Logo weiterlesen.de
Erzählung vom sechzigsten Jahr

Wenn einer in sein sechzigstes Jahr geht

Wenn einer in sein sechzigstes Jahr geht, fängt man an, ihm einen Sitzplatz in der Straßenbahn anzubieten. Beim ersten Mal zuckt er zusammen und wehrt vehement ab, später hat er sich daran gewöhnt und zuckt nicht mehr zusammen. In jedem Falle aber lehnt er weiter ab, auch wenn ihm nach Sitzen ist, und jetzt ist ihm manchmal nach Sitzen.

Ins Grübeln kommt er nun oft und fast überall, sogar in der vollen Straßenbahn. Immer häufiger wird ihm nämlich bewusst, dass weit über die Hälfte seines Lebens vergangen ist, dass er mittlerweile viel mehr zu erinnern als zu erträumen hat, auch wenn er versucht ist, das weit von sich zu weisen. Meist drängt sich ihm nun der Gedanke auf, dass da Manches liegen geblieben ist, was eigentlich hätte zu Ende geführt sein sollen. Lose Enden, die er nun, spät, doch noch verknüpfen möchte. Unvollendetes, Begegnungen, vor langen Jahren Begonnenes, das nicht zu Ende gekommen ist, damals und dann auch nicht. Warum auch immer. Gedenken und Gedanken, verpasste Gelegenheiten, Worte, die nicht gesprochen wurden, Gesten und Berührungen, die angedeutet und nicht ausgeführt wurden, Situationen die ins Leere gelaufen waren. Nun ihn heimsuchende Erinnerungen, die er loswerden möchte, abschließen möchte; irgendwie. Erinnerungen an nicht gelebte Liebe auch.

Wenn einer in sein sechzigstes Jahr geht, sagt man ihm, wenn er jetzt manchmal stille wird und grübelt und lautlos seufzt, er müsse -das sei nur natürlich, wenn man älter wird- ab und zu ein bisschen Innehalten. Er war es aber doch gewohnt, immerzu zu wollen. Gewohnt auch, als begabt zu gelten und gewohnt, zu den Jüngeren zu gehören. Jetzt ist das alles schon geraume Zeit nicht mehr so, aber ihm will nicht einfallen, seit wann das nicht mehr so ist. Er hat nun eine Scheu vor Neuem. Und er zählt zu viel an Jahren, um noch als Begabung zu gelten. Manche Älteren aus seinem ehemals weitläufigen Bekanntenkreis haben sich auch zurückgezogen, einige sind gestorben.

Bisher hatte er gemeint, jederzeit neu anfangen zu können, einen radikalen Schnitt machen zu können, sein bisheriges Leben vom augenblicklichen abtrennen und hinter sich lassen zu können. Gerne hatte er sich der Stufen des Hermann Hesse erinnert, wonach jedem Anfang ein Zauber innewohne, „der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Nun wird ihm schmerzlich bewusst, dass er sich den Zauber eines Anfangs nicht mehr vorstellen kann. Eigentlich gar keinen Anfang und gar keinen Zauber mehr; vielmehr empfindet er, in seinem sechzigsten Jahr, Unsicherheit gegenüber aller Zukunft, Ängstlichkeit bei dem Gedanken, etwas neu beginnen zu sollen, vielleicht gar, etwas neu beginnen zu müssen. Es fehlt ihm an Phantasie, was das denn sein könnte, etwas Neues, das ihn faszinieren und nicht ängstigen könnte, etwas, das er noch gar nicht kennt und das er doch kennenlernen, vielleicht sogar bewundern sollte. Es macht ihn nun unsicher, dass er für ein solches neues Kennenlernen Altes abschneiden müsste; abschneiden, wie man den Zweig eines Baumes, der anderen Zweigen die Kraft nehmen will, abschneidet. Unfruchtbarer Ballast. Aber was wäre das? Und ginge es auch bei ihm abzuschneiden, ohne dass Phantomschmerz aufträte, früher oder später?

Wenn er so grübelt, fällt ihm auf, dass sich die Gesellschaft mit diesem Alter nicht befasst. Nicht soziologisch, nicht psychologisch, und schon gar nicht nicht politisch. Man befasst sich mit Hohem Alter und befasst sich mit Jugend; und mit Midlife Crises. Das Sechzigste Jahr aber wird beschwiegen, und wenn man jemanden daraufhin fragt, zum Beispiel nach der Liebe älterer Leute, sind die Antworten Ausflüchte. Viele protestieren. Sie wollen auf keinen Fall innehalten, sie seien noch gar keine Spur alt, locker gehe es ihnen von der Hand, immer noch wollten sie werden, jetzt erst recht. Werden, was sie immer schon hätten sein wollen. Nur, was das wäre? Auch ihnen will es im sechzigsten Jahr nicht mehr gelingen, eine Zukunft zu denken, die etwas anderes wäre als verlängerte Gegenwart.

Kapitel 1 Ich wache seit einiger Zeit

Ich wache seit einiger Zeit immer kurz vor Fünf auf. „Präsenile Bettflucht“ sagen manche dazu. Ich kann dann nicht mehr schlafen, bin aber trotzdem zum Aufstehen noch nicht fähig, geschweige denn zu klarem Denken. Es ist nur ein halbes Wachsein mit diffusem Grübeln. Nur manchmal vermag ich es, mich dem mittels einer außerordentlichen Willensanstrengung zu entziehen. Wenn ich das geschafft habe, schaue ich eine gemessene Zeit weit oben aus den Fenstern des Hochhauses in der großen Stadt Berlin, in der wir wohnen. Ich blicke dann auf die Großstadt, ihr frühes Brodeln. Oder aber ganz anders: ich blicke aus unserem kleinen Häuschen mit Krüppelwalmdach, einem ehemaligen und seit langem als solchem aufgelassenen Bauernhof, blicke ins karge Oderbruch mit seinen hohen Himmeln, wo wir zur Hälfte der Zeit auch wohnen. Fernab.

Es ist lästig, das frühe Erwachen im beginnenden Alter; lästig vor allem, wenn ich in diesen Stunden, von denen Viele sagen, sie seien die schönsten des Tages, ins uferlose Sinnieren komme. Leider passiert mir das seit geraumer Zeit ärgerlich oft und wird genauso oft zwanghaft. Ich sinniere dann über´s Leben, mein Leben und was ich daraus hätte machen können oder auch hätte machen sollen und nicht gemacht habe, über Begonnenes und nicht zu Ende Gebrachtes und nicht zu Ende Gedachtes, über selbst und fremd verschuldete Abbrüche.

Seit ich allerdings das mit dem Rudern auf einem technischen Gerät und dem Strampeln auf einem Fahrradergometer bei weit geöffnetem Fenster für mich gefunden habe, im Wechsel und mit steigender Belastung über jeweils eine halbe Stunde, meist allerdings am nicht mehr ganz so frühen Morgen und manchmal zusätzlich auch am Abend, komme ich besser zurecht. Ich konzentriere meinen alternden Körper dann auf Bizeps, Bein- und Bauchmuskeln und auf Atmung, und den zwanghaft grübelnden Geist vermag ich einigermaßen gelingend auf Volkslieder umzulenken, Lieder, deren Texte ich beim Rudern und Strampeln neben mir liegen habe und lerne oder repetiere, denn die sind gut fürs Gedächtnis und außerdem mit prallem Leben gefüllt. Erotik auch. Die ist fürs keusche Gemüt aus dem Volkslied oft nicht ohne weiteres erkennbar: „… und der wilde Knabe brach´s Röslein auf der Heiden …“ Jedenfalls atme ich dann im Takt der Ruderfiguren und zwinge den Goethe und den Claudius und den Eichendorff in die Ruder- und Strampelrhythmen. Manchmal, wenn ich mit dem Sportprogramm am Ende bin, mache ich sogar noch einige Musiktakte weiter, weil es mir gut tut, das Singen und Rudern und Strampeln. Freilich ist es oft so, dass ich auch um diese nicht mehr ganz frühe Zeit trübsinnig werde; wenn ich es also nicht schaffe, mich durch Körperertüchtigung und Volkslieder abzulenken von zwanghaftem Erinnern und Hadern mit Erinnerungen und was hätte besser gewesen sein können mit meinem Leben oder hätte besser gewesen sein sollen. Auch Lesen kann ich dann kaum, weil mich die nächtlichen Gedanken weiter verfolgen und außerdem die in den Büchern immer noch ob des Zwielichts ergrauenden Buchstaben vor den weiterhin nachtschweren und nun außerdem auch altersschwach werdenden Augen tanzen, zumal ich noch keine Brille brauchen will. Kurz vor Acht im Herbst, noch später in der noch trüberen Zeit, ist das Licht meist gut genug, und dann lese ich. Manchmal schreibe ich auch bis zum Frühstück, das ich früher immer gemeinsam mit meiner Frau eingenommen habe. Ich weiß nicht mehr, seit wann, aber jetzt essen wir früh und mittags meist getrennt und nur noch abends hin und wieder zusammen. Einen richtigen Grund dafür gibt es nicht; es hat sich so ergeben.

- ..... -

Mein Mann kommt schwer zurecht mit seinem sechzigsten Jahr, das spüre nicht nur ich. Dabei ist es doch nichts Besonderes, dieses Jahr, und es ist ja auch nicht über uns hereingebrochen wie eine Naturkatastrophe. Und es ist, für mich jedenfalls, noch lange nicht das, was man das Alter nennt. Ich empfinde es überhaupt nicht so, Ander aber, mein Mann Alexander, hadert damit. Natürlich haben wir beide dies und jenes Zipperlein, aber auch die haben ja nicht plötzlich angefangen. Man kommt halt schwerer hoch und ist nicht mehr so gelenkig und ausdauernd, wie man möchte; vor allem beim Umgang mit den Enkeln merke ich das: ich komme kaum hinterher und es zwickt mal hier, mal da. Aber bei mir überwiegt doch die Freude an den Kleinen, dass es sie gibt und dass sie so quirlig und aufgeweckt sind. Mein Mann hingegen meidet sie manchmal richtiggehend und zieht sich immer mehr in sich selbst zurück; dabei ist er immer ein Familienmensch gewesen, ehedem sogar mehr als ich. Wir haben uns da scheinbar gegenläufig entwickelt.

Gegenläufig entwickelt ist zu aktiv formuliert, es ist eher ein unmerkliches und leises Geschehen. Ich neige zwar nicht zum Grübeln wie er, bin aber nun auch nachdenklicher geworden, vor allem was unser Miteinander angeht. Mir scheint nämlich, dass wir mittlerweile vor allem nebeneinander leben. Wir berühren uns kaum noch, weder im körperlichen noch im übertragenen Sinne. Bisher habe ich geglaubt, dass ich da nichts vermisse, jetzt scheint mir, dass ich mir das eingeredet habe, denn ich hätte doch gerne ab und zu mehr Aufmerksamkeit und mehr Nähe, geistig wie körperlich; und auch ein bisschen Galanterie wäre manchmal schön. Das hat er früher so gut gekonnt - und kann es auch jetzt noch. Wenn es um andere geht! Es verdrießt es mich allmählich, wenn er anderen und vor allem jüngeren Frauen den Hof macht und wahrscheinlich manchmal nicht nur das. Aber wir haben es grundsätzlich so abgesprochen, dass uns das nicht anficht und wir da modern und liberal sind.

Abgesprochen ist auch nicht ganz richtig. Ander hat es damals so, wie soll ich sagen, deklariert, und ich habe wahrscheinlich dazu geschwiegen. Er meint: zustimmend geschwiegen. Jedenfalls habe ich wohl nur gesagt, er möge mich, bitteschön, nie mit Geschichten von seinen Amouren behelligen. Es interessiert mich nicht! Prinzipiell hat natürlich gleiches Recht zu gelten, auch wenn ich bisher dafür keinen einschlägigen Gebrauch hatte; die Zeiten können sich ja ändern, auch jetzt noch. Manchmal wäre mir danach. Ich bin allerdings ausgefüllt mit meinen Pflichten in Beruf und Haushalt und natürlich bei unseren Kinderfamilien, also unseren Enkelkindern. Dadurch komme ich gar nicht mehr in praktische Situationen, wo das eine Rolle spielen könnte, diese spezielle Gleichberechtigung, meine ich. - Hoppla, was heißt denn da, „komme ich gar nicht mehr“? Wer weiß denn, was die Zukunft bringt?! Wenn ich es recht bedenke, geht von dieser magischen Sechzig auch ein Reiz aus; zum Verbotenen nämlich oder viel mehr: zum Selbstversagten. - Na, da schieße ich wohl über die Stränge. Ich weiß nicht, was mich gerade jetzt zu solchen Gedanken provoziert, vielleicht dass Ander immer mehr auf seine „Tabubereiche“, wie er es nennt, pocht. Dazu gehört auch und ganz besonders sein Arbeitszimmer. Er mag es gar nicht, wenn unsere Enkelkinder da ohne Anzuklopfen `reinstürzen. Mit Anklopfen mag er es allerdings auch nicht. Niemand und nichts sollen seine Ordnung der Gegenstände -und natürlich seine tief schürfenden Gedanken!- stören.

Auf seine Art liebt er sie sicherlich auch, die Enkelkinder, das muss ich der Gerechtigkeit halber hier anfügen, nur dass mir diese Art und Weise fremd ist, und das habe ich mir früher nicht vorstellen können, dass mein Ander mich einmal befremden könnte. Ihm ist das offensichtlich überhaupt nicht bewusst. Noch weniger, dass er mich kaum noch beachtet. Er scheint der Meinung zu sein, dass es genug an Intimität ist, wenn er mir immer wieder Gespräche über unser gemeinsames Altern anträgt, was ich überhaupt nicht mag. „Wie´s kommt, so kommt´s“, habe ich letztens patzig geantwortet, „man ist so alt, wie man sich fühlt.“ Ich war an dem Tag wohl besonders übellaunig und habe in Anspielung auf sein Lieblingsthema sogar nachgesetzt: „Vergiss deine Tabletten nicht!“ Das war nicht gerade taktvoll, aber wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Kapitel 2 Wir sind mit dem Dehio

Wir sind mit dem Dehio, dem immer noch gediegensten Führer durch deutsche Kulturlandschaften, nach Dessau gefahren. Früher haben wir große Reisen in ferne Länder gemacht, zweimal sogar nach Neuseeland. Jetzt ist uns aufgefallen, dass wir unsere nähere Heimat kaum noch kennen. Die besuchen wir nun in aller Ruhe und nach und nach. Das hängt allerdings auch damit zusammen, dass wir heute meistens nur noch Tagestouren machen wollen und gerne am Abend dann wieder zu Hause sind, damit wir im eigenen Bett schlafen können. Früher konnten wir ohne Schwierigkeit überall übernachten; wir konnten sogar im Schlafsack und auf dem Fußboden schlafen. Verschämt ergänze ich, was den Fußboden angeht: man kommt auch schwerer hoch.

Dessau war vor, während und nach Moses Mendelssohns Zeit, aber auch in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ein deutsches Kulturzentrum sondergleichen, das wir nun endlich wieder besichtigen wollten, auch wenn es von den Schäden des Kriegs und dem Schlendrian des Sozialismus´ noch immer nicht ganz wiederhergestellt ist. Aber es tritt schon wieder sehr schön auf, und wir nehmen uns dafür sogar zwei Tage und haben deswegen ausnahmsweise eine Hotelübernachtung gebucht. Historische Teile Dessaus und den berühmten Wörlitzer Park sowie Spuren der Familie Mendelssohn haben wir schon gesehen, Bauhaus steht jetzt ausgiebig auf unserem Programm.

Nur dass das Bett meiner Frau Cäcilia, die alle „Cilly“ nennen, gegen Halbvier am Morgen leer war und sie, als sie wenig später kam, glücklich zu sein schien. Glücklich und todmüde. Trotzdem wollte sie mir die Schultern massieren, was ich zurückgewiesen habe, etwas brüsk vielleicht, da sie mir so gar nichts erklären oder erzählen wollte von ihrer Eskapade.

Ich gebe zu, dass es mich unruhig macht und irritiert, nicht zu wissen, was da war, mit wem sie da zusammen war und wie weit das wohl gegangen sein mag. Dabei darf mich das gar nicht interessieren. Wir haben uns nämlich vor langer Zeit, genau gesagt, unmittelbar bevor wir geheiratet haben, gegenseitig Toleranz und Freizügigkeit zugesichert und dass außerehelicher Sex -ich muss es nun doch mit diesem Namen nennen, auch wenn ich nichts Genaues weiß- dass das nichts mit unserer Partnerschaft zu tun hat oder haben darf. Besprochen haben wir damals auch, dass wir einander nichts von irgendwelchen Seitensprüngen erzählen sollen. „Ich will das gar nicht wissen“, hat sie mit Nachdruck gesagt. An diese Worte Cillys erinnere ich mich immer noch ganz genau, weil ich die nämlich als einen Freibrief für mich verstanden habe. Jetzt, wo ich schon sechzig werde, merke ich allerdings -und das ist in dieser langen Zeit tatsächlich das erste Mal so-, dass ich gar nicht so souverän mit dem Thema umgehen kann, dass ich gar nicht der liberale Ehemann bin, wie ich ein Eheleben lang immer gemeint und behauptet habe, überflüssigerweise manchmal auch Außenstehenden gegenüber und demonstrativ. Jetzt, wo es um Cilly, um meine eigene Ehefrau, geht, wird mir bewusst, dass ich da wohl etwas beansprucht und, ja, auch genutzt habe, was mich nun unruhig werden lässt, wenn meine Frau das womöglich auch für sich und praktisch in Anspruch nimmt, erstmals in unserem fünfunddreißigsten Ehe- und sechzigsten Lebensjahr. Ich bin offensichtlich immer davon ausgegangen, dass das für sie nur theoretisch ist und hatte nie einen Anlass, mich damit zu befassen. Aber jetzt ...

Ich muss mich selbst rügen! Erstens sind unsere damaligen Grundsätze immer noch und ohne jede Abstriche gültig, und zweitens bin ich offensichtlich darüber her, mir etwas einzureden, was womöglich, wahrscheinlich, ohne Substanz ist. Aus beiden Gründen: Schluss und aus damit!

Bleibt zu ergänzen, dass sie an diesem Morgen mit einer kurzen Frühstücksunterbrechung so lange schlief, dass ich ihr meinen Verdruss gegen Zehn auf einem schnöden Zettel mitteilte: „Ich bin alleine ins Bauhausmuseum gegangen und lade Dich zum Mittagessen ins Restaurant ein. Zwei, plusminus. Bei gutem Wetter draußen.“ - Das gastronomische Angebot in Dessau ist nicht üppig, aber es beginnt sich zu diversifizieren und sogar ein bisschen italienisch und französisch (und asiatisch natürlich) zu werden. So hat sie mich schnell gefunden, und ich habe meine Hand auf ihren Schoß gelegt. Meine von Zigaretten und Whisky imprägnierte Hand, meine jetzt manchmal zittrige Hand. Ich habe das spontan getan und wollte, dass sie es als eine Geste des Entgegenkommens verstünde, aber das hat sie wohl so nicht wahrgenommen und meine Hand stattdessen ärgerlich und etwas indigniert beiseite geschoben. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als hätte ich da eine Art Reviermarkierung versucht, nachträglich oder vorsorglich.

Sie will kaum essen, aber viel reden. Aufgekratzt. Hochgetörnt. Aber ich möchte mich jetzt am liebsten ein Stündchen hinlegen, will meine gewohnte Mittagsruhe halten und die Wirbelsäule entspannen, denn sie tut mir regelmäßig weh. Ihr tun die Schultern weh, sagt sie, Muskelverspannung. Was zu beheben geht, Wirbelsäule kaum. Die Seele ist ihr gleichgültig geworden, jedenfalls was mich betrifft. Sie ist jetzt vor allem Großmutter und vergöttert unsere Enkel. Ich, Großvater, auch wenn es mir immer noch schwer über die Lippen kommt, will von ihnen auch geliebt werden, aber ich kann und will manchmal, oft, auch nur für mich sein. Was die Seele angeht, weiß ich übers Ganze noch nicht, wie wichtig mir Enkel sind.

Ihre nächtliche Eskapade beschäftigt mich. Obwohl ich doch im Grunde nicht weiß, ob sie, wie man das früher nannte, fremd gegangen ist. Objektiv weiß ich doch eigentlich gar nichts! Aber in meinem Unterbewussten rumort es und will nicht aufhören zu rumoren. Es ist wohl auch nicht von ungefähr, dass ich gerade jetzt über unser eheliches Sexualleben grübeln muss und dass wir schon lange keinen Beischlaf mehr miteinander hatten. Warum? Weil unser letztes Mal ein kompletter Reinfall war. Da hat sie nämlich einen Hustenanfall gekriegt, eine Serie von kurzen, stoßweisen Hustern, als ob es da eine allergische Reaktion gegeben hätte. Ich habe sofort von ihr gelassen, und sie hat eine kalte Milch getrunken. Danach aber waren der Stoßhusten und die Stimmung weg. Seither haben wir ES nicht mehr versucht. ES hat sich sozusagen nicht mehr ergeben.

Das ist natürlich eine Ausrede, aber was steckt dahinter? Es ist offensichtlich hohe Zeit für mich, das gründlich zu überdenken, aber es fällt mir schwer … Jedenfalls mag ich meine Frau immer noch, nein: ich liebe sie immer noch! Nur anders.

Wir sind nun schon lange zusammen und verheiratet; so lange, dass man angesichts der Promiskuität ringsherum in Erklärungsnotstand kommt. „Wie langweilig!“, meinte neulich eine befreundete Pianistin. Sie ist geschieden und kinderlos, vielleicht deshalb. Wir hingegen haben drei erwachsene Kinder, auf die wir unsere Elternliebe zu genauen Dritteln zu verteilen suchen. Ich würde mich gerne mit Cilly dazu austauschen, aber sie weiß immer sofort, was da richtig ist. Ich weiß das mittlerweile fast nie, bin nur noch für Finanzielles in der Familie zuständig, werde nur dazu befragt. Und zu Politik. Anderes, Alltägliches, entscheidet sie. Ohne Diskussion. Aber Wohneigentum für die Kinder habe ich, und zwar gegen ihren Widerstand, angeschafft. Ohne Schulden aufzuhäufen. Mittlerweile staunt sie, dass die Kinder keine Mieten zahlen müssen.

Die Mittagsruhe muss offensichtlich ganz ausfallen; wir wollen noch schwimmen gehen. Das mögen wir beide sehr. Sie ist da behände, schwimmt weit raus und denkt überhaupt nicht daran, dass ich Krämpfe kriegen könnte. Überhaupt denkt sie wenig an mich. Mehr dafür an sich selbst und ihren Körper. Über meinen Körper denkt sie gar nicht, seit ich so aufgequollen bin und einen Spitzbauch vor mir hertrage; selbst mein leichter Herzinfarkt, hat sie nicht beeindruckt (falls sie von dem überhaupt etwas wahrgenommen hat; angedeutet hatte ich´s ihr, aber nur ungefähr und nebenhin). Er scheint ohne bleibende Konsequenzen geblieben zu sein, dieser Herzinfarkt, auch wenn ich damals gedacht habe, dass ich den Löffel wegpacke. Seither nehme ich manchmal eine Gehhilfe. - Es geht allmählich wieder, geht schleppend aufwärts. Aufwärts? Da bin ich mir nicht sicher. Damals habe ich ein Testament geschrieben, obwohl bei uns alles klar sein sollte, was die letzten Dinge angeht. Ich will nur meinen zukünftigen Kadaver verbrannt und die Asche verstreut wissen, habe aber die Grabsteine der Altvorderen gerne und würde zustimmen, wenn auch für uns später einer irgendwohin kommen soll. Vielleicht auf unseren Oderbruchhof? Platz gäbe es dort genug.

Ich habe jetzt manchmal das Gefühl, dass ich bei ihr nur mehr als Fußnote vorkomme, als straffreier Fußabtreter fürs tägliche Abreagieren von Frust, besonders morgens, wo sie irgendwohin muss mit ihrem nächtlichen Verdruss. Der Effekt dieses morgendlichen Fußabtretens hält bei ihr dann normalerweise für den ganzen Tag vor; danach kann sie gegen jeden Anderen und jede Andere lieb und verständnisvoll und großzügig sein und ihr über Jahrzehnte gepflegtes Image der Immernetten und Immerverständnisvollen ausleben.

Sie sah heute früh glücklich aus. Es war vielleicht doch DANACH.

Kein Problem, wenn´s denn so gewesen sein sollte. - Nur derart kommentarlos, derart selbstverständlich … das passt überhaupt nicht zu meiner Frau; da muss … wohl doch … etwas gewesen sein!

Sie ist erst am frühen Nachmittag richtig aufgestanden und zu mir ins Restaurant gekommen, und da war sie unausstehlich. Wie ich das gewohnt bin, wenn sie sich Morpheus´ Armen frisch entwunden hat. Was heute vor ihrem morgendlichen Tiefschlaf kam, kann ich noch immer nicht deuten. Sie wollte trotz Übermüdung plötzlich meine Schultern massieren. Ich denke jetzt, dass es schlechtes Gewissen war; weswegen auch immer.

Na und, wenn schon! Da braucht sie kein schlechtes Gewissen zu haben, weil das für uns eben gar kein Thema ist. So etwas kommt vor, mit unserer Ehe hat das nichts zu tun. Wir sind gleichberechtigt und dürfen einen Seitensprung machen, solange es unserer Partnerschaft nicht schadet. So oder so ähnlich haben wir das formuliert. - Oder habe damals nur ich das so formuliert und meine Frau hat dazu geschwiegen? Habe etwa nur ich so etwas gesagt und ihr Schweigen als Zustimmung gedeutet? Ich weiß das heute wirklich nicht mehr. Grundsätzlich widersprochen hat sie bestimmt nicht, das könnte ich erinnern. Ich muss allerdings zugeben, dass mir im in Hinblick auf unsere eheliche Partnerschaft Vieles fraglich zu werden beginnt.

Darüber reden scheint sie nicht zu wollen, auch nicht sagen zu wollen, ob´s DAS nun war oder auch wieder nicht. Und ob´s damit noch weiter geht; das würde mich nun doch interessieren. Vielleicht will sie ja sogar, dass ich nachfrage. Da kann sie lange warten! Schließlich hat sie, wenn ich ihr von meinen Seitensprüngen reden wollte, immer sofort abgeblockt: sie wolle das gar nicht wissen. Jetzt will ich es nicht wissen! Ich meine, sie soll spüren, dass ich drüber stehe, was immer gewesen sein mag.

Irgendwie wissen möchte ich es doch, muss ich zugeben. Könnte doch spannend sein, und ob ich dabei ruhig bleiben könnte. - Natürlich könnte ich dabei ruhig bleiben! Schließlich bin ich ja auch in meinem sechzigsten Lebensjahr noch immer ein moderner Mensch. Und ein liberaler und toleranter Ehemann sowieso. Dass ich das bisher praktisch nicht beweisen musste, ändert daran nichts. Es hat mir gleichgültig zu sein, es betrifft unsere Ehe nicht, und damit fertig.

Freilich, wenn ich ihr so völlig interesselos erscheine, was diese für uns beide doch ungewöhnliche und abnorme Nacht angeht, ist das vielleicht auch falsch und wird mir irgendwann vorgehalten. Also muss ich wohl wenigstens eine Andeutung von Interesse machen; wenigstens das. Ironisch vielleicht. Sagt sich allerdings leichter, als es getan ist. Ironie sei in Spott verhüllter Schmerz, hat einer mal gesagt. Na, die Genugtuung gönne ich ihr denn doch nicht: Schmerz! Aber zynisch darf es natürlich erst recht nicht klingen, das würde zum Bumerang, da ist sie feinfühlig für Nuancen, und sie kennt mich ja nun schon über fünfunddreißig Jahre, besser gesagt, wir kennen uns nun schon so lange, und andere bewundern uns für unsere stabile Ehe und Familie. Auch ich dachte bisher, dass wir es ganz gut miteinander geschafft haben und nun gemeinsam und gelassen ins sechste Lebensjahrzehnt schreiten würden. Ich merke aber, dass ich da verunsichert bin. Natürlich nicht nur wegen der vorigen Nacht, ja nicht einmal hauptsächlich deswegen. Aber in mir ist dadurch etwas angestoßen worden. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass wir sogar nach so langen Jahren nicht davor gefeit sind, uns auseinander zu leben, einander fremd zu werden, vielleicht manches Wichtige in einer ehelichen Partnerschaft schon zu lange versäumt haben, und zwar nicht nur und nicht einmal vor allem Sex, sondern dass wir einander zu wenig … beachten. Oder rede ich mir das jetzt ein?

Ich komme nicht heraus aus dem Sinnieren und merke, dass ich Gefahr laufe, mich zu verheddern und gar nicht mehr souverän zu sein. Das ist natürlich unverhältnismäßig, jedenfalls was den punktuellen Anlass angeht. Man muss doch die Kirche im Dorf lassen. Ich weiß ja eigentlich nichts, gar nichts weiß ich im Sinne von objektivem Wissen; bilde mir alles womöglich nur ein. Was denn an Fakten habe ich? Dass sie sehr spät ins Hotel gekommen ist, dass sie dabei gelächelt hat, dass sie lange geschlafen hat. - Ich muss zugeben, dass ich dann unwirsch war, und während der Heimfahrt haben wir beide kaum miteinander geredet.

Kapitel 3 Mein Mann ist mal wieder

 

 

Mein Mann ist mal wieder komisch. Als ich ihn vorige Nacht, oder vielmehr früh am Morgen, nur ein bisschen berührt habe, zuckte er förmlich zusammen und wich mir aus. Dass er anderen Frauen hinterherschielt, je jünger sie sind umso mehr, das bin ich jetzt viele Jahre gewohnt, aber dass er sexuell abstinent ist, glaube ich nicht. Mit mir will er nicht mehr, seit ich dabei husten musste. - War das peinlich! Dabei weiß er doch, dass ich Allergikerin bin, je älter umso mehr. Aber ich bin natürlich überhaupt nicht gegen ihn allergisch. Ob er das wohl jetzt glaubt? Ich werd´s ihm nicht nachtragen; und wenn er ES denn braucht, aber nicht mehr mit mir will, ist das seine Sache.

 

Richtig kalt lässt es mich nicht, das muss ich zugeben.

 

Eigentlich ist es ungerecht. Da denken die Männer, sie könnten so nebenher mit der und jener vögeln, und zu Hause sitzt die Ehefrau und hält Essen warm. Klar, man ist aufgeklärt und liberal, und ich könne mir ja auch mal einen Gigolo leisten, hat er einmal wörtlich gesagt. Dass das nicht gerade ein Kompliment ist, kommt ihm gar nicht in den Sinn! Und was würde er wohl sagen, wenn ich es tatsächlich täte?! Als ich jetzt nur einmal in langen Jahren über Nacht ohne Erklärung ausgeblieben bin, war er nahe am Ausrasten; dabei war fast nichts.

 

Fast. Ich bin nämlich tatsächlich mit einem Typen von der Reisegruppe in eine schräge Bar gegangen, wo´s frivol zuging, und bin nicht geflüchtet, als mir klar wurde, worauf ich mich da eingelassen hatte. Ich hab´s zugelassen; ganz wie vom Dorfe wollte ich nun doch nicht wirken. Als ich kurz nach Drei ins Hotel wollte, wäre ich eigentlich ... soweit ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Erzählung vom sechzigsten Jahr" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen