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Es war anders damals!

Inhalt

Einleitende Gedanken

Meine Heimat

Im Kriegszustand

Auf der fliegertechnischen Vorschule

Wir werden evakuiert

Anfang der Wanderschaft

Auf dem Heimweg

Wieder zu Hause

Bei den Russen

Meine Flucht in den Westen

Ich verlasse Westdeutschland

In Glasten

Auf dem Weg nach Plön

Ein Neuanfang

In Kanada

Nach Amerika

Ich werde Soldat

Der Umzug an die Ostküste

Ich wechsle zur Armee

Der Anfang einer zweiten Karriere

Wieder in Deutschland

Einleitende Gedanken

Häufig habe ich erzählt von meinen Erlebnissen während des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Jahren gleich danach. Meine Freunde haben mich dann gefragt, warum ich sie nicht aufschreibe. Meine Antwort war fast immer gleich: Wer interessiert sich schon dafür? Es gab doch wenigstens zwölf Millionen Menschen, wenn nicht noch mehr, die als Resultat jenes Krieges ihre Heimat verloren hatten. Sie waren damals vor der anrückenden Roten Armee geflüchtet, um nicht von dem Grauen des Krieges überrollt zu werden, oder wenn sie sich dazu entschlossen hatten, doch zu bleiben, wurden sie später aus ihrer Heimat vertrieben. Jeder einzelne hätte doch eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Jene, die im bitterkalten Winter in Schnee und Eis ihren Weg mit Pferd und Wagen unter den schwierigsten Bedingungen über die zugefrorene Ostsee machten. Und da waren Tausende von Flüchtlingen, denen es gelungen war, sich einen Platz auf einem der letzten Schiffe zu sichern, um dann mitsamt diesen Schiffen von sowjetischen U-Booten versenkt zu werden, wo sie einen grausamen Tod in den Wellen der Ostsee fanden. Die Überlebenden haben das Trauma bis zum heutigen Tage nie bewältigt. Mit anderen Worten, es gibt Millionen von unschuldigen Menschen mit Erfahrungen, welche alles, was ich erzählen könnte, in den Schatten stellen.

Allerdings, wenn ich mich mit jüngeren Leuten unterhalte, muss ich zu meinem Bedauern oft feststellen, dass sie sich überhaupt kein Bild von jener Zeit des Leidens machen können. Für sie ist es ein abgeschlossenes Kapitel, etwas, was lange vor ihrer Zeit stattgefunden hat - eine Periode der Geschichte, zu der sie absolut keine Beziehung haben. Noch trauriger ist, dass viele von ihnen nie von Pommern gehört haben, geschweige denn, etwas über dieses Land wissen.

Maikäfer, flieg.

Dein Vater ist im Krieg,

Deine Mutter ist im Pommerland,

Pommerland ist abgebrannt.

Maikäfer, flieg!

So wie nach dem Dreißigjährigen Krieg Pommern weitgehend verwüstet wurde und man dieses kleine Lied überall sang, so hat es heute wieder an Wirklichkeit gewonnen. In der Tat, für unzählige Menschen existiert Pommern überhaupt nicht mehr. Nachdem der Krieg endlich vorüber war, zogen es deutsche Politiker vor, diese Epoche der Geschichte in den Hintergrund zu schieben. Das Leiden, die Schmerzen, die unvorstellbaren Anstrengungen und den Verlust der Heimat von zwölf bis vierzehn Millionen unschuldiger Menschen zu erwähnen, war nicht unbedingt ein Thema, womit Politiker glänzen konnten.

Die genaue Zahl der Flüchtlinge aus den gesamten ostdeutschen Gebieten, die Deutschland nach dem Kriege abtreten musste, ist wohl niemals genau ermittelt worden.

Nach all diesen Jahren, nachdem so vieles sich in meinem Leben ereignet hat, bedauere ich, nicht alles aufgeschrieben zu haben. Da ich niemals ein Tagebuch führte, wird es jetzt umso schwieriger, diese Zeit aus meinem Gedächtnis zu rekonstruieren. Jedoch werde ich es versuchen, so gut ich kann, meine Geschichte zu erzählen, um meinen Nachfahren einen Einblick in mein Leben zu geben, damit sie ihren Vater, Großvater oder Urgroßvater etwas besser kennenlernen. Vielleicht auch, um eine bessere Erkenntnis dafür zu bekommen, was mich denn geprägt hat.

Meine Heimat

Pommern ist ein lang gestrecktes, stilles Land am Meer mit hochgewölbtem, weitem, blauem Himmel, wo Wälder, Wiesen und riesige Felder sich dehnen bis zum Horizont. Keine Berge verstellen den Blick, nur sanfte Hügel erheben sich aus der endlosen Ebene. Umgeben von Heide, Sand und Moor findet man zahlreiche Bauernhäuser mit tiefroten Ziegeln oder schilfgedeckten Dächern. Kleine Dörfer und Städte liegen eingebettet in weite Wiesenlandschaften. Im Frühling und wieder im Herbst konnte man das Trompeten der Wildgänse vernehmen, die hier für eine kurze Rast auf den saftigen, grünen Wiesen ihre Futterplätze fanden, bevor sie ihren Flug nach Norden oder in den Süden fortsetzten. Im Sommer dienten die Wiesen einer vielfältigen Vogelwelt als Brut- und Nistplätze. Auch die Störche, die sich auf den Scheunendächern in den Dörfern ihre Nester gebaut hatten, kamen gern auf die Wiesen geflogen, um sich dort ihre Froschschenkel zu holen. Im Spätherbst, bevor der langanhaltende Schnee kam, überschwemmten kleine Bäche mit ihrem Hochwasser die Wiesen und verwandelten sie mit dem ersten Frost zu riesigen Eisflächen. Jung und Alt waren dann auf den Beinen, Schlittschuhe angeschnallt, um ihre Geschicklichkeit zu demonstrieren oder einfach auf den spiegelglatten Eisflächen herumzuschliddern.

Die Menschen in den Dörfern und auf ihren vereinzelten Höfen lebten teilweise mehrere Kilometer voneinander entfernt, und doch fühlten sie sich keineswegs einsam. Aus der Arbeit auf dem Ackerboden ihrer eigenen Scholle und aus der Treue zur Heimat erwuchsen ihnen täglich aufs neue Kraft, Zufriedenheit, Selbstständigkeit und Freiheit.

Die Oder teilte Vor- und Hinterpommern; zwei Inseln, Usedom und Wollin, liegen vor dem Stettiner Haff. Von hier aus erstreckt sich die vielseitige Küstenlandschaft Hinterpommerns bis zur Mündung der Piasnitz mit weißen Stränden, einer bewaldeten Dünenlandschaft und vielen kleinen, lebhaften Badeorten. Entlang der Küste konnte man die kleinen Fischerkaten finden, entweder vereinzelt oder zu kleinen Ortschaften zusammengewachsen. Während größere Städte schon vom Wohlstand zeugten, bestimmte hier noch die Armut das Leben. Fischerfamilien führten ein mühseliges Dasein mit täglich harter Arbeit. Nicht immer zeigte sich die Ostsee von ihrer sanften Seite, ruhig und blau; sie konnte im Gegenteil auch sehr aufbrausend werden. Wenn Herbst- und Winterstürme übers Land fegten, wobei Windstärken von zehn bis zwölf keine Seltenheit waren, bedrohten Sturmfluten den ganzen Küstenstreifen. Manch ein Fischer ist in solchen Stürmen mit seinem Boot nie wieder heimgekehrt.

Man sagt von Pommern, es sei ein Land, wo Milch und Honig fließen. In der Tat, wenn auch nur für einige. In jedem vierten oder fünften Dorf gab es einen Großgrundbesitzer mit Gütern bis zu neuntausend Morgen Land. Viele davon führten den Titel „Rittergut“, da ihre Besitzer dem alten Adel angehörten – es waren Barone, Grafen oder Freiherren. Die Güter verfügten über enorme Viehbestände, wunderschöne Reitpferde, riesige Stallungen und Scheunen, sowie die dazugehörigen Herrenhäuser, die mit ihren Parkanlagen Schlössern glichen. Weite Pferdekoppeln vor den Anwesen machten die Szene komplett.

Wenn wir im Sommer mit der Eisenbahn durch die Landschaft fuhren oder mit unseren Fahrrädern durch die Gegend strampelten, fiel unser Blick auf endlose, wogende Roggenfelder, die sich silbergrün im Winde bewegten. Große Felder, so weit das Auge sehen konnte. Satte Wiesen, auf denen schwarz-weiß gefleckte Kühe weideten, mit kleinen Bächen und Flüssen, umrandet von Baumgruppen, die sich durch die Wiesen schlängelten. Dunkle Tannen- und Kiefernwälder am Horizont vervollständigten das Panorama. Gern denke ich zurück an diese Bilder, besonders aber an den Duft von frisch gemähtem Gras, an das wunderbare Aroma der Kiefernwälder oder den frischen Geruch der Erde nach einem Regenschauer.

Bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Pommern ein stilles Land, abgeschieden von den historischen Ereignissen seiner Zeit. Überwiegend landwirtschaftliche Tätigkeiten bestimmten das Leben in der Provinz. Industrielle Veränderungen hatten die Region kaum berührt, und man nahm wenig Anteil an den politischen Ereignissen, die sich in den Großstädten abspielten. Doch Pommern war nicht immer „vergessenes“, schon im zwölften Jahrhundert war es sehr begehrt. Polen, Schweden und brandenburgische Fürsten kämpften um dieses Land mit einer Fläche von über dreißigtausend Quadratkilometern. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Pommern zum größten Teil zerstört, und es bedurfte fast zweier Jahrhunderte, sich von diesen Verwüstungen zu erholen. Im neunzehnten Jahrhundert brach ein neues Zeitalter an, es war die Renaissance für Hinterpommern: Das Land wurde eine Provinz des Preußischen Reichs.

Pommern zählte etwa 2,5 Millionen Einwohner, die landwirtschaftliche Produkte erzeugten für mehr als doppelt so viele Menschen. Wegen seines Reichtums an Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben, Milch und Fleischprodukten wurde Pommern offiziell zur Kornkammer Deutschlands ernannt. Die Hauptstadt Pommerns war Stettin, eine betriebsame, stolze Hafenstadt an der Odermündung. Neben der freien Hansestadt Danzig verfügte Stettin über den größten Hafen an der Ostsee. Begibt man sich weiter in östliche Richtung, findet man eine einsame, doch romantische Seenlandschaft, seinerzeit bekannt als die Pommersche Schweiz. Hier um Neustettin hat die Persante ihren Ursprung, von wo sie sich nach Belgard, dann weiter Richtung Köslin schlängelt, um in Kolberg in die Ostsee zu münden. Dort wurde sie zu einem Hafen ausgebaut für den Umschlag von Holz und Getreide und war schließlich Standort einer modernen Fischkutterflotte.

In der Pommerschen Schweiz findet man die Stadt Polzin, das Karlsbad des pommerschen Adels, den auch polnische Edelleute seit vielen Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ausgiebig besuchten. Zu jener Zeit die größte pommersche Stadt und gleichzeitig das berühmteste Ostseebad war Kolberg mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 35.000. Während der Sommermonate konnte man dort mehr Badegäste als Einwohner zählen. 1938 stand Kolberg mit 45.000 Badegästen und hohen Übernachtungszahlen an der Spitze aller deutschen Kurorte.

Kolbergs Geschichte ist umfangreich. Als wichtiger Handelsplatz an der Ostsee gelangte die Stadt schnell zu wirtschaftlicher Blüte. Prächtige Patrizierhäuser um den Marktplatz und das Rathaus zeugten von diesem Wohlstand. Auch in kultureller Hinsicht war Kolberg als Bischofsitz mancher Stadt überlegen. In den Jahren 1280 bis 1320 wurde der Mariendom im gotischen Stil erbaut. Seine Mauern beherbergten Kunstschätze, die man sonst nirgendwo in Pommern fand.

Doch die Chroniken berichten auch von Kämpfen und Kriegen, von Not und Belagerungen. So mussten sich schon im Jahre 1119 die Bürger der Stadt gegen die Russen verteidigen, die in einer Nacht- und Nebelaktion versuchten, über die Ostsee in die Stadt einzudringen, um sie zu erobern. Im Siebenjährigen Krieg, 1756-1763, wurde Kolberg dreimal belagert. Auch 1807, während der Freiheitskriege, verteidigten sich die Kolberger erfolgreich unter der Führung von August Graf Gneisenau und dem damaligen Bürgermeister Joachim Nettelbeck gegen Napoleons Armee. Jedes Jahr, am 2. Juli, feierten die Kolberger dieses Ereignis, um ihre Ehrenbürger zu würdigen. Zum Dank wurde ihnen an der Nordseite des Domes ein Denkmal errichtet, das allerdings nach dem Krieg von den Polen entfernt wurde.

Das Beispiel von 1807 muss den Kolbergern 1945 die Kraft gegeben haben, die Stadt bis zum letzten Atemzug zu verteidigen. Mit der Unterstützung von Armee und Kriegsmarine hielten sie den Weg offen für etwa 80.000 Flüchtlinge, die über die Ostsee dem Ansturm der Roten Armee zu entrinnen hofften.

Die Pommern sind geprägt von ihrer Sprache, vom Meer und von der Weite des Landes. Man sagt ihnen nach, dass sie sehr konservativ seien. Sie standen im Ruf der Abgeschiedenheit und Rückständigkeit, aber zugleich schätzte man diese Menschen und ihre Arbeit hoch ein. Vor allem aber waren die Pommern bekannt für ihre entwaffnende Offenheit. Friedrich der Große sagte einmal: „Die Pommern sind von natürlicher Offenheit. Verschmitztheit und Gerissenheit liegt ihnen nicht. Pommern sind ausgezeichnete Soldaten, manchmal auch gute Finanzbeamte, aber Diplomaten lassen sich nie aus ihnen machen.” Zweifelsohne trifft das auf viele meiner Landsleute zu, im gewissen Maße auch auf mich.

In diesem Lande, das ich beschrieben, unter diesen Menschen, die ich geschildert habe, bin ich geboren. Mein Geburtsort war Großjestin, heute Goszino, etwa 16 Kilometer südlich von Kolberg. Mein Vater besaß früher einen kleinen Bauernhof in Arnsberg bei Treptow, ebenfalls in Pommern. Dort heiratete er meine Mutter, die gerade ihre Ausbildung als Hebamme absolviert hatte. Ein Rheumaleiden machte meinem Vater schwer zu schaffen, und somit hatte er große Schwierigkeiten, den alltäglichen Ansprüchen auf dem Hof nachzukommen. Er war etliche Jahre älter als meine Mutter. Als ich 1929 auf die Welt kam, hatte mein Vater schon sein 65. Lebensjahr erreicht. Meine Eltern beschlossen, den Bauernhof zu verpachten (und später zu verkaufen) und sich in Großjestin eine neue Existenz aufzubauen. Ich war der Jüngste von vier Geschwistern, einem älteren Bruder und zwei Schwestern. Heinz war der Älteste, danach kamen Gerda und Brunhilde (wir nannten sie immer Hildchen). Gerda erkrankte als Kleinkind an einer Hirnhautentzündung, die sie für den Rest ihres Lebens, sie wurde 72 Jahre alt, geistig in einem Kindesstadium zurückließ. Meine ältere Schwester Hildchen und ich waren in den Interessen zu unterschiedlich, und so haben wir beide eigentlich sehr wenig zusammen unternommen. Nach ihrem Schulabschluss begann sie eine kaufmännische Lehre in einem landwirtschaftlichen Ein- und Verkaufsverein. 1942 meldete sie sich freiwillig zum Reichsarbeitsdienst. Das hatte für sie zwei entscheidende Vorteile: Zum einen konnte sie sich ihren Standort auswählen, sie entschied sich für Thüringen, und zum anderen war sie damit freigestellt, um nicht später in der Rüstungsindustrie arbeiten zu müssen.

Gerda besuchte in den ersten Jahren noch die Volksschule, wegen ihrer Behinderung machte sie jedoch keine Fortschritte, und es wurde entschieden, dass sie zu Hause am besten aufgehoben sei.

Zwischen mir und meinem neun Jahre älteren Bruder gab es nie eine enge Beziehung. Als ich 1935 eingeschult wurde, hatte er schon eine Bäckerlehre angetreten. Er lernte das Bäcker- und Konditoreihandwerk bei dem Vater meines Freundes Gerhard. Da ich oft mit Gerhard zusammen war, nutzte ich gern die Gelegenheit, Heinz in der Bäckerei zu besuchen. Dort durfte ich zuschauen, wie die Bäcker damit beschäftigt waren, Brot und Kuchen zu backen. Die schönste Zeit für einen Besuch war immer kurz vor Weihnachten, wenn die Bäcker dabei waren, Lebkuchen in allen Variationen und Pfeffernüsse zu backen. Ich wurde dann immer reichlich beschenkt mit den wohlschmeckenden Pfeffernüssen, die, so hatte es den Anschein, in Unmengen gebacken wurden. Jedoch auch im Sommer hatte es seinen Reiz, meinen Bruder aufzusuchen. Der Betrieb machte ein leckeres Eis, das Heinz jeden Sonntag im Dorf verkaufen musste. Zum Verkauf diente ein weißer Karren auf Gummireifen, in dem sich zwei Sorten Eis befanden. Niemals hat mein Bruder gezögert, uns eine Tüte Eis zu schenken, schon allein aus Protest gegen seinen Lehrherrn, der ihm jeden Sonntag im Sommer seine Freizeit raubte.

Acht Jahre besuchte ich die Volks- oder Realschule, wie man es damals nannte. Die meisten Jahre meiner Schulzeit hatte ich Herrn Raguse als Lehrer. Herr Raguse war von stattlicher, kräftiger Figur mit einer hervorstechenden Glatze. Wir hatten ihn so gut kennengelernt, dass wir schon seinem Anzug und der Färbung seiner Glatze ansahen, in welcher Stimmung er an dem Tag sein würde. Herr Raguse*) war ein strenger Schulmeister, dessen Methoden man heute anprangern würde. Wir Schüler wurden nach unseren Leistungen in der Klasse platziert. Das heißt, der Klassenbeste fand sich immer auf dem ersten Platz direkt an der Tür, während der- oder diejenige mit den schlechtesten Noten ganz vorne saß. Wenn er eine Lektion abfragte, fing er mit dem Klassenersten an. Um zu antworten, mussten wir aufstehen. Wer die richtige Antwort nicht wusste oder gar keine gab, blieb stehen. Nachdem er die ganze Klasse abgefragt hatte, mussten alle, die noch standen, sich über ihr Pult beugen, um seine Züchtigung mit einem langen Zeigestock entgegen zu nehmen. Da wir zu viert auf einer Bank saßen, kamen die in der Mitte immer am schlechtesten dabei weg, weil man von seinen Hieben zweimal getroffen wurde. Obwohl seine Methoden nach heutigem Standard furchterregend sein mochten (geschweige denn erlaubt), haben sie uns auch nicht einschüchtern können. Wenn ich mal lernfaul war, dann ließ ich es eben darauf ankommen. Manchmal musste ich zur Strafe nachsitzen, das war aber nicht so schlimm, denn Herr Raguse war oft sehr beschäftigt und hatte wenig Zeit.

Kurzerhand forderte er uns dann auf, mit ihm nach Hause zu gehen, wo wir die uns aufgetragenen Arbeiten erledigten. Des Öfteren zog es ihn auf die Jagd, und er wäre uns am liebsten gleich los geworden. Ich nutzte diese Gelegenheiten aus und überredete ihn, mich mit auf die Jagd zu nehmen. Er rief dann bei meinem Vater an, um dessen Erlaubnis zu bekommen. Mein Vater bestand darauf, dass ich zuerst nach Hause komme, um etwas zu essen. Ich wusste dann schon, dass mit dem Essen ein Nachtisch von ein paar Ohrfeigen fällig war.

In meinen Schuljahren mangelte es nicht an Freunden. Wir fanden immer reichlich zu tun, und wir nahmen jede Gelegenheit wahr, in den ansässigen Handwerkerbetrieben etwas zu lernen. Schon auf dem Heimweg von der Schule war es die Tischlerei Radmer, wo wir einkehrten, um den Schreinern zuzuschauen, wie sie aus rohem Holz die schönsten Möbelstücke fertigten. Herr Radmer und mein Vater waren befreundet, und er war derjenige, der mich später, als mein Vater starb, so großartig unterstützte. Wir gingen den Schreinern bei ihrer Arbeit zur Hand, so gut wir konnten. Als Belohnung bekamen wir dann das für uns so heiß begehrte Balsaholz, aus dem man diverse Sachen basteln konnte.

Auch zu unserem Schmied, Herrn Kukies, ging ich gerne. Dort durfte ich verbogene Hufnägel wieder gerade klopfen. Es war immer interessant zu beobachten, wenn ein Pferd mit neuen Hufeisen beschlagen wurde oder einfach dabei zu sein, wenn Herr Kukies zusammen mit seinem Gesellen ein Stück heißes Eisen im Takt auf dem Amboss bearbeitete. Herr Kukies hielt dann das glühende Eisen mit einer Zange auf den Amboss, klopfte auf das Eisen mit einem kleinen Hammer, während der Geselle diesem Werkstück zu dem angegebenen Takt mit einem schweren Vorschlaghammer eine bestimmte Form gab.

Wir wohnten in einem Zweifamilienhaus zusammen mit Familie Freese. Herr Freese war Lokomotivführer bei der Kleinbahn, die zwischen Großjestin und Kolberg pendelte, sowie weiter südlich nach Regenwalde. Oft war Herr Freese zur Mittagszeit auf dem Bahnhof, und ich brachte ihm häufig sein warmes Mittagessen. Bei dieser Gelegenheit durfte ich auf der Lokomotive herumklettern, was für mich immer ein besonderes Vergnügen war. Des Öfteren habe ich ihn abends abgeholt, dann durfte ich mit ihm ins Rundhaus fahren, wo die Lok für die Nacht untergebracht war. Bevor Herr Freese nach Hause ging, wurden die Armaturen auf Hochglanz gebracht, wobei ich nach Kräften half. Der Geruch von Kohle und Schmieröl, der an der Putzwolle haftete, zieht mir heute noch durch die Nase.

Herr Freese zeigte mir auch, wie man Figuren aus Blei gießen konnte. Mit meinem ersparten Geld kaufte ich

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