Logo weiterlesen.de
Erwachen

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1 Ankunft im Siebengebirge

2 Die Wanderung

3 Das Labyrinth

4 Gespräche

5 Was nehmt ihr mit?

6 Der Aufbruch

7 Die Visionssuche

8 Rückkehr

9 Die Geschichten

10 Die Schwitzhütte

Epilog

Prolog

Paula klickte sich durch die Webseiten und fand schließlich, was sie suchte. Aufmerksam las sie den Artikel:

„Visionssuche am Mittelrhein

Das Geheimnis und die Schönheit in einer Visionssuche durch Fasten, Alleinsein und Ausgeliefertsein in der Natur bestehen darin, dass das Beste in den Initianten zum Vorschein kommt. In der Leere und der Einsamkeit bleibt euch allein die Wahl, soweit zu gehen, wie ihr vermögt. Die Helden in euch kommen zum Vorschein und lassen euch Dinge vollbringen, die ihr selbst nicht für möglich gehalten hättet.

Nichts, was bei einer Visionssuche passiert, ist Zufall. Alles ist heilig. Mutter Natur spiegelt wieder, was in euch vorgeht. Sie hält einen Spiegel vor und es liegt an euch, den Mut zu haben, hineinzusehen und zu deuten, was euch gezeigt wird.

Die Kunst besteht darin, die Maske der Vergangenheit fallen zu lassen. Ihr werdet viele Gründe finden, sie festhalten zu wollen, doch wenn ihr sie schließlich loslasst, entdeckt ihr dahinter ein authentisches Gesicht – und eine Kraft, zu der ihr bis dahin keinen Zugang hattet.

Wir, Roberta White, Medizinfrau aus Kanada, und Klaus Lechner, Sozialpädagoge aus Koblenz, begleiten euch auf der Visionssuche: Sowohl Erwachsene, als auch Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren.

Zur Anmeldung zum Sommercamp für Jugendliche im Siebengebirge am Mittelrhein….“

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte nachdenklich auf den Bildschirm. Sollte sie es wagen? Noch einmal las sie die Anzeige und überflog die Angaben zu Zeit, Ort und allen anderen Formalitäten, die nötig waren. Sie konnte sich einfach nicht entscheiden, ob die Idee, daran teilzunehmen, völlig verrückt war oder vielleicht genau das, was sie jetzt brauchte. Am Ende siegte die Neugier und sie klickte auf „ANMELDUNG“.

1 Ankunft im Siebengebirge

Paula sah ihrer Mutter nach, die ihr aus dem alten verbeulten Golf noch einmal zuwinkte und davonfuhr. Dann lud sie sich den schweren Rucksack auf die Schultern. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend ging sie auf die Gruppe von acht Leuten zu, die neben einem großen Zelt stand. Sie kannte keinen von ihnen und fühlte sich plötzlich sehr einsam. Kurz schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, ihre Mutter anzurufen und sie zu bitten zurückzukommen. Nein, das ist albern! schalt sie sich. Schließlich war es ihre eigene Entscheidung gewesen hierherzukommen und sie würde das durchziehen. Außerdem hatte sie gar kein Handy bei sich, fiel ihr plötzlich ein, denn sie war ausdrücklich gebeten worden, ihr Handy zu Hause zu lassen. Zehn Tage ohne Handy und ohne Internet! Wie sollte sie das nur aushalten?! Sie fühlte sich jetzt schon wie amputiert.

