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Es geschehen noch Küsse und Wunder

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Es geschehen noch Küsse und Wunder

Eigentlich ist Joaquin aus beruflichen Gründen drei Wochen vor der Hochzeit seines Bruders angereist. Und dann verliebt er sich ausgerechnet in die Nichte des Star-Chirurgen, den er sucht. Abby Hendrix nimmt ihn, wie er ist. Aber mag sie ihn noch, wenn sie hinter seine wahren Beweggründe kommt?

So zärtlich wie du

Stephanie hat ihr Leben im Griff. Sie kümmert sich um ihr Kind und um ihre Frühstückspension. Doch der Psychologe Nash Harmon bringt sie mit seinen Flirtversuchen ganz schön aus dem Konzept!

»Zum Dahinschmelzen.«
Freizeit Woche über »Vertrauen ist gut, küssen ist besser«

Zur Autorin

Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Susan Mallery unterhält ein Millionenpublikum mit ihren herzerwärmenden Frauenromanen, die in 28 Sprachen übersetzt sind. Sie ist dafür bekannt, dass sie ihre Figuren in emotional herausfordernde, lebensnahe Situationen geraten lässt und ihre Leser mit überraschenden Wendungen zum Lachen bringt. Mit ihrem Ehemann, zwei Katzen und einem kleinen Pudel lebt sie in Washington.

Lieferbare Titel

Fool’s Gold
Der Beste küsst zum Schluss
Zuckerkuss und Mistelzweig
Wer früher küsst, ist länger verliebt
Ein Cowboy küsst selten allein
Vertrauen ist gut, küssen ist besser

Happily Inc
Wer lieben kann, ist klar im Vorteil
Einmal für immer, bitte
Familie ist, wenn man trotzdem liebt
Die Liebe trägt Giraffenpulli
Planst du noch, oder liebst du schon?

1. Kapitel

»Da ist also dieser Typ.«

Abby Hendrix schaute nicht mal von der kleinen Deko-Perle in Form einer Blüte auf, die sie gerade vorsichtig auf eine gedruckte Platzkarte klebte. Die Gästeliste für die Hochzeit ihrer Schwester war mal wieder um ein paar Personen angewachsen. Mehr Gäste bedeutete höhere Kosten, doch genau diese wollte Melissa so gering wie möglich halten. Abby – stolze Besitzerin eines nagelneuen Abschlusses als Lehrerin – war den Sommer über nach Hause zurückgekehrt und hatte angeboten zu helfen. Und so hatte sie winzige Blumenperlen auf vierundvierzig Platzkarten geklebt und hoffte, bis zum Ende des Tages auch die restlichen dreihundertundfünf fertigzukriegen. Oder zumindest bis zum nächsten Tag.

»Da ist kein Typ«, sagte sie, bevor sie den Kleber trocken pustete. »Ich weiß, dass es keinen anderen Mann gibt, weil du deinen Verlobten niemals betrügen würdest.« Sie schaute auf und lächelte ihre Schwester an. »Du liebst Davis. Ich habe vollstes Vertrauen, dass ihr beide ein langes, glückliches Leben zusammen führen werdet.«

»Ich liebe Davis. Sehr sogar. Aber es gibt da wirklich jemanden. Joaquin.«

Der Name kam Abby bekannt vor. Sie legte die Pinzette weg und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Ja, den Namen hatte sie schon mal irgendwo gehört. Er war …

»Er ist Davis’ Bruder.« Melissa seufzte.

»Ach ja. Der mysteriöse, komische Bruder.«

»Er ist nicht komisch.«

Abby grinste. »Ach nein? Warum genau beschwerst du dich dann, dass er der Trauzeuge ist? Du hast gesagt – und korrigiere mich, wenn ich mich irre –, er hätte die Persönlichkeit eines Fensterrahmens, was eine beeindruckende Analogie ist, wenn du mich fragst.«

»Danke. Und komisch ist trotzdem das falsche Wort. Er ist …«

»Schwierig? Sozial ungelenk? Sehr, sehr groß? Allergisch gegen Meeresfrüchte?« Abby versuchte, sich daran zu erinnern, was sie über ihn gehört hatte. »Ah, warte. Er ist superklug. Beinahe schon Furcht einflößend klug, und er hält alle anderen für dumm.« Sie lachte triumphierend. »Er hasst es, dass wir nur Normalsterbliche sind. Das ist es, oder?«

Melissa, die Schöne der Familie, seufzte erneut. »Ganz so hätte ich es nicht ausgedrückt …«

»Was daran liegt, dass du Anwältin bist. Du hättest mindestens fünfzehnmal das Wort angeblich benutzen müssen.«

»Kann ich jetzt was sagen?«

Abby klimperte mit den Wimpern. »Ich weiß nicht. Kannst du?«

»Seit wann bist du so anstrengend?«

Die Frage prallte an Abby ab. »Ich bin die kleine Schwester, ich mache nur meine Arbeit. Immerhin bin ich bekannt dafür, hart zu arbeiten. Nicht so hart wie du, aber fast.«

Abby kannte ihren Platz im Universum, und das war ein ziemlich guter. Sie war die Adoptivtochter von Lizzy und Ethan, sie war Melissas leibliche Schwester und Tylers Cousine und außerdem baldige Grundschullehrerin an der Ronan Elementary School. Dass Melissa nervtötend hübsch und dazu noch ein wenig klüger war als sie, störte Abby nicht. Melissa hatte immer auf sie aufgepasst, selbst als sie endlich eine Familie gefunden hatten. Sie waren ein Team. Wenn ihre Schwester eine Lunge oder Niere benötigte, wäre Abby sofort zur Stelle. Wenn die fehlenden dreihundertundfünf Platzkarten mit kleinen Blütenperlen darauf Melissa glücklicher machten, würde sie das erledigen.

Jetzt bemühte sie sich, ihre übliche Respektlosigkeit zu zügeln und das Thema ernst anzugehen.

»Du wusstest, dass Joaquin zur Hochzeit kommen würde. Er ist der Trauzeuge. Was genau ist also das Problem? Gefällt ihm der Smoking nicht? Und ich kann nicht anders, als noch mal nach der Meeresfrüchteallergie zu fragen.«

»Würdest du bitte damit aufhören?«, fragte Melissa und unterdrückte ein Lachen. »Das ist ernst.«

Abby legte ihre Hände auf die Oberschenkel, beugte sich vor und nickte. »Ich höre zu.«

Theoretisch sahen Abby und ihre Schwester gleich aus. Sie waren ungefähr einsfünfundsechzig groß und trugen die gleiche Kleidergröße. Sie hatten beide rote Haare und grünliche Augen. Aber was auf dem Papier gleich klang, sah im echten Leben total unterschiedlich aus. Melissas dichte, kastanienfarbene Haare waren leicht gewellt, ihre Augen dunkelgrün, ihr Teint blass und strahlend. Sie hatte die richtigen Proportionen, war elegant, klug und immer perfekt angezogen.

