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Erstma' machen!

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»Fragen über Fragen, die Ralf quälen, während er auf dem Weg ist, eine große Chance zu nutzen – oder sie zu verspielen. Und sie quälen ihn so lange, bis ihm klar wird, dass es schon ein Privileg ist, überhaupt so weit gekommen zu sein. Dass er stolz auf sich sein kann, weil er den Mumm hatte, den gewählten Weg einzuschlagen, um seinen Traum zu verwirklichen. Ein Ziel ohne Plan ist und bleibt ein Wunsch. Doch das hier ist für Ralf mehr als ein Wunsch. Das hier wird gleich konkret. Was kann er schon verlieren? Nichts! Außer vielleicht das Geld und die Zeit für den Flug. Aber: Was kann er gewinnen? Alles! Und: Er will ja nicht die Hauptrolle im nächsten für einen Oscar nominierten Film, sondern einfach nur spielen. Erstma’ nur mitmachen.

Als Ralf vor dem Gebäude steht, in dem Cannon Films residiert, kann er ganz weit hinten immer noch das Hollywood Sign sehen. Schaut er zur einen Seite, sieht er den La Cienega Park, auf der anderen Seite diverse Konsulate, hauptsächlich südamerikanische, tolle Gebäude. Etwas weiter blinkt ihm ein goldenes McDonald’s-M entgegen. Das alles kann man jetzt ausgiebig betrachten oder man macht es wie Ralf, atmet ein letztes Mal tief ein, checkt nochmal schnell, ob das Deo gehalten hat, und betritt das Gebäude durch eine Drehtür. Dabei schaltet er das Gehirn aus und seinen Instinkt ein.«

ERSTMA’ TREFFEN

»Wenn dir das Leben Zitronen beschert, dann solltest du Limonade machen und jemanden finden, dem das Leben Wodka beschert hat, um zusammen eine Party feiern zu können.«

Ron White,Stand-up-Comedian

W as weiß ich eigentlich über Ralf Moeller?

Dezember 2019 in Nordrhein-Westfalen. Warmer Nieselregen rinnt an den Scheiben des ICE herunter, den ich in Köln bestiegen habe, um mich in Düsseldorf mit Ralf Moeller zu treffen. Der Zug macht auf Höhe Leverkusen einen ungeplanten Halt, weil irgendein Stellwerk nicht funktioniert, wie man uns über die Bordbeschallung mitteilt. Gladiator, klar. Bodybuilder, klar. Mr. Universum, klar. Karriere als Schauspieler in Hollywood, klar. Bester Freund von Arnold Schwarzenegger, klar.

Aber gibt es da etwas Persönliches? Haben wir uns irgendwo schon mal getroffen? Bei einer TV-Aufzeichnung? Bei einer Premiere? Ich denke hart nach und komme zu dem Schluss, dass wir uns noch nie Auge in Auge gegenübergestanden oder -gesessen haben.

Seit wann weiß ich, dass es Ralf Moeller gibt? Ich erinnere mich dunkel an einen Tatort. Wann war das nochmal?

Über die Bordbeschallung im ICE teilt man uns mit, dass man uns mitteilen würde, wenn es etwas mitzuteilen gäbe.

Ich sinke tiefer in meinen Sitz und denke nach. Dann fällt mir ein, dass wir ja 2019 haben und ich ein iPhone besitze. Ich googele mich durch und finde den alten Sonntagskrimi. Genau, es war der 1. Mai 1988. Ich erinnere mich an den Tag. Wettertechnisch war er eher nicht besonders. Sonne und Regen im Wechsel, zu kühl für ein T-Shirt. Abends: Tatort. Mit Schimanski. Da standen wir damals drauf. Mitten im Film erscheint ein Apfel essender Hüne und poliert Schimmi die Fresse.

»Ralf Moeller«, sagte meine Mutter.

»Was?«, fragte ich.

»Ralf Moeller!«, sagte sie erneut.

Es stellte sich heraus, dass sie mit Ralf Moeller den Apfelesser meinte, der gerade zugeschlagen hatte.

»Der war vor zwei Jahren Mr. Universum«, sagte sie.

Woher wusste meine Mutter so etwas?

»Aha«, erwiderte ich desinteressiert. »Ist das nicht Arnold Schwarzenegger?« Das sich daran anschließende Gespräch endete mit ein paar echten Erkenntnissen. Erstens: Man ist nicht ein Leben lang Mr. Universum, sondern es handelt sich um einen Wettbewerb mit einem jährlichen Sieger. Moeller war damals Sieger aller Klassen, sozusagen der bestgebaute und stärkste Mann der Welt. Zweitens: Ich sollte, statt Bier zu trinken und Kippen zu konsumieren, vielleicht auch mal etwas trainieren und mehr Äpfel essen. Drittens: aus der Zeitung! Aus den Punkten eins bis drei ergab sich in der Woche darauf tatsächlich Punkt vier: Ich begann, Äpfel zu essen. Einen Apfel am Tag. Also hat – genau genommen – Ralf Moeller meinem Körper eine ständige Vitaminzufuhr gesichert.

Ich muss lachen, als ich lese, dass der Tatort »Gebrochene Blüten« hieß, und frage mich: Soll ich ihm das gleich erzählen? Findet er so etwas lustig? Hat er einen Sinn dafür? Kann er sich bei seiner Filmografie überhaupt noch an diese Minirolle erinnern? Will er ein richtiges Gespräch oder ist das für ihn einfach ein Business-Date? Kommt er eine Stunde zu spät, telefoniert weiter mit einem Agenten, gibt mir die Hand, lächelt einmal und haut dann direkt wieder ab? Vielleicht wird auch vorher noch ein Foto geknipst, er geht und ich muss seine Getränke zahlen. Oder er kann mich gar nicht leiden und macht auf dem Absatz kehrt, wenn er mich nur sieht. Ein schneller Check: Was habe ich an? Beruhigt atme ich aus. Alles im Rahmen. Ich stecke mir eine Zigarette zwischen die Lippen, kurz darauf kommt eine Durchsage. Wir würden jetzt wohl gleich weiterfahren, die Geschichte mit dem Stellwerk hätte sich erledigt.

Mein Date mit Ralf Moeller ist auf 11.00 Uhr terminiert und findet im La Casa del Habano in Düsseldorf statt. Das liegt zu Fuß etwa 300 Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Die Fahrt mit dem Taxi kostet 17 Euro, wenn man sich nicht auskennt und dem Fahrer dummerweise sagt, man käme aus Köln.

Es riecht nach frischem Zigarrenrauch und Kaffee, für die Gäste stehen Ledersofas im Chesterfieldstil bereit. Ich sitze als Einziger da und so hat Ralf gar keine andere Wahl, als direkt auf mich zuzukommen. Er ist groß, wirkt in seiner Jeans und der blauen Trainingsjacke aber einfach nur gut trainiert, nicht wie ein Koloss. Er sieht mich an, lächelt und stellt sich höflich vor: »Hallo Tankred, ich bin Ralf. Herzlich willkommen, ich hoffe du musstest nicht warten.« Er macht das auf Augenhöhe, nicht floskelig amerikanisch, sondern eher offen und freundlich, so wie Elvis Presley, der in Interviews seinen Gesprächspartner immer mit »Sir« anredete. Wir sind ungefähr 30 Sekunden im selben Raum und schon verstehe ich, warum jeder, den man nach Ralf Moeller fragt, sagt, der sei ein feiner Kerl.

Wir geben uns die Hand. Dabei verfällt er nicht in diese Attitüde, die ich von den Bodybuildern aus meinem Heimatdorf kenne. Die zerquetschen einem fast die Hand, und wenn du gegendrückst, um den Schmerz aushalten zu können, legen sie nochmal nach. Ralfs Händedruck ist fest, aber nicht hart, seine Hand trocken und gepflegt. Heimlich schiele ich an mir herunter, um zu prüfen, wie meine Fingernägel aussehen, und bin beruhigt.

Ralf kennt den Besitzer des La Casa del Habano persönlich. Er erkundigt sich nach dessen Familie, lobt vor mir die Fähigkeiten des Mannes als Barista und bestellt uns zweimal Flat White, dazu eine Flasche Wasser. Dann führt er mich in den begehbaren Humidor, wo ich mich nicht entblöde zu fragen, ob denn die Zigarre in seinem Mund nicht nur Staffage für Fotos sei. Er lacht und sagt, er rauche wirklich gerne Havannas. Zielsicher greift Ralf in ein Regal, reicht mir eine Romeo y Julieta – etwas für Einsteiger – und nimmt sich selbst eine Cohiba. Zurück am Tisch schneidet er die Zigarren an, gibt uns Feuer und lehnt sich zurück. »So, jetzt machen wir also ein Buch!«

Unser Treffen ist ein Kennenlerntermin, der Verlag hat ihn organisiert. Wir sollen schauen, ob wir miteinander klarkommen. Herausfinden, ob Ralf bereit ist, mir Geschichten zu erzählen, mich in sein Leben eintauchen zu lassen, und ob ich das will. Ich habe schon Bücher und Drehbücher mit anderen zusammen geschrieben, aber noch nie ein Ghostwriting gemacht. Doch ich bin mir bereits nach ein paar Minuten sicher: Ich finde mein Gegenüber so sympathisch, dass ich zusagen werde. Bleibt nur noch die Frage: Will er mich auch?

In unserem Buch soll es darum gehen, wie Ralf Moeller, einstmals Schwimmmeister in Recklinghausen, zum Hollywoodstar wurde. Der Titel: Erstma’ machen. Was das für ihn bedeutet, will ich wissen.

Er überlegt nicht lange und legt los: »Schau mal, es ist doch so: Wenn du nicht anfängst, wenn du nicht erstmal machst, kannst du auch nicht zu einem Erfolg kommen. Ob ich mich mit 16 aufgemacht habe, um in Hollywood zu landen? Nein! Absolut nicht. Aber wenn man mich gefragt hätte, ob mir das gefallen würde, hätte ich natürlich Ja gesagt. Was weiß man schon, wo man im Endeffekt ankommt? Und ob das dort ist, wo man eigentlich hinwollte. Das Leben funktioniert ja nicht wie bei der Deutschen Bahn, wo du in Köln ein- und in Düsseldorf aussteigst.«

Hier unterbreche ich und merke an, dass das auch nur funktionieren würde, wenn in Leverkusen kein Stellwerk kaputt sei. Ralf schaut mich fragend an. Ich erzähle ihm die ganze Geschichte, auch das mit dem Apfel, und er gratuliert mir lachend zur täglichen Vitaminaufnahme.

Und dann holt er weiter aus: »Ich glaube nicht, dass jeder Mensch in der Lage ist, sein Ziel zu definieren. Er glaubt allerdings, es zu tun. Und das bringt ihn dazu, etwas zu beginnen. Ob das dann dort endet, wo er es sich vorgestellt hat, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich will damit nicht nur sagen, dass der Weg das Ziel ist – auch wenn das natürlich stimmt. Wer vor lauter Zielorientierung den Weg nicht zu schätzen weiß, der verschenkt jede Menge gute Zeit. Wenn du 40 Jahre lang malochst und dich währenddessen nur auf deine Rente freust, machst du etwas nicht richtig. Dann wirst du dich irgendwann fragen, wo die ganze Zeit geblieben ist und ob du nicht etwas hättest besser machen können, sprich, den Weg genießen. Wer morgens nicht lächelnd aufsteht, geht meistens abends mürrisch zu Bett. Und wenn ich morgens schon denke, was für ein Scheißtag mir bevorsteht, kann ich mir auch immer vorstellen, wie er noch viel übler aussehen könnte – und dann ist alles wieder okay. Ich komme nicht aus einem Slum, aber aus einem Arbeiterviertel. Natürlich träumt man da als kleiner Junge von Geld. Von Erfolg, von Porsches, Harleys und einer großen Villa und – wie alle Jungs aus Recklinghausen – davon, ein Filmstar zu werden.«

Als er das mit den Jungs aus Recklinghausen sagt, lacht er. Und ich muss mitlachen.

»Ich war Schwimmer. Schon früh habe ich zu den Besseren gehört, aber nur regional, nicht bundesweit. Ich war größer als die anderen, brauchte deshalb mehr Kraft und entsprechend mehr Muskeln. Das hat mich irgendwann zum Bodybuilding gebracht. Und das stellte sich als meine Berufung heraus. Mir wurde irgendwann klar, dass ich einmal genauso erfolgreich sein wollte wie Arnold Schwarzenegger, der in jeder Illustrierten zu sehen war. War ich neidisch? Nein. Nur so viel, dass es mich anspornte. Wollte ich Mr. Universum werden? Ja. Definitiv. Und falls ich damals schon wusste, dass ich gerne nach Hollywood wollte, war mir das zumindest zu dem Zeitpunkt nicht klar. Kann sein, dass es noch nicht im Gehirn angekommen war, aber schon irgendwo im Rückenmark saß, was weiß ich. Was ich aber wusste: Wenn du nicht anfängst, wenn du deinen Allerwertesten nicht hochbekommst, dann wird das gar nichts. Dann wäre ich heute noch im Hallenbad Süd in Recklinghausen und würde aufpassen, dass die Halbstarken keine Kopfsprünge vom Beckenrand machen. Nicht falsch verstehen, ich habe den Beruf des Schwimmmeisters sehr gerne erlernt, er ist immerhin der einzige Beruf mit drei Ms (hier lacht Ralf). Und wenn ich überall gescheitert wäre, würde ich heute versuchen, der weißen Hose ihre Würde zu bewahren. Aber ich hatte, um es konträr zu den Worten des großen Fußballers Jürgen ›Kobra‹ Wegmann zu sagen, erst kein Pech und dann kam auch noch viel Glück dazu. Letzteres wäre aber nicht möglich gewesen, hätte ich mich nicht immer wieder aufgemacht, nach dem Glück zu suchen.«

Wir reden sehr lange über sehr viel. Unser geplant einstündiges Sondierungstreffen dauert fast fünf Stunden, in denen mir klar wird, dass Ralf ein sehr guter Motivator mit erzählenswerten Geschichten ist – fernab von seiner Rolle als Hagen in Gladiator, die ihn seinerzeit auf der ganzen Welt noch bekannter machte, als er es schon war.

Sehr überrascht bin ich, als Ralf sagt, er hätte bereits Sachen von mir gesehen und gelesen. Und dass er sich gefragt hätte, ob die Leser, wenn sie dann bald seine Geschichten von mir getextet lesen, nicht denken würden, er könne das auf keinen Fall geschrieben haben. Und deshalb stellt er mir jetzt die Frage, ob es mir recht wäre, wenn wir es so machen: Er erzählt und ich bringe – wie ein Biograf – diese Geschichten zu Papier. Aus meiner Sicht. Und so kommen wir darauf, wie dieses Buch entstehen soll.

Bevor wir uns verabschieden, tauschen wir Nummern und Adressen aus, machen Selfies zusammen, posten sie und Ralf schenkt mir noch eine Zigarre für unterwegs. Für die Fahrt nach Hause kaufe ich mir im Bahnhof dann einen Apfel, halte meine Zigarre fest und habe gute Laune. Problemlos fahren wir dieses Mal an Leverkusen vorbei.

ERSTMA’ MACHEN

»Und wenn es keinen Weg gibt, machen wir uns einen!«

Hannibal, Feldherr aus Karthago

E in Ruf. Ein Schrei. Tausende Stimmen ersterben. Totenstille. Mitten im Kolosseum liegt etwas Großes auf dem Boden und wimmert. Es ist ungefähr 1,96 Meter groß, um die 130 Kilogramm schwer und stammt aus Recklinghausen.

Das passiert nicht im echten Kolosseum in Rom, sondern in einer Filmkulisse auf Malta. Nur ein paar Kilometer von den Mediterranean Film Studios in Kalkara entfernt, befindet sich Fort Ricasoli, über Jahrhunderte eine militärische Anlage. Hier stehen die gigantischen Bauten, die in Gladiator zu sehen waren. Das Fort liegt schräg gegenüber von Valletta – ein guter Schwimmer könnte eigentlich von dort hinschwimmen – und es ist rot und gelb. So wie ein Bluterguss, der langsam verschwindet und in ein bis zwei Tagen nicht mehr zu sehen sein wird. Es handelt sich dabei um eine alte Festung, in der die Öffnungen aussehen wie Zyklopenaugen, die dich böse angucken. Eine tolle Kulisse, die seit vielen Jahren immer wieder genutzt wird.

Alles wirkt echt. Insgesamt hat man 7.000 Komparsen aufgeboten, in der Postproduktion werden daraus dreimal so viele. Aber nicht nur im Großen, auch im Detail ist alles erstaunlich überzeugend. In einer Ecke vor einer Säule, hinter der man Graham Chapman vermuten könnte, der einem als Brian gerne ein paar Otternasen verkaufen möchte, hocken zwei Kinder. Ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen weint. Die beiden klammern sich aneinander, es scheint ihnen nicht gut zu gehen. Eine Frau kommt angerannt. Sie reibt dem Mädchen eine Creme unter die Augen und dem Jungen eine Art Paste ins Haar.

Die Kinder sind Komparsen.

Die Frau ist Maskenbildnerin.

Die Luft ist staubig. Es liegt ein Flimmern in der heißen Luft, alles verschwimmt vor den Augen. So als ob man gerade ordentlich eins auf die Birne bekommen hätte.

Der Mann, der sich jetzt in voller Größe aufbaut, ist kein Geringerer als Ridley Scott.

Der Regisseur von Gladiator.

Er ist hier the man.

Was er sagt, ist Gesetz.

Eine Kampfszene soll gedreht werden.

Ralf ist vorbereitet.

Noch jetzt, fast 20 Jahre später, kann er – wie im Schlaf – eine Rollenbeschreibung abgeben. Er erinnert sich genau an die Szene.

»Ich bin Hagen, ein Barbar aus Germanien, der an Proximo, einen wohlhabenden Sklavenhalter, verkauft wurde. Da ich ein talentierter Kämpfer bin, hat mich Proximo dazu auserwählt, die Kampfkraft jedes neuen Sklaven zu testen. Ich habe mich mit dem numidischen Stammesangehörigen Juba und dem ehemaligen römischen General Maximus Decimus Meridius angefreundet. Gleich werden wir die Schlacht von Karthago nachspielen und ich werde Maximus helfen, eine Anti-Kavallerie-Formation gegen die Streitwagen der ›Scipio-Africanus‹-Mannschaft aufzustellen. Doch ich werde durch den Pfeil eines Wagenlenkers am Oberschenkel verwundet und Maximus rettet mich davor, von einem entgegenkommenden Streitwagen überfahren zu werden.

Daraufhin schließe ich mich seiner Gladiatorenarmee an, die die Gladiatorenschule des Proximus gegenüber Kaiser Commodus verteidigen soll, und werde schließlich in einem Pfeilhagel getötet.«

Ralf kennt seine Moves. Er weiß, wer er ist, er weiß, was er darstellen soll. Die Crew hat schon einige Tage in England gedreht und danach in Marokko, aber heute ist seine erste richtig große Szene. Heute kommt es darauf an. Ralfs Mund ist trocken, seine Zunge fühlt sich an, als ob man sie mit Salz und Zitrone abgeschmirgelt, dann aber den Tequila vergessen hätte. Er bekommt sein Zeichen und rennt los. Und dann liegt er auch schon im Sand und spürt wahnsinnige Schmerzen in der Wade. Er würde gerne schreien, aber er traut sich nicht. Er möchte aufstehen, aber er kann nicht. Sein Bein tut weh. Er hat einen Krampf.

Wie ein Kindergartenkind, das dabei ertappt wurde, wie es etwas aus der Süßigkeitenschublade genommen hat, weil es direkt davor mit der Beute ausgerutscht und auf die Schnauze gefallen ist – so fühlt sich Ralf. Meine Güte, ist das peinlich. Mr. Universum soll hier einen harten Gladiator spielen und liegt auf dem Boden wie ein Schildkrötenbaby auf dem Rücken.

Ridley Scott kommt auf ihn zu und Ralf kann nicht mal aufstehen.

Scheiße, Scheiße, Scheiße!

Mitten in der Kulisse von Gladiator, vor all den Komparsen, vor Ridley Scott, der jede Einstellung behandelt wie ein Gemälde, der jedes Detail wahrnimmt, und – fast noch schlimmer – direkt neben Russell Crowe, einem der besten Schauspieler der Welt, im Sand liegend, fragt er sich:

Moeller, was machst du eigentlich hier?

Wer bist du eigentlich?

Was bist du eigentlich?

Hätte Mr. Universum nicht auch gereicht?

Universal Soldier hatte doch auch was?

Haben 22 Folgen Conan keinen Spaß gemacht?

Warum hast du eigentlich Recklinghausen gegen Los Angeles tauschen müssen?

War Schwimmmeister nicht auch irgendwie gut?

Ralf erzählt: »Im Herbst 1999 war ich bei DreamWorks eingeladen. Die Firma, die Steven Spielberg mitgegründet hatte, wollte mich für ein größeres Projekt casten, ich war hier, um mich persönlich vorzustellen. Das ist, als wenn ein Fußballspieler von Jogi Löw bei einem Anruf gesagt bekommt: ›Junge, schau doch mal vorbei, vielleicht hätten wir für dich ein Plätzchen.‹ Das sagt man nicht ab.

In L. A. sind sowieso alle schön, alle groß, alle genial. Die Besten stehen dort Schlange. Um überhaupt als Schauspieler Fuß zu fassen, half es mir natürlich, dass ich 1986 den Titel Mr. Universum gewonnen hatte. Außerdem hatte ich ja schon Erfahrungen sammeln können, unter anderem mit der Conan-Serie, die immerhin in über 80 Länder verkauft worden war.

Ich hatte richtig Bock darauf, in einem Spielberg-Film mitzuspielen. Spielberg. Ein Wort von ihm und du bist so schnell weg, wie du gekommen bist, und ein anderer nimmt deinen Platz ein. Bei 200.000 bis 300.000 arbeitslosen Schauspielern in den USA muss man sowieso erstmal sehen, wie man positiv auffällt und seine Qualitäten ins rechte Licht rückt. Ich wusste, dass ich nicht als größter Schauspieler aller Zeiten gefragt war, sondern weil ich ich war! Und das machte mich schon auch stolz. Ich denke, das Casting lief ganz gut, obwohl ich mich nicht wirklich an Details erinnern kann. Traurig eigentlich.

Aber so ist es doch oft. Wenn etwas nicht so toll funktioniert, erinnerst du dich an jede Sekunde. Anders, wenn etwas nicht klappt. Dann musst du hinterher echt überlegen, wie es genau war, damit du es nicht gleich wieder vergisst.

Vielleicht weil man unter Strom steht, alles gut und richtig machen will? Das ist so ähnlich wie mit Geschichten, die man selbst zum Besten gibt. Man behält nach dem Erzählen nicht die Urversion im Kopf, sondern die jeweils letzte. Dabei entwickeln sich die Geschichten dramaturgisch ja immer weiter und werden immer besser. Wenn zum Beispiel im Original Ralf Moeller mit einem Schnapsglas einfach ins Stolpern geraten und in eine Pfütze getreten ist, dann hört man Jahre später, Tom Hanks sei mit einer Flasche Bier in den Pool gefallen, und noch ein paar Jahre später, George Clooney sei mit einer Magnumflasche Champagner mit dem Jeep von einer Brücke gestürzt. Und so wird die Geschichte weitergetragen, bis man irgendwann ein Bild von der Originalszene sieht und sich fragt: Hä? Wann war denn das?

Neulich hat mir ein Freund eine richtig gute Story erzählt, bei der ich seinerzeit selbst dabei war. Ich war mir sicher, er nicht …

Oder auch Geschichten, die auf Partys kursieren. Hört man sie zum ersten Mal am Abend, klingen sie oft hölzern und sind eigentlich langweilig. Im Lauf der Zeit trinkt der Erzähler ein wenig, und wenn du ihn zwei Stunden später wiedertriffst und er seine Geschichte nochmal erzählt, ist sie richtig lustig. Doch wenn er dir dann nach Mitternacht die Geschichte zum dritten Mal und mit drei Promille erzählt, kannst du froh sein, sie schon zu kennen, denn sonst würdest du nicht verstehen, worum es geht.

Was wollte ich sagen? Richtig, man nahm mich bei DreamWorks! Und ich wusste, meine größte Herausforderung würde sein, mit so erfahrenen Schauspielern wie Russell Crowe, Oliver Reed, Derek Jacobi oder Richard Harris zusammenzuarbeiten. Und mit dem Mann, der zum Regisseur bestimmt wurde: Ridley Scott.

Ridley kümmerte sich vom ersten Tag an um alle. Damit auch die Schauspieler, die erst später eingesetzt wurden, ein Feeling für den Film entwickeln konnten, fand beispielsweise das Training für die Gladiatorenkämpfe in England statt, parallel wurde schon gedreht. Und wer konnte und wollte, war jederzeit nicht nur eingeladen, sondern quasi aufgefordert, ans Set zu kommen und sich in die Filmwelt hineinzufinden.

Von Anfang an ans Herz gewachsen war mir Djimon Hounsou, ein beninisch-amerikanischer Schauspieler. Nach seiner Karriere als Fotomodell war er Anfang der 1990er-Jahre über die Arbeit als Tänzer zum Schauspielberuf gelangt. Er wurde in Frankreich von Steven Spielberg für den Film Amistad (mit Anthony Hopkins, Morgan Freeman und Matthew McConaughey) gecastet und mit diesem Film auch gleich für den Golden Globe nominiert. In Gladiator spielte er Juba, einen numidischen Stammesangehörigen, der von Sklavenhändlern aus seiner Heimat und Familie verschleppt wurde, dann Maximus’ engster Verbündeter und Freund wird und ihn dazu inspiriert, Commodus zum Wohle der Allgemeinheit zu stürzen. Für mich war er mein Setbuddy! Ob im Hotel, im Wohnwagen oder beim Dreh – wo sich der eine von uns gerade aufhielt, war der andere nicht weit.

Gemeinsam sahen wir bei einem Dreh mit Richard Harris und Russell Crowe zu. Es ging darum, dass Marcus Aurelius, der alte und weise Kaiser von Rom, seinen geliebten Sohn Maximus zu seinem Nachfolger ernennen wollte mit dem Ziel, Rom wieder in eine republikanische Regierungsform zu überführen. Maximus sträubt sich zunächst, gibt dann aber nach – eine lange und intensive Szene. Interessant fand ich vor allem: Das Zelt, in dem sie spielte, stand fast auf einem Parkplatz und wir sahen von draußen zu. Trotzdem schafften es die beiden Schauspieler, Djimon und mich komplett in ihren Bann zu ziehen. Da waren zwei Meister am Werk, von denen man nur lernen konnte. Selbst als Russell einen Texthänger hatte, grinste er nur kurz, setzte sich, sammelte sich, stand wieder auf und machte genau da weiter, wo er zuvor unterbrochen hatte. Er hatte genau im Kopf, wie man die einzelnen Teile später zusammenschneiden konnte. Dazu kam, dass die beiden in verschiedenen Einstellungen in der Lage waren, die Szene immer wieder gleich, aber in anderen Variationen zu spielen. Eine grandiose Vorstellung – genau darum war es Ridley Scott sicherlich gegangen: Wir sollten uns von den beiden inspirieren lassen.

Ob das hingehauen hat?

Bei mir auf jeden Fall.

War ich heiß auf meine Rolle?

Jetzt erst richtig.

War ich froh, mich dafür entschieden zu haben, in eine Schauspielkarriere einzusteigen?

Unbedingt!

Aber etwas Neues anzufangen, bedeutet ja nicht zwangsweise, mit dem Bisherigen unzufrieden zu sein. Man kann einfach Bock darauf haben. Und solange ich nicht weiß, wie das ist, weiß ich doch auch nicht, wie ich es finde?!

Also ist mein Motto von jeher: »Erstmal machen!«

Ist das abenteuerlustig oder dumm?

Eine einfache Frage: Du gehst auf eine Party. Alleine. Und siehst dort eine Traumfrau. Die steht natürlich nicht isoliert da, sondern wird belagert von der Hälfte aller anwesenden Männer. Was machst du? Versuchst du dein Glück? Oder resignierst du schon vor dem Versuch? Klar, man könnte sich lächerlich machen. Aber selbst das liegt doch im Auge des Betrachters. Die einen, die sich selbst nicht trauen, würden vielleicht verstohlen, feige und leise lachen, wenn du scheiterst. Die anderen aber würden denken: Wow! Schön ist er nicht, aber Mumm hat er wenigstens.

Was hättest du verloren? Nichts.

Du bist alleine gekommen und würdest alleine gehen.

Aber: Es könnte doch auch klappen!

Diese Gedanken entstammen einem Gespräch, das ich mit einem guten Freund auf einer Party führte. Ich war verheiratet, er war Single. Er fasste sich ein Herz, ging auf die Dame zu, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte, und versuchte, ihren Blick auf sich zu ziehen. Dabei stolperte er, fiel, lag am Boden – und zwar zu Füßen einer anderen Frau, die ihm erst auf die Beine, dann an die Bar, später nach Hause und ein Jahr danach vor den Altar half! Heute bin ich Single und er ist verheiratet.

Hat er bekommen, was er wollte?

Im engeren Sinne: nein!

Im eigentlichen Sinne: ja!

Und warum hat er es bekommen? Weil er erstmal gemacht hat!

Das anvisierte Ziel muss nicht dem erreichten entsprechen.

Manche wollen nach Kiel, bleiben aber in Hamburg.

Manche wollen eine Pizza und bestellen Pasta.

Muss man wissen, was man will? Oder reicht es, einem Gefühl nachzugeben?

Stellt euch mal die Frage, was der Bildhauer macht.

Sieht er ein Werk, das er freilegen muss?

Oder inspiriert ihn ein Rohling?

Das Ziel kann auf dem Weg liegen, es kann aber auch der Weg selbst sein. Und mit diesem Satz gebe ich mir direkt den ersten Klischeepunkt in diesem Buch. Schlimm? Nee, ich finde nicht. Denn was bedeutet Klischee? Doch eigentlich nur, dass es viele Menschen betrifft. Was ich euch sagen will, ist:

Erstmal machen!

Traut eurem Gefühl!

Kniet euch rein!

Gebt nicht zu schnell auf!

Glaubt an euch und verlasst euch nicht nur auf andere!

Was nicht heißen soll, dass ihr euch keinen Plan machen oder nicht darüber nachdenken solltet, was ihr wie tun wollt, wenn ihr etwas beginnt. Den Kopf einzuschalten, bevor man die Beine in Gang setzt, kann auf keinen Fall schaden.

Und damit kehre ich zurück nach Malta zu meiner Krampfszene: Wenn jemand weiß, dass man genug trinken muss, um nicht zu dehydrieren, dann sind es wir Bodybuilder. Also habe ich mir – außer darüber, dass die Situation peinlich war – natürlich Gedanken gemacht. Moeller, hättest du nicht einfach etwas mehr trinken können? Dann hättest du keinen Krampf bekommen, dann würdest du jetzt nicht so erbärmlich hier herumliegen.

Um es kurz zu machen: Man hat sich ganz liebevoll um mich gekümmert. Russell hat mir hochgeholfen, Ridley hat mir etwas zu trinken bringen lassen und Djimon hat mir den Krampf aus der Wade gedrückt.

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