Eine junge Frau mit kurzen rotblonden Haaren, die struppig nach allen Seiten abstanden, löste sich aus der Gruppe und kam lächelnd auf sie zu. „Hallo, du bist bestimmt Paula“, sagte sie und streckte ihr die Hand entgegen. Paula ergriff die Hand, erwiderte den festen Händedruck und nickte. „Schön, dass du da bist. Ich heiße Johanna. Du kommst genau richtig, wir wollen gerade anfangen.“ Sie gesellten sich zu den anderen, die im Kreis standen. Paula warf einen unsicheren Blick in die Runde. Die meisten sahen aus wie Jugendliche in ihrem Alter, siebzehn bis achtzehn, schätzte sie. Ein groß gewachsener Mann mit graumelierten, dichten Haaren, der ihr wegen des Altersunterschiedes sofort aufgefallen war, stellte sich gerade als Klaus vor. Ihr gegenüber stand eine Frau, die ihre dunklen Haare zu einem langen Zopf geflochten hatte. Das war sicher Roberta, die Medizinfrau aus Kanada. Vor allem wegen ihr war Paula hierher gekommen, denn es hatte sie auf Anhieb magisch angezogen, dass eine Schamanin aus Kanada die Visionssuche begleiten würde. Sie konnte gar nicht genau sagen, wieso. Vielleicht lag es daran, dass sie schon immer alles an Literatur über nordamerikanische Indianer verschlungen hatte, was ihr in die Hände gefallen war.

Paula betrachtete die Frau neugierig. Roberta trug Jeans, Mokassins und ein rotes T-Shirt, das gut zu ihrem dunklen Teint passte. Plötzlich trafen sich ihre Blicke. Mandelförmige, braune Augen sahen sie aufmerksam und freundlich an. Die Frau lächelte ihr zu und Paula erwiderte das Lächeln dankbar. Klaus sagte: „Da wir jetzt vollzählig sind, sollten wir es uns erst einmal am Feuer gemütlich machen. Lasst eure Sachen einfach hier liegen und kommt mit.“ Er lächelte in die Runde und wandte sich um. Daraufhin setzte sich die ganze Gruppe in Bewegung, doch keiner sprach ein Wort. Paula nahm das erleichtert zur Kenntnis, denn das bedeutete wohl, dass die anderen sich alle auch nicht kannten. Dann war sie auch sicher nicht die Einzige, die sich gerade einsam fühlte.

Sie gingen quer durch das Zeltlager. Es war später Nachmittag und die Sonne schien angenehm warm durch das lichte Blätterdach der Laubbäume, die den Zeltplatz hufeisenförmig umgrenzten. Klaus führte die Gruppe an einem großen Zelt vorbei, auf eine Wiese, in deren Mitte ein Lagerfeuer brannte. Ein junger Mann saß davor und legte gerade Holz nach. Als er die Gruppe kommen sah, stand er auf und kam ihnen lächelnd entgegen. „Hallo, sind jetzt alle angekommen?“, fragte er. Paula schätzte, dass er nicht viel älter war als sie selbst. Er war groß und schlank, hatte dunkles, kurz geschorenes Haar und einen Dreitagebart. Klaus nickte bestätigend: „Ja, wir können anfangen.“

Um das Feuer herum standen sechs niedrige Bänke, auf denen jeweils drei Leute bequem Platz hatten. Setzt euch“, forderte Roberta die Gruppe auf und ließ sich selbst neben Klaus nieder. Paula setzte sich auf die Bank gleich daneben und beobachtete, wie die anderen sich einen Platz suchten. Als Erstes fiel ihr Blick auf einen Punk, obwohl - eigentlich war er gar kein richtiger Punk. Seine Haare waren nicht gefärbt und er trug auch keinen Irokesen, aber sein Aussehen war ziemlich auffällig. Auf der einen Seite trug er die Haare schulterlang, auf der anderen waren sie kurz geschoren. Sie entdeckte drei Piercings: zwei an der linken Augenbraue und eins an der Unterlippe. An seinem rechten Ohr reihten sich ein Dutzend Kreolen aneinander. Sein kräftiger Oberkörper steckte in einem löchrigen T-Shirt, das eindeutig schon bessere Tage gesehen hatte. Und am rechten Oberarm entdeckte Paula ein Tattoo, konnte aber nicht erkennen, was es genau war, weil es vom Ärmel halb verdeckt wurde. Sie ließ ihre Blicke weiter wandern: schwarze Jeans, Nietengürtel, schwarze Turnschuhe. Als er bemerkte, dass sie ihn musterte, sah er Paula aufmerksam an. Er hatte ein schönes Gesicht, aber irgendetwas in seinen Augen war ihr unheimlich und ließ sie schnell wegblicken. Nun nahm neben ihr ein dünnes, blasses Mädchen Platz. Sie lächelte Paula mit schmalen Lippen schüchtern zu. Paula erwiderte es und fragte sich spontan, ob dieses zarte Mädchen wirklich drei Tage lang nichts essen sollte. Denn dafür waren sie doch alle gekommen: um drei Tage allein in der Natur zu fasten. Hallo, ich bin Isabelle“, stellte sich das Mädchen vor. „Hallo, ich heiße Paula.“ Isabelles schulterlange Haare waren knallrot gefärbt und der lange Pony verdeckte die linke Gesichtshälfte fast völlig. Sie verschränkte die Arme vor ihrem Körper, als wäre ihr kalt, was bei der angenehmen, sonnigen Wärme kaum möglich war. Paula spürte, dass sich Isabelle unter den fremden Menschen genauso einsam fühlte wie sie selbst. Mitfühlend fragte sie deshalb: „Kennst du hier jemanden?“ Isabelle schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Ich habe Klaus ein paar Mal bei uns im Jugendzentrum in Koblenz gesehen. Er leitet dort manchmal Workshops. Durch ihn habe ich auch von der Visionssuche erfahren. Aber dass ich ihn wirklich gut kenne, kann ich nicht behaupten.“ „Ich kenne hier auch niemanden“, antwortete Paula und fragte weiter: „Kommst du aus Koblenz?“ Isabelle nickte. „Und du?“ „Aus Idstein.“ „Wo ist das denn?“ „Kleine Stadt im Taunus. Nicht weit von hier.“ „Ist es schön da?“ Paula dachte an die kleinen Gassen mit den teilweise extrem schiefen Fachwerkhäuschen, die eine altertümliche Idylle ausstrahlten und einen krassen Gegensatz zu den modernen Geschäften und den zeitgemäß gekleideten Menschen bildeten, und entschied: „Ja, es ist eine nette, kleine Stadt. Und drum herum sieht es so ähnlich aus wie hier: hügelig, viel Wald.“

Paula sah sich weiter um. Auf die Bank links neben ihnen setzte sich das andere Mädchen. Paula hatte schon vorher durch einen Brief von Klaus erfahren, dass sie zu sechst auf Visionssuche gehen würden - drei Jungen und drei Mädchen. Paula versuchte sich vorzustellen, welches Bild sie mit den beiden Mädchen neben sich wohl abgeben mochte, als ihr bewusst wurde, wie unterschiedlich sie waren. Unwillkürlich musste sie grinsen, denn verschiedener hätten sie kaum sein können: Da war die blasse, zarte Isabelle, die, von den rot gefärbten Haaren abgesehen, eher unscheinbar, ja fast durchsichtig wirkte. Und sie selbst – wie sollte sie sich selbst beschreiben? Wie würden andere sie beschreiben? Sie blickte an sich herunter, registrierte die vertrauten Löcher in der Jeans und die halb durchgelaufenen Chucks. Blass war sie jedenfalls nicht, und auch nicht zart. Sie trieb viel Sport und bewegte sich hauptsächlich auf ihrem Skateboard fort. Ihr Körper war kräftig und gut durchtrainiert. Außerdem hatte sie den olivefarbenen Teint und die wilden dunklen Locken von ihrem Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Unauffällig wanderten ihre Augen nun nach links, auf die hellen, schicken Hosenbeine neben ihr, aus denen sportliche Lederschuhe hervorragten. Paula kannte sich mit Markenklamotten nicht aus, aber was das Mädchen neben ihr anhatte, sah teuer aus. Sie betrachtete das ebenmäßige, sorgfältig geschminkte Gesicht, die blauen Augen unter dunkelblau getuschten Wimpern. Statt eines Scheitels formten die glatten, blonden Haare eine perfekte Zickzacklinie. Das Mädchen sah zu Paula herüber. „Hallo, ich bin Paula“, sagte sie und lächelte verlegen, weil sie beim Beobachten ertappt worden war. „Ich bin Klara“, antwortete das blonde Mädchen ohne zu lächeln. Dann wandte sie ihren Blick wieder ab und musterte die übrigen Anwesenden eingehend. Paula bemerkte, dass Klaras Blicke jeden Einzelnen von oben bis unten abscannten. Ihre Mimik blieb dabei bewegungslos und undurchsichtig. Nur als sie den Punk betrachtete, schien in ihren Augen Missfallen aufzublitzen. Paula merkte, dass sie sich darüber ärgerte und fragte sich, was in Klaras Kopf wohl gerade vorging. Als sie erneut sich selbst herabblickte, entschied sie, dass sie lieber nicht erfahren wollte, was Klara über sie dachte.

Klaus und Roberta rissen sie aus ihren Gedanken. Sie stellten sich vor, hießen alle herzlich willkommen und erklärten ihnen den Ablauf der nächsten Tage. Die ersten drei Tage würden sie auf die Visionssuche vorbereitet werden, dann folgten drei Tage, die jeder von ihnen ganz auf sich allein gestellt außerhalb des Zeltlagers verbringen würde. Danach kamen drei Tage, die wieder alle gemeinsam im Zeltlager wären. „In dieser Zeit sollt ihr die Gelegenheit haben, in Ruhe zu verdauen, was ihr bei der Visionssuche erlebt habt“, schloss Klaus seine Erklärungen ab. Paula fragte sich, was ihr in den drei Tagen wohl passieren sollte, dass sie hinterher drei Tage brauchte, um das zu verdauen. Eigentlich konnte sie sich sowieso nicht vorstellen, drei Tage allein draußen zu zelten und zu fasten, ganz ohne jede Ablenkung, und vor allem, ohne mit irgendjemandem zu reden. So ein Wahnsinn! Wie hatte sie nur so blöd sein und sich auf so etwas einlassen können?!

Nun begann Roberta zu sprechen und Paula schob ihre trüben Gedanken ärgerlich beiseite. Oh doch, sie hatte einen guten Grund hier zu sein, ermahnte sie sich selbst. Roberta zuzuhören war spannend. Sie erzählte von ihrem Leben in Kanada, von ihrer Großmutter aus dem Volk der Cree, die das alte Wissen über traditionelle Medizin und Rituale an sie weitergegeben hatte, und dass es in ihrem Dorf üblich war, junge Leute auf Visionssuche zu schicken. „Auf diese Weise verabschieden sie sich bewusst von ihrer Kindheit, treten über die Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt und werden in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufgenommen.“ Das war der Teil an der Geschichte, der Paula gefiel. Denn sie wollte sich vor allem verabschieden, von dieser scheußlichen Zeit in ihrem Leben, die hinter ihr lag. Sie wollte sich von dem Schmerz in ihrem Herzen verabschieden und ein neues Leben anfangen. Deshalb war sie hier.

Roberta bat nun jeden Einzelnen, sich vorzustellen. Super, dachte Paula und widerstand mit Mühe dem Impuls aufzustehen und zu gehen. Sie hasste Vorstellungsrunden. Zum Glück begann Klaus auf seiner rechten Seite, sodass sie erst als Vorletzte an der Reihe sein würde. Das gab ihr immerhin Zeit, sich zu überlegen, was sie sagen sollte. Johanna, die junge Frau, die Paula bei ihrer Ankunft so freundlich in Empfang genommen hatte, sprach als Erste. Sie wohnte in München, hatte gerade eine Ausbildung als Erzieherin abgeschlossen, arbeitete an einer Schule mit behinderten Kindern und assistierte in den Ferien bei den Visionssuchen.Sie hatte eine helle, warme Stimme und Paula war die junge Frau auf Anhieb sympathisch. Neben Johanna saß der junge Mann, der das Feuer angezündet hatte. Er stellte sich als Thomas vor und erzählte, dass er selbst vor zwei Jahren an einer Visionssuche mit Klaus und Roberta teilgenommen hatte und ihnen seither assistierte, wenn es sein Geologie-Studium zuließ. Während er sprach, spielte er mit einem dünnen Zweig und ließ seine wachen, blauen Augen langsam und ruhig von einem zum anderen gleiten. Der Punk war als Nächster an der Reihe. Er war der Einzige, der allein auf einer Bank saß. Er wirkte genervt, als er zu sprechen begann: „Ich heiße Michael und komme aus Berlin.“ Es war ihm deutlich anzumerken, dass er nicht mehr sagen wollte. Klaus sah ihn erwartungsvoll an, aber Michael schwieg. „War’s das oder willst du den anderen erzählen, warum du hier bist?“, fragte Klaus. „Nein, will ich nicht. Das war’s“, antwortet er kurz angebunden. In seiner Stimme lag etwas Aggressives, aber Klaus hielt seinem Blick jedoch mühelos stand und meinte nur: „Okay.“

Dann nickte er dem nächsten Jungen zu, der sich die schulterlangen, dunkelblonden Haare aus dem Gesicht strich und mit ruhiger Stimme zu reden begann: „Ich bin Peter, 17 Jahre alt, wohne in Königstein in der Nähe von Frankfurt und komme in die 12. Klasse. Ich habe euch im Internet gefunden, als ich auf der Suche nach einer Ferienidee war. Eigentlich habe ich nichts Konkretes gesucht. Ich wollte einfach mal allein weg, ohne Eltern, irgendwas total anderes machen. Etwas nur für mich. Als ich eure Anzeige von der Visionssuche gesehen habe, dachte ich, das ist genau das, was ich jetzt brauche.“ Peter wirkte offen und selbstbewusst, ganz anders als Michael, der mit zusammengebissenen Zähnen mit einem dicken Ast in der Erde herumstocherte und eisern zu Boden starrte, als wolle er mit niemandem hier etwas zu tun haben. Der Junge, der neben Peter saß, blickte auch zu Boden und schien die Schnürsenkel an seinen Turnschuhen höchst interessant zu finden. Sein schmales Gesicht war von seinen welligen, braunen Haaren verdeckt und offenbar war er ziemlich schüchtern. „Ich heiße Stephan, bin 16 und hab gerade den Realschulabschluss gemacht. Hab aber keine Ahnung, wie es nach dem Sommer weitergeht. Es war die Idee von meinem Vater, dass ich hier mitmachen soll.“ Stephan hob nicht einmal den Kopf, während er sprach. Erst als Roberta ihm eine Frage stellte, blickte er auf. „Was erwartest du selbst von der Visionssuche?“, wollte sie wissen. Stephan zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“ Er machte eine Pause und fügte dann leise hinzu: „Vielleicht bekomme ich ja so etwas wie eine Vision. Ich hab gelesen, dass einem das passieren kann …“ Unsicher und fragend sah er Klaus an. Auf seiner blassen Haut erschien ein roter Schimmer. Es war ihm wohl peinlich, das zu sagen, dachte Paula, auch wenn niemand wagte, darüber zu lachen. Doch sie konnte verstehen, was Stephan meinte. Eine Vision haben, das klang, als hätte man zu viele Pillen geschluckt. Aber damit hatte es natürlich nichts zu tun. Paula hatte einiges darüber im Internet gelesen, bevor sie sich entschlossen hatte teilzunehmen. Drei Tage ganz allein auf sich gestellt, ohne Essen, ohne mit jemandem zu reden – da konnten im Kopf die abgefahrensten Sachen passieren. Sie hatte Berichte von Leuten gefunden, die tatsächlich so etwas wie Visionen erlebt hatten.

Als Nächstes stellte sich Klara vor und Paula wurde plötzlich bewusst, dass sie selbst gleich an der Reihe war. Ihr Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen. Sie hatte noch gar nicht überlegt, was sie sagen sollte. Unmöglich konnte sie die ganze lange Geschichte erzählen, die sie dazu bewogen hatte, hierher zu kommen. Sie wollte nicht von dem Liebeskummer erzählen, der seit Monaten ihr Leben vergiftete und aus dem es kein Entrinnen zu geben schien, der wie eine Decke aus Blei auf ihrem Leben lag. Oder von den permanenten Magenschmerzen und den besorgten Blicken ihrer Mutter. Eines Tages war sie aufgewacht und hatte beschlossen, dass sie es nicht mehr ertragen konnte. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder sprang sie aus dem Fenster und machte dem Elend ein Ende oder sie gab sich noch eine letzte Chance und suchte einen Weg, um ihr Leben zu ändern. Als hätte ihre Mutter ihre Gedanken gelesen, hatte sie ihr vor drei Wochen den Flyer von der Visionssuche auf den Tisch gelegt, den sie im Bioladen entdeckt hatte. Paula wollte ihn schon wegwerfen, weil sie dachte, dass es sich um eins dieser spirituellen Selbsterfahrungsseminare handelte, an denen ihre Mutter gelegentlich teilnahm und mit denen sie nichts zu tun haben wollte, aber als sie die Überschrift las, wurde sie doch aufmerksam und überflog den Text:

Visionssuche für Jugendliche

Drei Tage fasten in der Natur … eine Reise in die innere und äußere Einsamkeit … sich neu mit dem Leben verbinden … den Sinn des eigenen Daseins erkennen und seine ganz persönliche Lebensaufgabe finden … bewusst die Schwelle zum Erwachsenenleben überschreiten…Begleitet werdet ihr von Klaus Lechner, Sozialpädagoge aus Koblenz, und Roberta White, Schamanin und Medizinfrau aus Kanada.

Weitere Informationen: www.erwachen.com

Paula konnte sich gut an das Foto von Klaus und Roberta erinnern, auf dem sie Arm in Arm in die Kamera strahlten. Das Bild, das sich Paula anhand des Fotos von Klaus und Roberta gemacht hatte, passte zu den beiden, die nun neben ihr saßen. Offensichtlich waren sie ein Paar. Das war an der Art zu spüren, wie sie miteinander redeten, an der Art, wie sie sich ansahen. Paula konnte es regelrecht fühlen, dass die beiden zusammengehörten. Sie wünschte sich sehr, dieses Gefühl auch einmal zu erleben, und wieder fühlte sie sich sehr einsam.

Paula war so sehr in ihre Gedanken vertieft, dass sie gar nicht mitbekommen hatte, was Klara gesagt hatte. Erschrocken merkte sie, dass es plötzlich still geworden war und alle Blicke auf ihr ruhten. Alle außer der von Stephan, der immer noch seine Schnürsenkel fixierte. Erstaunt stellte sie fest, dass sogar Michael sie ernst und aufmerksam ansah, was sie noch mehr verunsicherte. Hilfesuchend wandte sie sich an Roberta, die ihr aufmunternd zunickte. Sie hielt sich an Robertas freundlichem Blick fest und sagte: „Ich bin Paula, 17 Jahre und kurz davor, die Oberstufe zu schmeißen. Ich glaub, ich pack das einfach nicht. – Na ja, ist gerade alles ziemlich durcheinander bei mir. Ich dachte, dass das vielleicht ein bisschen Ordnung in mein Hirn bringt, wenn ich mal drei Tage für mich allein bin.“ Das war nicht gelogen. In den letzten Monaten war es ihr so schlecht gegangen, dass sie in der Schule eine Arbeit nach der anderen in den Sand gesetzt hatte. Wenn das so weiterging, würde sie das Abi nie schaffen. Das brauchte sie aber, wenn sie Zoologin werden wollte.

Inzwischen hatte Isabelle begonnen, sich vorzustellen. Sie war gerade 16 geworden und damit die Jüngste in der Runde. In ihrer Familie gab es eine Menge Probleme und sie war ins Sommercamp gekommen, weil sie das einfach nicht mehr aushielt. Klaus hatte ihr empfohlen, an der Visionssuche teilzunehmen und nun hoffte sie, dass ihr das helfen würde, ihre Situation irgendwie zu verbessern. Aber wie das geschehen sollte, das wusste sie nicht. Man merkte ihr deutlich an, dass ihr das Sprechen vor der Gruppe unangenehm war, doch damit war sie ja nicht allein. Peter war eigentlich der Einzige, der vor der Gruppe so richtig selbstbewusst aufgetreten war. Auch Klaras ruhige Stimme hatte Paula noch im Ohr, aber sie konnte sich nicht daran erinnern, was sie gesagt hatte. Sie war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt gewesen. Dabei hätte Paula gern gewusst, warum Klara hierher gekommen war.

Nun ergriff Klaus das Wort: „Interessant zu hören, dass sich einige von euch aus dem Internet Informationen über Visionssuchen herausgesucht haben. Doch am besten solltet ihr alles vergessen, was ihr dazu gelesen habt. Denn eine Visionssuche ist eine sehr intime, persönliche Angelegenheit und keine gleicht einer anderen. Es ist eine Reise nach innen. Es gibt nichts, was dabei passieren sollte oder müsste. Was auch immer geschieht, hat seinen tiefen Sinn. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Ihr seid Kinder gewesen und nun seid ihr fast erwachsen. Für uns ist diese innere Reise ein Weg, sich bewusst von der Kindheit zu verabschieden und sich auf das Leben als Erwachsener vorzubereiten.“ Klaus machte eine Pause und ließ seinen Blick von einem zum anderen schweifen. „Es ist gut möglich, dass jemand erkennt, dass es noch zu früh ist für diesen Schritt, dass es noch zu früh ist, die Schwelle zu überschreiten. Auch das ist in Ordnung. Wie alt ihr seid, ob 16, 17 oder 20, spielt dabei gar keine Rolle. Ihr könnt hier keine Fehler machen. Was ihr hier macht, ist Erfahrungen sammeln. Hier gibt es kein Scheitern. Wer sich dafür entscheidet, die Visionssuche abzubrechen, hat erkannt, wo seine Grenzen sind, und eine wertvolle Entscheidung getroffen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.“ Klaus sah sich aufmerksam in der Runde um. „Hat jemand dazu Fragen?“ Niemand meldete sich.

Paula hatte eigentlich eine Menge Fragen, aber sie fühlte sich im Moment zu unwohl in ihrer Haut, um sie zu stellen. Als hätte Roberta ihre Gedanken gelesen, stand sie auf und meinte: „Ihr habt in den nächsten Tagen noch viel Zeit zu fragen. Wir zeigen euch jetzt erst einmal eure Unterkünfte. Es gibt fünf Schlafzelte, also werden sich immer zwei ein Zelt teilen. Wenn ihr euch eingerichtet habt, könnt ihr euch gern im Lager umsehen.“ Paula bemerkte, dass Isabelle sie unsicher ansah und etwas sagen wollte. Sie kam ihr zuvor: „Wollen wir uns ein Zelt teilen?“ Dankbar lächelte Isabelle sie an und nickte. Sie gingen zu ihren Rucksäcken, hoben sie auf und zogen in das Zelt neben dem großen Versammlungszelt ein. Direkt neben ihnen bezog Johanna zusammen mit Klara Quartier. Paula musste sich beim Hineingehen bücken, aber das Tipi war innen viel geräumiger, als sie vermutet hatte. Es roch nach Erde, Gras und dem Kunststoff der Zeltplane – und dazwischen mischte sich noch ein Geruch, der ihr vertraut vorkam, den sie aber nicht gleich zuordnen konnte. „Wonach riecht es hier denn?“, fragte Isabelle, die leicht ihre Nase kräuselte, als sei sie sich nicht sicher, ob sie den Geruch mochte oder nicht. Nun fiel Paula wieder ein, wonach es roch: „Jemand hat mit Salbei geräuchert.“ „Mit Salbei geräuchert?“ „Ja, meine Mutter macht das zu Hause auch gelegentlich. Soll die Energie reinigen.“ „Die Energie reinigen?“ Isabelle hatte offensichtlich noch nie davon gehört und starrte Paula verständnislos an. Paula seufzte und setzte zu einer Erklärung an: „Das ist so ein uralter Brauch zum Häuserreinigen.“ „Wir nehmen zum Reinigen Putzmittel, nicht Gewürze“, antwortete Isabelle schlagfertig und Paula musste lachen. Während sie noch nach Worten suchte, um das Ganze besser zu erklären, legte sie ihren Rucksack an die Zeltwand und rollte ihre Isomatte aus. „Kennst du das nicht, dass du dich an einem Ort unwohl fühlst, obwohl du nicht sagen kannst, woran es liegt? – Na ja, wenn ein Ort sozusagen schlechte Energie hat …“ Sie sah Isabelle prüfend an, ob sie ihr folgen konnte. Isabelle runzelte die Stirn, hörte aber aufmerksam zu. Paula fuhr fort: „Jedenfalls – wenn man trockene Salbeiblätter anzündet und den Qualm im Raum verteilt, soll das schlechte Energien vertreiben.“ „Aha, du meinst, so wie man auch Räucherstäbchen anzündet.“ „Genau! Nur dass Indianer in Nordamerika gerne Salbei benutzen, während Räucherstäbchen aus Asien kommen. Früher haben die Leute das in Europa auch mit Salbei gemacht.“ „Ach, echt?“ Isabelle war offensichtlich beeindruckt von Paulas Wissen über diese Dinge, aber Paula hatte keine Lust dazu, noch mehr zu erzählen.

Als sie ihre Sachen verstaut und ihren Schlafplatz hergerichtet hatten, fühlte Paula sich besser. Sie zeltete gern, denn das hatte etwas von wilder Romantik und Abenteuer. Isabelle war ihr sympathisch und sie war froh, dass sie mit ihr zusammen ein Zelt teilen konnte.

Als sie das Zelt wieder verließen, stach ihnen die tief stehende Abendsonne in die Augen, sodass sie im ersten Moment kaum etwas sehen konnten. Sie hörten Klara und Johanna im Zelt reden. Auf der anderen Seite kam gerade Roberta aus ihrem Zelt, das sie mit Klaus teilte. „Dürfen wir uns hier ein bisschen umsehen?“, fragte Paula. „Natürlich. In einer Stunde gibt es Abendessen. Solange könnt ihr euch die Zeit vertreiben, wie ihr wollt. Thomas ist im großen Zelt und bereitet das Essen vor. Er freut sich sicher über ein paar helfende Hände, wenn ihr dazu Lust habt“, antwortete Roberta und lächelte.

Paula half eigentlich gern beim Kochen, aber zuerst wollte sie die neue Umgebung erkunden. Das Zeltlager befand sich auf einem der zahlreichen Hügel, hufeisenförmig umringt von Laubwald. Sie hatte schon die Herfahrt genossen, die sie auf schmalen, kurvigen Straßen durch eine dicht bewaldete ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Erwachen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen