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Inhalt

Vorwort zur 2. Auflage

Teil I:   Grundlagen der Erziehungsfähigkeit

1     Allgemeine Kriterien der Erziehungsfähigkeit

1.1  Juristischer Hintergrund

1.2  Körperliches Kindeswohl

1.3  Vernachlässigung

1.4  Seelische Kindeswohlgefährdung

Literatur

2     Erziehungsfähigkeit aus psychologischer Sicht

2.1  Beurteilung der Eltern-Kind-Beziehung

2.2  Interaktionsbeobachtungen

2.3  Testpsychologische Methoden

2.3.1  Testpsychologische Methoden zur Einschätzung der elterlichen psychischen Stabilität

2.3.2  Testpsychologische Methoden zur Einschätzung der Eltern-Kind-Beziehung

2.4  Kindeswille

2.5  Informationen von Dritten

Literatur

3     Beurteilung der Erziehungsfähigkeit bei psychisch kranken Eltern

Literatur

Teil II:  Die wichtigsten psychischen Erkrankungen und mögliche Auswirkungen auf die Erziehungsfähigkeit

1     Affektive Erkrankungen und Angststörungen

1.1  Ursachen und Häufigkeit

1.2  Symptomatik, Verlauf und Prognose

1.3  Subgruppen

1.3.1  Subgruppen der affektiven Störungen

1.3.2  Subgruppen der Angststörungen

1.4  Behandlung und Therapie

1.5  Spezifische Auswirkungen auf die Kinder

1.6  Auswirkungen auf die Erziehungsfähigkeit

Vertiefung: Postpartale Depression und Bindungsentwicklung

Exkurs: Kindstötung und erweiterter Suizid

Literatur

2     Psychotische Erkrankungen

2.1  Ursachen und Häufigkeit

2.2  Symptomatik, Verlauf und Prognose

2.3  Subgruppen

2.4  Behandlung und Therapie

2.5  Spezifische Auswirkungen auf die Kinder

2.6  Auswirkungen auf die Erziehungsfähigkeit

Literatur

3     Suchterkrankungen

3.1  Ursachen und Häufigkeit

3.2  Symptomatik, Verlauf und Prognose

3.3  Behandlung und Therapie

3.4  Spezifische Auswirkungen auf Kinder

3.5  Die Erziehungsfähigkeit eines suchtkranken Elternteils

Literatur

4     Persönlichkeitsstörungen und -akzentuierungen

4.1  Ursachen und Häufigkeit

4.2  Symptomatik, Verlauf und Prognose

4.3  Subgruppen

4.4  Behandlung und Therapie

4.5  Auswirkungen auf die Erziehungsfähigkeit

4.5.1  Persönlichkeitsstörungen aus dem Cluster A

4.5.2  Persönlichkeitsstörungen aus dem Cluster B

4.5.3  Persönlichkeitsstörungen aus dem Cluster C

Literatur

5     Krankheitsunspezifische Auswirkungen psychischer Erkrankungen der Eltern auf die Kinder

5.1  Häufigkeit und Prognose der Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf die Kinder

5.2  Kinder psychisch kranker Eltern im Säuglingsalter

5.3  Abhängigkeit der Belastung der Kinder von der Erkrankung ihrer Eltern

5.4  Krankheitsunspezifische psychische Folgen der psychischen Erkrankung eines Elternteils für die Kinder

5.5  Parentifizierung

5.6  Protektive Faktoren

Literatur

Teil III: Arbeit mit psychisch kranken Eltern und deren Kindern

1     Gesprächsführung mit Kindern – vom Vorschulalter bis zur Präadoleszenz

1.1  Sind Kinder einfach nur „kleine Erwachsene“?

1.2  Der Rahmen der Gesprächsführung

1.3  Förderliche Haltungen im Gespräch mit Kindern

1.4  Sprachliche Kommunikation

1.5  Nonverbale Methoden – Hilfsmittel für die verbale Gesprächsführung

1.6  Zusammenfassung

Vertiefung: Gesprächsführung mit Kindern psychisch kranker Eltern

Weiterführende Informationen

Literatur

2     Gesprächsführung mit psychisch kranken Eltern

2.1  Besonderheiten beim Gespräch mit psychisch kranken Eltern

2.2  Ressourcenorientierter Umgang mit verschiedenen Krankheitsbildern und Persönlichkeiten

2.2.1  Depressive oder passive Eltern

2.2.2  Eltern mit Angststörungen, Panikattacken oder posttraumatischen Störungen

2.2.3  Paranoide und misstrauische Eltern

2.2.4  Eltern mit Rededrang

2.2.5  Zwanghafte und „verkopfte“ Eltern

2.3  Umgang mit Manipulationsversuchen

Literatur

3     Psychotherapeutische Arbeit mit Eltern und Kindern

3.1  Psychotherapie bei Kindern von psychisch kranken Eltern

3.2  Spielen oder Sprechen?

3.3  Aspekte der Gesprächsführung mit Kindern psychisch kranker Eltern

3.4  Inhalte und Ziele der Therapie

3.5  Elternarbeit

3.5.1  Ein Beispiel für niederfrequente Elternarbeit

3.5.2  Ein Beispiel für hochfrequente Elternarbeit

3.6  Zusammenfassung

Literatur

4     Spezifische Unterstützungsangebote für betroffene Eltern und Kinder

4.1  Präventionsangebote für Kinder

4.1.1  Gruppenprogramme

4.1.2  Psychoedukation der Kinder

4.1.3  Psychotherapie

4.2  Unterstützungsangebote für Eltern und Kinder

4.3  Patenschaftsprojekte

4.4  Angebote der Jugendhilfe

4.5  Zusammenfassung

Weiterführende Informationen

Literatur

5     Rechtliche Grundlagen

5.1  Elterliche Sorge

5.1.1  Elterliche Sorge verheirateter Eltern

5.1.2  Elterliche Sorge bei nicht verheirateten Eltern

5.1.3  Elterliche Sorge bei psychischer Erkrankung eines sorgeberechtigten Elternteils

5.1.4  Sorgeverfahren vor dem Familiengericht

5.2  Umgang

5.2.1  Grundsätzliches

5.2.2  Einschränkungen und Ausschluss des Umgangs gem. § 1684 Abs. 4

5.3  Anwendungen in Österreich und der Schweiz

5.4  Zusammenfassung

Literatur

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Sachverzeichnis

Vorwort zur 2. Auflage

von Anita Plattner

„Kein Übel ist so groß als die Angst davor.“

Lucius Annaeus Seneca

Wir freuen uns, Ihnen hiermit die 2. Auflage dieses Übersichts- und Arbeitsbuches vorlegen zu können. Wie unsere Fortbildungen zeigen, ist die Relevanz des Themas „Erziehungsfähigkeit psychisch kranker Eltern“ ungebrochen. Auch wenn sich glücklicherweise die therapeutischen Bemühungen in diesem Feld stetig erweitern, bleibt die Einschätzung der Erziehungsfähigkeit der betroffenen Eltern ein schwieriges Feld, das neben Fingerspitzengefühl eine große Portion Fachwissen verlangt. Hierzu möchte dieses Buch Ihnen den erforderlichen Hintergrund bieten, aktualisiert anhand der neuesten vorliegenden Forschungsergebnisse.

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa die Hälfte aller Kinder in der Jugendhilfe und ca. 10 % aller Scheidungskinder einen psychisch kranken oder suchtkranken Elternteil haben (Gehrmann, J., Sumargo, S. (2009): Kinder psychisch kranker Eltern. Monatsschrift Kinderheilkunde 157 (4), 383–394).

Einige dieser Fälle beschäftigen die betroffenen Helfersysteme und das Familiengericht zu einem hohen Anteil, so dass ein gewisses Expertenwissen für die beteiligten Berufsgruppen hilfreich und teilweise notwendig für eine zielführende Einschätzung von Risiken und Chancen ist. Auf dieser Grundlage können wirksame Lösungen und Hilfen für psychisch kranke Eltern und deren Kindern angeboten und umgesetzt werden.

Ein zentrales Thema ist die Beurteilung der Erziehungsfähigkeit psychisch kranker Eltern. Vielfältige Ängste bestehen sowohl auf Seiten der Eltern, als auch oft auf Seiten der beteiligten Berufsgruppen. Diese Einsicht resultiert aus meiner praktischen Arbeit als für Familiengerichte tätige Sachverständige und basiert wiederum auf meinen Erfahrungen aus der Erwachsenen- sowie aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Psychisch kranke Eltern haben große Angst, das Kind könnte ihnen „weggenommen“ werden und auf unbegrenzte Zeit in einem Kinderheim oder in einer Pflegefamilie untergebracht werden. Diejenigen Berufsgruppen, welche die Erziehungsfähigkeit eines Elternteils direkt oder indirekt beurteilen sollen, haben Angst, eine ggf. vorhandene Kindeswohlgefährdung zu übersehen und für eine Schädigung eines Kindes verantwortlich zu sein oder verantwortlich gemacht zu werden. Beide Ängste sind berechtigt, kommen jedoch selten in dieser umfassenden Form vor.

Wissen und ein transparentes, informierendes Vorgehen können dabei helfen, diese Ängste abzubauen und konstruktiv mit der Thematik „Psychisch kranke Eltern“ umzugehen. Lösungsorientierte Arbeit – auch lösungsorientierte Begutachtung – wird auf dieser Grundlage möglich.

Ein weiteres Anliegen ist es, Eltern und Kinder möglichst gut zu informieren. Gerade Kinder werden oft unterschätzt. Weit verbreitet ist teilweise immer noch die Meinung, Kinder müssten „geschont“ werden und man dürfe potentiell belastende Inhalte nicht mit ihnen besprochen werden. Meiner Erfahrung nach ist das Gegenteil der Fall: Richtig dosiert reagieren Kinder oft erleichtert darauf, auch schwierige Themen – wie etwa die Erkrankung eines Elternteils – anzusprechen. Denn innerlich sind sie mit diesem Thema ohnehin stark beschäftigt, nur eben damit allein gelassen und orientierungslos.

Mein besonderer Dank gilt Frau Dr. Ute Krieter für ihre verständnisvolle Unterstützung und die Bereitstellung von Sonderurlaub.

Mit Dankbarkeit erfüllen mich Erinnerungen an die wunderbaren Orte meines Schreibens in Monterotondo Marittimo und Sasso Pisano, immer begleitet von meiner Hündin Julia sowie die Gastfreundschaft und Hilfe von Elisabeth Schreck.

Ich danke meiner Familie und meinen Freundinnen und Freunden von Herzen für die ausdauernde Ermutigung.

Ein besonderer und vielfältiger Dank geht an meinen Sohn Carlson, der später einmal ein Buch schreiben möchte: Du wirst es sicher tun!

Vielen Dank nicht zuletzt an alle Co-Autorinnen und -Autoren dieses Buches, die professionell und selbstlos an diesem Buch mitgewirkt haben.

