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Erziehen ohne Schimpfen

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Erziehen ohne Schimpfen

In diesem Buch erfahren Sie …

  • warum Eltern manchmal auf 180 sind, obwohlsie viel lieber besonnen reagieren würden.

  • welchen biologischen Sinn solche Reaktionen haben – und wie Sie sie beeinflussen können.

  • was im Gehirn der Kinder passiert, wenn sie geschimpft, angemeckert und bestraft werden.

  • welche anderen Möglichkeiten es gibt, die sich positiv auf das Familienleben auswirken.

  • was Sie ganz persönlich in kleinen, machbaren Schritten verändern können.

INNERE RUHE – NEUE WEGE

In der Erziehung andere Wege gehen

»Zählen Sie bis zehn!« Wie oft haben wir diesen Ratschlag schon gehört? Oder gedacht? Oder – verflucht? Viele Bücher gegen das Schimpfen oder Strafen von Kindern legen großen Wert darauf, dass Eltern lernen, sich selbst zu beherrschen. Das Problem daran ist: Wenn wir uns beherrschen könnten, würden wir ja nicht meckern, motzen, schimpfen oder brüllen, richtig? Viele Eltern sagen mir, in der Theorie sei ihnen alles völlig klar, aber in der Praxis würden sie dann doch die Beherrschung verlieren.

Daher werden wir in diesem Buch andere Wege gehen. Wir beginnen bei der Frage: Was stresst uns Eltern so sehr, dass wir die Beherrschung verlieren? Was brauchen wir, um in einem so ausbalancierten Zustand zu bleiben, dass wir weiterhin die klugen, ruhigen Eltern sind, die wir sein möchten? Wie können wir Regeln durchsetzen, ohne unsere Kinder zu beschämen oder zu bestrafen? Und vor allem werden wir uns mit der Frage beschäftigen: Wie machen wir es uns leicht? Wie können wir sein – statt was müssen wir tun –, damit es leicht ist? Denn sobald wir verstehen, was in unserem Gehirn passiert, bevor wir meckern, schimpfen oder brüllen, können wir unsere Aufmerksamkeit auf die richtigen Dinge richten.

Schimpfen funktioniert nicht

Der wichtigste und einfachste Grund, ein Kind nicht zu schimpfen, ist: Es funktioniert nicht. Alle Studien weisen darauf hin, dass Schimpfen, Schreien oder gar Strafen nicht funktionieren. Nichts davon vermag Kinder davon abzuhalten, verbotene Dinge zu tun. Wenn wir unseren Kindern soziale Regeln beibringen wollen, müssen wir es anders angehen. Wie, das habe ich in diesem Buch für Sie zusammengetragen. Wie wir in den Zustand kommen, uns in großer Wut auch selbst an unsere Ideale zu erinnern – auch das steht in diesem Buch.

In diesem Buch werden wir uns selbst genauso fürsorglich behandeln wie unsere Kinder. Wir werden uns nicht einfach nur »zusammenreißen«. Sonst ist auch dieses Buch nur ein weiterer Punkt auf der »Du bist nicht gut genug«-Liste – das soll nicht sein! Denn der Terror des »Du musst!« ist für uns genauso giftig wie für unsere Kinder. Und er funktioniert auch bei uns ungefähr so gut, wie Diäten funktionieren – nämlich gar nicht. Wir wollen lieber freundlich zu uns sein und unsere Ziele mit Sanftmut und Achtsamkeit erreichen. Mit Verstehen. Mit Intellekt und Herz. Schritt für Schritt.

Klare Regeln – keine Strafen

Eine Erziehung mit Druck, Strafen und Kontrolle ist das, was viele Menschen selbst in ihrer Kindheit erlebt haben. Aber autoritäre Erziehung erzeugt nachweislich Menschen, die mit den Herausforderungen unserer Zeit überfordert sind. Wir brauchen Menschen, die flexibel denken, die sich Herausforderungen stellen, die mit anderen auf Augenhöhe zusammenarbeiten können und für die Fürsorge, Solidarität und Gemeinschaft wichtige Werte sind. Ein Kind nicht zu schimpfen, kann die Welt verändern.

