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Erwin Strittmatter

Inhaltsübersicht

LEKTÜRE

Fontane-Nachfolger?

Dichtung und Wahrheit

ALLES VOLLER KINDHEIT. 1912–1929

Bohsdorf und der Laden

Gymnasium in Spremberg

Gespräch mit Erika Brix

KNECHTSTATIONEN. 1930–1938

Der Schulabbrecher

Verhaftung in Döbern

Von Dinslaken nach Saalfeld

ZELLWOLLE. 1938–1941

Kriegswichtig und unabkömmlich

Die Karteikarte

Gespräch mit Knut Strittmatter

DIE SCHWARZE BOX – DER KRIEG. 1941–1944

Literatur

Lebensläufe und Fragebögen

Traditionspflege West

Die Söhne

Die Briefe

Dražgoše

Noch einmal Dražgoše

Der Sonderauftrag

Das Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18

Finnland

Griechenland

Der Schuss

Kämpfe auf dem Festland

KRIEGSBERICHTER UND DESERTEUR. 1944–1945

Die Film- und Bildstelle der Ordnungspolizei

Einsatz in Ostpreußen

In der Grauzone zwischen Ende und Anfang

Die Todesmarsch-Tragödie von Wallern

»NUN GLAUBE ICH MEINE ZEIT FÜR GEKOMMEN …« 1945–1950

Nachkriegs-Neugeburt

Rückkehr nach Bohsdorf

Entnazifizierung

Lokalredakteur in Senftenberg

SCHRIFTSTELLER UND FUNKTIONÄR. 1951–1960

In Zeiten des Formalismus

Brecht und das Bauernstück

Der 17. Juni 1953

Der Sekretär

GI »Dollgow«

Gespräch mit Erich Loest

FREUNDSCHAFTEN, KONKURRENZEN, FEINDSCHAFTEN

Peter Jokostra

Boris Djacenko

Jeanne und Kurt Stern

Lew Kopelew und Raissa Orlowa

Gespräch mit Hermann Kant

»ICH WILL DICH LIEBER LIEB HABEN …«

Verhältnis zu Frauen und Kindern

»HIER IST MIR SCHON ALLES HEIMAT «

Das Leben in Schulzenhof

VOM MAUERBAU BIS ZUM MAUERFALL. 1961–1989

Krach mit Stephan Hermlin

Der offene Brief

Nichteinmischung

Konflikt um den »Wundertäter III«

Was noch bleibt

BILDTEIL

ANHANG

Abkürzungen

Anmerkungen

Personenregister

Zeittafel

Danksagung

Bildnachweis

LEKTÜRE

Erwin Strittmatter war Schulstoff. Wir nahmen »Tinko« und »Ole Bienkopp« im Deutschunterricht durch. »Tinko« war in der siebten oder achten Klasse dran. Das war bei unserem Klassenlehrer Herrn Schmidt, der katholisch war und der deshalb so viele Kinder hatte, das behauptete jedenfalls meine Mutter, die war im Elternaktiv und wusste Bescheid. Herr Schmidt glaubte an Gott und gleichzeitig an den Sozialismus. Unter seiner Anleitung teilten wir die Figuren im Roman in zwei Gruppen ein: in solche, die für, und solche, die gegen den Fortschritt auf dem Lande waren. Zahlenmäßig ergab das eine ziemlich ausgeglichene Bilanz, trotzdem gewannen am Ende natürlich die Guten. Während wir im Unterricht den Tinko-Stoff behandelten, lief gleichzeitig eine Kampagne, um die letzten Einzelbauern zum Eintritt in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zu bewegen. »Sozialistischer Frühling auf dem Lande« wurde das genannt. Ich war für den Frühling. Es gab zwar keine Schlagsahne mehr zu kaufen, und die Butter und das Fleisch wurden wieder rationiert, doch das, so tröstete mich mein Vater, seien nur die Schwierigkeiten des Übergangs. In der Weltgeschichte setze sich der Fortschritt niemals ohne zeitweilige Rückschläge durch.

Mit dieser Auffassung stand ich in meiner Klasse ziemlich allein. Das war offensichtlich, obwohl meine Mitschüler bei solchen Themen im Unterricht eher schwiegen. Nur Wolfgang Kümmel, der schräg hinter mir saß, meldete sich einmal und sagte mit zitternder Stimme, er wisse von Bauern, die sich erhängt hätten, weil sie nicht in die Genossenschaft eintreten wollten. Darauf herrschte ein Moment Stille. Ich drehte mich um und starrte Wolfgang erschrocken an. Ob das stimmte, was er da gerade gesagt hatte? Was würde Herr Schmidt darauf antworten? Seltsamerweise tat Herr Schmidt so, als hätte er nichts gehört. Wir sollten das Buch aufschlagen, meinte er, und Beispiele für Strittmatters besondere Sprache heraussuchen. »Die Großmutter strich über die härene Schürze«, an diesen Satz erinnere ich mich noch, und er ist für mich bis heute verbunden mit dem Bild von Wolfgang Kümmels trotzigem blassem Gesicht.

Interessanter und aufregender als das Buch war der Film »Tinko«, den wir uns in einer Vormittagsvorstellung un seres Kinos anschauten. Dieser ohrenbetäubende Lärm im Saal jedes Mal vor einer solchen Schulvorstellung, die Gegenstände, die hin und her geworfen, die Püffe und Knüffe, die verteilt wurden. Erst wenn der Gong ertönte und das Licht erlosch, wurde es plötzlich still. Der Schauspieler Günther Simon spielte Tinkos Vater. Der Junge nennt ihn aber fast bis zum Ende des Films nur den »Heimkehrer«, weil er ihm nach so vielen Jahren Krieg und Gefangenschaft fremd geworden ist. Der »Heimkehrer« gehörte im Film übrigens zu denen, die sich für den Fortschritt auf dem Lande einsetzten. Das wunderte mich nicht, denn seitdem Günther Simon die Hauptrolle im Thälmann-Film gespielt hatte, verkörperte er für mich in allen seinen Rollen immer auch ein bisschen Ernst Thälmann, der vielleicht doch nicht tot war, wie es ja sogar in dem Lied hieß, sondern still und bescheiden in der Maschinen-Traktoren-Station eines Dorfes für den Sozialismus arbeitete.

Strittmatters Roman »Ole Bienkopp« behandelten wir 1964 oder 1965 im Unterricht, als ich schon zur Oberschule ging. Immerhin erstaunlich, dass dieses Buch bereits ein oder zwei Jahre nach seinem Erscheinen in den Lehrplan aufgenommen wurde. War denn unser Bildungssystem so flexibel? Ich rufe unsere damalige Deutschlehrerin Frau Rothe an. Sie erinnert sich sofort, wir waren schließlich ihre erste Klasse gleich nach dem Studium. »Ole Bienkopp«, sagt sie, habe zwar nicht im Lehrplan gestanden, aber es habe aktuelle Empfehlungen gegeben, die sie gern aufgriff, um uns an die moderne DDR-Literatur heranzuführen. Sie meint auch, wir seien beeindruckt bis begeistert gewesen, vor allem von dieser neuartigen knappen Sprache.

An meine damalige Begeisterung erinnere ich mich noch. Doch inzwischen habe ich das Buch aufs neue gelesen und kann den holzschnittartigen, schwerfälligen Text mit diesem Gefühl nicht mehr in Verbindung bringen. Von der »Bienkopp«-Lektüre der Schulzeit war mir nur die Figur der Frieda Simson im Gedächtnis geblieben, die unsympathische Bürgermeisterin, die mit ihren Intrigen das ganze Unglück über Ole Bienkopp brachte und die ständig mit einem schwarzen »Diarium« herumfuchtelte – ehrlich gesagt wuss te ich damals gar nicht richtig, was ein Diarium eigentlich war –, dorthinein notierte sie jedenfalls alle missliebigen Äußerungen ihrer Mitmenschen. Ich erinnerte mich auch, dass der Bau der Rinderoffenställe, eine der eklatanten Fehlentscheidungen der SED-Landwirtschaftspolitik jener Jahre, in dem Buch eine Rolle spielte. Doch ich war mir nicht sicher, ob der Autor den Bau dieser Ställe nun befürwortet oder abgelehnt hatte. Vielleicht lag es daran, dass dieser Punkt auch im Unterricht ein bisschen undeutlich geblieben war.

Nach der Oberschule war bei mir erst einmal Schluss mit Strittmatter. Ich las weder »Pony Pedro« noch den »Schulzenhofer Kramkalender«. Auch die beiden ersten Bände des »Wundertäters« müssen an mir vorbeigegangen sein. Jetzt widmete ich mich all den Schriftstellern, die ich bis dahin versäumt hatte: Hemingway und Kafka, Grass, Böll, Frisch und Steinbeck, Sartre und Dürrenmatt, deren Werke nach und nach als Lizenzausgaben in der DDR herauskamen oder mich auf anderem Wege erreichten. Von Zeit zu Zeit las oder hörte ich etwas über Erwin Strittmatter. Ich wusste, dass er mit seiner Familie auf dem Lande lebte, auf einem Bauernhof, und dort Pferde züchtete. Auf Fotos in Zeitungen und Zeitschriften wirkte er meist ein wenig verträumt und schüchtern, und er sah dem bekannten Schauspieler Erwin Geschonneck ziemlich ähnlich.

Erst im Jahr 1980 kam mir wieder ein Roman von Erwin Strittmatter in die Hände, der dritte Band des »Wundertäters«. Offenbar hatte mich jemand auf das Buch aufmerksam gemacht. So lief das doch damals: mündlich weitergegebene kurze Bemerkungen, Gerüchte über ein Beinahe-Verbot. Es muss mir gelungen sein, eines der raren Exemplare zu erlangen. Ich las die Geschichte gespannt und berührt. Sie traf genau meinen Nerv. Strittmatters vorsichtige, subtile Abrechnung mit dem Stalinismus der fünfziger Jahre passte zu dem Prozess der inneren Distanzierung, den ich zu dieser Zeit durchmachte. Zu einer offenen Auflehnung reichte es noch lange nicht, aber ich begann viele der bisher für unverrückbar gehaltenen Werte zu hinterfragen und konnte mich dabei mit diesem Stanislaus Büdner identifizieren, der sich Stück für Stück frei macht von seinem Glaubens- und Dogmen ballast, um die Welt endlich mit eigenen Augen zu sehen. Über den seltsamen Schluss des Buches, in dem eine Agentin aus dem Westen das brisante Manuskript von Stanislaus Büdner rauben will und dabei – in Notwehr – von ihm erschossen wird, habe ich mir wohl kaum Gedanken gemacht. Vielleicht weil diese abrupte Wendung nicht zu dem passte, was ich in dem Buch suchte oder finden wollte. Nach einem erneuten Blick in den »Wundertäter III« scheint mir jedoch, dass dieser unschuldige »Mord aus Notwehr«, wie der Autor selbst die Szene in seinem Tagebuch deutete, eine eigene Logik besitzt.1 Die führt uns eher weg von Stanislaus Büdner und hin zu Erwin Strittmatter und den bisher weniger bekannten Seiten seiner Biographie.

Nicht lange nachdem ich den Roman gelesen hatte, wurde ich zufällig auf der Leipziger Buchmesse von Fritz Pleitgen, dem damaligen ARD-Korrespondenten in Ostberlin, angesprochen, der sich mit einem Kamerateam in der Messehalle postiert hatte, um die Besucher nach ihrer Meinung über die aktuelle DDR-Literatur zu fragen. Ich erzählte Pleitgen vom dritten Band des »Wundertäters«, wie beeindruckt ich sei, dass dort Geschehnisse vorkämen, die bisher in der DDR-Literatur mit dieser Offenheit nicht behandelt worden seien. Doch offensichtlich wollte mein Interviewer das nicht hören. Er ging darauf gar nicht ein, sondern fragte mich schließlich ganz direkt nach Schlesinger, Kunert, Loest und anderen Autoren, die kurz zuvor in die Bundesrepublik ausgereist waren. Mit einem unbehag lichen Gefühl im Bauch – aber nun konnte ich ja nicht mehr zurück – sagte ich dazu einige Sätze. Als ich mir einige Tage später die Sendung im Fernsehen – wahrscheinlich war es das Kulturmagazin »Titel, Thesen, Temperamente« – anschaute, war alles, was ich zum »Wundertäter« gesagt hatte, weggeschnitten, und nur meine eher ausweichenden Bemerkungen über die in den Westen gegangenen Autoren wurden gesendet. War das der enge Blickwinkel von Pleitgen, der sich mit der DDR-Literatur vermutlich nicht auskannte und deshalb einzig auf die ausgereisten Schriftsteller fixiert war? Wurde Strittmatter als kritischer Autor im Wes ten kaum wahrgenommen, weil er weder öffentlich angegriffen noch reglementiert worden war? Er gehörte zur Nomenklatura der DDR-Künstler. Bis zum Ende der DDR blieb er in dieser Rolle, und er blieb nach außen hin loyal, unabhängig davon, was sich hinter den Kulissen abspielte und wovon hier noch die Rede sein wird. Mir ist nicht bekannt, dass er sich im Herbst 1989 etwa zu den Verhaftungen von Demonstranten äußerte oder dass er auf einer der vielen Veranstaltungen damals das Wort ergriffen hätte, wie es Christa Wolf, Heiner Müller, Stefan Heym und andere taten.

Erwin Strittmatter rückte erst wieder in mein Blickfeld, als im Jahr 2008 in den Feuilletons Artikel auftauchten, die einen bisher eher unbekannten Teil seiner Biographie beleuchteten. Der Germanist Werner Liersch enthüllte, dass der Schriftsteller während des Zweiten Weltkriegs nicht – wie bisher angenommen – in einer Wehrmachtseinheit gedient, sondern einem Polizeibataillon angehört hatte, das in Polen und auf dem Balkan an Aktionen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt war. Eine Kontroverse entbrannte darum, ob die Mitgliedschaft in einer derartigen Formation, die überdies später einem SS-Gebirgsjäger-Regiment unterstellt wurde, schon die Beteiligung an Verbrechen einschloss. Aber mehr noch ging es um die Frage, ob man tatsächlich davon sprechen könne, dass Strittmatter etwas verschwiegen habe, nur weil er sich mit diesem Kapitel seines Lebens in seinen stark auto biographisch gefärbten Romanen nicht auseinandergesetzt hatte. Wie sich herausstellte, hatte er nämlich in den Frage bögen für die SED-Akte zumindest einige Angaben dazu gemacht.

Zu einer dieser Podiumsdiskussionen im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus war ich eingeladen worden. Mein Part an diesem Abend war der historische Kontext des Vorgangs, der Umgang mit den NS-Verbrechen in der SBZ und frühen DDR und der Umgang mit den großen und kleinen Tätern im Rahmen der Antifaschismus-Politik der SED. Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung war der Raum voll. Die Stuhlreihen reichten fast bis an den Podiumstisch, dazwischen blieb gerade noch ein schmaler Durchgang. Ständig wurden neue Sitzgelegenheiten gebracht und auf jeden freien Fleck gestellt. Es war klar, dass die meisten Besucher treue Anhänger von Strittmatter und seinen Büchern waren, vermutlich ebenso treue Anhänger der untergegangenen DDR, die es vielleicht wieder einmal zu verteidigen galt.

Meine Befürchtung, uns würde eine Veranstaltung voll emotionalen Aufruhrs und erregter Kontroversen bevorstehen, ging aber fehl. Zwar waren die Gefühle im Raum förmlich mit Händen zu greifen, die Leute waren jedoch gekommen, um etwas zu erfahren, und sie hörten sich stumm und konzentriert an, mit welchen Fakten, Argumenten, Hypothesen und Rückschlüssen die versammelten Experten vom Militärhistoriker bis zum Literaturwissenschaftler ihr bisheriges Bild von Strittmatters Leben und Werk in Frage stellten.

Vielleicht war es gerade dieses erschütterte und zugleich resignierte Schweigen, in dem sehr viel gelebtes Leben mitschwang, das mir den Anstoß gab, über eine neue Strittmatter-Biographie nachzudenken. Der Abstand zu den Zeiten des Krieges wie zu den Zeiten des Verschweigens ist heute groß genug, um ohne Zorn und Eifer – weder mit dem Gestus der Anklage noch dem der Rechtfertigung – an die Geschehnisse heranzugehen. Zweifellos ähnelt der Lebensweg von Erwin Strittmatter bis in die fünfziger Jahre hinein dem vieler Angehöriger seiner Generation in Deutschland. Sie waren auf die eine oder andere Weise in die Verbrechen des Dritten Reiches verstrickt, waren mitgelaufen, hatten mitgemacht oder weggeschaut – sei es aus Überzeugung, sei es aus Angst. Nach 1945 bekamen sie auch in der DDR die Chance, noch einmal neu anzufangen, es besser zu machen, und der Eifer für das Neue half ihnen, die Vergangenheit weit von sich zu rücken, sie zu leugnen oder sich ihrer nur noch unter dem Aspekt späterer »Läuterung« zu erinnern. So entstand eine eigenartige Symbiose zwischen den heimgekehrten Soldaten, den enttäuschten Hitlerjungen und -mädchen und den an die Macht gelangten Kommunisten. Auf ihrem Aufbau-Aktivis mus, ihrem antifaschistischen Gedenk-Eifer, verbunden mit der Übereinkunft des Schweigens, gründete sich die DDR. Sie zerfiel, als diese Generation sich in den Ruhe stand verabschiedete, und gleichzeitig stand damit auch der bisherige Umgang mit der NS-Vergangenheit zur Disposition.

FONTANE-NACHFOLGER?

An der Dorfstraße im brandenburgischen Ort Dollgow stehen drei Stelen aus Plexiglas und bilden zusammen mit zwei Sitzbänken einen kleinen Erinnerungs- und Informationsort. Auf den transparenten Tafeln sind die biographischen Daten von Erwin und Eva Strittmatter angegeben, illustriert von Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend, Fotos der Landschaft und des Vorwerks Schulzenhof, auf dem der Schriftsteller fast vierzig Jahre lang zusammen mit seiner Frau, der Dichterin, lebte und arbeitete. Die Stelen wurden im Jahr 2008 aufgestellt und spiegeln den damals neuesten Erkenntnisstand wider. Das heißt, auch die Mitgliedschaft Erwin Strittmatters im Polizeibataillon 325 und dessen spätere Integration in das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment Nr. 18 sind dort vermerkt.

Von Dollgow aus führt eine Straße etwa zwei Kilometer durch den Wald zum Vorwerk Schulzenhof mit seinen sieben Häusern und dem kleinen Friedhof. Dort, in Sichtweite zu ihrem Hof, befinden sich die Gräber von Erwin und Eva Strittmatter. Den mittlerweile von Efeu halb überwachsenen großen Findling suchte Erwin Strittmatter zu Lebzeiten noch selbst aus, und er bestimmte auch die Inschrift. Unter einer der großen Tannen, die auf dem Hügel stehen, werde er liegen, schreibt er ganz am Schluss des dritten Teils des Romans »Der Laden«, und dieses Zitat ist auf einer Metalltafel neben dem großen Stein zu lesen. Den im Wald liegenden Stein habe er seinem Sohn Matthes gezeigt. Darauf sollten die Zeilen aus einem Gedicht seiner Frau stehen: »Löscht meine Worte aus und seht, der Nebel geht über die Wiesen …« Erwin Strittmatter war offenbar ein Mensch, der über den Tod hinaus seine Angelegenheiten geregelt haben wollte. Es sei ihm angenehm, zu wissen, wo er dereinst liegen werde, schreibt er. Warum hat er sich für seinen Grabspruch gerade diese Zeilen ausgewählt? Schließlich hatte er jahrzehntelang wie ein Besessener angeschrieben gegen den Gedanken an Auslöschen und Vergessen. Er wollte ein Werk hinterlassen, das auch der Nachwelt noch etwas bedeuten würde. Jeden Manuskriptentwurf, jede Notiz, jeden Brief, den er geschrieben hatte, hob er sorgfältig auf.

Vielleicht hatte die Wahl des Spruches mit seiner ganz persönlichen Vorstellung vom Tod zu tun, den er als »Verwandlung« begriff. Als ob er selbst oder auch seine Worte dann als Nebel von den Wiesen aufsteigen würden? Ein schönes Bild. Vielleicht aber ist diese Inschrift nur Ausdruck der zahlreichen Widersprüche, in denen und mit denen Erwin Strittmatter stets gelebt hat. An den Nebelvorhang, der, als er sich diese Inschrift wählte, noch seine Kriegszeit eingehüllt hatte, wird er dabei eher nicht gedacht haben. Und doch muss er gewusst haben, dass der Vorhang sich heben würde, spätestens wenn seine Frau und seine Söhne die im Archivkeller lagernden Dokumente aus jener Zeit lesen würden.

Das geräumige Arbeitszimmer des Schriftstellers im Obergeschoss des Wohnhauses in Schulzenhof befindet sich seit Jahren im Niemandsland zwischen Wohnraum und Museum. Eva, die Witwe, die bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 2011 in den unteren Räumen des Hauses gelebt hat, ließ alles so, wie es zu Lebzeiten von Erwin Strittmatter ausgesehen hat: die Bücher, die vielen Gemälde, das Sofa, der Ohrensessel, der kleine Schreibtisch mit der Schreibmaschine und auch das Bett, in dem er am Mittag des 31.  Januar 1994 gestorben war. Sogar das Bettzeug ist unter einer gemusterten Samtüberdecke erkennbar.

Unten im Stall steht das altersschwache letzte Pony aus der Pferdezucht und gähnt gelangweilt, ein Ableger der roten »Brecht-Nessel«, die Strittmatter und Brecht 1954 als kleines Pflänzchen aus Frankreich mitgebracht hatten, gedeiht nach wie vor im Blumenbeet. Eva Strittmatter ließ nur wenige Besucher in das Arbeitszimmer ihres Mannes. Sie widersetzte sich auch den touristischen Ambitionen der Gemeinde Dollgow, die aus Schulzenhof einen Pilgerort für Strittmatter-Fans machen wollte. Es heißt, das Konzept für den Busparkplatz, für einen Imbissstand und die Texte für die Informationstafeln wären bereits so gut wie fertig gewesen. Nach dem Willen der Witwe aber sollte alles »einfach und natürlich bleiben«. Verständlich, dass sie nicht in einem Museum leben wollte.

In Bohsdorf in der Niederlausitz, dem Ort, in dem Erwin Strittmatter seine Kindheit und Jugend verbrachte, hat die Vermarktung längst stattgefunden. Besucher, die die dortige Dorfstraße entlanggehen, begegnen allenthalben Wegweisern und kleinen Tafeln, die auf Erwin Strittmatter hinweisen. Im Zentrum des Erinnerungsgeschehens befindet sich Der Laden, berühmt geworden durch den dreiteiligen Roman, mehr noch durch seine Verfilmung und mittlerweile fast wieder so hergerichtet, wie er auf den Postkarten aus den zwanziger Jahren aussieht. Nur dass auf dem Schild über der Tür jetzt »Der Laden« steht und darunter »Erwin-Strittmatter-Gedenkstätte«, während die Original-Beschriftung: »Heinrich Strittmatter – Bäckerei und Kolonialwaren« im Innern hängt.

Auch der Ladenraum ist weitgehend in den Zustand versetzt worden, in dem er war, als Strittmatters Mutter Helene noch hinter dem Ladentisch stand und sein Vater Heinrich in der Backstube das Brot in den Ofen schob. Theke, Regale, die alte Waage, Bonbongläser, IMI- und ATA-Päckchen standen und lagen jahrzehntelang vergessen auf dem Dachboden des Hauses, bis Erwin Strittmatters Bruder Heini sie Mitte der neunziger Jahre herunterholte, damit die Leute, die in großer Zahl nach Bohsdorf gepilgert kamen, um das »Bossdom« aus Buch und Film zu entdecken, tatsächlich etwas zum Sehen und Anfassen hatten. Die Idee für eine Gedenkstätte stammte jedoch noch von Erwin Strittmatter selbst, der auch an dieser Stelle für seinen Nachruhm sorgen wollte und deshalb 1991 an seinen Bruder Heinrich schrieb: »Was wirst Du jetzt mit dem Laden machen, wenn die Post ihn aufgekündigt hat? Für das Museum wäre das jetzt der Zeitpunkt zum Zugreifen«2.

Am 30. Januar 1999 eröffnete der Erwin-Strittmatter-Verein die »Gedenkstätte« und überzog seitdem das Dorf mit jenem schon erwähnten Netz von Hinweisschildern, zwischen denen man sich wie in einer zweiten Realität durch das Bossdom des Romans bewegen kann. Ich muss ein wenig an die Kerkerzelle in der Marseiller Festung Château d’If denken, in der in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Film »Der Graf von Monte Christo« nach dem berühmten Roman von Alexandre Dumas gedreht wurde und die bis heute viele Touristen anlockt, die gern einmal die kalten rauen Felswände berühren und einen Blick auf den Tunnel werfen möchten, durch den sich der Held schließlich in die Freiheit grub. Doch während die Geschichte des »Grafen von Monte Christo« unzweifelhaft eine Erfindung des Autors und der Ort eine Filmkulisse ist, überlagern sich in Bohsdorf Fiktion und historische Realität. Auf den kleinen Schildern etwa vor den Häusern des »Konkurrenzbäckers« und des Stellmachers stehen die Namen der Romanfiguren. Gleichzeitig spielen diese Häuser und ihre damaligen Bewohner eine Rolle in Erwin Strittmatters tatsächlicher Biographie. Wo aber hört die Lebensgeschichte auf und fängt die künstlerische Verdichtung, Bearbeitung an? In Strittmatters Romanen wie auf dem Rundwanderweg in Bohsdorf weiß man das nie so genau. Die Frau mit den rot-schwarz gefärbten Haaren, die für den Strittmatter-Verein hinter dem Ladentisch steht und Erklärungen, Bücher und CDs anzubieten hat, erzählt, dass die Bohsdorfer die »Laden«-Trilogie seinerzeit vor allem unter dem Aspekt durchforstet hätten, wer von ihnen an welcher Stelle und wie vorkomme. Es habe da viel »böses Blut« gegeben, denn manch einer fand sich falsch dargestellt, ungerecht behandelt. Strittmatter habe, sagt sie, wie es nun mal seine Art gewesen sei, die Charaktere recht drastisch gezeichnet. Heute lebe noch eine Person im Dorf, die im Buch beschrieben werde, doch auch die Nachkommen einiger anderer Vorbilder für Figuren aus dem Roman würden die Gedenkstätte nicht betreten.

Unter der Glasplatte des Ladentisches sind die Erstausgaben der wichtigsten Bücher von Strittmatter versammelt, und in der Tür, die nach hinten zur Backstube führt, gibt es tatsächlich das sehr niedrig angebrachte Guckloch, durch das die »Anderthalbmeter-Großmutter« aus dem Roman die Vorgänge im Laden fest im Auge behalten konnte. Die Dame vom Strittmatter-Verein verweist in ihrer Erzählung routiniert auf dieses Loch, das mitsamt der kleinen, detektivisch begabten Großmutter schon so etwas wie Kult geworden zu sein scheint. Offenbar gilt die Tür mit dem Loch als eine Beglaubigung der Echtheit der im Roman beschriebenen Geschichten. Zumindest bildet sie an diesem Ort eine Brücke zwischen Literatur und vergangener Realität. Dahinter, im Vorraum der Backstube, gibt es eine kleine Ausstellung zum Leben Erwin Strittmatters und seiner Familie zu besichtigen. Auch die Wohnräume auf der linken Seite des Hauses sind seit einigen Jahren Museum. Erwins jüngerer Bruder Heinrich, später nannte er sich sorbisch Heinjak, der bis zu seinem Tod im Jahr 2002 darin gelebt hat, wurde der eifrige Bewahrer und Hüter der Geschichte seines berühmten Bruders und hat sich damit gleich selbst ein Denkmal gesetzt: Seine Klassenfotos und auch seine Schulzeugnisse liegen hier unter Glas. An der Garderobe hängt der schwere Ledermantel, den – so kann man auf einer kleinen Tafel lesen – Erwin Strittmatter ihm einst schenkte. In der Küche stehen ein paar Gläser mit Sauerkirschen, eingeweckt von Heini für Erwin.

Wieder auf der Dorfstraße und mit dem Blick auf die sanften Wiesen gleich hinter der Häuserzeile, die von Baum- und Buschreihen unterbrochen werden, fällt mir trotz längeren Nachdenkens kein anderer deutscher Dichter oder Schriftsteller ein, der nur wenige Jahre nach seinem Tod schon so viel museale und gedenktafelförmige Aufmerksamkeit erfahren hat wie Erwin Strittmatter. Für Bertolt Brecht, der übrigens im Leben von Strittmatter eine wichtige Rolle spielte, wurde die erste Erinnerungsstätte erst 1977, 21 Jahre nach seinem Tod, in seinem ehemaligen Sommerhaus in Buckow eröffnet. Ein Jahr später kam das ihm gewidmete Literaturforum in der Berliner Chausseestraße mit Museum, Archiv und Veranstaltungsraum hinzu. Die Stadt Augsburg gar ließ sich bis zum Jahr 1985 Zeit, ehe sie im Geburtshaus ihres berühmten Sohnes eine Ausstellung einrichtete. Zweifellos haben diese langen Intervalle im Falle Brechts auf jeweils unterschiedliche Weise mit dem Kalten Krieg und seinen ideologischen Grabenkämpfen zu tun, während die Geschwindigkeit, mit der Erwin Strittmatter und sein Werk Eingang in eine lokale Gedenkkultur gefunden haben, im Gegenzug vielleicht als Folge der deutschen Vereinigung und eines neuaufgeblühten Beharrens auf einer eigenen ostdeutschen Identität gedeutet werden kann. Dabei war von der Stadt Spremberg, dem Geburtsort Erwin Strittmatters, bisher noch gar nicht die Rede. Dort gibt es eine Tafel an der Stelle, wo einmal sein Geburtshaus gestanden hat, eine Tafel am Erwin-Strittmatter-Gymnasium, das er bis 1929 besuchte, eine Tafel am damaligen Lyzeum, wo der Junge »in Kost und Logis« beim Hausmeisterehepaar wohnte. Ein Teil seines damaligen Schulwegs wurde 1995 in Strittmatter-Promenade umbenannt, eine Tafel markiert sogar den Standort des inzwischen abgerissenen Hauses, in dem die kleine Großmutter bis 1919 ihren Laden betrieben hatte. Das Spremberger Schloss schließlich präsentiert eine ständige Ausstellung über Leben und Werk des Ehrenbürgers.

Man würde Erwin Strittmatter und seinen langjährigen Leser innen und Lesern Unrecht tun, wollte man ihre liebevolle Anhänglichkeit auf das mit ein wenig Nostalgie vermischte Nachwende-Bewusstsein verkürzen. Seine Popularität reichte bereits bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Er war einer der meistgelesenen Schriftsteller der DDR. Die Auflagen seiner Bücher waren stets schnell vergriffen, seine Leseveranstaltungen meist überfüllt, auf den Literaturbasaren drängten sich die Menschen, um ein Buch von ihm signieren zu lassen. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen geht hervor, dass sogar im abgelegenen Schulzenhof häufig Bewunderer und vor allem Bewunderinnen um das Gehöft strichen, um einen Blick auf den Künstler, vielleicht sogar ein Autogramm zu erhaschen. Die Menge an Briefen, die er wöchentlich zu beantworten hatte, brachte ihn bisweilen zur Verzweiflung.

Auf Fotos sieht man Strittmatter mit weißer Maurermütze, mit blau-weiß gestreiftem Möbelträgerhemd, Lederweste und/oder mit Latzhose. Zweifellos von der Brecht’schen Schie bermütze und Litewka inspiriert, schuf er sich damit seinen eigenen originellen Stil. Doch gleichzeitig war das erkennbar Arbeitskleidung, wie man sie in der DDR im Berufsbekleidungsladen kaufen konnte. In »Pony Pedro«, im »Schulzenhofer Kramkalender« und in den Tagebuch-Auszügen, die er schon zu seinen Lebzeiten veröffentlichte, beschrieb er, wie er täglich die Pferde versorgte, Heu einfuhr, Stalltüren reparierte, Äpfel erntete und Holz hackte.

Die Bezeichnung Volksschriftsteller oder gar »deftiger Heimatdichter«, wie Marcel Reich-Ranicki ihn ironisch nannte, soll Strittmatter gar nicht gemocht haben. Offenbar sah er damit seine Literatur in eine zweitklassige Schublade gesteckt. Unbestritten war er populär. Viele Leute hatten das Gefühl, er wäre einer von ihnen, der ihren Alltag kannte und sie verstand. Gleichwohl blieb er bis zum Ende der DDR ein hochgeehrter Staatskünstler, Adressat von Auszeichnungen, von Würdigungsartikeln im »Neuen Deutschland« und Gratulationsschreiben von Erich Honecker. Das mag widersprüchlich scheinen und passte in seinem Fall doch zusammen. Der Schlüssel für Strittmatters auch nach dem Ende der DDR fortdauernde Popularität liegt vermutlich in der engen Verbundenheit mit seiner Region. Das Verschwinden der DDR und die gleichzeitige Wiederherstellung der 1952 abgeschafften Länder gab zweifellos dem regionalen Identitätsgefühl erst wieder so richtig Auftrieb. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Erwin Strittmatter in Orten des heutigen Brandenburg: in der Niederlausitz und im Ruppiner Land. Er kam vom Lande, und er konnte nur auf dem Dorf, im Kontakt mit der Natur, wirklich leben, das versicherte er bei vielen Gelegenheiten. In seinen Geschichten beschrieb er die brandenburgischen Landschaften und die Menschen, die ihm dort begegneten, bemühte sich gar, ihre Mundart in Literatur zu übersetzen.

»Nationalschriftsteller einer halben Nation«, schrieb »DER SPIEGEL« über Strittmatter. Hendrik Röder vom Brandenburgischen Literaturbüro Potsdam betrachtet ihn als die brandenburgische Identitätsfigur von heute, wenn nicht gar den Theodor Fontane des 20.  Jahrhunderts. Und während der Bohsdorfer Strittmatter-Verein und der Dollgower Heimatverein den Schriftsteller jeweils für sich beanspruchen möchten, tut sich die Stadt Spremberg seit einigen Jahren schwer mit dem Verhältnis zu ihrem Ehrenbürger und wohl berühmtesten Sohn.

DICHTUNG UND WAHRHEIT

Erwin Strittmatter hat keine Autobiographie hinterlassen. Aber von den vier großen Romanen, die er geschrieben hat, tragen drei – »Ochsenkutscher«, »Der Wundertäter« und »Der Laden« – deutliche autobiographische Züge. Im Zentrum aller drei großen Erzählungen steht jeweils ein Junge, der viele (auch äußerliche) Ähnlichkeiten mit dem Autor aufweist. Die Romanhandlungen zeichnen das Heranwachsen, das Erwachsenwerden des Jungen, seine Erfahrungen mit den gewalttätigen Brüchen des vergangenen Jahrhunderts. Im »Wundertäter« wie im »Laden« hegt der Hauptheld den sehnlichen Wunsch, zu schreiben, ein Schriftsteller zu werden. Stationen der Handlung, Ereignisse und Mitmenschen sind in unterschiedlichen Kombinationen und Variationen aus der Lebensgeschichte entlehnt. Die Kindheit und Jugend eines Jungen aus einem Lausitzer Heidedorf bis zum Erwachsenwerden – das ist Strittmatters großes Thema, von dem er niemals loskommt. Kaum hat seine Hauptfigur diesen Punkt erreicht, beginnt der Autor sogleich wieder von vorn. Manchmal in kleinen Skizzen, dann in epischer Breite versetzt er seinen Helden erneut in den Stand der Kindheit und erzählt die Geschichte auf andere Weise. Drückt sich hier eine unstillbare Sehnsucht nach Anfang, nach fortwährender kindlicher Unschuld aus? Bleibt der Autor fixiert auf den lebensgeschichtlichen Entwicklungsroman, weil immer noch etwas ungesagt geblieben war.

»Wenn ein Dichter ein Dichter ist«, schreibt Franz Fühmann, »geht die Summe seines Lebens in jede seiner Dichtungen ein, aber nichts von dem gedichteten Leben muss dem gelebten Leben entsprechen wie ein Protokoll einem Sachverhalt«.3 Ein solcher Blick auf die dichterischen Zeugnisse fragt nicht nach »wahr« oder »falsch«, sondern eben nach der Essenz. Und es stellt sich heraus, dass gerade die Sinnfrage in wechselnden Zeiten offenbar immer wieder neue Antworten benötigte.

Die drei Lebensentwürfe des Schriftstellers, die vielleicht auch verschiedene Wunschbiographien darstellen, sind nicht zuletzt Ausdruck der jeweiligen Zeit, in der sie geschrieben wurden. Lope Kleinermann, der Held aus »Ochsenkutscher«, Strittmatters erstem, 1950 veröffentlichtem Buch, wächst nach dem Ersten Weltkrieg in einem Dorf in der Niederlausitz auf, in einer Landarbeiterfamilie, die zu den Ärmsten der Armen gehört. Der Autor beschreibt das harte Leben der Mutter, die Trunksucht des Vaters, die Ausbeutung durch Gutsherren und Grubenbesitzer. Lope, ein sensibles Kind, das anders ist als die anderen, nimmt seine Umgebung staunend wahr und erschafft sich seine eigene phantastische Welt. Das Buch endet wenige Monate nach der Machtübernahme der Nazis, als Lope, der etwas über den Klassenkampf gelernt hat, sich dem einzigen Kommunisten des Dorfes anschließt. Seine optimistische Schlussvision einer gerechten Gesellschaft passt nicht so recht in die Zeit der Handlung von 1933, in der die große Katastrophe ja gerade erst ihren Anfang nimmt, wohl aber passt sie zum Geist der Nachkriegszeit. Es ist die Überzeugung des frisch bekehrten Romanautors Erwin Strittmatter, der 1947 in die SED eingetreten war und nach der erschütternden Erfahrung von Krieg und Niederlage vom Wunsch getrieben war, am Aufbau einer neuen, besseren Welt mitzuwirken.

Auch Stanislaus Büdner, der Held des Romans »Der Wundertäter«, wächst nach dem Ersten Weltkrieg in einem Dorf in der Niederlausitz auf. Sein Vater, ein armer Glasmacher, will etwas Besonderes aus ihm machen, er glaubt, dass der Junge die Fähigkeit zum Wahrsagen und zum Wunderheilen besitzt. Wie Lope ist Stanislaus ein verträumtes, phantasiebegabtes Kind. Als junger Mann ist er ein naiv-poetischer Schelm, der meist ohne eigenes Zutun in die verschiedenen Lebenssituationen hinein- und wieder hinausgerät. Erwin Strittmatter erzählt die Irrfahrten seines Helden in drei Bänden von dessen Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik über die NS-Zeit und den Krieg bis in die fünfziger Jahre in der DDR.

Die drei Teile des »Wundertäters« sind nicht aus einem Guss. Sie erschienen in langen Intervallen 1957, 1973 und 1980. Jeder Teil repräsentiert für sich schon einen etwas veränderten Blick Strittmatters auf das Leben von Büdner, auf die eigene Biographie und auf die Gesellschaft, in der er lebt. Im ersten Band gerät der unpolitische Bäckergeselle Stanislaus in das Rührwerk des NS-Regimes und des Krieges. Aus Eifersucht auf einen Feldwebel, mit dem ihn seine Verlobte betrügt, meldet er sich freiwillig an die Front. Nach vielen grausamen Erlebnissen beschließt er, zusammen mit einem Kameraden zu desertieren. Der Band endet damit, dass die beiden auf einer griechischen Insel mit Hilfe der Partisanen Zuflucht in einem orthodoxen Kloster finden. Die Erlebnisse von Büdner während des Krieges lesen sich fast wie die Fortsetzung des Lope-Kleinermann-Romans. So und ähnlich begannen und endeten viele Erzählungen, mit denen sich die Angehörigen der Kriegsgeneration in der frühen DDR ihre traumatischen Erinnerungen von der Seele schrieben und damit zugleich ihre »Läuterung«, ihr Engagement für das Neue, den Sozialismus, begründeten. Die Figur des guten Kommunisten taucht wie im »Ochsenkutscher« auch im »Wundertäter« schon sehr früh auf: Er wird vor allem verkörpert von Reinhold, dem Schwager von Stanislaus, der verhaftet und im KZ gefangen gehalten wird.

Die entscheidende politische Wandlung von Stanislaus Büdner findet im zweiten Band statt, der allerdings am Niederrhein beginnt, wo sich der Held erst durch die Wirren und Widersprüche des schlechteren anderen Deutschland mühen muss. Er verliebt sich in Rosa, eine Kommunistin, die aber auf geheimnisvolle Weise plötzlich verschwindet. Auf der Suche nach ihr erlebt er zahlreiche Abenteuer und landet schließlich wieder in seinem Lausitzer Heimatort, wird dort Gemeindesekretär und tritt seinem Schwager zuliebe in die SED ein. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, als Strittmatter diesen Band schrieb, hatte seine Identifikation mit der Partei schon einige Risse bekommen. Vor allem bei der Beschreibung von Stanislaus’ Parteiaufnahme und seinem anschließenden Besuch einer Parteischule spart der Autor seine Beobachtungen über die Enge und den Dogmatismus der SED der Stalinzeit nicht aus und macht sich über die Gläubigkeit seines neu bekehrten Helden ein wenig lustig.

Der dritte Band spielt vollständig in der DDR und endet 1956 kurz nach der Enthüllung der Verbrechen Stalins auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Stanislaus Büdner arbeitet als Journalist der Kreisparteizeitung in Kohlhalden, sein erstes Buch wird veröffentlicht und bringt ihm sowohl Ruhm als auch einigen Ärger ein und erregt die Aufmerksamkeit des berühmten Lukian List, der zweifellos Züge von Bertolt Brecht trägt. Büdner zieht nach Berlin, arbeitet eine Zeitlang mit List zusammen. Er beginnt eine Geschichte über ein junges Mädchen zu schreiben, das am Ende des Krieges von sowjetischen Soldaten vergewaltigt und dabei umgebracht wird. Über diesen Tabubruch gerät er in Konflikt mit seiner Partei, wird unter einem Vorwand ausgeschlossen und lehnt es ab, wiedereinzutreten, als er später rehabilitiert werden soll. Nachdem er fast am Ende des Bandes, wie schon erwähnt, in Notwehr eine Westagentin erschossen hat, die ihm sein Manuskript stehlen wollte, kehrt er in seine Lausitzer Heimat zurück, um fortan als Bergmann zu arbeiten und zu schreiben.

Der letzte Teil der »Wundertäter«-Trilogie handelt von der politischen Ernüchterung des Romanhelden, die zugleich die Ernüchterung ihres Autors Erwin Strittmatter spiegelt. Seine Vorbildfigur ist nicht mehr der kommunistische Kämpfer, sondern der sorbische Weise Zaroba, an dessen menschliche Integrität und zeitlose Lebensphilosophie er sich nun halten möchte.

»Der Laden«, Strittmatters Alterswerk, das er zwischen 1983 und 1992 schuf, ist sein dritter Versuch, sich schreibend ein Bild von der eigenen Lebensgeschichte zu machen. Die Geschichte des Esau Matt bewegt sich zweifellos – zumindest was die äußeren Umstände, Ereignisse und Personen betrifft – am dichtesten an seiner eigenen Biographie. Der kleine Esau, ein Alter Ego von Lope Kleinermann und Stanislaus Büdner, stellt wunderliche Fragen, die sonst niemandem einfallen, und er ist, wie seine Mutter sagt: »empfindlich uff de Wörter«. Er stammt aber diesmal nicht aus den in der DDR-Gesellschaft lange Zeit favorisierten proletarischen Verhältnissen, sondern er wächst – ebenso wie Erwin Strittmatter selbst – in einer kleinbürgerlichen Bäcker- und Ladenbesitzerfamilie auf, muss nicht dauernd Hunger leiden, bekommt zu seinem Geburtstag richtige Geschenke und wird von einem Kindermädchen betreut. Der erste Teil endet, als Esau im Alter von zwölf Jahren Bossdom verlässt, um in Spremberg das Gymnasium zu besuchen. Der zweite Teil behandelt die Zeit bis zum vorzeitigen dramatischen Abgang von der Schule. Die Handlung des dritten Teils setzt 1945 ein, als der Held aus dem Krieg und in das elterliche Geschäft zurückkehrt, und endet drei, vier Jahre später. Esau Matt wird Redakteur der Kreiszeitung und tritt aus diesem Anlass in die SED ein. Während Stanislaus Büdner im »Wundertäter II« für diesen Schritt noch eine gewisse Bereitschaft zur Begeisterung mitbringt, schreibt Strittmatter seinem Esau Matt beim Ausfüllen des Aufnahmeantrags nur noch ganz pragmatische Gründe zu: Er will Schriftsteller werden und hofft als Redakteur ungestört an seinem Roman schreiben zu können. »Der Laden« ist ein eher unpolitisches Buch. Darin liegt, nebenbei gesagt, seine große Stärke, sein Reiz, weil hier in einer wunderbaren Sprache Geschichten und Nebengeschichten in ihrer Fülle und Vielschichtigkeit aufgezeichnet werden. In seiner Abkehr von jeglicher politischen Botschaft und gesellschaftlichen Vision bildet Strittmatter ziemlich genau den Zeitgeist der DDR der achtziger Jahre ab. Es ist das Zeugnis eines Desillusionierten, der sich in seinen Hoffnungen mehr als einmal getäuscht sah und nun am Ende seines Lebens allen Ideologien misstraut. Das eigene frühere Engagement wird rückprojizierend nicht nur in Frage gestellt, sondern heruntergespielt. Noch etwas fällt auf. Ähnlich wie in seinem ersten Roman »Ochsenkutscher« liegt der Schwerpunkt der Erzählung auf der Kindheit und Jugend des Protagonisten. Im dritten Band kommen NS-Zeit und Krieg nur in fragmentarischen Rückgriffen, die Jahrzehnte der DDR nur in ausgewählten Vorgriffen vor.

Ursprünglich hatte Erwin Strittmatter den »Laden« wohl als Autobiographie geplant. Am 9. Juli 1967 notiert er in sein Tagebuch, nach stundenlangem Ritt durch die Wälder habe er eine kurze Rast am Wittwe-See gemacht. »Dort Idee für autobiographischen Roman. (Buch?) […] Im Sinne von ›Dichtung und Wahrheit‹.«

Goethes in zehn Bücher gegliedertes Werk »Dichtung und Wahrheit«, auf das sich Strittmatter bezieht, ist der Versuch des alternden Dichters, seine Lebensgeschichte zu rekonstruieren, soweit das eigene Gedächtnis, überlieferte Briefe, Aufzeichnungen und die Erinnerung der Zeitgenossinnen und -genossen dies hergaben. Getreu seinem Vorsatz im Titel »Dichtung und Wahrheit« klärt Goethe darin auch die Bezüge zwischen einigen seiner berühmtesten literarischen Figuren und den Menschen, die ihm im Leben begegneten und ihn zu diesen Figuren inspirierten. So erfahren wir, dass seine Beziehung zu jener Lotte in Wetzlar in Wirklichkeit keine dramatischen Verwicklungen nach sich zog und wie er den Selbstmord eines unglücklich verliebten jungen Mannes aus der gleichen Zeit und gleichen Stadt dort hineinmischte. Er verrät, dass Züge der Friederike aus Sesenheim in die Gestalten der beiden Marien in »Götz von Berlichingen« und »Clavigo« flossen und dass die »schlechten Figuren, die ihre Liebhaber spielen«, als Resultat der »reuigen Betrachtungen« seines eigenen damaligen Verhaltens entstanden.4 Vor allem aber schildert Goethe Ereignisse und Zusammenhänge, die nicht direkt oder indirekt in eines seiner Werke eingingen, die aber der Nachwelt überhaupt erst einen Eindruck von seinem Leben vermitteln.

Erwin Strittmatter ist dem Goethe’schen Beispiel dann doch nicht gefolgt und hat die Rätsel der Verwirrung von Fiktion und Realität in seinem Leben und Werk nicht gelöst. Stattdessen hat er zu den beiden Romanen, die 1967 bereits existierten, einen dritten hinzugefügt, hat abermals Spuren gelegt, Spuren verwischt. Das ist das gute Recht eines Romanschreibers. Doch darüber hinaus scheint es, als habe Strittmatter die einmal geschaffene Symbiose von »Dichtung und Wahrheit« immer noch weiter verfestigen wollen, als habe er selbst zumindest den »Laden« für seine Biographie genommen – oder ausgegeben. Wie wäre es sonst zu erklären, dass der dritte Teil in der ersten Ausgabe auf seinem Umschlag ein Foto der Familie Strittmatter zeigt? In dem kleinen Buch mit dem Titel »Lebenszeit«, das 1987 noch unter seiner Mitwirkung entstand, beglaubigen Zitate aus dem »Wundertäter« und dem »Laden« die Fotos und Daten aus Strittmatters Leben.5.

Das gleiche Herangehen findet sich in der »Biographie in Bildern«, die 2002 von Eva Strittmatter und Günther Drommer herausgegeben wurde. Fotos aus dem Privatarchiv von Erwin Strittmatter, die in Karelien und auf der griechischen Insel Naxos entstanden, werden komplettiert mit Textauszügen aus dem ersten Band des »Wundertäters« und suggerieren so, hier sei von den Kriegserlebnissen des Autors und nicht nur seines Romanhelden Stanislaus Büdner die Rede. Im Lichte unseres heutigen Wissens um Strittmatters Militärvergangenheit scheint das Ineinssetzen von Roman und Leben an dieser Stelle besonders problematisch.

Der Blick auf Strittmatters Biographie durch die Brille seiner Romane und Erzählungen ist spätestens seit den Enthüllungen über seine Militärzeit ein fragwürdiges Unterfangen geworden. An einem entscheidenden Punkt hat sich die literarische Verdichtung als irreführend erwiesen.

Erwin Strittmatter wurde im Jahr 1912 geboren. Die meisten Menschen, die ihn als Kind und Jugendlichen kannten, sind inzwischen nicht mehr am Leben. Seine Romane und Erzählungen bleiben deshalb trotz solcher Bedenken für diese frühe Lebensphase wichtige Quellen. Etwa seit Mitte/Ende der vierziger Jahre hat der Schriftsteller, der Funktionär des Schriftstellerverbandes, das SED-Mitglied Strittmatter viele Spuren in den Archiven und Publikationen hinterlassen. Im Bundesarchiv Berlin befindet sich nicht nur seine SED-Kaderakte, sondern dort liegen auch die Unterlagen der ZK-Abteilung Kultur und der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel beim Ministerium für Kultur, die über den jeweiligen Umgang der Macht mit dem Schriftsteller und seinen Werken Auskunft geben. In den Akten des DDR-Landwirtschaftsministeriums ist die Verleihung der Ehrendoktorwürde einer LPG-Hochschule an den Schulabbrecher und Autodidakten überliefert. Im Nachlass des ehemaligen Gewerkschaftsvorsitzenden Herbert Warnke findet sich ein Briefwechsel über die Bestellung eines Kanarienvogels aus Warnkes persönlicher Zucht für die Voliere in Schulzenhof. Das Archiv des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen bewahrt neben Strittmatters IM-Akte auch einen dicken Band mit Auskünften und Mutmaßungen von Spitzeln über den bekannten Schriftsteller auf. Über das politische Wirken Strittmatters innerhalb des Schriftstellerverbandes und der Akademie der Künste gibt das Archiv der Akademie der Künste Aufschluss.

Eine unschätzbare Quelle für den Alltag, das Leben mit der Familie, den Kontakt mit Freunden und Kollegen sind die Tage bücher. Während aus den dreißiger und vierziger Jahren nur fragmentarische Notizen von einigen Lebensstationen überliefert sind, sind die seit 1954 kontinuierlich geführten Aufzeichnungen erhalten geblieben. Sie geben Aufschluss über seine politischen Reflexionen, seine inneren Konflikte und Wandlungsprozesse bis in die neunziger Jahre. Die Tagebücher enthalten Erlebnisse, Erinnerungen an frühere Lebensphasen, die hier schon stilisiert sind und als Material für die spätere schriftstellerische Arbeit dienten.

Im Zentrum aller archivalischen Überlieferungen über das Leben von Erwin Strittmatter befindet sich jedoch sein umfangreicher Nachlass, der vor allem aus Briefen, familiären Dokumenten und Manuskripten besteht. Als ich mit der Arbeit an der Biographie begann, war noch nicht klar, ob dieser Nachlass mir wenigstens in Teilen zur Verfügung stehen würde. Verunsichert durch die Enthüllungen über die Militärvergangenheit ihres Mannes im Jahr 2008, hatte sich seine Witwe Eva Strittmatter zu keiner Zusage durchringen können. Nach ihrem Tod im Januar 2011 übergaben die Söhne das Privatarchiv ihrer Eltern an die Akademie der Künste. Und sie gewährten mir für das an einen Termin gebundene biographische Vorhaben Einsicht in die Dokumente noch vor deren archivalischer Aufnahme und Verzeichnung. Davon ausgenommen waren zunächst alle Briefe und Aufzeichnungen Erwin Strittmatters und seiner Familienangehörigen, die sich auf die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges bezogen. Jakob Strittmatter und sein Bruder Erwin Berner benötigten selbst erst einmal Zeit, um sich mit dem bisher verschwiegenen, zugedeckten Kapitel im Leben ihres Vaters auseinanderzusetzen, ehe sie sich entschlossen, mir auch diese Unterlagen zur Verfügung zu stellen. Nach und nach durfte ich in den letzten Monaten die Briefe lesen, die Erwin Strittmatter zwischen 1939 und 1945 an seine Eltern und Geschwister schrieb, ebenso die Briefe, die Eltern und Geschwister an ihn richteten, schließlich auch fragmentarische Tagebuchaufzeichnungen, Skizzen, Gedichte und Prosa-Texte aus dieser Zeit.

Wenn ich nun hier den Versuch unternehme, die Lebensgeschichte Erwin Strittmatters, quer zu seinen literarischen Selbstkonstruktionen, mit Hilfe von Dokumenten und Zeitzeugenberichten neu zu erzählen, so wird dieses Bild an einigen Stellen lückenhaft bleiben, und es wird subjektiv gefärbt sein. Trotz allen Strebens nach Sachlichkeit und Objektivität – das bin immer ich mit meinen Erinnerungen, meinen Erfahrungen, meinen Vorurteilen, die die einzelnen Mosaiksteine auswählt und zu einem Bild zusammenzusetzen versucht. Ich tue dies aus dem Blickwinkel der Nachgeborenen, der zweiten Generation, ich bin eine Frau, ich habe in der DDR gelebt, und ich stamme aus einer Familie, deren Mitglieder während der NS-Zeit zu den Verfolgten gehörten, die im Widerstand und/oder im Exil waren. Im Laufe meiner Arbeit ist mir deutlich geworden, dass Erwin Strittmatter zu den Menschen gehörte, vor denen meine Eltern sich wohl immer ein wenig gefürchtet haben. Das hätten sie natürlich niemals zugegeben, nicht einmal vor sich selbst. Sie hatten sich schließlich dafür entschieden, zusammen mit denen den Sozialismus in der DDR aufzubauen: mit den ehemaligen NSDAP-Mitgliedern, den Heimkehrern aus dem Krieg, den Frauenschafts-Funktionärinnen und vielen anderen, die eingebunden waren in das System und vielleicht auch verstrickt in seine Verbrechen. Das waren ihre Genossen in der SED, aber sie haben sich mit ihnen immer fremd gefühlt. Befreundet waren sie nur mit Altersgefährten, die eine ähnliche Geschichte hatten wie sie selbst. Erst spät habe ich begriffen, dass meine Eltern über die unausgesprochene Frage – was hat der oder die während der NS-Zeit getan? – nie hinweggekommen sind, vielleicht gerade weil die Frage unausgesprochen blieb. So ist diese Biographie auch ein Versuch, die Furcht meiner Eltern in mir zu überwinden, ganz nah heranzugehen, genau hinzuschauen und zu versuchen zu verstehen.

ALLES VOLLER KINDHEIT
1912–1929

BOHSDORF UND DER LADEN

Was gäbe es über die Kindheit von Erwin Strittmatter zu berichten, was er nicht längst in großer Ausführlichkeit und in verschiedensten Variationen in seinen Romanen und Erzählungen beschrieben hat? Der »Ochsenkutscher«, »Tinko«, »Der Wundertäter« und »Der Laden«, die »Nachtigall-Geschichten« – alles, alles voller Kindheit. Die Heidelandschaft, das qualmende Kartoffelkraut, die Sprüche des Großvaters, der Lauf der Jahreszeiten, der Gesang der Nachtigall, die Gesichter von Spielgefährten – immer gesehen mit den Augen eines Jungen, der anders ist als die anderen Kinder, empfindsamer und deshalb auch einsamer, der der Schmetterlingskönigin seine Ängste und Wünsche mitteilt, der vieles, was ihm begegnet, bestaunt und dessen seltsame Fragen die Erwachsenen oft nicht beantworten können.

Aus diesen Geschichten, die einmal in der Er-Form, ein anderes Mal in der Ich-Form geschrieben sind, bisweilen weiter entfernt oder näher an der Biographie des Autors, erfahren wir zum Beispiel, dass der kleine Erwin im Alter von sechs Monaten erkrankte und beinahe gestorben wäre, weil seine Mutter, die erneut schwanger war, ihn nicht mehr stillen konnte. Der Großvater mütterlicherseits, ein »Allerweltsmensch und Alleskönner«, kurierte ihn und päppelte ihn wieder auf. Dieser Matthes Kulka sollte im Leben des Jungen eine große Rolle spielen. Noch im Alter erinnerte sich Strittmatter gern daran, wie der Großvater ihn manchmal hochhob und kopfunter an der Decke der niedrigen Stube spazieren ließ, von wo aus der Junge einen völlig anderen Blick auf die Waschkommode und den Tisch werfen konnte. Auf diese Weise, schreibt er, sei in ihm frühzeitig die Lust geweckt worden, mit Hilfe eines vertauschten Standpunktes auf die Welt, ihre Menschen und Dinge zu sehen, und nennt das »die Einnahme eines poetischen Standpunktes«.6 Die Leute in der Gegend nannten Matthes Kulka einen »Rumgeher«, das heißt, er zog mit seinem Handwagen über die Dörfer und machte alle möglichen Geschäfte. Seine Frau, die schon erwähnte Anderthalbmeter-Großmutter, besaß einen Gemüseladen in Spremberg, während die Großmutter väterlicherseits, die in den Erzählungen meist die »Amerikanische« genannt wird, weil sie nach einer glücklosen Ehe von jenseits des Atlantiks wieder nach Deutschland zurückgekehrt war, eine Gastwirtschaft in Graustein betrieb, einem Dorf, das heute ein Vorort von Spremberg ist. In diesem Haus, in dem der Junge die ersten sechs Jahre seines Lebens zubrachte, befand sich auch das Kurzwarengeschäft seiner Mutter. Erwin Strittmatter entstammte einer Lebenswelt von kleinen Händlern und Gewerbetreibenden, die sich mit allerlei Nebenverdiensten und Lebenskünsten durchschlugen. In seinen biographischen Angaben auf den Fragebögen der Sozialistischen Einheitspartei folgte Strittmatter dem Zeitgeist und »verschob« seine Herkunft ein Stück in die Arbeiter-und-Bauern-Richtung, indem er dem Bäckerhandwerk des Vaters dessen Intermezzo als Fabrik arbeiter hinzufügte, später auch manchmal den Nebenberuf Bauer. Ein Mitarbeiter des ZK der SED verstärkte diese Richtung noch und machte Strittmatter 1958 in einer Beurteilung zum »Sohn einer Landarbeiterfamilie«7.

Seine Lebensläufe, die er in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren für die Kaderakten der SED verfasste, liefern uns die Daten, die aus den literarischen Verdichtungen nicht immer ersichtlich werden: Geboren am 14. August 1912 in Spremberg, Vater, Heinrich Strittmatter, Mutter Helene, geborene Kulka, von Beruf Schneiderin. Erwin war der Älteste von fünf Geschwistern: Marga, Heinrich, Martin und Manfred.

Schauplatz dieser Kindheit ist das Dreieck Spremberg, Graustein, Bohsdorf, die Heidelandschaft der Niederlausitz, wo etwa seit dem 7. Jahrhundert die Volksgruppen der Wenden, später und bis heute Sorben genannt, leben. In Strittmatters Kinderzeit waren die Sorben bereits in der Minderheit. In der sozialen Hierarchie standen sie unter den Deutschen, die die Beamtenschaft und das Bürgertum repräsentierten, denen meist das Land gehörte und die Fabriken. Unter den kleinen Leuten dieser Gegend weit verbreitet war ein Sprachgemisch aus Sorbisch und Deutsch. Im »Laden« nennt Strittmatter diese Sprache »Ponaschemu« und setzt ihr ein literarisches Denkmal. Aber zuvor hatte er sich lange für den Dialekt, das Markenzeichen seiner Herkunft, geschämt und versucht, ihn loszuwerden, damit er im Leben besser »furtkommt«, wie seine Mutter sich ausgedrückt haben soll. Erst spät, so schrieb er, habe er sich wieder auf den »slawischen Urton« besonnen, mit dem er einst geboren worden sei. Seine Großeltern Matthes und Helene Kulka waren Sorben, während die »amerikanische« Großmutter Dorothea aus Hamburg stammte, der in Amerika gebliebene Großvater Josef kam ursprünglich aus dem Schwarzwald, wo es übrigens ein Dorf namens Strittmatt geben soll, vielleicht der Herkunftsort der Strittmatters.

In Tagebuchaufzeichnungen und in literarischen Texten bezeichnete Strittmatter sich selbst manchmal, als »niederschlesischen Neurotiker«8. Diese Zuschreibung hatte er wohl ursprünglich von seiner Frau Eva übernommen, die ihn manchmal so betitelte und es dabei mit der Geographie wahrscheinlich nicht so genau nahm. Das winzige Stück Schlesien, das nach der Verschiebung der Ostgrenzen 1945 auf deutscher Seite verblieb, liegt nämlich, so erfahre ich aus dem Lexikon, in der Gegend um Görlitz und Löbau, in der Oberlausitz, im heutigen Bundesland Sachsen, ein ganzes Stück südlich von Strittmatters Heimatregion. In Strittmatters literarischer Geographie jedoch verläuft die schlesisch-niederlausitzische Sprachgrenze in den Wäldern zwischen Bossdom (Bohsdorf) und Friedensrain (Friedrichshain), also in seiner unmittelbaren Nähe. Vielleicht klang niederschlesisch irgendwie besser als niederlausitzisch? Wie auch immer – das Land mit der Heide und den kargen Feldern, mit den Kohlegruben und Glashütten war seine Heimat, das Leben dort bildete ein beinahe unerschöpfliches Reservoir für seine literarische Arbeit. Erst im Alter von über achtzig Jahren, nachdem er den dritten Teil des »Ladens« vollendet hatte, dachte Strittmatter an ein Buch über das märkische Vorwerk Schulzenhof, in dem er seit vierzig Jahren lebte. Bis kurz vor seinem Tod arbeitete er an Aufzeichnungen, die seine Frau fertigstellte und unter dem Titel »Vor der Verwandlung« veröffentlichte.

Die ersten noch wenig bewussten Erfahrungen des Jungen Erwin waren der Hunger, der Krieg und die Abwesenheit des Vaters. Der kam 1919 »verhungert, zerlumpt und verlaust«9 aus dem Krieg zurück. Mit dem Auftauchen des fremden Vaters änderte sich das Leben des Sechsjährigen. Er und seine Schwester wurden aus der mütterlichen Schlafkammer in die Bodenstube ausquartiert. Vorbei waren auch die Fahrten mit dem Großvater und seinem Karren über die Dörfer, wo Matthes Kulka mit den Bäuerinnen Geschäfte machte und seinem Enkel manches zusätzliche Butterbrot oder eine Grützwurst verschaffte. Zu diesem Großvater, dem Helden seiner Kindheit, hatte Erwin Strittmatter eine zeitlebens liebevolle enge Beziehung, ebenso wie zu dessen Frau, der kleinen Großmutter, die im »Laden« wegen ihrer Neugier von allen »Detektiv Kaschwalla« genannt wurde. Seine schöne Mutter mit ihren feinen Händen beschreibt er verständnisvoll und ironisch, manchmal vermischt mit ein wenig Sehnsucht, weil sie offenbar nie genug Zeit für ihn hatte. Der Vater jedoch bekommt in seinen autobiographischen Geschichten selten die Chance auf eine gute Rolle. Am radikalsten geschieht das wohl im »Ochsenkutscher«, wo er als Vater überhaupt in Frage gestellt wird, weil der Hauptheld Lope zu wissen meint, dass er nicht von diesem rohen Trinker Liepe abstammt, der ihn regelmäßig prügelt, sondern von dem feinsinnigen Gutssekretär Ferdinand, der so viele Bücher in seiner Stube hat. Der Vater von Stanislaus Büdner im »Wundertäter« ist sympathischer gezeichnet als Liepe, doch er verlangt von seinem Sohn Unmögliches: Er soll lernen, Glas zu fressen, um mit dieser Kunst die Familie aus ihrer Not zu befreien. Im »Laden« wird der Vater von Esau Matt als autoritär, jähzornig und eitel beschrieben. Vermutlich schlug auch der reale Heinrich Strittmatter seine Kinder, das taten damals fast alle Väter. Vor allem aber muss sein Sohn unter den rasch wechselnden Stimmungen des Vaters, unter seinen ungerechten Strafen gelitten haben, auch darunter, dass er es ihm nie recht machen konnte. Erst als Erwachsener gesteht Strittmatter sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen bestürzt ein, in welchem Maße diese Eigenschaften auch ihn beherrschen. Die Verletzungen saßen wohl so tief, dass er sich auch später, nachdem er selbst aus einem furchtbaren Krieg zurückgekehrt war, nie gefragt hat, ob der Vater seinen Jähzorn und seine Labilität vielleicht aus den zermürbenden Grabenkämpfen der Jahre 1914 bis 1918 nach Hause geschleppt hatte. Im Roman »Der Laden«, diesem überquellenden Füllhorn an Familiengeschichte und -geschichten, steht kein Wort über die Kriegserlebnisse des Vaters. Dafür beschreibt der Sohn mit unübersehbar ironischer Geringschätzung den Militärdienst des Vaters vor Ausbruch des Krieges: In Lötzen sei er Bursche bei einem General gewesen, »und es war ihm vergönnt, diesen General nackt in der Badewanne liegen zu sehen, und er war ausersehen, diesem General die Schnurrbartbinde umzutun, und er wurde privilegiert, den General nur einmal am Tage, und zwar am Morgen, zu grüßen.«10

In Strittmatters später Rückerinnerung erlangten seine ers ten Lebensjahre in Graustein – vor der Heimkehr des Vaters – eine immer größere Bedeutung. Dort habe er »das Glück des Lebens unvermischt mit Ängsten und Pflichten« genossen, schreibt er als Zweiundfünfzigjähriger anlässlich eines Besuchs dort in sein Tagebuch.11 Nach einem solchen Gefühl unvermischten Glücks sehnte er sich lebenslang zurück, und diese Sehnsucht war vielleicht ein wichtiger Antrieb für sein Schreiben, ein Grund für seine nicht enden wollenden Versuche, die Kindheit immer wieder neu zu erschaffen.

Nicht lange nach seiner Rückkehr vom Militär kaufte Heinrich Strittmatter den Bäckerladen und ein Stück Ackerland von einer Verwandten in Bohsdorf. Mit dem Umzug begann ein neues Kapitel im Leben der Familie, in dessen Mittelpunkt der Laden rückte. Die Mutter eröffnete eine »Colonialwarenhandlung«, wie es auf einer Werbepostkarte ein wenig großartig heißt. Der Vater buk das Brot, das die Mutter verkaufte – zusammen mit Mehl und Schmalz, Schnaps und Bier, Bonbons, Haarschleifen, Bohnerwachs und vielen anderen alltäglichen Dingen, die die Dorfbewohner benötigten. Das Dienstmädchen Alma kümmerte sich um die Kinder, vor allem um die beiden Kleinsten, den 1916 geborenen Heini und den 1918 geborenen Martin.

In der sozialen Hierarchie von Bohsdorf standen die Strittmatters eine Stufe über den Glasarbeitern, den Bergleuten und den Kossäten. Mit dem Lehrer, dem Schneidermeister, dem Gemeindevorsteher, vielleicht auch noch dem Pfarrer und dem Gastwirt bildeten sie so etwas wie die Honoratioren des Dorfes. Heinrich Strittmatter war nach dem Krieg der SPD beigetreten, er gehörte dem Sozialdemokratischen Ortsverein und dem Arbeiterradfahrerverein »Solidarität« an, außerdem war er geachtetes Mitglied des Gesang- und des Skatvereins, während seine Frau Helene sich regelmäßig mit den Frauen vom »Königin-Luise-Bund« traf und nach der abendlichen Lektüre von »Vobachs Modenzeitung« vom vornehmeren Leben träumte.

Der sechsjährige Erwin war 1919 noch in Graustein eingeschult worden und musste kurz darauf in die Einklassenschule von Bohsdorf wechseln. Vielleicht war das ein unglücklicher Auftakt, der sein Verhältnis zu Unterricht und Lehrern von Anfang an beeinträchtigte. Es habe nie eine Zeit gegeben, schrieb er später, in der er gern zur Schule gegangen sei. In den ersten Jahren der Weimarer Republik waren pädagogische Reformbestrebungen in der Dorfschule längst noch nicht angekommen. Nach wie vor herrschte der wilhelminische Drill, der Lehrer Düpsch (im »Laden« heißt er Rumposch) prügelte. Er sei, so schreibt Strittmatter, auf alles neugierig gewesen, was sich außerhalb der Schule abspielte: die Entfaltung der Blütenknospen, die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling.12 Dieses Wissen trug ihm nicht unbedingt gute Zensuren ein. Zumindest im Lesen jedoch war er seinen Mitschülern wohl weit voraus. In einer Erzählung schildert er, wie ihm der zweite Mann der »amerikanischen« Großmutter, sein sorbischer Stiefgroßvater Jurischka, im Alter von fünf Jahren das Lesen beibrachte, was natürlich zur Folge hatte, dass der Junge sich im Unterricht später langweilte und mit anderen Dingen beschäftigte.13

Auf einem Foto aus dieser Zeit sieht man einen zarten Jungen im Matrosenanzug. Er hat einen ziemlich breiten Kopf und große tiefliegende Augen. Seine Haare sind kurz geschoren. Dass sie rot sind wie die des Vaters und der »amerikanischen« Großmutter sieht man auf den Schwarzweißbildern natürlich nicht. Doch die Haare waren sein großer Kummer, ihretwegen sei er oft gehänselt und angegriffen worden, schreibt er rückblickend in seinem Tagebuch: »Und diese verpönte Rothaarigkeit verfolgte mich, und es gab Zeiten in meiner Entwicklung, in denen ich selber glaubte, ich sei meiner roten Haare wegen kein vollwertiger Mensch.«14

Etwa ein halbes Jahr nach dem Einzug der Strittmatters in Bohsdorf folgten ihnen die Großeltern Kulka. Die kleine Großmutter gab ihr Geschäft in Spremberg auf und zog mit ihrem Mann in die Bodenkammer über dem Laden. Die beiden Alten machten sich in der Küche und im Geschäft, in der Backstube und auf dem Feld nützlich. Frühmorgens, wenn die Eltern noch schliefen, fachte die Großmutter das Feuer an und wärmte den Kindern den Gerstenkaffee vom Vorabend auf. Im »Laden« schreibt Strittmatter vom morgendlichen Duft des brennenden Kiens, der für den Knaben Esau der »Weihrauchduft« seiner Kindheit war. Das klingt nach Glück und Harmonie. Doch der Einzug der Großeltern in das Haus in Bohsdorf markiert den Beginn eines Jahrzehnte andauernden Familienkonflikts, der alle Beteiligten quälte und verbitterte. Erwin Strittmatter hat im Roman diese schwelenden und immer wieder aufbrechenden Streitigkeiten meist eher humorvoll geschildert: Wenn die Großmutter, der der Großvater Matthes jeden Kontakt mit dem Rest der Familie verboten hatte, heimlich Kartoffeln für sie schälte und den Topf auf die Treppe stellte, wenn die Kinder als Parlamentäre hin und her huschten, um den feindlichen Parteien Botschaften zu überbringen. Wie zerrissen er sich als Kind in dieser Situation fühlte, beschreibt er deutlicher und noch weitgehend ohne literarische Bearbeitung und Verdichtung in seinem Tagebuch. Da ist einmal von einem furchtbaren Krach zwischen Vater und Großvater die Rede, der sich auf dem Hof abspielte und schließlich in ein Handgemenge überging. Während Strittmatters Mutter am Stubenfenster vor Schreck in Ohnmacht fiel, bemühten sich Erwin und die Großmutter vergeblich, die beiden Männer auseinanderzubringen: »Ich heulte und zerrte an den Hosenbeinlingen der Kämpfenden und rief abwechselnd: ›Lieber, lieber Grossvater – lieber, lieber Papa, hört auf!‹ […] Alle Glücksstunden, die unser Familienleben trotz aller Spannungen hier und da produzierte, schienen wie von einem Blitzeinschlag weit in die Zukunft hinausgeschleudert.«15

Bei dem Familienkonflikt handelte es sich genau genommen um den Kampf zwischen den beiden Männern. Die Kinder und die Frauen standen hilflos dazwischen, versuchten sich zuzuordnen oder duckten sich einfach nur weg. Es war ein Konkurrenzkampf um Macht, um Ansehen, um Kompetenz, bei dem Heinrich Strittmatter die deutlich schwächere Position hatte. Um den Laden überhaupt betreiben zu können, hatte er sich immer wieder Geld bei seinem Schwiegervater borgen müssen, das er letztlich nie zurückzahlte. Matthes Kulka wiederum konnte nicht mit ansehen, wie Tochter und Schwiegersohn »sein« mühsam erspartes Geld aus Nachlässigkeit und Naivität verschleuderten. Er nahm sich deshalb das Recht heraus, sich überall einzumischen. Vermutlich wusste er tatsächlich manches besser, wenn es etwa um den Kauf eines Pferdes oder um die Bewirtschaftung des Ackerlandes ging – unter seinem missbilligenden und strengen Blick jedoch hatte der lebenslustige und mit wenig Geschäftssinn ausgestattete Heinrich wohl kaum eine Chance. In einer biographischen Skizze erzählt Erwin Strittmatter lange vor der Niederschrift des »Ladens«, der Großvater habe in der Bodenkammer mit dem Stummel eines Zimmermanns-Bleistifts die Schulden und die Zinsen, die sich Jahr für Jahr anhäuften, eingetragen. Eine Zeitlang habe der Großvater sogar Buch über die abendlichen Abwesenheiten seines Schwiegersohnes geführt, um seiner Tochter die Liste dann triumphierend zu präsentieren: »Hinter den entsprechenden Daten stand meist noch eine Notiz: ›Erst um viere‹ oder ›Wieder ganz schön besoffen‹ und wenn nur ein Spazierstock hinterm Datum aufgezeichnet war, so hiess das in Grossvaters Kode ›stockbesoffen‹.«16 Heinrich Strittmatter seinerseits beschimpfte seinen Schwiegervater schon mal als »wendschen Hund«, verlangte in Konfliktsituationen von seinen Schwiegereltern die Bezahlung von Brot und Mehl aus dem Laden. Matthes Kulka wiederum verstand diese Lebensmittel als »Zinsen« für sein geborgtes Geld und schreckte letztlich nicht davor zurück, seinen Schwiegersohn wegen der säumigen Rückzahlung zu verklagen.

Der sensible Erwin reagierte auf die familiäre Dauerspannung. Im »Laden« schildert Strittmatter, wie der kleine Esau sich täglich abhetzt, um es allen irgendwie recht zu machen: Er hilft der Mutter im Laden, dem Vater beim Teigpressen, dem Großvater auf der Tenne. In der Frühe rennt er übers Feld, um Milch von Tante Magy zu holen, und betet inbrünstig, dass er es pünktlich zur Schule schaffen und so der Prügel des Lehrers entgehen möge. Irgendwann kann er nicht mehr aufhören, zu Gott zu beten, ein andermal kann er nicht mehr aufhören, alles zu zählen, was ihm in den Blick kommt, bis ihn Tante Maika, die sorbische Dorfweise, von diesen Zwängen erlöst.

Erwin Strittmatters spätere Lebensgefährtin Eva, der er diese Geschichten häufig erzählt hatte, lange bevor er sie aufschrieb, war überzeugt, dass er das neurotische Auf und Ab seiner Stimmungen aus dieser »gehetzten, nervösen Kindheit« mitgebracht hatte.17 Zweifellos haben die damaligen Erlebnisse sein Bild von der Familie, sein Verhalten zu Ehefrauen und Söhnen beeinflusst. Es scheint, als vererbten sich die erfahrenen Risse und Brüche von einer Generation zur nächsten.

GYMNASIUM IN SPREMBERG

Ein Ausweg aus der vergifteten häuslichen Atmosphäre bot sich, als Erwin 1924 die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium in Spremberg – Grodk, wie die Stadt auf Sorbisch heißt – bestand. Ein neuer junger Lehrer, der anders als der alte Düpsch die Begabung des Jungen erkannte, hatte den Eltern diesen Vorschlag gemacht, und die waren – endlich einmal stolz auf ihren seltsamen Sohn – darauf eingegangen. Natürlich können wir nicht wissen, ob der Elfjährige die Trennung von seiner Familie damals tatsächlich als einen willkommenen Ausweg ansah. Im »Laden« jedoch lässt Erwin Strittmatter seinen Ich-Erzähler Esau im schönsten »Ponaschemu« sagen: »Nach Grodk bin ich mehrstenteils geworden, weil mir zu Hause das Gezänk um Geschäfte, Geld und Zinsen das Leben vergällte.«18

Am Ende der Osterferien des Jahres 1924 fuhr ihn der Großvater mitsamt seinem Bett und einem großen Reisekorb zu seinen künftigen Pensionseltern in die Stadt. Eine Jugendfreundin der Mutter, Minna Balding, im »Laden« nennt er sie Baltin, und ihr Ehemann Juro waren die Hausmeister der städtischen Mädchenschule und wohnten in der Kelleretage des Schulgebäudes. Das Bett des Jungen wurde in das Schlafzimmer der Eheleute gestellt, im Wohnzimmer bekam er einen Platz für seine Schulsachen zugewiesen. Sein täglicher kurzer Weg von der Mädchenschule in der Wirthstraße zum Reform-Realgymnasium in der Mittelstraße, der heute »Strittmatter-Promenade« heißt, führte an der Spree entlang und über eine Brücke.

Spremberg mit seinem von Spreearmen umflossenen mittelalterlichen Kern war damals eine prosperierende Stadt, die ihren industriellen Aufschwung vor allem den Braunkohlegruben in der Umgebung und dem 1915 errichteten Kraftwerk Trattendorf verdankte. Ein großer Teil der damals knapp 27 000 Spremberger war in den Tuchfabriken und Bierbrauereien beschäftigt. Die Industriearbeiter prägten das politische Klima in der Stadt. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten blieb die SPD dort die stärkste Partei, allerdings schon seit Anfang der dreißiger Jahre dicht gefolgt von der NSDAP. Das Leben der kleinen Leute spielte sich in Spremberg ebenso wie in den Dörfern des Umlands in den zahlreichen Arbeiterkulturvereinen ab. Auch Erwin Strittmatter trat schon als Gymnasiast dem Bohsdorfer Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund »Solidarität« und dem Arbeiter-Touristenbund »Die Naturfreunde« bei.

In der Mittelstraße, nicht weit vom Strittmatter-Gymnasium, steht, eingefasst in eine kleine Backsteinmauer, der »Mittelpunktstein«, der von 1871 bis 1918 den geographischen Mittelpunkt des Deutschen Reiches markierte. Schon zur Schulzeit von Erwin Strittmatter war diese Markierung nach den Gebietsverlusten im Gefolge des Ersten Weltkriegs nur noch Geschichte. Seit 1945 – als Konsequenz eines weiteren Krieges und der Vereinbarungen des Potsdamer Abkommens – ist Spremberg gar von der Mitte an den Rand Deutschlands gerückt. Die Grenze zu Polen verläuft kaum 30  Kilometer weiter östlich. Die Inschrift auf dem Stein »Mittelpunkt vom Deutschen Reiche« wurde 1946 offenbar als Ausdruck großdeutscher Gesinnung gewertet und auf Anordnung des damaligen Landrates zusammen mit dem Reichsadler weggemeißelt. Erst im Jahre 1991 stellte die Gemeinde eine Kopie des Steins nicht weit vom ursprünglichen Standort auf. Die Mittelpunktsberechnungen gingen übrigens auf den Geographen Heinrich Matzat zurück, einen Oberlehrer am Realgymnasium, allerdings lange vor Erwin Strittmatters Zeit. Bereits 1875 hatte Matzat seinen Dienst an dieser Schule quittiert und war 1908 gestorben.

Der Umzug in die Stadt und der Eintritt in das Spremberger Realgymnasium dürften für den Dorfjungen, der bis dahin in enger Verbindung zu Natur und Tieren gelebt hatte, einen Kulturschock bedeutet haben. Er musste nicht nur Französisch und Latein, sondern vor allem erst einmal Hochdeutsch lernen, er musste sich in eine ganz neue Welt hineinfinden und war dabei wohl weitgehend auf sich allein gestellt. Erwin trug nun die Schülermütze der Sextaner, die Hosen und Hemdsärmel waren ihm nach neuester Stadtmode gekürzt worden. Doch zumindest am Anfang muss er sich schmerzlich als Außenseiter gefühlt haben. Für die tonangebenden Jungen in der Klasse – er nennt sie »die Krachschläger« – war er Zielscheibe für Hänseleien und Quälereien. Im »Laden« schildert Strittmatter, wie sein Esau »wendischer Kito« und »Krumitzka« (Brotranft) geschimpft, wie sein Ranzen mit dem Plüschdeckel als »Weiberranzen« verspottet wird. Dem Autor des Romans mag es ähnlich ergangen sein. In seinem Tagebuch hielt er Jahrzehnte später anlässlich eines Besuchs in Spremberg seine fortdauernde Abneigung gegenüber dieser Stadt fest, in der man ihn »gequält, bespöttelt, verkannt« habe.19 Sogar auf einem Klassenfoto von 1926 ist seine Außenseiterrolle erkennbar. Als einziger Schüler trägt Strittmatter eine Anzugjacke und einen Schlips wie der Lehrer. Die anderen Jungen sind nach damaligen Begriffen eher lässig gekleidet, mit Pullovern, Sportjacken und Hemden mit sogenanntem Schillerkragen.

Von seinen Mitschülern unterschied ihn nicht nur die sorbische und dörfliche Herkunft. Die Strittmatters gehörten zwar in Bohsdorf zu den Bessergestellten, im Vergleich zu den städtischen Bürgerfamilien, aus denen seine Klassenkameraden kamen, waren das aber bescheidene Verhältnisse. In einem seiner Lebensläufe erwähnt Erwin Strittmatter, er habe am Gymnasium eine Freistelle gehabt. Das bedeutet wohl, dass er sehr gute Zensuren bekam. Irgendwann muss ihm diese Vergünstigung entzogen worden sein, denn in späteren biographischen Angaben heißt es, er habe die Schule verlassen müssen, weil der Vater das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte.20

Doch erst einmal lebte sich der Dorfjunge in seinem Wanderleben zwischen Spremberg und Bohsdorf halbwegs ein. Er gewöhnte sich an den Zustand, weder da noch dort richtig zu Hause zu sein. Bei seinen Mitschülern verschaffte er sich allmählich Achtung, befreundete sich mit dem dicken Wapple, dem er immer vorsagen musste, und mit Wolfgang Haas, den Strittmatter im »Laden« später Wullo Kanin nennt und der viel Glück bei Mädchen und Frauen hatte. Etwa im Alter von sechzehn Jahren verließ er seine Pensionseltern in der Kellerwohnung der Mädchenschule und fuhr seitdem am Abend ins Dorf und am frühen Morgen zurück in die Stadt, jeweils 17  Kilometer, zunächst mit dem Fahrrad. Esau Matt im »Laden« entschließt sich zu diesem Schritt, weil er sich in ein Dienstmädchen vom Gutshof verliebt hat und weil er zum Freizeitleben seiner Klassenkameraden in der Stadt keinen wirklichen Zugang bekommt. Weder kann er Mitglied des Kanu-Klubs noch des Tennis-Klubs werden, noch mag er mit den anderen auf die Rennbahn gehen. Dafür wird es ihm wieder wichtig, ein »echter Bossdomer Bursche« zu sein und sich an den Vergnügungen der Dorfjugend zu beteiligen. Als sich sein Vater ein leichtes Motorrad kauft, nimmt Esau diese Maschine bald ganz für sich in Beschlag und verkürzt dadurch seine tägliche Fahrzeit erheblich.

Dieses Motorrad spielte unbestreitbar eine Rolle auch in Erwin Strittmatters Leben. Auf einem Foto aus dem Jahr 1929 sitzt er stolz lächelnd auf dem Sattel, mit Schiebermütze, Breeches und Lederstiefeln. In dieser Zeit wurde die Schule für ihn wohl eher zur Nebensache. Die Arbeiten auf dem Hof, die er verrichten musste, um den Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, die Tanzveranstaltungen in den umliegenden Dörfern, die es gemeinsam mit den Freunden zu besuchen galt, die Mädchen, die unbedingt auf dem Sozius mitfahren wollten, ließen ihm einfach zu wenig Zeit. Neben Mathematik bereitete offenbar das Fach Latein die größten Probleme. Das leidige Vokabellernen, so schrieb er später, habe er immer wieder verschoben. Wenn er sich vorgenommen hatte, am Abend zu lernen, dann seien meist seine Freunde gekommen, die Feierabend hatten, in der Nacht sei er über dem Buch eingeschlafen und habe sich am Morgen damit getröstet, er werde vor Schulbeginn noch ein wenig lernen, spätestens in der Pause vor der Lateinstunde. Schließlich habe er doch wieder eine schlechte Note bekommen.21

Anhand seiner Zeugnisse lässt sich das allmähliche Absinken der Leistungen des Gymnasiasten nachvollziehen. Das beginnt bereits 1925 in der Quinta. Seine Schwächen in Mathematik und in Französisch werden auch in den folgenden Jahren nicht geringer, während in anderen Fächern – Religion, Geschichte, Erdkunde – die Leistungen manchmal zwischen »genügend« und »sehr gut« schwanken, wobei das Betragen des Schülers durchgängig in allen Zeugnissen als vorbildlich bewertet wird. Am Ende der Untertertia und der Obertertia wird der Schüler nur noch aufgrund eines Beschlusses der Lehrerkonferenz in die nächste Klassenstufe versetzt. Der Schlusspunkt folgte in der Untersekunda. Schon das Zwischenzeugnis vom September 192922 war alarmierend schlecht: ein »mangelhaft« in Latein und Mathematik, ein »genügend« in Englisch, Französisch, Geschichte, Chemie und Musik. Das Zwischenzeugnis von Weihnachten 1929 fehlt ganz, und statt des Abschlusszeugnisses der Klassenstufe fertigten der Direktor Eichler und der Klassenleiter Klemm dem Schüler Strittmatter am 1. April 1930 ein Abgangszeugnis aus. In Latein ist er auf »nicht genügend« abgerutscht, die anderen Noten sind in etwa gleich geblieben. Darunter die Bemerkung: »Nicht versetzt laut Konferenzbeschluß vom 31. III. 30. Er verläßt die Anstalt, um Bäckermeister zu werden..

Das sieht nach einem Schulabbruch aus. Laut Auskünften von Erwins Bruder Heini habe der Postbote, vermutlich im Herbst 1929, einen »blauen Brief« in den Bohsdorfer Laden gebracht, der die Eltern wohl auf den Ernst der schulischen Lage ihres Sohnes hinwies. Aus Angst vor dem Zorn des Vaters habe Erwin den Brief abgefangen und ihn nur der Mutter gezeigt. Deren Unterschrift – so waren die Verhältnisse damals – erkannte die Schule jedoch nicht an. Vater Heinrich, der schließlich doch informiert werden musste, soll daraufhin getobt und seinen Sohn einen »Nichtsnutz« genannt haben.23

Im »Laden« beschreibt Strittmatter eine andere, sehr viel dramatischere Version des Schulabbruchs seines Helden. Im Zorn ohrfeigt Esau den Deutschlehrer Apfelkorn vor der Klasse, weil er sich von ihm gedemütigt fühlt, vor allem aber weil er glaubt, seine Banknachbarin Ilona Spadi, der seine schwärmerische Liebe gilt, habe sich von ihm ab- und diesem Apfelkorn zugewandt. Dichtung oder Wahrheit? Ist es denkbar, dass Schuldirektor und Klassenleiter diesen unerhörten Vorgang, wenn er sich so abgespielt hat, auf dem Abgangszeugnis mit keinem Wort erwähnten und dem rebellischen Burschen sogar ein »sehr gut« in Betragen bescheinigten? Strittmatters Bruder Heini allerdings soll sich noch im hohen Alter an diesen Tag im Herbst 1929 erinnert haben, als Erwin aus der Schule nach Hause kam und der Familie sehr gelassen von seiner Tat berichtete. Er habe gesagt, so Heini, er werde nie wieder einen Fuß in die Schule setzen. Auch Ehefrau Eva kannte die Ohrfeigen-Geschichte aus den Erzählungen ihres Mannes schon lange, bevor er den Roman niederschrieb.24

Bei dieser Version bleiben Fragen offen. Warum beschloss die Schulkonferenz erst am 31. März 1930, den Schüler Erwin Strittmatter nicht zu versetzen, wenn der seit einem halben Jahr nicht mehr am Unterricht teilgenommen und überdies einen Lehrer tätlich angegriffen hatte? Hatte es ein Arrangement zwischen Schulleitung und Eltern gegeben, um dem begabten Jungen die Zukunft nicht zu verbauen? Oder hatte Vater Heinrich seinen Sohn nach diesem Brief einfach von der Schule genommen, damit er seinen Eltern nicht länger auf der Tasche lag? Oder war die Ohrfeigen-Geschichte vielleicht keine späte literarische Erfindung, sondern eine Phantasie des jugendlichen Strittmatter, mit deren Hilfe er sein Schulversagen in einen triumphalen Abgang verwandelte? Hatte er sich diese Szene so oft ausgemalt, bis er schließlich selbst daran glaubte? In biographischen Berichten und Bemerkungen jedenfalls berief er sich noch als alter Mann nicht ohne Stolz auf diese Aktion, die seinem Leben eine ganz andere Wendung gegeben habe. So erklärte Strittmatter 1987 in einer Rede vor Professoren und Studenten der LPG-Hochschule Meißen, er habe seine Gymnasiastenzeit mit einem Aufsatzheft verkürzt, »das ich meinem Deutschlehrer um die Ohren schlug«.25 Anlass dieser Rede war übrigens die Verleihung der Ehrendoktorwürde – für den damals schon berühmten Autor ein später Triumph über sein frühes Scheitern.

Für und Wider in diesem Fall machen exemplarisch die Schwierigkeiten deutlich, in der Biographie Erwin ...

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