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Es. Ist. Nicht. Fair.

Über das Buch

Mit der Diagnose ALS ist nichts mehr wie es war für den 17-jährigen Sora. Er wird sterben. Bald. Konfrontiert mit dieser Wahrheit, sucht Sora nach einem Rest Selbstbestimmung und Würde. In Chats findet er einen geschützten Raum, wo er noch der sein kann, der er gern wäre, ein ganz normaler Junge mit einer Zukunft, einem Leben. Und hier findet er neue Freunde, die ihn nicht bemitleiden: die vom Zeichnen besessene Mai und den liebenswerten Nerd Kaito. Doch werden die beiden ihn auch noch mögen, wenn sie ihn besuchen und richtig kennenlernen? Wenn sie alles über ihn wissen? Soras Gedanken kreisen immer konkreter um einen Plan, bei dessen Umsetzung er auf die Hilfe der beiden Freunde angewiesen ist. Sora möchte wenigstens den Zeitpunkt seines Todes selbst bestimmen.

Sarah Benwell

ES.
IST.
NICHT.
FAIR.

Aus dem Englischen
von Ute Mihr

Carl Hanser Verlag

Für Malcolm und Marc –

ich wünschte,
ihr wärt beide hier und
könntet das hier sehen.

Kranich

2

Meine Mutter und ich sitzen einander gegenüber am Tisch und essen schweigend. Sie schaut über ihre Schale mit Nudeln hinweg immer wieder verstohlen zu mir herüber und ich hoffe, dass sie nicht sieht, wie meine Finger zittern. Das ist neu und sie braucht es noch nicht zu wissen. Sobald sie es bemerkt, wird sie mich bedauern, wie es alle guten Mütter tun würden, aber ich will mehr Zeit, um die kleinen Dinge selbst zu machen.

Ich fange ihren Blick auf und sie lächelt ihr schrecklich müdes Lächeln. Der Grund für ihre Müdigkeit bin ich und ich hasse es. Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte. Dann würde ich mich anders verhalten, sie an der Hand nehmen und in die andere Richtung rennen, damit ALS uns nicht findet.

Natürlich ist sie neugierig, aber sie lässt sich einen Augenblick Zeit, bis sie nach meinen Besuchern fragt. »Ich glaube nicht, dass ich deine Freunde schon einmal gesehen habe.«

»Nein.«

»Sie sahen nett aus.«

Ich nicke und greife nach meinen Stäbchen.

»Kommen sie wieder? Vielleicht solltest du sie mal zum Essen einladen.«

»Sie haben viel zu tun, Mama. Ich glaube nicht, dass sie Zeit haben.«

Sie verbirgt es gut, aber ich bilde mir ein, dass ich die Sehnsucht in ihren Augen sehe. Auch ich sollte keine Zeit haben.

»Vielleicht sollten wir uns doch an dieser anderen Schule anmelden.«

Diese »andere« Schule ist eine Einrichtung für Kinder mit Behinderungen. Aber ich bin kein Sonderschüler. Ich brauche – noch – keine Hilfe, um mir die Schuhe zu binden, zu lesen oder meine Gefühle im Griff zu haben.

Und selbst wenn es mich noch lange genug gibt – mit einem Abschluss von einer Förderschule bekommt man keinen Studienplatz.

Wir haben abgesagt. Aber jetzt scheint meine Mutter es sich anders überlegt zu haben.

»Kommst du morgen an der Bibliothek vorbei?«, frage ich, um das Thema zu wechseln.

»Kann ich einrichten.«

»Super. Kannst du ein paar Bücher für mich ausleihen, wenn ich dir eine Liste schreibe? Ich kann selbst lernen, Mama. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

»Wir könnten doch auch zusammen zur Bibliothek gehen. Oder in den Park? Oder wir gehen ein Eis essen.«

Ich schüttle den Kopf und sie seufzt.

»Jedenfalls hast du morgen einen Termin bei Doktor Kobayashi, vergiss das nicht.«

Ich nicke. Den Park, Ausflüge und Besorgungen kann ich umgehen, aber die wöchentlichen Termine bei meiner Psychologin sind verbindlich. Sie gehören zur tödlichen Krankheit dazu. Statt dass ich zusammen mit meinen Altersgenossen nachmittags zusätzlichen Unterricht besuche, fährt meine Mutter mich jede Woche zum Krankenhaus, wo ich eine erdrückende Stunde lang in diesem stickigen Raum sitze und darauf warte, dass die Sekunden vergehen, bis sie mich wieder nach Hause bringt. Doktor Kobayashi macht zwar wirklich einen sympathischen Eindruck, aber ich habe keine Ahnung, was ich ihr sagen soll. Dass ich Angst habe? Dass ich wünschte, jemand anders säße in diesem Rolli? Dass ich das nicht verdient habe?

Wenn ich ein Kind wäre, würde ich weinen. Ich würde schreien. Ich würde meinen Hanshin-Tigers-Baseball, so fest ich kann, gegen die Fensterscheibe werfen.

Aber ich bin kein Kind mehr und ich kann diese Dinge nicht aussprechen.

Meine Augen jucken vor Müdigkeit, aber sobald ich sie schließe, blitzen die Bilder des Tages vor mir auf. Der mitleidige Ausdruck auf Reikos Gesicht, als sie hinausgeht. Tomo, der in seinem Baseballtrikot einen Home Run schlägt. Eine leere Schulbank. Ein wuseliges Klassenzimmer voller Menschen, die nicht in die Wirklichkeit passen. Die Falten um die Augen meiner Mutter.

Als ich es nicht mehr aushalte, drehe ich meine Hüften, sodass meine Beine aus dem Bett fallen und ich mich aufsetzen kann. Dann hieve ich mich in meinen Rollstuhl und drehe mich zum Computer.

Es ist spät. Meine Mutter schläft wahrscheinlich schon, aber ich lausche trotzdem einen Augenblick, bevor ich in das Suchfeld schreibe:

Lupe Prognose bei Amyotropher Lateralsklerose

Die Suchergebnisse auf der ersten Seite sind durchweg lila, weil ich alle Seiten bereits angeschaut habe. Aber das ist egal, ich muss sie noch einmal lesen. Irgendwie kann ich es leichter ertragen, wenn ich es geschrieben sehe, als ob ich einen Teil der Last aus meinem Gehirn auf den Bildschirm übertragen könnte.

Ich klicke auf den ersten Link, eine einfache Wikiseite:

Die Amyotrophe Lateralsklerose ist eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, die normalerweise bei Patienten über 50 auftritt. Die Krankheit verläuft immer tödlich. Die meisten betroffenen Patienten sterben nach zwei bis drei Jahren an Atemwegsproblemen.

Was mir jedes Mal einen Stich versetzt, ist »über 50«. Ich habe die Krankheit eines alten Mannes. Die Ärzte sagen mir, es gebe noch andere, ich sei nicht der einzige junge Patient oder gar der jüngste. Aber zeigen können sie mir nur kranke alte Männer, die ihre erwachsenen Kinder zurücklassen.

Und wenn die Krankheit so selten ist, warum dann ich? Neid ist ein hässliches Gefühl. Es gehört sich nicht für einen Krieger. Aber ich werde niemals ein alter Mann sein, niemals Kinder haben, die auf meinen Knien sitzen und denen ich beibringen kann, wie es in der Welt zugeht. Und ich bin nicht nur wegen mir neidisch. Ich versuche nicht an meine Mutter zu denken, die allein zurückbleibt, erschöpft von zwei Jahren voller physischer und psychischer Anspannung.

Ich versuche, nicht daran zu denken, was zwischen jetzt und dann kommt, oder vielmehr so daran zu denken, als würde es nicht mich betreffen. Denn auch wenn mein Gehirn prima arbeitet, bin ich irgendwann wie die Schüler in der Förderschule: unfähig, mir das Hemd zuzuknöpfen oder einen Löffel zum Mund zu führen. Unfähig, die einfachsten Handgriffe auszuführen.

Es hat schon angefangen. Die Schmerzen in meinen Händen, das immer wieder auftretende Zittern. Im Augenblick ist es fast unmerklich, aber so wird es nicht mehr lange sein. Vielleicht ein paar Monate, wenn ich Glück habe.

Beine, Hände, Arme werden nacheinander den Dienst versagen.

In den alten Zeiten wäre ich mit einem zuverlässigen Freund und einem Schwert hinaus in den Garten gegangen und hätte das letzte Ritual durchgeführt. Schnell und endgültig. Keine Sauerei außer dem Blut, das weggespült werden muss. Aber so ist es nicht mehr. Wir handeln nicht mehr nach diesem Kodex und niemand spricht von der Ehre, die durch unsere Venen fließt. Ich bin in diesem Körper gefangen, der nach und nach zu nichts mehr fähig sein wird.

3

Doktor Kobayashis Sprechzimmer liegt im dritten Stock. Durch das Fenster sieht man die Baumkronen, die im Wind leise lachen. Ein heftiger Kontrast zu den sauberen weißen Wänden des Krankenhauses.

Hier drin bewegt sich die Luft nicht und es gibt nichts zu lachen. Doktor Kobayashi hat einen Bonsai auf die Glasplatte des Tisches gestellt. Das soll ihre Patienten wohl beruhigen: ein bisschen Grün, ein Symbol für das Leben. Der Kreislauf in perfekter Miniatur.

Kleine gelbe Blätter liegen auf dem Tisch zwischen uns verstreut wie Locken aus Karamell. Nichts währt ewig.

Sie beobachtet mich mit undurchdringlicher Miene.

Sie taxiert mich. Das machen sie immer. Alle.

Endlich bricht sie das Schweigen. »Hattest du eine gute Woche?«

Ich zucke die Achseln und betrachte den Tisch, statt sie anzuschauen. Sie will, dass ich spreche, das weiß ich, aber was soll ich sagen?

Sie kann mir sowieso nicht helfen.

4

An: S…

Von: KyoToTeenz

Betreff: Willkommen bei den KyoToTeenz (:

Lieber Samurai,

Glückwunsch zu deiner Mitgliedschaft und herzlich willkommen! Wir hoffen, dass du dich hier wohl fühlst.

Wir haben:

Offene Foren – diskutiere mit der ganzen KyoToTeenz-Community über alles Mögliche.

Kontakte – füge deine Freunde zu einer Liste hinzu; finde problemlos ihre Posts.

Privater Chat – ein paar Dinge möchtest du nicht teilen? Im privaten Chat sprichst du nur mit den Leuten, die du sehen willst.

Bist du bereit? Dein Benutzername und dein Passwort sind gleich bei dir.

Ich klicke hintereinander durch meine E-Mails: 20% Rabatt auf Lehrbücher und eine Nachricht, in der steht:

DIESE ZEITSCHRIFTEN GEFALLEN DIR BESTIMMT: HEUTE GRATISLESEPROBE

Dann das:

An: S…

Von: Der SClub

Betreff: Hast auch DU genug davon, nichts zu sagen zu haben?

Hast du genug davon, dass die Erwachsenen alles beherrschen? Willst du die Kontrolle zurückgewinnen?

Wir werden einen letzten Versuch unternehmen, es der GESELLSCHAFT zu zeigen. Wenn wir nicht so leben können, wie wir wollen, wollen wir gar nicht mehr leben. Mach mit – beim größten Ende, das es gibt. Der S-Club (du kannst dir denken, wofür das S steht?) ist eine neue Bewegung, die unglückliche Teenager in ihren letzten Minuten vereinen und eine Botschaft an die Erwachsenen der Welt senden will, um sie so zu schocken, dass sie sich ändern.

WIR SCHAFFEN DAS! Wir sorgen für eine bessere Zukunft. Vertraue dich deinen Freunden an! Mach mit! Für mehr Info klicke auf den Link unten.

Ich lese die Mail noch einmal, weil ich nicht recht glauben kann, was darin offenbar gefordert wird, und lösche sie dann rasch. Mein Herz pocht in meinen Fingerspitzen, als hätte ich gerade mit gestohlenen Yen hantiert. Wenn meine Mutter das sieht, stellt sie meinen Computer auf die Straße und verbrennt ihn, und mich verbannt sie für immer aus dem Internet.

Aber sie wird es nie erfahren.

Ich starre auf die ungelesenen Nachrichten vor mir: Noch ein paar Angebote und eine Nachricht von KyoToTeenz, aber nichts, das darauf hinweisen könnte, was ich gerade gelesen habe. Ich bin sicher.

5

»Wie geht es dir heute?«

Ich zucke fast unmerklich die Achseln und versuche, nicht an die Physiotherapie heute Morgen zu denken und meinen schrecklichen Auftritt an der Gehhilfe. Im vergangenen Monat konnte ich die Strecke noch ungelenk hinunterschlurfen und meine Beine ein bisschen zu Hilfe nehmen. Heute waren sie verdreht und verkrampft und nutzlos und ich fühlte mich mit meinem Rollstuhl zum ersten Mal freier als ohne.

»Es fällt mir schwer, dir zu helfen, wenn du nicht mit mir sprichst.« Doktor Kobayashi stößt einen routinierten kleinen Seufzer aus.

Ich starre angestrengt auf den Bonsai. Er ist jetzt fast kahl, nur einige wenige Blätter klammern sich noch an die Zweige und die gelben Locken, die bei unserem letzten Termin auf dem Tisch verstreut lagen, sind in irgendeinem Mülleimer verschwunden.

Sie versucht es noch einmal. »Wie lief es seit unserem letzten Gespräch?«

Ich antworte nicht. Eine Weile sitzt sie einfach da und betrachtet mich, dann bricht sie das Schweigen: »Deine Hand zittert.«

Ich will mich abwenden und meine Hände verbergen. Um es zu leugnen. Aber man kann nicht leugnen, was so offensichtlich ist. Ich nicke. Aus einer kleinen Geste kann sie nichts schlussfolgern, oder?

»Das ist neu. Es tut mir … Es ist bestimmt schwer.«

Ich habe diese Worte in den letzten paar Monaten so oft gehört, dass ich überrascht bin, als sie sie nicht ausspricht. Und ich bin dankbar. Es tut mir leid hilft mir nicht.

Ich nicke. »Manchmal.«

Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und sie wartet gespannt.

Ich wünschte, ich könnte meine Worte zurücknehmen, den Klang wieder in meinen Mund einsaugen und weiter schweigen. Aber jetzt sind sie draußen und sie wartet auf mehr.

Immerhin hat sie diese vier schrecklichen Wörter nicht gesagt.

»Manchmal …« Aber dann stocke ich, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Ich hole tief Luft. »Wie geht es mit mir weiter?«

»Du meinst deine Symptome? Haben dir deine Neurologen nicht alles erklärt?«

Ich blinzle die Google-Bilder von Patienten im Endstadium weg, die nur aus Kissen und Beatmungsschläuchen und verzweifelten Augen bestehen. Gefangen.

Ich schüttle den Kopf. »Nein, ich meine …«

Was meine ich eigentlich?

Sie betrachtet mich abwartend, aber ich finde nicht die richtigen Worte.

»Das Leben ist voller Geheimnisse«, sagt sie traurig. »Viele Fragen beantworten sich erst im Tun. Ich kann dir nicht sagen, wie es sein wird. Ich kann dir nur sagen, dass viele den Weg schon vor dir gegangen sind.«

Wir sitzen da und schweigen, aber es ist jetzt anders.

Ich lausche meinem Atem, der kräftig und mühelos geht, und das regelmäßige Ein- und Ausatmen beruhigt mich. Noch muss ich nicht darüber nachdenken – ein, aus, ein, noch geht es automatisch.

Die Uhr tickt und zählt die Sekunden. Ich atme und bin einfach ganz bei mir selbst.

Wird es so sein?

Nicht, wenn die Lehrbücher und Statistiken recht haben. Es wird hässlich sein.

»Es ist unwürdig.« Die Worte sind raus, bevor ich sie in meinem Kopf höre und sie klingen bitter.

»Nein«, sagt sie. »Der Körper ist selten … Aber den Geist, den kannst du kontrollieren.«

Sie klingt so sicher. So bestimmt. Und doch …

»Ich weiß nicht, wie.«

Die Uhr nähert sich schnell der vollen Stunde. Wir haben noch zwei Minuten, aber Doktor Kobayashi beeilt sich nicht. Sie sitzt da, betrachtet mich und einen Augenblick lang stellen ihre Augen eine Frage. Dann schüttelt sie sie offenbar zufrieden ab: »Okay.«

Sie steht auf, geht zu dem Bücherregal hinter ihrem Schreibtisch und zieht einen schmalen Band heraus.

»Da.« Sie drückt mir das Buch in die Hände. »Ich möchte, dass du das ausleihst.«

Nachdem ich mich versichert habe, dass die Tür zu meinem Zimmer geschlossen ist, ziehe ich das Buch aus meinem Rucksack. Das dunkelgraue Papier des Umschlags ist weich und warm. Einladend. Ruhig.

Ich halte es einen Augenblick in der Hand, bevor meine Augen über den Titel gleiten: Todesgedichte. Letzte Worte der Samurai.

6

Einen Augenblick lang bin ich überrascht von dem einfachen schwarzen Druck, der sich nicht von jedem anderen Buch unterscheidet. Diese goldenen Altersweisheiten von den Besten der Besten sind nicht mit einer feinen Feder geschrieben, sondern an einem Bildschirm getippt, lange nachdem sie zum ersten Mal formuliert wurden. Und sie werden immer noch gern gelesen.

Die lange Einleitung überspringe ich. Ich lese sie später, jetzt will ich ihre Worte anschauen, die Ruhe und den Ernst der Männer, die den Weg vor sich sahen. Beim ersten Gedicht halte ich inne und lasse meine Finger über die Seite gleiten, um die Worte zu spüren, bevor ich das Buch anhebe und lese:

Ich kann nicht trauern, denn ich habe ein Leben

Gelebt

Voll mit Gebirgsluft und Kirschblüten, Stahl und Ehre.

Tadamichi, 1874

Die Worte schweben um mich herum, legen sich auf meine Haut und sinken dann in mich ein. Erst nach einer Weile blättere ich um.

Auf einer langen Reise

halte ich an, um zu rasten und

das Ende der Tage zu beobachten.

Kaida, 1825

Ich stelle mir vor, wie ich am Ende der Tage am Tor lehne und zurückschaue, während die Sonne mir das Gesicht wärmt.

Ich blättere um.

Das Surren des Schwertes, es singt,

lächelt unter der silbernen Sonne,

Befreit mich mit einem letzten Kuss.

Okimoto, 1902

Ich spüre einen kühlen, frischen Luftzug an meinen Armen, sanft und angenehm.

Ich lese und lese, ein Gedicht nach dem anderen, bis die Worte und Gefühle wohltuend durch mich hindurchwogen.

Dann liegen meine Finger auf der letzten Seite.

Worte

lenken nur ab –

der Tod ist der Tod.

Tokaido, 1795

7

Beim Abendessen bin ich vom Widerhall der Samurai-Stimmen abgelenkt und reagiere kaum auf die Gesprächsversuche meiner Mutter. Schließlich stellt sie ihre Schale ab und greift nach meiner Hand: »Alles in Ordnung?«

Ich nicke. »Ich hab nur über etwas nachgedacht, das ich gelesen habe. Entschuldige.«

Sie lächelt ihr verwirrtes, stolzes Lächeln und ich will bei ihr sein und nicht bei diesen Worten. Ich versuche, die Gedichte beiseitezuschieben und mich auf unser Essen zu konzentrieren.

»Das schmeckt supergut«, sage ich, während ich den Rest der salzigen Garnelenbrühe schlürfe.

Mit einer fast unmerklichen Neigung des Kopfes nimmt sie das Kompliment an. Fast unmerklich, aber ich sehe sie, so wie ich die Trauer hinter dem Lächeln sehe.

Es tut mir leid, will ich sagen. Es tut mir leid.

Ich bin kurz davor, meiner Mutter an diesem Abend die Gedichte zu zeigen. Ich würde es gern tun. Ich möchte ihr das Buch in die Hände legen, so wie Doktor Kobayashi es mir in die Hände gelegt hat. Ich möchte, dass die Worte in ihrem Kopf herumschwirren, damit der Sturm sich legt. Aber dann müsste ich erklären, woher sie kommen. Und das hieße, ich müsste den schrecklichen Satz Ich werde sterben aussprechen. Und ich glaube, dazu bin ich noch nicht bereit.

8

Die Worte der Samurai hängen in der Luft wie die Erinnerung an einen heftigen Regen. Ich fühle mich irgendwie anders, als ob die Gedichte eine Schicht von Selbstmitleid und Verzweiflung abgewaschen hätten. Ein Gedicht jedoch ragt über die anderen hinaus. Es lässt mich nicht los:

Die orangene Teemotte

einziger Zeuge meiner makellosen

Siege.

Ein Geschichtsbuch liegt aufgeschlagen vor mir, aber ich beachte es nicht, sondern versuche, das Gedicht zu verstehen.

Die orangene Teemotte …

Und dann wird es mir klar. Ich bin jetzt nur noch ein Körper, der immer schwächer wird; ein Junge, der nichts erreicht und nichts leistet. Und selbst wenn, wer würde es sehen?

Nicht einmal die Motte.

Kurz nach meiner Diagnose hörte ich, wie mein Großvater, fern und verzerrt, mit meiner Mutter am Telefon sprach. »Es ist nicht richtig, wenn ein Junge den ganzen Tag allein zu Hause sitzt. Er sollte draußen sein und die Welt einfangen.«

Damals hielt ich ihn für einen Narren. Es ist schwer, die Welt einzufangen, wenn man nicht hinter ihr herrennen kann. Aber vielleicht hat er doch recht.

Seine Stimme hallt noch in meinem Kopf nach, während meine Finger den Cursor über den Bildschirm bewegen und den Web-Browser öffnen. Auf einmal stelle ich fest, dass ich mich auf KyoToTeenz eingeloggt habe und auf das Profil starre, das ich vor ein paar Tagen angelegt habe.

Benutzername: Samurai

Tag: Pflanze bei Sonnenschein, lies bei Regen

Alter: 17

Geschlecht: Männlich

Interessen: Literatur, Geschichte, lesen, schwimmen, Baseball

Was wärst du, wenn du sein könntest, was du willst?

Wenn ich erwachsen bin, möchte ich Professor werden. Zählt das? Oder sucht ihr etwas Abstrakteres? In diesem Fall wäre ich gerne ein eleganter, teurer Füllfederhalter, mit dem jemand wunderschöne Kalligraphie macht oder Romane schreibt und aufzeichnet, was in Zukunft geschieht und worüber man staunt.

Hier ist er. Der Junge, der ich gern wäre. Der Junge, der ich bin, eigentlich.

Posten

Drei volle Sekunden lang starre ich auf die Nachricht »Post erfolgreich hochgeladen«. Beinahe klicke ich auf »Zurück«, um meinen Eintrag zu löschen, aber ich zwinge meine Hände dazu, stillzuhalten. Ich will das. Ich will nicht allein sein.

Um mich abzulenken, scrolle ich die Liste der offenen Chatrooms hinunter. Das gibt es HausaufgabenChatz und CollegeSorgen und darunter StReSsAbbAu, OMGAnime und IchLiebeArnieSchwarzenegger. Ich logge mich gleich in den ersten Chat, die MontagsRunde, ein und schaue zu, wie sich das Gespräch entfaltet.

VIXENINETY6: Okay, nein, aber ich würde drüber nachdenken. Ich kapier es nicht. Warum kannst du nicht deine Fantasie leben und BEIDE Bands mögen? Sind ja keine echten Jungs, denen du jemals wirklich begegnest.

GITARRENGIRL1: Aber vielleicht doch! Vielleicht geht sie zu einem Konzert und wird hinter die Bühne gebeten. Vielleicht fragt einer, ob sie ihn HEIRATEN WILL.

VIXENINETY6: Oooooh.

GITARRENGIRL1: Ja, Bambus, machen wir. Meekkat, du bist so hübsch. Und lustig!

KÄTZCHENIMREGEN: Es war einmal eine Prinzessin …

CHOPSTIXCHOPSTIXCHOPSTIX: Klappe!

CHOPSTIXCHOPSTIXCHOPSTIX: Mann, seid ihr unkultiviert. Hier geht’s doch nicht um Jungs, hier geht’s um Musik.

GITARRENGIRL1: Nööööö, bei Musik gehts NUR um Jungs. Und um den Sound. Es geht nuuuur um den Sound.

AS101: Sorry, dass ich euch unterbreche, aber habt ihr auch Mails vom SClub bekommen?

AS101: Macht mir echt Angst.

CHOPSTIXCHOPSTIXCHOPSTIX: Um den Sound? Echt?

AS101: (ebenfalls hi!)

MADSKILLZ: Nöööööö, was für Mails?

KYOTOQUEEN: Yep. Ich auch.

BAMBUSPANDA: Ja!

AS101: Bäh, Glückspilz, Mad. Das ist so eine Selbstmord-Unterschriftensammlung. Für die Nullbockgeneration, also für uns :(

AS101: Zum Glück bin ich nicht der Einzige.

TANDEMFAHRT: Ich :/

CHOCOL8POCKY: Haaaalllooooo, Leute! Was redet ihr da?

BAMBUSPANDA: Ich. Das ist SCHRECKLICH. Ich meine, wer tut so was?

BAMBUSPANDA: Als ob sie überhaupt keine Hoffnung hätten oder so.

TANDEMFAHRT: Hi, Choco. Über diese Selbstmord-Mails, die gerade alle kriegen. So ein organisiertes Massending.

CHOCOL8POCKY: Wer denkt sich SO WAS aus? Wozu? Niemand verändert die Welt, wenn er tot ist, oder?

TANDEMFAHRT: Hmmmm, weiß nicht. Könnte funktionieren, denkt an den Schock-Faktor. Vielleicht fangen die Leute dann an nachzudenken.

TANDEMFAHRT: Ich sage nicht, dass ich das GUT finde … aber interessant.

MADSKILLZ: Ach komm! Könnte doch ganz lustig sein. (Haha)

BAMBUSPANDA: Lustig? LUSTIG?! Du bist ja krank! Es ist schrecklich und traurig und NIEMAND sollte da mitmachen. Niemand von euch sollte auch nur daran denken! *zornig*

AS101: Panda hat recht, das ist BESCHEUERT.

SHINIGAMIFANBOY: HABT IHR NICHT DEN FILM

SUICIDE CIRCLE GESEHEN? O_O

MADSKILLZ: Okay, okay, wollte nur die Stimmung ein bisschen auflockern. Tut mir leid!

KITTYL<3VE: Aieee-Examen! Ich hab supergut abgeschnitten! Die ganze Lernerei hat FUNKTIONIERT!

KITTYL<3VE: (Hi allerseits, was geht so ab hier?)

MADSKILLZ: *verbeug* Glückwunsch, KittyL<3ve War das dein Nglisch-Test?

KITTYL<3VE: Danke! Ja! Aber es heißt Englisch.

MADSKILLZ: Nur diese E-Mail-Sache. Nix Besonderes. Auf jeden Fall deprimierend und ich kann’s offenbar nicht ändern. Rettet mich vor mir selbst. Lasst uns über DICH sprechen.

MADSKILLZ: Haha, Tippfehler! Kein Wunder, dass ich es immer verkacke.

AS101: Ich helf dir beim Lernen, Madskillz!

MADSKILLZ: Klar, bin gleich bei dir, Chika ;)

AS101: Bring was zu trinken mit!

SHINIGAMIFANBOY: Madskillz, was sind das für verrückte »skills«?

MADSKILLZ: Haahahaha, das ist ein Geheimnis, Shinigami – Wenn ich es dir verrate, geb ich meine Identität preis und dann muss ich dich umbringen. Das willst du nicht wirklich. AS – Cola oder Kaffee?

SHINIGAMIFANBOY: Komm schon, Mann, was im Chatroom gesagt wird, bleibt im Chatroom!

AS101: Kaffee, bitte Madskillz. Immer Kaffee.

KITTYL<3VE: :-o As101, bestimmt nicht immer?

AS101: IMMER

SUSHIKÖNIG: Hi, Leute!

SHINIGAMIFANBOY: Hi, Sushi!

AS101: Hi, Sushi!

MADSKILLZ: Hey, SUSHIKÖNIG. Was geht?

SUSHIKÖNIG: Läuft, danke, Mad. Hast du das Tigers-Spiel gesehen?

KITTYL<3VE: Hi, Sushi. Wollte gerade gehen. Muss lernen. Pass auf die Typen hier auf.

MADSKILLZ: Ha, musst an deiner Glückssträhne dranbleiben, was, Kitty? Bis später.

KITTYL<3VE: Genau. Machts gut, Leute!

Ich schaue zu, wie Zeile für Zeile erscheint, und lausche diesem ganz normalen Gespräch. Früher habe ich auch mal so geredet.

Beinahe beteilige ich mich. Meine Finger schweben über der Tastatur, immer wieder habe ich das Wort »hallo« im Kopf, aber ich kann mich nicht dazu durchringen, es zu tippen. Keine Ahnung, was danach käme.

Ich sitze also in meinem Stuhl allein in meinem Zimmer, ein Voyeur des normalen Lebens, und freue mich an ihrer Gesellschaft.

Es klopft an der Tür.

»Zeit für deine Medikamente, Sora.« Meine Mutter kommt herein. Vorsichtig stellt sie ein Glas Wasser auf den Tisch und legt eine Handvoll Tabletten daneben. »Brauchst du Hilfe beim Ausziehen?«

»Nein, danke. Das schaff ich allein.« Auch wenn ich immer schwächer werde, ausziehen kann ich mich noch selbst.

Seufzend küsst sie mich auf den Kopf. »Dann gute Nacht.«

»Nacht, Mama.«

Sie tappt leise hinaus und schließt die Tür hinter sich. Ich weiß, dass sie wartend draußen stehen bleibt, als ob sie unsicher wäre, ob ich es wirklich schaffe. Erst nach mehreren Minuten geht sie weg.

Widerstrebend schalte ich den Bildschirm aus und werfe alle Tabletten auf einmal ein. Dann habe ich es hinter mir. Als sie hinten in meinem Rachen ankommen, hebe ich das Glas hoch und schütte die Hälfte des Wassers hinterher. Ich schlucke mühsam. Fertig.

Anfangs stellte ich mir vor, dieser Medikamentencocktail würde Wunder wirken und die kaputten Teile in mir reparieren. Aber die Tabletten heilen nicht, sie verschaffen mir nur Zeit und lindern die Schmerzen. Ich wünschte, sie würden mich gesund machen.

Der Kopf tut mir weh. Es ist ein dumpfer Schmerz, als hätte ich heute zu viel nachgedacht. Meine Mutter hat recht, es ist Zeit fürs Bett. Ich drehe meinen Rolli herum, sodass ich direkt auf meine Kleiderkommode schaue, ziehe ein übergroßes T-Shirt heraus und rolle hinüber zum Bett.

Ich schlage die Decke zurück, damit ich später nicht wie eine Raupe darunterkriechen muss, und breite das T-Shirt auf der Matratze aus. Dann stütze ich mich mit der einen Hand auf dem Bett und der anderen auf meinem Rollstuhl ab, hebe meinen Körper an und stehe für kurze Zeit schwankend auf meinen Füßen, während ich mich drehe. Dann lande ich, außer Atem von dieser einen Bewegung, mit einem schweren Plumps auf dem Bett.

Nutzloser Körper.

Das Schlimmste ist geschafft. Ich warte, bis mein Atem sich beruhigt hat und meine Arme und Beine nicht mehr zittern, dann ziehe ich mir das Hemd über den Kopf.

Es ist auch ein T-Shirt. Geknöpfte Hemden trage ich nicht mehr. Meine Mutter hat es, glaube ich, noch nicht bemerkt, aber es wird nicht mehr lange dauern: Schon bald wird sie morgens und abends hereinkommen und mir bei all den komplizierteren Handgriffen helfen müssen. Zuerst bei den Knöpfen und Reißverschlüssen. Dann dabei, ein T-Shirt auszuziehen. Zuerst wird sie es tun, um die Sache einfacher zu machen, aber dann wird sie es tun, weil es nicht anders geht.

Ich stelle mir ihre Finger vor, die mir zu nahe kommen, wenn sie mir die Jeans auszieht. Ihr Parfüm, das süß und scharf zugleich das Zimmer einnebelt, sich auf meine Haut legt und auf meine Haare.

Sie sollte das nicht tun müssen.

Und noch tut sie es auch nicht.

Nachdem ich das T-Shirt gewechselt habe, steht noch ein Kleidungsstück aus. Die Jeans. Ich drücke die Knöpfe mit dem Daumen auf. Es ist unangenehm, aber ich schaffe es. Eins, zwei, drei, vier. Dann schiebe ich den Hosenbund über meinen Hintern hinunter, sodass die Jeans, stünde ich aufrecht, auf den Boden fallen würde. Indem ich das Gewicht von links nach rechts und wieder von links nach rechts verlagere, ziehe ich die Hose Stück für Stück hinunter. Links – ziehen, rechts – ziehen, links – ziehen, rechts – bis der Bund an meinen Knien hängt. Ich lasse los und die Jeans fällt auf den Boden. Irgendwann in der Nacht kommt meine Mutter und legt sie ordentlich gefaltet über den Stuhl oder wirft sie in den Schmutzwäschesack.

Ich rutsche zurück in die Mitte meines Doppelbetts, schwinge meine Beine nach und lege mich endlich zurück, bis mein Kopf das Kissen berührt.

Der Stoff ist weich und kühl an meiner Wange.

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