In diesem Buch werden wir uns ansehen, was überhaupt passiert, wenn wir in den Stresstunnel geraten, und wie wir wieder herauskommen. Wir können das üben – langsam, aber beharrlich. Wenn wir versuchen, alles in einer Woche zu erreichen, werden wir schnell ermüden. Daher empfehle ich Ihnen: Suchen Sie sich die Übungen oder Ideen heraus, die Sie spontan ansprechen. Und beginnen Sie mit diesen Ideen. Alles andere kann später folgen.

Wenn Sie sich jetzt immer noch fragen, warum Sie dieses Buch lesen sollen, habe ich noch eine Antwort für Sie: Weil es Ihr Leben einfacher machen wird. Und weil Sie völlig neue Wege finden werden, mit sich selbst und Ihren Kindern in Kontakt zu sein – ein Leben lang.

Ihre

Nicola Schmidt

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»Und – wie läuft’s?«
WO WIR AKTUELL STEHEN

Wie sehen Sie Ihre Kinder (oder Enkelkinder) und ihr Verhalten? Wenn wir etwas verändern wollen, hilft es, wenn wir uns erst einmal ganz genau anschauen, wie eigentlich der Stand der Dinge ist. Wenn wir genau wissen, wo wir stehen, kommen wir schneller dorthin, wo wir sein wollen. Unser Test hift Ihnen, das herauszufinden.

TEST: WO STEHE ICH – WO WILL ICH HIN?

Bitte geben Sie an, wie sehr Sie den folgenden Aussagen zustimmen würden – auf einer Skala von 0 (gar nicht) bis 10 (vollkommen).

Wie sehen wir unsere Kinder?

  • 1. Kinder wollen grundsätzlich kooperieren und lernen soziale Regeln durch achtsame Begleitung.

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  • 2. Kinder haben berechtigte Interessen und lernen mit der Zeit, diese konstruktiv einzubringen.

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  • 3. Kinder haben ein Recht auf eine eigene Meinung, respektvollen Umgang und Mitbestimmung.

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Wie gehen wir mit unseren Kindern um?

  • 4. Ich gebe meinen Kindern ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.

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  • 5. Zwischen mir und meinen Kindern besteht ein Vertrauensverhältnis.

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  • 6. Auch wenn meine Kinder schwierig sind, empfinde ich eine tiefe Liebe zu ihnen.

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  • 7. Ich zeige meinen Kindern, wenn ich stolz auf sie bin.

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Auswertung

0–21 PUNKTE: Was für eine mutige Idee, dieses Buch zu kaufen! Möglicherweise haben Sie Erfahrungen gemacht und einen Erziehungsstil entwickelt, der zu mehr Spannungen führt, als Ihnen selbst guttut. Sie werden im Laufe des Buches viele Entdeckungen machen!

22–49 PUNKTE: Ja, Eltern sein ist manchmal schwierig, aber Sie sind auf einem sehr guten Weg, Ihren Kindern respektvoll zu begegnen und sie stark fürs Leben zu machen. Trauen Sie sich und Ihren Kindern ruhig mehr zu!

50–70  PUNKTE: Sie denken: »Kinder sind in sich gut, okay – aber warum räumen sie ihren Kram dann nicht weg, wenn man sie darum bittet?« Damit sind Sie in bester Gesellschaft. Wir werden in diesem Buch herausfinden, wie wir Konflikte zur Zufriedenheit aller lösen.

Was ist unser Führungsstil?

  • 1. Um Regeln und Verbote durchzusetzen, muss man auch mal laut werden.

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  • 2. Kinder dürfen die Entscheidungen ihrer Eltern nicht infrage stellen.

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  • 3. Regeln werden aufgestellt und gelten dann als eherne Gesetze – keine Diskussion.

