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Es lohnt sich um jeden Tag – Mein Kampf gegen den Krebs

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Inhaltsübersicht

Vorwort

St. Peter-Ording

Der Tod der Mutter

Wie alles begann

»Du hast Krebs?«

Der Goldfasan

Die Algarve und die Fischsuppe

Kampf mit dem Drachen

BRCA1 und BRCA2

Ein Gedanke, ein Gefühl

Extreme Melange

Kopf oder Zahl?

Nur noch ein Vorgarten

Neue Wahrheiten

Ein weiterer Gegner

Zwölf Leerrohre

Unentschlossen

Eine neue Duldsamkeit

Silberhochzeit

Knöpfe auf der Haut

Edgar Koller*

Die Gutachterkommission

»Schämen Sie sich nicht?«

»Meine Beine, meine Beine!«

Eine verstörende Nachricht

Hoffnungspicken

Die Abtrünnigkeit aller Dinge

Der Prozess

Windstärke 5

Die Rasur

Gewissheiten

In kleinen Portionen

Afrikanischer Tee

Sofi

Das falsche Hemd

Wie auf Moos

Die Stifterin

Die Adoption

Das andere Ich

Im Koma

Kerstins Sturmangriff

Der verunglückte Stich

Patagonien

Nachwort

Danksagung

Fußnote

|5|Vorwort

Wir begegneten uns zum ersten Mal auf dem Flur eines Landgerichts. Kerstin Ostmann, Anfang vierzig, hochgewachsen, sportliche Figur, blond, mit wachen blauen Augen und einem offenen Gesicht, stand vor dem Raum, in dem der Prozess stattfinden sollte. Ihr Prozess. Am 18. Juli 2006 um 13 Uhr. Neben der Tür in Augenhöhe war in einem Kästchen hinter einem Plastikfenster zu lesen: Ostmann/Dr. Zeitler*, darunter der Name der Klinik.

Kerstin Ostmann war an Brustkrebs erkrankt, vor knapp einem Jahr wurden Metastasen in ihrer Leber diagnostiziert. Am Beginn ihres Krebsleidens Mitte 1996 hatte ihr Dr. Zeitler, damals noch Chefarzt der Gynäkologie, einen bösartigen Tumor aus der rechten Brust operiert. Im November 2000 hatte er während einer weiteren Brust-OP vergessen, ihr einen befallenen Lymphknoten zu entfernen, der eineinhalb Jahre später zufällig bei der Nachsorge-Untersuchung in einer Uniklinik wiederentdeckt wurde. Er war mittlerweile auf mehr als die doppelte Größe angewachsen. Den vergessenen Lymphknoten hatte Kerstins Anwalt in den Mittelpunkt der Klage gegen den ehemaligen Chefarzt gerückt.

Ich hatte nicht nur ein journalistisches Interesse an dem Verfahren. Die Ärztin Dr. Ulrike Zunker und ich waren für die Alexandra-Lang-Stiftung, die Opfern von Behandlungsfehlern bei der Durchsetzung ihrer Rechte hilft, zur Prozessbeobachtung angereist. Sie beriet die Stiftung in medizinischen Fragen, ich gehörte ihr als Vorstandsmitglied an. Kerstin Ostmann hegte einige Wochen vor dem Gerichtstermin Zweifel an der Prozessführung ihres Anwalts, suchte nach Orientierung und bat uns um Unterstützung.

|6|Ihre Zweifel waren berechtigt. Die Ärztin der Stiftung hatte in den Akten noch weitaus schwerwiegendere Behandlungsfehler entdeckt. Dr. Zeitler hatte trotz ihres familiär bedingten hohen Krebsrisikos jahrelang für Kerstin keine Chemotherapie in Erwägung gezogen, nicht einmal nach einem 1999 aufgetretenen Tumorrezidiv. Außerdem war sie von ihm über Jahre hinweg nicht mit einer antihormonellen Therapie behandelt worden, obwohl sie an einem hormonabhängigen Brustkrebs litt. Diesen Versäumnissen, die sich nach Expertenmeinung verkürzend auf ihre Überlebenszeit auswirkten, hatte ihr Anwalt keine Beachtung geschenkt.

Ein fataler Fehler, wie sich zeigen sollte. Der eindeutige Nachweis, dass es sich bei dem zuerst entdeckten und dem später in der Uniklinik auffälligen Lymphknoten um ein und denselben handelte, war nicht zu erbringen. Sich auf Antrag des Anwalts ad hoc mit der unterbliebenen Chemotherapie zu befassen, lehnte das Gericht ab. Richter und Gerichtsgutachter waren auf diese Thematik nicht vorbereitet.

 

Nach dem Prozess saßen wir in einem nahen Café. Kerstins Ehemann Bernd wirkte wie benommen, als hätten die Vorgänge seine Lebensatmosphäre auf lange Zeit vergiftet. Die fast drei Jahre langen Vorbereitungen auf den Prozess, die vielen Anwaltsgespräche, die Berge von Schriftsätzen, die auf die Anwaltsstrategie zugeschnittenen medizinischen Privatgutachten – und nun diese Niederlage. Eine Leere war zurückgeblieben, die ihn in eine schwermütige Unbeholfenheit hatte fallen lassen.

Und Kerstin, die diese Vorgänge hauptsächlich betrafen? Mich verblüffte ihre Reaktion, machte mich neugierig auf diese Person. Sie zeigte keine Spur von Niedergeschlagenheit. In ihrer Haltung lagen Stolz und Trotz. Im Dialog der Blicke sie ergründend, entdeckte ich auf Kerstins Gesicht Züge einer erhabenen Gewissheit, basierend auf der Erkenntnis, medizinisch stümperhaft behandelt und anwaltlich falsch beraten worden zu sein. Der Prozess war für sie wie eine überflüssige |7|Erfahrung. Das Bewusstsein, recht zu haben, rotierte in ihr wie ein kraftvoller Motor.

»Frau Ostmann«, sagte die Ärztin der Stiftung, als wir im Café saßen, »an Ihrer Stelle würde ich keinen Gedanken mehr an den Prozess verschwenden und ihn auch nicht mehr fortsetzen. Das kostet nur unnötig viel Kraft und viel Zeit. Beides aber brauchen Sie für Ihre Krankheit, darauf würde ich nun alle Energien konzentrieren.«

Kerstin sagte nichts, der Einwand erreichte sie nicht. Sie hörte sich die Bemerkungen an, geduldig, aber ungerührt. Die Äußerungen trafen nicht ihr Gefühl, nicht ihre Gedanken. Sie wirkte keineswegs erschüttert, nicht einmal aufgewühlt, als habe das Gericht sich mit einem anderen Fall befasst. Die Haltung entsprach dem Bewusstsein ihrer ungetrübten seelischen Kampfkraft, die durch ihre Erkenntnis, falsch beraten worden zu sein, noch gestärkt wurde. Auf der Suche nach Gerechtigkeit war sie lediglich vom Weg abgekommen, nicht aber von ihrem Ziel. Die Frau und ihr Fall zogen mich an, ich beschloss, mir ihre Akten gründlich anzusehen.

Während des Gesprächs ließ sie keine Zweifel daran, dass sie sich als sterbend betrachte. Sie sagte das in einem ruhigen, gefassten Ton, als handelte es sich um etwas Alltägliches. Und sie sagte das nicht von sich aus, um Aufmerksamkeit zu erheischen, sondern erwähnte es, als ich nach ihren weiteren Therapieoptionen fragte und sie mit dieser Gewissheit antwortete, unpathetisch und illusionslos, ohne jede Erwartung von Mitleid.

Ich würde die Kopien der Ostmann-Akten im Stiftungsbüro finden. Die Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte war von der Wormser Industriellen-Erbin Ilse Lang ins Leben gerufen worden, deren Tochter Alexandra im Jahre 2000 nach einer Infusion in der Praxis eines niedergelassenen Arztes daheim zusammengebrochen und Tage später an den Folgen eines Multiorganversagens gestorben war, als deren Ursache eine verunreinigte Infusionslösung vermutet wurde. Der schmerzliche Verlust ihrer Tochter weckte in Ilse Lang das Bedürfnis, Opfern von medizinischen Behandlungsfehlern |8|zu helfen. Sie, der Unternehmensberater Dr. Kurt Becker und ich bauten die Stiftung auf.

 

Ich brauchte einige Tage, bis ich mich durch die Akten gelesen hatte. Meine vielen Fragen, die ich zwischendurch an Kerstin richtete, beantwortete sie auf Anhieb. Sie hatte die einzelnen Diagnosen und Therapien und die vielen an ihr vollzogenen Behandlungsschritte nahezu vollständig im Kopf. Ihre Krankengeschichte fesselte mich mehr und mehr. Ob sie sich vorstellen könne, gemeinsam mit mir ein Buch darüber zu verfassen, fragte ich sie einige Wochen nach dem Prozess. Kerstin war sofort einverstanden.

Wir vereinbarten, das Buch aus Kerstins Ich-Perspektive zu schreiben. Wir hatten beide die Vorstellung, dass ihre Schilderungen durch diese Form eindringlicher und ihre Gedanken, Erinnerungen, Emotionen und Erlebnisse authentischer zum Ausdruck kommen würden. Kerstin besprach viele CDs, schickte mir unzählige Mails und füllte Kladden mit Gedanken, Interpretationen, Schilderungen und Beschreibungen ihrer jeweiligen Befindlichkeiten, die wir gemeinsam zu einem Erzählstrang verarbeiteten.

Während der vielen Begegnungen mit Kerstin entstand eine große freundschaftliche Nähe. Ein wachsendes gegenseitiges Vertrauen festigte die gemeinsame Arbeit, eine von ihr und mir zeitlebens empfundene familiäre Unvollständigkeit, mitunter gar als Mangel begriffen, verdichtete unsere Bindung, die bald eine familiäre werden sollte. Kerstin, deren Mutter Anfang der 90er-Jahre an Krebs gestorben war, fühlte sich mittlerweile elternlos. Ihr Vater, ein Einzelgänger, entzog sich seinen Kindern und war für Kerstin selbst in ihren schwersten Krankheitsphasen nicht erreichbar, von einem besorgten Kümmern erst gar nicht zu reden.

Meine Ehe war kinderlos geblieben. Eine Tochter hatte mir stets gefehlt, eine wie Kerstin: zuverlässig, couragiert, anhänglich, besorgt, mitfühlend, hilfsbereit. Bald wählte sie für ihre Mails an mich die Anrede »Lieber Daddy«. Im Sommer 2007 vereinbarten wir die Adoption, Kerstin wurde, |9|von einem Familiengericht bestätigt, offiziell unsere Tochter.

Die vielen Monate der gemeinsamen Arbeit, die zusammenfielen mit einer Phase ihres sich verschlechternden Gesundheitszustandes, in der sie sich ihrer nahenden Endlichkeit bewusst wurde, ließen mich zu einem Bewunderer ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit werden. Während ihres Erinnerns tauchte ich ein in ihre vergangenen zehn Jahre, erahnte ihre Qualen, die körperlichen nach diversen Eingriffen und die inneren Verwerfungen nach schlechten Diagnosen, und ich begriff im Zeitraffer ihrer Erzählungen, dass Kerstin als Folge der permanenten Lebenseinschnürung einen erstaunlichen Prozess vorgezogener Reifung durchgemacht hatte, verbunden mit der Abrundung ihres bemerkenswerten Charakters. Mich erstaunte zugleich, dass Verzagtheit und Larmoyanz in ihr selbst dann nicht aufgekeimt waren, als sie die am Einzelschicksal desinteressierte Medizinerroutine in ihrer schlimmsten Ausprägung erlebte. Das schien in ihr eher ein trotziges Dennoch hervorzurufen.

 

Kerstin war eine Kämpfernatur, deren Lebenswille sich mit zunehmender Schwere ihres Schicksals stärker ausprägte. Ihre kraftvolle Lebensbejahung nötigte allen Bewunderung ab, die ihre Art der Krebsbewältigung miterlebten – der Familie, Freunden und einigen der uns beim Buchprojekt in medizinischen Fragen beratenden Ärztinnen und Ärzte. Ihr energischer Widerstand gegen den sich in ihrem Körper ausbreitenden Krebs hat nach Einschätzung dieser Mediziner ihre Überlebenszeit deutlich verlängert. Kerstin starb am 14. April 2008 im Alter von 43 Jahren. Womöglich wäre sie bei sachgerechter medizinischer Betreuung noch am Leben.

Die Schilderungen über Kerstin Ostmanns Krebsjahre sind mutmachende und energiegeladene Zeugnisse einer starken Frau, die ihrem kurzen Leben trotz vieler Torturen mehr Erlebnisreichtum und Freude hat abringen können als mancher mit doppelter Lebensdauer. Kerstin hat die Herausforderungen ihres Schicksals mit großer Würde getragen.

|10|St. Peter-Ording

September 2006.

Die Sonne brennt unbarmherzig, so sengend wie an einem Julitag. Das Land ächzt unter einem Hitzeschirm. Das Meer ist nur leicht gekräuselt, es ist diesig, am Horizont verschmelzen Himmel und Nordsee in einer milchig-bläulichen Lichtemulsion. Schaumzungen, mit perlenden Lichtjuwelen durchsetzt, schwappen in sanften Schwüngen auf den Strand. Bleigraues Wasser umspült in kleinen Wirbeln meine Füße.

Eva begleitet mich. Wir sind Patienten der onkologischen Rehabilitationsklinik in St. Peter-Ording, wir haben beide Brustkrebs. In den ersten Tagen war Eva beobachtend reserviert, inzwischen ist sie so offen, als würden wir uns seit Jahren kennen. Eva ist Ärztin, sie hat eine gynäkologische Praxis in einer niedersächsischen Großstadt. Sie ist 46, vier Jahre älter als ich. Sie wird in ein paar Tagen wieder abreisen. Ich weiß nicht, ob ihr die Kur viel gebracht hat. An medizinischen Erkenntnissen sicher nichts.

Eva lacht häufig. Sie hat Grübchen, das verstärkt ihre freundliche Ausstrahlung. Wenn sie lacht, lacht sie auch mit den Augen, braunen Augen. Manchmal wirft sie dabei den Kopf in den Nacken, ihr Haar, brünett, leicht wellig, schulterlang, bauscht sich dann im Wind.

Die Psychologen hier will sie nicht sprechen. Eva verdrängt, sie scheut ihre Schwächen. Aus Schwächen könnten Sturmböen von Ängsten werden mit seelischem Land unter. Sie will aber stabil bleiben. Ihre Patientinnen suchen medizinische Stärkung. Eine labile Ärztin würde sie verunsichern.

Ihrer siebenjährigen Tochter hat sie bis heute nichts erzählt. Wenn sie überraschend ins Badezimmer kommt, dreht sich Eva abrupt um, greift den Bademantel oder ein Handtuch. |11|Die Tochter soll nicht merken, dass ihre Mutter nur noch eine Brust hat, die rechte. Die linke wurde ihr vor zwei Jahren entfernt. Das merkt keiner, sie trägt einen BH mit Prothese. Sie leidet noch immer unter dem Verlust an Fraulichkeit.

»So weit wie du«, sagt Eva mir bei einem Gang über den Strand, »bin ich noch lange nicht. Ich muss meine Krankheit immer noch verstecken.«

Es erstaunt sie, dass ich mich in der Gemeinschaftsdusche unbefangen zeige. Wo meine rechte Brust war, sind nur Narben. Aus der linken wurde die Brustdrüse entfernt – ein brusterhaltender Eingriff (subkutane Mastektomie). Auch auf dem Bauch habe ich eine Narbe: Totaloperation.

Meinen Söhnen Thore, 16, und Malte, 12, habe ich nie etwas verheimlicht. Natürlich haben sie Angst. Ich habe oft über den Tod gesprochen, meinen Tod. Meinen denkbar baldigen Tod. Gedanken, die rausmussten. Die Kinder konnten damit besser umgehen als Bernd, mein Mann. Er hat meine diversen Eingriffe schlechter verkraftet als ich.

Bernd ist Vermessungsingenieur beim Kreis, hat häufig überstürzt Urlaub machen müssen; er hat verständnisvolle Chefs und Kollegen. Seine 49 Jahre sind nicht zu leugnen, er ist an mir gealtert, wirkt häufig müde, tumormüde.

 

Seit Juni 1996 lebe ich mit Krebs, mit Metastasen, die zerstört werden, wieder auftauchen, mit schlampigen Diagnosen, mit Ärztepfusch, mit medizinischer Geschäftemacherei, mit düsteren Prognosen von nur noch wenigen Monaten Lebensdauer. Erst vor wenigen Wochen hat mir Frau Dr. Schäfer*, meine Onkologin, erklärt: »Frau Ostmann, Sie sind austherapiert. Bei Ihnen handelt es sich nur noch um lebensverlängernde Maßnahmen.« Das hat sie mir in Jahren mehrfach gesagt. Selbst schockierende Aussagen verlieren mit jeder Wiederholung an Wirkung.

Der Tod schreckt mich nicht mehr, ich lebe schon zu lange mit ihm. Er ist mein ständiger Begleiter, rückt nicht von meiner Seite. Ich gewöhne mich an ihn. Seit zehn Jahren spüre ich seine Anwesenheit. Und er lässt mich immer noch leben, das |12|hat auch etwas Beruhigendes. Er hat für mich mitunter sogar etwas Versöhnliches. Wenn es denn nicht mehr geht, habe ich ja ihn. Das ist in gewissen Stunden tröstlich.

Alles in meiner Umgebung ist auf mich zentriert, auf meine Krankheit, in Erwartung der nächsten schlechten Nachrichten von der Tumor-Front. Meine Familie lebt in ständiger Angst vor einem Attentäter – meinem Krebs und seinen Metastasen. Jeder Tag näher am Arzttermin steigert die Nervosität. Dann das Warten auf meine Rückkehr mit der Angst wie vor einer glimmenden Zündschnur: Ist der Tumor explodiert?

Der Krebs ist für mich eine Art Zentrifuge, er verwirbelt mein Leben, er beherrscht meine Träume, diktiert meine Gedanken; alles dreht sich um ihn. Besonders in St. Peter-Ording, wo ich zum sechsten Mal bin. Die Patienten der Rehaklinik sind Krebspatienten, keiner versteckt das. Das macht offen für Gespräche und Freundschaften.

Gemeinsames Leiden verbindet.

Wenn wir in der Kneipe sitzen, in den Dünen wandern, uns zum Mittagessen, zum Schachspiel, zur Wassergymnastik treffen oder am Strand flanieren, sind wir schon mal ausgelassen wie Pennäler am Tag vor den Ferien.

Gemeinsames Leiden macht klassenlos.

Selten habe ich Menschen so gelassen erlebt, frei von Rivalitäten, Posen und Strunzereien, keiner bläht sich auf. Der Krebs ist ein Gleichmacher.

Gemeinsames Leiden schreckt ab.

Im Café werden wir schnell als die mit dem Krebs erkannt. Einige von uns haben unter dem Tuch oder der Mütze den nur nachlässig zu verbergenden kahlen Chemo-Schädel. An den anderen Tischen Frauen vor Sahnetorten, die Kuchengabel zwischen ihren fleischigen Fingern mit den einschnürenden Ringen; er macht satt, der wölfische Appetit der Damen ohne Taille, die uns, wenn sie es vermeiden können, nicht in das Blickfeld ihrer goldgeränderten Brillen rücken. Sie halten uns auf Distanz; wir, die wir so unberechenbar lustig in unserem Elend sind, haben eine appetitverderbende Ausstrahlung.

 

|13|Gestern ist Eva abgereist. Wir haben unsere Daten ausgetauscht, wir werden uns regelmäßig sehen. Sie wird ihrer Tochter auch künftig nichts sagen. Zu groß noch ist die Scham über ihren Makel. Ihre Patientinnen sollen ebenfalls nichts erfahren. Sie sagt, eine Ärztin, die sich selbst vor Krebs nicht schützen könne, verliere bei ihren Patientinnen an Vertrauen. Ich glaube, das sieht sie realistisch.

Eva hat jetzt Verstärkung, sie hat eine junge Gynäkologin in ihre Praxis geholt. Krebs ist unberechenbar, sie kann schnell mal ausfallen. Nach Belieben eine Praxis schließen, das machen Patienten nicht lange mit. Ihre Familie braucht ihre Einkünfte. Ihr Mann, Ingenieur, war arbeitslos, sein Arbeitgeber hatte Insolvenz anmelden müssen: Auftragsmangel. Seit zwei Jahren ist er Hausmann.

Sie beneide mich um mein Körpergefühl, sagt mir Eva zum Abschied. Ich solle nur weiterhin meiner inneren Stimme folgen. Sie sei meine stärkste Waffe gegen den Krebs.

Meine innere Stimme ist sehr fein justiert, sie signalisiert mir frühzeitig Veränderungen im Körper. Ihr verdanke ich mein Überleben. Oft genug hörte ich von Ärzten, sie hätten nichts gefunden. Die Stimme in mir trieb mich zur nächsten Sonografie. Befund: positiv, eine neue Metastase.

In meinem Körper brodelt es wie in einem Vulkan. Ich fühle ein permanentes Grollen der Krankheit in mir, als hätten sich Organe und Zellen hinterrücks miteinander verbündet und wiegelten sich partisanenhaft gegen den Restkörper auf, kokelten an den Nerven, verpesteten mein Blut, vereint in der Absicht, mich zu zerlegen.

Nachts, wenn die Quälgeister in meinem Hirn mir den Schlaf rauben, meine Phantasie mich auf eine Expedition durch die Verästelungen meines Körpers führt, bildete ich mir manchmal ein, sie zu spüren, diese wuchernden Zellen, wie sie langsam mein Leben auffressen.

|14|Der Tod der Mutter

Ich stamme aus einer Riskiofamilie. In ihr hat der Krebs gewütet wie eine Epidemie: meine Großmutter mit 42 Brustkrebs, meine Mutter mit 52 Jahren Eierstocktumor, mein Vater mit 72 Blasenkrebs, seine Mutter mit 50 Tumor der Bauchspeicheldrüse, sein Vater mit 51 Leberkrebs, sein Bruder mit 74 Prostatakrebs, seine zweitälteste Schwester mit 62 Brustkrebs, seine jüngste Schwester mit 45 Brustkrebs, mein Vetter mit 55 den bei Männern seltenen Brustkrebs.

Eine Familienchronik der Verheerungen. Die meisten sind lange tot. Auch meine Mutter. Sie starb in dem lachsrosa gestrichenen und altmodisch hohen Zimmer eines Krankenhauses, während mein Vater und zwei meiner Brüder die elterliche Wohnung tapezierten.

Der Tod trat am 1. April 1993 ein, einem Donnerstag, nachmittags um zwei Uhr zehn. Eine Ärztin drückte ihr die Augen zu, eine Nonne band ihr Kinn hoch, ich sollte ihr den Schmuck abnehmen. Und die Uhr. Ich mochte es lange nicht glauben, doch die Zeiger der Uhr lügen nicht. Sie ist um zwei Uhr zehn stehen geblieben. Ich habe die Uhr mit dem roten Armband heute noch.

Tage vorher hatte die Nonne ein zweites Bett in das Krankenzimmer schieben lassen. Dort schlief ich bis zu ihrem Tod – eine Woche lang. In den letzten zwei Tagen zusammen mit meiner jüngsten Schwester Carmen. Der Krebs und seine Metastasen hatten die Nervenbahnen meiner Mutter verschont. Es war ein sanftes, schmerzfreies Sterben inmitten der Kulisse fabrikhektischer Beschäftigung um Krankheit und Tod. Auf dem Linoleumflur des baufälligen Krankenhausflügels: Türenschlagen, klappernde, schlurfende und gehetzte Schritte, ein ununterbrochenes Stimmengewirr und das Babygeschrei von der Säuglingsstation ein paar Räume weiter.

Am Dienstagnachmittag kam mein Vater. Er saß wenige Minuten am Kopfende von Mutters Bett, stand dann auf, griff unter die Bettdecke, kraulte ihr die Füße und verabschiedete |15|sich: »Tschüss, Eule« – sein Kosename für meine Mutter. So kannten wir ihn: den Zurückweicher, den Flüchtenden – vor Krankheit und vor Tod, vor Zwängen und vor Fesseln, ein Freund eigenwilliger Lebensregeln, nichts so fürchtend wie Emotionen.

Conny, meine älteste Schwester, brachte uns abends Tee. Danach sahen wir keinen mehr aus der Familie. Eine Ärztin hatte mir erklärt, dass ich über lebensverlängernde Maßnahmen zu entscheiden hätte. Das Ansinnen erschreckte mich: keine Bluttransfusionen und keine Sauerstoffzufuhr mehr. Darüber sollte ich entscheiden?

Wer sonst. Die Nonne, eine wirklich barmherzige, ermunterte mich. Ich verspürte an ihr nicht den geringsten Zweifel. Das machte mich sicher, ich stimmte zu.

Die letzten Stunden meiner Mutter – ein Kampf, ein Aufbäumen, ein Warten. Sie konnte nur noch hören. Am Montag war sie erblindet. Ihre Augen nahmen den Ausdruck des Todes vorweg – leblose, starre, glanzlose Pupillen: Stofftieraugen. Tags darauf konnte sie nicht mehr sprechen. Eine Auswirkung der Metastasen im Gehirn. Sie wartete auf ihren Mann und die anderen Kinder. Sie lauschte häufig in Richtung Tür. Gleich werden sie hier sein, erriet ich ihre Gedanken.

Vom Telefon im Zimmer rief ich meinen Vater an: »Es geht zu Ende«, sagte ich flüsternd, »ihr müsst kommen.« Meine übrigen Geschwister waren dort versammelt. Er sagte ihnen nichts von meinem Anruf. Keiner kam.

Abends saßen Carmen und ich an ihrem Bett. Wir kramten in Erinnerungen. Da waren die Familienfeste, die Mutter so stimmungsvoll arrangiert hatte. Bereits Wochen vor Weihnachten wurden wir Kinder von einer ätherischen Anspannung erfasst. Es war die Zeit der Geheimnisse, die bald keine mehr waren. Tuschelnd und mit großer Wichtigkeit tauschten wir uns über die geplanten, verworfenen und meist hektisch im letzten Moment gebastelten, gemalten, ersparten oder gehäkelten Geschenke für die Eltern aus. Märchenhafte Tage. Wir kuschelten uns ein in geträumte Erwartungen.

Mir fiel plötzlich ein, dass sie uns Geschwister im Sommer |16|oft in der Badeanstalt besucht hatte. Ihr Fahrrad war mit schweren Körben bepackt, sie hingen am Lenker und klemmten auf dem Gepäckträger. In jeder Hand zwei bis drei Körbe, kam sie zu uns auf die Wiese. Mit Behagen verspeisten wir Schnitzel, Frikadellen, Würstchen, Kartoffelsalat, Kuchen. Häufig forderte sie andere Kinder auf, sich auf unsere Decke zu setzen, und reichte ihnen einen Pappteller.

Mutter hatte meinen Erinnerungen aufmerksam zugehört, sie drückte mir ein paarmal die Hand. Ihrem Gesicht sah ich an, dass sie sich gefreut hatte. In unseren stundenlangen Erzählungen kam unser Vater nicht vor.

Am Donnerstag ließen Mutters Kräfte nach, der Tod war schon in ihr. Auf ihrem Gesicht lag plötzlich ein sanftes Lächeln, ein verzeihendes Lächeln. Carmen trat an ihr Bett, rüttelte sie: »Du darfst noch nicht gehen, ich will doch heiraten, du hast doch mit mir mein Brautkleid ausgesucht.« Mutter hörte es nicht mehr. Vier Wochen vorher eine ähnliche Szene. »Das schaffe ich noch, Carmen«, konnte Mutter ihr da noch antworten mit einem schwachen Vogelstimmchen. »Ich werde kämpfen, deine Hochzeit erlebe ich noch.«

»Ihre Schwester muss hier raus«, sagte mir die Nonne, »sie verkraftet das nicht.« Ich bugsierte Carmen vor die Tür. Zehn Minuten später war Mutter tot. Ich rief meinen Vater an, er fragte sofort: »Ist es zu Ende?« – Ich sagte nur: »Ja.«

Daheim kippte ich um. Ich hatte in diesen Tagen kaum geschlafen und fünf Kilo abgenommen. Ich sah meinen Vater bei der Beerdigung und dann ein halbes Jahr nicht mehr. Ich wollte nicht.

Eines Tages sprachen wir uns aus. »Ich weiß«, sagte er, »was ich dir angetan und was für eine Verantwortung ich dir aufgebürdet habe.« Man habe ihm den wichtigsten Menschen seines Lebens genommen. »Ich hatte ihr Sterben nicht erleben wollen, das hätte ich nicht verkraftet.« Sein Vater und seine Mutter seien im Alter von 50 und 52 Jahren gestorben. »Ich hatte gerade deine Mutter geheiratet und musste dann meine jüngste Schwester aufnehmen, die noch in der Lehre war.« – Ziemlich armselig, seine Rechtfertigung.

|17|Das Drama meiner Mutter hat mich viele Jahre begleitet, täglich, stündlich. Das Leben, empfand ich damals, ist wesentlich grausamer als der Tod. Die letzten Tage mit ihr haben mich stärker geprägt als alle anderen Ereignisse in meinen vier Jahrzehnten, wie wichtig sie mir auch jeweils erschienen.

Mutter war ein außergewöhnlicher Mensch: einfühlsam, verständnisvoll und bieder. Eine Biederkeit, die uneitel alle Tugenden verstärkt. Sie war fleißig und voller Demut. Sie war so zuverlässig und treu wie ihre kleine runde Uhr, deren schwingende Unruh lange Zeit in meinem Kopf pendelte, mich erinnernd, trauererhaltend, kräftestärkend in ihrer pulsierenden Verbindung zu meiner Mutter.

Diese schlichte Mechanik wurde für mich seelenvoll lebendig, ich belegte sie mit Gefühlen. Manchmal war ich auch neidisch. Hatte die Uhr nicht den stärksten Treuebeweis geliefert, indem auch ihr Herz stehen blieb in der Minute, als das meiner Mutter versagte.

War meine Mutter an ihrem Krebs gestorben oder an ihrer Therapie? Es ließ sich nicht mehr klären. Ihr Onkologe hatte sie über zwei Jahre mit Zytostatika, schwerstem Kaliber, behandelt. Als sie zum Sterben ins Krankenhaus eingeliefert wurde, stellte der Gynäkologe fest, dass ihr gesamter Unterleib innen wie verbrannt aussah. Nekrotisches Gewebe in der Scheide und am After. Sie habe, meinte der Arzt, über einen zu langen Zeitraum eine viel zu hohe Dosis erhalten.

Ohne die letzten Tage mit meiner Mutter hätte mein Krebs mehr gallige Dramatik in mein Leben gebracht. Meine Mutter starb ohne Angst und mit Würde, von ihrem Mann würdelos im Stich gelassen. Mein langes Abschiednehmen von meiner Mutter hatte mich verändert, eine Prägung in mir hinterlassen.

Das Ich hatte in diesen acht Tagen Krankenhaus an Konturen gewonnen; ich fühlte mich kraftvoller, gereifter, kämpferischer. Dass der Tod, der mich später ständig umlauerte, mir keinen Schrecken mehr einjagte, verdanke ich dem gelassenen Sterben meiner Mutter.

|18|Wie alles begann

Sommer 1996.

Ich war gerade 32 Jahre alt geworden, als meine Sensoren sich zum ersten Mal meldeten: Druck in der rechten Brust. Ich fühlte einen Knoten, er war beweglich, groß wie eine Kidneybohne. Meine Frauenärztin teilte meine Besorgnis und schickte mich vorsorglich zur Mammografie. Ergebnis: gutartig. Ein Fibroadenom, meinte der Radiologe. Die Ränder seien glatt und nicht gezackt: untypisch für einen bösartigen Tumor.

Ein Fibroadenom? Frau Dr. Wollmer* las den Befund, ihre Miene zeigte Skepsis. Sie hatte erst vor wenigen Tage eine Patientin mit der Diagnose Fibroadenom zu einer weitergehenden Diagnose geschickt. Ergebnis: bösartig.

Das bestätigte mein Gefühl, der Knoten musste weg. Ich meldete mich in der Gynäkologie der Städtischen Klinik. Chefarzt Dr. Zeitler nahm sich Zeit, betrachtete den Knoten in der Sonografie. Er meinte, der sei zu 98 Prozent gutartig. Ich wollte hundert Prozent Sicherheit.

 

Donnerstag, 20. Juni 1996.

Ich ließ mir den Knoten entfernen. Die Operation war morgens um neun, Bernd wartete vor der Tür. Die Spannung wuchs. Immer wieder Tür auf, Tür zu. Einmal kam Dr. Denhard*, der Operateur, aus dem OP, Stress im Gesicht, kopfschüttelnd. »Da ist etwas schiefgegangen«, sagte er meinem Mann und hastete davon, keine weitere Erklärung. Mediziner können brutal unsensibel sein.

Bernd saß vor dem OP auf der Bank, desinformiert, in Panik, seine Phantasie jagte von einer Apokalypse in die andere. Dr. Denhard kam mit seinem Chef zurück. Eine Schnelldiagnose hatte ergeben: bösartig – pT1c, G2, pNO (O/16) ER pos., PR pos. in 6/96. Dr. Zeitler musste nachoperieren, entfernte den Tumor und prophylaktisch 16 Lymphknoten. Die Brust blieb erhalten.

Abends gegen 18 Uhr wachte ich auf. Mein Operateur kam |19|irgendwann ins Zimmer, griff nach meinen Händen: »Frau Ostmann, mit dieser Diagnose hatte ich nicht gerechnet.«

Einen Tag nach der OP standen meine drei Männer in der Tür. Bernd hatte sich große Mühe gemacht. Thore, damals sechseinhalb, Malte, zweieinhalb Jahre alt, waren gekleidet wie aus der Schachtel. Meine Kinder, lebhaft, laut, rüpelhaft, was war mir ihnen passiert? Blass, traurig, ängstlich standen sie versteinert neben Bernd, er bleich wie eine Oblate. »Wollt ihr mir denn nicht mal guten Tag sagen,« rief ich. Ich war erfreut, sie zu sehen. Und sagte das. Sie kamen näher, umarmten mich.

Malte fragte: »Kann ich mal sehen, wo du Aua hast?« Ich zeigte den dicken Verband und den Wundschlauch. In meiner Brust hätte sich ein Tumor gebildet, erklärte ich. »Wie bei der Oma?«, wollte Thore wissen. Ich sagte, meiner sei ein anderer Krebs. »Musst Du jetzt sterben?«, fragte er. Malte nahm mich spontan in den Arm: »Mama muss nicht sterben.«

Ich versicherte, ich würde wieder ganz gesund. Beide drückten mich, Bernd blickte aus dem Fenster. Als er sich umdrehte, sah ich, dass er geweint hatte.

Meine drei Männer: bedrückt, bestürzend verloren wirkten sie – wie unfreiwillige Statisten, die sich im letzten Akt eines Trauerspiels auf die Bühne verirrt hatten. In diesem Stück wollte ich keine Rolle spielen.

Im Sport hatte ich kämpfen gelernt, ich würde nicht aufgeben. Ich raffte mich auf, zog mich an. Wir gingen in die Stadt, ich versprach meinen Söhnen ein Eis. Es machte mir nichts aus, dass der Wundschlauch aus dem Ärmel hing und fragende Blicke provozierte.

Am Tag vor meiner Entlassung erschien nachmittags der Chefarzt und setzte sich an mein Bett: papahaft jovial. »Beten Sie«, sagte mir Dr. Zeitler und hielt dabei meinen Arm, »dass Sie in den nächsten fünf Jahren keinen Rückfall erleben.«

 

Eine Woche Ruhe, dann revoltierte mein Körper wieder. Morgens noch im Aufwachen erfasste mich ein Taumel. In mir und um mich war alles in Bewegung. Das Bett drehte sich, der |20|Boden schwankte wie ein Schiffsdeck im Sturm. Die gegenüberliegende Wand raste rauf und runter, als wollte sie meinen Blicken entfliehen. Die Muster auf der Tapete lösten sich ab, ihre Farben vermischten sich wie auf einer Malerpalette.

Tanzende Rußflocken vor den Augen, hangelte ich mich am Geländer nach unten. In der Aufrechten rotierte ich wie ein Karussell mit immer höherer Drehzahl. Ich musste mich auf die Couch legen. Die Medikamente schlugen nicht an, Bernd brachte mich ins Kreiskrankenhaus.

Dr. Ralf Wiesner*, ein Freund von uns, behandelte mich. Nach einigen Tagen hatte er die Ursache für den Drehschwindel gefunden: extremer Eisenmangel. Meine Krebsbehandlung machte ihn nachdenklich. Er ließ sich von mir jedes Detail meiner Krankheit erzählen. Schließlich forderte er von der Städtischen Klinik meine Unterlagen an: Arztberichte und histologische Befunde.

Ralf studierte jede Eintragung. Ihn verwunderte, dass Dr. Zeitler eine Chemotherapie mit der Begründung abgelehnt hatte, der Tumor sei mit 1,2 Zentimetern noch sehr klein gewesen. Ralf studierte das pathologische Gutachten vom 21. Juni. Viele Fragen dann. War der Tumor großzügig genug und damit risikomindernd entfernt worden? Sind Bestrahlungen vorgesehen? Ob Dr. Zeitler über die Krebsfälle in meiner Familie informiert sei. Ob er denn wisse, dass ich eine Risikopatientin sei. Ja, Dr. Zeitler war über alles informiert. Ralf empört: »Ich verstehe das nicht. Wenn du meine Frau wärest, würdest du sofort eine Chemo bekommen.«

Irritiert über die Einschätzungen unseres Freundes, rief Bernd sofort Dr. Zeitler an. Der reagierte gelassen. Der Tumor sei so klein, dass Bestrahlungen ausreichten. Schwerere Geschütze lehne er gegenwärtig ab. Danach telefonierte Dr. Zeitler mit Ralf und verbat sich dessen Einmischung.

Wenige Tage später fuhr ich ins Krankenhaus des Nachbarkreises zur Bestrahlung, täglich, acht Wochen lang.

Ralf, der heute eine onkologische Praxis betreibt, ist ein guter Arzt. Hätte ich doch damals das Gespräch mit ihm als Signal verstanden.

|21|»Du hast Krebs?«

Meine Krankheit gehörte fortan zur Familie, anfangs nur in stiller Präsenz. Mein Krebs fremdelte in der ersten Zeit wie ein schüchterner Gast, beschränkte sich auf eine Zwiesprache mit mir, unaufdringlich noch, keineswegs bedrängend. Dann bezog er auch Bernd grübelnd mit ein. Heimtückisch und unaufhaltsam machte sich der Tumor bei uns breit, drang schließlich mit langsam wachsender Dominanz in das Leben meiner Kinder ein. Schon bald umwölkte er wie ein überdimensionierter schwerer Schatten unsere Wochen, Monate, Jahre.

Auch meine Söhne leiden unter ihm, wirken häufig bedrückt und abwesend. Malte war oft unkonzentriert, brauchte Stunden für seine Schularbeiten. »Bist du immer noch nicht fertig«, rief ich schon mal nach oben. Später erzählte ich seiner Therapeutin von seinen Lernproblemen. Sie erfuhr von Malte, dass er häufig auf seinem Bett lag und weinte. »Weil Mama Krebs hat.«

Der Tumor infiltrierte schließlich meine Umgebung.

Stufe eins:

Meine Krankheit macht die Runde, sich behäbig verbreitend unter den Nachbarn, flüsternd und staunend erzählt, Mitleid weckend, Befangenheit auslösend.

Stufe zwei:

Mein Krebs verlässt die Phase des Tuschelns und mutiert zum Tratsch, legt gewaltig an Fahrt und Dramatik zu, immer größere Kreise ziehend. »Kerstin«, rief mir eines Tages eine Bekannte quer über den Marktplatz zu, »ich habe gehört, du hast Krebs?« Ich war mit Thore unterwegs, es war ihm peinlich für mich. Sein Blick von der Seite, vorsichtig fragend: Hatte ich das verkraftet?

Stufe drei:

Mein Tumor hat das Stadium der Sensation verlassen, weckt kaum noch Interesse, er hat mich isoliert. Einige Freunde sind mir geblieben, ausreichend viele, darunter Freunde, die ich vorher nicht dazu zählte; andere, die ich für Freunde hielt, gingen auf Distanz.

|22|Wenn sie nicht mehr ausweichen konnten und vor mir standen – diese ihnen peinliche Verlegenheit, was sollten sie mir sagen, würden sie die richtige Tonlage finden, wohin mit ihren flattrigen Augen, die immer auf der Flucht schienen vor meinem Blick und meinem unglückbehafteten Dasein, das sie zu ihrer sonderbaren Unbeholfenheit zwang. Manche dieser Verlegenheiten endeten in einer schrecklichen Wortprozession des Mitgefühls.

Mein Makel macht einsam, ich bin für viele nur noch eine Bezugsperson auf Abruf, ein nicht mehr lohnender Kontakt. Krebs, wenn er so heilungsresistent ist wie meiner, bringt Gehirne und Befindlichkeiten durcheinander: er ist angstschürend, spaßtötend, erfolgdämpfend, genussfeindlich.

»Die Leute«, sagte mir Bernd eines Tages, »wollen mit uns nichts mehr zu tun haben. Der Krebs macht ihnen Angst. Sie laufen vor uns und sich davon.«

Zuerst nahm meine bis dahin beste Freundin Mechthild Reißaus. Sie stand bei ihrem Metzger vor der Theke, als eine andere Kundin sie ansprach: »Hast du schon gehört ...« Überstürzt verließ sie den Laden.

Am Tag nach meiner Entlassung aus der Städtischen Klinik überredete mich Bernd zum Besuch des Kurparkfestes in der Nachbarstadt. Ich hatte Malte an der Hand. In einiger Entfernung vor uns Mechthild mit Mann, Kind und einigen Freunden. Sie kamen direkt auf uns zu, wechselten plötzlich die Straßenseite und blieben an einem Getränkestand stehen, mit dem Rücken zu uns.

Außer einem Telefonat und einer knappen Begegnung Jahre später mit der lapidaren Erklärung, sie habe damit nicht umgehen können, habe ich nichts mehr von ihr gehört.

Das schmerzte, es brauchte Monate, bis ich das weggesteckt hatte. Wir waren beide zur Realschule gegangen, jahrelang unzertrennlich, sahen uns sehr ähnlich, manche hielten uns für Zwillinge. Wir tauschten unsere Kleider und Autos, sahen uns mehrfach am Tag. Sie wurde Verwaltungsangestellte, ich Anwaltsgehilfin. Mechthild heiratete einen Architekten, oberflächlich, karriereversessen, mit Hang zu |23|höheren Kreisen. Schwächelnde Freunde waren seinem Image abträglich.

Manchmal schafft mein Krebs Realitäten, für die ich dankbar bin: Er entzaubert jene Leute, deren Verlust eher ein Segen ist.

 

Wie sollte ich auf meinen Krebs reagieren? Ihn verdrängen, mit Aktivitäten auf Distanz halten? Auf keinen Fall wollte ich mich ihm hingeben: in einer traurig-schönen Melancholie, gemästet von eigenem Leid und fremden Mitgefühlen.

Ich nahm wieder meinen Leistungssport auf, Trampolinspringen mit höchsten Schwierigkeitsgraden, war häufig auf internationalen Wettbewerben in der Schweiz, in Belgien und den Niederlanden. In Bern schaffte ich mal den sechsten Platz unter Teilnehmern aus ganz Europa. Der Kitzel, nicht ohne Risiken, gab mir Kraft.

Einmal verunglückte eine Freundin. Wir hatten gerade den Vorwärtssalto mit anderthalbfacher Schraube geübt. Nina hatte ausreichend Schwung, erreichte auch genügend Höhe. Als sie mit den Füßen auf dem Tuch landete, war ihr Oberkörper noch voll in der Rotation. Dann das Geräusch: wie von einem splitternden Ast. Ihr rechtes Schienbein barst unter der ungeheuren Kraft der Drehung; ein markerschütternder Schrei. Der Unterschenkel baumelte herab, nur noch gehalten von Gewebe. Wir legten sie mit dem Rücken auf die Sprungfläche, der Trainer presste den abgeknickten Unterschenkel auf die Wunde am Bein, er wollte den Blutfluss stoppen. Nina hörte nicht auf zu schreien. Erst nach zwanzig Minuten traf der Krankenwagen ein. Es war eine komplizierte Operation. Später ist sie doch wieder aufs Trampolin gegangen.

Beinahe hätte es auch mich erwischt. Bei einem Schauturnen kam ich mal nach einem Doppelsalto vorwärts, gebückt und mit halber Schraube schräg mit nur einem Bein auf, wurde nach oben katapultiert, flog waagerecht über die Köpfe der am Trampolinrand stehenden Helfer hinweg und schlug mit dem Rücken auf den Hallenboden. Ich rang nach Luft, |24|eine Ärztin unter den Zuschauern eilte herbei. Ich hatte mich zum Glück nicht verletzt.

Noch während meiner Bestrahlungen begann ich wieder mit dem regelmäßigen Training. Im Dezember 1996 belegte ich bei den Landesmeisterschaften mit meiner Partnerin Antje im Synchronspringen den ersten Platz und wurde mit meiner Mannschaft Vizemeister. Es war mein letzter Wettbewerb, ich hatte mich vorher zur Übungsleiterin ausbilden lassen und trainierte fortan den Nachwuchs. Thore gehörte dazu, er war der Einzige in der Familie, der sich für das Trampolin begeistern ließ. In seiner Altersklasse wurde er 2002 Bezirksmeister.

Der Goldfasan

Im April 1999.

Nach dem Sport verspürte ich oft einen Druck in der OP-Narbe. Wenn ich die jungen Turner nach hohen Sprüngen auffing, hatte ich regelmäßig Schmerzen. Unruhe packte mich. Da wucherte etwas in meiner rechten Brust. Manchmal hatte ich das Gefühl, das Narbengewebe würde reißen.

Ich suchte Frau Dr. Wollmer auf. Von ihrem Sprechzimmer aus blickt sie auf den Eingang des Standesamtes, was die hagere Ärztin mit den schwarzen schulterlangen Haaren schon mal zu einem das eigene unverarbeitete Ehedrama erahnenden Kommentar veranlasste.

Vor einiger Zeit saß ich vor ihrem Schreibtisch, sie holte mir ein Medikament aus einem Wandschrank, kam am Fenster vorbei und blickte in Richtung Standesamt, wo ein gerade getrautes Pärchen und ihre Familien für ein Foto posierten. Sie schüttelte den Kopf, verdrehte die Augen zur Decke: »Diese Leute sind doch komplett verrückt.« Ich kannte das, sie kommentierte jede Trauung, die sie wahrnahm.

Die Ärztin arbeitete wie besessen, betrat morgens gegen sieben Uhr die Praxis und ging selten vor 22 Uhr. Wie viel war Neigung, wie viel Neurose? Sie hätte niemals Männer behandeln |25|können. Sie pflegte eine bis in die Lächerlichkeit gesteigerte Männerphobie.

Einmal saß ein Mann neben mir auf einem Stuhl nahe der Rezeption; er wartete auf seine Frau. Die Tür zum Sprechzimmer ging auf, die Ärztin steuerte auf den Empfangstresen zu, sah den Mann, drehte sich zackig wie ein paradierender Bärenfellmützen-Träger aus der Queen-Leibgarde auf dem Absatz um. Ihre wellige Mähne wippte wie vom Wind geschüttelt, dann verschwand sie in ihrem Zimmer. Kurz darauf klingelte bei ihrer Helferin am Empfang das Telefon.

Die Gezeiten ihrer Launen und Krankheiten ließen die Ärztin exzentrisch werden. Sie war in gesundheitlich schlechterer Verfassung als viele ihrer Patientinnen: Asthmatikerin, hatte die Krankheit geerbt. Manchmal japste sie wie ein Fisch an Land, dann war bei jedem Atemzug ein lang gezogener Pfeifton zu hören. Ich bekam eine Vorstellung davon, wie grausam Ersticken sein muss. Vor einigen Jahren erkrankte sie an einem Hautkrebs, von dem sie geheilt wurde.

Wenn ich nicht ihrer Meinung war, wurde sie bockig. Sie untersuchte meine rechte Brust, konnte aber keine Ursache für meine Schmerzen finden, auch in der Operationsnarbe nicht. Ich war nicht zufrieden und suchte Dr. Zeitler auf, auch seine Sonografie ergab keinen Befund. Narbenschmerzen, schrieb er in seine Karteikarte, kein Hinweis auf ein Rezidiv.

Meine innere Stimme meldete sich wieder. Ich tastete die Narbe ab, meine Fingerspitzen fühlten einen Knubbel, groß wie eine Kirsche. Bernd: »Ich fühle das auch.«

Ich wechselte meinen Frauenarzt. Dr. Schatte* hieß der neue, eine missliche Erfahrung. Sein Ultraschall ergab nichts, sechs Wochen lang behandelte er mich auf Rippenfellentzündung. Dann hatte ich die Nase voll; ich klingelte wieder bei Frau Dr. Wollmer, sie verzieh mir meinen medizinischen Seitensprung. Sie tastete mich ab, sehr gründlich. Ich reckte den Arm nach oben, der Knubbel war so leichter zu fühlen. Bestätigung im Ultraschall: ein Rezidiv. Letzte Gewissheit durch Frau Dr. Uhlich*, eine Radiologin: »Trennen Sie sich von diesem Gewebe«, riet sie mir.

|26|Ich suchte wieder Dr. Zeitler auf. Die Brust müsse nicht amputiert werden, erklärte er mir. Das sei vor Jahren so gemacht worden, entspreche aber nicht dem heutigen medizinischen Standard. Endgültig darüber entscheiden könne er erst nach Augenschein während der OP. Wenn möglich, werde er nur die Brustdrüse entfernen und ein Silikonkissen einsetzen. Die Schnelldiagnostik bestätigte meinen Argwohn: bösartig.

 

Donnerstag, 29. April 1999.

OP bei Dr. Zeitler. Er verfuhr wie angekündigt – entfernte das noch verbliebene restliche Drüsengewebe und setzte ein Silikonkissen ein.

Nach drei Tagen bekam ich eine neue Zimmernachbarin, eine Privatpatientin des Chefarztes. Bunt wie ein Goldfasan: Mitte 20, dunkelhaarig, schlank, sonnenbankbraun, Goldkettchen an Arm- und Fußgelenken, Düfte verströmend, die sich in den Nerven einnisteten. Von den Haaren bis zu den Zehen untersuchte sie ihren Körper, Pore für Pore, auf der Suche nach einem Makel, der übertüncht werden musste.

Selbst in den Kissen malte sie an sich herum, lackierte in heiliger Andacht ihre Fußnägel rot-braun, feilte mehrfach am Tag ihre kalkweißen künstlichen Fingernägel: lange, spatenförmige Krallen. Sie hatte eine Brust-OP vor sich und dafür 4 500 DM gespart. Ihr Busen wohlgeformt – er reichte ihr nicht, der Freund wünschte eine Körbchengröße mehr. Sie war ständig auf der Suche nach der eigenen Identität.

Ich musste zur Demonstration meine operierte Brust zeigen. Dr. Zeitler erklärte ihr meinen Brustaufbau. Die Narbe würde man später auch bei ihr nicht sehen. Sie tastete mich ab. »Das fühlt sich ja ganz normal an«, meinte sie etwas naiv. Zwei Tage später legte sie sich bei Zeitler unter das Messer.

Kurz vor meiner Entlassung traf der Befund des Pathologen vom 30. April 1999 ein. Er hatte ein »Rezidiv des soliden Mamma-Karzinoms mit Lymphangiosis carcinomatosa« diagnostiziert. »Der Tumor«, hieß es ferner, »breitet sich perivaskulär in Lymphspalten aus.«

»Das ist eindeutig eine Verschlimmerung«, sagte mein |27|Hausarzt Dr. Hasse*. Ich wollte es detaillierter wissen. Der Begriff klebte in meinem Kopf. Tage später stand er auch im Diagnosebefund von Dr. Zeitler. Ich griff zum klinischen Wörterbuch Pschyrembel. »Lymphangiosis carcinomatosa«, las ich, sei »die kontinuierliche Ausbreitung eines Karzinoms in den Lymphgefäßen«.

Der Tumor begann zu wuchern. Der Chefarzt sah sich zu Therapiemaßnahmen genötigt. Mein Typ Krebs, erläuterte mir Dr. Zeitler, werde durch die weiblichen Hormone im Wachstum beschleunigt. Er müsse daher die Hormonproduktion reduzieren. Dann der Schock: »Ich werde Sie künstlich in die Wechseljahre versetzen.«

Ein Leben im Zeitraffer. Hormonbremsen in Form von Spritzen und Pillen. Ich war damals 36. In wenigen Tagen alterte ich um ein Jahrzehnt. Mein Bewusstsein zog mit. Immer noch war ich blond, groß gewachsen. Und immer noch attraktiv, versicherte mir Bernd.

Meine Wahrnehmung war eine andere. Ich sah mich im Spiegel und dachte, das bist du nicht, das warst du, als entstammte mein Bild einem alten Fotoalbum. Meine Hitzewallungen bestätigten das Gefühl. Von einer Sekunde auf die andere schoss mir die Glut in den Kopf, die Schweißdrüsen öffneten sich wie Duschköpfe, kurz darauf war ich nass wie nach einem Platzregen.

Drei Wochen später Nachuntersuchung bei Dr. Zeitler. Er betrachtete die Narbe und war sichtlich zufrieden mit seiner Arbeit. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Selbstgefälligkeit. Das forderte mich heraus, er sollte meinen Ärger spüren. Was hatte er mir da eigentlich zugemutet: Als Krebspatientin, die um ihre Brüste fürchtete, lag ich mit einer Frau auf einem Zimmer, die sich ihre Brust vergrößern lassen wollte. Ich sagte ihm, ich hätte das als rücksichtslos empfunden.

Mein Unmut berührte ihn nicht. Er sei fest davon ausgegangen, dass mich das nicht belasten würde, sagte er mit routinierter Gelassenheit, mit der er sich quengelnde Patientinnen auf Distanz hielt. Er habe der jungen Frau an meinem Brustaufbau nur zeigen wollen, dass ein solcher Eingriff keine |28|hässlichen Narben hinterlasse. Das bestätigte mich in meinem Groll. Der Mann hatte mich als Demonstrationsobjekt für seine Privatgeschäfte benutzt.

Er fühlte sich ertappt, und es schien ihm wichtig, hehre Motive für die Brustverschönerungen hervorzukehren. Er holte eine Mappe mit Bildern hervor – Frauen mit Brüsten, die er operiert hatte. Ausgelaugte Brüste, die so flach auf dem Körper lagen wie Pfannkuchen. Oder sackartige Brüste, die ihre Trägerinnen wie Mühlsteine empfunden haben müssen. Er sagte, viele Patientinnen seien depressiv gewesen, einige hätten schwerste Neurosen entwickelt.

Stolz präsentierte er die Fotos, aufgenommen nach der OP. Als wollte er mir beweisen, dass er nicht nur ein Könner, sondern auch ein medizinischer Wohltäter sei. Doch der Fall meiner ehemaligen Zimmernachbarin lag völlig anders. Ich sah keine Notwendigkeit für ihre OP. Dann erzählte er mir, dass er überlege, zusammen mit seinem Oberarzt Müller* eine Privatklinik für Schönheitschirurgie aufzubauen.

Ich erinnere mich, dass mir damals an dem Arzt, den ich oft mit hochgerecktem Pfauenhals bedeutungsschwer über die Krankenhausflure hatte stolzieren sehen, Symptome einer Sucht auffielen, der Suche nach Bestätigung. Frühere Szenen und Gespräche hatte ich erst im Zusammenhang mit seiner Fotodemonstration als Belege für diese Sucht gedeutet.

Einige Zeit später, in Kenntnis seiner Behandlungsfehler an mir, kamen mir Zweifel, ob Dr. Zeitler, der hauptsächlich auf Verschönerungen und den Aufbau von Brüsten fixiert war, zu der Einsicht in der Lage war, dass für manche Krebspatientinnen die Amputation einer oder beider Brüste ein notwendiger, weil lebenserhaltender oder lebensverlängernder Eingriff sei.

Ich fragte mich auch, ob ein solcher Mann überhaupt ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt eines solchen Eingriffs entwickelt haben konnte.

 

Mittwoch, 19. Mai 1999.

Der Wettlauf mit meinen gierigen Fresszellen trieb mich in eine Uniklinik in Norddeutschland. Ich sprach mit Frau |29|Dr. Blier*, Oberärztin des Mammazentrums. Ich informierte sie über meine letzte OP, den Knoten, meine Hormonbehandlung, den pathologischen Befund. Dieser Befund, teilte sie zwei Tage später meiner Frauenärztin mit, habe sie veranlasst, »Frau Ostmann eine Ablatio rechts« zu empfehlen – eine Amputation der rechten Brust.

Anschließend wurde ich von einem Ärzteteam zu einem Gespräch gebeten. Das Team leitete an der Uniklinik ein von der Deutschen Krebshilfe gefördertes Forschungsprojekt über Gendefekte. Weltweit waren über 100 Unikliniken beteiligt, darunter elf deutsche. Mich hatten sie schon vor Wochen als Risikopatientin ausgewählt.

Ich erfuhr, dass sich die medizinische Forschung von dem Projekt wichtige Erkenntnisse für die Brustkrebstherapie erwarte. Wegen meiner familiären Vorbelastungen sei ich für sie eine wichtige Probandin. Ich würde in den nächsten Tagen ausführlich über die Studie unterrichtet. Ich könnte dann in Ruhe über meine Teilnahme entscheiden.

Dem Forschungsteam gehörten Fachleute der Klinikbereiche Gynäkologie und Geburtshilfe, des Instituts für Humangenetik und des Instituts für Medizinische Psychologie an. Ich las in dem umfangreichen Aufklärungsschreiben, dass zwei Gene bekannt seien, »in denen Mutationen auftreten können, die für die Entstehung von Brustkrebs verantwortlich sind. Diese beiden Gene heißen BRCA1 und BRCA2.«

Ich las ferner: »In Familien mit der familiären Form des Brustkrebses wird eine solche Genmutation von einer Generation auf die nächste weitergegeben. Sollte bei Ihnen eine Veränderung in einem der Brustkrebsgene vorliegen, tragen Sie ein erhöhtes Risiko, ein zweites Mal an Brustkrebs oder an Eierstockkrebs, Darmkrebs oder Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken.«

Die Untersuchung werde etwa neun bis zwölf Monate, eventuell auch länger dauern. Die Nachsorge könnte im Mammazentrum der Uniklinik im Wechsel mit meinem Frauenarzt durchgeführt werden. Nachdem ich mich eingehend über weitere Details der Studie informiert hatte, sagte ich zu.

|30|Ein dicht gedrängtes Programm erwartete mich: alle drei Monate Tastuntersuchung bei meiner Frauenärztin, alle sechs Monate klinische und sonografische Kontrolle von Brust und Unterleib, zudem eine Mammografie, abwechselnd in der Uniklinik und bei Dr. Zeitler, einmal im Jahr eine MRT-Untersuchung (Kernspin).

Spätestens im Frühjahr 2000 sollte mein genetisches Gutachten vorliegen.

 

Dienstag, 25. Mai 1999.

Nachts weckten mich Schmerzen, die blitzartig wie Stromstöße durch meinen Bauch jagten. Ein böser Verdacht schoss mir durch den Kopf. Hatte der Krebs gestreut, war er bereits über meine Organe hergefallen? Meine Frauenärztin tippte auf Blinddarm, überwies mich in die Städtische Klinik.

Die Diagnose schürte meine Skepsis. Ich meldete mich in der Gynäkologie. Kurz darauf erlebte ich im Behandlungszimmer die für mich schlimmste Erniedrigung meiner bisherigen Krankengeschichte. Ich musste mich ausziehen, auf den gynäkologischen Stuhl steigen und die Unterschenkel über Kopfhöhe in die Halterungsschalen legen. Durch meine gespreizten Beine blickte ich auf die Tür und wartete. Und dann trat die Kolonne ein, mit Blickrichtung auf meinen Unterleib. Vorneweg Chefarzt Dr. Zeitler, dahinter die Oberärzte Dr. Demmer* und Dr. Müller, eine Ärztin und eine Krankenschwester.

Ich war bestürzt, Schamröte stieg mir ins Gesicht. Mein erster Gedanke: mich anziehen und raus hier. Ich fühlte mich wie in einer Peepshow. Nur dass meine Betrachter sogar direkt vor mir standen. Denen war offenbar nichts peinlich. Hatten diese Ärzte überhaupt ein Bewusstsein von Schamgrenzen? Es war das brutale Verhalten selbstgefälliger Mediziner aus einem vergangenen Jahrhundert. Ich war peinlich berührt, Wut und Entsetzen in mir wurden niedergerungen von den unerträglichen Schmerzen, die alles in mir lähmten. Willenlos ließ ich mich untersuchen.

Dr. Zeitler betrachtete meinen Unterleib mit einem Ultraschallstab. »|31|Ich glaube«, sagte er schließlich, »ich habe etwas entdeckt.«

Am nächsten Morgen Bauchspiegelung. Unter Narkose drei kleine Schnitte im und um den Bauchnabel. Dr. Zeitler entfernte Verwachsungen an den Eierstöcken, die sich entzündet hatten. Als ich Details wissen wollte, wurde ich mit ein paar Stichworten abgespeist. Aufklärung verschaffte ich mir in meinen Gesundheitsbüchern. Es handelte sich um chronische und schmerzhafte Wucherungen von Schleimhautgewebe außerhalb der Gebärmutter (Endometriose).

Die Algarve und die Fischsuppe

Samstag, 19. Juni 1999.

Portugal, die östliche Algarve. Zwei Wochen Urlaub, endlich eine Verschnaufpause von Ärzten und Kliniken. Am Flughafen Faro nahmen wir einen Mietwagen. Unser Ferienhaus lag eine Stunde in Richtung Osten. Von der Hitze verdörrtes Gras, knorriges Gestrüpp und rachitische Bäume auf dem felsigen Grund in den Schluchten und an den Hängen. Die streunenden Hunde und selbst die asthmatisch gurrenden Tauben waren so ausgemergelt wie der Boden, von den vielen rund geschliffenen Steinen am Davonfliegen gehindert.

Die Sommersonne hinter schleimigem Dunst, der alle Entfernungen verkürzte. Der Horizont, versteckt in einer rauchbläulichen Schemenhaftigkeit. Das verzagte Licht verschleierte die Hügel, die Wälder, die korkfarbene Erde, die milchweißen Häuser, die Felsen, die entfernten Dörfer, die Schluchten, die ausgetrockneten Bachläufe, die silbergepunkteten Flüsse, die aus dem Blickfeld sich windenden Straßen.

Das Haus lag am Hang: weiß, kubusförmig, mit Fensterhöhlen in einem blauen Lackrahmen auf der Hauswand; zwei Terrassen, eine weitere auf dem Dach. Von dort aus konnten wir über die Wipfel der Kiefern das Meer sehen – silbrig, behäbig, unendlich. Im Wohnzimmer deutscher Einrichtungsbarock: |32|sirupbraune Fliesen, schwere Eichenmöbel, Polsterplüsch, Nippes.

Hier in Portugal war ich versessen auf Weite und Horizonte und süchtig nach dem violetten, wie durch Seide gefilterten Abendlicht, das alle Farben überlagerte und sie vermischte wie auf einem Gemälde von Manet. Häufig saßen wir auf dem Dach und blickten auf das orangefarbene Meer mit der untergehenden Sonne. Am Abend nach unserem Eintreffen fühlten wir uns beobachtet: ein Mann mit Fernglas auf dem benachbarten Hügel. Es störte ihn nicht, dass wir ihn bemerkt hatten. Wir sahen uns fortan häufig im Visier seiner Gläser.

Am Sonntag hatte ich vor dem Frühstück geduscht, gerade mein Badetuch umgelegt und ein Handtuch zum Turban um den Kopf gedreht, da stand er plötzlich im Flur. Er kam so ungelegen wie ein Unwetter, das störte ihn aber nicht. Nichts an ihm von der Verlegenheit eines Eindringlings. Er sagte, dass die Tür offen gewesen sei, dass er draußen niemand angetroffen habe, er auf dem Hügel nebenan wohne, seit zwei Wochen an seinem Haus arbeite, mit unseren Vermietern befreundet sei, dass er in Hannover lebe, seine Frau und seine zwei Kinder am Wochenende nachkämen.

Der ungebetene Besucher hatte die selbstgefällig-forsche, etwas poltrige Art von Leuten, denen die Sensoren für atmosphärische Störungen oder Schwankungen fehlen, weil sie meistens auf Sendung, aber nur selten auf Empfang sind.

Seine Blicke klebten an mir, tasteten sich an meinen Beinen hoch und sezierten mich unter dem Frottee. Ich sah ihn herausfordernd an, seine Augen wichen aus, nicht schnell genug, um sich nicht von mir ertappt zu fühlen. Er überspielte das mit einem Redeschwall. Bernd kam gerade ins Haus. Es dauerte eine Weile, bis er ihn abgewimmelt hatte.

Montag fuhren wir zu einem kleinen Hafen. Es war seine Empfehlung. Wir bestiegen dort einen verrosteten blau-weißen Kutter, der uns zu einer vorgelagerten Sandbank brachte. Nur eine portugiesische Familie auf dem menschenleeren Strand. Bernd, Thore und Malte sprangen ins Meer, ich legte mich in den weißen Pudersand, mit dem Rücken in die Sonne.

|33|Nach einer Weile war mir, als wanderten begehrliche Blicke über meinen Rücken, meine Beine, meinen Hintern. Da stand er, der Deutsche vom Nachbarhügel. Seine Anzüglichkeit, wie sollte ich darauf reagieren? Ärger wallte in mir hoch, verebbte aber schnell. Seine Blickgier, sie gefiel mir auf einmal. Bestätigte sie mir doch, dass ich anziehend wirkte; er fand mich begehrenswert. Mich, eine Frau mit einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung.

Warum überraschte mich das? War mir die visuelle Wahrnehmung von mir abhandengekommen? Hatte die Krankheit meinen Kopf dafür blockiert? Bei 1,76 Metern Körperlänge hielt ich seit Jahren konstant meine Kleidergröße 38. Ich war sportlich aktiv und hatte eine durchtrainierte Figur. Der Mann aus Hannover hatte mich animiert, wieder hinauszusehen aus mir. Er hatte mir deutlich gemacht, dass ich nicht nur aus einem näher rückenden Verfallsdatum bestand.

Tage später, als seine Frau eintraf und ich etwas mehr von seinem Lebensumfeld erfuhr, hatte ich mehr Verständnis für ihn. Seine Frau, dunkelblond und zierlich, hatte das kraftvollbestimmende und sichere Auftreten von Leuten, deren finanzielle Unabhängigkeit die Zweifel und die Fragen unterbinden. Das Haus auf dem Hügel hatten ihre Eltern finanziert. Seit ihrem Eintreffen hatte er sich verändert, er war in ihrer Gegenwart nur ein Gefolgsmann, abhängig von ihren Entscheidungen und ihrem Geld.

Wir erfuhren von ihm, dass er Ingenieur sei, der während seiner häufigen Portugal-Aufenthalte seine Kunden telefonisch betreute. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie das funktionieren sollte. Wir fanden bald heraus, dass es eine Ausrede war. Er verlümmelte seine Jahre auf dem portugiesischen Hügel. Ein fortgeworfenes Leben. Wir sollten das nicht wissen. Er war gesund, aber war er wirklich besser dran als ich?

 

Portugal sollte für mich ein mentales Durchlüften sein: keine Gedanken an den Krebs. Ich hatte die naive Hoffnung, ich könnte mich verstecken vor meinen unerwünschten Gedanken und Gefühlen, meinen quälenden Träumen, dem Drama |34|in meinem Körper. Es war ein verschrobener Wunsch, den ich aber sehnsuchtsvoll erfüllt sehen wollte wie ein kleines Kind seine Bitten an den Weihnachtsmann.

Einige Tage lang hatten mich die neuen Eindrücke abgelenkt. Dann begann er wieder zu kreisen in meinem Kopf, der Dynamo, angetrieben von den Gedanken um meine entarteten Zellen, die in meinem Hirn ein wüstes Durcheinander anrichteten, während sie – heimlich, heimtückisch, nachhaltig – in meinem Körper mit ungebremster Aggressivität ihr Zersetzungswerk fortsetzten.

Ich erinnere mich, dass mich der Gedanke beschäftigte, ob es eigentlich einen Typ des Überlebenden gibt und welche Voraussetzungen er mitbringt für ein langes und tumorloses Dasein. Und dann immer wieder die Frage, warum es gerade mich mit dieser immensen Wucht traf. Erfüllte ich doch alle von den Gesundheitspredigern aufgestellten Kriterien für eine krebsvorsorgende Lebensweise. Ich rauchte nicht, trank selten Alkohol und hatte einen durchtrainierten Körper.

Ich vermochte jedenfalls keinen Sinn darin zu erkennen, dass der Krebs gerade mich ausgewählt hatte. War ich ein Opfer geworden nach einem rätselhaften Prinzip des Zufalls oder einem überirdisch gesteuerten, Menschen nicht zugänglichen Auswahlsystem? Ich fand keine Erklärung, die Fragen blieben. Seit meiner zweiten Krebsoperation war mir bewusst, dass sich meine Heilungschancen drastisch verschlechtert hatten. Hatte ich überhaupt Chancen auf eine Gesundung, oder drehte es sich für mich nur um die Frage, wie lange ich noch zu leben hatte?

Und dann sah ich auf einmal mit großer Klarheit, so deutlich wie unter einem Mikroskop, was auf mich zukommen würde. Im Zustand zunehmender Ermattung würde ich an mehreren Fronten gefordert sein. Mein Hauptgegner war der Krebs. Gleichzeitig aber würde ich mich auf zusätzliche und zermürbende Scharmützel einstellen müssen: mit desinteressierten und übelgelaunten Ärzten, mit kleinlichen Krankenkassenbürokraten, mit ellenlangen Fragebögen von kommunalen Versorgungsämtern, mit langwierigen Erklärungen |35|gegenüber der Rentenversicherung, mit meiner genervten und überforderten Familie, mit Enttäuschungen durch sich absondernde Verwandte und Bekannte.

Und dann war auch noch meine Standhaftigkeit gefordert gegenüber den schmeichelnden und womöglich meine Seele erweichenden Mitgefühlen, darunter ehrlichen und geheuchelten. Ich würde mir keinesfalls die Mühe einer Unterscheidung machen. Ich würde keine dieser gesäuselten Bekundungen an mich heranlassen. Ich würde sie schlichtweg ignorieren. Ich würde mir doch nicht mein Selbstmitleid anfüttern lassen und dadurch meinen Widerstandswillen schwächen. Ich würde stattdessen alles daransetzen, die rebellischen Kräfte in mir zu stärken.

 

Ich erinnerte mich an das Buch mit dem kahlköpfigen Mädchen auf dem Titelbild (Christel und Isabell Zachert: »Wir sehen uns wieder in meinem Paradies«). Ich hatte es in meinem Reisegepäck. Nachdem der Krebs wieder durch meinen Kopf spukte, konnte ich getrost mit der Lektüre beginnen.

Isabell war mit 15 Jahren an einem Sarkom, einem aggressiven Bindegewebstumor im Endstadium, erkrankt. Die Ärzte gaben ihr nur noch wenige Tage, sie überlebte diese Prognose um mehr als ein Jahr.

»Ich glaube«, schrieb sie in ihr Tagebuch, rund elf Monate nach ihrer Krebsdiagnose, »jetzt werde ich wirklich zeigen müssen, wie sehr ich noch leben will. Es gibt noch so viele Sachen, die ich geplant habe. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sie sich nicht mehr verwirklichen sollen.«

Einen Tag später notierte sie: »Meine Schmerzen sind sehr schlimm. Selbst wenn ich nicht mehr kämpfen wollte, würden die Schmerzen nicht weggehen, bis der erlösende Tod kommt, den ich nicht will. Was bleibt mir also übrig, als zu kämpfen? Es kann nur besser werden.«

Der Text hätte auch von mir sein können. Schmerzen hatte ich zwar nicht. Aber ich hatte wie die kleine Isabell noch viele Pläne. Um sie umsetzen zu können, würde ich kämpfen, kämpfen, kämpfen.

 

|36|Am Samstag fuhren wir in den 20 Kilometer entfernten Ort Tavira. Unser Vermieter aus Münster hatte dort ein Fischrestaurant empfohlen, das für seine gute Küche bekannt sei. Wir wählten einen Tisch draußen unter dem knorrigen Geäst einer Pinie, direkt am Ufer des Rio Gilão, der sich modrig dünstend einige hundert Meter weiter in den Atlantik wälzte.

Es dämmerte leicht, in den Häuserschluchten dunkelte es bereits. Der Himmel lohte noch einmal auf und bedeckte den Fluss mit schrägen, goldfarbenen, tanzenden Lichtstreifen. Deren Reflexe spiegelten sich auf den vom Wasser umspülten Mauern in einem verzagten Schimmer. Eine laue Brise vom Meer, salzig, fischig, mischte sich mit den Harzdüften und den fauligen Rülpsern vom Fluss.

Die dunkelhaarige Bedienung brachte die scharfen Gerüche der Küche mit. Sie sprach Deutsch mit Akzent. Malte, Thore und ich bestellten Pizza und Salat, Bernd den Fischtopf des Hauses. Spatzen lärmten: ein lustvolles Schimpfen. Eine besonders kleine Art, kaum größer als Zaunkönige. Ein hektisches Geschwirre neben uns, unter dem Tisch, auf den Stühlen, auf der Mauer – Bewegungen, oft zu schnell fürs Auge.

Bernd schöpfte mit einem Löffel dampfende Fischstücke und Suppe auf seinen Teller. Er verlor kein Wort über das Essen, er mampfte ohne Behagen. Zwei Stunden später, auf der Rückfahrt, klagte er über Kopfschmerzen, daheim wurde ihm übel. Er erbrach sich mehrfach in der Nacht, bekam noch Durchfall, dünn wie Wasser. Ich holte am Montag Medikamente aus der Apotheke; sie halfen nicht.

Dienstag suchten wir einen Arzt auf. Es war ein Iraner, der viele Jahre in Deutschland praktiziert hatte. Wir erzählten ihm von dem Restaurantbesuch. Seine Diagnose überraschte nicht: Fischvergiftung. Er gab uns Medikamente und einen Rat: »Gehen Sie im Ausland nur dort essen, wo auch die Einheimischen hingehen.«

Fast die gesamte zweite Urlaubswoche verbrachte Bernd im Bett. Ich fuhr in diesen Tagen allein mit den Kindern auf die Sandbank, wir tauchten und sammelten Muscheln, einige so groß wie Seifenschalen.

|37|Kampf mit dem Drachen

Im März 2000.

Wie oft hatte ich Landkarten studiert und mir die Topografie eines Geländes eingeprägt, Weg für Weg, Tal für Tal, Hügel für Hügel, um dann in der Natur festzustellen, dass die Wirklichkeit anders ist als der Plan, gravierend anders. Ich fand im Gelände nichts von der Karte wieder.

Es war wie in meinem Leben. Was hatte ich nicht alles entworfen an Idyllen, Hoffnungen und Plänen. Ich war eine begabte und phantasievolle Architektin meiner Zukunft, konservierte Hoffnungen, malte Wünsche, plante für Jahrzehnte. Und jetzt? Mein Lebensrest vertröpfelte illusionslos.

Die Angst hatte mich oft wie in Intervallen von Fieberschüben heimgesucht: die Angst vor der zur Neige gehenden Zeit. Ihre Wirkung basiert auf dem Grad ihrer Akzeptanz. Menschen, die Angst begierig aufnehmen, werden drangsaliert von ihr und irgendwann von ihr aufgefressen.

Meine Ängste hatten sich abgenutzt, sie würgten mich nicht mehr. Nichts von einem baldigen Verfall trübte mehr meine Sinne, ließ die Angst in mir rotieren oder meine Persönlichkeit in einem ständigen Wechsel changieren. Ich fand, das Leben meinte es im Augenblick sehr gut mit mir.

Im Arrangement mit meiner Ungewissheit schöpfte ich sogar neue Kräfte. Sie galten Thore, er brauchte Hilfe. Ich buchte eine Pension auf Juist für knapp eine Woche, nur für ihn und mich. Er hatte vor gut sieben Monaten eine starke Gehbehinderung entwickelt. Es wurde nicht besser.

Hatte das psychische Ursachen? Vielleicht litt er unter meiner Krebserkrankung stärker, als ich angenommen hatte. Ich wollte das fernab von seinem Schulalltag herausfinden.

Die Behinderung wurde zum ersten Mal auffällig während eines Fußballspiels im September 1999. Thore war weit entfernt von dem Gerenne, dem Geschubse, der Dribbelei um den Ball, kein Spieler stand in seiner Nähe, als er plötzlich umkippte – ohne erkennbaren Grund. Er lag auf der rechten Seite, sein Gesicht schmerzverzerrt, seine Augen weit aufgerissen. |38|Er war fassungslos über das ihm Geschehene. Thore stemmte beide Arme in den Rasen, mühsam rappelte er sich hoch und humpelte, das linke Bein hinter sich herschleppend, an den Spielfeldrand.

Die Behinderung dauerte an. Unter Belastung knickte das linke Knie nach innen weg, als hätte ihn jemand angerempelt. In einem solchen Moment verspürte er starke, stichartige Schmerzen, die ihn zu einer Schonhaltung zwangen.

Ihn zu beobachten tat weh. Er hatte den schaukelnden Gang eines spastisch Gelähmten. Wir schleppten Thore erst zum Hausarzt, der uns zum Orthopäden schickte, der wiederum überwies uns an eine Radiologin zum Kernspin: negativ. Dann eine Untersuchung auf Borreliose: negativ. Ein Neurologe äußerte den Verdacht auf einen Gehirntumor. Ein MRT des Schädels brachte Entwarnung, bestätigte aber eine starke Vereiterung der Nasennebenhöhle. Das könne schon mal zu orthopädischen Behinderungen führen, hörten wir. Thore wurde von einem HNO-Arzt operiert. Seine Probleme mit dem Knie aber blieben.

 

Der Chefarzt der Orthopädie in einem nahen Krankenhaus diagnostizierte Osteochondrosis dissecans – die Erweichung eines Knorpels im Gelenk mit einer muldenförmigen Vertiefung in der Gelenkfläche. Teile des Knorpels seien bereits abgestorben, sagte der Arzt.

Thore musste drei Wochen Gips tragen, doch das Knie besserte sich nicht.

In der Ruhe von Juist wollte ich mich an Thores Befindlichkeiten herantasten, äußerst zaghaft. Ich durfte ihn nicht verschrecken. Das orthopädische Problem hatte ihn verändert, er hatte sich eingeigelt. Thore verkroch sich hinter Büchern, er wirkte depressiv, in sich gekehrt, wurde einsilbig. Er entzog sich dem Spiel, dem Sport, den Freunden und sogar uns. Sein Leben hinter Buchdeckeln hatte allerdings auch einen positiven Aspekt – in der Schule glänzte er mit Spitzennoten.

Auf der Fähre fiel mir auf, dass wir den Drachen im Zug vergessen hatten, einen teuren, kubusförmigen Lenkdrachen, |39|laut Hersteller sogar Windstärken fünf bis sechs trotzend. Weil im Gepäckfach über uns alles voll war, hatten wir ihn in die Ablage gegenüber gelegt und beim Aussteigen vergessen.

Thore suchte den Kapitän auf und erzählte ihm von seinem Missgeschick. Er habe sich doch so auf das Drachensteigen gefreut. Der Kapitän, ein freundlicher grauhaariger Mann mit goldener Kordel an der weißen Mütze und goldfarbenen Schulterklappen auf dem blauen Jackett, wollte sich beim Bahnpersonal erkundigen.

Jeden Mittag warteten wir auf das Einlaufen der Fähre. Der Kapitän bedauerte jedes Mal; es war nicht geheuchelt. Unsere gesamte Pension nahm Anteil. Ich wollte schon aufgeben, Thore aber bettelte um einen letzten Versuch. Es war der Tag vor unserer Abreise. Schon einige hundert Meter vor dem Einlaufen stand der Kapitän an der Reling, er hatte uns entdeckt und winkte mit dem Drachen. Eine Putzfrau hatte ihn im Zug gefunden und im Bahnhof Norddeich abgegeben.

In den Juister Tagen hatte ich mit Sorge beobachtet, dass Thore schüchtern geworden war. Er zeigte eine Scheu vor größeren Menschengruppen. Als ich ihm Geld für ein Eis geben wollte, lehnte er ab. Er traute sich nicht durch die Stuhlreihen im Café. In der Öffentlichkeit wich er nicht von meiner Seite.

Am zweiten Tag in den Dünen sprach ich über meinen Krebs. Ich erzählte von meinen inneren Turbulenzen nach der zweiten Operation, die Wirkung der Schilderung vorher sorgsam bedenkend. Er hörte zu, keine Spur von Erschrecken. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert; er sah mich an, kein Ausweichen im Blick. Schließlich sprach ich offen über meine geringen Überlebenschancen. Das wisse er doch alles, sagte er mir freimütig, keine Spur von Angst oder Verlegenheit.

Ein falscher Alarm – ich musste mir um die Psyche meines Sohnes keine Sorgen machen.

Was war dann die Ursache für seine Behinderung?

An unserem letzten Nachmittag auf Juist zogen wir an den Strand. Wir setzten den Drachen zusammen, ich nahm die |40|Rolle mit der Schnur in die Hand, Thore sollte einige Meter mit ihm laufen, bis er ausreichend Auftrieb hatte.

Thore lief zwei, drei Schritte, dann stürzte er in den Sand, rollte über die rechte Schulter ab. Als hätte ihn jemand brutal umgerannt. Ein zweiter Versuch, und wieder purzelte er nach wenigen Metern auf den Strand. Die Leute hielten es für eine Clownerie und lachten. Das beschämte ihn.

Wir tauschten die Rollen. Ich lief mit dem Drachen, Thore sollte ihn mit geschickter Leinenführung auf Höhe bringen. Wir hatten Windstärke vier bis fünf. Das erforderte Kräfte. Der Drachen stieg auf, der Wind zauste geräuschvoll die flattrige Bespannung, erfasste den eckigen Vogel mit wilden Stößen, scharfe Pfeiftöne erzeugend, ließ ihn zuerst nach oben schießen und jagte ihn dann wie ein Geschoss in den Sturzflug.

Diesen Kräften konnte Thore keinen Widerstand entgegensetzen, seine Beine verloren den Halt, der Drachen zog ihm die Arme lang, er musste loslassen, stürzte, das Gestänge des Drachens bohrte sich in den Sand. Ich war alarmiert, da musste etwas geschehen. Sofort nach der Rückkehr schleppte ich Thore zu einem Orthopäden.

Der Arzt bestätigte die Diagnose Osteochondrosis und eröffnete Thore eine traurige Perspektive. Wenn er nicht ab sofort sämtliche sportlichen Aktivitäten einstelle, werde er spätestens in einem Jahr im Rollstuhl sitzen. Das Knie müsse geschont werden, sonst könne sich der Knorpel nicht regenerieren.

Für Thore begann eine schlimme Zeit. Er weinte häufig, fühlte sich isoliert. An Spielen auf dem Schulhof oder in der Nachbarschaft durfte er nicht mehr teilnehmen, er wurde zum Eigenbrötler. Wir überlegten oft, was wir dagegen tun könnten. Nach einem halben Jahr überredeten wir ihn zu einem regelmäßigen Schwimmtraining. Das Knie wurde dabei nicht belastet, und er lebte wieder in der Gemeinschaft von Gleichaltrigen. Bald nahm er an Mannschaftswettkämpfen teil. Nach einem Jahr begann Thore mit seinem Training für Radball. Jahre später qualifizierte er sich für die deutschen Meisterschaften.

|41|BRCA1 und BRCA2

Donnerstag, 24. August 2000.

Ich reiste in die Uniklinik nach Norddeutschland: spannungsfrei, unbekümmert, arglos. Auf Begleitung hatte ich verzichtet, nichts Dramatisches lag an. Ich würde mir die Ergebnisse des Gutachtens abholen und vielleicht schon nach einer Stunde die Heimreise antreten. Von einem Gendefekt, hatte mir das Forschungsteam der Uniklinik erklärt, seien nur fünf Prozent der Krebspatientinnen betroffen. Warum sollte gerade ich zu der kleinen Gruppe gehören? Diese Überlegung hatte mich beruhigt.

Irritiert sah ich dann die Runde, die mich erwartete. Große Besetzung: die Chefin der Humangenetik, die Chefin der Gynäkologie, Frau Dr. Radies*, die Psychologin der Tumorsprechstunde, und Frau Dr. Wummig*, die Leiterin des Projekts. Die menschlichen Gene, erfuhr ich, seien hochkompliziert und vergleichbar einem Buch mit Millionen von Buchstaben, die alle in der richtigen Reihenfolge gesetzt sein müssten. Wie ein falscher Buchstabe sei der Gendefekt ein Fehler in dem hochkomplexen Erbgut. Verbunden damit bestehe ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken. Ganz selten seien zwei Gendefekte. Weltweit nur fünf Personen, so das Ergebnis der Studie, seien davon betroffen. Eine davon: ich.

Worte, Sätze, schicksalhafte Aussagen von brutaler Direktheit. Ich hörte sie nicht mit den Ohren, sie drangen gleich in meinen Körper ein, in meine Blutbahnen, wie injizierte narkotisierende Flüssigkeiten. Böen von Ängsten und Schwindel durchschauerten mich. Ich taumelte, fühlte mich plötzlich gewichtslos, des Gefühls für meinen Körper beraubt, sackte in eine neblige Tiefe, langsam, wie an einem Fallschirm. Ich sah alles breiig, ohne Konturen. Die Personen um mich herum verschwammen.

Da war er wieder und lauerte, mein ständiger Begleiter, der Tod. Ich hatte ihn ignoriert, er war lange Zeit nicht mehr vorhanden. Nun meldete er sich zurück. Auftrumpfend, unüberhörbar. Als wolle er mich für meine Untreue bestrafen. Er kam |42|mir näher als zuvor, er war jetzt auf Tuchfühlung, ich konnte ihn spüren.

Langsam tauchte ich aus meiner Agonie auf, Tränen flossen. Die Runde verließ den Raum, nur die Psychologin blieb. Ich beruhigte mich langsam, nach einer Stunde kamen die Ärztinnen wieder. Ich erfuhr von meinen beiden defekten Genen: BRCA1 und BRCA2. Banale Buchstaben für das hochexplosive Rumoren in mir.

Und ich erfuhr, dass meine Daten zweimal ausgewertet worden waren. Wegen des schwerwiegenden Befundes hätten sie ganz sicher sein wollen. Das sei der Grund für die zeitliche Verzögerung.

Die BRCA1-Mutation, erklärte mir Frau Dr. Wummig, sei das mütterliche Erbteil, das BRCA2 die Hinterlassenschaft meiner väterlichen Familie. Auch meine Kinder hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einen Gen-Defekt geerbt, sie sollten ab 18 Jahren regelmäßig zur Vorsorge gehen.

Das Ärztinnenteam erläuterte mir, was medizinisch nun zu tun sei. Prophylaktisch sollte ich mir die linke Brust entfernen lassen. Das Risiko sei groß, dass auch sie von Krebs befallen würde. Die rechte Brust, Herd des Krebsgeschehens, sollte ebenfalls amputiert werden. Danach müsste ich mich mit dem Gedanken an eine Totaloperation vertraut machen. Magen, Darm und Bauchspeicheldrüse sollten in kurzen Abständen kontrolliert werden.

 

Nur weg von hier, ich brauchte Ablenkung. Mein in einer Auster von Krebsgedanken verkapseltes Hirn suchte Bilder, Bilder zum Verdrängen; Bilder, die meine innere Leinwand für jede Art von Horrorgemälden blockierte.

Mit wackeligen Beinen, angstvoll und gedankenschwer, ging ich die Stufen zum Hafen hinunter.

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