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Es begann in der Hochzeitsnacht

Rachel Bailey

Es begann in der Hochzeitsnacht

1. KAPITEL

Vorsichtig legte Lily Grayson sich die Hand auf den noch flachen Bauch und sah sich in dem großen Saal um, der ihr nur allzu vertraut war. Von der hohen Decke hingen funkelnde Lüster herab. Bei dem lebhaften Geplauder der festlich gekleideten Gäste war das im Hintergrund spielende Streichquartett kaum zu hören. Bei dieser Geburtstagsfeier mochte keiner, der in der Gesellschaft etwas zu sagen hatte, fehlen. Alle schienen sich blendend zu amüsieren. Nur Lily war alles andere als in Festtagsstimmung.

Nervös musterte sie die Gäste. Wo war er nur, der Mann, mit dem sie dringend sprechen musste? Der Mann, den sie einst geliebt, dem sie aber nie restlos vertraut hatte: Damon Blakely, der Multimillionär. Von Männern gefürchtet und von Frauen begehrt.

Ein Kellner blieb vor ihr stehen und sah sie fragend an. Lily warf einen kurzen Blick auf das Tablett mit Champagnergläsern, schüttelte den Kopf und sah sich weiterhin in dem Saal um. Ganz sicher war doch auch Damon zum sechzigsten Geburtstag seines Onkels Travis Blakely erschienen. In den sechs Monaten, in denen sie mit Damon zusammen gewesen war, hatten sie den Onkel häufiger in seinem Haus hier in Melbourne besucht. Aber seit ihrer Trennung vor drei Monaten war Lily nicht mehr hier gewesen. Sie war diejenige gewesen, die Schluss gemacht hatte, weil sie Damons Unzuverlässigkeit nicht mehr ertragen hatte. Dauernd ließ er Verabredungen platzen, auch in Situationen, in denen sie ihn sehr gebraucht hätte. Seine Arbeit ging immer vor.

In diesem Zusammenhang musste sie an ihre geliebte Großmutter denken, die eigentlich von der Hilfe der Enkelin abhängig war, es aber nicht zugeben wollte. Obwohl sie bei ihrem angegriffenen Gesundheitszustand nicht allein leben sollte, weigerte sie sich, mit Lily zusammenzuziehen. Gran liebte ihre Unabhängigkeit, und Lily wusste nicht, wie sie ihr helfen konnte.

Aber im Augenblick gab es Wichtigeres. Sie musste Damon finden.

Wieder stellte sie sich auf die Zehenspitzen und ließ den Blick über die Menge schweifen. Die Frauen in den prächtigen Abendroben, die Männer in den Smokings, das oberflächliche Geplauder über die immer gleichen Themen, das Klingeln der Champagnerkelche – das alles war nicht ihre Welt, und Lily wäre am liebsten möglichst bald verschwunden. Aber dies war Damons Welt, und sie musste ihn unbedingt sprechen.

Langsam drehte sie sich um die eigene Achse, blieb dann aber mit klopfendem Herzen abrupt stehen. Nur wenige Schritte entfernt stand Damon Blakely, ein Glas Rotwein in der linken Hand, die rechte ausgestreckt, da er ständig neue Gäste begrüßen musste. Dabei lächelte er zuvorkommend, hielt aber die Augen ständig auf Lily gerichtet, diese unverwechselbaren Augen mit dem schwarzen Ring um die eisblaue Iris.

Ein heißer Schauer erfasste Lily, sie erbebte am ganzen Körper. Schnell senkte sie die Lider, um ihre Erregung zu verbergen, doch dann musste sie die Augen beinah gegen ihren Willen wieder öffnen. So sehr sehnte sie sich nach seinem Anblick. Immer schon hatte er diese Wirkung auf sie gehabt.