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  • 4. Eltern dürfen ihren Kindern nicht alles durchgehen lassen.

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  • 5. Wenn ein Kind nicht hört, ist eine Strafe das richtige Mittel.

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  • 6. Ich versuche, meine Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen.

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  • 7. Kinder sollten altersentsprechende Verantwortung tragen.

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  • 8. Entscheidungen treffen die Eltern, nicht die Kinder.

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Auswertung

0–24 PUNKTE: Sie pflegen einen Führungsstil, der auf die Rechte der Kinder setzt, ihnen aber wenig Verantwortung gibt. Kinder wollen beitragen und soziale Regeln lernen – geben Sie ihnen eine Chance!

25–55 PUNKTE: Ein Führungsstil, der auf Verantwortung aller, die Rechte aller und gleichzeitig klare Führung setzt – in diesem Buch werden Sie noch weitere Anregungen zu Ihrem Ansatz finden.

56–80 PUNKTE: Kontrolle und autoritäre Führung können ein Gefühl von Sicherheit geben – aber eine trügerische Sicherheit. Es gibt viel effektivere Wege, sich miteinander gut zu fühlen. Blättern Sie weiter!

Wie geht es uns selbst mit unserer Familie?

  • 1. Wie weit haben Sie in letzter Zeit Ihre negativen Gefühle im Griff?

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  • 2. Wie zufrieden sind Sie mit dem Klima in Ihrer Familie?

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  • 3. Wie gut können Sie Konflikte in Ihrer Familie friedlich lösen?

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Auswertung

0–12 PUNKTE: Überlegen Sie, wie sehr Sie gestresst sind. Vielleicht ist etwas Entlastung grundsätzlich eine gute Idee, um das Familienklima zu verbessern – auch dazu finden Sie hier Ideen.

13–24 PUNKTE: Der ganz normale Wahnsinn – alle Eltern haben manchmal das Gefühl, dass es besser laufen könnte. Schauen Sie nach der Lektüre des Buches auf diese Seite zurück – und stellen Sie sich die Fragen erneut!

35–30 PUNKTE: Wow – toll, dass Sie mit ihrer Familie noch weiter gehen wollen, obwohl sich schon alles eigentlich super anfühlt!

Bestandsaufnahme

Hier geht es darum, dass wir unseren Verstand auf einen Nordstern, eine Richtung ausrichten. Wenn wir unserem Gehirn nicht ganz genau sagen, wo es langgeht, werden wir irgendwo landen, aber nicht dort, wo wir hinwollen. Daher schreiben wir hier kurz auf, wie es jetzt ist und wie es sein soll. Sie können im Laufe der Lektüre immer wieder zu dieser Bestandsaufnahme zurückkehren. Schreiben Sie kurz auf:

  • » Warum haben Sie dieses Buch gekauft? Was hat Sie motiviert?

  • » Welche Fragen beschäftigen Sie bezüglich Ihrer Kinder?

  • » Was sind Ihre größten Stärken als Mutter oder Vater, Großmutter oder Großvater?

  • » Was würde ein heimlicher Beobachter im Alltag an Ihnen bewundern, was können Sie richtig gut?

  • » Wie sieht Ihr Kind Sie? Welche positiven Eigenschaften würde Ihr Kind Ihnen zuschreiben?

Wenn Sie mehrere Kinder haben, beantworten Sie die Frage für jedes Kind einzeln. Nennen Sie dazu jeweils ein Beispiel aus dem Alltag. Das könnte sein: Mein Kind sieht mich als warme und liebevolle Mutter; zum Beispiel nehme ich es immer in den Arm, wenn es aus der Schule kommt, und knuddle es ganz fest.

Ausblick

Wie möchten Sie als Begleiter Ihres Kindes sein? Was wäre das beste Ich, das Sie gerne hätten für ein friedliches Zusammenleben in Ihrer Familie? Beschreiben Sie, wie Sie sein möchten, wie es sich anfühlen würde, wie der Alltag ablaufen würde und wie Sie und Ihre Kinder sich fühlen werden, wenn es so weit ist.

Das Leichte ist richtig. Beginne richtig, und es ist leicht. Fahre leicht fort, und es ist richtig.

Dschuang-Tsu

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»Es reicht!«
WARUM WIR ELTERN AUSRASTEN

Es passiert, wenn niemand damit rechnet: Eben gehen wir alle noch fröhlich durch den Supermarkt, plötzlich beginnen die Kinder zu zanken und innerhalb weniger Sekunden sind wir mitten im heftigsten Streit. Das ganze System kippt, nur weil wir heute keine zweite Packung Schokokekse kaufen wollten.

WENN BEIM FRÜHSTÜCK DAS GLAS UMFÄLLT …

Aber wie kann das sein? Wie kann es sein, dass vernünftige Erwachsene, die in Meetings oder am Arbeitsplatz endlose Geduld mit Kunden und Kollegen haben, von ihren Kindern (oder auch Partnern) innerhalb von wenigen Sekunden von 0 auf 180 gebracht werden? Wie schafft es ein laufender Meter von drei Jahren, einen erwachsenen Homo sapiens mit nur zwei frechen Antworten vom entspannten Einkaufsmodus in den gestressten Gefahrenmodus umzuschalten? Und warum können wir uns oft so wenig dagegen wehren? Wer kennt es nicht, dass wir in der Wut oder im Stress Dinge sagen oder tun, die uns später leidtun, die wir sonst nie sagen würden, die uns manchmal sogar peinlich sind, wenn andere mitgehört haben.

Und nicht zuletzt müssen wir uns ja eingestehen, dass diese Methode alles andere als effektiv ist. Müssen wir uns doch das eine oder andere Mal hinterher heimlich fragen, ob diese Standpauke

  • » wirklich NOTWENDIG war,

  • » unbedingt SO LAUT sein musste, dass es jeder mitbekommt,

  • » beim Kind etwas BEWIRKT hat, außer es zum Weinen zu bringen.

Das Unglaubliche: Am nächsten Morgen kann es sein, dass wir in der gleichen Situation völlig entspannt reagieren. Nur Hirnforscher können uns erklären, woran das liegt.

Eine Reise ins Gehirn

Lassen Sie uns eine Reise ins menschliche Gehirn unternehmen und beginnen wir dazu mit einer ruhigen, friedlichen Situation: Wir sitzen am Frühstückstisch, es ist Sonntagmorgen, alle sind ausgeschlafen und entspannt. Ein Kind sitzt mit am Tisch und schmiert sich ein Frühstücksbrot. Es greift nach der Schokocreme. Da bringt es aus Versehen mit der Hand das vor ihm stehende Glas zum Umkippen. Unsere Augen nehmen die Bewegung wahr und sehen das Glas fallen. Bevor wir jetzt reagieren, muss unser Kopf einen sehr komplexen Prozess bewältigen. Die Augen schicken die Information über die Bewegungen am Tisch erst an das sensorische System im hinteren Teil des Gehirns. Dieses verarbeitet die Bilder und schickt sie weiter an unseren hauptsächlichen Denkapparat, den »präfrontalen Cortex«. Nennen wir ihn hier der Einfachheit halber unseren »Verstand«. Er ist zuständig für die ENTSCHEIDUNG, was wir jetzt tun. Das sensorische System »fragt« also erst mal nach: »Ich habe hier Bewegungsbilder von einem fallenden Glas. Wie bewerten wir sie? Wie müssen wir reagieren?«

Der Verstand analysiert die Bilder und stellt fest, dass das Glas noch leer war, dass nichts kaputtgegangen ist und das Kind sich nicht wehgetan hat. Es bewertet demnach die Situation als »nicht gefährlich«. Diese BEWERTUNG schickt es weiter an verschiedene Schaltstellen im Gehirn, ebenso an das motorische System. Jetzt können wir entspannt einen Arm nach vorne strecken, das Glas aufstellen und vielleicht sagen: »Du hast Hunger, was? Sei bitte vorsichtig!« Dies ist der normale Informationsfluss im Gehirn. Wir sehen etwas, bewerten es und reagieren dann. Der Clou an der Sache ist die Analyse und Bewertung.

