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Erobert von einem italienischen Grafen

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Sara Craven

Erobert von einem italienischen Grafen

Frauen zu verführen ist nicht mehr als ein Sport für den attraktiven italienischen Grafen Alessio Ramontella. Bis er die zurückhaltende Engländerin Laura näher kennenlernt. Sie ist so schön, begehrenswert ... und unerreichbar. Denn sie ist die zukünftige Frau seines Cousins. Alessio steht vor einer unendlich schweren Entscheidung: Soll er für immer allein bleiben – einsam und unglücklich? Oder soll er seine Traumfrau so lange umwerben, bis sie erkennt, dass er der Richtige für sie ist?

1. KAPITEL

Wieso, in drei Teufels Namen, wurde Rom an einem so schönen Morgen von einem Erdbeben erschüttert?

Conte Alessio Ramontella hob stöhnend den schmerzenden Kopf vom Kissen und blickte sich um. Das Bett ähnelte schon am ehesten einem Katastrophengebiet, aber die Wände schwankten nicht – und das Getöse, das der conte für den Donner einstürzender Häuser gehalten hatte, kam von der Zimmertür.

Auch stammten die aufgeregten Rufe nicht von einem verschütteten Opfer, sondern von seinem Diener Giorgio.

Vorsichtig – um weder die nackte, schlafende Blondine an seiner Seite zu stören, noch seinen Kater zu verschlimmern – stand Alessio auf. Er suchte seinen Bademantel aus dem Haufen Kleidungsstücke vor dem Bett und zog ihn an, während er zur Tür ging, die er einen Spaltbreit öffnete.

„Heute arbeite ich nicht“, informierte er den besorgt wirkenden Giorgio. „Kann ich denn nicht einmal Frieden haben?“

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung.“ Giorgio rang die Hände. „Um nichts in der Welt hätte ich Sie gestört … aber es geht um Ihre Tante.“

„Sie ist hier?“

„Noch nicht, aber unterwegs“, berichtete Giorgio. „Signora Vicente hat eben angerufen, um ihren Besuch anzukündigen.“

„Waren Sie denn nicht so schlau, zu behaupten, ich wäre nicht da?“

„Doch, natürlich! Leider hat sie mir nicht geglaubt.“

Alessio fluchte. „Wie viel Zeit bleibt mir?“, fragte er dann.

„Das hängt vom Verkehr ab, doch es geht um Minuten. Ich habe geklopft und geklopft …“, fügte der Diener vorwurfsvoll hinzu.

Seufzend zwang Alessio sich, aktiv zu werden. „Bestellen Sie rasch ein Taxi, und weisen Sie den Fahrer an, zum Hintereingang zu kommen. Dann machen Sie Kaffee für meine Tante und stellen die Mandelkekse bereit, die sie so gern mag.“

Er schloss die Tür und ging zurück zum Bett. Die Lippen zusammengepresst, betrachtete er die schlafende Blondine und schimpfte sich einen Narren, weil er seine Grundregel missachtet und dieser Frau erlaubt hatte, die ganze Nacht bei ihm zu bleiben.

Ich muss betrunkener gewesen sein, als ich dachte, sagte Alessio sich zynisch und schüttelte die Schlafende an der Schulter.

Sie hob die Lider, zwinkerte mit langen, dichten Wimpern und lächelte träge. „Warum, mein Schatz, bist du nicht mehr im Bett?“ Verführerisch legte sie ihm die Hände um den Nacken und versuchte, ihn zu sich herunterzuziehen.

Rasch löste er sich aus ihrem Griff und trat einen Schritt zurück. „Vittoria, du musst jetzt gehen, und das schnell!“

„Wie ungalant! Ich habe dir doch gesagt, dass Fabrizio seine Mutter besucht und frühestens heute Abend nach Hause kommt. Du und ich haben also alle Zeit der Welt.“

„Ein bezaubernder Gedanke“, erwiderte Alessio gleichmütig. „Aber leider nicht praktikabel.“

„Wie kann ich denn gehen, wenn ich nichts zum Anziehen habe?“ Lächelnd dehnte sie sich genüsslich. „Du hast gestern beim Pokern meine Kleidung gewonnen – und Spielschulden sind immerhin Ehrenschulden.“

„Wir können sie streichen. Ich habe gemogelt.“ Alessio versuchte, die wachsende Ungeduld zu zügeln.

Vittoria zog eine Schulter hoch. „Dann musst du meine Sachen aus dem Salon holen. Außer du willst, dass ich sie bei einer Revanche zurückgewinne?“

„Ja, wenn du deine Anwesenheit – im Evaskostüm – meiner Tante Lucrezia erklären willst, die deine Schwiegermutter zu ihren engsten Freundinnen zählt.“ Er lächelte missgelaunt.

Mit einem leisen Schrei setzte Vittoria sich auf. „Das meinst du nicht ernst, oder? Sag, dass sie nicht hier ist!“

„Noch nicht, aber sie wird jeden Moment eintreffen.“

„Oh nein“, jammerte sie. „Tu doch was, Alessio! Ich muss hier weg.“

Es klopfte, und die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet. Diskret hielt Giorgio am ausgestreckten Arm ein Bündel Kleidung ins Zimmer und sagte drängend: „Das Taxi ist bereits da.“

„Wir sind gleich fertig“, versicherte Alessio. Er nahm seinem Diener die Sachen ab und warf sie Vittoria zu, die sie auffing und im angrenzenden Bad verschwand.

Während Alessio ihr nachsah, zuckte er kurz die Schultern. In der vergangenen Nacht war sie eine amüsante und einfallsreiche Gefährtin gewesen. Tageslicht und die drohende Gefahr, mit ihr ertappt zu werden, minderten den Reiz jedoch erheblich. In Zukunft würde Alessio weder Poker noch anderes mit der schönen Vittoria Montecorvo spielen. Es war klüger, unzufriedene Ehefrauen überhaupt zu meiden! Der einzige Vorteil lag darin, dass Frauen wie Vittoria nicht erwarteten, dass man sie heiratete.

Alessio ging ins angrenzende Ankleidezimmer und zog sich an. Als er ins Schlafzimmer zurückkam, wartete Vittoria schon auf ihn.

„Alessio!“ Sie umarmte ihn leidenschaftlich. „Wann sehe ich dich wieder?“

Die ehrliche Antwort hätte gelautet „am liebsten nie“, aber das wäre dann doch zu unfreundlich gewesen!

„Vielleicht sollte es uns eine Warnung sein, dass wir nur um Haaresbreite einem öffentlichen Skandal entgehen“, antwortete er zurückhaltend. „Wir müssen sehr vorsichtig sein.“

„Ich weiß nicht, ob ich das ertrage. Wo wir uns endlich gefunden haben, Liebster.“

Er unterdrückte ein höhnisches Lächeln. Seinen Vorgänger bei Vittoria kannte er, und Alessio zweifelte nicht daran, dass ein Nachfolger schon bereit stand. Sie war die schöne Tochter eines reichen Manns und verheiratet mit einem – natürlich ebenfalls reichen – Mann, der sich allzu leicht täuschen ließ.

Verwöhnt, gierig und gelangweilt.

Genau wie ich, dachte Alessio und fragte sich, ob ihn das zu ihr hingezogen hatte. Gleich und Gleich gesellt sich gern?

Plötzlich fühlte er sich erschöpft und rastlos. Die Hitze in Rom nahm ihm beinah den Atem. Unwillkürlich fiel ihm der kühle Wind ein, der um Felswände wehte, und Berge, über die Wolken zogen. Alessio sehnte sich danach, den erdigen Geruch des Walds auf den Hängen einzuatmen, nachts aufzuwachen und nichts als Stille zu hören.

Ich brauche Abstand zu allem, sagte er sich.

Kein Problem. Sein Urlaub war längst überfällig. Einige kleine Terminänderungen in der Bank, und ich kann mich auf den Weg machen, dachte Alessio, während Vittoria sich verführerisch an ihn presste.

Sanft, aber unerbittlich schob er sie aus dem Schlafzimmer in den geräumigen Flur, in dem Giorgio mit ausdrucksloser Miene wartete. In diesem Moment klingelte es an der Eingangstür zur Wohnung.

„Ich mache auf, Giorgio“, sagte Alessio. „Begleiten Sie die Signora über die Hintertreppe zum Taxi.“ Er löste sich aus Vittorias Griff und versicherte ihr leise, dass er sie anrufen würde – allerdings erst, wenn er es für sicher hielt.

Im Weggehen warf sie ihm einen betrübten und zugleich misstrauischen Blick zu, dann war sie verschwunden.

Aufatmend fuhr er sich durchs Haar.

Wieder klingelte es. Seufzend ging Alessio zur Tür und öffnete.

„Tante Lucrezia!“, begrüßte er die große, grauhaarige Frau, die ungeduldig mit dem Fuß gegen die Schwelle klopfte – ohne Rücksicht auf ihre eleganten Schuhe. „Was für eine nette Überraschung!“

Während sie an ihm vorbei in die Wohnung ging, warf sie ihrem Neffen einen drohenden Blick zu. „Sei kein Heuchler, Alessio! Dass ich dir willkommen bin, erwarte ich nicht.“ Einen Augenblick lang verstummte sie und lauschte dem Klang eines startenden Autos und dem Zufallen der Hintertür. „Deine andere Besucherin ist also entwischt“, meinte sie und lächelte säuerlich. „Tut mir leid, deine Pläne verdorben zu haben.“

„Ich mache nur selten Pläne“, erwiderte er sanft. „Lieber lasse ich mich überraschen.“

Er führte sie in den Salon, der – wie ein kurzer Blick Alessio überzeugte – in der üblichen tadellosen Ordnung erstrahlte. Die verräterischen Gläser waren weggeräumt, zusammen mit den Weinflaschen, der Karaffe Grappa sowie den Karten, mit denen er und Vittoria Strip-Poker gespielt hatten.

Die Türen zum Balkon standen offen und ließen die Morgensonne herein, zugleich wichen die letzten Spuren des Dufts nach Wein und dem süßlichen Parfüm, das Vittoria benutzte.

Alessio nahm sich vor, Giorgios Lohn umgehend zu erhöhen, während er seine Tante zum Sofa führte und sich ihr gegenüber hinsetzte.

„Was verschafft mir das Vergnügen deines Besuchs?“, erkundigte er sich übertrieben höflich.

Sie schwieg einen Moment und erwiderte dann kurz angebunden: „Ich möchte mit dir über Paolo reden.“

Erstaunt sah er sie an. Giorgios Erscheinen mit silberner Kaffeekanne, Tassen und Keksen verschaffte Alessio die Chance, seine Gedanken zu sammeln.

Als sie wieder allein waren, sagte Alessio: „Du erstaunst mich, Tante Lucrezia. Ich bin nicht der Richtige, um dir einen Rat zu geben. Schließlich hast du mir immer zu verstehen gegeben, dass ich deinem Sohn ein schlechtes Beispiel liefere.“

„Stell dich nicht dumm!“, erwiderte sie brüsk. „Natürlich will ich keinen Rat von dir … sondern praktische Hilfe in einer unbedeutenden Angelegenheit.“

Alessio trank einen Schluck Kaffee. „Du bittest mich doch hoffentlich nicht, Paolo nach Rom zurückzuholen? Wie ich höre, macht er in London Fortschritte.“

„Das ist Ansichtssache“, meinte sie eisig. „Außerdem kommt er ohnehin demnächst her, um die Ferien mit mir zu verbringen.“

„Das gefällt dir nicht?“ Er kniff die Augen zusammen. „Du beklagst dich doch häufig darüber, dass du deinen Sohn nicht oft genug siehst.“

Nach einer Pause erklärte die Tante gezwungen: „Er kommt nicht allein.“

„Na und? Mein Cousin ist kein kleiner Junge mehr.“

„Genau!“ Signora Vicente goss sich Kaffee nach. „Er ist alt genug, um zu heiraten. Und es war, wie du weißt, schon immer der Wunsch beider Familien, dass er Beatrice Manzone zur Frau nimmt.“

Alessio runzelte die Stirn. „Ich weiß, dass darüber gesprochen wurde, als die beiden noch Kinder waren. Aber jetzt sind sie erwachsen. Situationen ändern sich, Menschen ändern sich.“

„Du nicht, wie es scheint.“ Sie warf ihm einen abfälligen Blick zu. „Du mit deinen Yachten und schnellen Autos – deinem Glücksspiel und den Frauengeschichten.“

„Ja, ich bekenne mich schuldig, liebe Tante, aber du bist doch nicht hier, um über meine mannigfachen Fehler zu diskutieren, oder?“ Er schwieg, bevor er weitersprach. „Paolo hat also eine Freundin. Das ist keine Todsünde, und wie ich weiß, ist das Mädchen nicht seine erste Geliebte. Wahrscheinlich wird er noch viele haben, bevor er sich endgültig häuslich einrichtet. Was ist denn nun dein wahres Anliegen?“

„Signor Manzone, mein guter alter Freund, wünscht die Zukunft seiner Tochter gesichert zu sehen. Und das bald.“

„Möchte Beatrice das auch?“

„Sie hat Paolo schon immer vergöttert.“

Alessio zuckte die Schultern. „Dann wird sie vermutlich bereit sein zu warten, bis er sich die Hörner abgestoßen hat.“

„Ihr Glück, dass sie nicht auf dich wartet.“ Signora Vicentes Tonfall klang eisig.

„Und auch mein Glück“, fügte er sanft hinzu. „Die junge Dame ist mir viel zu süß.“

„Schön zu hören. Bisher wusste ich nicht, dass du eine närrische junge Frau von der nächsten überhaupt unterscheidest.“

Bemüht ruhig erwiderte er: „Mein Vater war auch kein Heiliger, bis er meine Mutter heiratete. Das weißt du doch noch über deinen Bruder, oder?“

„Ich bin schließlich nicht senil“, gab Signora Vicente aufgebracht zurück und fügte dann weniger bissig hinzu: „Wir sollten uns nicht streiten, Alessio. Du führst ein völlig freies Leben, bist absolut ungebunden; Paolo hingegen hat … Verpflichtungen. Man muss ihn dazu bringen, diese zu akzeptieren. Je eher er seine Affäre beendet, desto besser.“

„Vielleicht sieht er das anders. Vielleicht sind sie verliebt.“

„Das Mädchen passt überhaupt nicht zu ihm. Eine kleine Dirne, die er in einer Londoner Bar aufgegabelt hat. Sie hat weder Familie noch Geld.“

„Beatrice hingegen verfügt über beides“, ergänzte Alessio trocken. „Vor allem über Geld.“

„Das mag für dich bei der Wahl einer Frau nicht ins Gewicht fallen“, meinte die Tante energisch. „Für Paolo schon.“

„Außer ich breche mir beim Polospielen das Genick und er beerbt mich. Eigentlich solltest du über meine Vorliebe für riskante Sportarten begeistert sein, Tante Lucrezia.“

Ihre Augen funkelten. „Das brauchen wir nicht zu berücksichtigen. Paolo kann es sich nicht leisten, ein hübsches Nichts von einem Mädchen zu heiraten. Er ist ja nur ein kleiner Angestellter der Arleschi Bank. Du bist immerhin der Direktor.“

„Seine Freundin ist also hübsch“, überlegte Alessio laut. „Aber das muss sie natürlich, wenn sie kein Vermögen hat. Vielleicht ist sie ja sogar eine Schönheit, diese …?“

„Laura Mason“, ergänzte Signora Vicente kalt.

„Laura … Wie die junge Frau, in die sich unser großer Dichter Petrarca auf den ersten Blick leidenschaftlich verliebte. Hoffentlich ist das kein schlechtes Vorzeichen“, fügte er hinzu und lächelte seine Tante breit an.

„Ich verlasse mich darauf, dass du es nicht dazu kommen lässt, mein Lieber“, konterte sie.

„Ich soll meinem Cousin eine Predigt über seine Pflichten der Familie gegenüber halten?“ Alessio lachte schallend. „Er würde mir bestimmt nicht zuhören.“

„Ich erwarte weit mehr von dir: dass du Paolos kleine Romanze beendest.“

„Und wie soll ich das anstellen?“

„Ganz einfach: Indem du die Frau verführst und es Paolo anschließend wissen lässt.“

Wütend sprang Alessio auf. „Bist du verrückt, Tante Lucrezia?“

„Nein, ich denke nur praktisch. Ich verlange lediglich, dass du deine zweifelhaften Talente bezüglich Frauen für etwas Nützliches einsetzt.“

„Nützlich!“ Sein Zorn erstickte ihn beinah. „Wie kannst du es wagen, mich mit einem derartigen Vorschlag zu beleidigen? Wie kannst du mir unterstellen, ich würde auch nur einen Moment lang in Erwägung ziehen …“ Angewidert wandte er sich ab und schritt zum Fenster. Nachdem er einen Moment lang auf die Straße hinuntergeblickt hatte, drehte Alessio sich mit finsterer Miene um. „Nein. Und nochmals nein. Niemals!“

„Du enttäuschst mich. Ich hätte gedacht, du würdest es als Herausforderung betrachten.“

„Oh nein, ich bin abgestoßen von deinem Vorschlag.“

„Was genau hast du denn dagegen?“, fragte sie ruhig.

„Wo soll ich anfangen?“ Hilflos und zugleich zornig, breitete er die Arme aus. „Erstens: Die junge Frau ist eine völlig Fremde für mich.“

„Das sind anfangs doch alle Frauen, mit denen du später im Bett landest“, hielt seine Tante dagegen und machte eine bedeutungsvolle Pause. „Wie lange kennst du zum Beispiel Vittoria Montecorvo, deren hastigen Abgang ich vorhin beinah verpatzt hätte?“

Ihre Blicke trafen sich, und ein lastendes Schweigen entstand.

Schließlich sagte Alessio: „Ich wusste nicht, wie genau du dich für meine Angelegenheiten interessierst.“

„Unter gewöhnlichen Umständen tue ich das nicht! Aber jetzt brauche ich deine … Mithilfe.“

„Gleich werde ich aufwachen und feststellen, dass das alles ein Albtraum ist.“ Alessio ging zum Sessel zurück und setzte sich. „Soll ich dir sagen, welche Einwände ich noch gegen deinen Vorschlag erhebe?“

„Ja, bitte.“

„Vielleicht ist Paolo nur oberflächlich und flüchtig verliebt.“ Er neigte sich vor und betrachtete seine Tante eindringlich. „Warum wartest du nicht ab, dass die Romanze sich von allein sozusagen totläuft?“

„Weil Federico Manzone wünscht, dass die Verlobung meines Sohns und seiner Tochter möglichst bald offiziell verkündet wird. Es würde ihn verärgern, warten zu müssen.“

„Wäre das denn eine Katastrophe, Tante Lucrezia?“

„Ja, das wäre es. Ich habe … gewisse Arrangements mit Signor Manzone getroffen, unter der bindenden Voraussetzung, dass die Verlobung demnächst stattfindet. Jetzt schon die Rückzahlung vornehmen zu müssen, käme mir … sehr ungelegen.“

Das hätte ich ahnen müssen, dachte Alessio. Sein verstorbener Onkel hatte aus einer alten, aber nicht sonderlich reichen Familie gestammt. Trotzdem hatte Lucrezia ihre geradezu legendäre Verschwendungssucht nicht eingeschränkt.

„Warum lässt du mich nicht deine Schulden begleichen – und Paolo sein eigenes Leben führen?“, bot er an.

Ein erheiterter Ausdruck glitt über ihr immer noch attraktives Gesicht. „Willst du mir vielleicht ein Einkommen auf Lebenszeit aussetzen? Dein armer Vater würde sich im Grab umdrehen! Und die Anwälte der Bank würden es nicht erlauben. Federico Manzone hat mir versichert, dass er permanente Arrangements für mich treffen wird, sobald unser beider Familien verbunden sind. Und er ist ja immer so großzügig!“

Plötzlich hatte Alessio eine zündende Idee. „Außerdem Witwer. Wie wäre es, wenn ihr beide heiratet – und die jüngere Generation das Glück auf ihre Weise finden lasst?“

„So wie du es tust? Wie wäre es mit einer Doppelhochzeit, mein Lieber? Es wäre eine Frage der Ehre, dass du die schöne Vittoria bittest, deine Frau zu werden – sobald ihr Ehemann sich wegen ihrer skandalösen Untreue hat scheiden lassen.“

„Ich wusste gar nicht, dass Fabrizio sich von Vittoria scheiden lassen will“, meinte Alessio.

„Noch will er es nicht“, erwiderte seine Tante sanft. „Aber wenn ich oder seine Mutter – meine liebe Freundin Camilla – ihm unglücklicherweise nicht länger verbergen können, dass du ihm Hörner aufgesetzt hast, wird er seine Meinung vielleicht ändern.“

Resignierend zuckte Alessio die Schultern und seufzte leise. „Ich habe dich unterschätzt, Tante Lucrezia. Nie hätte ich dich für so skrupellos gehalten.“

„Ein Familienübel“, erwiderte sie gelassen. „Und der Zweck heiligt die Mittel.“

„Aber selbst wenn Paolos Affäre mit der Engländerin endet“, gab Alessio zu bedenken, „ist noch lange nicht garantiert, dass er Beatrice heiratet. Er könnte sich anderswo umsehen und sogar ein anderes reiches Mädchen finden. Wie willst du das verhindern? Willst du auch deinen Sohn erpressen?“

„Du tust ja gerade so, als hätte er sich nie etwas aus Beatrice gemacht“, hielt seine Tante dagegen. „Aber das stimmt nicht. Sobald er feststellt, dass er sich in der Engländerin getäuscht hat, wird er erkennen, wo seine wahren Interessen liegen. Er wird sich wieder Beatrice zuwenden, und die beiden werden sehr glücklich.“

Alessio warf ihr einen gereizten Blick zu. „Wie einfach: Du ziehst an den Fäden und die Puppen tanzen, wie du willst. Es gibt aber noch einiges, was du offensichtlich nicht bedacht hast. Zum Beispiel: Wie soll ich Paolos Freundin kennenlernen?“

„Folgendermaßen: Ich behaupte, dass in meinem Landhaus in der Toskana Handwerker arbeiten, weshalb ich niemanden aufnehmen könne. Stattdessen habe ich deine freundliche Einladung angenommen, die Ferien mit meinen Gästen bei dir in der Villa Diana zu verbringen.“

Er lachte verächtlich auf. „Wird Paolo dir das glauben?“

„Er hat keine Wahl, oder? Ich werde dir die Gelegenheit verschaffen, mit der Engländerin allein zu sein. Das Übrige liegt bei dir.“ Sie machte eine kleine Pause. „Vielleicht musst du ja nicht bis zum Äußersten gehen, sondern es genügt schon, wenn Paolo euch beim Küssen ertappt.“

„Tante Lucrezia, ist dir nie in den Sinn gekommen, dass diese Laura vielleicht wirklich in Paolo verliebt ist und absolut nichts sie bewegen kann, ihn zu betrügen?“ Um seine Mundwinkel zuckte es. „Außerdem scheinst du die Möglichkeit außer Acht zu lassen, dass sie mich nicht attraktiv findet.“

„Keine falsche Bescheidenheit“, flötete Signora Vicente. „Sogar Julia hätte ihren Romeo stehen gelassen, wenn du sie angelächelt hättest. Diese Laura wird dich, wie deine anderen Opfer, einfach unwiderstehlich finden.“

„Ach, wirklich?“ Alessio musterte den Siegelring an seinem Finger. „Und was passiert, sollte ich diese abscheuliche Intrige erfolgreich zu Ende bringen? Ich könnte Paolo keinen Vorwurf machen, wenn er nie wieder mit mir reden will.“

„Anfangs mag er dich verdammen, aber schließlich wird er dir dankbar sein.“ Lucrezia Vicente erhob sich. „Die beiden treffen nächste Woche in Rom ein. Das bereitet dir keine Schwierigkeiten, oder?“

Auch Alessio stand auf. „Ich kann es kaum erwarten.“

„Sarkasmus steht dir nicht, mein Lieber.“ Kurz musterte sie ihn, dann tätschelte sie ihm die Wange. „Ganz wie dein Vater bist auch du besonders beeindruckend, wenn du zornig bist, Alessio! Hoffentlich hast du bessere Laune, wenn du die Engländerin triffst. Sonst könnte sie mir beinah leidtun.“

„Zerbrich dir ihretwegen nicht den Kopf, Tante Lucrezia. Ich werde mein Bestes tun, damit sie eine schöne Erinnerung mit nach Hause nimmt.“

„Ach so! Dann tut sie mir tatsächlich leid.“

Als Alessio allein war, ging er zu einem Tisch, der an der Wand stand, und goss sich ein Glas Whisky ein. Normalerweise trank er tagsüber nichts Hochprozentiges, aber der Tag war ohnehin kein gewöhnlicher.

Was dachte Paolo sich eigentlich dabei, seine kleine Freundin auch nur in hundert Kilometer Reichweite seiner Mutter zu bringen? Wenn er sich etwas aus … Laura machte, würde er sie dem nicht aussetzen.

Und wenn ich auch nur einen Funken Anstand besäße, würde ich meinen Cousin anrufen und ihn warnen, sagte Alessio sich.

Doch das konnte er nicht riskieren. Seine Tante war skrupellos wie alle Ramontellas und würde ohne Zögern ihre Drohung wahr machen. Sein unüberlegtes Zwischenspiel mit Vittoria würde sie an deren Mann verraten. Die Konsequenzen wären tatsächlich sowohl aufsehenerregend als auch äußerst unangenehm.

Arme Laura! Wenn sie so hübsch war wie ihr Name, würde Alessios Vorhaben vielleicht nicht ganz unmöglich werden.

Er hob das Glas. „Salute, Laura! Und viel Glück. Du wirst es brauchen.“

2. KAPITEL

„Ich finde das unlogisch“, meinte Gaynor. „Du hast den Urlaub mit Steve in Südfrankreich abgesagt, weil du mit ihm nicht das Zimmer teilen wolltest. Und jetzt fährst du mit einem Mann, den du kaum kennst, nach Italien?“

„So formuliert klingt es tatsächlich unsinnig, aber es ist nicht so, wie du denkst“, erwiderte Laura. „Ich bekomme eine Reise in die Toskana, zwei Wochen Aufenthalt, plus eine Bar-Prämie, und brauche dafür lediglich so zu tun, als wäre ich wahnsinnig verliebt.“

„Derartig einfach kann es nicht sein“, widersprach Gaynor misstrauisch. „Das ist es nie! Warst du überhaupt schon mal wahnsinnig verliebt? In Steve bestimmt nicht – sonst hättest du nicht auf getrennte Zimmer bestanden.“

Laura errötete. „Ich dachte, ich wäre in ihn verliebt – oder könnte ihn mit der Zeit lieben lernen. Wir kannten uns doch erst zwei Monate. Das genügt nicht, um sich auf einen Mann so weit einzulassen.“

„Nicht jede Frau würde dir zustimmen“, kommentierte Gaynor trocken.

Kurz hielt Laura beim Kofferpacken inne und seufzte. „Ich weiß, ich bin sozusagen ein lebendes Fossil: Mit einem Mann möchte ich nur dann schlafen, wenn wir uns gegenseitig lieben, respektieren und eine gemeinsame Zukunft planen – nicht bloß deshalb, weil Doppelzimmer günstiger sind als Einzelzimmer.“

„Welche Art Zimmer bietet dir dieser Paolo Vicente?“

„Er ist sehr anständig“, versicherte Laura und stopfte ihren Badeanzug in den Koffer. „Wir werden mit seiner Mutter in deren Landhaus wohnen. Sie scheint ein richtiger Drachen zu sein. Paolo meint, sie wird mich nachts vielleicht einsperren.“

„Sie hat keine Ahnung, dass du und ihr Sohn praktisch völlig Fremde seid?“

„Natürlich nicht, sonst hätte es ja keinen Sinn. Mit allen Mitteln versucht sie, ihn zur Verlobung mit einem Mädchen zu drängen, das er schon sein Leben lang kennt und das eher eine jüngere Schwester für ihn ist als eine zukünftige Ehefrau. Ich soll sozusagen seine Unabhängigkeitserklärung sein. Er will seiner Mutter zeigen, dass er sein Leben selbst bestimmt und sich seine Zukünftige allein aussucht.“

„Möchtest du wirklich zwischen die Fronten zweier Krieg führender Parteien geraten, Laura?“

„Keine Sorge! Paolo meint, im schlimmsten Fall behandelt seine Mutter mich mit eisiger Höflichkeit. Außerdem hat er mir versprochen, dass ich mich nicht viel mit ihr abgeben muss. Er will mich so oft wie möglich ausführen.“ Laura schwieg kurz und fügte dann nachdenklich hinzu: „Es könnte sogar Spaß machen.“

„Immer die Optimistin!“, murmelte Gaynor. „Wie bist du überhaupt an diesen Typ geraten?“

„Paolo arbeitet für die Arleschi Bank.

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