicken Zigarrenstummel verzerrt wurden, den er rauchte, »warum sollte jemand, der aus einem noch unbekannten Grund die Werkstatt von jemand anderem in Brand steckt, sich mit den Katzen wieder eines anderen befassen, die überhaupt nichts mit alldem zu tun haben?«

Gretel runzelte die Stirn. »Lieber Bruder, du hast eine Art, die Fettschicht eines Problems zu durchbohren und …«

»Direkt auf den Knochen zu kommen?«

»… bei dem Patienten eine gewaltige Blutung auszulösen und die bis dahin belanglose Wunde in so viel Blut zu ertränken, dass niemand auch nur die geringste Hoffnung haben kann, sie zu heilen.«

»Und das nennt man klar denken?«

»Verglichen mit deiner üblichen geistigen Verschattung, ja.«

»Aber du kannst mir die Frage nicht beantworten, richtig?«

Gretel war zu müde und zu vollgefressen, um mit ihm zu streiten. Außerdem schadete es ja nicht, Hänsel in dem Glauben zu belassen, dass er dann und wann einen klugen Gedanken ausbrüten konnte. Wann immer Gretel sich in der Lage fühlte, darüber nachzudenken, wusste sie, dass sein Alkoholproblem unentwirrbar mit seinem chronisch niedrigen Selbstwertgefühl verwoben war. So war es schon seit vielen Jahren. Wer wurde schon gern dadurch berühmt, sich mit seiner kleinen Schwester im Wald zu verirren, um anschließend von ihr gerettet zu werden? Der geringe Berühmtheitsgrad, den die beiden genossen hatten, seit die Sache öffentlich bekannt geworden war, hatte sie eine Zeit lang vor Armut bewahrt, aber die Erinnerung an die dunklen Stunden im Käfig der Hexe verfolgte Hänsel bis heute. Schon als Bub an einer Schule, die ebenso nobel und überspannt war wie die, an die man Gretel geschickt hatte (ebenfalls auf Geheiß des Königs), hatte Hänsel im Essen Trost gesucht, was ihm Proportionen beschert hatte, die beachtlich genug waren, dass seine Schwester sich in seiner Gegenwart regelrecht schlank vorkam. Und dann, mit einundzwanzig, hatte er Bier und Schnaps für sich entdeckt. Damit war das Muster seines Erwachsenenlebens festgelegt. Aufstehen; Pfannkuchen und Kaffee mit Weinbrand im Kaffeehaus; nach Hause, Nickerchen machen; eine kleine Brotzeit zubereiten und mit einem Bier genießen; ins Gasthaus zu Kartenspiel und Bier; ein kurzer Gang zum Lebensmittelladen, um Vorräte zu kaufen; nach Hause, um sich noch mehr Essen einzuverleiben, das wiederum noch mehr Bier aufsaugen konnte; dann zurück ins Gasthaus, um Schnaps zu trinken. Dieser Ablauf konnte allenfalls unterbrochen werden, wenn Gretel ihn aufforderte, ihr etwas zu kochen, oder wenn sie ihm einen dringenden Auftrag erteilte, vorausgesetzt, sie hatte es nicht eilig. Aber solche Störungen im immer gleichen Rhythmus seiner Tage waren wie Schluckauf. Die natürliche Ordnung war durch viele Jahre täglicher Praxis so sehr gefestigt, dass sie tief in ihm verwurzelt war und abgearbeitet werden konnte, ohne dass er einen Gedanken daran verschwenden musste.

Gretel hätte es niemals irgendjemandem gegenüber eingestanden, aber sie hatte Hänsel gern in ihrer Nähe. Abgesehen von seinen zweifelhaften Fähigkeiten in der Küche (ein Raum, den Gretel selbst freiwillig niemals betrat) war seine anspruchslose Gesellschaft ihr ein Trost, selbst wenn er darauf bestand, sich zu kleiden wie so ziemlich jeder bayrische Herr, der ihr je begegnet war (glücklicherweise zog er bei Lederhosen die Grenze). Wichtiger noch, sein Hang zu sprunghafter Argumentation hatte mehr als einmal in Fällen, die zu lösen Gretel schwer zu kämpfen hatte, Licht in die finstersten Ecken geworfen. Auch nur in Erwägung zu ziehen, dass sie ihn womöglich brauchte, ärgerte Gretel trotzdem.

»Ich weiß nur eins«, sagte sie, nachdem sie die Ausgrabungen im Bereich ihrer Backenzähne abgeschlossen hatte. »Ich will nicht, dass Frau Hapsburg Wind davon bekommt, was ich gefunden habe. Ein Messingglöckchen beweist noch gar nichts.«

»Und du willst ihr das Geld nicht zurückgeben.«

»Hier müssen drei potentiell entführte Katzen berücksichtigt werden und nur ein Glöckchen.«

»Und du willst ihr das Geld nicht zurückgeben.«

»Jedenfalls, die Katze könnte sich von ihrem Halsband befreit haben und weggelaufen sein, ehe das Feuer ausgebrochen ist.«

»Und du willst ihr …«

»Schluss damit!«

Hänsel blies demonstrative Rauchringe in die Luft.

»Meiner Erfahrung nach sind die Dinge nie so naheliegend, wie es scheint«, fuhr Gretel fort. »Ein paar Fragen zu stellen ist das Mindeste, was ich für die alte Schachtel tun kann. Sehen, was ich herausfinden kann.«

»Strudel wird das nicht gefallen.«

»Strudel wird genug damit zu tun haben, herauszufinden, wer auf Hunds Grundstück gegrillt worden ist.«

Hänsel zuckte mit den Schultern. »Dann solltest du wohl mal mit Agnes reden.«

Gretel stöhnte.

Hänsel schüttelte den Kopf. »Sei nicht so, das ist nicht gut. Du weißt, wie nützlich sie sein kann. Sie weiß Dinge. Sie sieht Dinge. Lass dir von ihr die Karten legen.« Er lachte kehlig und beruhigte sich gerade lange genug, um den Zigarrenstummel nicht hinunterzuschlucken. »Das wird dir gefallen!«, gluckste er. »Na los, gönn es dir.«

»Ja, haha und noch mehr ha. Hänsel, du bist nicht annähernd so witzig, wie du dir einbildest. Deine Therapiesitzungen mögen dich ja von deiner Angst vor Hexen kuriert haben, bei mir hat das leider nicht funktioniert, wie du sehr gut weißt.«

»Aber, aber. Agnes ist keine Hexe, nur eine schrullige alte Vettel.«

»Das musst du mir nicht erzählen.«

»Da gibt es einen Unterschied.«

»Keinen, der groß genug wäre, dass ich mit dieser Kreatur meine Zeit verbringen wollte.«

Hänsel zog die Brauen hoch. Gretel wusste, dass er recht hatte. Wurde irgendwo jemand oder etwas betratscht, wusste die Alte Schrulle (um sie bei ihrem offiziellen Titel zu nennen) davon. Und sie war nervenaufreibend gut darin, die verdammten Karten zu lesen.

»Also gut.« Gretel schüttelte ihre Kissen auf und wand sich in eine bequemere Lage. »Dann eben Agnes. Aber gerade jetzt habe ich die Absicht, mir ein vorzeitiges Nickerchen zu gönnen, falls du allmählich damit fertig wirst, das Zimmer mit deinen giftigen Tabakausdünstungen zu füllen.« Sie schmiegte sich in die Gänsefederumarmung ihrer Decke. »Ich schleppe mich gleich morgen früh zum Schrullenhaus. Als Erstes, um genau zu sein.«

2

Drei Tage später machte Gretel sich auf, die Alte Schrulle zu konsultieren. Sie trug eine ihrer Lieblingskombinationen, Rock und Jacke in feinster Wolle, gelb und dunkelgold kariert, eine exquisite Schneiderarbeit, in der sogar Gretels Figur zumindest strukturiert wirkte. Die Wahl des passenden Schuhwerks hatte ihr Kopfzerbrechen bereitet. Bis zum Haus der Alten Schrulle musste sie eine Meile über eine gewundene, steinige und unebene Straße hinter sich bringen. Gretels Hand hatte über einem Paar brauner, geknöpfter Stiefel geschwebt, die das Terrain hervorragend hätten bewältigen können. Aber es war Frühling, und ihre neuesten Halbschuhe, honigbraun mit eleganten Drei-Zoll-Absätzen, schrien geradezu danach, in der Aprilsonne vorgezeigt zu werden. Außerdem war der Weg wunderbar geeignet, sie einzulaufen. Gretel vervollständigte ihre Garderobe mit einem Minizylinder in einem Bronzeton, den sie keck seitlich an ihrem Kopf befestigte (nachdem sie ihr Haar mit einer Anstaltspackung Haarlack und Nadeln gebändigt hatte).

Als sie das Haus der Alten Schrulle erreicht hatte, war sie von all den vielen Blasen beinahe gelähmt.

»Hah!«, gackerte die Alte Schrulle, als sie Gretel erblickte. »Hah, hah! Was bist du doch für ein närrisches Ding, junge Gretel. Komm in meine bescheidene Behausung, und ruhe deine wunden Füße aus.« Um das Maß vollzumachen, gackerte die alte Frau noch einmal herzhaft, als sie ächzend und gekrümmt ins Haus ging, wobei jeder ihrer Schritte so schmerzhaft aussah, wie jeder Schritt für Gretel war.

Gretel folgte ihr in den winzigen Raum und ließ sich in den ersten verfügbaren Sessel fallen.

»Also gut, Agnes, du kannst mit dem Getue aufhören«, sagte sie und zog stöhnend die Schuhe aus. »Du weißt, das treibt mich nur in die Flucht.«

Agnes richtete sich auf und rieb sich das Kreuz.

»Gott sei Dank«, sagte sie mit einer erstaunlich melodischen Stimme, in der keine Spur von Schrulligkeit lag. »Hätte ich mich noch viel länger so gebückt halten müssen, wäre meine Wirbelsäule womöglich wirklich krumm geworden.« Sie hielt kurz inne, um sich die falschen schwarzen Zähne aus dem Mund zu nehmen, unter denen makellose eigene Beißerchen zum Vorschein kamen. »Tee oder etwas Stärkeres?«

»Stärker, bitte. Aber nichts von deinem Selbstgebrauten.«

»Du traust mir immer noch nicht?«

Gretels Blick schweifte zu dem Kessel, der auf einem Herd köchelte. Er blubberte bedrohlich, und die Dämpfe, die daraus entwichen, waren von einer beängstigend fleischigen und dennoch abschreckenden Art.

Wortlos legte die Alte einen schweren Deckel auf den Topf.

»Ob du nun gackerst wie eine Hexe oder nicht, Agnes, der Beruf, den du dir ausgesucht hast, drückt bei mir Knöpfe, die ich lieber nicht gedrückt haben möchte.«

Agnes holte zwei Flaschen Bier der örtlichen Brauerei, öffnete sie und gab Gretel eine davon, ehe sie sich an den kleinen Küchentisch setzte. »Und?«, fragte sie. »Was führt dich den ganzen Weg hierheraus, noch dazu in diesen albernen Schuhen?«

»Albern? Du solltest vielleicht wissen, dass diese Schuhe …«

»Irrsinnig teuer waren und dir Löcher in die Füße gerieben haben.«

»Das sind Iksy-Makkis!«

»Wie ich bereits sagte, alberne Schuhe. Hoffen wir, dass du nicht dein ganzes Geld für die Treter verschleudert hast, anderenfalls hätte es nicht viel Sinn gehabt, herzukommen, nicht wahr?« Agnes kippte ein paar Schluck Bier hinunter und wartete.

Gretel schüttelte den Kopf.

»Nicht so hastig«, sagte sie. »Ich lege kein Geld auf den Tisch, ehe ich nicht sicher bin, dass du mir nützlich bist. Ich bin kein blauäugiges Gör, das allen möglichen Unsinn über große, düstere, attraktive Fremde hören will.«

»Nicht?«

»Ich habe einen neuen Fall übernommen. Ich brauche Informationen, um die Sache in Gang zu bringen. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Hmm, und hat dieser neue Fall irgendetwas mit dem Feuer in Herrn Hunds Stellmacherwerkstatt zu tun?«

»Netter Versuch, Agnes, aber nein. Zumindest nicht direkt. Jedenfalls nehme ich das an. Aber vielleicht doch. Möglich. Aber nicht wahrscheinlich.«

»Schön zu sehen, dass deine Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen, so gut ist wie eh und je, Gretel.«

»Es hat mit Katzen zu tun.«

»Katzen?«

»Ja, Katzen. Du weißt schon, scheußliche Pelzdinger mit Klauen, Zähnen und Flöhen. Mich wundert, dass du keine hast«, fügte sie hinzu und sah sich in dem Zimmerchen um.

»Ich weiß, was Katzen sind«, sagte Agnes. »Mich überrascht, dass du dich mit ihnen befasst.«

»Meine Auftraggeberin ist verzweifelt und braucht meine Hilfe.«

»Deine Auftraggeberin muss dich sehr gut bezahlen.«

»Du bist doch die, die Dinge sieht und Dinge weiß.« Gretel leerte ihr Bier und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. »Also muss ich dir kaum die Einzelheiten einer privaten finanziellen Vereinbarung offenbaren.«

»So viel, ja?«

»Hör zu, drei der widerwärtigen Katzen dieser Frau haben die Fliege gemacht. Hast du irgendwas darüber gehört?«

»Bezahlst du in Gold oder in Banknoten?«

Gretel seufzte und zog zwei zusammengefaltete Scheine aus dem Ausschnitt.

Agnes stand auf. »Ich hole die Karten«, sagte sie.

Wie Gretel schon vor langer Zeit erkannt hatte, gab Agnes eine ziemlich ordentliche Alte Schrulle ab, wenn sie nur wollte, aber das war alles nur Schauspielerei. Ihre Begabung für Tarot jedoch stand außer Frage. Sie war weithin bekannt für die Exaktheit ihrer Aussagen und hatte sich bei einigen von Gretels komplizierteren Fällen als nützliche Quelle erwiesen.

Die Frauen setzten sich nah an den Tisch. Die Vorhänge waren zugezogen, und der schwache Lichtkegel einer einzigen Lampe ersetzte die Helligkeit der Frühlingssonne. Gretel ergriff die Karten, wie es ihr gesagt wurde, mischte sorgfältig und gestattete ihrem geistigen Auge, so viele Katzen zu sehen, wie sie eben ertragen konnte. Dann nahm Agnes ihr die Karten ab und legte sie aus. Einen Moment lang tat sie das schweigend, anscheinend, ohne etwas Interessantes zu sehen, und dann, auf einmal, hielt sie inne und lächelte verhalten.

»Schau an, schau an«, sagte sie. »Damit war nicht zu rechnen.«

»Womit? Was siehst du?«

»Das wird dir nicht gefallen.«

»Sag’s mir.«

»Du wirst einem großen, düsteren, attraktiven Fremden begegnen.«

»Ach, Agnes, wirklich!«

»Ich meine es ernst! Die Karten sagen es.«

»Besser, sie haben noch etwas anderes zu sagen …«

»Schon gut, lass mir Zeit. Du kannst die Karten nicht hetzen.« Sie drehte noch eine um, dann noch eine. Gretel sagten die Bilder rein gar nichts, also war sie gezwungen, still dazusitzen und darauf zu warten, dass Agnes deren Bedeutung enthüllte.

»Es hat möglicherweise nichts zu sagen, aber es ist schwer zu bestimmen.«

»Was?«

»Sieht aus, als deute es auf … Handschuhe. Vielleicht Hände? Nein, Finger, das ist es. Es sind Finger. Hat eine deiner vermissten Katzen Finger?«

Gretel verbarg mit Mühe die aufkeimende Aufregung.

»Sei nicht albern«, sagte sie.

Agnes zuckte mit den Schultern. »In dieser Gegend sind schon seltsamere Dinge passiert.« Sie drehte noch eine Karte um und verzog das Gesicht. »Urx! Das ist wirklich übel!«

»Um Himmels willen, was?«

»Ein Troll. Jöich, hatte seit Jahren nichts mehr mit Trollen zu tun. Scheußliche Kreaturen.«

»Was ist mit dem Troll? Hat er die Katzen?«

»Nein, das glaube ich nicht. Aber irgendeine Verbindung muss es geben.« Sie schloss die Augen und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Ich kann eine Brücke sehen. Eine alte Steinbrücke. Und da ist ein Übelkeit erregender Gestank.«

»Wo ist dieser Ort?«

»Nirgends, wo ich eilig hinwollte. Warte mal, da ist ein Schild … ich kann es nicht richtig erkennen … alles ist verschwommen …«

»Würde ein zusätzlicher Geldschein die Dinge klarer machen?«

Agnes klappte ein Auge auf.

»Du bist eine schreckliche Spötterin, Gretel.« Sie schloss das Auge wieder und verzog das Gesicht vor Konzentration. »Etwas, das mit F anfängt. Nein, P. Das ist es … Per… Nicht gut. Den Rest kann ich nicht lesen.« Sie schlug die Augen wieder auf und nahm sich wieder die Karten vor. »Hier ist etwas, das mit Wasser zu tun hat.«

»Vermutlich fließt unter der Brücke ein Fluss.«

»Nein, mehr Wasser. Ein See vielleicht.« Nun richtete sie sich kerzengerade auf. Die Prüfung der Karten war beendet. »Das war’s. Hat es geholfen?«

Gretel versuchte sich an einer Rekapitulation.

»Finger. Ein stinkender Troll, der unter einer Brücke wohnt, in der Nähe von etwas, das mit Per beginnt, und ein See. Das ist ein bisschen dürftig.«

»Vergiss nicht den großen, düsteren, attraktiven Fremden.«

»Ach, geh!«

»Ich versichere dir, das habe ich gesehen.«

»Tja«, sagte Gretel, zwang ihre Fersen wieder in die Schuhe und stand auf, »wenn er die Katzen nicht hat, bin ich nicht interessiert.«

Die Heimreise war lang und unbequem, und Gretel konnte sie nur dank der Wattebäusche bewältigen, die Agnes ihr gegeben hatte. Sie ragten in Gestalt grotesker Puschel aus Gretels kostbaren Schuhen, aber wenigstens konnte sie damit gehen. Die Sonne war warm, und noch ehe sie eine halbe Meile von dem Haus entfernt war, schwitzte sie unter ihrem Tweedjäckchen. Die Hitze provozierte die schlafenden Flohbisse zu einer neuen schmerzhaften Attacke auf ihren Körper.

Gerade als Gretel dachte, sie würde Frau Hapsburg nicht annähernd genug berechnen für all die Mühe, die sie aufwenden musste, tauchte aus einer Seitenstraße ein unbeladener Wagen auf, gezogen von einem haselnussbraunen Gaul, und bog in Richtung Stadt ab.

»Hallo! Warte mal!« Gretel humpelte hinterher. »Kann ich mitfahren?«

Das wackelige Gefährt wurde von einem Bauern mit rosigen Wangen gesteuert, in dem Gretel vage einen von Hänsels gelegentlichen Saufkumpanen aus dem Gasthof erkannte. Er lächelte ihr zu, ein höchst lückenhaftes Grinsen, begleitet von einer Wolke aus Mundgeruch, die einen Ochsen hätte fällen können.

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