Zur besseren Lesbarkeit wurde auf die Verwendung beider Geschlechter verzichtet. Selbstverständlich sind immer sowohl Frauen wie auch Männer gemeint.

München, Juli 2019

Anita Plattner

Teil I:

Grundlagen der Erziehungsfähigkeit

1   Allgemeine Kriterien der Erziehungsfähigkeit

von Anita Plattner

1.1 Juristischer Hintergrund

Familienpsychologische Sachverständige werden vom Familiengericht nach der Erziehungsfähigkeit eines Elternteils gefragt, wenn es Anhaltspunkte dafür gibt, dass diese eingeschränkt ist. Ansonsten spricht man von erzieherischer Kompetenz, beispielsweise, wenn eine Kindeswohlgefährdung nicht angenommen wird, wie bei der Entscheidung über den künftigen Aufenthalt eines Kindes bei Trennung oder Scheidung von Eltern oder Umgangsstreitigkeiten.

Wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wird eine Überprüfung durch das Jugendamt nach § 8a SGB VIII eingeleitet. Nach der Erziehungsfähigkeit im engeren Sinne wird dann gefragt, wenn eine vermutete Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB vorliegt. Im Folgenden findet sich der Wortlaut dieses Paragraphen:

„(1) Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet und sind die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage, die Gefahr abzuwenden, so hat das Familiengericht die Maßnahmen zu treffen, die zur Abwendung der Gefahr erforderlich sind.

(2) In der Regel ist anzunehmen, dass das Vermögen des Kindes gefährdet ist, wenn der Inhaber der Vermögenssorge seine Unterhaltspflicht gegenüber dem Kind oder seine mit der Vermögenssorge verbundenen Pflichten verletzt oder Anordnungen des Gerichts, die sich auf die Vermögenssorge beziehen, nicht befolgt.

(3) Zu den gerichtlichen Maßnahmen nach Absatz 1 gehören insbesondere

1. Gebote, öffentliche Hilfen wie zum Beispiel Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe und der Gesundheitsfürsorge in Anspruch zu nehmen,

2. Gebote, für die Einhaltung der Schulpflicht zu sorgen,

3. Verbote, vorübergehend oder auf unbestimmte Zeit die Familienwohnung oder eine andere Wohnung zu nutzen, sich in einem bestimmten Umkreis der Wohnung aufzuhalten oder zu bestimmende andere Orte aufzusuchen, an denen sich das Kind regelmäßig aufhält,

4. Verbote, Verbindung zum Kind aufzunehmen oder ein Zusammentreffen mit dem Kind herbeizuführen,

5. die Ersetzung von Erklärungen des Inhabers der elterlichen Sorge,

6. die teilweise oder vollständige Entziehung der elterlichen Sorge.

(4) In Angelegenheiten der Personensorge kann das Gericht auch Maßnahmen mit Wirkung gegen einen Dritten treffen.“

Die Frage nach der Erziehungsfähigkeit richtet sich also auf das körperliche, seelische und geistige Kindeswohl, auch als Personensorge – im Unterschied zur Vermögenssorge – bezeichnet. Die Personensorge zerfällt in verschiedene Teile, die auch einzeln entzogen und auf Dritte übertragen werden können: Aufenthaltsbestimmung, Gesundheitsvorsorge, schulische Erziehung und Förderung, religiöse Ausrichtung und Beantragung von Jugendhilfemaßnahmen.

1.2 Körperliches Kindeswohl

Die Beurteilung des körperlichen Kindeswohls ist im Vergleich zur Einschätzung des seelischen Kindeswohls klar geregelt. Gerade bei Säuglingen spielen Aspekte der körperlichen Versorgung eine lebensnotwendige Rolle. Hierzu gehören Ernährung und Sauberkeit – wie Windeln wechseln und Waschen – ebenso, wie die regelmäßige Vorstellung beim Kinderarzt. In der BRD besteht – bis auf die Durchführung einer U-Untersuchung vor Einschulung – allerdings keine Pflicht zur Durchführung der kinderärztlichen sogenannten U-Untersuchungen und auch keine Impfpflicht.

Die Aufsichtspflicht ist gesetzlich für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr verankert. Sie kann zivilrechtlich oder auch strafrechtlich von Bedeutung sein. Die Aufsichtspflicht umfasst, jeweils altersangemessen:

1.  selbst keine Gefahren zu schaffen,

2.  vorhandene Gefahren abzustellen,

3.  eine vorsorgliche Belehrung und Warnung bei nicht zu beseitigenden Risiken,

4.  eine der Situation und dem Kind angemessene Überwachung,

5.  ein Eingreifen von Fall zu Fall.

Zur Aufsichtspflicht gehört es auch, Kinder und Jugendliche vor strafrechtlich relevanten Taten zu schützen (als Opfer und als Täter). Dazu zählen auch sexuelle Handlungen Minderjähriger, wie sie im § 180 Abs. 1 StGB benannt sind. Eine Übersicht über die relevanten Gesetzestexte findet sich beispielsweise unter https://jugendrecht.wordpress.com/gesetze-2/.

Eine körperliche Misshandlung ist immer ein aktiver Vorgang. Hierzu zählen formell bereits Ohrfeigen und natürlich schwerere Formen von Schlägen oder Verletzungen sowie Verbrennungen.

Eine Zusammenfassung des Forschungsstandes (Deegener 2005) zeigt, dass die Hälfte bis zwei Drittel der Eltern ihre Kinder körperlich bestrafen, wovon grob geschätzt ca. 35 % häufiger körperliche Übergriffe ihrer Eltern erfahren. Körperliche Misshandlung im engeren Sinne scheint bei ca. 10 % der Kinder und Jugendlichen vorzuliegen. Sexuelle Übergriffe werden im Mittel bei 10 % der Kinder und Jugendlichen festgestellt, wobei sexueller Missbrauch bei körperlich misshandelten Kindern bedeutsam häufiger ist.

Wenngleich seit dem Jahr 2000 das Schlagen von Kindern strafrechtlich verfolgt werden kann und pädagogisch sicher nicht sinnvoll ist, ist im Einzelfall abzuwägen, ob das Schlagen bereits eine feststellbare Kindeswohlgefährdung darstellt oder sich aus einer Überforderungssituation – beispielsweise in der Trotzphase eines Klein- oder Kindergartenkindes – in seltenen Situationen ergeben hat. In diesem Fall kann der Elternteil unterstützt werden, Alternativen zum Umgang mit diesen Situationen zu finden. Wenn das Schlagen jedoch auf einem wiederholten und feindseligen Hintergrund geschieht, kann es eine ernstzunehmende Kindeswohlgefährdung darstellen.

Eine Meta-Analyse von Gershoff (2002) über die Folgen des Schlagens hat ergeben, dass die betroffenen Kinder einen höheren Grad an unmittelbarem Gehorsam, aber auch an unmittelbarer Aggression zeigen, ohne dass Werte zwischenmenschlichen Verhaltens verinnerlicht sind. Delinquenz ist häufig mit Gewalterlebnissen in der Kindheit assoziiert, wie auch neueste Forschungsergebnisse zeigen (Augusti et al. 2018). Erklärungsansätze hierfür sind das sogenannte Modelllernen, d. h. das Kind lernt am Modell der Eltern, Konflikte bzw. unerwünschtes Verhalten anderer durch Dominanz und Einsatz von Gewalt zu lösen (Bandura 1977). Eigene Anteile an Konflikten erkennen die Kinder kaum und neigen daher bei Konflikten dazu, anderen die Schuld hierfür zuzuschreiben und oftmals paradoxerweise in einer Opferrolle zu verharren.

Die Auswirkungen von Gewalterlebnissen durch die Eltern sind altersabhängig:

Bei Säuglingen bis zum Alter von einem Jahr ist das Schütteltrauma die häufigste nicht-natürliche Todesursache, bei Zweijährigen sogar die häufigste Todesursache überhaupt (Matschke et al. 2009). Die Babys sind anschließend oft schlaff oder häufiger bewusstlos, man erkennt äußerlich oft keine Verletzungen. Eine ärztliche Untersuchung und Behandlung ist unabdingbar, da wegen der Hirnschädigung Lebensgefahr besteht bzw. Langzeitfolgen drohen.

Misshandlungen an Babys und jüngeren Kindern werden häufiger von jüngeren, überforderten Eltern ausgeübt; eine impulsive Persönlichkeit, Drogen- oder Alkoholproblematiken oder psychische Erkrankungen sind Risikofaktoren auf Seiten der Eltern. Bei der Mehrzahl der Kinder wirken sich wiederum körperliche Schläge ab dem Grundschulalter negativer aus, als bei Vorschulkindern. Der Grund hierfür liegt wahrscheinlich darin, dass Kinder ab dem Schulalter generell weniger körperliche Übergriffe durch ihre Eltern erfahren als Vorschulkinder. Es ist zu erwarten, dass das Schlagen ab dem Grundschulalter einen feindseligen Hintergrund hat bzw. vom Kind so interpretiert wird.

Körperliche Misshandlungen und sexueller Missbrauch haben eine Reihe von kurzzeitigen und langfristigen Folgen (Moggi 2005). Zu den kurzzeitigen Folgen zählen, je nach Alter, verschiedenste Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten wie Fütter- und Essstörungen, sprachliche oder motorische Entwicklungsrückstände, Schlafstörungen, unsicher-ambivalente oder desorganisierte Bindung mit „eingefrorenem Blick“ (Kap. II.1 Vertiefung) mangelndes oder übermäßiges Vertrauen in fremde Personen, Einkoten, Einnässen, chronische Bauchschmerzen, Davonlaufen, nicht altersgemäßes Sexualverhalten, Schulschwierigkeiten, Ängstlichkeit und Aggressivität bis hin zur Delinquenz. Langfristig entstehen oft psychische Störungen oder Persönlichkeitsstörungen.

Vermutet man sexuellen Missbrauch oder körperliche Misshandlung, so ist eine rasche Dokumentation besonders wichtig. Bei äußerlich sichtbaren Verletzungen oder blauen Flecken können diese notfalls auch – mit Datum – abfotografiert werden. Generell sollten diese Kinder in der Rechtsmedizinischen Abteilung einer Klinik untersucht werden.

Eine seltene Sonderform von emotionaler und körperlicher Misshandlung ist das sogenannte Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, (oder „Münchhausen-By-Proxy“). Die Eltern, meist Mütter, simulieren bei ihrem Kind erfundene Krankheitssymptome. Manchmal werden jedoch auch körperliche Symptome aktiv hervorgerufen. Bei den Eltern findet sich ein psychischer Gewinn durch die wiederholte ärztliche Betreuung und Zuwendung (Eckhardt-Henn 1999): Sie fühlen sich, für Außenstehende unverständlich, als besonders gute Mütter, da sie immer wieder verschiedene Ärzte mit ihren Kindern aufsuchen. Schwere Selbstwertproblematiken, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen kommen häufiger bei solchen Eltern vor (Kindler et al. 2006).