Da Damon größer als die meisten Gäste war, blickte er auch auf sie herunter. Wie viel einfacher wäre es gewesen, wenn sie gleich zu Anfang von den Eingangsstufen aus die Menge nach seinem pechschwarzen Haarschopf abgesucht hätte. Oder – bei diesem Gedanken errötete sie leicht – sie hätte ihrem Körper die Führung überlassen sollen. Er hätte bestimmt den Weg gefunden, denn sie war immer wie magisch von diesem Mann angezogen worden.

Nachdem er ein paar abschließende Worte mit einem rundlichen Mann gewechselt hatte, wollte Damon sich zu Lily umwenden. Doch dann wurde er von einem distinguiert aussehenden Herrn angesprochen, einem Politiker, dessen Bild Lily schon ein paar Mal in der Zeitung gesehen hatte.

Auch gut, da habe ich einen Moment Zeit, mich zu sammeln, dachte Lily, trat ein paar Schritte zurück und lehnte sich aufatmend gegen eine kühle Säule. Damon würde sie ansprechen, da war sie mittlerweile ganz sicher. Eigentlich merkwürdig, auch nach der Trennung fühlte er sich offenbar noch von ihr angezogen. Während sie die Menge um sich herum betrachtete, wurde ihr wieder bewusst, wie wenig sie mit diesen Menschen, der High Society von Melbourne, gemein hatte und wie gleichgültig ihr dieses Leben war. Sie war bei Gran aufgewachsen, die ganz andere Sorgen hatte. Seit nämlich ihr Sohn, Lilys Vater, das Familienvermögen verspielt hatte, hatte die geliebte Großmutter große Schwierigkeiten gehabt, der Familie das Dach über dem Kopf zu erhalten. Seit der Zeit hatte Lily keinen anderen Wunsch, als in finanzieller Sicherheit zu leben.

Der Duft von zu vielen verschiedenen Parfüms stieg ihr in die Nase, und ihr wurde schwindelig. Leicht lehnte sie den Kopf zurück. Weg, nur weg hier! schoss es ihr durch den Kopf. Aber sie musste mit Damon reden. Hoffentlich konnte sie dieses Gespräch, das ihr sehr bevorstand, bald hinter sich bringen. Was Damon wohl zu der Neuigkeit sagen würde, die sie ihm eröffnen wollte?

Endlich verabschiedete er sich von dem Politiker und wandte sich zu Lily um. Mit wenigen Schritten war er bei ihr. Ohne etwas zu sagen, musterte er sie langsam von oben bis unten, dann trank er den Rotwein aus und stellte das Glas ab. Immer noch schweigend, nahm er sie beim Ellbogen, beugte sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, besser gesagt, auf den Mundwinkel, eine Geste, die eigentlich zu intim war, zumindest hier in der Öffentlichkeit. Aber Damon Blakely hatte sich noch nie um die Meinung anderer Leute gekümmert.

„Hallo, Lily“, sagte er, und seine Stimme klang so wunderbar tief und maskulin, dass Lily wohlig erschauerte. „Du siehst fantastisch aus.“

Obwohl Lily inzwischen gelernt hatte, dass man seine Komplimente nicht für bare Münze nehmen durfte, beschleunigte sich ihr Puls. Doch sie ließ sich nichts anmerken. „Hallo, Damon“, erwiderte sie freundlich. „Auch du kannst dich nicht beschweren. Aber ein Smoking stand dir schon immer gut.“

Er lächelte leicht und fixierte sie mit diesen irritierenden blauen Augen. „Und ich hoffte schon, ich hätte dir ohne Smoking besser gefallen.“

Sofort hatte sie vor Augen, wie sie und Damon sich auf dem großen Bett liebten: seinen muskulösen Körper und die sonnengebräunte Haut, die einen erregenden Kontrast zu ihrem schlanken Körper und ihrem hellen Teint darstellten … Verlangen erfasste sie, und sie biss schnell die Zähne zusammen, während sie Damon mit einem Ruck den Ellbogen entzog. Zu diesen vertraulichen Berührungen hatte er kein Recht mehr.

Fragend hob er eine Augenbraue, dann nickte er kaum merklich. Er hatte verstanden und war nicht beleidigt. Während er das Gewicht auf ein Bein verlagerte, schob er eine Hand in die Hosentasche und sah Lily lächelnd an, sexy und selbstbewusst wie immer.