Abby spielte, was ihr Äußeres anging, in einer komplett anderen Liga. Ihre Haare waren eher karottenrot als kastanienfarben, und egal wie sehr sie Lockenstab und Haarspraydose schwang und den Haargöttern kleine Tiere opferte – das auf ihrem Kopf konnte man nur als Schnittlauchlocken bezeichnen. Ihre Augen waren eher eine an Matsch erinnernde Mischung aus Grün und Braun, und obwohl sie die gleiche Kleidergröße hatte wie ihre Schwester, waren ihre Brüste klein, dafür würde ihr Po, dessen war sie sich sicher, irgendwann mal ziemliche Ausmaße annehmen.

Und doch hatte sie damit kein Problem. Klar, sie hätte gerne größere Brüste, aber außer einem chirurgischen Eingriff war ihr noch keine Möglichkeit eingefallen, das zu erreichen. Und eine OP kam nicht infrage. Also hatte sie eine entzückende Sammlung an Push-up-BHs, die wirklich ein ganz anderes Bild zauberten. Für besondere Gelegenheiten hatte sie sogar ein Paar dieser Geleinlagen, die die Illusion noch verstärkten. Das Gute an ihren kleinen Brüsten war, dass sie theoretisch ohne BH herumlaufen konnte, ohne dass es jemand …

»Abby!«, stieß Melissa verzweifelt aus.

»Was ist denn?«

»Du hast gesagt, dass du mir zuhörst. Ich rede seit fünf Minuten, und du hast kein einziges Wort mitbekommen.«

»Oh. Stimmt. Tut mir leid. Jetzt höre ich wirklich zu.«

Melissa wirkte nicht überzeugt.

»Ich schwöre.« Abby hob ihre linke Hand, wechselte dann schnell zur rechten. »Wirklich.«

»Joaquin kommt nach Fool’s Gold.«

»Ja, zur Hochzeit.« Setzte der Stress ihrer Schwester langsam zu? Darüber hatten sie bereits gesprochen.

»Nein. Morgen.«

»Was? Morgen? Die Hochzeit ist doch erst in drei Wochen. Der gute ›Ich bin klüger, als gut für mich ist‹-Joaquin wird drei Wochen in der Stadt bleiben? Das ist ja ein Albtraum. Was hast du mit ihm vor?«

Melissas Blick verschärfte sich. »Ja, das ist die Frage«, sagte sie. »Jemand wird sich um ihn kümmern müssen.«

»Aber wie …« Abby kämpfte den plötzlich in ihr aufsteigenden Drang nieder, aus dem Raum zu flüchten. »Nein. Auf keinen Fall. Ich kann mich nicht um ihn kümmern. Dazu bin ich nicht klug genug. Ich war eine solide Zweier-Schülerin. Ich kann gut mit Kindern umgehen. Wenn er acht oder sogar elf wäre, wäre ich deine Lösung. Aber was soll ich zu so einem scheinheiligen Doktortypen sagen? Ist er nicht schon mit fünf oder so aufs College gekommen? Nein, das geht auf keinen Fall. Was ist mit Mom?«

»Abby, bitte. Auf keinen Fall kann ich ihn Mom aufs Auge drücken. Und selbst wenn ich das wollte, hat sie mit der Hochzeit so viel zu tun, dass sie einfach keine Zeit hat. Ich muss zurück an die Arbeit. In San Francisco«, fügte sie an, als wüsste Abby nicht, wo sie wohnte und arbeitete. »Davis auch.«

»Er könnte euch dort besuchen.«

»Joaquin hat Davis ausdrücklich gesagt, dass er in Fool’s Gold bleiben will. Er hat sich in Ronan’s Lodge ein Zimmer gemietet. Ich bin mir sicher, dass er für sich bleiben wird. Du musst nur, na ja, vielleicht ab und zu mal nach ihm gucken.«

»Ihn überwachen«, übersetzte Abby die unterschwellige Botschaft düster. »Du willst, dass ich ein Auge auf ihn habe und ihn zum Dinner einlade und freundlich bin.«

»Freundlich zu sein ist dein natürlicher Zustand.«

»Ja, aber nicht bei einem Kerl wie ihm. Außerdem wurde er mir noch gar nicht vorgestellt.« Davis’ Eltern waren schon ein paarmal in Fool’s Gold gewesen. Letztes Jahr zu Weihnachten war der Kincaid-Hendrix-Clan für ein rauschendes Fest zusammengekommen. Alle waren da gewesen – abgesehen von dem geheimnisvollen, grummeligen Joaquin. Der hatte gearbeitet. Oder sich mit seiner möglichen Meeresfrüchteallergie herumgeschlagen.

Keine Vorurteile, ermahnte Abby sich. Nach allem, was sie gehört hatte, war Joaquin ein begnadeter Chirurg. Wenn er arbeitete, rettete er also tatsächlich Leben und so. Aber ihr Onkel Simon war auch ein begnadeter Chirurg und nicht grummelig. Er war süß und lustig, und er liebte seine Familie. Und als sie sich letzten Sommer versehentlich drei Finger an einem scharfen Messer geschnitten hatte, hatte er die Wunden versorgt. Heute sah man kaum noch eine Narbe.

»Ich weiß, das kommt unerwartet, aber Abby, ich brauche dich.«

»Sag das nicht.« Alles, nur das nicht. Wenn ihre Schwester sie brauchte, hatte Abby keine Wahl. Trotzdem könnte sie versuchen, noch aus der Nummer rauszukommen. »Du weißt, dass ich mit den Vorbereitungen für die Hochzeit viel zu tun habe. Ich muss diese Karten alle noch bekleben.«

»Ich helfe dir, dann haben wir die heute Abend fertig.«

»Okay, aber ich muss auch noch die Kerzen bemalen, und das wird eine Weile dauern.«

»Joaquin kann dir dabei helfen.«

»Das bezweifle ich. Und dann sind da noch andere Sachen …« Überraschungen für ihre Schwester, über die sie nicht reden wollte. »Melissa, ich habe wirklich keine Zeit, für Joaquin den Babysitter zu spielen. Bitte?«

Doch anstatt nachzugeben, sah Melissa sie nur kommentarlos an.

Mist! »Aber ich will nicht.«

Melissa seufzte.

»Na gut«, knurrte Abby. »Ich mach’s. Es wird mir nicht gefallen, aber ich mach’s. Du bist jetzt allerdings nicht mehr meine Lieblingsschwester.«

»Ich bin deine einzige Schwester, und du liebst mich beinahe so sehr, wie ich dich liebe.«

»Offensichtlich liebe ich dich mehr. Sieh nur, was ich für dich tue. Danach stehst du so was von in meiner Schuld. Ich darf den Namen deines Erstgeborenen auswählen.«

Melissa zog sie an sich und hielt sie fest. »Ich bin mir nicht sicher, was Davis davon hält, wenn ich dir das verspreche. Er könnte Einspruch erheben.«

»Dann sollte er seinen Bruder auf der Couch schlafen lassen.«

»Okay, ich sage ihm, welchen Preis du für deine Kooperation verlangst.«

Abby wandte sich wieder den Platzkarten zu. Winzige Dekoblüten darauf zu kleben machte auf einmal nicht mehr ganz so viel Spaß. Ab morgen wäre sie für jemanden verantwortlich, den sie noch nie getroffen hatte und vermutlich nicht mögen würde. Für ganze drei Wochen! Was um alles in der Welt sollte sie nur mit ihm unternehmen?

Eigentlich hatte sie vorgehabt, mit ihrem geheimen Geschenk für die Hochzeit anzufangen, sobald ihre Schwester nach San Francisco zurückgekehrt war. Das bedurfte viel Zeit und Organisation. Vermutlich konnte sie Joaquin bitten, ihr zu helfen. Und sie könnten in der Stadt herumlaufen. Was sonst noch? Sie könnte mit ihm zu ihrer Tante Montana und ihren Begleithunden fahren. Sie könnten auch zur Castle Ranch rausfahren und sich die Pferde anschauen. Oder die Ziegen. Obwohl das für einen begnadeten Chirurgen vermutlich zu gewöhnlich war. Vielleicht sollte sie mit ihrem Onkel Simon sprechen, um ein paar Ideen zu bekommen.

»Ich werde einen Stundenplan erstellen«, verkündete sie. »Mit Dingen, die wir bis zur Hochzeit unternehmen können.«

Melissa grinste. »Ich wette, das findet er super.«

»Besser wär’s. Er versaut mir meine Sommerferien.«

Joaquin Kincaid wusste, dass es keine Alternative gab. Er hatte getan, was von ihm verlangt wurde, und es hatte ihn genau keinen Schritt weitergebracht. Angesichts der Wahl, aufzugeben oder einen Schlussspurt hinzulegen, hatte er sich für Letzteres entschieden, denn Ersteres war keine Option. Er glaubte nicht ans Aufgeben – weder für sich noch für seine Patienten. Und so war er also hier und vergeudete drei Wochen seines Lebens in einer lächerlichen kleinen Stadt, und alles nur in der Hoffnung, dass er Simon Bradley treffen und ihn überzeugen könnte, ihn in sein Programm aufzunehmen.

Die Chancen dafür stehen nicht so schlecht, ermahnte er sich, als er in seinem Hotelzimmer auf und ab tigerte. Er würde es schaffen. Immerhin hatte er einen Fuß in der Tür. Er würde Zeit mit einer Einheimischen verbringen, die durch Hochzeit mit Simon verwandt war. Sicher konnte er diese … er zog einen Zettel aus der Hemdtasche und warf einen Blick auf den Namen … diese Abby Hendrix davon überzeugen, ihm ihren Onkel vorzustellen. So ein Treffen wäre nur logisch – sie waren beide Chirurgen und Traumaspezialisten. Simon war noch tiefer in das Thema eingestiegen und hatte sich auf Patienten mit schweren Verbrennungen spezialisiert. Dieser Fachbereich hatte Joaquin bisher nicht sonderlich interessiert, bis er eine Patientin wegen ihrer Verbrennungen verloren hatte. Ihr geschädigtes Herz und ihre gerissenen Arterien hatte er flicken können, aber am Ende war ihr Körper nicht mehr in der Lage gewesen, mit den Verbrennungen zu leben. Joaquin hatte ihr nicht helfen können, und das konnte er einfach nicht akzeptieren.

Das war vor einem Jahr gewesen, und immer noch erinnerte er sich an den Moment, in dem sie gestorben war. Er hatte dagestanden und nichts tun können. Zwei Tage später hatte er sich für das Programm von Dr. Bradley beworben. Einen Monat danach hatte er ein erstes Vorstellungsgespräch gehabt, nach dem man ihm erzählt hatte, dass er kein guter Kandidat wäre. Er!

Mit dreizehn hatte er sein Studium in Stanford mit summa cum laude abgeschlossen. Er hatte drei Mastertitel gemacht, um die Zeit abzubummeln, bis er mit siebzehn zum Medizinstudium zugelassen worden war. Er war brillant, verdammt noch mal! Wie war es möglich, dass er es in der ersten Runde nicht geschafft hatte? Er hatte noch nicht mal die Gelegenheit erhalten, Dr. Bradley kennenzulernen. Das war eine unmögliche Situation gewesen, und die akzeptierte er genauso wenig wie das Gefühl, hilflos zu sein.

Er trat ans Fenster und schaute auf Fool’s Gold hinaus. Es war ein warmer, sonniger Tag. Die Läden, die die breiten Straßen säumten, waren mit bunten Blumen geschmückt. Im Osten lagen Berge. Auf seinem Weg in die Stadt war er an einigen Weingütern vorbeigekommen. Fool’s Gold war die perfekte Kleinstadt. Joaquin mochte keine Kleinstädte. Auch wenn er nie zuvor in einer gewesen war, gefiel ihm diese nicht. Er mochte große Städte, in denen viel los war. Nicht, dass er außer zu arbeiten viel unternahm, aber er mochte es zu wissen, dass er jederzeit in ein Restaurant, einen Club oder ein Museum gehen könnte. Was machten die Leute hier?

Er erinnerte sich daran, dass er um seiner Karriere willen so tun musste, als wäre er von dem Ort begeistert. Seinem Bruder Davis schien es in Fool’s Gold wirklich zu gefallen. Er und Melissa würden hier heiraten, auch wenn das vermutlich eher damit zu tun hatte, dass Melissa in der Gegend aufgewachsen war. Zumindest glaubte Joaquin, dass es so war. Er hatte meist nur mit halbem Ohr hingehört, wenn sein Bruder ihm von seiner Verlobten erzählt hatte. In letzter Zeit hatten sie sowieso wenig miteinander gesprochen. Na gut, nicht nur in letzter Zeit. Es gab einfach nicht viel zu sagen. Sie hatten nichts gemeinsam – früher nicht und heute auch nicht.

