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Es war eine andere Zeit

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© 2016 Letizia Raufenstein

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7345-8506-7
Hardcover: 978-3-7345-8507-4
e-Book: 978-3-7345-8508-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

90 Jahre

Mein Elternhaus

Arbeiten im Alltag

Unser Dorf

Meine Mutter

Die Stiefmutter

Adventszeit und Weihnachten

Winterferien

Landleben

Mehl und Brot

Heuernte

Obst und Gemüse

Die Fruchternte

Kartoffeln

Mist

Konfirmation

Politischer Wandel

Krieg

Pflichtjahr

Der Tod meines Vaters

Die Liebe

Die Hochzeit

Ein Baby

Familienleben mit Hund

Urlaub in den Bergen

Puppe

Der Stammhalter

Die Zugspitze

Eine neue Schule

Sommerurlaub an der Ostsee

Die elektrische Eisenbahn

Der Umzug

Es war eine andere Zeit

Ich heiße Marie Luise, geborene Blumenstein, und wurde vor 90 Jahren am 09.01. 1927 geboren. Obwohl mein Sehvermögen schon sehr nachgelassen hat, habe ich mich von meiner Tochter dazu animieren lassen, meine Geschichte aufzuschreiben. Denn wenn ich es nicht dokumentiere, geht das Wissen über mein vergangenes Leben und die damaligen Lebensumstände verloren. Meine 2 Kinder, 5 Enkelkinder und 4 Urenkelkinder können so erfahren wie es früher – im letzten Jahrhundert – einmal war. Ich habe sehr viel erleben dürfen in meinem langen Leben. Auf den folgenden Seiten erzähle ich von meiner Kindheit und Jugendzeit, die ich in einem kleinen hessischen Dorf verbrachte. Wie ich später als junge Frau meine große Liebe kennenlernte und meine Kinder kamen. Dann zogen wir in eine Großstadt und meine Kinder wurden erwachsen.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.

90 Jahre

Es ist ein wunderschöner Wintertag, kalt und sonnig. Am bayerisch blauen Himmel ziehen kleine Wölkchen dahin und die Kondensstreifen eines Flugzeugs sind zu sehen, erst schmal und dann immer breiter, bis sie sich verteilt haben und verschwinden.

Ich kann es kaum glauben, heute ist mein neunzigster Geburtstag. Mit dieser Zahl kann ich nichts anfangen. Wenn ich darüber nachdenke, was es bedeuten könnte, so fällt mir meine körperliche Verfassung ein. Ich bin geistig noch ziemlich fit, darüber bin ich sehr froh. Allerdings merke ich, dass vieles langsamer wird. Genau genommen wird das gesamte Leben mit zunehmendem Alter langsamer und weniger: weniger sehen, weniger hören, weniger laufen können, weniger Kraft haben usw. Aber das ist nicht schlimm, man muss sich darauf einstellen und sich arrangieren mit dem eigenen Körper. Nur blöd ist, wenn man fast nichts mehr sehen kann, dann wird die Organisation des eigenen Lebens schwierig.

Heute wollen wir feiern. Mein Sohn hat ein schönes, gemütliches Lokal für uns ausgesucht und ich freue mich sehr, meine Familie, meine Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder wiederzusehen

Unsere Familienfeiern waren schon immer lustig und locker, mit gutem Essen und Trinken. Wenn ich zurückblicke, gab es sehr viele schöne Feste die wir gefeiert haben. Die sommerlichen Grillpartys im Garten, Geburtstagsfeiern, Weihnachtsfeste, traditionell mit großem Weihnachtsbaum, Geschenken und der beliebten Weihnachtsgans und Silvesterpartys mit Feuerwerk.

Allerdings habe ich bisher nur einen neunzigsten Geburtstag gefeiert und das war der des Urgroßvaters meiner Kinder, als wir noch in Quentel wohnten, vor ca. sechzig Jahren. Nun darf ich meinen neunzigsten Geburtstag feiern.

Mein Elternhaus

Mein Geburtsort Günsterode war ein kleines Dorf in Hessen, im Landkreis Melsungen.

Als ich ein Kleinkind war, sind meine Eltern Anna und Konrad Blumenstein von Günsterode nach Quentel (der Ort wurde1321 erstmals urkundlich erwähnt), einem Dorf das nicht weit entfernt war, umgezogen. Mein Großvater war in finanzielle Not geraten und sein Bauernhaus war von der Zwangsversteigerung bedroht. Unglückliche Umstände hatten zu dieser Situation geführt, aus der er alleine keinen Ausweg fand, deshalb wollte mein Vater helfen. Mein 13 Jahre älterer Bruder war schon ausgezogen und machte eine Lehre in einem anderen Dorf. So zogen meine 4 Jahre ältere Schwester und ich mit den Eltern um.

