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Es geschah in der Hochzeitsnacht

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PROLOG

Archer Braddock hatte in seinem Leben viele Hochzeiten erlebt, aber an keiner hatte er so viel Gefallen gefunden wie an dieser. Sein Enkelsohn, der allgemein als Prince Charming galt, war doch noch seinem Dornröschen begegnet. Heute, genauer gesagt in diesem Augenblick, gaben sich die beiden in der First Methodist Church von Sea Change, Rhode Island, das Jawort. Archer hatte schon befürchtet, er würde es nicht mehr erleben.

„Willst du, Bryce Archer Braddock, die hier anwesende Lara Danielle Richmond zur Frau nehmen, sie lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“

„Ja, ich will“, sagte Bryce laut und deutlich.

Archer erschien es, als wäre es gestern gewesen, dass er in dieser Kirche vor Familie und Freunden seiner Janey Liebe und Treue geschworen hatte. Seit jenem Tag waren nun vierundfünfzig Jahre vergangen. Schöne Jahre, die wie ein Wimpernschlag verflogen waren. Heute saß er als Witwer in dieser Kirche und stützte sich auf seinen Gehstock aus Kirschbaumholz, den seine geliebte Frau ihm geschenkt hatte.

James, sein einziger Sohn, saß reglos wie eine Statue neben ihm. Vielleicht dachte auch er über das Ehegelöbnis und über die Erfahrungen nach, die er selbst damit gemacht hatte. Im Gegensatz zu Archer hatte James seinen Schwur gleich mehrmals gebrochen und war der großen Liebe bis heute noch nicht begegnet. Ein beunruhigender Gedanke für Archer, besonders nachdem James’ Söhne Adam und Bryce nun ihre Partnerin fürs Leben gefunden hatten.

Adam und Katie, die Trauzeugen, standen rechts und links neben dem Brautpaar. Ihre Augen leuchteten glücklich. Sie waren nun seit drei Monaten verheiratet. Bisher war es zwar noch nicht offiziell, aber Archer deutete ihr aufgeregtes Flüstern und die glücklichen Blicke, die sie tauschten, als Zeichen dafür, dass er noch vor dem nächsten Sommer einen Urenkel bekommen würde.

Natürlich hatte Laras vierjähriger Neffe Calvin ihn längst zum Urgroßvater gemacht. Dieser Familienzuwachs erfreute Archer über alle Maßen. Das Lachen und die Fröhlichkeit des kleinen Jungen erfüllten seinen Lebensabend mit unerwarteter Freude. In einigen Monaten würden Lara und Bryce den Jungen adoptiert haben, sodass er dann offiziell Mitglied der Familie war.

In diesem Augenblick gaben sich Bryce und Lara ihren ersten Kuss als Mann und Frau. Wenn nur Janey dies noch hätte erleben können! Archer war mehr denn je davon überzeugt, dass manche Dinge im Leben vorbestimmt waren.

Er und Janey waren ein Paar gewesen, das zusammengehörte.

So wie Adam und Katie. Wie Bryce und Lara.

Und wie Peter und die bisher noch unbekannte junge Dame, die irgendwo auf ihren Ritter wartete.

Archer fürchtete, dass die letzte Braddock-Hochzeit, die noch ausstand, die schwierigste werden könnte. Peter war erst spät in den Familienkreis gekommen und hatte zweifellos sein Päckchen an Problemen mitgebracht. Obwohl sich die ganze Familie bemühte, ihm ein Gefühl von Zugehörigkeit zu geben, hatte Peter sich dennoch immer ein wenig als Außenseiter gefühlt, als würde er nicht recht in die Braddock-Familie passen. Noch heute, mit siebenundzwanzig Jahren, benahm er sich manchmal, als müsste er beweisen, dass er würdig war, den Namen Braddock zu tragen.

Nun hoffte Archer, dass Ilsa Fairchild ein weiteres Wunder vollbringen und auch für Peter die richtige Frau finden würde. Eine Frau, die sein Herz besänftigen und ihm helfen könnte, seine Selbstzweifel zu überwinden.

Es war eine gute und richtige Entscheidung gewesen, diese professionelle Heiratsvermittlerin zu engagieren. Sie verfügte über eine ungewöhnliche Beobachtungsgabe, hatte hohe Ideale und eine beachtliche Erfolgsliste vorzuweisen. Auf den diskreten Rat von Freunden hin hatte er zu Ilsa Kontakt aufgenommen. Und der Erfolg gab ihr recht. Nun war nur noch Peter übrig.

Und natürlich James.

Aber Archer hütete sich natürlich, seinen Sohn Ilsa gegenüber als potenziellen Klienten zu erwähnen. Sie betonte stets, dass sie nur beobachtete und Menschen, die es ehrlich meinten, dabei half, einen Partner zu finden, dass sie aber keine Wunder vollbringen konnte. James, der eigentlich ständig mit wesentlich jüngeren Frauen verlobt war, brauchte nicht die Hilfe eines Heiratsvermittlers, wie Ilsa fand, sondern einen guten Therapeuten.

Kurioserweise gab es Anzeichen, die selbst ein alter Mann nicht übersehen konnte. Ilsa empfand etwas für James. Und James empfand etwas für Ilsa, ganz gleich, wie sehr die beiden sich bemühten, ihre Gefühle zu verbergen. Archer jedenfalls fand, sie passten perfekt zueinander. Sie mussten es nur selbst erkennen.

Die Musik setzte ein, als Bryce und Lara mit einem glücklichen Lächeln als Mann und Frau den Mittelgang hinuntergingen. Ach Janey, dachte Archer, dies ist ein guter Tag für die Braddocks. Ein sehr guter Tag.

Ilsa Fairchild richtete ihre Aufmerksamkeit bei der Hochzeitsfeier auf Braddock Hall besonders auf Theadosia Berenson. Thea hielt sich wie immer etwas abseits der Menge, nur zweimal ging sie ihrer Großmutter einen Drink holen. Warum lebte Thea weiterhin mit ihrer Großmutter in der alten Villa Grace Place, wenn sie doch volljährig war und selbst über ein nicht unerhebliches Vermögen verfügte? Zwischen den beiden bestand eine seltsame Beziehung, die Ilsa vor allem deshalb störte, weil Thea ihr immer wieder in den Sinn kam, wenn sie über eine mögliche Partnerin für Peter Braddock nachdachte.

Seit der Hochzeit zwischen Adam und Katie boomte das Geschäft bei IF Enterprises wie nie zuvor. Nachdem Bryce dann seine Verlobung bekannt gegeben hatte, erhielt Ilsa sogar Anfragen aus dem weit entfernten South Carolina. Sie hatte zwar nicht die Absicht, ihre Heiratsvermittlung über New England hinaus auszudehnen, aber vielleicht war dennoch der Zeitpunkt gekommen, eine zweite Kraft einzustellen.

„Warum so nachdenklich, Ilsa?“ Auf seinen Gehstock gestützt, trat Archer neben sie. Mit seinen neunundsiebzig Jahren war er immer noch ein stattlicher Mann und für Ilsa inzwischen zu einem guten Freund geworden. „Bryce und Lara sind so selig. Man kann sich doch nur mit ihnen freuen.“

„Schauen Sie sich den kleinen Calvin an. Was für ein glückliches Kind.“ Sie lächelte. „Eine Zugabe für Sie, Archer. Sie bekommen nicht nur eine Schwiegertochter, sondern auch gleich einen Urenkel.“

„Ich bin auch aufrichtig dankbar für diese Zugabe.“ Er lächelte. „Aber gerade in diesem Moment flüstert Janey mir zu, dass ich mich dafür erkenntlich zeigen sollte.“ Er zog einen Umschlag aus der Tasche. „Sie haben es wirklich verdient, Ilsa.“

Sie blickte auf den Umschlag, den er ihr hinhielt. „Das ist eine nette Geste, Archer. Aber ich kann es nicht annehmen. Ich habe nur getan, wofür Sie mich engagiert haben, und mein Honorar ist vollkommen ausreichend. Abgesehen davon ist Peter ja auch noch übrig.“

„Ja, sicher.“ Archer blickte zur Tanzfläche, wo sein jüngster Enkelsohn mit einer gertenschlanken Blondine tanzte. „Ich weiß, dass ich nicht danach fragen sollte.“ Er wandte sich wieder Ilsa zu. „Aber haben Sie schon eine Idee, was ihn betrifft?“

„Ich hatte einen Gedanken, nur …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht, dass es das Richtige ist.“

Archer blickte wieder zur Tanzfläche. „Natürlich haben Sie schon öfter bewiesen, dass Sie Wunder vollbringen können, Ilsa.“

„Diesmal kommen mir an meinen Fähigkeiten echte Zweifel.“ Sie hielt nachdenklich inne. „Können Sie mir etwas über Peters Leben erzählen, bevor er nach Braddock Hall kam? Es muss nicht jetzt gleich sein. Wir könnten in den nächsten Tagen einmal zusammen essen und uns ein wenig über ihn unterhalten.“

Archer seufzte leise. „Selbstverständlich. Man muss seine Vergangenheit kennen, um sein Wesen zu verstehen. Dass es Peter gibt, haben wir erst erfahren, als er neun Jahre alt war. Zu der Zeit hatte seine Mutter ihm schon so viele Dinge über unsere Familie erzählt, dass er wahrscheinlich glaubte, wie wären Könige oder so etwas. Wenn Janey ihm nicht von Anfang an klar gemacht hätte, dass wir ganz normale Menschen sind, hätte Peter sich nie als Teil dieser Familie fühlen können.“

Er machte eine Pause und fuhr dann fort. „Ich bin sicher, Sie kennen die alte Geschichte. Wir haben damals natürlich versucht, die Sache aus den Zeitungen herauszuhalten, aber es war eben ein kleiner Skandal.“

„Ich habe einiges darüber gehört“, bestätigte Ilsa. „Aber ich war immer davon überzeugt, dass an der Geschichte mehr war, als man in den Zeitungen lesen konnte.“

„James schwört, dass er nichts von dem Jungen wusste.“ Archer blickte ihr in die Augen. „Er hätte alles getan, um diese Tragödie zu verhindern, wenn er davon gewusst hätte.“

„James mag bei der Wahl seiner Frauen ein schlechtes Urteilsvermögen haben, aber ich weiß, dass er seine Söhne aufrichtig liebt.“

Plötzlich bekamen Archers Augen einen jugendlichen Glanz. „Sicher haben Sie Monicas Abwesenheit heute schon bemerkt.“

Ilsa wollte nicht neugierig wirken, aber es interessierte sie brennend, was zwischen James und seiner derzeitigen Partnerin vorgefallen war. „Ich habe mich schon gefragt, wo sie ist.“

„In Colorado.“ Er lächelte zufrieden. „Sie ist vorgestern abgereist. James wollte es.“

„Ein Streit unter Verliebten?“

„Die Trennung ist endgültig. James war mit Monica nicht glücklich. Ich habe nie daran geglaubt, dass er sie heiraten würde. Aber viel wichtiger ist, dass er nun frei ist. Der richtige Zeitpunkt, um ihn an Möglichkeiten heranzuführen, an die er bisher vielleicht noch nicht gedacht hat.“

Es war für Ilsa kein Geheimnis, dass Archer auf eine Verbindung zwischen ihr und seinem Sohn hoffte. „Ehevermittlung ist ein Geschäft, das auch viele Enttäuschungen mit sich bringt.“

Er lächelte ungerührt. „Das Schöne am Alter ist, dass man Enttäuschungen nicht mehr fürchtet. Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen. Ich wollte Ihnen nur diesen Scheck geben, bevor ich mit meiner Schwiegertochter tanze.“ Er reichte ihr den Umschlag, doch Ilsa lehnte ab.

„Behalten Sie das, Archer“, sagte sie. „Wenigstens bis ich eine Partnerin für Peter gefunden habe. Im Moment zweifle ich an meinen Fähigkeiten.“

Archer schaute sie nachdenklich an, bevor er den Umschlag wieder einsteckte. „Meinen Enkeln habe ich immer geraten, sich auf ihre Instinkte zu verlassen. Gott hat sie uns aus gutem Grund mitgegeben. Oder wie Janey zu sagen pflegte: Folge deinem Impuls. Du könntest sonst die schönsten Dinge im Leben verpassen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, Ilsa. Ich glaube, die Braut hat mir einen Tanz aufgehoben.“

Sie schaute ihm nach, wie er sich souverän seinen Weg durch die Menge bahnte. Ein Lächeln hier, ein freundlicher Gruß dort genügten, um ihm den Weg zur Tanzfläche zu bahnen. Ihr Blick wanderte zu Peter, der jetzt mit Thea Berenson tanzte. Ein Pflichttanz. Das sah jeder, der dieses steife Paar beobachtete. Peter war ganz ein Gentleman und Thea durch und durch eine Lady.

Folge deinem Impuls.

Bevor sie weiter über die beiden nachdenken konnte, entdeckte sie James in der Menge. Er blieb hier und da stehen und sprach mit den Gästen, ließ Ilsa aber durch Blickkontakt wissen, dass er auf dem Weg zu ihr war.

Nun, für den Augenblick musste sie das Thema Peter Braddock wohl beiseiteschieben. Sie brauchte ihre ganze Energie dafür, nicht dem unwiderstehlichen Charme seines Vaters zu verfallen.

1. KAPITEL

Peter probierte ein halbes Dutzend Hemden an. Er wollte nicht zu formell aussehen. Das würde Thea in Verlegenheit bringen. Aber er wollte auch nicht zu leger wirken. Das würde ihn in Verlegenheit bringen. Wenn er sich übertrieben schlicht kleidete, könnte Thea glauben, er würde auf Eleganz verzichten, um besser zu ihr zu passen. Auch keine angenehme Situation. Schließlich entschied er sich für ein grünes Seidenhemd von Armani und die dazugehörige Krawatte. Mit dem Jackett über dem Arm lief er die Treppe hinunter.

Er wollte zu dieser Verabredung nicht zu spät kommen. Nein, Sir.

Wenn er ganz ehrlich war, hätte er das Date am liebsten wieder abgesagt. Aber das kam für einen Gentleman aus der Familie Braddock nicht infrage. Sein Großvater hatte ihn um diesen Gefallen gebeten, und es wäre Peter nicht in den Sinn gekommen, ihm diese kleine Bitte abzuschlagen.

Also würde er Theadosia Berenson zu Angela Merchants Hochzeit begleiten und ihr das Gefühl geben, ein Abend an ihrer Seite wäre die Erfüllung seiner Träume.

Es war nur ein kleiner Gefallen im Vergleich zu dem, was die Familie für ihn getan hatte. Sie hatten ihm ein Zuhause geschenkt, als er nicht wusste, wohin er gehen sollte. Sie hatten ihm einen Namen gegeben, auf den er stolz sein konnte. Alles, was er heute war, verdankte er Archer und Jane Braddock. Und natürlich seinem Vater James. Sie hatten einen Mann aus ihm gemacht. Noch dazu einen Gentleman.

Und deshalb würde Thea niemals erfahren, dass sie nicht die Erfüllung seiner Träume war.

Thea kroch vorsichtig in die Baumkrone. Alle paar Zentimeter schob sie die Decke vorwärts, die sie über den Ast gelegt hatte, damit sie sich an der rauen Rinde ihre nackten Oberschenkel nicht aufschürfte. Dass die Decke rutschig war und wenig Halt bot, hatte sie ebenso wenig bedacht wie den Umstand, dass sie für diese Kletterpartie ein wenig spärlich bekleidet war. Aber für solche Überlegungen war es nun zu spät. Die Decke zwischen die Beine geklemmt, saß sie in der Krone der alten Eiche und wünschte, diese junge Katze wäre ihr nie über den Weg gelaufen.

Das Tier hockte auf dem Ast über ihr und jaulte verängstigt. „Sei still, Ally“, raunte Thea sanft. „Wenn Großmutter uns hier im Baum findet, kostet es dich mindestens eins deiner neun Leben. Und so viele hast du nicht mehr.“ Sie rutschte noch ein Stückchen vor und streckte den Arm nach dem Tier aus. Die Katze machte einen Buckel und zog sich weiter in die Krone zurück.

„Ally, ich will dir doch nur helfen.“ Thea redete beruhigend auf das Tier ein. „Wie lange wollen wir dieses Spielchen denn noch fortsetzen? Vertrau mir doch einfach.“

Die Katze miaute kläglich und grub ihre Krallen wie kleine Anker in die Baumrinde. Thea schaute zurück zum Dachbodenfenster, von wo aus sie ihre Rettungsaktion gestartet hatte. Grace Place, das Elternhaus ihrer Großmutter, stand düster und abweisend da. Das geöffnete Dachfenster war das einzige einladende Element an diesem Gebäude.

Grace Place war das einzige Zuhause, das Thea je kennengelernt hatte. Außer ihrer Großmutter hatte sie keine Angehörigen. Doch so schrecklich war das Haus eigentlich nicht. Eines Tages, wenn ihre Großmutter nicht mehr da war, würde Thea die schwarzen Fensterläden in einem freundlichen Cremeweiß streichen. Im Innern des Hauses würde sie die schweren Vorhänge durch leichte, transparente Stoffe ersetzen und so die Sonne in das alte Gemäuer hereinholen.

Aber eines Tages war nicht heute.

Heute fand Angela Merchants Trauung statt. Und wenn sie, Thea, die dumme Katze nicht bald aus dem Baum holte, würde sie das größte Ereignis dieser Saison verpassen. Nicht, dass sie deswegen traurig wäre. Aber sie brauchte sich keine Illusionen zu machen, ihre Großmutter würde nicht zulassen, dass sie die Hochzeit versäumte.

Wenn Davinia nur nicht darauf beharrt hätte, dass Thea eine Begleitung brauchte.

Wie ein schlechtes Omen erschien es ihr, als sie in diesem Moment das Geräusch eines Motors hörte. Peter Braddock war auf dem Weg, sie abzuholen. Es klang, als wäre er schon fast am Tor, was bedeutete, dass er in zehn Minuten an der Tür klingeln würde. Spätestens.

Sie überlegte kurz, ob sie für den Rest des Tages hier im Baum bleiben sollte. Aber sie wusste, dass dies keine Lösung war. Monroe fand sie überall, ganz gleich, wo sie sich versteckte. Stirnrunzelnd blickte sie ihre Katze an. „Also, du musst dich jetzt entscheiden. Entweder du kommst mit mir, oder du suchst dir allein den Rückweg.“

Noch einmal streckte sie den Arm aus. „Komm, Miez, Miez.“

Die Katze schien zu spüren, dass dies ihre letzte Chance war. Vorsichtig näherte sie sich der ausgestreckten Hand.

„So ist es gut“, lockte Thea sie mit sanfter Stimme. „Nur noch ein kleines Stückchen.“

Sie hörte, wie der Sportwagen das Tempo verlangsamte. Offenbar passierte er gerade das Tor. In zwei Minuten würde er vor dem Haus vorfahren. Jetzt oder nie, dachte Thea. Als sie nach dem Bein der Katze griff, schlug diese ihre Krallen in Theas Arm und kletterte auf ihre Schulter. Thea versuchte sich am Ast festzuhalten, aber sie verlor das Gleichgewicht. Zusammen mit der Decke und der Katze stürzte sie auf den Boden. Im letzten Moment rollte sie sich instinktiv zusammen.

Als sie benommen aufstand, spürte sie einen stechenden Schmerz in der Hüfte. Nur noch wenige Sekunden, dann würde Peter Braddock um die Kurve biegen. Sie ließ die Decke liegen und lief mit der Katze auf dem Arm zum Haus. Hoffentlich hatte Monroe den Dienstboteneingang nicht abgeschlossen. Und hoffentlich war Peter Braddock kurzsichtig.

Peter sah die spärlich bekleidete Frau gerade noch um die Ecke biegen. Nach allem, was er aus der Entfernung erkennen konnte, war sie jung und hatte eine sehr hübsche Figur. Seltsam. Soweit er wusste, wohnten in Grace Place nur Davinia, Thea und die korpulente Frau des Verwalters. Offenbar gab es aber mindestens noch eine junge, attraktive Frau im Haus, die vielleicht zum Hauspersonal gehörte. Oder einer der Gärtner hatte seine Freundin zu einem Schäferstündchen am Nachmittag eingeladen. Das würde Mrs. Carey kaum gefallen. Wenn sie davon wüsste, würde sie den Mann wahrscheinlich an das Eingangstor binden lassen, als Warnung für alle, die sich ihrem Grundstück mit lüsternen Fantasien näherten. Theas Großmutter war eine regelrechte Tyrannin, die in einer längst vergangenen Zeit zu leben schien. Sie war davon überzeugt, dass die strengen Vorschriften und Regeln des viktorianischen England auch im Amerika des einundzwanzigsten Jahrhunderts ihren Platz hatten.

Peter hielt vor dem Haus und stieg aus. Es hatte ihm immer leidgetan, dass Thea in einem Leben gefangen war, das sie sich selbst niemals ausgesucht hätte. Man erzählte sich, ihre Mutter sei eine eigensinnige und rebellische Person gewesen. Wenn dies stimmte, war es vielleicht der Grund, weshalb Davinia ihre Enkeltochter so streng erzogen hatte. Aber es erklärte nicht, wieso Thea sich noch heute nach den verschrobenen Vorstellungen ihrer Großmutter richtete. Es hieß, sie besitze selbst ein beachtliches Vermögen, sodass sie ein unabhängiges Leben hätte führen können.

Aber was kümmerte es ihn? Er hatte nicht vor, Thea oder ihre Großmutter zu provozieren. Im Gegenteil, er konnte sich keine Situation vorstellen, in der er sich Thea gegenüber nicht als Gentleman benehmen würde. Sie reizte ihn wirklich nicht.

Er drückte auf den Klingelknopf und wartete.

Der Butler öffnete. Zu Peters Erstaunen hatte er keinerlei Ähnlichkeit mit dem Butler aus der Addams Family.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin Peter Braddock. Miss Berenson erwartet mich.“ Peter lächelte freundlich.

„Miss Thea ist noch nicht fertig, aber Mrs. Carey würde Sie gern im Salon empfangen.“

Auf diese Begrüßung legte Peter eigentlich keinen Wert, aber was blieb ihm anderes übrig? Er trat ein und schaute sich im Foyer um. Auf den ersten Blick wirkte der Raum düster und wenig einladend. Doch es war unübersehbar, dass diese Villa einmal etwas Besonderes gewesen war. Eine geschwungene Treppe führte von der großen Halle in den ersten Stock. Unter der Decke hing ein gewaltiger Kristallkronleuchter.

„Hier entlang, bitte.“ Der Butler führte Peter durch das Foyer und öffnete eine der mit aufwendigen Schnitzereien verzierten Türen. Dahinter tat sich ein düsterer Raum auf, dessen Einrichtung seit mindestens vierzig Jahren aus der Mode war. „Mr. Peter Braddock.“ Der Butler ließ Peter eintreten.

Davinia Carey saß wie die sprichwörtliche Spinne im Netz zwischen zerknautschten Kissen auf einem kleinen dunkelgrünen Sofa. Das rabenschwarze Haar hatte sie zu einem strengen Knoten gebunden. Es ließ ihr Gesicht unnatürlich blass erscheinen.

„Guten Tag, Peter“, sagte sie in einem Ton, der ihm das Gefühl gab, nicht aufrecht genug zu stehen.

Peter ließ sich nicht leicht einschüchtern, aber Davinia Carey gelang es stets, ihn nervös zu machen. Als wäre sie persönlich das Gericht, das ihn als einen Hochstapler entlarvte. „Guten Tag, Mrs. Carey.“ Seine Stimme verriet nicht, was er in diesem Moment fühlte. „Es ist schön, Sie wiederzusehen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.“

Sie schnaubte verächtlich. „Setzen Sie sich, Peter.“

Er schaute sich um und entschied sich für einen Queen-Anne-Stuhl, der genauso unbequem war, wie er aussah, aber den Vorteil hatte, dass er ein ganzes Stück vom dunkelgrünen Sofa entfernt war. Aus unerklärlichen Gründen musste Peter plötzlich an seinen ersten offiziellen Tanzabend denken. Er war damals gerade dreizehn gewesen und hatte unbeschreibliche Angst, er könnte etwas tun, was die ganze Familie zum Gespött machte. Tage- und nächtelang hatte er darüber gegrübelt, was er dem hübschen Mädchen, das er ausführen sollte, sagen durfte und was nicht. Schließlich hatte seine Großmutter ihn beiseite genommen. Peter, hatte sie gesagt, eines Tages wirst du eine Frau treffen, die deine Ehefrau werden wird. Du wirst merken, dass dir ihre Meinung wichtig ist. Aber heute ist nicht dieser Tag. Also, hör auf, dir Sorgen zu machen, und sieh zu, dass du dich amüsierst.

Jedenfalls, heute war auch nicht dieser Tag. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf fiel es ihm nicht schwer, Davinia ein warmes, freundliches Lächeln zu schenken. „Grace Place ist ein beeindruckendes Anwesen.“

„Es ist nichts im Vergleich zu damals, als ich in Theas Alter war. Dieses Haus ist nicht so alt wie Braddock Hall, aber mein Urgroßvater hat keine Kosten gescheut.“

Trotzdem sieht es heute nicht sehr einladend aus, dachte Peter. Laut sagte er: „Ich glaube, mein Großvater erwähnte, dass Sie hier aufgewachsen sind.“

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