Diese Misshandlungsform ist schwer festzustellen und häufig werden die Kinder zahlreichen, zum Teil auch invasiven und schmerzhaften, Eingriffen unterzogen, die ohne krankhaften Befund bleiben. Zu den am häufigsten präsentierten Symptomen zählen Atemschwierigkeiten, Essstörungen, Durchfälle, unklare Blutungen, Krämpfe, Allergien und Fieber. In der überwiegenden Mehrzahl sind Kinder unter fünf Jahren betroffen (Feldmann 2006).

Ein wichtiger diagnostischer Hinweis besteht darin, dass sich Krankheitssymptome rasch zurückbilden, wenn es zu einer Trennung von der verursachenden Person kommt. Bei Verdacht auf Münchhausen-By-Proxy sollten auf jeden Fall ausführliche alternative ärztliche Meinungen eingeholt werden. Wenn ernstzunehmender Verdacht besteht, sollte wegen einer oft ungünstigen Prognose an eine Fremdunterbringung gedacht werden.

1.3 Vernachlässigung

DEFINITION

Kindesvernachlässigung ist eine meist längerdauernde Unterlassung fürsorglichen Handelns. Der Begriff beschreibt die Unkenntnis oder Unfähigkeit von Eltern, die körperlichen, seelischen, geistigen und materiellen Grundbedürfnisse eines Kindes zu befriedigen, es angemessen zu ernähren, zu pflegen, zu kleiden, zu beherbergen, für seine Gesundheit zu sorgen, es emotional, intellektuell, beziehungsmäßig und erzieherisch zu fördern. Vernachlässigung hat eine körperliche, eine kognitive und eine psychische Ebene (Kreis Stromarn 2016).

Körperliche Zeichen einer Vernachlässigung sind beispielsweise häufige Infekte wie Erkältungen, Mangel- oder Überernährung, verzögerte motorische Entwicklung, unversorgte Krankheiten, mangelnde Körperhygiene/Zahnhygiene, nicht ausreichende ärztliche Versorgung, der Witterung nicht angepasste Kleidung.

Kognitive Zeichen sind Sprachentwicklungsverzögerungen mit eingeschränktem Wortschatz und sprachlichem Ausdrucksvermögen sowie Sprachverständnis. Das Kind hat, meist aufgrund von mangelndem verbalen Austausch mit den Eltern, oft Schwierigkeiten Erlebnisse wiederzugeben bzw. Sprachbotschaften anderer zu verstehen. Auch Konzentrationsschwierigkeiten und Wahrnehmungsstörungen treten auf.

Psychosoziale Zeichen einer Vernachlässigung sind auffälliges Sozialverhalten (wie z. B. Distanzlosigkeit, Kontaktunfähigkeit oder Aggressivität), Selbstunsicherheit, Hyperaktivität oder Inaktivität bis hin zu Apathie, gestörtem SchlafWach-Rhythmus oder Essstörungen wie Schlingen mit fehlendem Sättigungsgefühl.

1.4 Seelische Kindeswohlgefährdung

Besonders schwierig ist es, eine seelische Kindeswohlgefährdung festzustellen. Die Grenze zwischen üblichen und weitgehend tolerierten, auf psychischem Druck basierenden Erziehungspraktiken (z. B. Hausarrest, Liebesentzug, Schimpfen) und psychisch beschädigendem Elternverhalten ist fließend.

DEFINITION

Psychische Misshandlung umfasst chronische qualitativ und quantitativ ungeeignete und unzureichende, altersinadäquate Handlungen und Beziehungsformen von Sorgeberechtigten zu Kindern (Kinderschutzzentrum Berlin 2016).

Kindler und Kollegen (2006) benennen folgende Merkmale einer psychischen Misshandlung: Ablehnung des Kindes oder bestimmter Eigenschaften des Kindes, ignorieren, herabsetzen, ängstigen, terrorisieren, isolieren, korrumpieren, zuschreiben von Eigenschaften, vorenthalten eigener Entwicklungsschritte (etwa durch Einbindung in Sekten), chronisch überfordern, parentifizieren und ausbeuten. Je jünger ein Kind ist und je häufiger und regelmäßiger es diesem Umgang ausgesetzt ist, desto schädlicher sind die Auswirkungen auf das Kind.

Das wiederholte Miterleben häuslicher Gewalt kann eine Sonderform der seelischen Kindeswohlgefährdung darstellen, vor allem, wenn schwerere verletzungsträchtige Gewalt, meist ausgehend vom Vater, gegen die Mutter ausgeübt wird (Kindler 2002). Das Kind erlebt Schuldgefühle, fühlt sich ohnmächtig, erlebt starke Angst, ist überfordert und in seiner Entwicklung behindert. Viele Kinder bilden Symptome wie Unkonzentriertheit, Unruhe, Tagträumen, sozialer Rückzug, Aggressionen und Einnässen/Einkoten aus. Die Ausbildung einer sicheren Geschlechtsrollenidentität kann ebenso behindert werden wie die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, sich Konflikten zu stellen und sie mit angemessenen Mitteln auszutragen. Die Mehrzahl der Kinder wird oft auch selbst Opfer der Gewalt, was die Verhaltensauffälligkeiten auf Seiten der Kinder verstärkt.

Eine weitere Sonderform der seelischen Kindeswohlgefährdung findet sich bei hochstrittigen, eskalierten Trennungs- und Sorgerechtskonflikten. Die Eltern streiten ausdauernd um das Sorge- und Besuchsrecht, um die Ausgestaltung der Kontakte, um Fragen, welche Schule, welcher Hort, welche Freizeitgestaltung und welche medizinischen Untersuchungen oder Behandlungen gut für das Kind sind. Die Eltern zeigen meist gegenseitig einen hohen emotionalen Belastungseifer und das Kind wird mit herabsetzenden Äußerungen dem anderen Elternteil gegenüber konfrontiert. Oft entsteht durch beide Eltern ein hoher Koalitionsdruck auf das Kind, der erhebliche Loyalitätskonflikte auslöst. Ursachen sind auf Seiten der Eltern Kränkungs-, Trauer-, Wut- und Rachegefühle dem Partner gegenüber. Die Schwelle zu einer Kindeswohlgefährdung kann durch folgende Gegebenheiten überschritten werden (Dietrich et al. 2010):

  Einschränkung der Erziehungsfähigkeit des hauptsächlich betreuenden Elternteils oder beider Elternteile aufgrund kognitiver Verengung auf den Elternkon flikt

  Behandlungsbedürftige Belastungssymptomatik auf Seiten der Eltern oder/und des Kindes

  Eingeschränkte Bewältigung altersentsprechender Entwicklungsaufgaben des Kindes

  Fehlentwicklungen in der Eltern-Kind-Beziehung

Kinder aus hochstrittigen Familien neigen zu einer erhöhten emotionalen Erregbarkeit, einem geringen Selbstwertgefühl, einem erhöhten Stressniveau und zeigen oft psychosomatische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Einnässen etc. Oft haben sie ein größeres Bedürfnis nach Durchsetzung und verhalten sich häufiger oppositionell bzw. aggressiv. Neben diesen externalisierenden Auffälligkeiten bestehen bei manchen Kindern vor allem internalisierende Auffälligkeiten wie sozialer Rückzug und Überanpassung. Diese Kinder „leiden still“, oft mit langfristig negativen Folgen für ihre seelische Entwicklung.

Manche Kinder erhalten Macht zur Manipulation durch mangelnde Grenzsetzung der auf den Konflikt eingeengten Eltern und beginnen durch Parteiübernahme selbst im Konflikt zu agieren. Sie lernen Beziehungen zu manipulieren und entwickeln weniger Fähigkeiten zur konstruktiven Konfliktlösung und Beziehungsgestaltung mit Einfluss auch auf die Herausbildung und Pflege späterer Sozial- und Partnerschaftsbeziehungen. Im Entwicklungsverlauf findet sich häufig auch eine Beeinträchtigung zu den entwicklungsnotwendigen und stützenden Beziehungen zu altersgleichen Kindern.

Literatur

Augusti, E.-M., Baugerud, G. A., Suluvedt, U., Melinder, A. (2018): Maltreatment and Trauma Symptoms: Does Type of Maltreatment Matter? Psychological Trauma: Theory, Research, Practice 10 (4), 396–401

Bandura, A. (1977): Social Learning Theory. Prentice Hall, Englewood Cliffs (NJ)

Deegener, G. (2005): Formen und Häufigkeiten der Kindesmisshandlungen. In: Deegener, G., Körner, W. (Hrsg): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Ein Handbuch. Hogrefe, Göttingen, 37–58

Dietrich, P., Fichtner, J. Halatcheva, M., Sandner, E. (2010): Arbeit mit hochkonflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien. Eine Handreichung für die Praxis. Deutsches Jungendinstitut, München

Eckhardt-Henn, A. (1999): Artifizielle Störungen und Münchhausen-Syndrom — gegenwärtiger Stand der Forschung. Psychotherapie, Psychosomatische Medizin, Medizinische Psychologie 49, 75–89

Feldmann, M. D. (2006): Wenn Menschen krank spielen. Münchhausen-Syndrom und artifizielle Störungen. Ernst Reinhardt, München/Basel

Gershoff, E. (2002): Corporal Punishment by Parents and Associated Child Behaviors and Experiences: a Meta-Analytic and Theoretical Review. Psychological Bulletin 128(4), 539–579

Kindler, H. (2002): Partnerschaftsgewalt und Kindeswohl. Eine meta-analytisch orientierte Zusammenschau und Diskussion der Effekte von Partnerschaftsgewalt auf die Entwicklung von Kindern. Folgerungen für die Praxis. Deutsches Jugendinstitut, München

Kindler, H., Lillig, S., Blüml, H., Meysen, T., Werner, A. (Hrsg.) (2006): Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). Deutsches Jugendinstitut, München

Kreis Stromarn (2016): Handbuch Kindeswohlgefährdung. In: www.kreis-stormarn.de/lvw/forms/2/21/handbuchkindeswohl.pdf, 22.12.2016

Matschke, J., Herrmann, B., Sperhake, J., Körber, F., Bajanowski, T., Göatzel, M. (2009): Das Schütteltrauma-Syndrom. Deutsches Ärzteblatt 106(13), 211–217

Moggi, F. (2005): Folgen von Kindesmisshandlung. Ein Überblick. In: Deegener, G., Körner, W. (Hrsg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Ein Handbuch. Hogrefe, Göttingen, 94–103

2   Erziehungsfähigkeit aus psychologischer Sicht

von Anita Plattner

Kurz ausgeführt gehören zu den Kernmethoden anamnestische Gespräche mit den Eltern zur eigenen Vorgeschichte und zu den Kindern, testpsychologische Verfahren mit den Kindern und – bei Bedarf – Fragebögen zur Einschätzung der elterlichen psychischen Stabilität bzw. Gesundheit. Neben dem Aktenstudium gehören auch Gespräche mit Dritten, wie Kindergarten, Schule, Jugendhilfe und behandelnden Ärzten und Therapeuten zum Repertoire einer Begutachtung.