Joaquin hatte Melissa nur ein- oder zweimal getroffen. Er fuhr nur selten an den Feiertagen oder für große Familienveranstaltungen nach Hause. Lieber arbeitete er. Er redete sich ein, dass er das tat, damit seine Kollegen bei ihren Familien sein konnten. Doch wenn er ehrlich war, wusste er, dass er nicht so altruistisch war. Der wahre Grund war, dass er nicht gerne mit Leuten zusammen war. Außerdem fand er ihre Unterhaltungen so unglaublich langweilig. Worüber sie sich Gedanken machten! In seiner Welt ging es täglich um Leben und Tod. Seine Patienten zu retten war wichtig. Alles andere interessierte ihn nicht.

Das ist mein Leben, sagte er sich. Er war zufrieden mit den Entscheidungen, die er getroffen hatte. Alles drehte sich um seine Arbeit. Sollten andere sich ruhig verlieben, Kinder kriegen, zelten gehen. Er brauchte keine von diesen gewöhnlichen Vergnügungen. Die waren nur Zeitverschwendung.

Was ihn wieder zu dem Grund seines Besuchs in dieser Stadt zurückbrachte. Er hatte sich drei Wochen Urlaub genommen und war entschlossen, Dr. Bradley kennenzulernen. Es musste ihm einfach gelingen, den Arzt dazu zu bringen, dass er in dieses Programm aufgenommen wurde. Davis’ Hochzeit hatte ihm eine unerwartete Gelegenheit verschafft, zusammen mit dem Angebot, dass Melissas Schwester ihm die Gegend zeigen würde. Er hatte vor, charmant zu sein – soweit es ihm angesichts seiner mangelnden Fähigkeiten in diesem Bereich möglich war – und freundlich. Während sie sich diese alberne kleine Stadt anschauten und taten, was auch immer die Leute hier taten, würde er sie irgendwie dazu bringen, ihm ihren Onkel vorzustellen. Er war zuversichtlich, dass er und Simon Bradley viel gemeinsam hatten. Sobald sie einander trafen, wäre das Problem bestimmt schnell behoben, und Joaquin konnte in sein Leben zurückkehren. Dessen war er sich sicher.

Nach einem kurzen Blick auf seine Uhr schaute er wieder aus dem Fenster. Langsam füllten sich die Bürgersteige mit kleinen Grüppchen aus Leuten, die er für Touristen hielt. Auf Bannern, die quer über die Straße gespannt waren, wurde das Hundstagefestival angekündigt. Er war nicht sicher, ob es dabei um echte Hunde ging oder nicht, aber es war ihm auch egal. Das war alles so ermüdend.

Erneut schaute er auf die Uhr. Es waren keine zwanzig Sekunden vergangen. Die nächsten drei Wochen würden lang werden, aber das war es wert. Der Zweck heiligt die Mittel, erinnerte er sich. So war es für ihn immer gewesen.

2. Kapitel

Abby rutschte auf dem Ledersessel im Büro ihres Onkels herum. Der Raum war nett – groß, luftig, mit vielen formell aussehenden Diplomen an den Wänden. Es gab ein großes Bücherregal voller dicker Medizinschinken, dazu verschiedene Arten von Auszeichnungen. Auf einem Regalbrett standen Fotos von seiner Frau – Abbys Tante Montana – und ihren Kindern Skye und Henry. Sie lächelte, als sie die vertrauten Gesichter sah. Wann immer sie nach Hause kam, war sie die Lieblingsbabysitterin. Abby liebte alle Kinder, aber diese beiden besonders.

Simon beendete sein Telefonat und legte den Hörer auf. »Tut mir leid«, sagte er lächelnd.

»Kein Problem. Ich bin dir sehr dankbar, dass du dir so kurzfristig Zeit für mich genommen hast.« Sie unterdrückte den Drang, zu stöhnen oder hin und her zu zappeln. »Ich habe ein Problem und benötige deine Hilfe.«

»Ich bin ganz Ohr.«

Simon Bradley war ein interessanter Mann. Nach allem, was Abby wusste, war er sehr kurzfristig nach Fool’s Gold gekommen, um im örtlichen Krankenhaus in der Abteilung für Brandopfer auszuhelfen. Dabei hatte er dann Montana kennengelernt, sich in sie verliebt, sie geheiratet und sich hier niedergelassen.

Er war ein großer, beeindruckender Mann mit stechenden grünen Augen. Aber was hauptsächlich die Aufmerksamkeit der Leute erregte, war sein Gesicht. Die eine Hälfte war perfekt, die andere fürchterlich von Brandnarben zerstört, die er sich als Kind zugezogen hatte.

»Du hast dich nie operieren lassen«, sagte Abby, bevor sie sich zurückhalten konnte. Sofort schlug sie sich die Hand vor den Mund. »Oh nein. Tut mir leid. Das war unhöflich. Ich hätte das nicht sagen sollen.«

Simon lächelte. »Du meinst, um die Narben weniger offensichtlich zu machen? Da hast du recht, das habe ich nie gemacht.«

»Aber man könnte etwas tun.«

»Ja. Für viele Jahre haben die Narben mich daran erinnert, was wichtig ist.«

»Du meinst, dich auf deine Arbeit zu konzentrieren?«

Er nickte. »Nach einer Weile habe ich gemerkt, dass sie auf meine Patienten tröstlich wirken. Ich habe durchgemacht, was sie durchmachen. Durch meine Narben fällt es ihnen leichter, mir zu vertrauen. Und ehrlich gesagt bemerke ich die Naben inzwischen gar nicht mehr. Stören sie dich?«

Er stellte die Frage sanft, als wolle er Abby nicht in Verlegenheit bringen. »Simon, du weißt, dass sie mich nicht stören. Ich nehme sie auch kaum noch wahr. Ab und zu sehe ich sie, aber das ist keine große Sache.«

»Das freut mich. Also, wie kann ich dir helfen?«

»Ach ja. Stimmt.« Beinahe hätte sie den Grund für ihren Besuch vergessen. »Da ist dieser Typ.«