Wir reagieren im normalen Alltag nicht instinktiv oder im Affekt, sondern nach einem blitzschnell ablaufenden Denkvorgang, der uns sagt, was jetzt eine kluge Handlung wäre.

Über chaotische Kollegen und fallende Äste

Der Vorteil dieses Systems liegt auf der Hand: Unser sehr starker, sehr kluger Verstand entscheidet immer mit. In jeder Lebenslage, egal ob zu Hause am sonntäglichen Frühstückstisch oder wochentags am Arbeitsplatz. Und selbst wenn wir den Impuls verspüren, unserem Kollegen endlich mal ordentlich die Meinung zu sagen, können wir diesen Impuls unterdrücken. Denn wir wissen, dass er auf freundliche Hinweise viel besser reagiert. Wir sagen dann vielleicht einem Freund: »Ich hätte große Lust, diesem Chaoten mal so richtig die Meinung zu geigen!« – aber wir tun es nicht. Stattdessen warten wir auf einen günstigen Moment, um in Ruhe zu besprechen, dass wir zum Beispiel Terminankündigungen etwas früher brauchen, um uns darauf einzustellen.

Leider hat dieses System auch einen Nachteil: Es ist relativ langsam. Wenn wir beim Waldspaziergang über uns einen Ast abbrechen hören, haben wir schlicht nicht die ZEIT, die Information des sensorischen Systems (Knacken von Holz über uns) zu bewerten und zu analysieren: Ist es gefährlich? Wo ist der Ast? Wie dick ist er? Lohnt sich der Aufwand, zur Seite zu springen? Wer das in den letzten Jahrtausenden gemacht hat, hat sicher nicht lange überlebt. Es war KLÜGER, ohne nachzudenken schnell zur Seite zu springen.

Deshalb nimmt unser Gehirn im Gefahrenfall eine ursprünglich sinnvolle, heute aber fatale Abkürzung. Wenn wir etwas Gefährliches hören oder sehen, umgeht das Gehirn den präfrontalen Cortex. Es würde einfach zu lange dauern, den Umweg über den Verstand zu gehen. Daher sendet das sensorische System seine Nachrichten lieber sofort an das motorische System – wir reagieren direkt und springen zur Seite. Diese Reaktion nennt man die Kampf-oder-Flucht-Reaktion.

Mutter Natur hat es nur gut gemeint! Das Problem ist: Unter Stress handeln wir leider »ohne Sinn und Verstand«, wie der Volksmund völlig richtig sagt. Denn der Verstand ist gar nicht mit dabei! Es ist etwas ganz anderes, das uns plötzlich steuert.

Wenn der Mandelkern am Steuer sitzt

Aber wenn wir in Stress geraten und der Verstand nicht mehr mitredet – wer sitzt denn dann am Steuer?

Die Stressreaktion geht hauptsächlich von einem Gehirnareal aus, das Mandelkern (im Fachjargon: Amygdala) genannt wird. Dieses Areal »feuert«, sobald das sensorische System eine Gefahr meldet. Der Mandelkern arbeitet dann ganz pflichtgemäß und völlig UNABHÄNGIG vom Verstand eine Reihe von sehr sinnvollen Aufgaben ab:

  • » Er aktiviert das »sympathische Nervensystem«, also unser Stress- und Notfallsystem.

  • » Er beschleunigt unseren Herzschlag – das Herz »rast«, damit die Muskeln genug Sauerstoff zum Wegrennen oder Kämpfen haben.

  • » Er bewirkt, dass unsere Atmung flacher und schneller wird, so als würden wir einen Sprint laufen.

  • » Er erhöht den Blutdruck, damit Sauerstoff und im Verletzungsfall Blutgerinnungsfaktoren gleich an Ort und Stelle sind.

  • » Er aktiviert unsere Nebennierenrinde, damit sie uns mit körpereigenen Hormonen (Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol) wach macht, auch wenn wir gerade noch verträumt spazieren gegangen sind.

  • » Er drosselt die Tätigkeit von Immunsystem und Verdauung, damit diese beiden anstrengenden Aufgaben dem Körper jetzt in der Notsituation keine Energie entziehen.

  • » Er stoppt den Zwischenspeicher von Erinnerungen, den Hippocampus – daher wissen wir oft nach einem Streit nicht mehr, worum es eigentlich ging.

  • » Er reduziert unsere Fähigkeit für Mitgefühl: Wir wollen schließlich überleben und dafür dem Raubtier den Knüppel über den Kopf ziehen und uns nicht erst mal fragen, ob ihm das vielleicht wehtut oder es gerade ein paar süße Junge hat.

  • » Er drosselt die Produktion von Glückshormonen. Schließlich sollen wir jetzt kämpfen oder fliehen und nicht selig in den Mond schauen.

Der Mandelkern ist verflixt SCHNELL und reagiert in Bruchteilen von Sekunden, sobald ein Notfallsignal im Gehirn eingegangen ist. Der Hormonspiegel ist ebenfalls sofort da, wir fühlen »das Adrenalin einschießen«. Genauso schnell ist die Reaktion aber auch wieder vorbei: Der Mandelkern hört nach etwa ZEHN SEKUNDEN wieder auf zu feuern, wenn kein weiterer Stressreiz kommt, und der Hormonspiegel braucht etwa zehn Minuten, um sich wieder abzubauen. Wenn wir zur Seite gesprungen sind und die Gefahr damit gebannt ist, ist das Gehirn nach wenigen Sekunden wieder ruhig und nach zehn Minuten sind wir auch körperlich wieder im »NORMALMODUS«.

Wir kennen das: Wir sehen im Flur einen Schatten im Augenwinkel, wir erschrecken kurz, aber dann ist es nur ein Kind, das nochmals zur Toilette will. Wir entspannen uns sofort wieder und küssen unser Kind zur Nacht. Wenn wir jedoch im Dauerstress sind, kann es sein, dass wir das Kind anschnauzen. Und dafür gibt es ganz handfeste Gründe in unserer Gehirnarchitektur.

WARUM WIR IM STRESS NICHT ERZIEHEN KÖNNEN

Ursprünglich war unser Stresssystem eine feine Sache. Forscher sagen, dass unsere Vorfahren den größten Teil ihres Lebens im »parasympathischen Modus« verbracht haben, also in einem entspannten Wachzustand, in dem jede Information in Ruhe vom Verstand geprüft werden konnte. Nur für kurze Gefahrenmomente wechselten sie in das »sympathische Nervensystem«, also das Stresssystem des Körpers, nutzten die bereitgestellte Energie für Kampf, Flucht oder auch die Jagd. Und sie bauten die dort entstehenden Stresshormone schon währenddessen oder kurz danach – eben beim Kämpfen, Fliehen oder Jagen – wieder ab. Wir sehen das heute noch bei uns daran, dass Bewegung, zum Beispiel ein kurzer Sprint zum Bus, die Stresshormone sehr schnell und effektiv abbaut. Dafür war das System einstmals gedacht.

Der ganz normale Wahnsinn

Heute befinden sich jedoch viele von uns in dauerhaftem Stress. Stellen Sie sich vor, Sie haben es wirklich eilig, weil der Kindergarten gleich schließt, aber Sie stehen im STAU. Wenn Sie befürchten müssen, dass Ihr Kind als einziges noch nicht abgeholt ist und die Erzieher Sie mit langen Gesichtern empfangen werden, kann es gut sein, dass Sie diese Situation STRESST. Dann fährt Ihr Körper die komplette Stressreaktion ab, inklusive erhöhtem Herzschlag, Hormonspiegel, reduzierter Verdauung und Deaktivierung des präfrontalen Cortex. Gut möglich, dass Sie in dieser Situation einen anderen Wagen schneiden, fluchen, einen Radfahrer übersehen oder sich sogar verfahren, weil Ihr Verstand aufgrund der Stressreaktion nicht mehr gut funktioniert.

Jetzt erreichen wir den Kindergarten mit letzter Not, aber wir haben den Stress dabei nicht abgebaut. Wir saßen ja »nur« im Auto, haben uns also nicht bewegt. Wenn jetzt das Kind quengelt oder beim Losfahren aus Versehen seine Brotdose auf dem Rücksitz ausleert, kann es gut sein, dass wir gestresst reagieren und Dinge tun oder sagen, die wir normalerweise nicht tun würden. Denn wir sind immer noch in unserer körperlichen STRESSREAKTION gefangen und können nicht mehr klar denken. Wenn wir uns nicht körperlich bewegen, wird es eine Weile dauern, bis die Hormone abgebaut sind. Kommt jetzt ein neuer STRESSREIZ hinzu (»Wir haben die Badesachen für den Kinderschwimmkurs vergessen und müssen noch schnell zu Hause vorbei, das wird eng!«), dann sind wir plötzlich im Dauerstress.

Dauerstress und seine Folgen

An manchen Tagen läuft das System immer weiter. Wir haben Stress am Morgen mit Kindern, die sich nicht selbstständig anziehen, Stress auf der Arbeit mit schwierigen Kollegen, Stress beim Abholen im Stau auf der Hauptstraße, Stress mit quengeligen Kinder auf dem Weg zum Schwimmkurs, Stress beim Feierabendstau auf dem Weg nach Hause, dann Stress mit hungrigen Kindern im Supermarkt und schließlich Stress, weil wir noch schnell Abendessen kochen, mit Oma telefonieren, Hausaufgaben betreuen oder Koffer packen müssen.

Bis die Kinder endlich im Bett sind, hat unser Mandelkern stundenlang gefeuert, unser Herz pocht wie wild. Wir fühlen uns völlig AUSGEBRANNT und können gleichzeitig auch auf der Couch kaum abschalten und entspannen.

Denn für solchen Dauerstress ist unser Gehirn NICHT GEMACHT. Wir beginnen, hinter jedem Busch einen Berglöwen zu vermuten, wir können kaum noch klar denken, wir wissen nicht, wie wir aus der Situation wieder herauskommen, wir sind ständig erschöpft und können nicht wirklich ABSCHALTEN.

Und es kommt noch schlimmer: Dauerstress erzeugt wieder mehr Stress. Teile unseres Gehirns gehen bei dieser Überlastung im Laufe der Zeit regelrecht »kaputt«. Stellen wir uns einen Motor vor, der ständig im roten Drehzahlbereich gefahren wird. Für uns Eltern ist es besonders interessant, hier genau hinzusehen.

Dauerstress schädigt unser Gehirn und damit die BEZIEHUNG zu uns selbst, unserem Partner und unseren Kindern. Vielleicht kennen Sie einige der folgenden stressinduzierten Gedanken:

»ICH KANN NICHT MEHR DENKEN.« – Je mehr Dauerstress wir haben, desto häufiger ist der präfrontale Cortex, also der Verstand, abgeschaltet. Er bleibt »unteraktiviert«. Analysieren, denken und planen fallen uns immer schwerer.

»ICH KOMME GAR NICHT MEHR RUNTER.« – Bei Dauerstress ist das ganze System irgendwann so überreizt, dass wir auch abends nicht mehr entspannen können, die Stressreaktion läuft dauerhaft weiter.

»DIE KINDER SIND UNMÖGLICH!« – Der Verstand bleibt auf Gefahr »programmiert«. Wir sehen daher die Kinder nachweislich negativer, als ein unbeteiligter Beobachter es tun würde, und übersehen die vielen »guten« Verhaltensweisen und Momente.

»WO SOLL DAS NUR HINFÜHREN?« – Durch die Überreizung wird der Mandelkern überaktiv und springt bei jeder Gelegenheit an. Wir bewerten zunehmend aus Wut und Angst heraus und sind unfähig, uns eine gute Zukunft vorzustellen.

»WO IST DER VERFLIXTE AUTOSCHLÜSSEL?« – Stress drosselt den Zwischenspeicher für Gedanken und Erinnerungen, unser Kurzzeitgedächtnis. Das führt dazu, dass uns unter Stress die Telefonnummer nicht einfällt, wir den Arzttermin vergessen oder den Autoschlüssel nicht finden, was uns zusätzlich stresst.

»JETZT STELL DICH NICHT SO AN!« – Unter Dauerstress bleibt unser System für Mitgefühl dauerhaft unteraktiviert. Es fällt uns schwerer, empathisch mit unseren Kindern zu sein, uns in sie einzufühlen. Wir verlangen mehr von ihnen, als sie leisten können.

»ES IST, WIE ES IST, WIR KÖNNEN ES NICHT ÄNDERN.« – Der dauerhaft unteraktivierte präfrontale Cortex kann nur noch schwer Ziele setzen, planen und positive Gefühle hervorbringen, wir haben das Gefühl, es gebe keinen Ausweg aus unserer Situation. Wenn der Dauerstress langfristig anhält, haben wir ein Problem. Denn es fällt uns immer schwerer, die Stressreaktion abzuschalten. Im schlimmsten Fall drohen dauerhafte Schäden am Hormonsystem und schließlich Burn-out und Depressionen.

Was Stress mit Erziehung zu tun hat

Doch schon lange bevor wir solche Effekte sehen, blockiert Stress eine gesunde Erziehung. Forscher können nachweisen, dass gestresste Eltern deutlich NEGATIVES Erziehungsverhalten zeigen. An entscheidenden Stellen sind wir nicht so leistungsfähig, wie wir sein könnten.

Aber was passiert denn da im Alltag, wenn wir Eltern ständig gestresst sind? Forscher haben das sehr genau beobachtet, um herauszufinden, wie sich die ganzen EFFEKTE im Gehirn am Ende auf unser Verhalten gegenüber den Kindern auswirken. Gibt es vielleicht STABILERE, stärkere, stressresistentere Kinder? Hören sie besser oder funktionieren sie besser, weil wir mehr fordern? Leider nein.

Gestresste Eltern haben durch ihr Verhalten vielmehr ein deutlich höheres Risiko, VERHALTENSAUFFÄLLIGE Kinder zu erziehen. Sie haben entgegen der landläufigen Meinung nämlich keineswegs Kinder, die besser funktionieren.

Gestresste Eltern stellen Anforderungen, denen die Kinder nicht genügen können – nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie eben noch Kinder sind.

Beispiele dafür kennen wir alle: Wir wollen, dass das Baby mit sechs Monaten durchschläft, dass sich die Zweijährige die Schuhe anziehen lässt, dass sich die Dreijährige nicht immer mit ihrer Schwester streitet, dass der Fünfjährige brav wartet, bis das Essen fertig ist, und dass der Große klaglos seine Hausaufgaben macht. Außerdem sollen die Kinder sich schnell anziehen, wenn wir losmüssen, und still sein, wenn wir E-Mails schreiben, nicht naschen, bis das Essen auf dem Tisch steht, und sich tadellos benehmen, wenn Besuch da ist.

All diese Anforderungen stellen die Kinder wiederum selbst unter Stress – und sie beginnen, sich problematisch zu verhalten. Die Kinder weinen oder schreien, streiten oder machen Fehler. Sie vergessen Dinge oder werden ganz still, gehen in den dritten Modus, das »Einfrieren«,

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