Die Qualität der alltäglichen Eltern-Kind-Beziehung und der frühkindlichen Bindung spielt eine zentrale Rolle bei der Beurteilung der elterlichen Erziehungsfähigkeit. Die zugrundeliegende Kompetenz der Eltern ist die Einfühlsamkeit in die Bedürfnisse der Kinder und die Fähigkeit, diese Bedürfnisse zu befriedigen (Überblick bei Castellanos/Hertkorn 2014).

2.1 Beurteilung der Eltern-Kind-Beziehung

DEFINITION

Je jünger das Kind, desto wichtiger ist die Einfühlsamkeit des Elternteils in dessen Bedürfnisse. Diese Fähigkeit wird auch Feinfühligkeit genannt.

Bei Säuglingen geht es darum, Ursachen körperlichen Unwohlseins zu erkennen, z. B. Müdigkeit, Hunger, Unruhe, nasse Windel, Reizüberflutung oder Bauchschmerzen, und entsprechend zu handeln – d. h., das Kind zu beruhigen, zum Schlafen zu bringen, zu stillen oder zu füttern oder den Bauch zu massieren. In den ersten Lebensmonaten entsteht, insbesondere bei Hunger oder Schmerzen, beim Säugling Todesangst. Er kann noch nicht vorhersehen, dass sein Bedürfnis bald gestillt wird, weil es zum Beispiel in vorherigen Situationen auch so gewesen ist.

Im ersten Lebensjahr beginnt die Entwicklung der Bindung des Kindes an eine oder einen begrenzten Kreis vertrauter Personen. Unter dem Begriff der Bindung wird der Vertrauensaspekt der Eltern-Kind-Beziehung aus der Sicht des Kindes verstanden. Eine sichere Eltern-Kind-Bindung gilt als wichtiger Schutzfaktor für die weitere emotionale und psychosoziale Entwicklung des Kindes.

Im Gegensatz zum Begriff der Bindung bezeichnet „Beziehung“ den Alltagsaspekt der jeweiligen Eltern-Kind-Beziehung. Der Aufbau neuer Beziehungen des heranwachsenden Kindes ist im Wesentlichen durch die ersten Bindungserfahrungen geprägt (Spangler/Zimmermann 2015). Bei der Untersuchung einer Bindung ist zu berücksichtigen, dass diese sich kulturabhängig verschieden äußert und in Zeiten von hohem familiären oder kindlichen Stress, z. B. in den ersten Jahren nach einer elterlichen Trennung, ebenfalls in ihrem Ausdruck verändert sein kann (Borchert 2011).

Zentral bei der Bindung von Kindern psychisch kranker Eltern ist es, dass entscheidend für das Kindeswohl nicht die Stärke einer Bindung ist. Im Gegenteil sind Kinder psychisch kranker Eltern oft besonders stark an ihre Eltern gebunden, verlassen aus Sorge um Eltern und Geschwister selten das Haus. Sie geben ihren Eltern besonders viel emotionale Unterstützung, was von den Eltern manchmal auch auffallend innig erwidert wird. Betrachtet man aber die Bindungsqualität, so ist es für das Kindeswohl entscheidend, wieviel Vertrauen das Kind in seinen Elternteil hat, d. h. ob der Elternteil dem Kind bei eigenen Sorgen, Problemen und Stress jeglicher Art Sicherheit geben kann (Kap. II.1 Vertiefung).

2.2 Interaktionsbeobachtungen

Kern der familienpsychologischen Untersuchungsmethoden ist die Interaktionsbeobachtung zwischen Mutter und Kind, zwischen Vater und Kind oder auch zusätzlich zwischen dem Kind und weiteren an der physischen und emotionalen Versorgung des Kindes beteiligten Personen. Es gibt verschiedene Methoden der Interaktionsbeobachtung (Überblick bei Jacob 2014); im Folgenden werden die gängigsten kurz skizziert.

Interaktionsbeobachtungen erfolgen möglichst immer in Form von Hausbesuchen und in Form von Beobachtungen in einem neutralen Umfeld. Die Interaktion zwischen Mutter und Kind wird also immer mindestens zweimal beobachtet, bei widersprüchlichen Ergebnissen mehrmals. Beim Hausbesuch können neben der Interaktion zwischen Mutter und Kind Hygienekriterien und andere Merkmale einer kindgerechten Umgebung beobachtet werden.

Eine ausgesprochen ausführliche und empfehlenswerte Liste mit Beobachtungskriterien für Eltern-Kind-Interaktionen im Säuglingsalter wurde aus der Arbeit mit Schreibabys und ihren Müttern entwickelt (Dräger/Werner 2008). Die Interaktionsstörungen im Säuglingsalter kann man grob in Unter- und Überstimulation einteilen. Die intuitiven elterlichen Kompetenzen sind hierbei nicht im Gleichgewicht. Außerdem ist die feinfühlige Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse herabgesetzt. Hiermit hängt auch die intuitive Fähigkeit des Elternteils ab, als „Zeitgeber“ für den Säugling zu funktionieren, also ihn bei einer sinnvollen Rhythmik zwischen Aktivität und Ruhe zu unterstützen (Papoušek 1996).

Bei Kleinkindern im Alter zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat kann der sogenannte Fremde-Situations-Test angewendet werden, der eine recht exakte Bestimmung der Bindungsqualität ermöglicht. Dieser Test wird im Kapitel über postpartale Depression in diesem Buch vorgestellt (Kap. II.1 Vertiefung).

Eine strukturierte, nicht-teilnehmende Beobachtung kann für Kinder aller Altersstufen mit Hilfe der Heidelberger Marschak-Interaktions-Methode (H-MIM) durchgeführt werden. Derzeit erscheint eine Neuauflage des Marschak-Verfahrens, das neben den bisherigen Ausarbeitungen auch konkrete Aufgabenempfehlungen für alle Altersgruppen, auch für Säuglinge und Jugendliche, enthält. Spezifiziert wurden in der Neuauflage ferner differenzierte Beobachtungskriterien für die Protokollierung (Franke/Schulte-Hötzel 2019). Idealerweise wird die Beobachtung in Abwesenheit der Sachverständigen durchgeführt und videografiert. Dabei erhalten die Eltern beispielsweise drei bis fünf Aufgaben, die innerhalb einer Stunde erledigt werden sollen. Die Aufgaben lassen sich folgenden Kriterien zuordnen und werden auch nach diesen beurteilt:

  Emotionalität in der Interaktion (Emotionalitätsaufgaben)

  Führung des Kindes durch die Bezugsperson (Führungsaufgaben)

  Stress und der Umgang mit dem provozierten Stress (Stressaufgaben)

Die finnische Wissenschaftlerin Saara Salo hat inzwischen eine Methode zur standardisierten Auswertung der H-MIM entwickelt, die zwar nicht in Form einer öffentlichen Publikation vorliegt, jedoch in Form eines Trainings mit den zugrunde liegenden Studien bereitsteht (Salo/Mäkela 2006).

BEISPIEL

Fallbeispiel Daniel

Der 11-jährige Daniel lebt seit seinem sechsten Lebensjahr gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester bei seinem Vater. Mit der Mutter, die an paranoider Schizophrenie leidet, hatte er bis zum Zeitpunkt der Begutachtung unbegleiteten Umgang. Der Vater ist durch Berufstätigkeit und Kindererziehung belastet, er hat wechselnde Partnerbeziehungen und nimmt regelmäßig Psychotherapie in Anspruch. In der Marschak-Interaktionsbeobachtung konnten Vater und Mutter sich in den separaten Videobeobachtungen mit Daniel jeweils nur mühsam auf die gestellten Aufgaben einlassen und gingen im Spiel wenig auf die aktuellen Bedürfnisse von Daniel ein. Der Blickkontakt zwischen dem Vater und Daniel wurde wechselseitig von beiden initiiert und war warmherzig. Ferner kam es zwischen dem Vater und Daniel zu einem vertrauten Körperkontakt, wobei der Vater seinen Sohn spontan in den Arm nahm und Daniel dies auch zulassen konnte. Die Emotionalität mit der Mutter war hingegen wenig warmherzig, es kam zu nur wenigen und kurzen Blickkontakten, die meist von Daniel initiiert wurden. An mehreren Stellen kritisierte die Mutter Daniel. So merkte sie beispielsweise beim gemeinsamen Zeichnen an, Daniel habe noch niemals gut malen können. Daniel musste die Aufgabenstellungen mehrfach gegenüber dem jeweiligen Elternteil wiederholen und seine Eltern jeweils zur Durchführung der Aufgabe motivieren. Beide Eltern hatten insbesondere bei einer der gestellten Aufgaben erhebliche Mühe, nämlich eine kleine Geschichte aus der eigenen Kindheit zu erzählen. Sie konfrontierten Daniel hierbei mit Ausschnitten belastender Aussagen, die jeweilige Kindheit sei nicht glücklich gewesen, sodass es nichts zu erzählen gebe.

Im Ergebnis zeigten beide Eltern Schwächen bei der Führung durch die Aufgaben. Die Emotionalität war zwischen Daniel und seinem Vater deutlich höher als zwischen Daniel und der Mutter. Beide Eltern waren belastet, sie konnten Stress für Daniel nur eingeschränkt abfangen, was sich im Erzählen der Geschichte über die eigene Kindheit zeigte.

Fazit: Eine alltagspraktische Entlastung des Vaters erscheint notwendig und es sollte gefördert werden, dass Daniel durch ihn mehr kindgerechte Sicherheit erfährt. Es sollte nach Betreuungspersonen gesucht werden, welche das Kind tageweise übernehmen könnten. Der Vater berichtete im Gespräch über eine Überforderung im Alltag und über Sorgen betreffend Daniel und der Mutter. Beide Eltern erscheinen unstrukturiert und hilflos im Umgang mit eigenen Ängsten, was Auswirkungen auf das Kind mit sich bringt. Es wäre wohl ein begleiteter Umgang mit der Mutter zu empfehlen, zumal die Mutter sich in keiner Behandlung befand und Besuche Daniels bei der Mutter – je nach deren Verfassung – mal kürzer und mal länger ausfielen oder verschoben wurden. Daniel sollte die Gelegenheit erhalten, z. B. im Rahmen einer Psychotherapie, über seine familiären Sorgen zu sprechen.

2.3 Testpsychologische Methoden

In den vorliegenden Empfehlungen zu Standards in der familienpsychologischen Begutachtung wird der Einsatz standardisierter Verfahren unbedingt empfohlen (z. B. Fernuniversität Hagen 2016). Dieser Empfehlung wird, soweit möglich, in familienpsychologischen Gutachten auch entsprochen.

Standardisierte Fragebogenverfahren und Interviews eignen sich jedoch nur für die Untersuchung älterer Kinder, qualitative und projektive „Testergebnisse“ geben wichtige Hinweise auf die Bindungs- und Beziehungsqualität innerhalb einer Familie. Die Durchführung und teilweise auch die Auswertung sind standardisiert, d. h.

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