Er zog eine Augenbraue in die Höhe. »Du hast jemanden kennengelernt?«

»Was? Nein. Ich meine, wäre schön, aber nein. Darum geht es nicht.« Nach allem, was sie gehört hatte, war Joaquin der wahre Albtraum. »Also, Melissa und Davis heiraten ja bald, und Davis hat einen Bruder, den wir nie kennengelernt haben, weil … Ich weiß nicht, warum. Ich schätze, er ist zu wichtig oder so. Aber jetzt kommt er nach Fool’s Gold. Genauer gesagt, er ist schon da, und ich soll ihn in wenigen Minuten abholen. Aber ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll. Er wird drei Wochen bleiben! Ist das zu fassen? Die gesamten drei Wochen vor der Hochzeit bin ich für ihn verantwortlich. Aber ich habe auch Sachen zu tun und ein paar Überraschungen für meine Schwester vorzubereiten. Nur meinte Melissa, dass sie meine Hilfe brauchen würde, und da bin ich nun.«

Simon runzelte die Stirn. »Und wie passe ich da rein?«

»Oh. Tut mir leid. Er ist ein begnadeter Chirurg.« Sie malte Gänsefüßchen in die Luft und verdrehte die Augen. »Ich bezweifle zwar, dass er so toll ist, aber falls ja, werde ich mich nicht mit ihm unterhalten können. Er ist irgendwie superklug und ist noch früher als du aufs College gegangen. Hast du irgendeine Idee, worüber ich mit ihm reden oder was ich mit ihm unternehmen kann?«

»Wie alt ist er?«

»Äh, ich bin mir nicht sicher. Irgendwas zwischen achtundzwanzig und dreißig.«

Simon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Jetzt mache ich mir langsam Sorgen um dich, Abby. Du sagst mir, dass ein alleinstehender, vom Alter her passender Mann, der zufällig auch noch Arzt ist, ein wenig Aufmerksamkeit von dir benötigt – und du bist nicht sicher, was du mit ihm unternehmen sollst?«

»Das ist nichts Romantisches«, grummelte sie. »Er klingt schrecklich.«

»Er klingt zauberhaft.«

»Du hast ihn doch noch gar nicht kennengelernt. Er könnte ein Riesenidiot sein.«

»Oder er könnte einfach nur ein Mann sein, der ein paar Tage in Fool’s Gold verbringen will.«

»Wirklich?«

»Das wirst du erst wissen, wenn du ihn getroffen hast. Und was mögliche Gesprächsthemen angeht … Du bist eine intelligente Frau. Das findest du schon heraus. Sei einfach du selbst. Dann kann er nicht anders, als deinem Charme zu verfallen.«

Schön wär’s, dachte sie düster. »Du bist nicht sonderlich hilfreich.«

»Tut mir leid. Ich sag dir was: Montana und ich laden euch beide an einem Abend zum Essen ein. Damit sind schon mal ein paar Stunden verplant.«

Sie lächelte. »Danke. Das wäre toll.« Sie genoss es immer, Zeit mit ihrer Tante und ihrem Onkel zu verbringen. Und wenn Joaquin zu snobistisch war, um den Abend zu genießen, war er eben ein alter Blödmann.

»Und sonst hast du keinen weisen Ratschlag mehr?«, fragte sie sehnsüchtig.

»Nein, tut mir leid. Hör mal, wenn er so klug ist, wie du sagst, und aufs College gegangen ist, als er noch ein Kind war, dann hatte er nie ein normales Leben. Zeig ihm, wie das ist. Unternimm normale, lustige Sachen mit ihm. Zeige ihm deine Welt. Du wirst das gut machen. Und wenn das nicht funktioniert, lass dein Lächeln aufblitzen, und sofort wird er anfangen zu stottern.«

»Das ist eher unwahrscheinlich. Muss ich dich daran erinnern, dass Melissa die hübsche Schwester ist?«

»Nein, ist sie nicht. Ich bin Arzt, deshalb zählt meine Meinung mehr als die anderer Leute.«

Lachend stand sie auf. »Du bist so gut zu mir.«

Simon erhob sich ebenfalls und streckte die Arme aus. Abby ging um den Schreibtisch herum und umarmte ihn. Er gab ihr einen Kuss auf den Scheitel.

»Ich hab dich lieb, Kleine«, sagte er.

»Ich dich auch. Und jetzt werde ich meine Lenden gürten und mich Joaquin stellen.« Sie hielt kurz inne. »Warum gürten Menschen ihre Lenden?«

»Um sie in der Schlacht zu schützen.« Er zwinkerte ihr zu. »Das ist so ein Männerding.«

»Wie beinahe alles. Ich melde mich später wegen des Dinners.« Ihre Laune verbesserte sich schlagartig. »Außer, er langweilt sich ganz schnell und fährt in sein Krankenhaus zurück.«

»So viel Glück hast du nicht.«

»Wem sagst du das.«

Abby stand vor Ronan’s Lodge. Das Hotel war wunderschön, um 1800 herum erbaut und hatte … sehr viel geschnitztes Holz. Meine Güte! Sie wohnte schon ihr ganzes Leben in Fool’s Gold. Sie hätte wirklich langsam etwas über die Geschichte des großen Hotels mitten im Stadtzentrum lernen sollen.

Natürlich kannte sie die grundlegenden Fakten, aber die Einzelheiten – zum Beispiel, wer es gebaut hatte und warum – waren ihr bisher nie wichtig erschienen. Sie sollte sich ein Buch ausleihen und ihre Kenntnisse über die örtliche Geschichte aufpolieren. Sie könnte auch einen Rundgang durch die Stadt mit vielen lustigen Fakten ausarbeiten und das dann ihren Schülern über den Winter oder für die Frühjahrsferien geben. Das wäre für die Kinder und ihre Familien sicher interessant. Außerdem würde sie damit sicherstellen, dass alle mal an die frische Luft kamen und sich körperlich betätigten. Manchmal war es für die Kinder zu leicht, drinnen vor ihrem Computer oder Tablet sitzen zu bleiben.

Sie machte sich eine entsprechende Notiz auf ihrem Handy und schaute dann wieder zum Hotel. Aus dieser Nummer kommst du nicht mehr raus, sagte sie sich. Je eher sie anfing, desto eher wäre es vorbei. Nicht, dass sie die Vorstellung gut fand, drei Wochen ihres Lebens blitzschnell an sich vorbeiziehen zu sehen, vor allem nicht, wenn es sich um die drei Wochen handelte, auf die sie sich schon so lange gefreut hatte. In der Woche, in der die Hochzeit stattfand, würde Melissa bis Donnerstag arbeiten müssen. Daher hatte Abby angeboten, dass sie sich um alles kümmern würde, was anfiel. Ihre Mom würde ebenfalls helfen, was die ganze Sache noch spaßiger machte. Außerdem gab es noch ein paar spezielle Projekte, die Abby für die Hochzeit fertigstellen wollte. Doch anstatt sich darauf zu freuen, musste sie sich nun Sorgen um Joaquin machen – Kindergenie und Superdoktor.

Es wäre leichter, wenn er kein Mann wäre, dachte sie und zwang sich, die paar Stufen hinaufzugehen, die zum Hoteleingang führten. Also nicht, weil sie Männer nicht mochte – im Gegenteil. Eines Tages wollte sie auch heiraten. Es war nur so, dass sie manchmal Schwierigkeiten hatte, ihre Enttäuschung zu überwinden. Sie hatte viele Freunde gehabt, und mit vielen hatte sie auch viel Spaß gehabt. Dennoch war sie nie verliebt gewesen, hatte nie auch nur ansatzweise das gespürt, worüber die Leute in Liedern oder Filmen sprachen – oder in ihrer Familie. Sie hatte nie jemanden verzweifelt gewollt, hatte nie bei dem Gedanken daran, jemanden zu treffen, gebebt. Sie hatte nie schlaflose Nächte oder appetitlose Tage verbracht oder war völlig aus dem Konzept geraten.

Sie hielt inne. Okay, jetzt gerade war sie aus dem Konzept geraten und hatte den roten Faden verloren. Aber das passierte ständig. Sie war zweiundzwanzig – sollte sie da inzwischen nicht wenigstens mal mit der Liebe geflirtet haben? Doch das hatte sie nicht, und nun würde sie drei Wochen mit jemandem verbringen, den sie nicht kennenlernen wollte, und das würde bestimmt ganz schrecklich werden.

Mit einem schweren Seufzer betrat sie das Hotel und fuhr mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock hinauf. Dort straffte sie die Schultern und sagte sich, dass sie bis zum Tag der Trauung so viel gutes Karma angehäuft haben würde, dass sie sich für die nächsten zehn Jahre keine Gedanken mehr machen musste. Dann klopfte sie an die Tür.

Sekunden später wurde diese geöffnet, und Abby starrte einen groß gewachsenen Mann an. Okay, nicht übernatürlich groß, aber knapp eins neunzig, mit dunkelblauen Augen, die irgendwie faszinierend waren. Dazu blonde Haare und hohe Wangenknochen, und warum hatte Melissa nicht gesagt, dass Joaquin umwerfend war, denn das wäre eine wichtige Vorabinformation gewesen, damit Abby sprechen und atmen hätte üben können.

»Abby?«

Während er das fragte, lächelte er. Oh. Mein. Gott. Dieses Lächeln!

»Aha.« Sie gab sich mental eine Ohrfeige. »Ich meine, hi. Ja, ich bin Abby. Du musst Joaquin sein.«

Er streckte ihr seine Hand hin. Abby war sich ziemlich sicher, dass sie die Hand ergriff und schüttelte. Genau konnte sie es aber nicht sagen, weil sie der Gedanke, wie attraktiv er war, voll und ganz mit Beschlag belegte.

»Komm rein.«

Er trat beiseite, um sie eintreten zu lassen. Es gelang ihr, die notwendigen Schritte zu tun, ohne hinzufallen oder so. Vage nahm sie einen großen Raum mit Blick auf die Stadt wahr, bevor sie sich zu Heilige-Scheiße-was-für-ein-Mann-Joaquin umdrehte.

»Du siehst deinem Bruder überhaupt nicht ähnlich«, platzte es aus ihr heraus, bevor sie sich zurückhalten konnte. Davis war süß, aber eher knapp eins achtzig groß und wesentlich muskulöser. Er hatte dunkle Haare und Augen und konnte vermutlich mit einem Hochhaus Bizepscurls machen. Kurz, er hatte nichts mit dem schlanken, traumhaften Joaquin gemeinsam. Was sie wieder zur Frage des Tages führte: Warum hatte keiner sie vorgewarnt?

Später würde sie sich ihre Schwester ordentlich zur Brust nehmen und ihr sagen, dass sie so etwas nie wieder tun durfte. Aber bis dahin würde sie es irgendwie schaffen müssen, sich zusammenzureißen.

»Also …«, sagte sie und wünschte, sie wäre mit natürlichem Charme und Witz geboren worden. Doch so war sie einfach nur ihr normales, leicht schräges Selbst. »Du bleibst bis zur Hochzeit in Fool’s Gold.«

»An der Hochzeit nehme ich sogar noch teil.«

Äh, logisch. Er würde bestimmt nicht vor dem großen Tag abreisen. Und auch logisch, dass brillante Chirurgen eine sehr präzise Sprache benutzten.

»Das ist ganz schön lang«, murmelte sie und dachte, dass es ihr nun, nachdem sie ihn gesehen hatte, nicht mehr ganz so lang vorkam. Moment mal … Machte sie das oberflächlich? Vermutlich ja. Sie hatte die ganze Zeit gejammert und geschmollt, weil sie sich um Joaquin kümmern musste. Und nun, wo sie gesehen hatte, wie heiß er war, war alles nur noch halb so schlimm? Oh Gott, sie war ein schrecklicher Mensch. Tja, dumm gelaufen, und gerade hatte sie noch gedacht, sie hätte ihr Karma im Griff.

»Ganz schön lang? Ja, das stimmt wohl, aber ich, äh, wollte mal ein paar Wochen freimachen. Ich habe in letzter Zeit viel gearbeitet. Und auch wenn ich das gerne tue, ist es für alle besser, wenn ich ausgeruht bin.«

Während er sprach, wandte er leicht den Blick ab. Kurz hatte Abby das Gefühl, dass er ihr nicht die Wahrheit sagte. Was garantiert totaler Unsinn war. Ohne Zweifel war er nur bescheiden, weil gottgleiche Kreaturen das nun mal waren.

»Ich freue mich auch schon sehr auf die Hochzeit«, fügte er an.

»Wirklich?«, fragte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte. Sie unterdrückte ein Stöhnen. »Ich meine, du bist nicht oft hier gewesen«, fügte sie rasch hinzu. »Also dachte ich, dass du das Ganze vielleicht nicht gutheißt oder so.« Schon während sie sprach, merkte sie, wie lächerlich sie klang. »Also nicht dass du Melissa nicht gutheißt. Wie könntest du auch? Sie ist super. Oder nicht? Sie ist so klug. Wesentlich klüger als ich. Sie ist Anwältin. Internationales Recht. Und Davis macht was mit Finanzen. Aber das weißt du ja schon.« Ihre Stimme verebbte. Warum musste sie nur klingen wie eine Idiotin?

Er lächelte schief. »Ja, über Davis’ Karriere in der Finanzwelt weiß ich Bescheid.«

»Du kennst vermutlich auch die Einzelheiten.«

»Richtig.«

»Und verstehst sie.«

»Ja.«

Seufzend entschied sie, das Thema fallen zu lassen. »Du warst Weihnachten nicht dabei. Musstest du arbeiten?«

»Ja.«

»Leben retten und so?«

»Zum Großteil.«

Sie schaute in seine dunkelblauen Augen und hätte schwören können, dass sie Vögel zwitschern hörte. »Damit andere Menschen bei ihren Familien sein können?«

»Es ist für mich leichter als für andere, diese Schichten zu übernehmen.«

Natürlich war es das. Abby verbrachte die Feiertage damit, Kekse zu backen, Geschenke einzupacken und mit ihren Freundinnen abzuhängen.

»Vielleicht sollte ich auch irgendwo ehrenamtlich helfen«, murmelte sie.

»Wie bitte?«

»Nichts. Tja, nun bist du also hier, und es ist nett, dich kennenzulernen. Hast du Pläne für deine Zeit hier in der Stadt?«

»Eigentlich nicht. Ich hatte gehofft, ich könnte einfach mitmachen, bei was auch immer du so vorhast. Also, wenn das nicht zu viel Mühe macht.«

Das klang zwar köstlich, aber sie musste auch ehrlich sein. »Du bist mehr als willkommen mitzumachen, aber ich habe noch eine ganze Menge Dinge für die Hochzeit zu erledigen. Da ist vor allem dieses besondere Projekt, von dem meine Schwester noch nichts weiß, das sie aber lieben wird, und dafür sind noch viele Einzelheiten zu klären.«

»Klingt lustig.«

»Bist du sicher? Denn das ist hauptsächlich Familienkram. Oh, wow, du musst die Familie ja noch kennenlernen. Wappne dich, der Hendrix-Clan ist riesig. Wenn man uns einlädt, kann man die Idee von einer kleinen Hochzeit vergessen. Allein die unmittelbare Familie umfasst schon mindestens vierzig Leute. Dazu Freunde von der Arbeit, vom College, aus Fool’s Gold und von außerhalb. Es werden über dreihundert Gäste sein.«

Joaquin zog eine Augenbraue in die Höhe. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Davis so viele Leute kennt. Also nicht gut genug, um sie auf seine Hochzeit einzuladen.«

»Ja, viele kommen von Melissas Seite. Das ist nicht schwer. Ehrlich. Mein Dad hat fünf Geschwister, die alle Ehefrauen und Kinder haben. Und so geht es immer weiter. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich kein Fan von großen Hochzeiten bin. Ich mag es lieber klein und intim. Aber bei meiner Familie ist das leider unmöglich.«

»Was hält dein Verlobter von deinen Hochzeitsplänen?«

Verlobter? Sie lachte. »In meinem Leben gibt es keinen Mann. Ich meinte eben eher ›eines Tages‹. Ich habe keinen Freund.«

Sie presste die Lippen zusammen und ermahnte sich, nicht weiter über ihren Singlestatus zu reden. Verzweiflung stand niemandem gut. Nicht, dass sie verzweifelt war. Das war sie nicht. Ehrlich, es gefiel ihr, Single zu sein. Diese ganze Beziehungsnummer war vollkommen überbewertet. Jedenfalls war sie das bis vor einer Viertelstunde gewesen.

»Was ist mit dir?«, fragte sie. »Kommst du in Begleitung auf die Hochzeit?«

»Nein. Ich komme allein.«

Yay! Sie konnte sich gerade noch davon abhalten, auf der Stelle zu tanzen.

»Nur um sicherzugehen: Du hast wirklich nichts dagegen, bei den Hochzeitsvorbereitungen mitzumachen?«

»Nein, habe ich wirklich nicht«, entgegnete er.

»Wir werden Kerzen bemalen, Besorgungen machen, Einzelheiten checken. Dazwischen kann ich dir die Stadt und so zeigen …« Oh Gott, das klang alles so langweilig.

Doch anstatt sich zu beschweren, lächelte Joaquin. »Ich habe keine Ahnung, wie man Kerzen bemalt, aber ich lerne gerne Neues und werde mit Gusto den Pinsel schwingen – oder was auch immer man tun muss.«

»Du bist so viel netter, als ich erwartet hatte.« Die Worte waren raus, bevor Abby über sie hatte nachdenken können. Sie zuckte zusammen.« Also, ich meine, natürlich habe ich nicht gedacht, dass du nicht nett bist, aber ich hatte befürchtet, dass du … steifer bist. Na ja, weil du doch Arzt bist und so.« Sie seufzte. »Ich höre jetzt auf zu reden.«

Wieder glitt Joaquins Blick zur Seite. »Ich habe meine Momente, Abby. Ich kann genauso schwierig und irreführend sein wie jeder andere. Aber für dich werde ich mein Bestes geben, um charmant zu sein.«

Irreführend? Das war ein interessantes Wort.

»Ich bin mir nicht sicher, ob du versuchen musst, charmant zu sein«, murmelte sie. »Okay, wenn du so weit bist, lass mich dir die Stadt vorstellen.«

3. Kapitel

Aus der Nähe war die Stadt genauso seltsam wie aus dem Fenster von Joaquins Hotelzimmer aus. Die Hauptstraße wurde von unzähligen kleinen Läden gesäumt. Blumenampeln hingen an Straßenlaternen, und vor einigen Boutiquen standen kleine Wasserschüsseln für Hunde. Es gab Banner und Poster, und jeder grüßte jeden. Um ehrlich zu sein, war so viel Freundlichkeit seine persönliche Vorstellung der Hölle, aber fürs übergeordnete Wohl würde er es ertragen.

Abby Hendrix war ganz anders als gedacht. Sie war fröhlich und lebendig und strahlte ausreichend Energie aus, um ein ganzes Stadtviertel zu erhellen. Außerdem war sie unerwartet hübsch, auf eine unkonventionelle Weise. Mit Sommersprossen auf blasser Haut und großen grünen Augen. Ihr Haar trug sie in einem kurzen, stacheligen Schnitt, der ihr gut stand. Sie hatte volle Lippen, doch was ihn am meisten überraschte, war, dass er es überhaupt bemerkt hatte. Was Frauen anging, achtete er normalerweise nicht auf die Details.

Aber sie hat was, dachte er. Diese Energie. Er war ein Anhänger der Theorie, dass Menschen eine Lebenskraft besaßen, die bestimmte, wer sie waren. Eine starke Lebenskraft konnte bei einer schwierigen Operation den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen. Patienten, die etwas hatten, wofür es sich zu leben lohnte, hatten bessere Chancen, eine ungünstige Prognose zu schlagen. Abby war so voller Elan, und ihre fröhliche, positive Ausstrahlung zog ihn nicht nur an, sondern sorgte seltsamerweise auch dafür, dass er sich langsam entspannte.