Panisch sah sie sich um. Bevor sie noch vollkommen die Nerven verlor, musste sie ihm unbedingt von ihrem Baby erzählen. Aber wo? Sie brauchte einen Ort, wo sie mit ihm allein war und keiner mithören konnte.

Lächelnd beugte Damon sich jetzt zu ihr herunter und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich muss unbedingt etwas mit dir besprechen. Allein.“

Verblüfft starrte sie ihn an. Woher wusste er …? Hatte er es erraten? Nein, das war nicht möglich. Man sah ihr noch nichts an, und jetzt, nach vierzehn Wochen, hatte sie auch nicht mehr mit Übelkeit zu kämpfen. Und da außer ihr keiner wusste, dass sie schwanger war, konnte er keine Ahnung haben. Aber er wollte mit ihr allein sprechen, sehr gut. Das passte vorzüglich in ihre Pläne. „Wann?“, entgegnete sie ebenso leise.

„Wie wäre es mit gleich?“

Gleich? Die Knie wurden ihr weich, aber sie bewahrte die Fassung. „Wo?“

Statt einer Antwort nahm er sie bei der Hand und zog sie mit sich. Erst wollte Lily sich sträuben, doch dann gab sie nach. Offenbar hatte er noch nicht ganz begriffen, dass er sie nicht berühren sollte. Nun gut, dieses eine Mal würde sie es ihm noch durchgehen lassen. Außerdem bedeuteten diese Berührungen ja nichts. Damon ging mit allen Frauen ähnlich um, und alle verfielen sie ihm und seinem sinnlichen Charme. Aber ihr kam es auf ganz andere Eigenschaften an, das sollte sie sich unbedingt wieder ins Gedächtnis rufen, wie sie sich insgeheim ermahnte. Ein Mann musste zuverlässig und vertrauenswürdig sein, für ihn sollten die Bedürfnisse anderer wichtiger sein als die eigenen. Diese Qualitäten suchte man bei Damon Blakely jedoch vergebens, und Lily wusste, dass er sich nie ändern würde.

Über einen langen Flur gelangten sie in den hinteren Teil der großen Villa, in der Damon aufgewachsen war. Er schob die schweren Glastüren zu der Privatgalerie des Onkels auf und schaltete das Licht ein.

Lily war überwältigt. Da sie selbst als Kuratorin in einer Kunstgalerie arbeitete, konnte sie den Wert dieser Kunstwerke ganz gut einschätzen. Staunend betrachtete sie die Gemälde an den Wänden und strich beinahe andächtig über eine der vielen Glasvitrinen, die antike Schmuckstücke enthielten.

„Wir sind schon lange nicht mehr allein gewesen“, bemerkte Damon leise. „Wie lange eigentlich?“

Sie war zusammengezuckt, drehte sich aber nicht zu ihm um, als sie antwortete: „Fast drei Monate.“ Jetzt spürte sie, wie er hinter sie trat, und wandte sich ihm langsam zu.

Spielerisch griff er nach einer ihrer hellblonden Strähnen. „Wie ist es dir in der Zwischenzeit ergangen? Wie geht es Gran?“

„Mir geht es gut, danke.“ Sie räusperte sich kurz. Wenn ihr die Stimme doch nur besser gehorchen würde. „Gran hatte ein paar ernsthafte Probleme, aber es scheint ihr langsam wieder besser zu gehen.“

Zumindest gesundheitlich. Allerdings konnte Lily sich nicht vorstellen, wie Gran all die Arztrechnungen mit ihrer kleinen Rente bezahlen sollte, und das bereitete ihr große Sorgen. Die Großmutter hatte schon so viel ertragen müssen. Sie hatte den Sohn verloren, dann das Haus und war oft krank gewesen. Das war alles viel zu viel für die gebrechliche alte Dame.

Zärtlich strich Damon ihr über die Wange. „Das war sicher alles sehr schwer für dich.“

Lily konnte nur nicken. Damons Geste verwirrte sie, und gleichzeitig musste sie an die schwierige Situation der Großmutter denken.

„Wahrscheinlich lässt sie sich nach wie vor nicht von dir helfen, was?“, fragte er leise.

Um sich seiner sinnlichen Ausstrahlung zu entziehen, trat Lily hastig ein paar Schritte zurück. Auf keinen Fall durfte sie ihm wieder verfallen. Und da sie wusste, wie gefährdet sie in diesem Punkt war, ging sie um die Vitrine herum und blickte Damon von der anderen Seite her an. „Nein. Sie meint, jetzt, da ich mit ihrer Hilfe auf eigenen Füßen stehe, würde sie nicht zulassen, dass ich ihretwegen in finanzielle Schwierigkeiten gerate.“

Lächelnd ging Damon auf sie zu, dann an ihr vorbei und lehnte sich an eine Säule. Während er einen Fuß vor den anderen stellte und die Hände in die Hosentaschen schob, ließ er Lily nicht aus den Augen, wie ein Raubtier, das auf den richtigen Moment wartet, um zuzuschlagen. „Und was willst du nun tun?“

„Ich weiß noch nicht. Aber mir wird schon irgendetwas einfallen.“ Wie auch immer, sie musste Gran helfen.

Damon stieß sich von der Säule ab und kam auf Lily zu. Langsam musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Bist du da so sicher?“

Nein, das war sie keineswegs. Aber auch wenn sie noch nicht wusste, wie, eins war ihr sonnenklar: Gran würde geholfen werden. Da gab es keinen Zweifel. „Mach dir keine Sorgen, Damon. Das schaffe ich schon.“ Sein Blick, mit dem er sie so intensiv ansah, machte sie ganz nervös. Wie sollte sie sich da konzentrieren können? Schnell versuchte sie, das Thema zu wechseln. „Vielleicht sollte ich mir eher Sorgen um dich machen. Ich habe gehört, dass dein Onkel dich enterbt hat, nachdem wir uns getrennt hatten.“

„Stimmt. Ich werde sein schmutziges Geld nicht erben und auch nicht …“, er machte eine weit ausholende spöttische Geste, „dieses prachtvolle Haus. Im Grunde … gar nichts.“

„Auch nicht das, was du immer wolltest?“ Was ihm immer wichtiger gewesen war als sie … nämlich das Unternehmen seines verstorbenen Vaters, die Blake Corporation.

„Nein.“

Mitgefühl überwältigte sie, und sie senkte schnell den Blick, damit Damon nicht sah, was sie dachte. Schließlich ging er sie nichts mehr an. Sie war fertig mit ihm … oder nicht?

Als sich vor ihr etwas bewegte, hob sie schnell den Kopf. Damon war noch einen Schritt näher gekommen und sah sie mit dem üblichen arroganten Blick an. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und beugte sich zu ihr herunter. „Ich möchte dir ein Angebot machen, um deiner Großmutter zu helfen.“

Misstrauisch schaute sie zu ihm auf. Wie kam er denn auf die Idee? Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. „Was denn für ein Angebot?“

„Ich kaufe ihr ein Haus mit all den modernen Einrichtungen, die eine Frau ihres Alters braucht. Außerdem werde ich ihre Arztrechnungen bezahlen und eine Krankenschwester für sie engagieren, die ihr hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Und die auch länger bleiben kann, sofern Gran es zulässt.“ Er grinste zuversichtlich, als wisse er genau, dass Lily ein solches Angebot nicht ablehnen konnte. „Sie wird es annehmen, das weißt du genau. Ihr ist klar, dass ich es mir leisten kann, und außerdem hat sie immer eine Schwäche für mich gehabt.“

„Aber warum solltest du so etwas für sie tun?“

Lächelnd griff er wieder nach ihrer Hand. „Travis hat mich für heute Abend eingeladen, weil er mir ein Angebot machen will. Und ich möchte dich und deine Großmutter in dieses Angebot einschließen.“

Jetzt verstand Lily überhaupt nichts mehr. „Ich dachte, Travis und du wolltet nichts mehr miteinander zu tun haben.“ Deshalb war sie auch sehr überrascht gewesen, als Travis’ Sekretärin sie angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass auch Damon erwartet würde. Aber sie hatte dann nicht weiter darüber nachgedacht, weil sie die Möglichkeit nutzen wollte, mit Damon zu sprechen. Da er lange außer Landes gewesen war, hatte sie bisher keine Gelegenheit dazu gehabt.

Aber sie musste auf der Hut sein. Denn sie wusste, dass die Blakelys nur zu gern ihre Spielchen spielten und ihnen nicht zu trauen war. „Warum sollte Travis dir ausgerechnet jetzt ein Angebot machen?“

„Vielleicht hast du die neuesten Entwicklungen in unserer Familie in den Medien verfolgen können, Lily.“ Zärtlich strich er ihr mit dem Daumen über das Handgelenk. „Und vielleicht bist du ja immer noch daran interessiert, dass es mir gut geht …“

Schluss jetzt! Verärgert stieß Lily die Luft aus und entzog ihm ruckartig die Hand. „Hör endlich auf mit diesem Theater, Damon, und sag mir, was los ist!“

Wieder lächelte er siegesgewiss, als wüsste er genau, dass die Beute ihm nicht entkommen konnte. Nur wer in diesem Fall die Beute war, sie oder Travis, das war Lily bisher nicht klar.

„Der Arzt hat Travis heute eine traurige Mitteilung machen müssen“, sagte Damon fröhlich, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er für den Onkel kein Mitleid empfand. Dass beide sich nicht ausstehen konnten, war Lily allerdings nicht neu.

Sie wusste, dass Travis den Sohn seines älteren Bruders mit eiserner Strenge aufgezogen hatte. Er hatte ihn nie geliebt, hatte ihn gedemütigt und auch geschlagen und sich im Übrigen möglichst wenig um ihn gekümmert. Damon mochte nicht darüber reden, aber seinen Andeutungen hatte sie entnehmen können, dass er eine sehr lieblose Kindheit gehabt hatte. Das hatte ihr das Herz zerrissen und war sicher auch der Grund dafür, dass sie Damon gegenüber viel zu nachsichtig gewesen war. Aber die Zeiten hatten sich geändert, und sie würde nicht mehr auf ihn hereinfallen. Seltsam, dass Onkel und Neffe wieder Kontakt hatten, denn eins war ihr klar: Damon würde Travis nie verzeihen, was der ihm in der Kindheit und Jugend angetan hatte.

Sie versuchte, in Damons Gesichtszügen zu lesen, um herauszufinden, wie ihm zumute war. Doch sein Gesicht war starr wie eine Maske. „Wenn Travis wieder mit dir spricht, muss ja etwas sehr Ernsthaftes vorgefallen sein.“

„Das kann man so sagen. Trotz des besten Herzchirurgen des Landes ist die letzte Operation nicht erfolgreich verlaufen. Heute hat Travis die Testergebnisse bekommen. Offenbar verspricht man sich auch von einer Herztransplantation nicht viel. Es ist wohl schwierig, einen Spender zu finden. Außerdem ist Travis nicht mehr der Jüngste und hat mit seinem Körper ziemlichen Raubbau getrieben. Unter diesen Bedingungen geben die Ärzte ihm noch zwölf Monate.“

Wie schrecklich. Travis tat ihr leid, obgleich sie wusste, wie schlecht er Damon behandelt hatte. Und auch für Damon musste diese Nachricht letzten Endes bitter sein, denn Travis war die einzige „Familie“, die er hatte. Unwillkürlich legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Wie traurig, Damon“, sagte sie leise.

Er runzelte die Stirn. Ihr Mitgefühl war ihm peinlich, aber dennoch hielt er ihre Hand fest. „Nicht unbedingt“, meinte er nur. „Immerhin hat das Ganze auch eine gute Seite. Er hat vor, sein Testament zu ändern.“

„Was?“ Aus großen Augen sah Lily ihn an. „Er gibt dir das Unternehmen deines Vaters zurück?“ War Damon deshalb heute Abend eingeladen worden? Weil der Onkel das mit ihm besprechen wollte?

Seine Augen funkelten gefährlich. „Ja, das habe ich verlangt.“

Aber um welchen Preis? Fragend sah sie ihn an.

„Sieht so aus, als würde Onkel Travis im Alter sentimental“, fuhr Damon ungerührt fort. „Er möchte der Familie etwas hinterlassen.“ Sein abfälliges Lächeln machte deutlich, was er von derlei Sentimentalitäten hielt.

Lily wusste immer noch nicht, worum es nun genau ging. „Dann erbst du alles?“

„Oh nein. Ich bekomme keinen Penny seines Geldes. Aber er hat angeboten, sein ganzes Hab und Gut einem Kind von mir zu hinterlassen. Mein Kind würde einmal sehr reich sein, hat er gemeint.“ Er lächelte verächtlich. „Als wenn mein Kind nicht auch ohne sein ach so großzügiges Angebot genügend Geld hätte.“ Er wandte sich ab, aber Lily spürte, dass er sehr aufgewühlt war.

Sein Kind? Dachte er wirklich ernsthaft daran, eine Familie zu gründen? Zwar hatte sie gehofft, dass er irgendeine Rolle im Leben ihres Kindes spielen wollte, nicht als harter, strafender Vater, wie er es selbst erlebt hatte, sondern eher wie ein großer Bruder. Aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, dass er mehr wollte als das. Hatte er nicht immer wieder betont, dass er für Kinder nichts übrig hatte?

Er blieb vor dem Porträt einer viktorianischen Familie stehen, einer Mutter, umgeben von mindestens sechs Kindern, und betrachtete es interessiert.

Dein Kind?“ Ohne dass es ihr bewusst war, legte Lily sich wieder die Hand auf den flachen Bauch. Doch dann kam ihr auf einmal ein Gedanke. Vielleicht hatte er bereits ein Kind und ihr das immer verschwiegen?

Langsam wandte er sich zu ihr um und musterte sie kühl. „Ja. Das Ganze gilt aber nur, wenn eine Frau mit meinem Kind schwanger ist, bevor er stirbt.“

Lily atmete auf. Also hatte Damon bisher noch kein Kind. Auf eine merkwürdige Art und Weise machte sie das sehr glücklich. Doch dann rief sie sich schnell zur Ordnung. Auf keinen Fall durfte sie sich irgendwelchen Träumen hingeben und ihr Ziel aus den Augen verlieren. Sie wollte ihm lediglich sagen, dass sie schwanger sei und dass sie mit seiner Kooperation rechne. Ansonsten kam es darauf an, das Kind und sich selbst – insbesondere ihr Herz – vor ihm zu schützen.

Nein, in der von ihm angestrebten Partnerschaft hatten Liebe und Ehe keinen Platz. Und sie durfte nie und nimmer ihren nüchternen Verstand verlieren. Schließlich konnte es durchaus sein, dass Damon von dem Kind nichts wissen wollte. Dann würde sie es eben ohne seine Hilfe aufziehen. Aber sie hoffte natürlich, dass er bereit war, seinen Teil dazu beizutragen. Und was er eben gesagt hatte, bestärkte sie in dieser Hoffnung.

Reich sein, das war allerdings eine andere Sache. An Damons Vermögen lag ihr nichts. Die Familie Blakely war das beste Beispiel dafür, wie sehr extremer Reichtum die Moral korrumpierte. Nervös spielte sie mit ihrem kleinen herzförmigen Anhänger. „Und was hast du zu ihm gesagt?“

„Ich habe abgelehnt.“

Sie konnte sich so richtig vorstellen, wie die beiden Blakelys sich gegenüberstanden und ihre Kräfte maßen. „Und dann hat er dir das Angebot mit dem Unternehmen gemacht?“

„Ja, er wollte mich damit bestechen. Und als ich hart blieb, hat er es mit einer Art Erpressung versucht. Er meinte, dann würde er alles Mark, dem Sohn seines Cousins, hinterlassen. Und Mark hätte das Recht, die Blake Corporation zu zerschlagen und in Einzelteilen an die Meistbietenden zu verkaufen. Solange sie nicht Damon Blakely heißen.“

„Das ist ja schrecklich.“ Lily war Mark nur ein einziges Mal bei einem Dinner begegnet, und er war ihr auf Anhieb unsympathisch gewesen. Ohne Rücksicht auf die Angestellten würde er das tun, was ihm am meisten Geld brachte. „Wie willst du denn nun an dieses Kind kommen?“, fragte sie neugierig. Sie wusste selbst, sie sollte ihm jetzt von ihrem Kind erzählen. Aber sie wollte doch zu gern wissen, wie er sich die nähere Zukunft vorstellte.

„Gute Frage. Allerdings will Travis nicht irgendein Baby. Er will einen respektablen legalen Erben.“

Das verschlug ihr fast die Sprache. „Das heißt, du sollst heiraten?“

„Ja. Und deshalb wollte ich mit dir sprechen.“ Er trat so dicht an sie heran, dass sie seine betörende Körperwärme spürte. „Ich möchte dich heiraten.“ Damit ergriff er sie bei beiden Händen und lächelte gewinnend.

Um Lily herum begann sich alles zu drehen, und sie schloss die Augen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Da er früher an Kindern nicht interessiert gewesen war, hatte sie gehofft, das Kind im Wesentlichen allein aufziehen zu können. Aber das war jetzt anders. Wenn sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte, dann würde er sie bestürmen, bis sie bereit war, ihn zu heiraten. Denn er brauchte ein Kind, ihr Kind, wenn er das Unternehmen nicht verlieren wollte. Und nur deshalb würde er sie heiraten und nicht etwa, weil er sie oder das kleine Wesen liebte, das in ihr heranwuchs.

Was sollte sie tun? Gab es einen Ausweg? Aber bekam Damon Blakely nicht immer alles, was er wollte?

„Lily?“ Er umschloss ihr Gesicht mit beiden Händen und zwang sie, ihn anzusehen. „Wenn du mich heiratest, wird für dich und deine Großmutter besser gesorgt, als du es dir je hast erträumen können.“

Immer noch brachte sie kein Wort heraus. Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf.

„Ich weiß, das kommt alles sehr überraschend“, fuhr er schnell fort. „Aber es ist für alle Beteiligten die ideale Lösung.“ Sanft strich er ihr mit den Lippen über die Wange.

Dass Damon ein Mann war, der auf andere einschüchternd wirkte und immer durchsetzte, was er wollte, war allgemein bekannt. Für Lily jedoch bestand seine größte Macht in seiner Fähigkeit, sie zu betören und zu erregen, und das spielend, ohne sich groß anstrengen zu müssen. Wieder fühlte sie, wie sie ihm zu verfallen drohte, als er sie aufs Ohr küsste und dann ihren Hals liebkoste.

„Wenn ich mich richtig erinnere“, flüsterte er, „dann ist beim letzten Mal manches zwischen uns ungeklärt geblieben. Und so etwas mag ich gar nicht.“

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Du meinst, weil ich dich verlassen habe und du es hasst zu verlieren?“

Lächelnd überging er ihre Frage. „In vielerlei Hinsicht passten wir gut zusammen.“ Seine Stimme klang dunkel und verführerisch. „Ich bin sicher, dass eine Ehe klappen könnte.“

Tatsächlich? Wieder spürte Lily diese fatale Wirkung, die er immer schon auf sie ausgeübt hatte. In sexueller Hinsicht hatten sie sich extrem gut verstanden. Doch das war schließlich nicht alles. Dass sie damals mit ihm gebrochen hatte, hatten viele nicht verstanden. Doch dass er sie versetzt hatte, war nur der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

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