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Eroberung um Mitternacht

1. KAPITEL

Nach jeder Ebbe kommt irgendwann wieder die Flut, oder nicht?

Emma Purcell blendete das Dröhnen der Flugzeugmotoren aus und hing ihren Gedanken nach. Im Moment hielt sie sich geschäftlich gerade noch so über Wasser. Allerdings müsste sich bald etwas ändern, sonst würde „Safe Haven“ untergehen, jetzt, wo Frank Kean auch noch eine höhere Miete forderte. Entweder sie fand schnell einen Rettungsring, oder …

Emma unterdrückte die negativen Gedanken und seufzte. Seit sie das Anwaltsbüro verlassen hatte, fielen ihr alle möglichen Ausdrücke ein, die mit Wasser zu tun hatten, und das, obwohl sie das Meer gar nicht mochte.

Dabei wollte sie sich doch eigentlich von der Trauer über den vorzeitigen Tod ihres Cousins Wayne ablenken. Genauso wie von den finanziellen Sorgen, die sie sich wegen ihres geliebten Tierheims mit dem passenden Namen „Safe Haven“ – „Sicherer Hafen“ – machte.

Nun gut, es gab eine alles entscheidende Frage, mit der sie sich ablenken konnte: Warum nur, um Himmels willen, hatte Wayne ihr, seiner Cousine, einer eingeschworenen Landratte, ausgerechnet ein Boot hinterlassen?

Vielleicht kann ich es verkaufen, überlegte sie, während der Pilot die Passagiere auf den Mount St. Helens rechter Hand aufmerksam machte. Von dem Erlös könnte sie sich möglicherweise einige Monate über Wasser halten, mit etwas Glück auch länger. Mit sehr viel Glück würde sogar noch ein Besuch beim Friseur dabei herausspringen.

Zuerst musste sie Waynes Wunsch erfüllen und sich persönlich um die „Pretty Lady“ kümmern. Darum hatte er sie ausdrücklich in einem reichlich rätselhaften Brief gebeten, den sie – ziemlich unheimlich – drei Tage nach seinem Tod erhalten hatte. Diesen Gefallen schuldete sie ihm jedenfalls.

Emma wehrte sich gegen die Traurigkeit, die sie zu überwältigen drohte, und blickte beim Anflug auf den „SeaTac Airport“ aus dem Fenster. Schön war es hier an der nordwestlichen Pazifikküste, das musste sie zugeben. Bisher war sie noch nie in diesem Teil des Landes gewesen. Sie fragte sich jetzt, weshalb eigentlich nicht. Sicher, sie mochte das Meer nicht, doch vom Flugzeug aus wirkte der Puget Sound eher wie ein riesiger ruhiger See mit Inseln und unterschiedlich großen Halbinseln.

Schon als Kind hatte ihr das Meer mit seiner endlosen Weite Angst gemacht, und dabei war es geblieben. Das war zwar albern, doch Emma konnte nichts daran ändern. Was sie unter sich sah, vermittelte jedoch einen ganz anderen Eindruck. Es lag nicht nur daran, dass die gewaltigen Brecher fehlten, sondern das Ufer war nie außer Sicht, und das beruhigte die Seele einer Landratte.

Es wird schon nicht so schlimm werden, sagte sie sich, als sie wenig später die Papiere für einen kleinen Leihwagen unterschrieb. Vielleicht wurde aus ihrem Aufenthalt sogar so etwas wie ein Urlaub.

Der junge Mann von der Leihwagenfirma erklärte ihr lächelnd, es wäre ganz einfach, ihr Ziel zu finden. Er nannte ihr die Straße und die Abfahrt, die sie nehmen musste. Und dann würde eine Fähre sie über den Meeresarm bis in die Nähe der Anlegestelle bringen, die sie suchte.

Fähre? Meeresarm?

Prompt sah Emma den Styx vor sich, jenen Fluss aus der griechischen Sagenwelt, der zum Reich der Toten führte, und bekam Panik. Entschieden verdrängte sie dieses Bild und starrte auf die Landkarte, auf der der nette Angestellte die Fahrtstrecke einzeichnete.

Sobald sie wieder im Freien war, rief sie über Handy Sheila, ihre unermüdliche Helferin im „Safe Haven“, an.

„Ich bin sicher gelandet“, meldete Emma. „Wie läuft es bei dir?“

„Gut. Die Behörden halte ich noch hin, und Mrs. Santinis Sohn hat Corky abgeholt.“

„Sie kehrt nach Hause zurück?“

„Ja, morgen“, bestätigte Sheila fröhlich. „Er wollte, dass Corky dann schon da ist und sie begrüßt.“

Emma freute sich darüber, dass die reizende ältere Dame und ihr geliebter Terrier endlich wieder zusammen sein konnten. Das entschädigte sie für die viele Arbeit und die Mühe, die es machte, Geld und Sachspenden von Fremden zu erbitten. „Safe Haven“ nahm Tiere auf, wenn sich deren Besitzer wegen Krankheit oder aus anderen Gründen nicht um sie kümmern konnten.

„Ich melde mich heute Abend wieder bei dir“, versprach Emma.

„Wage es ja nicht“, entgegnete Sheila streng. „Du machst zum ersten Mal seit zwei Jahren Urlaub.“

„Aber …“

„Willst du mich beleidigen, liebste Freundin? Möchtest du vielleicht andeuten, ich könnte das Tierheim ohne dich nicht führen?“

Sheila tat nur, als wäre sie empört, das wusste Emma. Und sie wusste auch, dass ihre Freundin durchaus allein zurechtkam. Darum versprach sie, sich nur im Notfall zu melden, und verabschiedete sich.

Während der Fahrt versuchte Emma, sich abzulenken. Besonders aufmerksam achtete sie auf die Umgebung, weil sie herausfinden wollte, was Wayne daran gefunden hatte. Immerhin war er sehr lange von zu Hause weg gewesen.

Allerdings hatte Wayne auch kein richtiges Zuhause gehabt. Gerade nach seinem Tod schmerzte sie diese Tatsache. Die Grausamkeit seiner Familie hatte ihn schon vor langer Zeit vertrieben, und nun ließ sich dieser Graben nicht mehr überbrücken. Dabei hatte sie sich sehr bemüht und oft zu vermitteln versucht. Es war ihr jedoch nicht gelungen, zwischen Wayne und seiner Familie auch nur eine lose Verbindung herzustellen. Nicht einmal ihre Eltern hatten etwas dazu beigetragen.

Ist nicht mehr wichtig, sagte sie sich, bevor sie zornig werden konnte. Wayne war tot und daher keine Schande mehr für seine verknöcherten und selbstgerechten Eltern.

Emma biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzuhalten. Nein, sie wollte nicht mehr daran denken. Als der Schmerz in der Lippe sie nicht genügend ablenkte, erinnerte sie sich daran, dass sie bald mit diesem winzigen Wagen auf ein Schiff fahren musste, das sie aufs Meer hinaustragen würde. Nun ja, nicht wirklich aufs offene Meer, aber es reichte ihr auch so.

Diese Vorstellung half endlich und beschäftigte sie, bis sie die beeindruckend große grün und weiß gestreifte Washington-State-Fähre erreichte. Das Schiff war so groß, dass es eigentlich unsinnig war, Angst zu haben. Und die anderen Passagiere wirkten völlig entspannt und unterhielten sich fröhlich, während sie nach oben gingen, um etwas zu essen oder zu trinken.

Trinken ist gar keine schlechte Idee, dachte Emma und sehnte sich ausnahmsweise nach Alkohol. Einen Imbiss konnte sie keinesfalls einnehmen. Schließlich wollte sie überschüssige zwanzig Pfund loswerden, die sie in der letzten Zeit angesetzt hatte.

Als das Schiff ablegte, hielt Emma dann doch einen Muffin in der Hand und verspürte sogar Appetit. Dafür verzichtete sie darauf, sich mit Alkohol zu betäuben.

Vielleicht war es auf dem Wasser ja doch nicht so schlimm, wie sie immer befürchtet hatte.

Alle hatten ihm erklärt, es würde lange dauern. Niemand hatte jedoch erwähnt, wie lange.

Energisch polierte Harlan McClaren die Chromteile der „Seahawk“, obwohl bereits alles blitzte und blinkte. Er arbeitete so konzentriert, als hätte er eine schwierige Aufgabe und keine Routinetätigkeit in Angriff genommen. Er rieb, als ginge es um sein Leben, und wusste, dass es zumindest um seinen klaren Verstand ging.

Dabei war ihm klar, dass er hinterher völlig erschöpft sein würde. Auch das störte ihn gewaltig. Schon nach den einfachsten Arbeiten war er wie erschlagen. Dabei war er gerade erst neununddreißig geworden, fühlte sich aber im Moment wie siebzig. Manchmal kam es ihm so vor, als würde er sich unter Wasser bewegen, als würde die Luft sich seinen Bewegungen entgegensetzen.

Allerdings war die Erschöpfung auch von Vorteil, weil er dann nicht allzu viel nachdenken konnte. Wenn er nur müde genug war, schlief er manchmal sogar traumlos oder erinnerte sich hinterher wenigstens nicht an seine Träume.

Seine Schulter begann zu schmerzen und erinnerte ihn an die schlimmen Gründe, die ihn hierher geführt hatten. Anstatt die Arbeit einzustellen, die den Schmerz verstärkte, und kalte Umschläge zu machen, wie ihm der Therapeut geraten hatte, machte er weiter. Das hätte niemanden überrascht, der ihn kannte, schon gar nicht Josh, den Eigentümer der „Seahawk“, der ihn zur Erholung mit genauen Anweisungen auf das Schiff geschickt hatte.

„Mach ausnahmsweise einmal in deinem Leben etwas Vernünftiges und Sicheres, Mac“, hatte Joshua Redstone gesagt, der ihn besonders gut kannte.

Das Knarren des Landungsstegs riss Harlan aus seinen Gedanken. Jemand näherte sich ihm. Weil Harlan im Moment keine Lust hatte, sich mit einem Besucher zu unterhalten, wollte er sich schon in die Kabine zurückziehen. Dann warf er allerdings doch einen Blick auf die Planken, die zur Pier führten, und runzelte die Stirn.

Eine Frau klammerte sich am Geländer fest, als würde sie in höchster Lebensgefahr schweben. Zwar trug sie nicht wie manche Frauen Schuhe mit albern hohen Absätzen oder dicken Plateausohlen, ging aber genauso – mit winzigen Schritten, als fürchtete sie, die Planken könnten jeden Moment unter ihr brechen und sie ins kalte Wasser reißen.

Sobald sie die Pier erreicht hatte, arbeitete Harlan weiter, weil er nicht damit rechnete, dass sie bis zur „Seahawk“ am Ende der Pier kommen würde. Die Schritte näherten sich jedoch, und sie blieb ganz in seiner Nähe stehen. In der spiegelblanken Chrom-Fläche sah er von der Frau nur ein Zerrbild und erkannte lediglich, dass sie kurzes hellblondes Haar hatte.

Harlan hielt den Atem an. Er erwartete niemanden und war außerdem hier, weil er nicht mit Menschen zusammentreffen wollte. Seit seiner Ankunft war kein einziger Besucher bei ihm aufgetaucht, und dabei sollte es bleiben.

Erstaunt stellte er fest, dass die Frau an der „Seahawk“ und den beiden leeren Liegeplätzen vorbei zum nächsten Boot ging, zur „Pretty Lady“ am Ende des Steges.

Der Besitzer dieses Bootes war tot.

Jetzt sah Harlan der Frau nach, die ihm einen flüchtigen Blick zuwarf und schneller ging. Damit zeigte sie ziemlich deutlich, was sie von seinem derzeitigen Aussehen hielt.

Merkwürdig. Die Frauen, die bisher zur „Pretty Lady“ gekommen waren, hatten alles andere als wählerisch gewirkt. Andererseits war diese hier auch nicht wie die üblichen Besucherinnen. Sie war viel zu elegant und wirkte zu beherrscht.

Vielleicht war sie eine Anwältin, die das Boot begutachten sollte, das mit jedem Tag mehr verfiel. Doch das ging ihn nichts an, und darum wandte er sich energisch ab und putzte weiter, wo es gar nichts mehr zu putzen gab. Es interessierte ihn nicht, wieso auf einmal jemand bei der alten Schaluppe aufkreuzte.

Doch das Gesicht der Frau ging ihm nicht aus dem Kopf, und er stellte verspätet die Verbindung zu dem verstorbenen Besitzer der „Pretty Lady“ her. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Sie musste die Cousine sein, das einzige Familienmitglied, von dem Wayne Purcell oft freundlich und ohne Zorn oder Hass gesprochen hatte.

Harlan überlegte, ob er ihr sein Beileid aussprechen sollte. Er und Wayne waren nicht eng befreundet gewesen, hatten jedoch gelegentlich ein Bier zusammen getrunken. Bei diesen Gelegenheiten hatte er festgestellt, dass Wayne nur schwer ein Ende beim Trinken finden konnte.

Harlan rührte sich nicht von der Stelle. Es war ihm einfach unmöglich, sich einer Fremden, noch dazu einer attraktiven Frau, zu nähern und sich ihr gegenüber nett und mitfühlend zu geben.

Aus dem Augenwinkel verfolgte er, wie sie die Stufen zu dem Segelboot hinaufstieg und sich dabei an der Reling festklammerte. An Bord näherte sie sich schließlich vorsichtig der Kabine und blieb unschlüssig vor der Lukenöffnung stehen. Auf Booten kannte sie sich eindeutig nicht aus, erkannte er. Wahrscheinlich fürchtete sie sich sogar.

Geht mich nichts an, sagte Harlan sich und polierte weiter. Nein, es ging ihn wirklich nichts an. Das redete er sich so lange ein, bis er sich selbst überzeugt hatte.

Dann hörte er ein lautes Poltern und einen Schrei.

Emma fand, es grenzte an ein Wunder, dass sie sich kein Bein oder etwas anderes gebrochen hatte. Allerdings schmerzten ihre Hüfte und die Ellbogen, als sie sich vorsichtig aufsetzte und sich abstützen wollte.

Gerade als sie sich etwas beruhigt hatte, hörte sie von oben ein Geräusch, und das Boot neigte sich leicht zur Seite. Jemand war an Bord gekommen. Bevor sie aufstehen konnte, blockierte ein Mann die Luke.

Ganz ruhig bleiben, befahl sie sich. Schließlich war sie nicht in der Großstadt und hatte daher keinen Grund zur Angst.

„Alles in Ordnung?“ fragte der Mann, und er klang nicht im Geringsten bedrohlich, sondern eher müde. Sehr müde sogar. Und es hörte sich an, als wäre er am liebsten nicht hier.

Kein Wunder. Wahrscheinlich war er ein erfahrener Seemann, der keine Lust hatte, sich um eine Landratte zu kümmern. Als sie nicht gleich antwortete, kam er in die Kabine herunter. Nun erkannte Emma ihn. Es war der Mann, den sie vorhin auf dem schnittigen teuren Motorboot gesehen hatte. Bei seinem Anblick war sie schneller gegangen, und nun war er hier und sah sie in dieser peinlichen Situation.

„Schon gut, alles in Ordnung“, versicherte sie hastig und hob abwehrend die Hände, als er die Stufen herunterkam.

Im Licht, das von oben hereinfiel, sah sie ihn genauer. Er war viel zu mager. Deckschuhe, Jeans und Hemd wirkten neu. Das dichte zerzauste Haar wies von der Sonne gebleichte helle Strähnen auf. Trotzdem war der Mann blass, und seine Augen lagen tief in den Höhlen, als wäre er krank.

Dieses hagere Aussehen fand man auch bei Leuten, die Mittel einnahmen, die jedes Hungergefühl unterdrückten, schoss es Emma durch den Kopf. Das machte sie misstrauisch, obwohl sie mit solchen Menschen bisher keine Erfahrung hatte. Doch im südlichen Kalifornien stieß man immer wieder auf sie. Außerdem musterte er sie fast zurückhaltend mit seinen grünen Augen.

„Ganz sicher nichts passiert?“ vergewisserte er sich, und auch das klang, als wollte er nichts mit ihr zu tun haben.

„Ganz sicher“, erklärte sie. „Ich war nur nicht darauf eingestellt, dass die Treppe so steil ist. Das ist alles.“

Daraufhin setzte er sich auf eine der Stufen, als wäre er völlig erschöpft. „Sie waren noch nie auf einem Segelboot?“

Emma wurde verlegen, doch er betrachtete sie nicht spöttisch. „Auf gar keinem Boot“, gestand sie. Während er sie eingehend musterte, stand sie langsam auf und stellte erleichtert fest, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.

„Sie sind Emma, nicht wahr?“

„Woher wissen Sie das?“ fragte sie verblüfft.

„Wayne hat über Sie gesprochen, und Sie sehen ihm ähnlich“, meinte er. „Die gleichen Augen, die gleiche Nase.“

Erneut wurde sie verlegen. Mit den blauen Augen war sie zufrieden, doch die Stupsnase empfand sie als Fluch. Frech, niedlich und putzig hatte man sie deshalb stets genannt, und sie hatte es immer gehasst. Wayne hatte seine Stupsnase ebenfalls gehasst und behauptet, für ihn wäre sie noch viel schlimmer. Ein Mädchen mit einer Stupsnase sah wirklich frech, niedlich und putzig aus. Ein Junge dagegen wurde deswegen nur gehänselt.

„Sie haben Wayne gekannt?“ erkundigte sie sich.

Der Mann nickte. „Flüchtig. Es ließ sich nicht vermeiden. Schließlich liegen die Boote dicht nebeneinander, und ich bin ständig hier.“

In dem Moment fiel ihr wieder Waynes Brief ein, der in ihrer Reisetasche steckte, jener Brief, der sie erst nach dem Tod des Schreibers erreicht hatte.

Falls du etwas brauchst, wende dich an McClaren, hatte Wayne geschrieben. Er treibt sich ständig an der Pier herum und wohnt auf der Yacht von einem reichen Kerl, aber ich glaube, du kannst ihm vertrauen.

Das Boot, das sie vorhin gesehen hatte, gehörte mit Sicherheit einem reichen Kerl, und dieser Mann hier sah wie ein Herumtreiber aus. Welcher reiche Mann vertraute so einer Type sein Schiff an?

Vorhin hatte er gearbeitet, vermutlich um sich für die Hilfe des Schiffseigners zu revanchieren. Trotzdem gefiel ihr sein Aussehen nicht. Darum wollte sie ihn so schnell wie möglich loswerden und ihm in Zukunft aus dem Weg gehen.

„Sind Sie allein hergekommen?“ fragte er. „Wayne hat erzählt, dass seine Eltern noch leben.“

Emma zögerte mit der Antwort, weil es diesen Fremden eigentlich nichts anging. Andererseits hatte sie nicht viel für die voreingenommenen Eltern ihres geliebten Cousins übrig. „Er existierte für sie schon lange nicht mehr“, entgegnete sie.

„Ja, das erklärt natürlich einiges“, stellte er fest.

Das hörte sich an, als hätte dieser Mann Wayne doch recht gut gekannt. Und das wiederum bedeutete, dass er ihr Auskunft geben konnte. Darum sollte sie sich mit ihm gut stellen. „Was hat Wayne eigentlich die ganze Zeit gemacht? Ich wusste nicht einmal, dass er hier war.“

Es war nicht zu übersehen, wie der Mann sich innerlich zurückzog. Seine Miene wirkte plötzlich verschlossen. „Keine Ahnung“, erwiderte er, doch Emma wurde das Gefühl nicht los, dass er log. Sie hatte keine Ahnung, warum er das tat oder wieso es ihr so vorkam.

„Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?“ fragte sie hastig, als er sich schon abwenden und wieder nach oben steigen wollte.

Ohne sie anzusehen, blieb er stehen, antwortete aber erst nach langem Zögern. „Eine Stunde vor seinem Tod.“

2. KAPITEL

Harlan trat möglichst rasch den Rückzug an, während Emma ihm nachstarrte. Er fürchtete, dass ihm wegen seiner Antwort nun eine Menge Fragen bevorstanden, und wusste selber nicht, warum er ehrlich Auskunft gegeben hatte. Wahrscheinlich hing es damit zusammen, dass Emma Purcell ziemlich verzweifelt geklungen hatte, und dagegen war er nicht mehr immun. Vor gar nicht langer Zeit war er schließlich selbst verzweifelt gewesen. Mit ihren großen blauen Augen hat es jedenfalls nichts zu tun gehabt, versicherte er sich.

Der Albtraum meldete sich wieder, der Albtraum von dem feuchten kalten Keller, den Fesseln und der Angst vor Schritten auf der Treppe, die neue Qualen ankündigten. Harlan wehrte sich dagegen und konzentrierte sich ganz auf die hübsche Frau auf der „Pretty Lady“.

Er war froh, dass sie ihn nicht zurückgehalten hatte. Jetzt ging er rasch zur „Seahawk“, bevor Emma ihm folgen konnte. Auf dem Schiff konnte er sich verstecken und musste sich nicht melden, falls sie zu ihm kommen sollte, auch wenn ihm diese Vorstellung erbärmlich erschien.

Auf der „Seahawk“ sperrte er hinter sich die Tür des Hauptraums ab und eilte die Stufen zu seiner Kabine hinunter. Erst als er sich auf die Pritsche sinken ließ, merkte er, dass er heftig atmete und Herzklopfen hatte. Er zitterte sogar leicht.

Harlan stützte seinen Kopf in die Hände. Er hatte gedacht, seit dem Ende dieses Albtraums Fortschritte gemacht zu haben und bald von hier weggehen zu können. Doch wenn ihn schon eine Unterhaltung von fünf Minuten mit einer Fremden dermaßen mitnahm, hatte er noch einen weiten Weg vor sich.

Er hatte gemerkt, dass Emma mit ihm reden wollte, um mehr über die letzten Tage im Leben ihres Cousins zu erfahren. Darum war er geflohen, bevor sie ihn mit Fragen überhäufen konnte.

Sobald er sich besser fühlte, stand er auf und verließ die kleine Kabine. Josh hatte ihm zwar erlaubt, die Kajüte des Schiffseigners zu benutzen, doch das wollte er nicht. Im Arbeitsraum war sein Computer aufgebaut. Seine persönlichen Angelegenheiten waren durch seine lange Abwesenheit etwas in Unordnung geraten. Vielleicht würde es ihn beruhigen, wenn er sich mit diesen Problemen herumschlug. Zumindest war er gezwungen, sich darauf zu konzentrieren.

Wenn er Glück hatte, würden ihn die Pläne und Winkelzüge, die er entwerfen musste, um lukrative Wracks aufzustöbern, fesseln, und er konnte sich für einige Stunden in der Tätigkeit verlieren. Dieses Spiel faszinierte ihn, seit er es sich finanziell leisten konnte, doch es war inzwischen wesentlich gefährlicher als zu Anfang.

Harlan wusste genau, dass ihn die Leute im Yachthafen für einen Herumtreiber hielten, der einen reichen Freund ausnutzte. Und vermutlich nahmen sie auch an, dass er den Computer nur hatte, um damit zu spielen oder Schlimmeres zu machen. Es war ihm viel zu mühsam, dieses Bild zu korrigieren, und er war zu müde, um sich aus der Meinung anderer etwas zu machen.

Seltsam. Vorhin bei der Flucht vor Emma Purcell hatte er ganz anders gedacht.

Emma war in ihrem ganzen Leben noch nie so verlegen gewesen, und sie hatte auch noch nie einen Mann dermaßen schnell in die Flucht geschlagen. Zumindest konnte sie sich nicht daran erinnern. Mit Männern hatte sie eben kein Glück. Das gestand sie sich selbst ein.

Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass sie sich bei dem Sturz nur blaue Flecken und keine ernsthaften Verletzungen zugezogen hatte, untersuchte sie ihre Kleidung. Dabei seufzte sie. Das Pech mit den Männern hatte weniger mit ihrem Aussehen als mit ihrer schlechten Menschenkenntnis zu tun. Sie war nicht gerade eine Schönheit, aber auch nicht abstoßend.

Wie der Mann von dem großen Schiff über sie dachte, war nicht klar. Sie hatte deutlich gemerkt, dass er nicht gern zu ihr gekommen war. Und sobald er sich davon überzeugt hatte, dass sie nicht verletzt war, hatte er gar nicht schnell genug den Rückzug antreten können.

Sie hatte ihn auch gar nicht bei sich haben wollen. Das geradezu wilde Flackern in seinen Augen machte ihr Angst, und darum dachte sie jetzt auch nicht gern an ihn. Allerdings war er ihr zu Hilfe gekommen. Er war recht freundlich gewesen, und er hatte über Wayne gesprochen.

Wegen der peinlichen Situation hatte sie bisher kaum über die schockierenden letzten Worte des Mannes nachgedacht. Doch jetzt setzte sie sich an den verschrammten Esstisch im Salon, der wenigstens einigermaßen sauber wirkte, und stützte ihre Ellenbogen darauf ab.

Wayne hatte über sie gesprochen. Es schmerzte sie, ihren Cousin für immer verloren zu haben. Dazu kam, dass Wayne laut Polizei in diesem dunklen Wasser ertrunken war, vor dem sie sich so fürchtete.

McClaren war an dem bewussten Abend mit ihm zusammen gewesen. Oder er hatte Wayne zumindest noch lebend gesehen, vielleicht als letzter Mensch überhaupt.

Vielleicht war dieser Mann aber gar nicht McClaren, der Mann, von dem Wayne geschrieben hatte. Die Beschreibung, er sei ein Herumtreiber im Yachthafen, passte jedoch auf ihn. Er hatte ihren Namen gekannt, und darum hatte sie ihn nicht nach seinem gefragt. Vermutlich stimmte es, und er war McClaren.

Eine Stunde vor Waynes Tod, hatte er gesagt.

Nach Angaben der Polizei war Wayne stark angetrunken gewesen. Er hatte sogar erschreckend viel Alkohol im Körper gehabt. Das konnte sie sich bei Wayne eigentlich nicht vorstellen. Gut, er hatte schon mit Alkohol und Zigaretten angefangen, als sie beide noch Jugendliche waren, doch er hatte sich stets beherrscht.

Als sie damals ihren Verlobten in einer intimen Situation mit einer seiner Mitarbeiterinnen ertappt hatte, hatte Wayne sie sogar davor gewarnt, Trost bei der Flasche zu suchen. Auf die Idee wäre sie ohnehin nicht gekommen, weil ihr das Zeug nicht schmeckte, doch sie war trotzdem von Waynes Fürsorge gerührt gewesen.

Hatte ihr Cousin sich nicht an seine eigenen Ratschläge gehalten und selbst Trost bei der Flasche gesucht? Hatte die Ablehnung durch seine Familie letztlich Wirkung gezeigt? Hatte er …

Schlagartig fiel ihr etwas anderes ein.

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