Mein Großvater Konrad Blumenstein und mein Vater, der genauso hieß, waren beide Hausschreiner. Zu dieser Zeit wurden die Erstgeborenen Söhne nach den Vätern genannt und sie erlernten auch das Handwerk der Väter.

Die Hausschreiner fertigten damals für die neu gebauten Bauernhäuser, die meistens Fachwerkhäuser waren, die Dielen für die Fußböden und erstellten Fenster, Türen und Haustüren. Für die Reparaturen an alten Häusern waren sie auch zuständig und so gab es für die Schreiner immer was zu tun.

Die ganze Familie musste früher auf dem Bauernhof mitarbeiten. Meine Mutter, meine Schwester und ich machten die Hausarbeit und kochten. Mein Vater war zuständig für die Feldarbeit und alle Arbeiten, die für seine Frau und uns Mädchen zu schwer waren.

Das Fachwerkhaus meines Großvaters war typisch für die damalige Zeit. Es war sehr groß, mehrgeschossig, mit Wohnteil, Stall und Scheune, Keller und Werkstatt. Der große Dachboden erstreckte sich über die ganze Hausbreite. Im Erdgeschoss befand sich der Stall, der einen Zugang von außen hatte aber auch innen vom Treppenhaus betreten werden konnte. Im Stall standen mehrere Kühe nebeneinander mit dem Kopf zur Wand mit den Futtertrögen und einem Fenster. Die Einstreu war aus Stroh, damit die Kühe trocken standen. Im hinteren Teil gab es den abgetrennten Schweinestall, der Platz für mehrere Schweine bot. Abgetrennt im Stall gab es ein Plumpsklo für die Menschen. Wobei sowohl die Hinterlassenschaft der Kühe und Schweine als auch die der Menschen direkt in die Jauchegrube floss, die sich in der Erde vor dem Haus befand. Die Jauchegrube war ein großes, viereckiges, tiefes Loch, das abgedeckt war. Eine große Pumpe ragte oben heraus. Die wurde mit einem langen Hebel (Schwengel) bedient. Die Männer mussten sich sehr anstrengen beim Auspumpen der stinkenden Brühe, die über ein langes Rohr in ein Fass gepumpt wurde, das auf einem Leiterwagen lag. Kühe zogen zweimal im Jahr das Gespann auf die Felder und Wiesen, wo die Jauche verteilt wurde.

Das Stroh und Heu auf dem die Schweine und Kühe standen, wurde beim Ausmisten auf dem Haufen vor dem Stall aufgetürmt, solange, bis es im Herbst und Frühjahr auf die Felder gefahren und verteilt werden konnte.

In der Mitte des Hauses befand sich der Hauseingang mit dem Treppenhaus und auf der rechten Seite des Hauses die Scheune. In deren oberem Bereich, also auf dem Dachboden, wurden Heu und Stroh für die Tiere gelagert. Ebenerdig standen die landwirtschaftlichen Geräte, wie der große Leiterwagen aus Holz, der Pflug, der von einer Kuh oder einem Pferd gezogen werden musste und weitere landwirtschaftliche Geräte. Die Räder des großen Leiterwagens waren, wie der gesamte Leiterwagen, aus Holz. Sie hatten außen um das Rad einen eisernen Reifen, damit das Holz nicht so schnell abgefahren wurde und somit viel länger hielt.

Die Scheune und der Dachboden waren sehr interessant für uns Kinder. Hier konnten wir verstecken spielen und herumklettern, obwohl es gefährlich und natürlich verboten war.

Über das Treppenhaus kam man in den ersten Stock, wo sich die große Wohnküche befand.

