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Fußnoten

1

Von der Treppe wurde man auf diesem Flughafen aus irgendeinem Grund nicht mit dem Bus abgeholt, und so war die Kolonne gekrümmter, auf das dunkle Gebäude zustrebender Passagiere das Erste, was Marina sah, als sie nach allen anderen das Flugzeug verließen.

»Was ist denn, nun geh schon.« Er stupste sie leicht in den Rücken, und Marina merkte, dass Karpow äußerst nervös war. »Geh doch«, wiederholte er, »wir sind da.«

Sie waren angekommen, das wusste sie auch ohne Souffleur, nur gefiel ihr die Idee dieser Reise immer noch nicht. Wenn man Marina gefragt hätte, ob sie wisse, warum sie hier sei, hätte sie ohne Nachdenken mit Nein geantwortet, sie verstand es nicht. Doch eigentlich war das nur halb so schlimm, letztlich musste eine Frau nicht alles verstehen, was ihr Mann tat, manchmal musste sie ihm einfach nur vertrauen. Weitaus mehr beunruhigte sie, dass scheinbar auch er nicht so genau wusste, warum sie alles in Moskau aufgegeben, ihre Arbeitsverträge gekündigt, Bücher und Sachen an ihre Freunde verteilt und ihre Wohnung geräumt hatten, um in diese seltsame Gegend zu fliegen, die nicht einmal Karpow sonderlich vertraut war. Dass Karpow nun auch noch aufgeregt war, erschreckte Marina und verärgerte sie – während des Flugs hatte sie sich fast einreden können, ihre Unruhe rühre von einer krankhaften Ängstlichkeit her. Zwar war alles neu hier, aber es begann doch eigentlich ein interessantes und immer noch glückliches Leben. Seine Laborversuche, oder weiß der Teufel, was er nachts in der Küche trieb, hatte sie immer als geliebtes Hobby gesehen und war natürlich erstaunt gewesen, als er ihr gesagt hatte, dieses hobby fordere nun gewisse Opfer und sie müssten zumindest in eine andere Stadt ziehen. In Moskau hielt sie nur wenig, und Karpow hatte so überzeugend gesprochen und war vor allem selbst so überzeugt, dass sie nicht einmal auf die Idee gekommen war, ihm zu widersprechen, und sofort zugestimmt hatte – ja, natürlich, wenn du meinst, dass wir wegziehen müssen, dann tun wir das. Alles Weitere hatte sich viel langsamer entwickelt, als man hätte erwarten können, und beiden war ausreichend Zeit geblieben, um nachzudenken und zu diskutieren. Aber Marina hatte weder nachgedacht noch diskutiert. Auch als er ihr mitteilte, er habe Flugtickets für den Achtundzwanzigsten gekauft, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt – dann eben am Achtundzwanzigsten, das war doch egal.

Als sie nun auf den Taxistand zugingen, sagte er, es habe jetzt wahrscheinlich keinen Sinn, in die Siedlung zu fahren, dort könne man nirgends zu Abend essen, und überhaupt wisse man nicht, wie es dort aussähe, deswegen sollten sie besser in einem Hotel übernachten und in der Stadt zu Abend essen und frühstücken. In die Siedlung könnten sie am nächsten Tag fahren – ausgeschlafen und gestärkt. Irgendwie fand sie das beruhigend: Wenn er in der Lage war, an Essen und Behaglichkeit zu denken, dann war er noch nicht verrückt geworden, und man konnte ihm nach wie vor vertrauen. Als sie zu diesem Schluss gekommen war, küsste Marina ihren Mann schweigend auf die Wange. Karpow wich zurück, und sie lächelte. Nun waren sie schon so viele Jahre zusammen, und er konnte sich partout nicht daran gewöhnen, dass sie, selbst wenn sie schwieg, ständig mit ihm sprach.

Mit dem Taxifahrer begannen sie erst gar nicht zu feilschen, er verlangte dreihundert Rubel, das war ein annehmbarer Preis. Marina setzte sich nach hinten, Karpow neben den Fahrer. Das Auto fuhr durch eine dunkle Allee, und etwa eine Minute später sah Marina eine beleuchtete Weggabelung, die eine Baumreihe säumte, hinter der man in der Dunkelheit Grabkreuze erahnen konnte.

»Mein Opa ist hier beerdigt, meine Oma und meine Uroma auch«, sagte Karpow, und Marina dachte, dass sie sehr müde war, Karpow aber unverändert nervös wirkte. Wenn Karpow nervös war, erzählte er immer irgendwelche Geschichten. Auch jetzt teilte er entweder ihr oder dem Taxifahrer – vermutlich jedoch ihr – Details über diesen Opa mit. Sie wollte das eigentlich nicht hören, rauchte, schaute auf die mit Waldstreifen überzogenen Hügel und lächelte.

Sie war noch nie im Süden Russlands gewesen und hatte von dieser Gegend (wie auch vom übrigen Russland) eine recht vage Vorstellung, wie wahrscheinlich jede Moskauerin aus einer gebildeten Familie – Amerika hatte sie bereist, Europa auch, bis nach Goa hatte sie es noch nicht geschafft, aber das würde sicher noch kommen. Der Kelch der Moskauer Vororte war an ihr vorübergegangen; Witze über deren aus der russischen Provinz zugezogenen Bewohner waren ihr übrigens fremd, und Karpow, der, ohne es sich anmerken zu lassen, jedes Mal beleidigt war, wenn jemand auf die Beschränktheit der Zuzügler anspielte, schätzte das an Marina sehr. Sie dachte, dass er eigentlich alles an ihr schätzte, und musste erneut lächeln.

Auf den Hügeln waren mittlerweile Teile der Stadt zu erkennen, und Marina betrachtete neugierig die allesamt mit derselben hellblauen Farbe gestrichenen Tore und die fast identischen einstöckigen Steinhäuser mit den Verzierungen an den Fensterrahmen – eine Replik auf die dörflichen Katen an den unbewaldeten Stellen. Ab und an gab es eine Lücke zwischen den Häusern, und dann konnte Marina wieder die Hügel erkennen, die hier aber baumlos und ebenfalls mit diesem Typ Häuser bebaut waren, allerdings standen sie dort oben so dicht beieinander, als bliebe Russland mit seinen Ausmaßen selbst hinter Holland zurück und als sei das Bauland knapp. Dann waren keine Lücken mehr zu sehen, die Häuser wurden zweistöckig, es folgte ein Betrieb, ein rundes sowjetisches Gebäude – offensichtlich ein Zirkus –, und hinter dem Zirkus fing ein Boulevard an. Sie fuhren den Boulevard entlang, Karpow erklärte dem Taxifahrer etwas und gestikulierte dabei. Marina gefiel es, wie Karpow erklären konnte, wollte in diesem Moment jedoch gar nicht so genau hinhören. Marina hoffte, dass Karpow wusste, was er tat, aber es war eben nichts als eine Hoffnung. Karpow hatte bisher nur ein einziges Argument für den Umzug von Moskau hierher vorgebracht: dass er in einem halben Jahr reich und berühmt sein würde, und wenn nicht, dann könne Marina ihn mit Fug und Recht verlassen, sich scheiden lassen und ihn vergessen; aber darauf brauche sie nicht zu warten, denn Karpow würde auf jeden Fall reich und berühmt werden, und in einem halben Jahr könne sie sich davon überzeugen.

Er hatte ihr im Winter davon erzählt, vor etwa drei Monaten, als er sie eines Tages von der Arbeit abgeholt hatte und sie spazieren gegangen waren. Später hatten sie sich in einem Café auf dem Pokrowski-Boulevard aufgewärmt. Erst hatte er geduldig ihren vielleicht etwas zu ausführlichen Bericht über die Ereignisse des Tages angehört. (Sie wusste selbst, dass sie sich gern verplauderte, und sagte lachend: »Wenn ich etwas erzähle, hast du nicht die geringste Chance, auch nur ein Wort zu erwidern.« Woraufhin er ebenfalls lachte, weil er sich sicher war, dass ihr sein Wort genauso viel galt, wie er zu seinem Glück brauchte.) Dann hatte er ihr ohne jede Einleitung und – wie er es gern ausdrückte – »ohne architektonische Schnörkel« mitgeteilt, dass sie die Stadt verlassen müssten. In diesem Moment fiel ihr ein, dass es hier auf dem Boulevard sicher ebenfalls Cafés gab, und Moskau kam ihr auf einmal geradezu unwirklich vor. Auch wenn sie ihre Eltern dort zurückgelassen hatte, konnte sie kaum glauben, noch am Morgen von der Taganskaja zum Pawelezer Bahnhof gefahren zu sein, wo Karpow sie mit ihrer Reisetasche an einer Kasse der Vorortzüge erwartet hatte.

Diese Reisetasche wurde gerade vom Taxifahrer aus dem Kofferraum geholt und an Karpow übergeben. Marina wusste bereits, dass er Kosak war, obwohl er weder dem Helden des »Stillen Don« noch einem anderen exotischen Wesen ähnelte, sondern wie ein gewöhnlicher Taxifahrer aussah. Karpow hatte unbedingt hier aussteigen wollen, einen Häuserblock vor dem Hotel, um Marina sein Lieblingsdenkmal zu zeigen. Marina hätte in diesem Moment auch gut auf eine Exkursion zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes verzichten können, aber ihr fehlte die Kraft, ihm zu widersprechen – dann eben erst einmal zu diesem Denkmal. Sie gingen über einen leeren, mit Betonplatten ausgelegten Platz zu einem Abhang, von dem man auf die Hügel mit ihren Steinhäusern schauen konnte. Am Rand des Abhangs stand ein Rotarmist mit den Ausmaßen eines Zyklopen in Mantel und Budjonny-Mütze. Marina meinte, er sei aus Bronze, bis sie merkte, dass sie wohl eher ein ungefüges Stück Blech vor sich hatte – eine Fußsohle, die unter dem Mantel hervorragte und riesig war (wahrscheinlich, damit das Denkmal nicht umfiel), ein Bajonett auf dem Rücken, das an eine gigantische Antenne erinnerte, ein missgestaltetes und unsauber geformtes Gesicht, eine Hand, die in komischer Pose auf dem Rücken verharrte – Marina hätte noch Dutzende weiterer irrwitziger Details dieses Denkmals aufzählen können, aber zusammen genommen hinterließen sie einen guten und irgendwie starken Eindruck. Nachdem sie einen weiteren Blick auf das Denkmal geworfen hatte, sagte Marina zu Karpow (der nicht mehr nur nervös wirkte, sondern geradezu verstört, als erwarte er, sie würde gleich ihr Unverständnis äußern, was ihm so sehr an diesem groben Stück Metall gefiel), das Denkmal sei wirklich sehr, sehr schön.

Zum Hotel gingen sie zu Fuß. Karpow erzählte, das Hotel sei von syrischen Bauleuten errichtet worden. Als er eines Sommers einmal wieder Oma und Opa besucht hatte, war in dieser Gegend die Cholera ausgebrochen, und seine Eltern, die in jenem Sommer wohl ins Baltikum gereist waren, hatten seinen Opa angewiesen, sofort eine Fahrkarte zu kaufen und den kleinen Karpow zu ihnen zu bringen. Und so hatte sein Opa in einer Schlange vor dem Fahrkartenschalter gestanden, während die Hygieneinspektion klären konnte, dass die Syrer die Quelle des Unheils waren, woraufhin man sie zunächst in irgendein sanatorium gesperrt und dann für immer in ihre Heimat zurückgeschickt hatte, womit der Bau eingestellt wurde. Das unfertige Hotel hatte etwa fünfzehn Jahre leer gestanden, bis es von einem Tschetschenen gekauft wurde. Karpow erzählte Marina von diesem Tschetschenen, vom Dynamo-Stadion, an dessen toren eine Gedenktafel hing, die an den Sieg der heimischen Fußballmannschaft bei der Meisterschaft der russischen Sowjetrepublik 1949 erinnerte, und er redete und redete und demonstrierte dabei, dass sein Kopf voll war mit einem abenteuerlichen Ausmaß völlig nutzloser Dinge. Marina hörte ihm zu, und auf einmal wurde ihr klar, dass diese Reise kein gutes Ende nehmen würde, dass Karpow erfolglos bleiben und sie allein nach Moskau zurückkehren würde – wahrscheinlich sogar sehr viel früher als in einem halben Jahr.

2

Als sie wieder an der Weggabelung in der Nähe des Friedhofs vorbeikamen, war Karpow nicht mehr so nervös wie am Vortag, aber etwas schien in ihm vorzugehen, er sagte sogar: »Wohl oder Wehe – die Wahrheit ist schlicht, die Orte von gestern erwarten dich nicht.« Marina brauchte nur ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass sich der Satz nicht zufällig reimte und es sich um einen Vers handelte. Über Nacht hatte sich Karpows Stimmung auf sie übertragen. Mit der fremden Stadt, über der ein blecherner Rotarmist thronte, hatte sie sich fast abgefunden, aber ihr fehlte jegliche Vorstellung von der Siedlung, in der sie leben sollte, deswegen war sie aufgeregt.

Den nötigen Abzweig verpassten sie natürlich. Sie kurvten lange herum, und dann, als sie endlich richtig abgebogen waren und Karpow den Taxifahrer schon weggeschickt hatte, standen sie lange vor einer Haustür, an der es in Karpows Kindheit kein Zahlenschloss gegeben hatte, mittlerweile jedoch ein solches Schloss eingebaut worden war, dessen Code Karpow nicht kannte. Sie saßen auf einer Bank neben der Tür, Karpow erzählte wieder irgendetwas, Marina hörte ihm wieder nicht zu, und dann trat ein hochgewachsener, hagerer Mann mit einem Eimer aus der Tür. Karpow wurde erneut nervös, nannte den Kerl Gennadi (und duzte ihn, was er bei Fremden und Leuten, die er kaum kannte, sonst nie tat) und erklärte ihm, wer und wessen Enkel er sei. Gennadi hörte zunächst schweigend zu, dann umarmte er Karpow ungefragt, zerrte ihn, ohne Marina zu bemerken, in den Hausflur, während Marina ihnen folgte. Er klingelte lange bei einer alten Frau an der Tür, nun wurde Karpow auch von der alten Frau umarmt, die ihn zum Essen einlud, woraufhin Karpow sagte, vielleicht ein andermal, jetzt möchte sich seine Frau ausruhen (»Oh, du hast geheiratet?«), und deshalb brauche er den Schlüssel. Die Alte ging und kam erst nach einiger Zeit mit einem Schlüssel zurück. Schließlich gelang Karpow ein Meisterstück diplomatischen Geschicks, als er Gennadi erklärte, mit ihm irgendwann später einen zu heben. Erst nachdem all dies überstanden war, kam Marina in eine geräumige, verstaubte Wohnung, in der seit vielen Jahren niemand mehr gewohnt hatte. Sie ging von einem Zimmer ins andere, betrat den Balkon, schaltete den Fernseher ein – er funktionierte –, besah sich die Küche, kehrte dann zum Fernseher zurück und setzte sich in einen Sessel. Sie überlegte, ob es ihr hier gefiele oder nicht, ob sie hier leben könne oder nicht, kam aber zu keinem Ergebnis. Dann schloss sie die Augen.

Es klingelte an ihrer Tür, Karpow öffnete – da stand Gennadi, der sich offenbar freute, dass neue Freunde aufgetaucht waren. Marina sah durch die Tür zu Gennadi und Karpow und beschloss, nicht zu ihnen hinauszugehen. Der Nachbar hatte ein Dreiliterglas Milch gebracht und redete etwas. Marina hörte nicht genau hin, bekam aber mit, dass Gennadi Karpow zur Wahl seines Wohnorts gratulierte – Moskau sei eine verrückte und unbehagliche Stadt, hier aber sei es ruhig und schön und das Haus sei angenehm – »warm, trocken und ohne ein einziges Rattenvieh«.

»Nun, ich hoffe, das bekomme ich hier in hülle und Fülle zu kaufen«, drang Karpows Stimme zu Marina.

»Was?«, der Nachbar stutzte. »Wohnungen?«

»Ach was.« Ihr Mann lachte. »Ratten natürlich.«

3

Die Tage glichen einer dem anderen – in der Siedlung gab es absolut nichts zu tun, und jeden Tag in die Stadt zu fahren, wäre nun wirklich dumm gewesen. Marina hatte sich rasch damit abgefunden, dass sie hier keine Freunde und Freundinnen finden würde, sie freute sich sogar darüber – da man die gesamte Siedlung in fünfzehn Minuten ablaufen konnte, drohte sich jede neue Bekanntschaft in eine ungewollte und lästige Freundschaft auszuwachsen. Zu jener Nachbarin, die Karpow die Schlüssel gegeben hatte, ging Marina eine Woche später essen, und zwar allein – Karpow war vom ersten Tag an in seiner Laborarbeit aufgegangen, die sich jetzt nicht mehr wie in Moskau in der Küche abspielte, sondern in einem speziellen Schuppen, den er ebenfalls von seinem Großvater geerbt hatte. Marina lud er nie in diesen Schuppen ein, sie drängte sich auch nicht auf. Sie fürchtete weniger, ihn dort zu stören, als vielmehr, sich davon überzeugen zu müssen, dass ihr Mann ungerechtfertigte Hoffnungen auf eine offensichtliche Dummheit setzte. Ihre Nachbarin, Tante Katja Schustikowa, war eine liebe alte Frau, die Marina auf der Stelle alles erzählte, was diese schon von Karpow gehört hatte: Früher war die Siedlung ein Militärstädtchen gewesen, dann hatte Chruschtschow zunächst die Militärausgaben gekürzt und später beschlossen, die Agrarwissenschaften dem Boden näher zu bringen, weswegen das wissenschaftliche Forschungsinstitut, in dem Karpows verstorbener Großvater und der dahingeschiedene Mann von Tante Katja gearbeitet hatten, hierher, in diese öde Steppe verlegt worden war. Innerhalb von zehn Jahren waren rund um dieses erste Haus etwa fünfzehn weitere Wohnhäuser aus dem Boden geschossen, die ausschließlich von ranghöheren und -niederen wissenschaftlichen Mitarbeitern bezogen wurden sowie vom inzwischen ebenfalls verstorbenen Mitglied der »Lenin-Allunions-Landwirtschaftsakademie« Boris Prokopjewitsch Gontscharow. Es waren wohl wirklich gesegnete Zeiten gewesen, als jeder den anderen kannte und schätzte, als die Jüngeren auf die Älteren hörten, als es keine Betrunkenen gab und niemand seinen Müll auf die Straße warf, nicht so wie heute, wo vom Institut fast nichts übriggeblieben war, die Schlampe von Direktorin die Institutsliegenschaften verhökerte und die erste Generation der Siedlungsbewohner langsam ausstarb, während jetzt in den Häusern irgendwelche Fremden lebten, die mit dieser warmherzigen Magie nichts anzufangen wussten, von der Tante Katja nur die Erinnerungen geblieben waren.

Außerdem interessierte Tante Katja natürlich, was Karpow vorhatte, und als Marina antwortete, sie wisse es selbst nicht genau, glaubte ihr die Alte natürlich nicht, ließ sich aber nichts anmerken und erzählte stattdessen, dass sich Karpows Großvater einst mit einer sehr geheimnisvollen Sache beschäftigt habe – einer »wachstumsfördernden Substanz auf Erdölbasis«, die tatsächlich von aserbaidschanischen Lyssenkoisten aus Erdöl hergestellt worden war. Der Großvater hatte ernsthaft geglaubt, dass Schweine schneller fett würden, wenn man sie statt mit normalem Futter mit diesem Erdölprodukt mästete. Aber die Schweine hatten eine normal menschliche Reaktion auf das Erdöl gezeigt – sie hatten es verweigert und auf die Zwangsernährung mit Massensterben reagiert. Dann kam auch Lyssenko aus der Mode, und das Programm wurde eingestellt. Karpows Großvater, der sich schließlich damit abgefunden hatte, keine Karriere gemacht zu haben, arbeitete bis zu seiner Pensionierung in der Abteilung Agitation und Propaganda und verachtete von nun an alle agrarwirtschaftlichen und sonstigen wissenschaftlichen Offenbarungen.

Diese lehrreiche Geschichte stimmte Marina natürlich nicht gerade optimistischer, und als ihr Mann an diesem Abend nach Hause kam, verlangte sie von ihm eine genaue Erklärung, was er in der Scheune trieb und womit er seine Hoffnung auf Ruhm und Reichtum nährte. Karpow war überraschend mitteilsam – Marina hat mir seinen Vortrag sogar wiedererzählt. Da ich aber nur äußerst ungenaue Vorstellungen von der wissenschaftlichen Terminologie habe, möchte ich es an dieser Stelle nicht riskieren, Karpows Aussagen zu verfälschen. Ich sage nur, dass Karpow, der seiner Ausbildung nach weder Biologe noch Chemiker und nicht einmal Pharmazeut war, bereits in Moskau ein Serum entwickelt hatte, das die Wachstumsfähigkeit eines mit diesem Stoff injizierten Lebewesens um ein Vielfaches erhöhen konnte, und dass die Ratten, die ihm der wackere Gennadi für wenig Geld wunschgemäß gefangen hatte, bereits zu Schafsgröße herangewachsen waren, wobei Karpow einigermaßen Mühe hatte, diese ...

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