»Während der Maya-Zeit hat sich eine Gruppe Frauen aufgemacht und ist in den Norden gezogen. Sie haben sich die Máa-zib genannt, was man grob mit ›wenig Menschen‹ übersetzen kann.« Sie sah ihn an. »Sie haben sich hier niedergelassen und Männer nur in ihren Kreis aufgenommen, um die Frauen, äh  … zu schwängern. Dann mussten sie wieder gehen.«

»Frauen benutzen Männer schon seit Generationen für Sex«, sagte er seufzend. »Wir ertragen das, so gut wir können.«

»Ach, bitte. Wie auch immer, das ging ein paar Hundert Jahre so, aber irgendwann durften die Männer dann bleiben.«

»Wir Glücklichen.«

»Jeder hätte sich glücklich schätzen können, bei den Máa-zib zu leben. Na ja, dann ist irgendetwas passiert. Niemand weiß, ob sie woanders hingezogen oder ausgestorben sind oder ob sie immer mehr Menschen aufgenommen haben. Auf jeden Fall ist der Stamm verschwunden. Zu Zeiten des Goldrauschs war diese Gegend unbesiedelt. Fool’s Gold ist als Stadt um die Goldminen herum entstanden und besteht seitdem.«

Sie hielt inne und schaute zum Hotel zurück. »Ronan’s Lodge war ursprünglich ein Wohnhaus, das ein Mann für seine eine wahre Liebe gebaut hat. Damals hieß es Ronan’s Folly, weil die Leute es für eine Torheit hielten.« Sie gingen weiter. »Außerhalb der Stadt gibt es eine verlassene Goldmine. Geh da nicht hin. Das ist wirklich gefährlich. Ansonsten sind wir sehr gastfreundlich. Wir haben Berge und Weingüter und viele interessante Firmen.«

Es ist so leicht, mit ihr zusammen zu sein, dachte er, während sie weiter über die Stadt plauderte. Normalerweise hatte er Schwierigkeiten, sich mit Leuten zu unterhalten, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Bei der Arbeit war das kein Problem, aber ansonsten verursachte der soziale Umgang mit anderen Menschen ihm Unbehagen. Doch bei Abby schien er immer zu wissen, was er als Nächstes sagen sollte. Wie unerwartet. Vielleicht lag es gar nicht an ihm, sondern an diesem seltsamen Ort. Oder daran, dass ihn seine Mission mit Hoffnung erfüllte. Wie auch immer, er war dankbar, dass er sich nicht unbehaglich und wie ein Stummfisch fühlte.

»Viele Firmen im Ort gehören Frauen oder werden von ihnen geleitet«, fuhr Abby fort. »Das ist irgendwie cool. Es gibt eine PR-Agentur namens Score, die vier Besitzer hat. Drei von ihnen sind ehemalige Footballspieler, aber das wirkliche Sagen hat Taryn Whittaker. Die Jungs könnten sie mit zwei Fingern zerbrechen wie einen Zweig, und doch hält sie die drei auf Spur. Aber wir gehen jetzt da hin.«

Sie zeigte quer über die Straße auf eine Feuerwache an der Ecke.

Er folgte ihr an den großen, glänzenden Feuerwehrwagen vorbei, die parat standen, um jeden Moment auszurücken. Abby begrüßte alle Feuerwehrleute und ging direkt durch nach hinten in ein kleines Büro.

Joaquin nickte den Leuten zu und war dankbar, dass Abby ihm nicht jeden vorstellte. Er würde diese Menschen vermutlich nie wiedersehen –, wozu sich also Mühe geben? Außerdem war Small Talk so anstrengend. Er würde nur wieder das Falsche sagen oder fragen. Menschen waren so sensibel, was diese Dinge anging, und das Ende vom Lied war jedes Mal, dass er sich zurückzog, um niemanden zu belästigen.

Die Frau hinter dem Schreibtisch im Büro war groß und breitschultrig. Sie vermittelte den Eindruck, dass sie wusste, was sie tat. Joaquin spürte, wie er sich entspannte.

»Hey, Charlie.«

Charlie lächelte. »Ich hatte schon auf deinen Besuch gewartet. Ich bin froh, das loszuwerden. Es fühlte sich an wie Hausaufgaben.«

»Das war es ja auch.« Abby grinste. »Ich war bereit, ein ernstes Wort mit dir zu reden, wenn du noch nicht fertig bist.« Sie deutete auf Joaquin. »Charlie, das ist Joaquin Kincaid, Davis’ Bruder.«

Charlie stand auf und schüttelte ihm die Hand. »Der geheimnisvolle Bruder, den niemand jemals gesehen hat. Schön, dich kennenzulernen.«

Er nickte, ohne etwas zu erwidern. Er war vieles, aber geheimnisvoll gehörte nicht dazu.

»Joaquin ist vor der Hochzeit ein paar Wochen in der Stadt. Ich zwinge ihn dazu, mir mit allen möglichen Erledigungen in letzter Minute zu helfen.«

Charlie sah sie an. »Du weißt, wenn du Hilfe brauchst, musst du nur fragen. Wir können innerhalb weniger Stunden einen Arbeitstrupp zusammenstellen.«

»Danke, aber ich habe alles im Griff.« Sie ließ ein Lächeln aufblitzen. »Oder – besser gesagt – Melissa und meine Mom. Ich helfe nur aus.« Sie streckte ihre Hand aus.

Charlie holte eine große Karteikarte aus der Schreibtischschublade. »Bitte sehr.«

Abby nahm sie und überflog die Vorderseite. Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. »Bist du sicher, dass du das auf der Hochzeit sagen willst?«

»Ach, bitte. Glaubst du nicht, dass fast alle Gäste schon mal Sex hatten?«

Abby grinste. »Ja, der Prozentsatz ist vermutlich hoch.« Sie wedelte mit der Karte. »Danke.«

Dann umarmten sie einander kurz.

»Schön, dich kennengelernt zu haben«, sagte Charlie zu Joaquin.

Er nickte und folgte Abby durch das Gebäude auf die Straße.

»Vermutlich fragst du dich, was das alles sollte«, sagte sie. »Ich habe verschiedene Pärchen aus der Stadt, die Melissa kennen, gebeten, einen Ratschlag für eine gute Ehe aufzuschreiben. Diese Sätze drucke ich dann auf große Karten. Während der Feier wird jeder seine Karte vorlesen. Ich glaube, das wird eine lustige Überraschung.«

»Sehr kreativ«, sagte er. »Was hat Charlie geschrieben?«

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