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Der altertümliche große Küchenherd stand an der Wand und das lange Ofenrohr streckte sich nach oben, machte einen rechtwinkligen Knick und verschwand im Schornstein. Der Herd, der außen weiß emailliert war, hatte verschiedene Funktionen. Das Essen wurde auf dem großen Eisenfeld gekocht. Das bestand aus 4 runden Kochstellen mit Eisenringen, die man einzeln herausnehmen konnte. An der Seite des Kochfeldes war einen Tank, in dem Wasser erhitzt wurde. Außerdem gab es einen Backofen, wo Kuchen gebacken und der Sonntagsbraten gebrutzelt wurde. Damit man sich nicht an dem Herd verbrannte, war an den Seiten und vorne eine Messingstange angebracht, die sich auch prima zum Aufhängen der Handtücher eignete. Es gab vier Ofentüren an der Vorderseite des Herdes. Die oberste zur Feuerstelle, in der Mitte die für den Aschekasten und drunter die zum Fach für Holz usw. Daneben befand sich der große Backofen. Diese alten Öfen waren Multitalente, denn man konnte sie mit allem, was brannte, befeuern: Holz, Kohlen und andere Sachen, die weg mussten, denn es gab ja keine Müllabfuhr.

Die Küche war der beliebteste Raum für die ganze Familie, denn es war immer warm und man konnte zuschauen, wie die Mutter das Essen kochte. Meine 4 Jahre ältere Schwester und ich mussten natürlich helfen. Kartoffeln schälen, Gemüse putzen usw. wurde am großen, hölzernen Küchentisch erledigt. Die Messer holten wir aus der großen Schublade unter der Tischplatte. Dort war auch das gesamte Besteck, das man brauchte, untergebracht. Geschirr, Töpfe und Schüsseln standen im Küchenschrank. Unten drin, hinter zwei großen hölzernen Schranktüren, standen die großen Schüsseln und Töpfe und im schmaleren oberen Teil des Küchenbuffets, hinter Glastüren, die Tassen, Teller und kleinen Schüsseln.

Ach ja, ein Sofa war auch in der Küche und zwar hinter dem Esstisch, damit der Hausherr seinen Mittagsschlaf halten konnte oder die Kinder darauf herumhüpfen konnten, wenn es keiner sah.

Arbeiten im Alltag

Einmal in der Woche wurde die Wäsche gewaschen. Das war sehr anstrengend, denn es gab keine Waschmaschinen und so musste alles mit den Händen gemacht werden. In jedem Haus gab es eine Waschküche, die für verschiedene Arbeiten genutzt wurde. Ein großer gemauerter Ofen mit einem runden, emaillierten Kessel stand in der Ecke des Raumes. Der Kessel wurde mit Wasser gefüllt und meist mit Kohle geheizt. Die schmutzige Wäsche wurde vorher in Zinkwannen eingeweicht, damit sich der Schmutz löste. Nach zwei bis drei Tagen wurde sie dann im Kessel mit Waschpulver so lange erhitzt bis sie einigermaßen sauber war. Ein langes flaches Holz diente zum Bewegen der Wäsche, damit der Schmutz leichter rausging. Mit diesem langen Holz holten die Frauen dann die noch heiße Wäsche aus dem Kessel und warfen sie in die Zinkwannen. Dort wurden die einzelnen Teile solange auf einem Waschbrett hin und her gerubbelt, bis der restliche Schmutz raus war.

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Es folgte das Ausspülen mit kaltem Wasser, um die Lauge zu entfernen. Zum Schluss wurde die nasse Wäsche zum Trocknen im Garten auf Leinen gehängt. Jetzt mussten wir aufpassen, dass es nicht regnete, denn dann mussten wir alle rennen, um die Wäsche reinzuholen, damit sie nicht wieder nass wurde. Gebügelt wurde dann abends nach der Arbeit.

Die Kühe und Schweine wurden täglich zweimal gefüttert und ausgemistet. Die Kühe mussten morgens und abends gemolken werden; das lernten wir Mädchen früh und mussten oft melken.

Den Gemüsegarten neben dem Haus haben wir Frauen im Frühjahr umgegraben und Samen in die Beete gestreut, damit wir Gemüse, Gurken und Salat ernten konnten. Es gab verschiedene Sträucher mit Stachelbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren und Himbeeren. Sobald die ersten Beeren reif waren, liefen wir Mädchen heimlich in den Garten und naschten von den süßen Früchten. Wenn es Zeit zur Ernte war, gab es wieder sehr viel zu tun für uns. Wir mussten die Beeren von den Sträuchern zupfen, dann wurden sie am Brunnen gewaschen und in großen Töpfen kochte Mutter leckere Marmelade.

