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Florian Wilk

Dem Erzähler auf der Spur

Zur Gliederung narrativer Texte im Neuen Testament

Mohr Siebeck GmbH & Co. KG

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
  • 1. Einleitung
    • 1.1 Die Aufgabe
    • 1.2 Grundlagen und Vorgehensweise
    • 1.3 Technische Hinweise
  • 2. Klärung der Methodik anhand des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lk 15,11b–32)
    • 2.1 Einführung
    • 2.2 Themaorientierte Analyse
    • 2.3 Inventarorientierte Analyse
    • 2.4 Sprachorientierte Analyse
      • 2.4.1 Metakommunikative Sätze mit folgender direkter Rede
      • 2.4.2 Wiederholungen
      • 2.4.3 Wiederaufnahmen
      • 2.4.4 Auffällige syntaktische Phänomene
      • 2.4.5 Vorläufige Auswertung
    • 2.5 Erzählstilorientierte Analyse
    • 2.6 Zusammenfassende Auswertung
      • 2.6.1 Vergleich der Ergebnisse für die Gliederung von Lk 15,11b–32
      • 2.6.2 Entwurf einer Vorgehensweise zur Gliederung von Erzählungen
  • 3. Exemplarische Textanalysen
    • 3.1 Das Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13,44)
      • 3.1.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas
      • 3.1.2 Thema- und inventarorientierte Analyse
      • 3.1.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur
      • 3.1.4 Einbeziehung des Erzählstils
      • 3.1.5 Einbeziehung der Syntax
      • 3.1.6 Auswertung
    • 3.2 Die Heilung eines Taubstummen (Mk 7,31–37)
      • 3.2.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas
      • 3.2.2 Thema- und inventarorientierte Analyse
      • 3.2.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur
      • 3.2.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen
      • 3.2.5 Einbeziehung des Erzählstils
      • 3.2.6 Einbeziehung der Syntax
      • 3.2.7 Auswertung
    • 3.3 Petrus und Kornelius (Apg 10,1–11,18)
      • 3.3.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas
      • 3.3.2 Thema- und inventarorientierte Analyse
      • 3.3.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur
      • 3.3.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen
      • 3.3.5 Einbeziehung des Erzählstils
      • 3.3.6 Einbeziehung der Syntax
      • 3.3.7 Auswertung
    • 3.4 Jesus vom Laubhütten- bis zum Tempelweihfest in Jerusalem (Joh 7,1–10,39)
      • 3.4.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas
      • 3.4.2 Thema- und inventarorientierte Analyse
      • 3.4.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur
      • 3.4.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen
      • 3.4.5 Einbeziehung des Erzählstils
      • 3.4.6 Einbeziehung der Syntax
      • 3.4.7 Auswertung
    • 3.5 Das Evangelium nach Markus (Mk 1,1–16,8d)
      • 3.5.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas
      • 3.5.2 Methodologische Zwischenüberlegung
      • 3.5.3 Thema- und inventarorientierte Analyse
      • 3.5.4 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur
      • 3.5.5 Thematische Beschreibung der postulierten Hauptteile
      • 3.5.6 Einbeziehung der Kommunikationsebenen
      • 3.5.7 Einbeziehung des Erzählstils
      • 3.5.8 Auswertung
  • 4. Schlussbetrachtung
    • 4.1 Evaluation der einzelnen Untersuchungsmethoden
      • 4.1.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas
      • 4.1.2 Thema- und inventarorientierte Analyse
      • 4.1.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur
      • 4.1.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen
      • 4.1.5 Einbeziehung des Erzählstils
      • 4.1.6 Einbeziehung der Syntax
    • 4.2 Evaluation der Vorgehensweise im Ganzen
    • 4.3 Leitfragen für die Gliederung neutestamentlicher Erzählungen
  • Literaturverzeichnis
  • Autorenregister
  • Stellenregister

|V|Vorwort

»Der Reihe nach« oder, wie es in der Lutherbibel heißt, »in guter Ordnung« (Lk 1,3) hat Lukas nach eigenem Bekunden aufgeschrieben, was er vom Lebensweg Jesu zu erzählen hatte. Die Auskunft des dritten Evangelisten hat mir seit den Anfängen meiner exegetischen Bemühungen zu denken gegeben: Welcher Art ist die genannte »Ordnung«, und wie lässt sie sich erfassen? Im Zuge fortgesetzter Beschäftigung mit dem Neuen Testament wurde mir deutlich, dass die Beantwortung der Frage nach dem Aufbau grundlegende Bedeutung für die Interpretation wohl jedes seiner Bücher und Texte hat. Ich bin dieser Frage daher viele Jahre hindurch wiederholt, für mich und im Dialog mit anderen, nachgegangen. Dabei zeigte sich, wie heikel sie ist – und dass sie für jede Textsorte gesondert bearbeitet werden muss. Besonders drängend erschien und erscheint sie mir im Hinblick auf die Erzählungen des Neuen Testaments zu sein. So bin ich froh, nun die lange geplante Studie zum Thema vorlegen zu können. Ich hoffe, sie ist geeignet, die gebotene Aufmerksamkeit für die Strukturen, die solche Texte aufweisen, zu erhöhen und die notwendige Klarheit bei ihrer Analyse zu fördern.

Dank sage ich allen, die die Entstehung der Arbeit gefördert haben: den theologischen Lehrerinnen und Lehrern, die mir allererst ans Herz gelegt haben, sorgfältig auf Textstrukturen zu achten; den Studentinnen und Studenten, die bereit waren, in meinen Lehrveranstaltungen mit mir über die Gliederung neutestamentlicher und in Sonderheit narrativer Texte nachzudenken und zu diskutieren; den Kolleginnen und Kollegen, die mich ermutigten, dieses Buch zu schreiben, und mir in Gesprächen wichtige Anregungen dafür gaben; dem Präsidium der Georg-August-Universität Göttingen, das mir durch Gewährung eines Forschungssemesters die Möglichkeit gab, meine Vorarbeiten in einem Manuskript zusammenzuführen; Herrn Henning Ziebritzki, der den langen Entstehungsprozess der Untersuchung freundlich und mit mancherlei sachdienlichen Hinweisen begleitet hat; und Frau Jana Trispel samt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Verlag und Setzerei, die den komplizierten Herstellungsprozess mit Geduld und Umsicht bewältigt haben.

Insbesondere aber danke ich all denen, die mich während meiner bisherigen Tätigkeit an der Theologischen Fakultät zu Göttingen als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter sowie als wissenschaftliche oder studentische Hilfskräfte unterstützt haben: Dr. Birke Siggelkow-Berner, Ingo Vespermann, Dr. Martin Jagonak, Dr. Martina Janßen, Dr. Frank Schleritt, Wibke Winkler, Julian Bergau und Eduard Käfer sowie Tina Oehm, Sehun Kang, Markus Sauerwein, Prof. Dr. Jacob Wright, Johanna Löber (geb. Rudolph), Ina Jäckel (geb. Schmidt), Heike Rozek (geb. Fürch), Krystyna-Maria Redeker, Valentin Wendebourg, Martijn Wagner, Johanna Waldmann, Dr. Heidrun Gunkel, Swantje Morgenstern, Kristina Krehl (geb. Bode), Kristin Bogenschneider, Janine Müller, Christiane Reschke (geb. Korf), Konrad Otto, Charlotte Behr und Christina Bünger. Die Lern- und Arbeitsgemeinschaft mit ihnen war und ist mir lieb und |VI|teuer. Ihre Recherchen und Korrekturen, ihre Fragen und Gesprächsbeiträge, ihre Hilfsbereitschaft und Sorgfalt sind auch dem vorliegenden Buch teils direkt, teils indirekt zugutegekommen. Ihnen sei es daher gewidmet.

 

Göttingen, im Februar 2016 Florian Wilk

|1|1. Einleitung

1.1 Die Aufgabe

Wer erzählt, bringt anderen Menschen gegenüber zur Sprache, dass und wie sich ein bestimmtes Geschehen vollzogen hat. Das Erzählen gehört insofern »zu den Basisformen sozialer Kommunikation«[1] – und somit auch zu den Redeweisen, die für die Weitergabe der Christusbotschaft von Anfang an grundlegende Bedeutung hatten.[2] Demgemäß hat es das Neue Testament maßgeblich geprägt: Die Evangelien und die Apostelgeschichte bilden insgesamt narrative Texte,[3] und die Briefe enthalten ihrerseits viele erzählende Passagen[4].

In neuerer Zeit sind daher mit Recht sprach- und literaturwissenschaftliche Verfahren auf die Erzählungen des Neuen Testaments angewendet worden, um diese in ihrer textuellen Eigenart zu erfassen.[5] Dabei wird auch und gerade nach der Struktur oder – mit anderen Worten – dem Aufbau neutestamentlicher Erzählungen gefragt. Die Bestandteile eines Textes sind ja

nicht nur ineinander gehängt wie die Glieder einer Kette, sondern bilden ein mehr oder weniger kompliziertes Gefüge mit Überordnung und Unterordnung, sind zu einem Netz … von Beziehungen untereinander verknüpft, d.h., sie bilden eine Struktur. Durch diese Struktur erst wird aus Wörtern und Sätzen ein einheitliches Ganzes mit einer Gesamtbedeutung.[6]

|2|Auf Erzählungen bezogen bedeutet das:

Ein narrativer Text … entsteht nicht schon dadurch, daß einzelne Episoden rein additiv hintereinander gereiht werden … Vielmehr müssen die im Nacheinander erzählten Ereignisse ›etwas miteinander zu tun haben‹, einen gemeinsamen roten Faden aufweisen, gewissermaßen in einer Syntax der Erzählung aufeinander bezogen, d.h. einander über- und untergeordnet sein, kurz: im Ganzen der Erzählung zu einer Struktur gefügt sein …[7]

Das wissenschaftliche Bemühen, die Strukturen neutestamentlicher Erzählungen zu ermitteln, ist deshalb sehr zu begrüßen. Das gilt umso mehr, als immer noch viele exegetische Untersuchungen zwei markante Lücken aufweisen. Die erste Lücke besteht darin, dass der Aufbau der jeweils behandelten Erzählung zwar beschrieben oder in einer Übersicht dargestellt, aber bei der Einzelinterpretation kaum berücksichtigt wird.[8] Wenn jedoch, wie festgestellt, die »Gesamtbedeutung« eines Textes auf seiner Struktur basiert, sollte diese im Zuge der Auslegung durchgehend Beachtung finden; und die genannte Übersicht müsste dann das Gesamtverständnis des betreffenden Textes widerspiegeln. Zweitens liegt eine Lücke dort vor, wo ein Aufbau skizziert wird, ohne dass man erfährt, aus welchen Beobachtungen und Urteilen die Skizze hervorgegangen ist.[9] Wenn aber die Beschreibung der Struktur eines Textes ein Spiegelbild der Auffassung seiner »Gesamtbedeutung« bildet, muss jene Beschreibung ebenso begründet werden wie die Auslegung selbst.

Die Pflicht, eine Übersicht zum Aufbau einer neutestamentlichen Erzählung zu legitimieren, erwächst im wissenschaftlichen Diskurs zudem bereits aus dem Sachverhalt, dass wohl für jeden derartigen Text verschiedene Strukturmodelle vorliegen, die teils erheblich voneinander abweichen und so in Konkurrenz zueinander stehen. Freilich lässt sich deren Vielfalt nicht einfach dadurch aufheben oder jedenfalls begrenzen, dass alle am Diskurs Beteiligten Rechenschaft ablegen, aus welchen Gründen sie jeweils eine bestimmte Ansicht zum Aufbau der betreffenden Erzählung vertreten. Die Forschungssituation ist gerade durch einen Dissens darüber geprägt, auf welche Weise sich die Ermittlung der Textstruktur zu vollziehen hat.

Uneinigkeit herrscht schon bei der grundlegenden Frage nach der Rangfolge von Synchronie und Diachronie. So legen etwa manche Kommentare zum Johannes-Evangelium nicht den textkritisch hergestellten, sondern einen literarkritisch bearbeiteten Wortlaut der Erzählung aus.[10] Doch selbst wenn man nicht |3|alle »Quellen- und Redaktionstheorien« schlicht für »unbegründbar[ ]« hält und das »im Kanon … überlieferte Werk« a priori »als einen kohärenten … Text interpretieren« will,[11] darf man doch wohl voraussetzen, »daß der letzte Redaktor das Werk als einheitlich … angesehen hat«[12]. Dann aber gilt es, allererst dieses Werk auf seinen Aufbau hin zu untersuchen.[13]

Strittig ist ferner, mit welcher Methodik solch eine Untersuchung durchgeführt werden soll. Einige betrachten die Struktur als »the architectural end-product« des Prozesses, in dem ein Erzähler oder eine Erzählerin einen »plot« geschaffen, also diverse Ereignisse »into a coherent narrative whole« arrangiert habe;[14] sie ermitteln die Struktur deshalb im Rahmen einer narrativen Analyse[15]. Anderen gilt die Struktur eines Textes ebenso als Aspekt seiner sprachlichen Form wie Wortwahl, Stil oder Syntax;[16] sie bedienen sich deshalb linguistischer Verfahren, zumal einer Kombination aus syntaktischer und semantischer Analyse, um seinen Aufbau zu beschreiben[17]. Dieser Disput ergibt sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass die Erzählungen des Neuen Testaments aufgrund ihres Alters und ihres stark divergierenden Umfangs nicht einfach den üblichen Gegenständen der Textlinguistik oder denen der Literaturwissenschaft zuzuordnen sind; er lässt sich daher auch nicht einfach so oder so entscheiden. Dann aber bleibt zu prüfen, inwieweit die Ergebnisse verschiedener Analyseverfahren miteinander kompatibel und in welcher Weise sie ggf. in eine Beschreibung des Textaufbaus zu integrieren sind.

|4|Im Übrigen herrscht oftmals Uneinigkeit, welchen (narrativen oder sprachlichen) Gesichtspunkten entscheidendes Gewicht bei der Strukturanalyse eines konkreten Textes zugemessen werden kann.[18]

Die Forschungslage zur Struktur neutestamentlicher Erzählungen ist also von disparaten methodischen Ansätzen und Verfahrensweisen geprägt. Es gilt deshalb zu klären, anhand welcher Kriterien über die Sachgemäßheit solcher Ansätze entschieden werden kann und welche analytischen Mittel dann zur Ermittlung des Aufbaus solch einer Erzählung eingesetzt werden sollen. Der Bearbeitung dieser Aufgabe ist das vorliegende Buch gewidmet.

1.2 Grundlagen und Vorgehensweise

Das Fundament der Untersuchung bildet ein Ensemble aus sieben Grundüberzeugungen. Sie lauten:

  1. Jede neutestamentliche Erzählung ist auf die eine oder andere Weise strukturiert.

  2. Diese Struktur ist – wie bei anderen Texten auch – an der Textoberfläche anhand bestimmter Textmerkmale zu erkennen.[19]

  3. Textmerkmale, die die Struktur einer Erzählung anzeigen, sind für die Textsorte »Erzählung« charakteristisch.[20]

  4. Die Identifizierung und Gewichtung solcher Textmerkmale obliegt denen, die die Erzählung lesen und auslegen; es ist, mit anderen Worten, die Aufgabe des Interpreten und der Interpretin, die Erzählung zu gliedern.

    Gliederung meint hier und im Folgenden demnach entweder den analytischen Vorgang, der sich bei der Textlektüre vollzieht, oder dessen Ergebnis. Solch ein Vorgang führt insofern über eine Segmentierung hinaus, als er die dazu benannten Textmerkmale in eine hierarchische Ordnung bringt.[21]

  5. Keine Gliederung kann für sich den Anspruch erheben, gleichsam objektiv die Struktur einer Erzählung abzubilden; solche Objektivität ist für niemanden, die oder der Texte auslegt, erreichbar.

  6. Gerade deshalb muss jede Gliederung im wissenschaftlichen Diskurs plausibilisiert werden; dabei ist eine Gliederung dann plausibel (bzw. plausibler als andere Gliederungsentwürfe), wenn sie die für die Struktur relevanten Textmerkmale möglichst umfassend (bzw. in höherem Maße als andere Glie|5|derungsentwürfe) berücksichtigt[22] und der Eigenart der jeweiligen Erzählung gemäß gewichtet.

  7. Die Plausibilität einer Gliederung zeigt sich überdies daran, dass sie den Gesamtzusammenhang und die Intention der Erzählung zu verstehen hilft.

Auf dieser Basis soll im Folgenden zunächst (in Kapitel 2) eine Methodik zur Gliederung neutestamentlicher Erzählungen im Kontext der einschlägigen Forschungsdiskussion entwickelt werden. Anschließend gilt es, diese Methodik (in Kapitel 3) mittels Anwendung auf mehrere, unterschiedlich geartete und unterschiedlich lange Textbeispiele zu bewähren. In einer Schlussbetrachtung (Kapitel 4) ist zu erheben, welche Folgerungen für den Einsatz der Methodik aus der exemplarischen Anwendung zu ziehen sind.

1.3 Technische Hinweise

Abkürzungen einzelner Wörter folgen den Angaben im Duden, Band 1.

Die Abkürzungen biblischer Bücher und antiker Schriften entsprechen dem Verzeichnis im Exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament.[23]

Bei der Angabe neutestamentlicher Stellen folgt die Einteilung einzelner Verse in erster Linie den Satzzeichen im »Novum Testamentum Graece«, ohne Unterschied zwischen Klammer, Komma, Kolon oder Punkt; die betreffenden Teilverse werden fortlaufend mit kleinen, ohne Zwischenraum an die Versziffer angefügten lateinischen Lettern benannt. Sind weitere Einteilungen erforderlich, erfolgen diese entweder – wenn zuvor in Textübersichten eindeutig zugeordnet – durch Ergänzung kleiner griechischer Buchstaben[24] oder durch Hinzufügung der Angaben »init.«, »md.« und »fin.«; in letzterem Fall wird der übrige Teilvers bei Bedarf durch das zusätzliche Sigel * gekennzeichnet. Die mit einem verminderten Zwischenraum an eine Ziffer angeschlossene Angabe »f.« verweist auf den folgenden Vers oder das folgende Kapitel.

In den Anmerkungen wird die benutzte Literatur mit Autorname und Kurztitel benannt.

|6|2. Klärung der Methodik
anhand des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lk 15,11b–32)

2.1 Einführung

Im Sinne neuerer Erzähltheorien lässt sich eine schriftlich vorliegende Erzählung als Text definieren, durch den eine Erzählerin oder ein Erzähler mit bestimmten Adressaten im Erzählvorgang so kommuniziert, dass ein aus diversen, aufeinander folgenden Ereignissen bestehendes Geschehen zur Darstellung kommt.[25] Demgemäß können Erzählungen generell auf den drei Ebenen des Erzählvorgangs, des dargestellten Geschehens und des Textes auf ihre jeweilige Eigenart hin untersucht werden.[26]

Für die Gliederung einer Erzählung ist naturgemäß die Analyse auf der Textebene entscheidend. Allerdings muss eine derartige Textanalyse die geschilderten Ereignisse[27] und die mittels der Erzählung vollzogene Kommunikation insoweit berücksichtigen, als sie sich im Text selbst widerspiegeln. Andererseits zeitigt nicht jeder auf der Textebene denkbare Untersuchungsschritt Ergebnisse, die zu einer Gliederung beitragen. Hilfreich dürften diejenigen Verfahren sein, die das Gesamtgefüge einer Erzählung hinsichtlich seines inhaltlichen Zusammenhangs oder seines gestalterischen Zusammenhalts in den Blick nehmen, die also darauf angelegt sind, überblicksweise zu klären, »was« und »wie« erzählt wird[28].

Beide Leitfragen sind der Klarheit halber zu differenzieren: In Bezug auf den Inhalt gilt es zu erheben,

a) wovon die Erzählung handelt und

b) welche Welt sie dabei aufbaut;

in Bezug auf ihre äußere Gestalt muss man ermitteln,

c) in welcher Weise sie dargeboten wird und

d) welche sprachlichen Mittel dabei eingesetzt werden.

Es geht also darum, eine Erzählung in der Ausrichtung einerseits auf (a) ihr Thema und (b) ihr narratives Inventar, andererseits auf (c) den sie prägenden Erzählstil und (d) ihre Sprache zu gliedern.

 

|7|In einem Schema lassen sich diese analytischen Zugänge wie folgt darstellen:

Im Folgenden sollen die den genannten vier Aspekten entsprechenden Analyseverfahren der Reihe nach vorgestellt, auf ihre Sachgemäßheit geprüft und hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen ausgewertet werden. Dazu werden sie exemplarisch auf einen Text angewendet, der bekannt und übersichtlich ist, zugleich aber – wie die Auslegungsgeschichte zeigt – interpretatorische Fragen aufgibt und daher eine eingehende Untersuchung lohnt: das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11b–32). Anschließend sind die Ergebnisse der Analysen miteinander zu vergleichen, um auf dieser Basis ein geeignetes Verfahren zur Gliederung neutestamentlicher Erzählungen zu entwickeln.

Damit die weiteren Ausführungen leichter nachzuvollziehen sind, sei die Erzählung aus Lk 15 nachstehend synoptisch in ihrem griechischen Wortlaut[29] und einer möglichst wortgetreuen deutschen Übersetzung[30] dargeboten.

|8|Lk 15,11b–32: griechischer Text (NT Graece28)

11

· ἄνθρωπός τις εἶχεν δύο υἱούς.

12

καὶ εἶπεν ὁ νεώτερος αὐτῶν τῷ πατρί·

πάτερ, δός μοι τὸ ἐπιβάλλον μέρος τῆς οὐσίας.

ὁ δὲ διεῖλεν αὐτοῖς τὸν βίον.

13

καὶ μετοὐ πολλὰς ἡμέρας συναγαγὼν πάντα

ὁ νεώτερος υἱὸς ἀπεδήμησεν εἰς χώραν μακρὰν

καὶ ἐκεῖ διεσκόρπισεν τὴν οὐσίαν αὐτοῦ ζῶν ἀσώτως.

14

δαπανήσαντος δὲ αὐτοῦ πάντα

ἐγένετο λιμὸς ἰσχυρὰ κατὰ τὴν χώραν ἐκείνην, καὶ αὐτὸς ἤρξατο ὑστερεῖσθαι.

15

καὶ πορευθεὶς ἐκολλήθη ἑνὶ τῶν πολιτῶν τῆς χώρας ἐκείνης,

καὶ ἔπεμψεν αὐτὸν εἰς τοὺς ἀγροὺς αὐτοῦ βόσκειν χοίρους,

16

καὶ ἐπεθύμει χορτασθῆναι[a] ἐκ τῶν κερατίων ὧν ἤσθιον οἱ χοῖροι,

καὶ οὐδεὶς ἐδίδου αὐτῷ.

17

εἰς ἑαυτὸν δὲ ἐλθὼν ἔφη· πόσοι μίσθιοι τοῦ πατρός μου

περισσεύονται ἄρτων, ἐγὼ δὲ λιμῷ ὧδε ἀπόλλυμαι.

18

ἀναστὰς πορεύσομαι πρὸς τὸν πατέρα μου καὶ ἐρῶ αὐτῷ·

πάτερ, ἥμαρτον εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐνώπιόν σου,

19

οὐκέτι εἰμὶ ἄξιος κληθῆναι υἱός σου·

ποίησόν με ὡς ἕνα τῶν μισθίων σου.

20

καὶ ἀναστὰς ἦλθεν πρὸς τὸν πατέρα ἑαυτοῦ.

Ἔτι δὲ αὐτοῦ μακρὰν ἀπέχοντος εἶδεν αὐτὸν ὁ πατὴρ αὐτοῦ καὶ ἐσπλαγχνίσθη

καὶ δραμὼν ἐπέπεσεν ἐπὶ τὸν τράχηλον αὐτοῦ καὶ κατεφίλησεν αὐτόν.

21

εἶπεν δὲ ὁ υἱὸς αὐτῷ· πάτερ, ἥμαρτον εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐνώπιόν σου,

οὐκέτι εἰμὶ ἄξιος κληθῆναι υἱός σου.

22

εἶπεν δὲ ὁ πατὴρ πρὸς τοὺς δούλους αὐτοῦ·

ταχὺ ἐξενέγκατε στολὴν τὴν πρώτην καὶ ἐνδύσατε αὐτόν,

καὶ δότε δακτύλιον εἰς τὴν χεῖρα αὐτοῦ καὶ ὑποδήματα εἰς τοὺς πόδας,

23

καὶ φέρετε τὸν μόσχον τὸν σιτευτόν, θύσατε, καὶ φαγόντες εὐφρανθῶμεν,

24

ὅτι οὗτος ὁ υἱός μου νεκρὸς ἦν καὶ ἀνέζησεν,

ἦν ἀπολωλὼς καὶ εὑρέθη.

καὶ ἤρξαντο εὐφραίνεσθαι.

25

Ἦν δὲ ὁ υἱὸς αὐτοῦ ὁ πρεσβύτερος ἐν ἀγρῷ·

καὶ ὡς ἐρχόμενος ἤγγισεν τῇ οἰκίᾳ, ἤκουσεν συμφωνίας καὶ χορῶν,

26

καὶ προσκαλεσάμενος ἕνα τῶν παίδων ἐπυνθάνετο τί ἂν εἴη ταῦτα.

27

ὁ δὲ εἶπεν αὐτῷ ὅτι ὁ ἀδελφός σου ἥκει,

καὶ ἔθυσεν ὁ πατήρ σου τὸν μόσχον τὸν σιτευτόν, ὅτι ὑγιαίνοντα αὐτὸν ἀπέλαβεν.

28

ὠργίσθη δὲ καὶ οὐκ ἤθελεν εἰσελθεῖν,

ὁ δὲ πατὴρ αὐτοῦ ἐξελθὼν παρεκάλει αὐτόν.

29

ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν τῷ πατρὶ αὐτοῦ[b]·

ἰδοὺ τοσαῦτα ἔτη δουλεύω σοι καὶ οὐδέποτε ἐντολήν σου παρῆλθον,

καὶ ἐμοὶ οὐδέποτε ἔδωκας ἔριφον ἵνα μετὰ τῶν φίλων μου εὐφρανθῶ

30

ὅτε δὲ ὁ υἱός σου οὗτος ὁ καταφαγών σου τὸν βίον μετὰ πορνῶν ἦλθεν,

ἔθυσας αὐτῷ τὸν σιτευτὸν μόσχον.

31

ὁ δὲ εἶπεν αὐτῷ· τέκνον, σὺ πάντοτε μετἐμοῦ εἶ, καὶ πάντα τὰ ἐμὰ σά ἐστιν·

32

εὐφρανθῆναι δὲ καὶ χαρῆναι ἔδει, ὅτι ὁ ἀδελφός σου οὗτος

νεκρὸς ἦν καὶ ἔζησεν, καὶ ἀπολωλὼς καὶ εὑρέθη.

|9|Lk 15,11b–32: deutscher Text (eigene Übersetzung)

11

…: Ein Mensch hatte zwei Söhne.

12

Und der jüngere von ihnen sagte dem Vater:

»Vater, gib mir den (mir) zustehenden Teil des Gutes.«

Er aber teilte ihnen das Eigentum zu.

13

Und nach wenigen Tagen, als er alles zusammengeholt hatte,

zog der jüngere Sohn fort in ein fernes Land,

und dort vergeudete er sein Gut mit heilloser Lebensweise.

14

Nachdem er aber alles ausgegeben hatte,

kam eine schwere Hungersnot über jenes Land, und er begann zu darben.

15

Und er ging hin und unterstellte sich einem der Bürger jenes Landes,

und der schickte ihn auf seine Felder zum Schweinehüten.

16

Und er gierte danach, asatt zu werden[a-a] von den Schoten, die die Schweine fraßen,

und niemand gab ihm (zu essen).

17

Er aber ging in sich und sagte: »Wie viele Tagelöhner meines Vaters

haben Brot im Überfluss, doch ich komme hier vor Hunger um.

18

Ich will mich aufmachen, zu meinem Vater gehen und ihm sagen:

›Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir,

19

ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden;

mache mich wie einen deiner Tagelöhner.‹«

20

Und er machte sich auf und ging zu seinem eigenen Vater.

Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde von Mitleid ergriffen,

lief (hin) und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

21

Der Sohn aber sagte ihm: »Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir,

ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.«

22

Aber der Vater sagte zu seinen Dienern:

»Schnell, holt das beste Gewand heraus und kleidet ihn ein,

und gebt (ihm) einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Füße,

23

und holt das Mastkalb, schlachtet es, und lasst uns essen und feiern;

24

denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden,

er war verloren und ist gefunden worden.«

Und sie begannen zu feiern.

25

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld;

und als er (heim)kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz;

26

und er rief einen der Burschen herbei und erkundigte sich, was dies sei.

27

Der aber sagte ihm: »Dein Bruder ist gekommen,

und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund zurückerhalten hat.«

28

Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen.

Doch sein Vater kam heraus und redete ihm zu.

29

Er aber antwortete und sagte seinem[b] Vater:

»Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich dein Gebot übertreten –

und mir hast du niemals eine Ziege gegeben, auf dass ich mit meinen Freunden feiere;

30

als aber dein Sohn da, der dein Eigentum mit Huren aufgezehrt hat, kam,

hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.«

31

Er aber sagte ihm: »Kind, du bist allezeit bei mir, und alles was mein ist, ist dein;

32

(jetzt) aber war es nötig, zu feiern und fröhlich zu sein, denn dein Bruder da

war tot und ist lebendig geworden, und (er war) verloren und ist gefunden worden.«

|10|2.2 Themaorientierte Analyse

Als »Kern des Textinhalts« umfasst das Thema »den Grund- oder Leitgedanken« eines Textes; jener Textinhalt ist also »das Resultat der Entfaltung«, d.h. der »gedankliche[n] Ausführung des Themas«.[31] Sofern es nicht »in einem Textsegment realisiert« ist, muss es »aus dem Textinhalt abstrahiert werden«.[32] Hat man es erhoben, kann man von ihm aus die Textstruktur beschreiben.

Ein ebenso einleuchtendes wie praktikables Verfahren für die thematisch orientierte Analyse des Aufbaus literarischer Werke hat bereits Friedrich Schleiermacher in seinem Kolleg »Hermeneutik und Kritik« entwickelt. Wie er zeigt, lässt sich die »Eigentümlichkeit in der Komposition« aus der »Einheit des Ganzen« – die als »innere Einheit« mit dem »Thema eines Werkes« identisch ist – ableiten.[33] Das Thema »zu finden« sei daher die »[e]rste Aufgabe« des Interpreten. Dafür dürfe man sich nicht auf eine ggf. vorhandene »Angabe des Verfassers zu Anfang oder zu Ende« verlassen.[34] Vielmehr bedürfe es einer gesonderten Untersuchung; und diese sollte sich wie folgt vollziehen:

»1. Man vergleiche die entgegengesetzten Punkte Anfang und Ende. [Anm. Die erste Übersicht fängt also so elementarisch an als möglich]. Fortschreitendes Verhältnis = Charakter der historischen und rhetorischen Komposition. Gleichheits-Verhältnis = Char[akter] der intuitiven Komposition. Zyklisches Verhältnis = Char[akter] der dialektischen Kompos[ition]. … Kautelen. 1.) Man unterscheide wohl, was an beiden Punkten auf den Zweck sich bezieht, und was auf die Idee. 2.) Man unterscheide wohl den rechten Anfang und das rechte Ende. a) Der Anfang des Ganzen ist zugleich Anfang seines ersten, das Ende des Ganzen zugleich Ende seines letzten Gliedes. … b) Man unterscheide ja die Grenzen des Ganzen. …

2. Wenn Anfang und Ende nichts oder nicht genug für die Einheit geben, so vergleiche man die akzentuierten Stellen. Die gleich akzentuierten müssen zur Idee im gleichen Verhältnis stehen und daher diese daraus hervorgehen. …

3. Man geht nun weiter ins Einzelne …, um den Akzent zu verfolgen … – Je genauer nun das Abnehmen des Akzents übereinstimmt mit der Entfernung von der vorausgesetzten Idee, desto mehr bestätigt sich die Voraussetzung.«[35]

Dieses Verfahren eignet sich in der Tat dazu, das Thema einer Erzählung zu erfassen und von dort her einen Überblick über ihren Aufbau zu gewinnen. Es weist allerdings auch gewisse Unschärfen auf. Seine Vorzüge und seine Grenzen werden bei der Anwendung auf Lk 15,11b–32 gleichermaßen deutlich.

Vergleicht man zunächst Anfang und Ende, so fällt unmittelbar auf, dass am Ende ein Pendant zum ersten, vom Erzähler gesprochenen Satz Lk 15,11b: »Ein Mensch hatte zwei Söhne«, fehlt. Die Erzählung schließt stattdessen mit einer an den älteren Sohn (V. 25a) gerichteten Äußerung des Vaters (15,31f.).

|11|Dieser Mangel deutet vor allem den Zweck der Erzählung an. Sie richtet sich ja – als zweiter Teil einer Rede Jesu[36] – an »Pharisäer und Schriftgelehrte«, die gegen seine Hinwendung zu und Tischgemeinschaft mit »allen Zöllnern und Sündern« protestieren (Lk 15,1f.). Sie, die Adressaten, sehen sich infolge des offenen Schlusses gleichsam selbst vom Vater angeredet[37] – und somit implizit aufgefordert, ihre Kritik am Verhalten Jesu zu überdenken. Gleichwohl ist jene Diskrepanz auch für die Suche nach dem Thema der Erzählung von Belang.

In seinem Schlussvotum reagiert der Vater (Lk 15,28b) auf den Widerspruch seines älteren Sohnes (15,29f.). Dabei vergewissert er ihn als »Kind« ihrer wechselseitigen Gemeinschaft (V. 31), um ihm daraufhin die Notwendigkeit des laufenden Festes zu erläutern (V. 32a); sie ergebe sich aus der Tatsache, dass sein »Bruder« ins Leben zurückgekehrt sei (V. 32b–c). Der Vater verknüpft also den Status des Kindes (das der Ältere für den Vater ist) mit dem des Bruders (das ist er dem jüngeren Sohn) – und sucht so den älteren Sohn in die familiäre Verbundenheit aller drei Personen hineinzuziehen. Angesichts eines solchen Schlusses taugt aber V. 11b alleine nicht als »rechter Anfang« des Ganzen.[38] Dieser umfasst vielmehr 15,11b–12; denn erst V. 12 benennt mit der vom jüngeren Sohn geforderten, vom Vater daraufhin vollzogenen Erbteilung[39] die Voraussetzung für das Zerwürfnis, dessen vollständige Heilung der Vater am Ende herbeiführen möchte. Das auf den Protest des Älteren antwortende Schlusswort des Vaters greift demnach seine auf Wunsch des Jüngeren vollzogene Erbteilung auf, sodass – mit Schleiermacher zu sprechen – ein »fortschreitendes Verhältnis« von Anfang und Ende und damit eine Art »historischer Komposition« vorliegt. Deren Thema ist dann die freudvolle Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen dem Vater und seinen beiden Söhnen; und dabei besteht die Pointe darin, dass jene Wiederherstellung zwar durch das Verhalten des Jüngeren notwendig geworden, schließlich jedoch seitens des Älteren zu vervollständigen ist.

Es besteht also durchaus Anlass, die traditionelle Überschrift »Das Gleichnis vom verlorenen Sohn« zu verändern; diese bildet den elementaren Sachverhalt, dass eine »Dreiecksgeschichte« vorliegt, nicht ab.[40] Freilich sollte man dann nicht von »den verlorenen Söhnen« sprechen. Es werden ja gerade nicht einfach »zwei Typen einander gegenübergestellt«[41]. Vielmehr macht schon der Kontrast von Anfang und Ende deutlich, dass es dem Erzähler um die Reaktion des älteren auf das Geschick des jüngeren Sohnes geht.

Fragt man nun weiter nach den akzentuierten Stellen, so gilt es Stellen aufzuspüren, die für den Fortschritt der Erzählung im Zeichen des Themas maßgeblich sind. Da sie von der Wiederherstellung einer familiären Gemeinschaft handelt, |12|kommen dafür solche Stellen in Betracht, die Veränderungen in den Beziehungen zwischen den beteiligten Personen signalisieren. Dies geschieht zum ersten Mal mit Lk 15,13: Nach der vom Vater durchgeführten Erbteilung (V. 12d) zog der jüngere Sohn mit seinem Anteil in ein fernes Land, wo er all sein Gut verprasste. Die folgenden Verse (15,1416) schildern, wie er danach immer tiefer ins Elend geriet.[42] Die zweite deutliche Zäsur ist mit V. 17 gegeben: Angesichts seiner Not ging der Sohn in sich und gedachte seines Vaters. In 15,1820a wird erzählt, dass er sich daraufhin entschloss, in der Stellung eines Tagelöhners zu seinem Vater zurückzukehren. V. 20b markiert den nächsten Einschnitt: Noch bevor der Sohn das Vaterhaus erreichte, sah ihn sein Vater, wurde von Mitleid ergriffen und begrüßte ihn herzlich. Bis ans Ende von V. 24 reicht dann die Darstellung der freudigen, in ein Freudenfest einmündenden Aufnahme des reuigen Sohnes durch den Vater. Erneut vorangetrieben wird die Geschichte mit V. 25: Der ältere Sohn kam vom Feld, näherte sich dem Haus und hörte, dass dort gefeiert wurde. In 15,2628a folgt die Darstellung seiner in zwei Stufen vollzogenen, in zornigem Fernbleiben gipfelnden Reaktion auf das Fest. Schließlich leitet V. 28b den letzten Abschnitt ein; die Notiz, dass der Vater herauskam und dem älteren Sohn zuredete, führt zur Wiedergabe eines Wortwechsels zwischen beiden (15,2932), mit der das Ganze endet. Somit weist der Text insgesamt fünf markante Stellen auf, an denen jeweils von einer – und sei es innerlichen – Bewegung gesprochen wird, die die Beziehungsgeschichte zwischen dem Vater und seinen beiden Söhnen weiterführt.

Diese Akzente sind allerdings unterschiedlich stark. Vergleichbar sind zum einen Lk 15,13 und V. 25; beide Stellen lenken das Augenmerk darauf, dass je einer der Söhne durch sein anschließend geschildertes Verhalten die familiäre Gemeinschaft verletzte. Auf derselben Ebene stehen zum andern V. 20b und V. 28b; hier wie dort wird gezeigt, wie der Vater dem betreffenden Sohn entgegenkam. So ergibt sich folgende Gliederung:

Die exemplarische Anwendung auf Lk 15,11b–32 zeigt: Eine thematisch orientierte Analyse im Sinne Schleiermachers führt zu einem klaren, durchaus erhellenden Ergebnis. Solch eine Analyse ist insbesondere dazu geeignet, den Spannungsbogen, der eine Erzählung als ganze überspannt, zu erfassen und daraufhin die wesentlichen Schnittstellen zu erkennen, die jeweils den weiteren |13|Verlauf jenes Bogens vom Anfang bis zum Ende gewährleisten. Dieses Verfahren eröffnet somit einen Zugang zur Logik einer Erzählung und erlaubt es, deren sukzessives Fortschreiten nachzuzeichnen.

Allerdings hat es auch deutliche Schwächen. Erstens überlässt es vieles der Intuition derer, die den Text untersuchen, stellt es ihnen doch für die grundlegenden Arbeitsschritte – die Abgrenzung von Anfang und Ende sowie die Identifikation der Zäsuren und Akzente – keine formalen oder sprachlichen, sondern ausschließlich inhaltliche Gesichtspunkte zur Verfügung.

Schleiermacher wies die Hörer seines Kollegs auf diesen Kennzeichen des Verfahrens ausdrücklich hin. Zum einen präsentierte er die »Auffindung der Eigentümlichkeit in der Komposition«[43] als Aufgabe innerhalb der »psychologischen Auslegung«[44], die darauf abziele, die Rede eines anderen »zu verstehen als Tatsache im Denkenden«[45], als »Darstellung der Gedanken«[46] – eine Aufgabe, die er als »technische« bezeichnete, da sie sich »dem abgeschlossenen Gedankencomplexus« widme, in dem »das Bewußtsein eines bestimmten Fortschreitens nach einem Ziel« vorherrsche[47]. Zum andern merkte er bei seinen Ausführungen zum Vergleich der akzentuierten Stellen an: »Man sieht wieder, wie hier die grammat[ische] Interpret[ation] vorausgesetzt wird. Denn diese muß lehren, die akzent[uierten] Stellen unterscheiden; auch die andere Aufgabe der techn[ischen] Interpr[etation], nämlich die Bestimmung des individuellen Sprachgebrauchs. Denn jeder hat seine Art zu akzentuieren.«[48]

Eine themaorientierte Analyse muss deshalb durch Untersuchungen ergänzt werden, die die konkrete Sprachgestalt der Erzählung (mit ihren Kommunikationsebenen, ihren begrifflichen und semantischen Verknüpfungen sowie ihren syntaktischen Eigenarten) ebenso auswertet wie ihren Stil.

Zweitens bietet solch eine Analyse kaum Kriterien, um die einzelnen Textabschnitte einander hierarchisch zuzuordnen. Dazu müsste man nämlich erheben, wie der Erzähler seine Erzählung (mit Figuren und ihren Interaktionen, mit Zeiten und Orten) eingerichtet und (durch Hinweise auf diesbezügliche Veränderungen) strukturiert hat. Es bedarf also auch einer Bestandsaufnahme des narrativen Inventars.

Da das letztgenannte Verfahren enger an die thematisch orientierte Analyse anschließt, soll es nachstehend zuerst vorgestellt werden.

2.3 Inventarorientierte Analyse

»Jede Erzählung entwirft eine eigene kleine Welt mit Personen, Geschehnissen, Orten usw.«[49] Die Struktur der Erzählung hängt deshalb eng mit den Entwicklungen zusammen, die sich in der entworfenen Welt vollziehen. Sollen diese Entwicklungen aber jene Struktur zu erschließen helfen, müssen sie für Lese|14|rinnen und Leser an der Textoberfläche erkennbar, dort also markiert sein. Es müssen, mit anderen Worten, Gliederungsmerkmale vorliegen, die es erlauben, unter formalen Gesichtspunkten kleinere Sinneinheiten innerhalb der Erzählung voneinander abzugrenzen und einander so zuzuordnen, dass ihre Abfolge die dargestellten Entwicklungen nachvollziehbar macht.

Elisabeth Gülich und Wolfgang Raible haben dargelegt, wie solche textinternen »Gliederungsmerkmale« identifiziert und priorisiert werden können:

»Handlungsabläufe [sc. Geschehensabläufe, die belebte Handlungsträger haben] finden in Raum-Zeit-Kontinua statt und lassen sich nach Veränderungen in der Dimension der Zeit, in den Dimensionen des Raumes und nach Veränderungen in der Konstellation der Handlungsträger gliedern. Das heißt, Handlungsabläufe können (1) zu verschiedener Zeit an verschiedenen Orten, (2) zu verschiedener Zeit an gleichen Orten – in beiden Fällen also nacheinander – oder (3) zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten stattfinden.

Jede der drei Möglichkeiten ist ihrerseits kombinierbar mit dem Merkmal ›Veränderung in der Konstellation der Handlungsträger‹. Die Relevanz der genannten drei Parameter der Zeit, des Ortes und der Personenkonstellation erweist sich sehr deutlich darin, daß Dramen, also schriftlich fixierte Handlungsabläufe, nach genau diesen Kriterien in Akte und Szenen gegliedert werden. Die lokalen Parameter eines dargestellten Handlungsablaufs scheinen allerdings weniger wichtig zu sein, als die zeitlichen. Dies ist eine Folge davon, daß sich bei Geschehens- oder Handlungsabläufen mit Notwendigkeit die Zeit verändert, der Ort jedoch gleichbleiben kann. … Berücksichtigt man nun, daß eine Veränderung der Zeit in Geschehens- und Handlungsabläufen auch von einer Veränderung in der Konstellation der Handlungsträger unabhängig ist, so ergibt sich, daß solche Merkmale, welche die Zeitbefindlichkeit – eventuell in der Ko-Okkurrenz mit denjenigen der Ortsbefindlichkeit – anzeigen, in der Hierarchie der Gliederungsmerkmale über den Merkmalen stehen, die eine Veränderung der Personenkonstellation anzeigen.«[50]

Daraus ergibt sich ein klares Verfahren: Um eine Erzählung zu strukturieren, sind nacheinander Signale zur Zeitbefindlichkeit, Signale zur Ortsbefindlichkeit und Veränderungen in der Personenkonstellation zu identifizieren. Da auf diese Weise das Inventar der erzählten Welt hinsichtlich der dargestellten Entwicklung in seinen wesentlichen Bestandteilen erfasst wird, leuchtet dieses Verfahren auf den ersten Blick ein. Es führt allerdings nicht in jeder Hinsicht zu eindeutigen Ergebnissen. Seine Plausibilität tritt bei der Anwendung auf Lk 15,11b–32 ebenso zutage, wie es seine Desiderata tun.

Achtet man zunächst auf den Parameter der Zeit, so entdeckt man eine einzige explizite Zeitangabe: Lk 15,13 zufolge zog der jüngere Sohnes schon »wenige Tage nach« der in V. 12d erwähnten Erbteilung seitens des Vaters von Zuhause fort. Daneben finden sich allerdings zwei weitere ausdrückliche Hinweise auf eine Zeitverschiebung. Der erste erfolgt in 15,24f., insofern hier die Aussage »sie begannen zu feiern« (V. 24c) einen länger andauernden Vorgang anzeigt, in dessen Verlauf der ältere Sohn eintrat, »als er« – seinen Aufenthalt »auf dem Feld« (V. 25a) beendend – »(heim)kam und sich dem Haus näherte« (V. 25b). Der zweite wird in 15,2931 gegeben, indem dort »so vielen Jahren«, in denen der ältere Sohn dem Vater gedient habe (V. 29b),[51] der Zeitpunkt gegenübergestellt wird, »als« der jüngere Sohn wieder nach Hause »kam« (V. 30a). Freilich steht dieser zweite |15|Hinweis in einer direkten Rede, die die vorhergehenden Ereignisse kommentiert; markiert wird also rückblickend das in V. 20b einsetzende Geschehen.

Verstrichene Zeit zeigen zudem die griechischen Partizipialwendungen in Lk 15,14init. (»nachdem er alles ausgegeben hatte«) und V. 20b (»als er noch weit entfernt war«) an; da dies aber jeweils nur implizit geschieht, sind jene Wendungen an sich allenfalls in untergeordnetem Sinne als Gliederungsmerkmale zu werten.

Ortswechsel werden explizit in Lk 15,13 (»der jüngere Sohn zog fort in ein fernes Land«) und V. 25 (der »ältere Sohn«, der zunächst »auf dem Feld war«, »näherte sich dem Haus«) markiert. Dabei ist von »jenem Land« in 15,1315 fortlaufend die Rede; dass einer seiner Bürger den jüngeren Sohn in dessen Not zum Schweinehüten »auf seine Felder« schickte (V. 15b), wo ihn dennoch hungerte (V. 17c: »hier«), hat daher als Ortsangabe nur untergeordnete Bedeutung. Andererseits weisen die Verben »herausholen« in V. 22b sowie »hineingehen« und »herauskommen« in V. 28 auf das in V. 25b genannte Haus voraus bzw. zurück, so dass die zugehörigen Szenen mit ihm verknüpft werden.[52] Umso mehr fällt auf, dass der in V. 20a (»er machte sich auf und ging …«) angekündigte Ortswechsel nur implizit – mit der personal gefassten Richtungsangabe »zu seinem Vater« – angezeigt wird; die Notiz in V. 20b: »als er noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater«, bezieht sich dann ja nur auf einen Bruchteil der tatsächlich vom Sohn überbrückten Distanz und lokalisiert die folgende Begegnung jedenfalls in der Nähe des väterlichen Hauses.

Was endlich die Veränderungen in der Konstellation der Handlungsträger angeht, ergibt sich folgendes Bild: In Lk 15,11b–12 sind der Vater und beide Söhne präsent – auch wenn nur der jüngere spricht und der Vater daraufhin handelt.[53] Ab V. 13 konzentriert sich der Erzähler auf den jüngeren Sohn. Ihm werden zwar in 15,15f. »einer der Bürger jenes Landes« und – mit dem Wort »niemand« – eine Gruppe weiterer, namenloser Personen zur Seite gestellt; beide unterstreichen mit ihrem jeweiligen Verhalten aber nur das Ausmaß des Elends, in dem der Sohn leben muss. Mit dem Selbstgespräch in 15,1719 tritt er gedanklich wieder in Kontakt zu seinem Vater, wobei er sich mit dessen Tagelöhnern vergleicht (V. 17b.19b). V. 20a notiert daraufhin den faktischen Aufbruch »zu seinem eigenen Vater«. Ab V. 20b wird seine Begegnung mit dem Vater geschildert. Als der das Wort ergreift (V. 22a), spricht er jedoch nicht den Sohn, sondern »seine Diener« an: Sie sollen den Sohn neu einkleiden und ein Fest vorbereiten; und an dessen Durchführung sind sie – der Aufforderung V. 23c: »Lasst uns essen und feiern!«, gemäß – selbst beteiligt (V. 24c: »Und sie begannen zu feiern.«). Ab V. 25 tritt dann der ältere Sohn in Erscheinung und führt zwei Gespräche: Das erste mit »einem der Burschen« (15,26f.) eröffnet er selbst, das zweite mit »seinem Vater« wird von diesem initiiert (15,28b–32).[54] Der jüngere Sohn kommt jetzt nur noch – jeweils im Verein mit dem Vater – als Gesprächsgegenstand in den Blick |16|(V. 27.30.32); und dabei bringt ihn der Ältere einmal mit »Huren« in Verbindung, um ihn so sich selbst und seinen »Freunden« gegenüberzustellen (15,29c–30a).

In der hierarchisch geordneten Zusammenschau aller genannten Gliederungsmerkmale lässt sich Lk 15,11b–32 wie folgt strukturieren: