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Es begann im Grand Hotel …

PROLOG

Juli, vor fünf Monaten

Brooke Garrison bestellte sich zum ersten Mal in ihren achtundzwanzig Jahren einen hochprozentigen Cocktail.

Sie griff nach dem großen bunten Glas, das ihr der ältliche Barkeeper im Foyer des „Garrison Grand“ reichte. Erschrocken sah sie, wie ihre Hand zitterte. Hinter ihr lag allerdings auch ein schrecklicher Tag, Brooke fühlte sich immer noch völlig durcheinander. Das Testament ihres Vaters war verlesen worden – und sie hatte gerade von dem Doppelleben erfahren, das er geführt hatte.

„Danke“, sagte sie und sah verstohlen auf das Namensschild des Mannes. „Donald.“

„Gern geschehen, Miss Garrison.“ Er schob ihr so elegant eine weitere Serviette zu, wie der Pianist zum nächsten Lied überging. „Und bitte nehmen Sie mein herzliches Beileid für Ihren Vater entgegen. Er wird uns allen sehr fehlen.“

Das sagten mehr Menschen zu ihr, als sie sich vorgestellt hätte. „Sie sind sehr freundlich, Donald. Noch einmal vielen Dank.“

„Keine Ursache. Lassen Sie es mich wissen, falls Sie noch etwas brauchen.“

Was sie brauchte, konnte er ihr nicht geben. Brooke wünschte, sie könnte diesen fürchterlichen Tag ein für alle Mal auslöschen und von vorn beginnen. Oder dass sie wenigstens aufhören könnte, ständig daran zu denken – geschweige denn darüber zu reden. Die Empfangsdame ihres Bruders hatte ihr schon vier Mal auf die Mailbox gesprochen. Aber Brooke weigerte sich, darauf zu reagieren.

Zögernd nippte sie an dem Cocktail und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Geistesabwesend betrachtete sie den Schein der Kerzenflamme, der sich in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit brach. Vielleicht lagen irgendwo auf dem Grund dieses Glases die Antworten auf ihre Fragen. Was hatte ihr die Mutter geraubt? Und warum hatte ihr Vater seit so vielen Jahren die Hälfte seiner Zeit mit einer anderen Frau verbracht?

Die verbitterten Worte ihrer Mutter gingen Brooke einfach nicht aus dem Sinn. Nach der Testamentseröffnung an diesem Morgen hatte Bonita gesagt: „Der hinterhältige Mistkerl. Ich bin froh, dass er tot ist.“

Eine wirklich großartige Art zu erfahren, dass John Garrison nicht nur fünf Kinder gezeugt hatte, sondern sechs. Abgesehen von ihren drei Brüdern und der eineiigen Zwillingsschwester hatte Brooke eine Halbschwester, von deren Existenz sie gerade erst erfahren hatte. Von dieser Schwester hatte er ihnen nie ein Wort erzählt, solange er noch am Leben gewesen war. Stattdessen hatte er es vorgezogen, ihnen diese Neuigkeit in seinem Testament mitzuteilen, in dem er Cassie Sinclair – dieser neu entdeckten Schwester – einen nicht zu verachtenden Anteil am Garrison-Vermögen vermachte.

Nicht dass es Brooke um das Geld ging. Doch der Verrat ihres Vaters tat weh.

Stimmengemurmel und das unverkennbare Klirren von Gläsern, die aneinanderstießen, erinnerten Brooke an die Menschen um sie herum – Menschen, die definitiv glücklicher waren als sie. Im Augenblick war ihr nicht nach fröhlichen Leuten zumute. Brooke wich den Blicken einiger Männer aus, die versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Seufzend setzte sie das langstielige Glas wieder an die Lippen. Wie alles in diesem Hotel, angefangen bei den frischen Blumen und bis zu den Tischdecken aus feinstem Damast, war auch der Cocktail von allererster Güte. Trotzdem schmeckte er für Brooke nach nichts. Sie fühlte nichts außer ihrem Kummer.

Bisher hatte sie insgeheim immer ihre Mutter dafür verantwortlich gemacht, dass ihr Vater so häufig geschäftlich verreist war. Brooke hatte geglaubt, dass Bonita ihren Dad vertrieben hatte. Jetzt fragte sie sich, ob es vielleicht genau andersherum gewesen war. Womöglich hatte das Verhalten ihres Vaters Bonita in die Verzweiflung getrieben?

Wie sollte sie klar denken, wenn die Trauer um einen ihr so wichtigen Menschen sie innerlich geradezu verzehrte? Das Hotel war angefüllt mit Erinnerungen an ihren Dad. Jeden einzelnen Einrichtungsgegenstand hatte er nach seinen persönlichen Wünschen gestalten lassen – vom eindrucksvollen Kristallleuchter in der Bar bis zu den vielen hoch aufragenden Säulen.

Gedankenverloren berührte Brooke mit der Fingerspitze den Rand ihres Glases. Bisher hatte sie noch nie einen hochprozentigen Cocktail getrunken.

Aber heute war kein gewöhnlicher Tag.

Einen Moment lang betrachtete sie die Säulen in der Hotelhalle vor der Bar. Plötzlich spürte sie, dass sich etwas veränderte. Der Abend war so ungewöhnlich, wie sie es niemals für möglich gehalten hätte.

Ein Mann betrat das Hotel. Obwohl die Halle nur schwach beleuchtet war, erkannte Brooke ihn sofort. Er war wirklich der Letzte, den sie hier je erwartet hätte. Denn ihre Familien konkurrierten seit Jahren geschäftlich miteinander. Und die Rivalität hatte sich nur noch verstärkt, seit Jordan an die Stelle seines Vater getreten und die Firmenleitung übernommen hatte.

Warum war Jordan heute also hier?

Vehement unterdrückte sie den Impuls, Jordan gute Absichten zu unterstellen. Brooke zwang sich, wie ihre Geschwister zu denken und misstrauisch zu sein. Die Antwort auf ihre Frage lag auf der Hand. Offenbar war Jordan ins Hotel ihres Bruders Stephen gekommen, um zu sehen, mit welchen Neuerungen die Konkurrenz die Hotelgäste begeisterte. Und damit verschaffte er Brooke ungewollt eine gute Gelegenheit, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen.

Mit der trägen Geschmeidigkeit eines Löwen durchquerte Jordan den Raum. Nein, „träge“ war nicht das richtige Wort.

Wenn sie endlich die Haltung ihrer Geschwister annahm, musste sie es anders sehen: Dann würde ein Jefferies eine träge Haltung vortäuschen, um seine Beobachter abzulenken. Brooke musste zugeben, dass es ihm in jedem Fall ausgezeichnet gelang. Fasziniert ließ sie den Blick über sein attraktives Gesicht und seinen muskulösen Körper schweifen.

Natürlich fiel ihr nicht zum ersten Mal auf, wie umwerfend gut Jordan aussah. Er war zwar der Feind der Familie, aber deshalb war Brooke nicht gleich blind. Bis jetzt hatte sie ihn lediglich als einen Mann wahrgenommen, der absolut tabu für sie war.

Brooke hätte nicht sagen können, wie oft sie ihren ältesten Bruder Parker nach einem konfliktreichen Geschäftstreffen mit Jordan schon hatte toben hören vor Wut. Jedes Mal hatte Brooke versucht, Parker zu besänftigen und eine friedliche Lösung vorzuschlagen. Darin war sie jedoch allzu oft gescheitert.

Heute hatte die Verlesung des Testaments die ganze Familie erschüttert. Brooke erinnerte sich mit Schaudern an die abfälligen Worte ihrer Mutter.

Der hinterhältige Mistkerl. Ich bin froh, dass er tot ist.

Wieder kam der Barkeeper zu ihr und riss sie aus ihren Gedanken. „Kann ich noch etwas für Sie tun, Miss Garrison?“

Garrison. Sie konnte ihrer Familie nicht entfliehen. Genauso wenig wie sie Frieden schaffen konnte. Warum gab sie sich also überhaupt noch so viel Mühe damit?

Plötzlich kam ihr eine Idee, und ihr Herz klopfte schneller.

Nach einem derart furchtbaren Tag verspürte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu unternehmen. Bestimmt würde Parker sich aufregen, das war ihr in diesem Moment allerdings gleichgültig.

„Ja, Donald, Sie können wirklich etwas tun. Bitte sagen Sie dem Gentleman dort drüben …“ Sie wies unauffällig in Jordans Richtung. „… dass seine Drinks heute Abend aufs Haus gehen.“

„Gern, Miss Garrison.“ Der Barkeeper lächelte diskret und ging zum anderen Ende der schimmernden Theke. Nachdem er die Nachricht weitergegeben hatte, hielt Brooke erwartungsvoll den Atem an.

Was würde Jordan Jefferies davon halten, dass sie einfach seine Drinks bezahlte? Wahrscheinlich schloss er daraus nichts weiter, als dass eine Garrison seine Gegenwart zur Kenntnis genommen hatte.

Würde er sich überhaupt an sie erinnern? Doch, das sicher schon, dachte sie. Er war ein kluger Geschäftsmann, natürlich kannte er alle Garrisons. Die Frage war wohl eher, ob er sie von ihrer Zwillingsschwester Brittany unterscheiden konnte.

In diesem Moment sah er zu ihr herüber, und ihre Blicke begegneten sich. Trotz der schummrigen Beleuchtung erkannte sie deutlich, wie intensiv seine blauen Augen glänzten. Und sein angedeutetes Lächeln zeigte einen Hauch von Interesse.

Jordan nahm sein Glas und bahnte sich einen Weg an den anderen Gästen vorbei, um seelenruhig und ohne zu zögern auf Brooke zuzugehen. Schließlich stellte er seinen Drink auf die Theke, direkt neben ihren. „Ich hätte von einer Garrison keine so nette Begrüßung erwartet. Sind Sie sicher, dass Sie den Barkeeper nicht gebeten haben, meinen Drink zu vergiften, Brooke?“

Er hatte sie erkannt. Oder war es nur ein Zufallstreffer?

„Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht Brittany bin?“

Lächelnd streckte er die Hand aus und wies, ohne sie zu berühren, auf eine Locke, die ihr in die Stirn gefallen war. „Deswegen. Eine solche eigensinnige Haarsträhne ist charakteristisch für Brooke.“

Sosehr es sie auch verblüffte, er hatte sie tatsächlich erkannt. Dabei war es sogar ihrem Vater oft schwergefallen, seine Töchter auseinanderzuhalten.

In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie doch über die große Portion Entschlossenheit verfügte, die die Garrisons auszeichnete. Brooke war genauso mutig, auch wenn sie es bis jetzt nicht geglaubt hatte. Sie hob ihr Glas, toastete Jordan stumm zu und sah ihm in die Augen.

Sie war ihm so oft begegnet, und sie hatte ihn schon immer begehrt. Heute Abend würde sie – der Feindschaft zwischen ihren Familien zum Trotz – ihrem Wunsch nachgeben und ihn sich nehmen.

1. KAPITEL

Gegenwart

„Frohe Weihnachten, ich erwarte ein Kind. Dein Kind“, murmelte Brooke vor sich hin. Sie übte die richtige Formulierung, bevor der Vater ihres Babys ihr Büro betrat. Jeden Augenblick musste er hier sein.

Nervös saß sie hinter dem Metallschreibtisch, wo sie für gewöhnlich das „Sands“ leitete, das Immobilienunternehmen der Familie. Ohne sich dessen richtig bewusst zu sein, spielte Brooke mit einer Haarsträhne und verspürte schon wieder Appetit auf Pfefferminzeis. Dabei hatte sie zum Frühstück bereits eine riesige Kugel gegessen.

Die Zeit schien zu rasen, die Sekunden schienen schneller zu verstreichen, als die Lichter am Weihnachtsbaum aufblitzten, der in der Ecke des Büros stand. Brooke wusste immer noch nicht, wie sie Jordan am besten die Neuigkeiten beibrachte.

„Ich erwarte ein Baby, und es ist deins“, probierte sie einen anderen Ansatz. „Die Kondome, die wir benutzt haben, haben offenbar versagt. Wahrscheinlich das eine Mal im Whirlpool.“

Nein, es war keine gute Idee, sich an jenen Abend mit Jordan zu erinnern. Sie schob sich eine Locke aus dem Gesicht, die sich aus dem Knoten gelöst hatte. Als Leiterin eines Immobilienunternehmens sollte ich wirklich entschlussfreudiger sein, schalt Brooke sich im Stillen.

Nur dass bis jetzt noch nie ein Entschluss so wichtig gewesen war wie dieser.

Und überhaupt, „erwarten“. Das klang fast, als würde die Post bald ein Paket bei ihr abliefern.

Sie zog sich die Schuhe aus und seufzte. Obwohl sie keine Nylonstrumpfhose trug, waren ihre Füße in letzter Zeit leicht geschwollen. Weil Brooke wie die meisten in Miami oft leicht gebräunt war, konnte sie es sich leisten, einfach ohne Strumpfhose aus dem Haus zu gehen. Warum machte sie sich gerade über so profane Dinge Gedanken?

Höchstwahrscheinlich um dich vom eigentlichen Problem abzulenken, beantwortete sie sich ihre Frage nüchtern.

Die fehlerlose Rede hätte schon längst fertig sein sollen. Einer Situation so schlecht gewachsen zu sein, das sah Brooke gar nicht ähnlich. Sie war die Perfektionistin in der Familie, war immer sehr gut vorbereitet und bereitete niemandem Schwierigkeiten. Nur heute, an diesem wichtigen Tag, konnte sie das von sich nicht gerade behaupten.

Am schlimmsten fand sie, dass es keine Rechtfertigung für ihren Mangel an Konzentration gab. Nachdem die Neuigkeit neulich beim Familientreffen wie eine Bombe eingeschlagen war, hatte Brooke gewusst, dass es nicht lange dauern würde, bis es sich herumsprach. Irgendwann würde ihr Schwager eine Bemerkung machen. Emilio würde es seinem Bruder und Geschäftspartner schon erzählen – der kein anderer war als Jordan Jefferies höchstpersönlich. Irgendwann musste Brooke sich der Konfrontation stellen.

Vorhin hatte ihre Sekretärin angerufen und erklärt, dass sich der größte Rivale der Garrisons auf dem Weg in Brookes Büro befand. Da hatte sie gewusst, dass dieses „Irgendwann“ gekommen war.

Schnell überlegte sich Brooke eine andere Version. „Weißt du noch, vor fünf Monaten, als ich gerade von der Testamentseröffnung meines Vaters gekommen war? Es war derselbe Abend, an dem ich tatsächlich einen Cocktail getrunken habe.“ Darin hatte ihr erster Fehler bestanden, da sie an Alkohol wirklich nicht gewöhnt war. Eigentlich trank Brooke nie. „Und danach hatten wir heißen Sex in einem Hotelzimmer, bis …“

Plötzlich ging die Tür auf, und Brooke stockte der Atem.

Jordan brauchte die Tür nicht dramatisch aufzureißen oder sie mit einem Stoß gegen die Wand schlagen zu lassen. Das hatte er nicht nötig. In seinem Nadelstreifenanzug strahlte er eine Autorität aus, auf die jeder reagierte, ohne dass Jordan sich dazu besonders anstrengen musste. Brooke betrachtete die diamantenen Manschettenknöpfe und den perfekt sitzenden Anzug. Der Anblick ließ sich in keiner Weise mit der wilden, aufregenden Nacht in Einklang bringen, die sie verbracht hatten.

Er war fast einen Meter neunzig groß, sodass er mit dem Kopf beinahe den Mistelzweig streifte, der von der Decke herunterhing.

Genauso leise, wie er hereingekommen war, schloss Jordan die Tür hinter sich. Das Schloss klickte. Brooke zuckte zusammen und spürte gleichzeitig, wie das Baby zu treten begann.

Zielstrebig kam er auf ihren Schreibtisch zu, seine Miene war völlig ausdruckslos und ernst. Unwillkürlich musterte Brooke sein perfekt frisiertes Haar und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ohne darüber nachzudenken. Zu ihrer Verblüffung kniete Jordan sich kurz auf den Boden und richtete sich im nächsten Moment wieder auf. In den Händen hielt er ihre Schuhe.

Mit einem Mal nahm sie einen Hauch seines Rasierwassers wahr. Prompt erinnerte sie sich an jenen Morgen … Brooke hatte sein Kissen an sich gedrückt und tief seinen Duft eingeatmet. Kurz danach war sie gegangen, ohne ihn zu wecken oder sich von ihm zu verabschieden.

„Hallo, Brooke.“ Er legte einen Schuh auf den Tisch, den anderen behielt er in der Hand. „Wegen mir brauchst du nicht aufzustehen.“

„Da du meine Schuhe an dich genommen hast, bleibe ich wohl besser sitzen.“ Dadurch konnte sie auch ihren verräterisch runden Bauch verbergen – solange es noch ging. Im Grunde half es nichts, aber im Moment klammerte sie sich an jeden Strohhalm.

Wenigstens hatte er sie nicht angeschrien. Wahrscheinlich weil er Zeit gehabt hatte, um sich mit der Neuigkeit anzufreunden. Jetzt wollte Brooke nur sichergehen, dass er ihr glaubte und nicht die Vaterschaft anzweifelte.

Ein seltsamer Gedanke überfiel sie. Hatte sie etwa ihre Familie benutzt, um Jordan davon in Kenntnis zu setzen? Hatte sie es unbewusst so eingefädelt, um ihm nicht selbst von der Schwangerschaft erzählen zu müssen? Brooke hielt sich zwar für eine kluge Geschäftsfrau, die sich ihren Platz im Familienunternehmen verdient hatte. Aber sie war dafür bekannt, dass sie privat jeder Auseinandersetzung aus dem Weg ging.

War sie dem Konflikt tatsächlich ausgewichen, oder hatte sie alles nur noch schlimmer gemacht? Sosehr sie auch versuchte, aus Jordans Miene klug zu werden, er ließ sich nicht das Geringste anmerken.

Er stand nur da und strich gedankenverloren mit dem Daumen über ihren Schuh. Zu ihrem Entsetzen gelang es ihm mit dieser einfachen Geste, in ihr dieses überwältigende Verlangen zu wecken. Mit jeder Faser ihres Körpers sehnte Brooke sich nach seinen Liebkosungen. Es lag bestimmt an den Hormonen. In einem der Schwangerschaftsbücher, die sie gelesen hatte, hieß es, dass so etwas im mittleren Trimester häufig geschah. Bis jetzt hatte sie das für ein Märchen gehalten.

„Ich bin schwanger“, platzte sie gleich heraus. So sah also eine würdevolle Rede aus. Innerlich zuckte Brooke zusammen. Jetzt konnte sie sich wohl auch sparen, ihm frohe Weihnachten zu wünschen.

„Das habe ich mir auch sagen lassen“, erwiderte er ruhig.

„Und das Baby ist von dir.“

„Natürlich.“

Arroganter Kerl. Aber so sexy. Sie unterdrückte ein Seufzen. Plötzlich war es ihr gar nicht mehr so wichtig, ihn zu beschwichtigen. Seltsamerweise benahm sie sich in seiner Gegenwart ganz anders, als ihre Mitmenschen es von ihr gewohnt waren. „Warum bist du so sicher?“

„Weil du es mir gesagt hast.“ Er kam halb um den Schreibtisch herum und stellte ihren Schuh auf das Mauspad. „Ich habe das Vermögen meines Vaters vor allem deswegen verdoppelt, weil ich weiß, wem ich vertrauen konnte und wem nicht.“

„Du bist ja sehr überzeugt von dir.“

„Bis jetzt habe ich mich noch nie geirrt, Brooke. Und ich vermute, es ist im Whirlpool geschehen. Da haben wir uns wirklich etwas hinreißen lassen.“ Seine tiefe Stimme klang so seidenweich und verführerisch, dass Brooke unwillkürlich erschauerte.

Sie schluckte mühsam. „Äh … ja, das schätze ich auch.“

Sanft strich er ihr die Haarsträhne hinter ein Ohr. „Außerdem sind deine braunen Augen nicht die einer Lügnerin.“

Nur mit größter Anstrengung konnte sie sich davon abhalten, den Blick zu seinem Mund schweifen zu lassen. „Du willst damit sagen, dass ich gefühlsduselig und vielleicht sogar dumm bin?“

„Ich will damit sagen, dass du ein guter Mensch bist. Ein sehr viel besserer als ich, wenn du es genau wissen willst. Außerdem, was hättest du davon, mir irgendetwas vorzuschwindeln? Nichts.“

„Ach so, also hat dein Vertrauen in mich eher etwas mit Logik zu tun als mit deinen geheimnisvollen Fähigkeiten, meinen Blick zu deuten.“

„Brooke. Hör auf, mich hinzuhalten.“

Brabbelnde Brooke. Ihr Vater hatte sie früher so genannt, wann immer sie nervös geworden war. Dabei hatte sie sich solche Mühe gegeben, nach außen hin ruhig und gelassen zu wirken. Auch heute noch, auf keinen Fall wollte sie so zynisch und verletzend werden wie ihre Mutter.

Jordan hatte recht. Sie wollte ihn hinhalten, weil sie sich unbeschreiblich unsicher fühlte. Bei Licht betrachtet erkannte sie sich selbst kaum wieder. Sie war nicht mehr mit der Frau zu vergleichen, die vor fünf Monaten mit Jordan ins Bett gegangen war.

Warum hatte er nicht auf der anderen Seite des Schreibtisches stehen bleiben können?

Jetzt führte kein Weg mehr daran vorbei. Sie konnte sich ein für alle Mal von ihrer Eitelkeit verabschieden.

Entschlossen stieß Brooke sich vom Schreibtisch ab, und der Sessel rollte zurück. Sie konfrontierte Jordan mit dem Anblick ihres grünen Kleids, das ihren Bauch umschmeichelte.

Jordan war sekundenlang sprachlos.

Er hatte zwar schon gehört, dass Schwangere eine besondere Ausstrahlung hatten … dass sie schöner aussahen als gewöhnlich. Aber er hatte es eigentlich immer für Blödsinn gehalten. Bis jetzt.

Brookes zarte Haut schimmerte wie Porzellan. Und er hätte schwören können, dass ihr seidenweiches braunes Haar stärker glänzte als beim letzten Mal, als er sie gesehen hatte. Ihre Brüste waren voller und schwerer. Mühsam riss er sich zusammen, um sie nicht wieder zu streicheln.

Schließlich ließ er den Blick zu ihrem Bauch gleiten; die heftigen Gefühle, die dieser Anblick in ihm hervorrief, waren kaum zu beschreiben. Jordan hatte noch nie etwas Vergleichbares empfunden – er war tief bewegt, so voller Stolz.

Sein Kind.

Sobald er erfahren hatte, wann das Kind zur Welt kommen sollte, hatte er gewusst, dass es seins war. Trotzdem war es etwas vollkommen anderes, den Beweis vor Augen zu haben. Jordan fühlte sich auf ganz andere Weise mit Brooke verbunden, jetzt da sie sich auf ein gemeinsames Kind freuen konnten. Auf keinen Fall würde er zulassen, dass sie ihn einfach ausschloss. Nein, das würde er nicht, und wenn er gegen ihre gesamte Familie ankämpfen musste.

Er zwang sich, seine Gefühle zu bezähmen, und betrachtete Brooke. Ihr Kinn mit dem charakteristischen Grübchen, alle Garrisons hatten es. Man mochte ihn ja als hartgesotten bezeichnen, wenn es um seine Deals für die „Jefferies Brothers Incorporated“ ging. Jetzt hielt er es für das Beste, Brooke zu zeigen, wie sehr ihn dieser Augenblick berührte.

Langsam setzte er sich auf die Tischkante und stieß heftig den Atem aus. „Verdammt, Brooke, das ist unglaublich.“

Ihr strahlendes Lächeln bewies ihm, dass er die richtige Reaktion zeigte. Zweifellos instinktiv legte Brooke sich die Hand auf ihren Bauch. „Ich bin auch noch dabei, mich daran zu gewöhnen, deswegen bin ich auch noch nicht dazu gekommen, es dir zu sagen.“

Eigentlich hätte er sie gern darauf hingewiesen, dass sie immerhin Zeit gefunden hatte, um es ihrer ganzen verflixten Familie zu sagen. Im Augenblick hielt Jordan sich zurück – zum Glück. Es wäre alles andere als klug, Brooke Vorwürfe zu machen. Wenn er sie verärgerte, würde er nur alles aufs Spiel setzen. „Wichtig ist nur, dass wir jetzt hier sind … zusammen.“

Zusammen. Das Wort erinnerte ihn an ihre Liebesnacht. Er brauchte Brooke nur anzusehen, und schon überkam ihn dasselbe machtvolle Begehren wie damals. Und warum sollte er das Verlangen, das er für Brooke empfand – und sie offensichtlich auch für ihn – nicht zu seinen Gunsten nutzen?

Wieder strich er ihr die Locke aus dem Gesicht und streichelte dann zärtlich Brookes Wange. Ihre Haut fühlte sich mindestens genauso weich an wie ihr Haar.

„Jordan“, sagte sie und runzelte die Stirn. „Ich wusste, dass es kompliziert werden würde, aber ich werde meine Anwälte bitten, sich mit dir in Verbindung zu setzen, damit du sicher sein kannst, dass du …“

Er ließ sie nicht weiterreden, sondern küsste sie. Sinnlich berührte er ihren Mund. Sie schmeckte nach Pfefferminz, und er konnte nur noch daran denken, dass sie die verführerischste Frau war, der er je begegnet war. Der Pfefferminzgeschmack war neu. Doch an das heiße Begehren, das Brooke nach wie vor in ihm weckte, erinnerte er sich noch sehr gut. In jener schicksalhaften Nacht vor fünf Monaten, als ihre Wege sich im „Garrison Grand“ gekreuzt hatten, waren sie von ihren Gefühlen überwältigt worden. Jordan hatte sich damals eigentlich nur bei der Konkurrenz umsehen wollen, während er sein neues Hotel, das „Victoria“, bauen ließ.

Natürlich hatte er Brooke schon oft gesehen. Aber in jener Nacht hatte sie so verletzlich gewirkt, dass er den unbedingten Wunsch verspürt hatte, ihr zur Seite zu stehen. Bevor er zur Vernunft hätte kommen können, hatten sie sich in der Aufzugskabine eng aneinandergeschmiegt und sich wild und leidenschaftlich geküsst.

Genauso wild und leidenschaftlich wie jetzt. Jordan erinnerte sich noch sehr gut an alles, was in jener Nacht geschehen war – daran, wie Brooke sich angefühlt hatte, wie sie sich an seine Schultern geklammert und ihn zu mehr herausgefordert hatte … Sein Körper reagierte auch jetzt mit einer Heftigkeit, die ihn überraschte, obwohl er im Grunde mit nichts anderem hätte rechnen sollen.

Er konnte sich allerdings nicht leisten, die Kontrolle zu verlieren. Es stand so viel auf dem Spiel.

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