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Eroberung mit Hindernissen

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1. KAPITEL

Molly Devaney brauchte dringend einen weißen Ritter.

Sie sah keine andere Möglichkeit, ihre Probleme zu lösen.

In den vergangenen zwei Wochen hatte sie kaum schlafen können. Immer wieder hatte sie über das nachdenken müssen, was ihr passiert war und darüber, wie sie die Dinge wieder in Ordnung bringen konnte.

Fünfzehn Tage und fünfzehn höllische Nächte hatte es gedauert, bis sie einsah, dass sie Hilfe brauchte, und zwar rasch. Es gab nur einen Mann, der sie retten konnte. Und das war der Mann, der ihr schon immer geholfen hatte.

Er war ihr strahlender Held, seit sie drei und er sechs Jahre alt gewesen waren, seit die verwaisten Geschwister Molly und Kate in die Villa seiner reichen und unglaublich netten Familie eingezogen waren.

Julian John Gage.

Okay. Dieser Typ war kein Heiliger. Er war sogar durch und durch ein Frauenheld. Er bekam jede Frau, die er wollte zu jedem Zeitpunkt, der ihm passte und wann immer ihm danach war. Und dieser Blödmann wusste das genau. Das bedeutete, dass er es bei allen versuchte.

Was sie hin und wieder mächtig wurmte.

Julian John Gage stellte den Frauen nach, war Marketingchef bei der Zeitung San Antonio Daily, eine Plage für seine Mutter und Mollys bester Freund. Er war sogar der Grund dafür, dass Molly bisher keine feste Beziehung eingegangen war. Außerdem der einzige Mensch, der ihr sagen würde, wie sie seinen sturen, nervenden älteren Bruder verführen konnte.

Das Problem war nur, dass der Zeitpunkt, ihn in ihre Pläne einzuweihen, nicht gut gewählt war. Es war nicht besonders schlau, am Sonntagmorgen in seine Wohnung zu platzen. Aber sie wollte keine Zeit verlieren. Julians Bruder Garrett musste endlich einsehen, dass er sie liebte, bevor er sie noch unglücklicher machte.

Wenn Julian bloß aufhören würde, sie anzustarren.

Der Typ stand einfach breitbeinig da und glotzte sie mit offenem Mund an.

„Ich glaube, ich habe mich verhört.“ Er klang fassungslos. „Hast du mich gerade darum gebeten, dir zu helfen, meinen Bruder zu verführen?“

„Nun ja … das Wort verführen habe ich nicht benutzt, oder?“

Sie schwiegen. Dann hob Julian eine Augenbraue. „Ehrlich nicht?“

Molly seufzte. Sie wusste es auch nicht mehr, denn ihr hatte es regelrecht die Sprache verschlagen, als Julian die Tür öffnete. Er trug nur eine Pyjamahose. Und diese Hose saß so locker, dass Molly das dunkle Haar unter Julians Nabel sehen konnte. Seitdem fiel es ihr schwer, klar zu denken. Immerhin hatte sie noch nie einen halbnackten Mann zu Gesicht bekommen.

Außerdem war Julian nicht irgendein Mann. Er sah wie David Beckhams jüngerer Bruder aus.

Der heißere jüngere Bruder.

Gott sei Dank machte ihre Freundschaft Molly immun gegen Julians Reize.

„Vielleicht habe ich das Wort doch benutzt, kann mich aber nicht mehr erinnern.“ Molly riss sich zusammen. „Ich muss einfach etwas unternehmen, bevor jemand daherkommt und ihn mir klaut. Ich muss ihn haben, Julian. Und du kennst dich mit Verführung aus. Bitte erklär mir, wie ich es anstellen soll.“

Seine Augen, die so grün waren wie die Blätter der Eiche draußen vor der Tür, weiteten sich. „Pass auf, Molls. Ich weiß nicht genau, wie ich es dir erklären soll. Also lass mir einen Moment Zeit.“ Er begann im Raum herumzugehen. „Wir sind zusammen aufgewachsen. Garrett und ich haben dich schon gekannt, als du noch in den Windeln lagst. Du bist für Garrett wie eine kleine Schwester, und das wird sich kaum ändern. Die wichtigsten Worte in diesem Satz – nur damit du es richtig verstehst – sind klein und Schwester.“

„An der Sache mit den Windeln lässt sich nichts mehr ändern, aber ich glaube, dass sich Garretts Gefühle mir gegenüber geändert haben. Hat er zu dir gesagt, dass er an mich wie an eine kleine Schwester denkt, Julian? Ich bin immerhin dreiundzwanzig. Könnte doch sein, dass er findet, ich sei zu einer geheimnisvollen, attraktiven jungen Frau herangewachsen.“ Mit wirklich hübschen Brüsten, die er auf dem Kostümball liebkost hat, dachte sie.

Doch Julian musterte sie in dem Moment von oben bis unten und schien alles andere als angetan.

„Deine Schwester ist geheimnisvoll und attraktiv. Aber du?“ Er starrte auf ihren Secondhandrock und ihr farbbespritztes Tank Top. Dann fuhr er sich frustriert durch das sonnengebleichte Haar. „Mal ehrlich, Molls. Hast du in der letzten Zeit mal in den Spiegel geguckt?“

„Julian John Gage!“ Molly schnappte gekränkt nach Luft. „Meine nächste Einzelausstellung in New York ist schon in vier Wochen. Ich habe keine Zeit, mich um mein Äußeres zu kümmern. Außerdem kann ich nicht glauben, dass du mir etwas über meine Kleidung erzählen willst, während du halbnackt dastehst.“

Irgendwo schlug eine Tür zu. Molly drehte sich um und sah jemanden im hinteren Teil von Julians Wohnung auftauchen. Der Jemand war natürlich eine Frau.

Die langbeinigste, blondeste Blondine, die Molly je gesehen hatte, kam gerade aus Julians Schlafzimmer. Sie hatte eine goldene Clutch in der Hand, trug weinrote Stilettos und eins von Julians Hemden … und hatte enorme Brüste.

„Ich muss gehen“, sagte die Frau zu Julian. „Meine Handynummer hab ich auf dein Kissen gelegt, also … Es war schön, dich gestern Abend zu treffen. Ich hoffe, es ist okay, wenn ich mir eins deiner Hemden ausborge. Meinem Kleid geht es nicht ganz so gut wie mir.“ Sie kicherte und ging.

Sobald sich die Fahrstuhltür hinter ihr geschlossen hatte, blickte Molly zu Julian. „Ist das dein Ernst?“ Genervt trat sie einen Schritt vor, fasste Julian an der Schulter und rüttelte ihn. „Musst du eigentlich mit jeder Frau schlafen, die dir über den Weg läuft?“

Lachend ergriff Julian ihre Hand und presste sie zur Faust zusammen. „Mein Liebesleben ist gerade nicht unser Thema, sondern deins.“ Er ließ sie los. „Und die Tatsache, dass du Farbe auf der Nase, deinen Schuhen und in den Haaren hast und dazu wie ein armer Künstler guckst, spricht nicht dafür, dass du meinen Bruder anmachst.“

Molly starrte ihn fassungslos an, ging dann an ihm vorbei und raste durch den Flur. „Oh, ich hole mir grad mal eins von deinen Hemden. Ich bin sicher, es wirkt Wunder bei meinem unattraktiven, jämmerlichen Anblick.“

„Ach, Molls. Nun krieg dich wieder ein. Komm zurück und lass mich mal drüber nachdenken. Du weißt, dass du hübsch bist, und du weißt auch, dass es dir egal ist.“

Julian war mit drei Schritten bei ihr, packte sie am Arm und zog sie ins Wohnzimmer zurück. Molly wollte sich zuerst wehren, aber als sie seinen hilflosen Seufzer hörte, verschwand ihr Ärger.

Es war schwierig, wütend auf Julian John zu sein.

Molly wusste, dass er sich für sie zerreißen würde. Deshalb war sie vermutlich hier. Am Sonntagmorgen. Julian John hatte ihr schon immer das Gefühl gegeben, dass er sie beschützen würde – ebenso wie ihre Schwester, die einige Zeit fast wie eine Mutter für Molly gewesen war.

Kate hatte sie zur Schule gebracht, sie getröstet, sie großgezogen und sie dabei immer spüren lassen, geliebt zu werden. Dass auch Julian zu jeder Zeit für sie da gewesen war, sagte eine Menge über einen Mann, der so tat, als sei er nur ein Playboy.

Und ein Playboy war er ganz sicher.

Deshalb war Molly froh, dass er vor allem ihr Freund war und nicht das Objekt ihrer Begierde.

„Schau“, sagte sie. Beim Gedanken an Garretts Küsse wurde sie rot. „Ich weiß, dass dir das vielleicht seltsam vorkommt. Aber ich liebe deinen Bruder so sehr, dass ich …“

„Seit wann denn das, Molls? Er hat uns doch immer total genervt.“

„Schon. Ja. Aber das war früher, als er noch so streng war.“

„Früher?“

„Ja. Bevor ich mitbekommen habe, dass er …“ Mich begehrt. Bevor er all die Sachen gesagt hat, als er mich geküsst hat. Ihr Magen zog sich zusammen. Beklommen strich sie ihr rotes Haar über die Schultern zurück und versuchte es noch mal. „Ich … ich kann es nicht genau erklären, aber es hat sich etwas geändert. Er liebt mich, das weiß ich einfach. Ich fühle es. Hör auf zu lachen, Julian!“

Sie schaffte es nicht, ihm in die Augen zu blicken. Deshalb drehte sie sich um und ließ sich auf das Ledersofa fallen. Sie schwiegen, bis sie die Schwingungen spürte, die von Julian ausgingen.

Das Lachen, das unerwartet die Stille durchbrach, war am schlimmsten. Es klang alles andere als fröhlich. „Ich kann es echt nicht glauben.“

Molly hielt den Atem an. Als sie zu Julian aufschaute, sah sie in sein gebräuntes, aber düster blickendes Gesicht. Sie hatte noch nie erlebt, dass Julian die Fassung verlor. Doch nun schien er knapp davor zu sein, einen Wutanfall zu bekommen.

Sie riskierte einen weiteren Blick auf das dunkle V, das in der losen Pyjamahose verschwand und direkt zu … Schluss damit! Sie musste sich auf Garrett konzentrieren. Und zwar sofort.

„Julian …“ Sie seufzte. „Meinst du, du kannst eins deiner restlichen Hemden anziehen, während wir uns unterhalten? Deine Brust und dein Sixpack und all das … Sagen wir mal so, es bewirkt, dass ich unbedingt einen Blick auf Garretts Körper werfen will.“

Julian spannte spöttisch seinen Arm an und präsentierte einen eindrucksvollen Bizeps. „Du weißt verdammt gut, dass mein Bruder nicht solche Dinger hat.“

„Doch, hat er.“

Er beugte den anderen Arm. „Mag sein, dass ich sein jüngerer Bruder bin, aber ich kann ihn in fünf Sekunden plattmachen.“

„Hilfe! Polizei! Du bist vor allem als Womanizer besser als er. Und du hast verdient, dass ich das sage, weil du vorhin dumme Bemerkungen über mein Aussehen gemacht hast.“

„Aha! Kann es sein, dass du bei dem Teil wieder nicht aufgepasst hast, in dem ich gesagt habe, dass du hübsch bist?“ Julian ließ sich auf einen Stuhl fallen. Einige Zeit lang starrten sie schweigend an die Decke.

„Ja. Ich bin besser im Frauenverführen als meine beiden Brüder zusammen“, brach er endlich das Schweigen. „Landon würde eine andere Frau nicht mal anschauen, seit er verheiratet ist.“

Er lehnte sich zurück, verschränkte die Hände im Nacken und beobachtete Molly mit einem leichten Lächeln.

„Nun, dann lass uns ein bisschen Garrett anmachen. Warum eigentlich nicht? Er war schon immer mächtig besitzergreifend. Garrett wird vor Eifersucht durchdrehen, wenn er herausfindet, dass du dich mit einem anderen Mann triffst. Vor allem, wenn dieser andere Mann einen schlechten Ruf hat. Du brauchst dich nicht mal wirklich mit dem Kerl zu treffen, musst ihm nur sagen, dass er so tun soll als sei er dein Liebhaber. Das sollte reichen.“

Erleichtert sprang Molly auf und klatschte in die Hände. „Ja! Ja! Das klingt super! Aber die Frage ist: Kenne ich so einen Mann?“

Julian grinste diabolisch. „Baby, du schaust ihn gerade an.“

Molly zuckte zusammen, als habe sie soeben in eine Steckdose gefasst. Und Julian fragte sich, ob das gut oder schlecht war.

„Wie bitte?“ Sie hüpfte auf die Couch und schnappte sich hektisch ein Kissen. „Ich bin sicher, ich habe mich verhört. Hast du mir gerade angeboten, mein Freund oder so etwas Ähnliches zu sein?“

„Oder so etwas“, entgegnete Julian und grinste.

Er wusste, dass er ruhig wirkte. Gesammelt. Aber innerlich dachte er sich schon jede Menge Pläne aus. Auch solche, deren Verwirklichung er hinterher sicher bereuen würde. Aber sie schienen ihm trotzdem verdammt gut.

„Was meinst du mit so etwas?“, fragte sie.

Julian fand sie hinreißend, wie sie da so saß und aussah, als habe sie gerade den Hauptpreis in einem Fernsehquiz ge­wonnen.

Sie hatte die blauen Augen weit aufgerissen. Nur jemand aus Stein hätte nicht für sie die Sterne vom Himmel geholt. Solche unschuldigen Augen hatte er bisher noch bei keinem anderen Menschen gesehen. Würde Molly Poker spielen, hätte sie nicht mal den Hauch einer Chance, zu gewinnen. Ihre Gefühle waren einfach zu deutlich zu erkennen. Und wenn sie ihn ansah, fühlte er sich wie ein Superheld. Nicht einmal seine Mutter schaute ihn so bewundernd an.

Mit einem amüsierten Blick erklärte er: „Ich meine damit, dass ich keine Freundinnen, sondern Geliebte habe. Und ich freue mich darauf, so zu tun, als wäre ich dein Liebhaber.“

Eigentlich hatte er die Betonung auf wäre legen wollen, aber er legte sie auf dein.

Wahrscheinlich deshalb, weil er so etwas nur für Molly tun würde.

„Du nimmst mich auf den Arm, Julian“, sagte sie und betrachtete prüfend sein Gesicht.

Er hätte darüber lachen können, aber zu seiner eigenen Verblüffung meinte er es todernst. Und nun musste er wissen, ob es ihr ebenso ging. „Mit so etwas würde ich nie spaßen.“

„Du willst wirklich so tun, als seist du in mich verliebt?“

Er nickte und streckte dann die Hand aus, um einen grünen Farbklecks von ihrer Stirn und einen roten von ihrer Wange zu wischen. „Ich fürchte, ich habe schon Schlimmeres getan, Moo. Nehmen wir zum Beispiel dieses Mädchen, das eben gegangen ist. Sie ist nicht gerade die Klügste, weißt du …“

Er tippte sich an den Kopf, aber sie nahm das gar nicht wahr.

Wie in Trance stand Molly auf. Eineinhalb Meter klein, chaotische rote Locken, schwere Türkisketten und farbverschmierte Haut. Ihre Augen leuchteten. Offenbar hatte sie nun endlich verstanden, was er ihr soeben angeboten hatte. „Und Garrett wird uns zusammen sehen und total eifersüchtig sein. Das ist brillant, Julian, wirklich brillant! Was glaubst du, wie lange es dauern wird, bis er merkt, dass er mich liebt? Ein paar Tage? Eine ­Woche?“

Julian starrte sie unbewegt an. Sie wirkte regelrecht entzückt. Oder nicht?

Er dachte darüber nach und wurde immer verwirrter. Plötzlich wünschte er sich jemanden herbei, der ihm sagte, was hier eigentlich vor sich ging. War das irgendein dämlicher Witz? Molly, die von seinem Bruder träumte? War das wirklich möglich?

Wenn die zehn Jahre Altersunterschied schon keine Rolle spielten, dann sollten wenigstens die Regeln zählen, die schon immer für die Gages-Jungen im Umgang mit den Devaney-Mädchen galten. Vor allem für Garrett, der niemals Regeln brach. Hatte sein Bruder tatsächlich etwas getan, was Molly glauben ließ, er sei an ihr interessiert?

Verdammt, das wäre so falsch, dass Julian nicht mal wusste, wo er anfangen sollte.

Garrett hatte die Devaney-Mädchen immer beschützt. Einer der Gründe dafür war, dass ihr allein erziehender Vater als Bodyguard für die Gages gearbeitet hatte und bei einem Feuergefecht umgekommen war. Er hatte sein Leben nicht nur für Julians Vater, sondern auch für Garrett, der ihn damals begleitet hatte, geopfert. Die Mörder saßen zwar lebenslang im Gefängnis, aber Garrett hatte das Ereignis nie richtig verarbeitet.

Schuldgefühle und Mitleid lasteten auf Garrett. Als die Devaneys bei ihnen eingezogen waren, hatte er die Mädchen sofort unter seine Fittiche genommen. Er wollte sie vor allem und jedem schützen, sogar vor Julian, der Molly so gern kitzelte … Garrett hatte ihn immer und immer wieder an die Regeln erinnert, wenn es um die Mädchen ging. Das hatte nicht nur Julian genervt, sondern auch Molly, die sich gern von Julian kitzeln ließ.

Nachdem sich Molly tausend Mal darüber beschwert hatte, dass Garrett ihr und Julian jeden Spaß verdarb, war sie jetzt heiß auf Garrett? Schwer zu glauben.

Molly und er waren die engsten Freunde, die man sich vorstellen konnte. Seine Telefonnummern belegten die ersten drei Positionen auf Mollys Kurzwahltaste. Die erste für sein Büro, die zweite für sein Handy und die dritte für seine Wohnung. Molly behauptete sogar hin und wieder, dass ihre Beziehung besser war als jede romantische Affäre, und sie dauerte nun schon länger als jede Ehe heutzutage.

Und deshalb musste er ihr helfen, wenn sie wirklich in Garrett verliebt war.

Er würde ihr helfen zu erkennen, dass sie Garrett nicht liebte. Punktum.

„Ich denke, wir haben ihn innerhalb eines Monats so weit“, versicherte er ihr schließlich. Er schaute ihr dabei tief in die Augen, um herauszufinden, wie es um sie stand. Er wusste, wie gefühlvoll Molly war und fürchtete die Antwort.

Verdammt! Sie hörte wahrscheinlich schon die Hochzeitsglocken läuten. Sie wirkte tatsächlich verknallt.

„Meinst du, dass er darauf hereinfällt? Er ist manchmal ziemlich schwer zu durchschauen“, sagte Molly nachdenklich.

„Molly, kein Mann auf der ganzen Welt würde ruhig zusehen, wie sein Bruder ihm sein Mädchen auszuspannen versucht.“

Molly errötete vor Aufregung, umarmte ihn und küsste ihn auf die unrasierten Wangen. „Das willst du wirklich für mich tun? Du bist der Beste, Julian! Vielen, vielen Dank!“

Ihre schlanken, warmen Arme um seine Taille zu spüren ließ ihn erschauern. Er war von der Taille abwärts nackt und spürte Molly an Stellen, an denen er sie nicht spüren sollte. Ihr Körper war warm und duftete süß.

Am schlimmsten war, dass sie es sich an seinem Körper regelrecht gemütlich machte. Sie flüsterte ihm zu: „Du bist das Allerbeste in meinem Leben, Julian. Weißt du das eigentlich? Ich habe mich noch nie richtig für all das bedankt, was du für mich getan hast.“

Ihre Worte brachten Julian auf unmögliche Ideen.

Er versuchte sich deshalb an die Namen seiner Geliebten in alphabetischer Reihenfolge zu erinnern. Trotzdem konnte er sich erst entspannen, nachdem sich Molly von ihm gelöst hatte.

Er atmete tief durch, vermied ihren Blick und brummelte: „Bedank dich jetzt noch nicht, Molly. Lass uns erst mal schauen, wie es läuft.“

„Es wird wunderbar laufen, Julian. Ich weiß es. Noch vor Ende des Monats werde ich einen Verlobungsring tragen.“

Er verdrehte die Augen, denn er konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen. „Vielleicht sollten wir die Hochzeit jetzt noch nicht planen, okay? Versuch einfach daran zu denken, dass wir zusammen sind. Und du weißt: Die Familie wird nicht besonders glücklich darüber sein.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Warum nicht? Bin ich nicht gut genug für dich?“

„Nein, Moll. Es geht dabei um mich.“ Er drehte sich weg und sah aus dem Fenster. Seine Brust schnürte sich zusammen. „Sie denken, dass ich nicht gut genug für dich bin.“

2. KAPITEL

„Du machst Quatsch. Ich weiß es!“

Julian lehnte sich zurück und unterdrückte ein Lachen, während sein Bruder im Konferenzraum des San Antonio Daily, der den Gages seit den dreißiger Jahren gehörte, umherging.

„Brüderchen“, entgegnete Julian. „Ich bin zwar jünger, aber dafür stärker als du. Wenn du mich ärgerst, liegst du im Handumdrehen auf dem Boden.“

„Du behauptest also, mit unserer Molly zu schlafen?“

„Das habe ich nicht gesagt. Nur dass wir uns treffen und sie bei mir einziehen will.“ Julian hatte das mit dem Einziehen zwar nicht mit Molly abgesprochen, aber die Idee gefiel ihm. Und als Garretts Gesicht rot wie eine Tomate wurde, wusste Julian, dass er ins Schwarze getroffen hatte.

Garrett war sauer.

Julian und Molly hatten gestern einige grundlegende Dinge besprochen: Niemand anderen zu treffen, gezielte Liebesbekundungen, sobald einer aus der Familie dabei war und niemandem etwas davon zu sagen, dass das alles nicht echt war. Das schien vor allem Molly wichtig zu sein, die in ihrer Rolle als Julians Geliebte unbedingt überzeugend wirken wollte.

Und Julian war es recht.

Ihm war alles recht, wenn Garrett deswegen aus dem Anzug fuhr.

Er hatte nichts gegen ihn, außer vielleicht, dass er ein bisschen zu ehrenwert war. Und seit Landon, ihr ältester Bruder, sich einen lang verdienten Urlaub gönnte, tat Garrett so, als laste das Gewicht der Welt auf ihm allein. Oder wenigstens die ganze Last des Familienunternehmens.

Sie liebten sich alle drei innig, aber Julian hatte Garrett schon längst eins auswischen wollen.

Und seine Rachepläne schienen ihm umso süßer, seit Molly sich nach Garretts Aufmerksamkeit sehnte.

Deswegen hatte Julian vergangene Nacht nicht eine Sekunde geschlafen.

Nun genoss er es außerordentlich, das missmutige Gesicht seines Bruders zu sehen und dessen weiße Knöchel, als sich seine Hände um die Kaffeetasse krampften. Garrett blieb vor dem Konferenztisch stehen, an dem sie vorhin mit den leitenden Angestellten ein Meeting gehabt hatten. „Seit wann interessiert ihr euch füreinander?“, wollte Garrett wissen.

„Seit wir damit angefangen haben, uns gegenseitig Nacktfotos zu schicken“, entgegnete Julian ungerührt. Bevor Garrett eine weitere Frage stellen konnte, holte Julian sein Handy heraus und las eine Nachricht. „Verdammt, dieses Mädchen macht mich heiß.“ Er tat so, als würde er Molly eine erotische SMS schreiben, und nahm sich Zeit dafür. Dabei schrieb er ihr nur:

Er weiß es. Der Typ dreht durch. Erzähl Dir beim Abendessen davon.

Garrett warf ihm einen mörderischen Blick zu. „Weiß Kate etwas von eurer Beziehung und davon, dass Molly bei dir einziehen will?“

„Wahrscheinlich. Sie ist immerhin Mollys Schwester. Aber sie ist gerade mit dem Catering für das nächste Großereignis beschäftigt.“

In diesem Moment kam eine SMS von Molly auf Julians Handy an:

Kein Wunder, dass Garrett und Kate so gut miteinander klarkommen.

Julian tippte schnell:

Vermutlich betet Kate den Boden, auf dem ich wandle, nicht mehr an.

Molly antwortete:

Definitiv. Sei vorsichtig, Liebster! Sie hat einen Pfannenwender, und sie weiß, wie man ihn als Waffe benutzt.

Julian lächelte. Ah, Molly. Licht seines Lebens.

„Welcher Teil war es?“

Julian sah Garrett fragend an. Der schien inzwischen so wütend zu sein, dass Julian glaubte, gleich würde Dampf aus Garretts Ohren zischen. „Um welchen Teil geht es?“

„Welchen Teil von dem, was dir Mom, Landon und ich jahrzehntelang eingebläut haben, hast du nicht verstanden? Vielleicht den Teil, bei dem es sich darum handelte, dass du die Finger von Molly Delaney lassen sollst?“

Julian nickte, um ihn zu beruhigen. „Ich habe alles verstanden. Schon beim ersten, beim zehnten, beim hundertsten Mal, und ich verstehe dich auch jetzt. Und nun hör mir mal zu.“ Er beugte sich über den Tisch und schaute Garrett böse an. „Es. Ist. Mir. Scheißegal. Hast du das kapiert?“

Garrett atmete tief ein. Er war so angefressen, dass er kurz davor war, sich wie Tarzan auf die Brust zu trommeln. „Ich werde ein Wörtchen mit Molly reden. Ich bin sicher, in ihrem Interesse zu handeln, wenn ich sie darauf hinweise, wie dumm das Ganze ist. Aber merk dir eins, Julian: Wenn du ihr auch nur ein Härchen krümmst …“

Er wusste nicht, ob Garrett ihm drohen wollte, oder ob er das sagte, weil er Molly gegenüber schon immer besitzergreifend gewesen war oder weil er – wie Molly glaubte – auf andere Weise an ihr interessiert war. Wie auch immer: Julians kühle Fassade begann zu bröckeln. Er musste sich mächtig anstrengen, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Er dachte an die Zeit, als er noch ein Teenager war und all die Gelegenheiten, bei denen er und Molly sich gern näher gekommen wären. Molly und Julian hatten schon immer eine ganz besondere Beziehung gehabt, eine von den Beziehungen, die unglaublich selten sind. Aber immer, wenn sie sich in etwas Romantisches zu entwickeln begann, wurde seine Familie panisch. Sie erpressten und schikanierten ihn so lange, bis wieder eine gewisse Normalität hergestellt war. Mehr als einmal hatten sie ihn für mehrere Monate weggeschickt. Das erste Mal nur deshalb, weil er Molly auf eine Weise angeschaut hatte, die Landon, Garrett und seiner Mutter nicht gefallen hatte.

Julian hatte sich immer wieder gesagt, dass ihm das egal war.

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