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Es begann in der Stadt der Liebe …

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PROLOG

Paris, Frankreich

Es hätte der schönste Abend ihres Lebens werden sollen.

Elena Ricci warf ihre langen blonden Locken über die Schulter, während sie hinter die Bühne ging. Die Pariser Modenschau war gerade vorbei. Eigentlich hätte Elena auf Wolke sieben schweben sollen, stattdessen holten ihre Sorgen sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie hatte die geliehene Diamantkette mit den passenden Ohrringen dem Juwelier zurückgegeben, das mit Kristallen besetzte Kleid dem Designer, und nun wollte sie Feierabend machen.

„Gehst du direkt zur Party?“, rief eine weibliche Stimme hinter ihr.

Elena drehte sich um und entdeckte eine junge Frau, die sie anlächelte. Doch ihr fiel kein Name zu diesem Gesicht ein. „Nein. Ich verzichte.“

„Aber du musst gehen“, sagte die schöne junge Frau mit den langen schwarzen Haaren. „Als das Gesicht dieses Modelabels bist du sozusagen Ehrengast. Dieser Abend gehört dir.“

„Ihr habt sicher auch ohne mich euren Spaß. Ich habe keine Lust auf eine Party.“

„Ich wette, du hast etwas anderes vor.“ Die junge Frau lächelte ihr wissend zu. „Er ist es sicher wert.“

Er? Da war kein Er. Der letzte Typ, mit dem sie sich verabredet hatte, war ein Lügner und Betrüger gewesen. Nach diesem Debakel hatte Elena den Männern abgeschworen.

„Es gibt keinen Mann“, stellte sie klar.

„Ach nein? Und wer ist dann der Typ, der vor deiner Garderobe auf dich wartet?“

Elena sagte nichts dazu, sondern ging einfach weiter. Falls es Steven war, würde sie ihn vom Wachdienst hinausbefördern lassen. Schließlich hatte sie ihm unmissverständlich klargemacht, dass er sich nicht mehr blicken lassen sollte.

Als sie sich ihrer Garderobe näherte, stand der Mann mit dem Rücken zu ihr. „Ich habe dir gesagt, dass ich dich nicht mehr sehen will.“

Der Mann drehte sich um. „Begrüßt du so all deine Freunde?“

Elenas Wangen glühten. Vor ihr stand der Earl von Halencia, Luca DiSalvo, ihr Freund aus Kindertagen. „Tut mir leid. Ich … äh … dachte, du wärst jemand anders.“

„Dann sollte er mir wohl leidtun.“

„Nicht nötig. Er verdient dein Mitleid nicht.“ Schnell ging sie zu Luca und umarmte ihn. Sie fand Trost in seinen starken Armen. Und da war noch ein anderes Gefühl, eine Wärme, die ihr ein nervöses Kribbeln im Magen verursachte. Doch sie weigerte sich, darüber nachzudenken, warum sie so freudig erregt war.

Wenn es um Luca ging, hatte sie sich angewöhnt, ihre Gefühle beiseitezuschieben. Ihre Freundschaft mit ihm war ihr viel zu wichtig, um sie aufs Spiel zu setzen – selbst wenn das hieß, dass sie nie mehr als Freunde sein würden.

Lächelnd trat er zurück. „Das war schon eine bessere Begrüßung.“

Forschend sah sie in seine müden Augen. Irgendetwas beschäftigte ihn. Sein unangekündigtes Kommen bedeutete, dass etwas passiert sein musste – etwas Gravierendes.

„Was ist los?“, fragte sie. „Geht es um deinen Vater?“

Luca schüttelte den Kopf. „Nein, um meine Mutter.“

„Deine Mutter?“

Luca holte tief Luft. „Sie haben ihren Mörder gefasst. Oder besser gesagt, meine Schwester hat ihn gestellt. Kaum zu glauben. Nach all den Jahren ist es endlich vorbei.“

Elena wusste nicht genau, wie sie auf diese Neuigkeit reagieren sollte. Sicher, sie war erleichtert darüber, dass das Verbrechen aufgeklärt worden war. Gleichzeitig wusste sie aber auch, wie schwer die Zeit nach dieser abscheulichen Tat für Luca und seine zerstrittene Familie gewesen war. Wie mochte er sich jetzt fühlen?

Nach dem Mord hatte Luca sich von allen ihm nahestehenden Menschen zurückgezogen – einschließlich ihr. Nachdem er die Highschool beendet hatte, war er weggezogen, und kurz danach war sie nach Paris gegangen. Ihre Freundschaft hatte sich auf gelegentliche Telefonate reduziert. Und einmal im Jahr, wenn Luca geschäftlich in Paris war, hatten sie sich in einem kleinen Café getroffen.

Im Laufe der Jahre hatte sie sich immer wieder ermahnt, diese Distanziertheit nicht persönlich zu nehmen. Es war Lucas Art, mit der unvorstellbaren Trauer fertigzuwerden. Wobei sie nicht leugnen konnte, dass es ihr sehr wehtat, die enge Verbindung zu ihrem Freund verloren zu haben.

Obwohl ihr so viele Fragen im Kopf herumschwirrten, schwieg sie, während er ihr kurz erzählte, wie Annabelle den Mörder gefasst hatte. Eine wirklich unglaubliche Geschichte!

„Meine Schwester hat mich eben angerufen“, sagte er, ohne Elena dabei direkt anzusehen. „Ich wollte es dir unbedingt erzählen.“ Er hielt einen Moment lang inne, als würde er über seine nächsten Worte nachdenken. „Obwohl mir eigentlich hätte klar sein müssen, dass deine Mutter es dir sowieso erzählen würde.“

Elena drückte kurz seine Hand. „Ich bin froh, dass du es mir gesagt hast.“

„Wirklich?“

Sie nickte. „Es tut mir sehr leid, was dir und deiner Familie passiert ist. Ich hoffe, es hilft euch ein bisschen, dass der Mörder jetzt gefasst ist.“

„Das hoffe ich auch.“

Irgendwie war er anders. Sonst hatte er sich in kühler Zurückhaltung geübt, doch nun schien er unsicher zu sein, und ein Schimmer von Verletzlichkeit lag in seinem Blick aus graublauen Augen. War er doch aus einem anderen Grund gekommen?

Nein, sie wollte sich nicht ausmalen, dass Luca bereit sein könnte, wieder Teil ihres Lebens zu werden. Um sich abzulenken, beugte sie sich hinunter und schlüpfte in ein Paar weiße Tennisschuhe mit rosa Schnürsenkeln. Nachdem sie ihr Make-up entfernt und die hauchzarten Kreationen zurück auf die Kleiderstange gehängt hatte, fühlte sie sich wieder wie sie selbst.

Als sie sich aufrichtete, merkte sie, dass Luca sie anstarrte. Ihr Herz klopfte schneller, und sie schluckte schwer. „Was ist?“

„Nichts. Ich habe dich nur angesehen.“

Elena wandte sich zum Spiegel um. Vielleicht hatte sie ihr Make-up noch nicht ganz entfernt? Doch da war nichts. Warum hatte Luca sie dann so seltsam angestarrt? Sie schüttelte den Gedanken ab.

„Kann ich dich dazu überreden, mit mir essen zu gehen?“ Sie hatte den ganzen Tag noch keinen Bissen zu sich genommen. Während der Show war sie das reinste Nervenbündel gewesen. Doch jetzt, da es vorbei war, merkte sie, wie ausgehungert sie war. „Wir könnten uns auch eine deiner Lieblingspizzen von Pierre holen und sie mit in meine Wohnung nehmen.“

„Deine Wohnung?“ Luca schüttelte den Kopf. „Das machen wir nicht. Ich habe gehört, du hast aufregende Neuigkeiten.“ Er ging zur Frisierkommode und nahm die Flasche Champagner, die er dort abgestellt hatte. „Wir müssen feiern. Keine Widerrede.“

Sie war sich nicht sicher, ob ihnen beiden danach zumute war. Doch ehe sie protestieren konnte, hatte Luca bereits die Flasche entkorkt, und Elena sah, wie rosa Schaum heraussprudelte. Luca griff nach dem Champagnerglas und füllte es.

„Für dich.“ Er reichte ihr das Glas, und sie nahm es.

Luca verhielt sich ganz anders als sonst. Sie senkte den Blick und betrachtete die perlende Flüssigkeit in ihrem Glas. Wenn Luca gewusst hätte, wie chaotisch ihr Privatleben inzwischen war, hätte er sicher nicht mit ihr feiern wollen, dass sie als neues Gesicht von Lauren Renard ausgewählt worden war.

Elena fühlte sich wie eine Betrügerin. Alle hielten sie für sehr kompetent, aber das war sie nicht. Ihr Urteilsvermögen in Bezug auf Männer ließ sehr zu wünschen übrig. Sie hatte vertraut, war zu offen gewesen und am Ende auf die schlimmste Weise angelogen worden. Jetzt vertraute sie sich selbst nicht mehr und den Männern schon gar nicht.

„Elena?“

Sie sah hoch und begegnete Lucas Blick. Plötzlich spürte sie Tränen hinter ihren Lidern. Hastig blinzelte sie dagegen an, denn sie wollte all den Gefühlen, die sie schon den ganzen Tag bedrängten, nicht freien Lauf lassen.

Luca hob sein Glas. „Nicht weinen. Heute gibt es was zu feiern.“

Elena zwang sich zu einem Lächeln und hob ebenfalls ihr Glas.

Er hielt seins an ihres. „Auf den erstaunlichsten und schönsten Wildfang, den ich je kennengelernt habe.“

Ihr blieb der Mund offen stehen, als sie anstießen. „Das ist nicht fair. Ich bin schon längst kein Wildfang mehr.“

Er musterte sie. „Ich würde dich gerne etwas fragen.“

„Das kannst du, aber ich habe auch das Recht, nicht zu antworten.“ Ein wenig nervös war sie schon. Hatte er von ihrem Liebesdebakel gehört? Sie stöhnte innerlich auf, bevor sie noch einen Schluck nahm – diesmal einen viel größeren.

„Seit wann bist du so schön?“ Lucas Blick liebkoste sie und ließ die Schmetterlinge in ihrem Magen aufgeregt flattern.

Hitze schoss ihr in die Wangen. „Vorsicht, Luca. Wüsste ich es nicht besser, müsste ich annehmen, dass du mit mir flirtest.“

„So ist es.“

Ihr Herz schlug bis zum Hals. Was war nur in ihn gefahren? Luca flirtete zwar ständig, aber immer nur mit anderen Frauen. Und jetzt wusste sie nicht, wie sie auf ihn reagieren sollte.

Er griff nach der Flasche und füllte ihre Gläser wieder auf. „Trink aus. Ich führe dich heute Abend in die Stadt aus, um allen die heißeste Lady von Paris zu zeigen.“

Er fand sie heiß?

Luca war sehr sexy und sagte genau das Richtige, um ihre Abwehr zu umgehen. Wenn sie nicht aufpasste, würde dieser Abend ein böses Ende für sie nehmen.

Sie schluckte schwer. „Aber ich bin müde …“

„Vertrau mir. Das, was ich vorhabe, wird dich auf der Stelle wieder wach machen.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, und trank deshalb noch einmal von ihrem Champagner. Als sie an ihren leeren Magen dachte, wurde ihr klar, dass es nicht sehr vernünftig gewesen war, und sie stellte das Glas ab. „So eine große Sache ist es auch wieder nicht.“

„Und ob es das ist!“ Er lächelte sie an, als würde er etwas im Schilde führen. Schon als sie noch Kinder gewesen waren und in den Palastgärten von Mirraccino gespielt hatten, hatte er sie so angelächelt. „Wir müssen feiern. Und ich habe die perfekte Idee dafür.“

Warum hatte sie plötzlich das Gefühl, dass Luca in Bezug auf ihre Karriere als Model übertrieb? Schließlich war er ein Earl und von königlichem Geblüt. Sein Vater war der Herzog von Halencia, und Lucas Mutter war die Schwester des Königs von Mirraccino gewesen. Elena wusste, dass sie trotz ihrer Leistungen nicht im Entferntesten an Lucas beeindruckende Abstammung heranreichte.

„Es ist wirklich keine große Sache, Luca.“ Hitze stieg in ihre Wangen.

„Hör auf, so bescheiden zu tun. Du hast hart für deinen Erfolg gearbeitet.“ Er ging zu ihr und legte seinen Arm um ihre Schultern. „Ich bin stolz auf dich. Warte nur, bis meine Schwester davon hört. Sie hat übrigens eben nach dir gefragt.“

„Ach wirklich?“ Als er nickte, sagte Elena: „Grüß sie von mir.“

„Das werde ich. Nachdem ich ihr erzählt habe, dass du weltberühmt bist und das Gesicht ihres Lieblingsmodelabels.“

Was tatsächlich ein Wendepunkt in Elenas Karriere war. Jetzt würde ihr Gesicht nicht nur in den Magazinen auftauchen, sondern auch auf dem Cover. Endlich würde sie nicht nur die Tochter des königlichen Sekretärs sein oder der Wildfang, der mit Luca auf dem Palastgelände bis weit nach Sonnenuntergang Fußball gespielt hatte. Jetzt war sie ein erfolgreiches, internationales Model – wie lange auch immer.

„Ich habe etwas Besonderes mit dir vor“, erklärte er und sah sie eindringlich an.

Ihr Herz raste. „Seit wann tust du so geheimnisvoll, Luca?“

„Geheimnisvoll?“ Seine Augen funkelten verschmitzt. „Man hat mir ja schon viel vorgeworfen, aber das noch nicht.“

„Dann raus damit. Was hast du geplant?“

„Vertrau mir. Du wirst es noch früh genug erfahren.“

Sie griff nach ihrer Handtasche, und als sie sich wieder umdrehte, um etwas zu sagen, landeten seine Lippen auf ihren. Das durfte nicht sein! Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Warum zog sich Luca nicht zurück? Weshalb tat sie es nicht?

Vielleicht wäre sein Kuss auf ihrer Wange gelandet, hätte sie einen Moment länger stillgehalten. Doch keiner von ihnen bewegte sich. Ob er hörte, wie ihr Herz hämmerte?

In den vergangenen Jahren hatte sie sich immer wieder gefragt, wie es sich wohl anfühlen würde, Lucas Mund auf ihrem zu spüren. Aber sie hätte nie geglaubt, dass es tatsächlich passieren würde.

Und dann küsste er sie, vorsichtig und langsam, als wollte er erkunden, wie es weitergehen sollte. Ihr Puls raste, und sie war zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig. Endlich wurde ihr Traum wahr!

Ihre Tasche fiel zu Boden, als sie nach ihm griff und mit der Hand unter seine graue Jacke schlüpfte. Während sie mit den Fingern über seine muskulöse Brust strich, stieg ein Stöhnen in ihr auf.

Oh ja! Der Kuss – dieser Augenblick – war so viel besser, als sie es sich vorgestellt hatte.

Er schlang die Arme um sie und zog sie näher an sich heran. Mit einem Mal war sie voller Verlangen. Die Gefühle, die er in ihr weckte, waren berauschender als der Champagner.

Schließlich drang seine Zunge in ihren Mund, und sie presste ihren Körper an seinen. Wenn das ein Traum war, wollte sie nicht aufwachen.

Als sie ein Pfeifen und Applaus von den Bühnenarbeitern hörte, löste sie sich widerwillig von ihm. Sie wusste nicht, was sie erwarten würde, wenn sie in Lucas Gesicht sah. Sie hatte Angst, Enttäuschung oder Bedauern darin zu lesen, doch stattdessen lächelte er sie an, und seine Augen leuchteten.

„Willst du jetzt gehen?“, flüsterte Luca ihr ins Ohr, und eine Gänsehaut überlief sie.

„Äh … ja.“

„Gut. Ich möchte diesen Abend zu einem ganz besonderen für dich machen.“

Das war er bereits. Denn dieser Kuss war so unerwartet gekommen und so viel besser gewesen, als sie es sich vorgestellt hatte. Luca hatte eine andere Seite von sich gezeigt, die sie sehr mochte. So, wie sie ihn sehr mochte.

Nachdem sie ihre Tasche vom Boden aufgehoben hatte, stahl sich ihre Hand in seine, und sie eilten zur Tür hinaus. Über ihre Entscheidung, mit ihm zu gehen, wollte sie nicht nachdenken. Denn das war ihre Chance, mehr zu sein als nur Lucas Freundin.

Endlich sah er sie als begehrenswerte Frau.

1. KAPITEL

Neun Wochen später, auf der Insel Mirraccino im Mittelmeer

Sie hatte einmal gehört, dass kein Weg zurückführt. Vielleicht hätte sie diese Warnung beherzigen sollen.

Elena starrte sich in dem großen Spiegel an. Sie stand in ihrem Schlafzimmer im bescheidenen Haus ihrer Eltern, das auf dem königlichen Anwesen in Mirraccino lag. Diese Reise war nicht ihre Idee gewesen. Vielmehr hatte ihre Mutter sich das Bein gebrochen, sodass Elena plötzlich gezwungen gewesen war, hierher zu kommen.

Ihre Mutter Luisa hatte angerufen, um ihr zu sagen, dass sie nicht allein zurechtkommen würde. Weil Elenas Vater im Palast gebraucht wurde, war Luisa den ganzen Tag allein zu Hause. Und da Elena ihr einziges Kind war, musste sie einspringen. Der Zeitpunkt war nicht sehr günstig, weil die neue Modekampagne von Lauren Renard bald anlief und Elena nun all ihre Termine verlegen musste.

Natürlich war sie bereit, ihrer Mutter zu helfen, die immer für sie da gewesen war. Ohne dass Elena davon wusste, hatte ihre Mutter jedoch übertrieben, was ihre körperliche Verfassung betraf. Doch sie sagte nichts dazu, weil sie ohnehin viel zu selten nach Hause kam.

Denk nicht darüber nach. Nicht heute Abend.

Sie hatte noch nicht einmal ausgepackt, als Luisa ihr eine Einladung überreichte. Das Schreiben steckte in einem cremefarbenen Umschlag mit dem dunkelvioletten Siegel des Königs. Ein wenig verwirrt öffnete Elena das Kuvert und stellte überrascht fest, dass sie zu Lady Annabelles Verlobungsfeier eingeladen wurde. Das Fest sei informell und zwanglose Kleidung erbeten.

Jetzt, zwei Tage später, hatte Elena bereits jedes Kleid, das sie aus Paris mitgebracht hatte, mindestens zweimal anprobiert. Manche waren zu freizügig, andere zu auffällig oder zu formell. Was zog man zu einem Dinner im Palast eigentlich an?

Obwohl sie die Tochter des königlichen Privatsekretärs war, war sie noch nie zu einem festlichen Ereignis in den Palast eingeladen worden. Und dies war nicht irgendeine Party, sondern eine Feier, die sich über eine ganze Woche erstreckte. Ihre Mutter hatte es übernommen, in Elenas Namen die Einladung anzunehmen.

Es klopfte.

„Komm herein.“

Lächelnd betrat Luisa das Zimmer. Ihre langen schwarzen Haare hatte sie im Nacken zusammengebunden und ihre natürliche Schönheit nur mit ein bisschen Rouge betont. „Ich wollte nur nachsehen, ob du Hilfe brauchst.“

„Eigentlich sollte ich dich fragen, ob du etwas brauchst.“

Ihre Mutter winkte ab. „Mir geht es gut.“

„Ist Papa schon zu Hause? Ich dachte, er bleibt vielleicht bei dir, wenn ich heute Abend ausgehe …“

Das Lächeln auf Luisas Gesicht verblasste. „In letzter Zeit sehe ich deinen Vater nicht sehr oft.“

Elena hatte schon bemerkt, dass ihr Vater immer seltener zu Hause war. „Was hat er denn ständig zu tun?“

„Das Gleiche wie immer – der König.“

„Ach.“ Elena wusste, dass ihr Vater nicht über seine Arbeit sprach. Wahrscheinlich vertraute der König ihm deshalb von all seinen Angestellten am meisten. „Tut mir leid. Ich hatte gehofft, dass der König inzwischen zu seinem normalen Leben zurückgefunden hat.“

„Das hatte ich auch gehofft. Aber seit sie diesen Mörder verhaftet haben, ist nichts mehr, wie es sein sollte. Den König hat diese Neuigkeit schwer getroffen.“

„Sicher war es ein Schock für ihn, als er erfahren hat, dass der Mörder all die Jahre im Palast herumspaziert ist.“

Ihre Mutter schüttelte sich. „Dein Vater hat diesen Verbrecher jeden Tag gesehen. Allein der Gedanke …“

„Denk nicht daran. Es ist vorbei.“ Elena hoffte, dass sie ihre Mutter beruhigen konnte. „Papa kann nichts passieren.“

Luisa schenkte ihr ein schwaches Lächeln und nickte.

Elena drehte sich wieder zum Spiegel um. Sie hatte sich schließlich für das kleine Schwarze entschieden, ein einfach geschnittenes Kleid, das zu ihrer Stimmung passte. Seit ihrer Nacht mit Luca war sie schlecht gelaunt, weil sie wieder einen Fehler gemacht und ihr Urteilsvermögen versagt hatte.

Die einzige richtige Entscheidung war die gewesen, dass sie zugestimmt hatte, für Lauren Renard zu arbeiten. Inzwischen hatte sie so viele Anfragen, dass sie gar nicht alle zusagen konnte. Doch wenn sich erst herumgesprochen hätte, in welchem Zustand sie sich befand, wäre alles vorbei.

Sie war schwanger mit Lucas Baby.

Schwanger. Das Wort klang immer noch so fremd für sie.

Sie hatte stets auf ihren Zyklus geachtet, doch bei ihrem hektischen Terminplan hatte sie zu spät bemerkt, dass ihr Zyklus unregelmäßig geworden war.

Vier Schwangerschaftstests später waren ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden: Sie bekam ein Kind von Luca. Doch bis jetzt wussten nur Elena und ihr Arzt davon. Und so sollte es vorerst auch bleiben.

„Trägst du das zum Dinner?“ Stirnrunzelnd musterte Luisa Elenas schwarzes Kleid. „Hast du nichts Fröhlicheres?“

Aus irgendeinem Grund fühlte sich Elena durch die ablehnende Haltung ihrer Mutter in ihrer Entscheidung bestätigt. „Mir gefällt es.“

„Du bist schrecklich dünn.“ Missbilligend schnalzte Luisa mit der Zunge. „Du musst mehr essen. Dünn ist ja schön, Liebes. Aber wenn ein Mann dich umarmt und …“

„Hör auf, Mama!“ Sie konnte nicht glauben, dass ihre anständige Mutter über so etwas sprach. Es klang einfach falsch, wenn sie über Sex redete.

„Also wirklich, Elena. Ich wusste gar nicht, dass du so prüde bist, wo du doch als Model all diese sexy Outfits trägst.“

„Ich bin nicht prüde. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich … darüber sprechen will. Mit dir.“

Luisa lächelte. „Ich hätte nicht gedacht, dass man in deinem Alter Probleme hat, über Sex zu sprechen.“

„Es reicht.“

In diesem Moment klingelte es an der Tür.

Elena sah ihre Mutter an. „Erwartest du jemanden?“

„Eigentlich nicht.“

„Ich geh schon.“ Froh über die Unterbrechung ging Elena zur Tür.

Doch Luisa hielt sie zurück. „Du bleibst hier und machst dich fertig. Ich werde mich so lange mit deiner Begleitung unterhalten.“

„Ich dachte, du weißt nicht, wer geklingelt hat.“

„Mir … äh … ist es gerade wieder eingefallen.“ Luisa wich ihrem Blick aus.

„Ach ja? Interessant. Ich wüsste nämlich nicht, dass ich mich verabredet hätte.“

„Ich weiß, Liebes. Deshalb habe ich das in die Hand genommen. Schließlich willst du doch nicht allein im Palast aufkreuzen.“

Elena war so verblüfft, dass sie mit offenem Mund dastand, als ihre Mutter auf Krücken das Zimmer verließ. Luisa zog sogar die Tür hinter sich zu.

Elena wusste nicht, was sie mehr schockierte: dass sie ein Date für diesen Abend hatte, ohne zu wissen, mit wem – oder dass ihre Mutter so beweglich war. Doch da sich ihre Mutter um das Date gekümmert hatte, war zumindest klar, dass Elenas Begleiter ein Gentleman sein musste.

Das einzige Problem war, dass sie keine Begleitung wollte. Sie konnte durchaus allein in den Palast gehen. Heutzutage war es für eine fünfundzwanzigjährige Frau nicht mehr anstößig, sich ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Sie musste ihrer Mutter Einhalt gebieten, damit sie sich nicht mehr einmischte. Schließlich war Elena nach Mirraccino gekommen, um sich um Luisa zu kümmern, nicht umgekehrt.

Wieder sah sie in den Spiegel und betrachtete sich von der Seite. Ob man schon sehen konnte, dass sie schwanger war? Vermutlich nicht. Sie war erst ganz am Anfang der Schwangerschaft. Von der gefürchteten morgendlichen Übelkeit war sie bis jetzt zum Glück verschont geblieben.

Elena wandte sich vom Spiegel ab und schlüpfte in ihre Plateauschuhe, die mit kleinen Kristallen verziert waren.

Dann verließ sie das Schlafzimmer und ging nach unten. „Mama, ich …“

Die Worte erstarben in ihrer Kehle. Luca war da und scherzte mit ihrer Mutter. Elena schlug das Herz bis zum Hals. Wie war das möglich? Luca kam nie nach Mirraccino.

Mit seinen kurz geschnittenen dunklen Haaren sah er unglaublich attraktiv aus. Sein schwarzer Anzug betonte seine breiten Schultern, an die sie sich vor nicht allzu langer Zeit geschmiegt hatte. Schnell verscheuchte sie diesen Gedanken.

Sein weißes Hemd stand am Kragen ein wenig offen und zeigte ein kleines Stück seiner gebräunten Haut und die Kette mit dem Anhänger des heiligen Christophorus. Die Kette hatte seine Mutter ihm geschenkt, und Elena wusste, dass sie ihm sehr wichtig war.

Luca hatte einfach alles: gutes Aussehen, einen Titel, Geld. Ihm fehlte es an nichts. Obwohl er einen festen Job im Finanzsektor mit Hauptsitz in Mailand hatte, reiste er regelmäßig durch Europa, die Vereinigten Staaten und Australien. Und sicher mangelte es ihm nie an Begleitung …

Sie hätte wissen müssen, dass ihre Mutter Luca für den passenden Begleiter hielt. Es wäre ganz nach ihrem Geschmack, wenn ihre Tochter in die königliche Familie einheiraten würde. Obwohl Elena ihr bereits klargemacht hatte, dass das nie der Fall sein würde. Sie hatte genug von Männern, schließlich wollten sie alle nur das Eine. Und wenn sie ihr Ziel erreicht hatten, jagten sie der Nächsten hinterher.

Luca war bis vor nicht allzu langer Zeit auch dieser Typ Mann gewesen. Und sein Verhalten nach ihrer gemeinsamen Nacht hatte sie nicht davon überzeugen können, dass er sich geändert hatte. Deshalb sollte sie in Bezug auf ihn wohl lieber vorsichtig sein.

„Hallo, Elena.“ Luca setzte ein Lächeln auf, und etwas Dunkles leuchtete in seinen Augen auf. Doch es verschwand so schnell wieder, dass Elena nicht wusste, ob sie es sich vielleicht nur eingebildet hatte.

„Hi. Ich … Ich wusste gar nicht, dass du wieder da bist.“

„Meine Schwester hat mir erklärt, dass sie mich an den Haaren herbeischleifen wird, sollte ich nicht zu ihrer Verlobung auftauchen.“

„Ich kann mir gut vorstellen, dass Annabelle ihre Drohung wahr gemacht hätte.“

„Ich auch. Deshalb bin ich jetzt hier.“

„Und da du erst in letzter Minute aufgetaucht bist, hat sich Luca freundlicherweise bereit erklärt, dich zu begleiten“, warf ihre Mutter ein. „Das ist doch richtig, Luca?“

„Ja, das stimmt“, bestätigte er. „Sieht so aus, als ob wir beide heute Abend keine Begleitung hätten.“

„Was aber nicht heißt, dass meine Mutter sich dir hätte aufdrängen sollen.“ Elena warf ihr einen bösen Blick zu.

„Das habe ich nicht“, spielte Luisa die Unschuldige.

Forschend sah Elena ihre Mutter an. Sie glaubte ihr nicht. „Dann hat Luca vermutlich übernatürliche Fähigkeiten und wusste, dass ich an diesem Abend ohne Begleiter bin?“

Elena spürte seinen Blick auf sich ruhen, doch sie weigerte sich, ihn anzusehen. Ihr war das Ganze schon peinlich genug. Wie konnte ihre Mutter ihr das nur antun?

„Ich wollte nur helfen“, wehrte Luisa ab. „Luca kam neulich vorbei, um nach mir zu sehen. Er hatte von meinem Unfall gehört und wollte sichergehen, dass es mir gut geht.“

Es klang recht unschuldig, aber wie aus dieser Begegnung ein Date resultiert war, wollte ihr nicht so ganz einleuchten. „Und dann hast du diesen Plan ausgeheckt und seine Freundlichkeit ausgenutzt.“

„Junge Dame …“ Luisas Stimme klang scharf vor Empörung. „Ich habe nichts ausgeheckt. Ich habe ja nicht einmal groß erwähnt, dass du kommst.“

„Ich habe dann vorgeschlagen, dass wir zu dem Dinner gehen – zusammen.“ Lucas Lächeln war verschwunden.

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