Im großen Garten standen Apfelbäume, Zwetschgenbäume, Birnbäume und Kirschbäume. Die Zwetschgen schmeckten prima, machten aber viel Arbeit. Jede musste aufgeschnitten werden, um den Kern rauspulen zu können. Sie wurden in Einweckgläser gefüllt, mit Zuckerwasser und Zimt aufgefüllt und in großen Kesseln gekocht. Dadurch wurden die Zwetschgen schön weich und haltbar. Wir hatten dann im Winter, wenn es kein frisches Obst und Gemüse gab, immer tolles Zwetschgenkompott. Das Gleiche machten wir mit den Äpfeln und Birnen. Das ging aber auch nicht schneller, denn sie mussten erst geschält und dann zerschnitten werden. Wenn es viele Äpfel gab, fuhren wir die mit dem Handwagen zu einem Bauern, der eine Obstpresse hatte und aus den Äpfeln wurde leckerer Apfelsaft.

Die Hühner und Hasen mussten wir füttern und deren Ställe ausmisten. Die Eier brauchten wir ja zum Kochen und backen. Die Hasen wurden vor den Feiertagen geschlachtet und wurden zum Festtagsbraten.

Auch unser Brot haben wir selber gemacht. Der Brotteig wurde in großen Holzmolen angesetzt, damit er aufgehen konnte. Wenn sich die Teigmenge verdoppelt hatte, formten wir Brotlaibe, die außen herum nochmal mit Mehl bestäubt und eingeschnitten wurden. Auf großen Holzbrettern trugen wir sie zum Backen in das Gemeinschaftsbackhaus, das im Dorf von allen genutzt wurde.

Es war eigentlich ein Backhäuschen, zwei Meter breit und drei Meter lang, aus Stein gebaut mit einem Ziegeldach, ohne Fenster und mit einer Holztür. Öffnete man die Tür, die einen breiten Metallriegel hatte, stand man in einem schmalen Raum und schaute auf die halbrunde Backofentür und dahinter auf die Öffnung des Ofens selbst, der ebenfalls aus Stein gemauert war. Einmal in der Woche gab es dann dieses wunderbare, leckere, frische Brot zum Essen.

So hatte die ganze Familie jeden Tag sehr viel zu tun, um das tägliche Essen und Vorräte für den Winter zu haben.

Unser Dorf

Das Dorf Quentel lag in einer Talsenke. Die gepflasterte Dorfstraße (Quellentalstraße) lief fast gerade durch das ganze Dorf, vom ersten bis zum letzten Haus. Ziemlich in der Mitte lag der Dorfplatz, auf dem eine große alte Linde ihr Blätterdach ausbreitete. Rund um den Stamm der Dorflinde gab es eine Holzbank, auf der sich Jung und Alt ausruhen konnten. Die Kinder spielten Fangen und rannten vor Freude schreiend um die dicke Linde herum.

Vom Dorfplatz führte eine schmale, gepflasterte Straße in das Hintere Dorf, vorbei an der alten Dorfkirche und dem Pfarramt, einem großen alten Fachwerkhaus, in dem auch der Pfarrer mit seiner Familie wohnte.

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Die kleine, sehr alte Kirche war ein einfacher Bau mit einem Fundament aus dicken, grauen Steinen und einem Kirchenschiff aus Fachwerk. Die Kirchenfenster reichten vom Fundament bis fast zum Dach und schienen vom Fachwerk eingerahmt zu sein. Der Kircheneingang war eine sehr massive alte Holztür, durch die man in das schmucklose Innere gelangte. Es war eine evangelische Kirche ohne Prunk, mit alten Holzbänken und einer Empore, auf der sich die Orgel befand. Ein kleiner, einfacher Altar aus Stein und ein Taufbecken standen neben der Kanzel im vorderen Bereich. Darüber hing ein großes Holzkreuz, das mit seiner Einfachheit die Stirnseite des Kirchenschiffs dominierte. In der Adventszeit wurde die Kirche mit grünen Zweigen geschmückt Eine wunderschöne alte Weihnachtskrippe mit Maria und Josef, Esel und Kuh und natürlich dem Jesuskind in der Holzkrippe faszinierten mich als kleines und als großes Mädchen. Wenn ich mit meiner Familie am Heiligen Abend in den Weihnachtsgottesdienst ging, war ich überwältigt von dem großen, leuchtenden Weihnachtsbaum, der den vorderen Bereich der Kirche in ein warmes Licht tauchte. Die flackernden Kerzen erzeugten Schatten an den Wänden, die sich bewegten. Rote und goldene Weihnachtskugeln, Strohsterne und Engelsfiguren wurden vom Kerzenschein in ein geheimnisvolles Licht gehüllt und ließen mich stumm und andächtig werden. In der Kirche war es kalt, denn sie wurde nicht geheizt, aber mir schien als würde das Licht der ...

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