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Erinnerungen

CYNDI
LAUPER

mit Jancee Dunn

ERINNERUNGEN

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
von Bernhard Schmid

ÜBER DIE AUTORINNEN

Cyndi Lauper, 1953 in Queens geboren, hat bis heute mehr als 30 Millionen Platten verkauft. Ihr größter Hit Girls Just Want to Have Fun wurde 1984 zur Hymne einer ganzen Frauengeneration und machte sie schlagartig berühmt. Weitere Welthits wie Time After Time, True Colors und All Through the Night folgten. Bis heute hat sie zwölf Musikalben veröffentlicht und wurde u.a. mit dem Grammy, dem Emmy und dem MTV Video Music Award ausgezeichnet. Zuletzt schrieb sie Text und Musik für das Musical Kinky Boots, wofür sie 2013 ihren zweiten Grammy gewann.

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Jancee Dunn ist Autorin und Journalistin. Sie schreibt unter anderem für The New York Times, Vogue und O, The Oprah Magazine.

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Für David Thornton, meinen Ehemann und besten Freund, der schon immer gesagt hat, dass ich meine Geschichte aufschreiben solle. Danke für deine Inspiration und Hilfe, wann immer es mal nicht so toll lief. Und dafür, dass du dir das Buch hier – und überhaupt so gut wie alles, was ich gemacht habe, seit wir uns kennen – mit deinem unendlich feinen Gespür angesehen hast.

 

Mir haben im Verlauf meiner Karriere so viele Menschen geholfen – zu viele, um sie alle in diesem Buch zu erwähnen. Aber ich habe nicht vergessen, wie oft sie mir, ohne großes Lob zu erhalten, unermüdlich zur Seite standen. Wir haben viel gelacht und überhaupt tolle Zeiten gehabt, die ich immer in Erinnerung behalten werde.

Als ich meine erste Goldene Schallplatte bekam, schickte ich sie Leuten, die mir geholfen hatten. »Ohne mich«, habe ich eingravieren lassen, »hättet ihr das nicht geschafft.« Das würde ich jetzt gern korrigieren. Ohne die Hilfe aller Beteiligten hätte ich in all den Jahren überhaupt nichts geschafft.

KAPITEL EINS

Mit siebzehn ging ich von zu Hause weg. Alles, was ich mitnahm, war eine Papiertüte mit einer Zahnbürste, etwas Unterwäsche, einem Apfel und Yoko Onos Buch Grapefruit. Grapefruit war für mich zu einem Fenster geworden, das mich das Leben durch die Kunst sehen ließ. Ich hatte vor, die Hochbahn zur Long Island Rail Road zu nehmen und von dort den Zug nach Valley Stream. Meinem fünf Jahre jüngeren Bruder Butch hatte ich das Abendessen ins Backrohr gestellt. Er war der Grund gewesen, weshalb ich überhaupt so lange geblieben war. Aber ich hielt es einfach nicht mehr aus; die Situation mit meinem Stiefvater war schlicht unhaltbar geworden.

Meine Mutter arbeitete damals als Serviererin – fünf Tage die Woche, manchmal sechs, und das vierzehn Stunden am Tag. Mom wusste, was los war, aber wir kamen damit irgendwie klar; wir hatten ein System. Ich kam von der Schule nach Hause, ging auf mein Zimmer und schloss mich ein. Mom dachte, wir könnten irgendwie um meinen Stiefvater herumleben, bis sie aus dem Gröbsten raus wäre. Meine Schwester war bereits aus dem Haus. Sie wohnte mit ihrer Freundin Wha in Valley Stream. Sie und ich waren so einigen Situationen mit unserem Stiefvater aus dem Weg gegangen, aber nun wurde mir die Geschichte langsam doch zu unheimlich. Ich hatte meine Schwester an jenem Tag angerufen, um ihr zu erzählen, was eben im Bad passiert war.

Unser Bad befand sich am Ende des Flurs, an dem die beiden Kinderzimmer lagen. Ich hatte mir eines davon den größten Teil meines Lebens mit meiner Schwester geteilt; unser kleiner Bruder schlief im Zimmer gleich nebenan. Das Bad war eine kleine Schachtel mit einer langen altmodischen Wanne mit Klauenfüßen, die rechter Hand die Wand einnahm, zusammen mit der Toilette, die sich gleich neben der Tür befand. Der geschwungene Wannenrand stand etwas über, sodass sich auf der Kante direkt neben dem kleinen Waschbecken an der hinteren Wand sitzen ließ. Als kleines Mädchen guckte ich dort meinem Dad beim Rasieren zu. Und einmal sah ich meine Mutter auf der Wannenkante sitzen, meinen kleinen Bruder auf dem Schoß, dem sie eine wunderschöne Fassung von Al Jolsons »Sonny Boy« vorsang. Es war einer der herzzerreißendsten und unvergesslichsten Augenblicke meines Lebens.

Irgendwann einmal zeigte meine Mutter uns, wie man sich mithilfe eines am Hahn der Wanne befestigten kleinen Schlauchs waschen konnte, während man auf der Toilette saß – wie über einem Bidet. Diese kleine Pflichtübung war ausgesprochen kultiviert und sehr französisch. Sie liebte alles Französische. Sie meinte damals, wie »chic« das doch sei, was bei ihr als »tschiek« rüberkam. Aber wie immer man es nennen wollte, die Geschichte mit dem Schlauch hatte auch einen Nachteil. Wann immer nämlich jemand den Hahn an der Wanne öffnete, hörte man das durch die Rohrleitungen in der Küchenwand. Als ich mit verschiedenen Wasserdrucken zu experimentieren begann, mit denen sich der Vorgang durchführen ließ, konnte sie den Radau wegen der Rohre in der Küche hören. Natürlich war mir als Kind nicht klar, wie beunruhigend sich so etwas für eine Mutter anhören musste, die gerade beim Geschirrspülen war. (Und alles, was mit meinem Körper zu tun hatte, ließ sie grundsätzlich loslaufen, um eine dicke Schwarte über Anatomie zu holen, anhand deren sie mir erklären konnte, wie man auf sich achtet und was man »da unten« machen sollte und was nicht.)

Das Bad war olivgrün. In der Mitte der Wand mit dem Waschbecken befand sich ein Heizungsschacht. Der erwies sich immer wieder als praktisch, wenn ich aus dem Schnee reinkam, der einem bei uns bis zum Hintern ging. Die Tür zum Bad hatte vier Milchglasscheiben, deren Musterung an kleine gepresste Schneeflocken erinnerte. Das Glas ließ das Licht durch, sorgte aber für ein gewisses Maß an Privatsphäre. Über der Wanne befand sich außerdem ein kleines Fenster auf die Gasse hinaus. Es war einen guten halben Meter breit und einen knappen Meter hoch und hatte die gleiche Milchglasscheibe voller Schneeflocken wie die Tür. Wenn man in der Wanne stand, konnte man das Fenster einen Spalt weit öffnen und rasch mal heimlich an einer Kippe ziehen. Freilich passte ich auf, dass mich meine Großmutter nicht erwischte, deren Küchenfenster gleich darüber lag – oder Mrs. Schnur von nebenan. Von dem Fenster aus ließ sich auch mit jemandem draußen auf dem Treppchen vor der Haustür zur Gasse plaudern. Aber all diese Erinnerungen waren wie weggewischt, als das Bad gefährlich zu werden begann.

Es war eines späten Nachmittags. Ich dachte, ich sei allein zu Hause, und nahm ein Bad. Es befand sich zwar ein kleiner Schließhaken an der Tür des Badezimmers, aber eine der Milchglasscheiben hatte mittlerweile einen Sprung mit einem winzigen Loch. Letzteres hatte der Platinring meiner Mutter in die Scheibe geschlagen, als mein Stiefvater sie gegen die Tür stieß. Ich weiß noch, wie sie ihn mir gezeigt hat, als sie den Ring bekam. Ich sagte: »Gold ist das aber nicht.« Und sie erwiderte stolz: »Platin ist wertvoller als Gold und reibt sich nicht auf.« Na ja, mag sein, dafür rieb der Ring sie auf. Und die Scheibe in der Tür wurde nie repariert. Sie war schon eine ganze Weile so. Mein Stiefvater hatte zwei linke Hände. Er arbeitete und sorgte für uns. So war es abgemacht, nehm ich mal an. Und viel mehr konnte eine Frau mit drei Kindern wohl auch nicht verlangen. Wie auch immer, wegen des Lochs achtete ich darauf, das Bad nur zu benutzen, wenn sonst niemand da war.

Obwohl ich dachte, ich sei allein zu Hause, legte ich den Haken in die Öse, bevor ich das Wasser einließ. Ich stieg hinein, lehnte mich zurück, legte die Beine auf den Wannenrand und tauchte rücklings unter, um die Haare nass zu machen. Aber als ich wieder auftauchte, hörte ich ein gruseliges Kichern und sah den birnenförmigen Schatten meines Stiefvaters hinter der Milchglastür. Ich sah sogar das irre Auge am Loch. Das war zu viel. Das war schlimmer, als wenn er den Hund schlug, wenn der nicht still war, und ihn uns mit der Leine an die Küchentür binden ließ. Es war schlimmer, als wenn er abends im Bademantel mit seinem gruseligen Kichern hinter dem Heizkessel stand, wenn ich in den Keller musste, um die Wäsche aufzuhängen. Es war schlimmer, als wenn er direkt vor dem Fenster des Kinderzimmers an sich rummachte.

Ich hatte mir eine kalte, apathische Miene zugelegt, mit der sich meine Situation überstehen ließ. An dem Tag jedoch konnte ich nicht anders, als meine Schwester anzurufen, um ihr zu erzählen, was passiert war. Elen sagte, ich solle machen, dass ich da rauskäme, und zu ihr kommen, und zwar sofort. Und in dem Augenblick hatte ich endlich das Gefühl, ein Ziel zu haben, wenn ich wegging. Also räumte ich ein letztes Mal die Küche auf und machte meinem kleinen Bruder ein Stück Rinderbraten mit Ofenkartoffel für abends und stellte ihm den Teller ins Rohr. Ich machte mir Sorgen um ihn. Er war erst elf. Aber ich glaubte nicht, dass ihm was zustoßen könnte wie mir womöglich, wenn ich blieb. Also ging ich. Aber ich nahm mir fest vor, ihn eines Tages da rauszuholen.

Meine Schwester und ich hatten fast unser ganzes junges Leben lang Pädophilen und Bekloppten aus dem Weg gehen müssen. Die besonderen Problemfälle waren mein Stiefvater – Moms zweiter Mann – und, in meinem speziellen Fall, mein Großvater. In meiner Familie war man sich einig, dass Opa irgendwie nicht mehr der Alte war, seit ihn bei einer Wrestling-Show der Schlag getroffen hatte. Aber wer will schon sagen, wann er wirklich »anders« geworden war. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Wrestling später noch einmal in mein Leben treten sollte; es würde noch eine wichtige Rolle in meiner Laufbahn spielen.

An einem Tag im Spätherbst ging ich schließlich. Seit Monaten hatte ich den Himmel im Auge gehabt. Es gab einen Wasserturm oben auf der alten Singer-Nähmaschinenfabrik an der Ecke unseres Blocks in Ozone Park, Queens. Ich sah gern zu, wie die Sonne den kleinen Turm verfärbte, von dunklem Kandiszuckerbraun zu einem goldenen Orange, bis er schließlich nur mehr eine Silhouette vor dem düsteren Himmel war. Wenn es Herbst wurde, sah ich die Vögel darüber hinwegziehen. Ein Anblick, dessen ich nie müde wurde. Für mich hatte diese Industrielandschaft etwas zutiefst Schönes; sie war immer eine meiner kleinen Fluchten gewesen. Und jetzt sollte ich zum letzten Mal an der alten Singer-Fabrik entlanggehen und dann an der aufgelassenen Borden-Molkerei ein Stück die Atlantic Avenue rauf.

Ich lief zur Jamaica Avenue El und nahm die Hochbahn zur Long Island Rail Road, wo ich den Zug erwischte, der mich zum Bus bringen würde, mit dem ich dann zur neuen Wohnung meiner Schwester in Valley Stream gelangte.

Das Komische ist, dass ich schon seit dem vierzehnten Lebensjahr packte, um der Wohnung in Ozone Park zu entfliehen. Mein Dad, den ich hin und wieder sah, war Expedient bei Bulova, dem Uhrenhersteller. Ich dachte immer, Dad würde mir helfen; ich müsste ihm nur alles erzählen. Nur ergab sich nie der richtige Augenblick. Dad hatte für mich inzwischen so ein bisschen was von einer kaum noch zu erreichenden tragischen Gestalt – tragisch, weil er gar so unglücklich schien.

Ich weiß noch, wie er aussah, als ich fünf war. Er schien still zu sein, aber nicht traurig. Ich hatte ihn als Kind genau studiert und lief ihm für mein Leben gern hinterher. Ich weiß noch, dass er eine Zeit lang ein Xylofon hatte, das vor dem Haus stand, dort, wo sich vor dem Ausbau des Elternschlafzimmers eine Veranda befand. Ich erinnere mich daran, ihn ein paarmal darauf spielen gesehen zu haben und dass es mir der Klang angetan hatte. Und ich erinnere mich noch, dass ich unter seinem Xylofon saß, wenn er nicht da war, und mir vorzustellen versuchte, wie es sich womöglich von innen anhören mochte. Es dauerte jedoch nicht lange, bevor er vom Xylofon auf eine mit Slide gespielte Hawaiigitarre umstieg. Ich hörte ihm zu, wenn er spielte, und guckte mir dabei die Bilder aus einem Land mit Palmen und Hula-Tänzerinnen an, die sich auf den Umschlägen seiner Notenbücher zu wiegen schienen.

Er besaß jedoch auch ein handlicheres Instrument, seine Mundharmonika, und die hatte er immer dabei. Er holte sie aus der Tasche und spielte etwas, wenn es mal langweilig und still war. Oder es sagte jemand: »Hey, Freddy, spiel uns was vor!« Er wölbte dann die Hände vor dem Mund und begann mit dem Fuß zu tappen. Zu meinen Lieblingstönen gehörten die langen, traurig nach oben gezogenen zwischen den Melodien; sie hörten sich nach Cowboys am Lagerfeuer an. Also saß ich für mein Leben gern in seiner Nähe, wenn er spielte, und stellte mir vor, an einem Lagerfeuer zu sitzen wie denen aus einem der Life-Magazine meiner Mutter, von denen immer eines auf dem Fernseher lag.

Überhaupt waren Fotos das Größte für mich, vor allem solche, in die ich mich reinversetzen konnte. Und zu meinem Glück schoss mein Dad gern welche. Er machte Bilder von mir und meiner Schwester, als wir noch ganz klein waren. Er hatte eine ganz besondere Kamera: einen rechteckigen Kasten mit einer kleinen Kapuze, die man über den Kopf legte, wodurch ein finsterer Raum entstand, in dem man den Rahmen des Bilds sah, das er machen wollte. Ich brauchte bloß noch hineinzutreten. Nur heulte ich immer, wenn er ein Foto machte, bevor ich bereit war. (Was ich längst nicht mehr tu, wenn mir das heute passiert; aber beschweren tu ich mich trotzdem, weil ich einen ungünstigen Winkel nun mal nicht mag.) Wie auch immer, damals war Dad für mich ein Zauberer.

Ich guckte immer zu, wie Dad zur Arbeit ging. Ich sah ihn die Straße hinaufgehen, bis er so winzig war, dass ich ihn am Horizont nicht mehr fand. Ich übte mich auch darin, ihn zu erkennen, wenn er aus der Ferne, mehrere Blocks vor mir, auf mich zukam. Ich muss zwischen vier und fünf gewesen sein. Ich ging vor dem Zweifamilien-Mutter/Tochter-Haus auf und ab, in dem wir wohnten. Die Schindeln auf dem Dach hatten die Farbe von Good-&-Plenty-Lakritzbonbons. Ich schaute mir die Augen aus dem Kopf, ob er nicht endlich aus der Jamaica-Avenue-El-Station etwa acht Blocks von uns entfernt kam. Ich erkannte ihn sofort: eine hoch aufgeschossene, schmale Gestalt mit rabenschwarzem Haar. Ich sah ihn auf mich zukommen, obwohl er aus der Ferne gerade mal zwei Daumen groß war.

Er trug immer einen grauen Überzieher und ein Kragenhemd mit einer schmalen Krawatte – aber nicht so schmal, dass man sie nicht hätte sehen können, wenn er an unserer Ecke die Straße überquerte. Und zu dem Zeitpunkt war ich längst losgelaufen, so schnell ich nur konnte, und warf mich gegen den Saum seines Überziehers, um ihm zu sagen, wie froh ich war, dass er wieder nach Hause kam. Schon weil er eine faszinierende Welt mitbrachte, wenn er von der Arbeit zurückkehrte – ob er nun eines seiner Instrumente gekauft hatte oder ein Buch über Archäologie in China oder, wie eines späten Samstagnachmittags, einen großen Fernseher aus gelbem Holz, der mir die Tür in eine noch viel größere Welt aufstieß.

Aber es war bereits lange her, dass ich auf seinem Schoß gesessen, ihn angebettelt hatte, doch bitte, bitte, nicht wegzugehen. Er und meine Mutter hatten sich damals ständig gestritten. Er sagte, es sei das Beste. Als ich zehn war, rief er mich entweder von der Arbeit aus an und blieb dran, bis die zehn Cent alle waren oder er vielleicht mal fünf nachwarf, was in mir die trügerische Hoffnung erzeugte, dass wir uns über etwas unterhalten könnten, das länger als fünf Minuten in Anspruch nahm. Aber wenn die fünf Cent alle waren, legte er auf. Und das war die Zeit, in der das Unerreichbare an ihm in den Vordergrund trat. Wir trafen uns an dem oder jenem Wochenende entweder in einer Eisdiele oder einem Candy-Store am Bahnhof, weil er gerade aus der Stadt gekommen war. Er hatte sich im Washington Hotel, einer Pension in Midtown Manhattan, eingemietet. Ich durfte ihn von Zeit zu Zeit dort besuchen, aber als ich älter wurde, kam eher er zu uns. Wir verbrachten zwei, drei Stunden miteinander, dann stieg er wieder in den Zug zurück in die Stadt. Und wie bei seinen Anrufen, die in der Regel von seinem Arbeitsplatz kamen, war das Ambiente nie so, dass sich über was wirklich Ernstes reden ließ.

Ich weiß noch, wie ich ihm einmal etwas zu sagen versuchte, als er neben mir an der Limonadentheke des Candy-Stores saß. Damals bekam man in diesen Läden noch was zu essen, sagen wir mal einen Burger mit Fritten, einen Eisbecher oder ein Root Beer Float. Und es gab auch noch andere Limonaden, nicht nur Pepsi und Coke. Es ist ein Stück New York, das größtenteils verschwunden ist.

Ich erinnere mich noch an einen der Besuche meines Vaters, genauer: einen der letzten Augenblicke davon. Wir saßen in dem Candy-Store gleich neben der Bäckerei auf der Liberty Avenue, an der Haltestelle des A Train Höhe 104th Street. Der Typ hinter der Theke polierte einen frisch gespülten Eisbecher und hörte schließlich mit großen Augen damit auf, als ich zu erzählen begann, was bei uns zu Hause so abging. Und irgendwie schien das einfach nicht der richtige Augenblick, mein Problem zur Sprache zu bringen – mit dem Typen hinter der Theke, der bei etwas zuhörte, was nur für meinen Dad bestimmt war. Also gab ich es einfach auf.

Und hin und wieder konnte ich einfach nicht anders, als lauthals zu lachen, wenn ich nach einem der kurzen Anrufe meines Vaters auflegte und meinen Stiefvater sagen hörte: »Wer war das denn – unser Vater, der du bist in New York?« Und ich sagte leise: »Dominus Nabisco.« Das war ein Scherz zwischen mir und meiner Schwester aus der Zeit, als wir noch Kinder waren. Wir stellten damals die Sonntagsmesse nach. Meine Schwester war der Priester und ich die gläubige Gemeinde. Sie hielt ein oblatenförmiges weißes Necco hoch (wären die in der Kirche mit Bonbons rübergekommen, ich denke mal, eine Menge mehr Kinder wären zur Kommunion gegangen, auch wenn einen die Beichte ziemlich mitnahm). Dann sagte sie fromm: »Dominus vobiscum«, und ich antwortete: »Dominus Nabisco für alle.« Auch wenn mein Stiefvater nicht eingeweiht war, sagte ich es, weil ich es lustig fand. Mein Stiefvater hatte Humor. Aber genau das machte ihn so problematisch; ich denk mal, dass er irgendwie auch ein Psychotiker war.

Ich habe nie wirklich jemandem von meinem Zuhause erzählt. Ich hatte Freunde mit Eltern, die schlimmer schienen als meine, also hielt ich das alles für halb so wild. Irgendwie hatte ich nur einfach den Eindruck, dass das Leben so manchen Erwachsenen durchdrehen ließ. Es gab freilich auch Augenblicke, in denen ich wünschte, mein Dad wäre nie fortgegangen. Aus irgendeinem Grund schien mir eine unverheiratete Frau mit zwei Mädchen und einem Jungen leichte Beute zu sein. Als Mom dann eines Tages von der Arbeit kam und sagte, sie habe sich verliebt, freuten wir uns für sie und dachten, es würde alles besser. Aber leider heiratete sie einen Pädophilen, der sie tyrannisierte und schlug. Er drohte ihr, ihre Eltern zu verprügeln und ihre Töchter zu vergewaltigen, während sie bei der Arbeit sei. Und dann sagte er, er werde seine und die Macht seiner Familie dransetzen, um sie und ihre kleine Familie vor Gericht zu vernichten, sollte sie mit seinen Drohungen zur Polizei gehen. Es kam durchaus vor, dass meine Großeltern oder auch Mrs. Schnur genug von dem Radau hatten und die Polizei riefen. Aber als die dann kam, schob sie mit dem Hinweis auf »häusliche Gewalt« gleich darauf wieder ab. Ich wäre am liebsten zu meinem Dad gezogen, konnte mich aber des Gefühls nicht erwehren, dass er sich selbst nicht so recht zu helfen wusste, geschweige denn uns. Ich ging damals davon aus, dass womöglich auch ihn das Leben in die Knie gezwungen hatte. Mehr als zu überleben schien bei den Leuten um mich herum schlicht nicht drin. Ich für mein Teil überlebte, indem ich so viel schlief wie nur möglich und das bei verschlossener Tür, damit mein Stiefvater seine Drohungen nicht wahrmachen konnte. Das Leben in unserer Wohnung war hart, und auch wenn meine Mutter mich ermunterte, ein Fighter zu sein und mich durchzuboxen – die Aufgabe schien monumental.

Eine Zeit lang versank ich in eine von Sinusitis-Kopfschmerz begleitete Apathie. Ich ging deswegen zum Arzt und kam nicht auf die Idee, dass das Kopfweh mit meinem Stress zu tun hatte; ich dachte, es käme von Allergien. Der Arzt verschrieb mir Phenobarbital. Als ich die Pillen nahm – wow, ging’s mir da gut. Aber dann kam der Arzt aus irgendeinem Grund auf den Gedanken, ich versuche ihn nur zu linken, worauf er böse auf mich wurde und sich weigerte, mir auch nur noch ein weiteres Rezept auszustellen.

Es gab freilich auch kostbare Augenblicke der Freude mit Mom. Sie liebte Musik, Kunst, Drama, und ich denk mal, dass sich diese Liebe auf mich übertrug. Sie schwärmte für, ja hungerte nach Kultur, die ihr das Leben in unserer Gegend nicht gab. Sie sang zu Hause, und manchmal malte sie Bilder nach Zahlen. Wenn sie eines fand, das sie begeisterte, positionierte sie die Leinwand so aufgeregt, als wäre es bereits ein kulturelles Ereignis, sie auf der kleinen Staffelei zu sehen, die man zusätzlich zum Bild bekam. Ihre Lieblingsmaler waren die Impressionisten; sie liebte Renoir, Monet, aber auch die Postimpressionisten Gauguin und Van Gogh.

Außerdem hörte sie auf unserem neuen Philips-Stereo-Plattenspieler Debussy, Tschaikowsky und Satchmo. Und sie liebte Leonard Bernstein. Wenn sie uns also Prokofjews Peter und der Wolf vorspielte, dann in Bernsteins Übersetzung. Ich weiß noch, wie wir eines Tages auf ihrem Bett lagen und Debussys Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns hörten. Es war so schön, dass ich weinen musste. Ich fragte sie, ob einen Musik zum Weinen bringen könne, und sie sagte ja.

Ich lernte Gitarre nach einem Buch von Mel Bay. Gott hab den Mann selig. Ich spielte pausenlos, sang, schrieb Songs. Mit neun bekam ich zu Weihnachten einige Barbiepuppen und zwei LPs. Die eine war ein Supremes-Album mit dem Titel Meet the Supremes, die andere hieß Meet the Beatles. Ich machte beider Bekanntschaft nur allzu gern. Die Supremes hörten sich an, als wären sie in meinem Alter, als könnten wir Freundinnen sein, mit denen sich singen ließ. Ihre Songs waren eingängig, und es sang sich leicht mit. Es war wohl auch das erste Mal in meinem Leben, dass ich Call-and-Response mit jemandem sang. Die Beatles dagegen waren auf ganz andere Weise interessant, weil sie mein erster Schwarm waren. Und da die Medien sie uns als Individuen vorstellten und jeder sich seinen Lieblingsbeatle aussuchen sollte, nahm ich Paul. Meine Schwester und ich verkleideten uns als Beatles und traten mit Mopps vor unserer Familie auf.

Da meine Schwester Elen bei unseren Auftritten Paul sein wollte, war ich also John. Was immer meine Schwester machte, ich wollte dabei sein. Mom sagte, ich sei auf die Welt gekommen, um Elens Freundin zu sein, und ich nahm das wörtlich. Außerdem störte es mich nicht, John zu sein, weil er mit einer Cynthia verheiratet war. Und so heiße ich nun mal mit richtigem Namen, nicht etwa Cindy. Ich träumte sogar mal, mir mit John Lennon die Zähne zu putzen und neben ihm ins Waschbecken zu spucken. (Ich habe das später mal Sean Lennon erzählt, aber ich glaube, es machte ihm Angst.)

Durch die Duette mit meiner Schwester und Johns Platten lernte ich viel über Harmonie und die Struktur von Songs. Mit elf begann ich zusammen mit Elen zu komponieren. Als sie die Junior Highschool schaffte, bekam sie eine E-Gitarre, eine Fender nebst Amp, sodass ich zum Abschluss der sechsten Klasse ihre Akustikgitarre erbte. Unser erster gemeinsamer Song hieß »Sitting by the Wayside«. Ich nehm mal an, heute würde ich mir Sorgen machen, wenn mein Sohn so was schreiben würde, aber es war nun mal die Zeit des Protests.

Zuvor hatte ich immer bei Barbra Streisand mitgesungen, die ebenfalls in der Plattensammlung meiner Mutter zu finden war. Und dann trat ich oft für mich ganz allein mit ihren Broadway-Alben auf: My Fair Lady, The King and I, South Pacific. Ich war Ezio Pinza und Mary Martin. Außerdem war ich Richard Harris in Camelot. Manchmal schauspielerte ich beim Singen und machte dabei meine Verwandtschaft nach, die durch die Bank hochdramatisch veranlagt war. (Wir sind schließlich Sizilianer.) Vor allem mochte ich das Gefühl, das mich überkam, wenn sich beim Singen meine Stimme veränderte. Ich sah dabei den männlichen Hauptdarsteller direkt vor mir. Mein Innenleben und mein Leben im Spiel waren für mich beide so wirklich, dass ich mir einfach alles einbilden konnte. Das Traurige daran, mit Supremes und Beatles Bekanntschaft zu machen, war freilich, dass sich damit ganz plötzlich meine Musiksammlung von der meiner Mutter zu unterscheiden begann.

Auf der Highschool hörte ich Janis Joplin, Jimi Hendrix, Joni Mitchell, Sly and the Family Stone, die Chambers Brothers, die Four Tops und Cream. Motown war King und natürlich die Beatles, Beatles, Beatles. Als ich älter wurde, brachten sie das White Album heraus, dem vier große Fotos beilagen, die in meinem Zimmer an die Wand kamen. Unter denen träumte ich vor mich hin, malte, schrieb Gedichte, Songs oder spielte die Songs anderer auf der Gitarre nach. Manchmal bekam ich mit, dass meine Mutter rief, ich solle mein Zimmer aufräumen, aber ich versuchte, sie zu ignorieren. Einmal muss ich es wohl zu weit getrieben haben, weil sie schließlich hereinkam und sagte: »Du und deine Freunde (sie wies auf die Bilder ringsum), ihr räumt jetzt das Zimmer auf – und zwar sofort!« Sie hatte es wirklich nicht leicht.

Ansonsten war ich gern bei meiner Omi in der Wohnung über der unseren. Dort herrschte nicht ganz so dicke Luft wie bei uns, vor allem, wenn mein Großvater nicht zu Hause war. Sie erzählte mir dramatische Geschichten aus ihrem Leben in Sizilien, während sie ziemlich exotische Sandwiches – Hüttenkäse und Erdnussbutter auf »kalorienarmem« Toastbrot – machte. Ihre Sandwiches, sagte sie immer, mochten einem merkwürdig vorkommen, aber sie seien geschmacklich gar nicht so ohne und obendrein sehr gesund. Ihre Geschichten hörten sich ein bisschen nach Aesops Fabeln an, wenn auch mit dickem italienischen Akzent.

Einmal erzählte sie mir von einem jungen Mann, der immer vor ihrem Fenster gewartet habe, als sie noch ein junges Mädchen gewesen sei, nur um einen Blick von ihr zu erhaschen. Sie spielte mir die Geschichte vor. Es war wirklich fesselnd, und als ich mit ihr durch das Fenster guckte und auf ihren jungen Verehrer herabsah, konnte ich verstehen, warum der Typ in sie verliebt war. Sie beschrieb mir ihr langes Haar und drehte sich anmutig, um mir zu zeigen, wie weit es ihr auf den Rücken gefallen war. Ich konnte geradezu sehen, wie es sich mit ihr bewegte, und fühlen, wie weich es war. Omi trug das Haar damals kurz, gerade mal bis über die Ohren, mit einer natürlichen Welle und grauen Strähnen.

Sie erzählte mir, dass ihr Vater von ihrem Verehrer nichts habe wissen wollen, weil der junge Mann eine Brille getragen habe. »Was ist«, fragte ihr Vater, »wenn er im Alter das Augenlicht verliert? Was machst du dann?« Der verliebte junge Mann wusste, dass meine Großmutter gern nähte. Also schenkte er ihr ein kleines Nähset, woraus sie eine Lektion ableitete: »Gib nie jemandem, den du liebst«, sagte sie immer, »etwas Scharfes oder Spitzes, es sticht ihm mitten ins Herz.« Und wie Aesops Fabeln waren auch die Geschichten meiner Großmutter voller überraschender Wendungen; nur gingen sie statt mit »glücklich und zufrieden« allesamt traurig aus. Es tat mir immer leid für sie, dass ihr in ihren jungen Jahren kein Glück vergönnt war. Ihre Geschichten weckten eine Vielzahl von Gefühlen in mir. Ich sagte dann etwa: »Junge, Junge, Omi, wenn ich damals dabei gewesen wäre, also die hätten dir nichts getan. Denen hätte ich Saures gegeben, das hätte denen leidgetan.« Aber sie meinte dann: »Man hat eben damals gemacht, was einem gesagt wurde.« Und mir war klar geworden, dass ich, egal, wie sehr ich auch gefühlsmäßig mit ihren Geschichten in die Vergangenheit reiste, das Unrecht nicht wiedergutmachen konnte, das ihr aufgrund einer lächerlichen Mentalität angetan wurde, die Frauen an ihrer Entfaltung hinderte.

Überhaupt bekam ich als Kind eine Menge trauriger Geschichten über Frauen zu hören. Meine Mutter, die Kunst und Musik so sehr liebte, durfte trotz eines Stipendiums keine auf Gesang spezialisierte Highschool besuchen, weil meinen Großeltern zufolge »nur Huren in Manhattan zur Schule gehen«. Das war auch so eine lächerliche Ansicht, die mir auf die Nerven ging. Letztlich führte es dazu, dass meine Mutter überhaupt keinen Schulabschluss machte. Sie bekam allerhand gynäkologische Probleme und schmiss schließlich die Highschool um die Ecke in Queens. Dann ging sie arbeiten, um ihre Familie zu unterstützen. Ich wusste, sie wollte etwas anderes für mich.

Es gibt noch eine andere Geschichte aus meiner Kindheit, die immer mit den Worten begann: »Schau dir Tante Gracie an. Sie war so schön, als sie jung war, sie hätte Model werden können!« Ich hatte immer gedacht, dass eine Geschichte mit so einem Anfang gut enden müsste. Von wegen. Sie erwies sich als eine weitere traurige Angelegenheit, die folgendermaßen ging: Tante Gracie hatte einen Freund, der Fotos von ihr für eine Präsentationsmappe machte, mit der sie zu den Agenturen hätte gehen können. Nur fanden meine Großeltern die Bilder und zerrissen sie. Ich denke mal, sie waren entsetzt, ihre jüngste Tochter, so hübsch für die Kamera lächelnd, in Unterwäsche zu sehen. Ich glaube, dass sie damit auch einen Teil von ihr selbst zerrissen haben, weil sie noch nicht mal neue Abzüge holen ging.

Sie hatte trotzdem aber immer noch ein Wahnsinnslächeln und war voller Lebensfreude, die freilich mit entsetzlichen Abstürzen gepaart war. Man wusste manchmal schlicht nicht, was man ihr wieder angetan hatte. Und so richtig wohl in ihrer Haut war ihr zeitlebens nicht. Wir dachten, dass »sie ihr Kummer krank gemacht hat«, wie das bei uns in der Gegend hieß. Aber ich habe ihr Cousin und Cousine – Vinny und Susie – zu verdanken, mit denen ich aufwachsen durfte. Was für ein Geschenk!

Etwa fünfunddreißig Jahre, nachdem ich als Kind Tante Gracies Geschichte gehört hatte, spielte mir das Leben diese Fotos in die Hand: Ich arbeitete an einem Remake von »Disco Inferno« mit Soul Solution. 1999 war das. Ich unterhielt mich mit Bobby, der einen Hälfte von Soul Solution, und er erzählte mir, sein Onkel habe die Bilder von meiner Tante als junges Mädchen gemacht! Er gab sie mir, und als ich sie durchsah, dachte ich bei mir: »Weißt du was? Mom hatte recht. Deine Tante war wirklich schön. Sie hätte tatsächlich das Zeug zum Model gehabt.« Und für damals war sie mit einem Meter siebzig sogar groß genug. Sie sah bezaubernd aus – wie eine junge Polly Bergen – und hatte auf den Fotos die »Artischocken-Frisur«, die in den Fünfzigern der letzte Schrei war. (Natalie Wood hatte haargenau denselben Schnitt in … denn sie wissen nicht, was sie tun.) Außerdem blitzte ihr, zusammen mit einem Hoffnungsschimmer, der Schalk aus den Augen. Von dem Kummer, der ihrem Ausdruck später anhaften sollte, war auf diesen Fotos noch nichts zu sehen. Er musste sie später befallen haben, nach und nach, als sie akzeptiert hatte, was meine Großeltern als »sichere« Existenz für sie sahen. »Ich hätte sein können, sein sollen, wäre weiß Gott was geworden, wäre da nicht …« Das ist ein Refrain, der mich mein Leben lang verfolgt hat, mal von meiner Mutter geäußert, mal von den Leuten aus meiner alten Gegend in Queens, die ich vergessen habe.

Wenn ihr mich also fragt, ob ich wusste, dass »Girls Just Want to Have Fun« ein Hit werden würde, und ich euch sage, dass ich den Song zuerst gar nicht aufnehmen wollte, weil er mir Frauen nicht sonderlich zuträglich schien, versteht ihr vielleicht jetzt, warum. Aber dann meinte mein Produzent Rick Chertoff: »Denk doch mal, was der Song bedeuten könnte.« Und da hatte ich plötzlich die Gesichter meiner Mutter, meiner Tante, meiner Omi vor mir. Und ich dachte mir, vielleicht könnte ich etwas machen, etwas sagen, und das so laut, dass es auch das letzte Mädchen noch hören würde – jedes Mädchen, egal welcher Hautfarbe. Und dann sagte ich mir: »Ja, zum Teufel noch mal, ich mach eine Hymne daraus! Vielleicht wird es etwas, das uns aufweckt und zusammenbringt.« Vielleicht würde daraus direkt unter der Nase der Unterdrücker eine Bewegung, und keiner würde es merken, bis sie sich nicht mehr aufhalten ließ. Ich würde das bringen, komme, was da wolle. Ich würde das bringen – für jede arme Haut, die je ihre Träume und Freuden zerschlagen sah.

KAPITEL ZWEI

Ich wäre so furchtbar gerne auf eine Highschool für darstellende Künste gegangen. Aber als meine Mom das mit meinem Vertrauenslehrer der achten Klasse besprechen ging, fragte der sie, ob sie wirklich wolle, dass ich irgendwann als Serviererin dastehe wie sie. Er brachte sie zum Weinen mit dem Gedanken, ich könnte eines Tages so enden wie sie. Dieser Scheißkerl – ich habe den Typen nie leiden können. Und da unsere Familie in der Bekleidungsbranche tätig war und mein Onkel sich einen Namen als Schnittmusterhersteller gemacht hatte, riet dieser sogenannte Experte meiner Mom, ich sei wohl besser auf der Highschool of Fashion Industries aufgehoben. Wie durch ein Wunder schaffte ich die Aufnahmeprüfung.

Das Beste an der Mode-Highschool war das Abenteuer, mit dem A Train zur Berufsschule in Manhattan zu fahren. Ich verbrachte eine Unmenge Zeit damit, mir in der U-Bahn die an den Halteschlaufen hängenden Leute anzusehen, und empfand es als erhebend, zu dieser Gemeinschaft zu zählen. Manhattan hatte so gar nichts gemein mit Ozone Park, Queens. An der Highschool lebte ich das Leben, das meiner Mom nicht vergönnt war. Ich ging in Manhattan zur Schule! Meine Großeltern hatten völlig danebengelegen. Hier zur Schule zu gehen hatte nichts damit zu tun, eine Hure zu werden. Es ging darum, sich Kultur und Bildung anzueignen und einfach immer mehr zu wollen. Ich fuhr täglich ins Mekka der Künste, der Mode und der Musik. Ich fuhr täglich in eine Stadt voller Glamour. Vielleicht hatten meine Großeltern ja Angst gehabt, meine Mutter würde mit einem Schuss Kultur »Sicherheit« und »Demut« nicht mehr akzeptieren.

Da ich noch nie sonderlich gut mit der Zeit umgehen konnte, lief das alles nicht ohne Hektik ab. Einmal hatte ich ein Kleid für den Unterricht genäht und ging damit in meinen klotzigen hohen Schuhen die sechs Blocks zur Liberty Avenue hoch wie immer, meine Mappe in der Hand, eine Handtasche über der Schulter, meine Bücher unter dem Arm. Mein selbst genähtes Kleid hatte die Säume außen, was ich schick fand – es war nur leider so, dass der Gedanke der Dekonstruktion sich damals noch nicht durchgesetzt hatte. Ich muss ein Bild für die Götter gewesen sein.

Im ersten Jahr an der Highschool belegte man allerhand Nähkurse wie den für Industriemaschinen oder den für feine Stoffe. Ziemlich frustrierend fand ich den Schuhmacherkurs, weil wir gerade mal eine Messerscheide aus Kalbsleder anfertigen durften. Außerdem endete der Kurs, so stellte ich mir vor, unter einem Haufen reparaturbedürftiger Schuhe in einer Flickschusterei. Meine Lehrerin in der Klasse für die maschinelle Verarbeitung feiner Stoffe trug furchtbar altmodische Sachen wie knielange gerade Röcke oder kurzärmelige Blusen mit Aufschlag; und sie stopfte sich immer ein gebügeltes Taschentuch in den Ärmel des linken Arms. Sie gab mir siebzig Punkte und meinte, die Knoten am Ende meiner Fäden sähen aus wie Torpedos, wann immer wir mit Nadel und Faden zugange waren.

Der Abschuss war der Kunstunterricht. Den mochte ich sogar, nur geriet ich mit der Lehrerin über Kreuz. Sie wollte, dass ich mich woanders hinsetzte, und ich sah nicht ein, warum. Ich blieb, wo ich war. Um den Kurs zu bestehen, sagte sie, hätte ich bis Ende des Semesters zwölf Bilder einzureichen. Ich malte mir einen Wolf. Und hatte meine Freude dran. Ich blieb die ganze Nacht über auf und malte, während die arme Elen im Bett neben dem meinen lag, das Kissen über dem Kopf. Wenn ich jetzt so zurückblicke, sehe ich, dass es furchtbar egoistisch von mir war, das Licht anzulassen. Aber meine Schwester war schon immer schwer in Ordnung. Ich arbeitete mit Aquarell- und Plakatfarben, weil man damit prima ohne Staffelei malen konnte. Ich setzte mich einfach auf den Boden und malte Sachen wie den Wald bei Nacht oder den Garten meiner Großmutter, der gleich vor unserem Fenster im Mondschein lag.

Dann kam der Tag, an dem ich meine Werke stolz meiner Lehrerin übergab. Nur sah die sich gerade von einem der älteren Mädchen aus der Klasse bedroht, das ihr gesagt hatte, dass sie sie besser nicht durchrasseln lasse. Die Schule lag nicht eben in der besten Gegend, und man musste ständig irgendwelchen Rabauken aus dem Weg gehen. Da sie beschäftigt war, sagte ich: »Hier sind die Bilder«, legte sie ihr hin und ging.

Als ich mein Zeugnis bekam, hatte ich null Punkte in Kunst. Die Lehrerin behauptete, nie Bilder von mir bekommen zu haben. Ich hätte mich an eine von Aesops Fabeln erinnern sollen – die mit der Moral, sich immer eine Quittung geben zu lassen oder so. Ich war am Boden zerstört, mir all die Arbeit umsonst gemacht zu haben. Auch in Englisch und Mathe war ich durchgefallen. Schließlich hatte ich die ganze Zeit gemalt; was hätte ich da sonst noch groß machen sollen?

Alle Welt ermahnte mich, fleißig zu lernen, aber kein Mensch hatte mir je gesagt, wie das geht. Ich hörte nur immer, ich solle mich auf den Hosenboden setzen, sonst werde es mir wie all den anderen um mich herum ergehen. Was ich zutiefst beunruhigend fand. Aber ich wusste einfach nie, wo und wie ich was anfangen sollte, sodass mir alles zu einer beängstigenden Aufgabe geriet, die ich aufschob. Und dann schlief ich ein. Es gab Zeiten, da machte ich ein Buch auf und saß dann davor, vor Angst schier gelähmt. Ich war zu verängstigt, um zu lernen, und sah mich schon vorher versagen. Also versagte ich. Ich dachte mir, wenn ich schon fiele, dann besser gleich in den Keller, dann wäre das Schlimmste vorbei. Ich weiß noch, wie ich das Zeugnis nach Hause brachte, auf dem auch nicht ein einziges »Ausreichend« stand. Ganz zu schweigen von den null Punkten in Kunst. Ich denke mal, ich hätte auch daraus irgendwas lernen sollen, aber es war zu niederschmetternd, um eine Lehre daraus zu ziehen. Ich erinnere mich noch, wie sich mein Stiefvater das Zeugnis anguckte und meinte: »Du bist in Sport durchgefallen? Ist das nicht wie beim Essen durchfallen?«

Doch bevor ich die Schule schmiss, steckte man mich noch in eine Klasse für leistungsschwache Genies. Dort hatten wir eine Englischlehrerin, die tatsächlich inspirierend war. Sie brachte einen Janis-Ian-Song mit und behandelte ihn nicht wie einen Songtext, sondern wie ein Gedicht. Wirklich gute Songtexte sind Gedichte, und das hat mich wirklich interessiert. Was meine Englischlehrerin dazu brachte, mich für förderungswürdig zu halten, war mein Verständnis für Hemingways Der alte Mann und das Meer. Ich denk mal, sie wollte mich nicht wieder zurück ins Wasser werfen, nachdem sie sah, dass mich das Buch interessierte und ich die Metaphern verstand, an denen ihr so viel lag.

Aber letzten Endes war ich eben kein leistungsschwaches Genie – ich war einfach schwach. Punkt. Und so landete ich wieder in der ersten Klasse der Highschool in Richmond Hill. Meine Schwester befand sich dort schon im letzten Jahr, und ich konnte mich beim Mittagessen immer zu ihr an den Tisch setzen, sodass ich mir nicht gar so zurückgeblieben vorkam. Als Elen ihren Abschluss machte, blieb ich bei meinen jüngeren Freunden und machte die Hälfte des ersten Jahres nach. Ich entwickelte jedoch furchtbare Depressionen und brachte einfach die Noten nicht. Ich hatte irgendwann das Gefühl, in einem ewig wiederkehrenden Albtraum zu stecken, und hoffte, dass es irgendwo noch eine andere Realität gab.

Die einzigen Ablenkungen, die mich über den Tag brachten, waren hübsche Dinge wie die auf- oder untergehende Sonne, ein blühender Baum, singende Vögel oder die Blumen im Garten meiner Großmutter. Ich hatte nie das Gefühl, in diese Welt zu gehören. Immer stand ich mit einem Bein in einer anderen Welt. Ich sei eine Tagträumerin, bekam ich zu hören. Und ich träumte tatsächlich vor mich hin, aber ich schrieb auch eine Menge Gedichte und versuchte zu zeichnen, was immer ich sah.

Die wenigen Freundinnen, die mir nach Elen an der Schule geblieben waren, erklärten sich für lesbisch, und bei ihrem Coming-out dachte ich: »Oh Gott, ich bin lesbisch – wenn die lesbisch sind.« Also habe ich es probiert. Eine meiner engsten Freundinnen sagte mir, sie habe sich in mich verliebt. Nun, ich wollte meine Freundin nicht verlieren, also hielten wir Händchen, küssten uns, aber so richtig bei der Sache war ich nicht. Ich las sogar Der Fuchs von D. H. Lawrence, aber so sehr ich es auch versuchte, ich fühlte einfach nicht, was sie fühlte. Ich mochte sie, aber eben nicht so. Ich musste ihr die Wahrheit sagen: Ich war nicht wirklich eine Lesbe. Ich musste mich outen – als heterosexuell.

Als sich der Abschluss einmal mehr um ein Jahr verschob und mir meine Extrazeit an der Highschool wie zwei weitere Semester im Elend vorzukommen begann, gab ich auf. Ich war erledigt. Ich war siebzehn. Nach meinem Abgang von der Schule hatte ich einige Freundinnen, die mich meine missliche Lage vergessen halfen. Eine von ihnen war ein Mädchen aus der Nachbarschaft, Susan Monteleone. Sie wohnte gleich um die Ecke auf der anderen Straßenseite und hatte sogar eine größere Schwester, die so alt war wie Elen. Und noch viel besser war, sie spielte Gitarre wie wir. Sie spielte immer besser als ich. (Ich bin schon dankbar überhaupt spielen zu können und finde es beruhigend, obwohl ich heute für gewöhnlich Dulcimer spiele und die Gitarre nur noch zum Songschreiben dient. Ich stimme übrigens die Gitarre in Quinten wie einen Dulcimer.)

Susan brachte mich außerdem auf die Frauenbewegung. Wir gingen zusammen auf eine Demo für Frauenrechte an der Alice-in-Wonderland-Statue im Central Park. Vorher trafen wir uns mit einigen anderen Frauen aus Susans Bekanntschaft in einem Hotel. Sie schienen mir ziemlich zornig und sahen mir ganz nach Hardcore-Lesbierinnen aus. Ich habe mal einige ältere Männer aus meinem Viertel von der Frauenbewegung als einem »Haufen zorniger Lesben« sprechen hören. Damals dachte ich mir, sie meinten damit, dass eine Frau nur mal einen richtigen Kerl im Bett bräuchte, dann würde sie schon wieder nach ihren Vorstellungen spuren. Aber als ich diese Frauen so reden hörte, schienen sie mir jeden Grund zu haben, derart zornig zu sein. Sie sprachen über Bürgerrechte für alle Frauen, ihre und auch die meinen. Mit Stereotypen ließ die Szene sich nicht beschreiben – sie war revolutionär. Susan unterhielt sich mit einer Bekannten von ihr, und als man dann aufzubrechen begann, sagte jemand, wir zwei könnten in ihrer Limousine mit zum Park fahren.

Im Auto redeten alle aufgeregt durcheinander. Susan und ich hatten zwei Wochen lang eingeübt, was wir sagen – und überlegt, was wir nicht sagen – wollten. Susan verbrannte die Lockenwickler aus Hartplastik, auf denen sie jahrelang geschlafen hatte, damit ihre Haare nach etwas aussahen. Was mir einleuchtete. Wie lange ließ sich das aushalten, bevor man die verdammten Dinger auf den Müll warf? Ich fand das aufregend. Genauso aufregend wie in der ewig langen Limousine mit diesem Sammelsurium von Frauentypen zu sitzen, deren bloßes Geschnatter an sich schon das Inspirierendste seit langer Zeit war.

Ich verstand jedes Wort, das ich in dem Wagen hörte, und war größtenteils damit einverstanden. Aber insgeheim mochte ich eben doch dies und jenes von der Mode, auf die sie herabsahen, auch wenn ich ihnen nur beipflichten konnte, dass einige modische Elemente frauenfeindlich sind – wie etwa die hohen Absätze, die uns ausbremsen. Aber allein schon mit fünfzehn in diesem Auto zu sitzen war eine so intensive Erfahrung, dass ich denen nicht einfach sagen konnte: »Aber eigentlich mag ich die ja schon, die Schuhe.« Und schon gar nicht in meinem Secondhand-Akzent aus Queens.

Was meinen großen Auftritt an der Mülltonne anbelangt: Nun, ich hatte einen von den alten BHs meiner Mutter mitgebracht, den sie mir geschenkt hatte, als ich für meinen Übungs-BH zu groß geworden war. Er war spitz und altmodisch. Ich trat an die Tonne aus Drahtgeflecht, hielt den BH meiner Mutter hoch und sagte: »Ich verbrenne dich für mich, meine Mutter und für meine Großmutter!« Es war einer der Augenblicke in meinem Leben, die so richtig guttaten und so einige von den weniger glorreichen wettmachten. Außerdem hätte Mom das Ding meiner Ansicht nach sowieso längst wegwerfen sollen.

Es war eine neue Zeit. Es war die Zeit des Protests und des freien Denkens und der Freiheit an sich. Obwohl ich persönlich immer der Ansicht war, dass die Frau bei der »freien Liebe« eher den Kürzeren zog. Sie mochte ja frei sein, diese Liebe, aber für wen? Ich meine, eine Frau mochte sich all die Freiheiten nehmen, die man einem Mann zugestand, und mit jedem schlafen, nach dem ihr gerade war, ja? Da war sie eben doch wieder das Flittchen. Und sagen wir mal, man suchte sich aus, mit wem man schlief – wie ein Mann? Dann war man entweder eine Lesbe oder frigid. Man sollte die Kontrolle über seinen Körper und sein Leben haben – wie ein Mann. Aber im Jahrzehnt zuvor war die Empfängnisverhütung mit ins Spiel gekommen. Immerhin befanden wir uns in einer Zeit, in der in den Vereinigten Staaten so manche junge Frau, so manches Mädchen an den Folgen einer illegalen und unsicheren Abtreibung starb.

Susan und ich hatten außerdem ein Folkduo gebildet; wir nannten uns Spring Harvest. (Ich meine wirklich! Ich hätte mir denken können, dass daraus nichts werden konnte. Man erntet nun mal nicht im Lenz.) Aber es war trotzdem eine großartige Erfahrung. Wir traten zweimal in einem kleinen Café an der Straße vom Woodhaven Boulevard zu Alexander’s am Queens Boulevard auf. Es war ein putziger Laden, aber wir erhielten kein Geld. Wir mussten unsere Freunde mitschleppen, damit überhaupt jemand kam. Später, als Profi, erfuhr ich, dass dieses System unter der Bezeichnung »pay-to-play« bekannt war. Statt eine Gage von einem Club zu bekommen, bezahlte man indirekt den Club, indem man seine Freunde einlud.

Bei unserem ersten Gig eröffnete ein Komiker für uns. Elen und Wha kamen mit ihrem Freund Dominic, der dem armen Kerl ständig dazwischenrief. Dummerweise war Dominic witziger als der Komiker, was ein großes Problem für uns darstellte. Wir gingen hin, noch bevor der Laden aufmachte, um uns alles anzusehen. Der Besitzer sagte zu mir: »Pass auf, Mädel, wir haben hier keine Mikros. Aber oben an der Decke befindet sich eine Akustikfliese. Wenn ihr da raufsingt, können euch alle hören.« Also, nach allem, was ich weiß, dämpfen Akustikfliesen die Schallreflexion, man bringt sie an, um die Akustik im Raum zu verbessern. Und der Typ hatte noch nicht mal die ganze Decke damit beklebt, wie sich das gehört – er hatte nur eine einzige Fliese von der Art angebracht, wie sie auch der Vater meiner Freundin beim Renovieren ihres Keller benutzt hatte, die irgendwie diagonal von einer tiefer gelegten Korkdecke hing. Ich stand also auf einer Bühne, die nicht eigentlich eine Bühne war, sondern eine hölzerne Tanzdiele in der Mitte des Raums, und besang diese Fliese. Ich hielt den ganzen Abend lang drauf, was das Zeug hielt. Vor allem bei meinen leiseren hohen Parts bei Eric Andersens »Thirsty Boots«. Ich hatte mir von dem Typen einreden lassen, dass das tatsächlich funktionierte. (Hey, es war mein erster Gig!) Witzigerweise kann ich, wenn es sein muss, heute noch mit meiner Stimme »zielen«.

Das Duo war ein Kontrastprogramm und lenkte mich von der Schule und von zu Hause ab und davon, dass meine Schwester auszog. Ich funktionierte plötzlich alleine und konnte mich selbst definieren. Ich hatte das Gefühl, dass es ja vielleicht doch etwas gab, worin ich gut war. Aber letztlich wurde nichts daraus; wir waren einfach zu jung. Immerhin kam es einmal zu einem Treff mit einem Agenten/Manager. Susan hatte ihn aufgetan. Sie wusste immer über alles Bescheid, sie war eine richtige Macherin. Susan korrespondierte sogar mit der Mutter von Joan Baez! Ich denke mal, dass das als Fanpost begonnen hatte, aber schließlich bat sie die Frau um Rat. Und man muss es Joan Baez’ Mutter wirklich lassen: Sie schrieb zurück. Wie auch immer, wir spielten dem Agenten/Manager vor, und er ließ uns wissen, wir bräuchten ein paar Jungs in der Band, damit wir uns nicht auflösten, wenn wir heirateten. Ich glaub, ich spinn!

Während alledem kämpfte ich mich noch in der Schule ab. Nie werde ich die null Punkte vergessen, die ich in Kunst erhielt, weil ich mir wie eine Null vorkam in einem Förderkurs für Kunstbehinderte, so empfand ich das. Ich weiß noch, dass man mir kleine Scheren mit runden Kanten gab, wie man sie im Kindergarten hat. Man hieß mich, Papierhütchen zu machen, die wir mit lösungsmittelfreiem Leim zusammenklebten (da einige Kids in der Klasse damals bereits am Schnüffeln waren).

Ich ging damals zum Leiter des Fachbereichs Kunst an der Schule und verlangte, nicht länger bestraft zu werden. Irgendwie konnte ich ihn dann dazu überreden, mich in seinem Kurs aufzunehmen. Er mochte meine Sachen, was es mir ermöglichte, während des Sommers ein Kunstprogramm an der Washington Irving Highschool in Manhattan zu absolvieren, das mir wirklich gefiel. Aber danach saß ich wieder in der Highschool in Richmond Hill und rasselte durch.

Diesmal steckten sie mich in ein anderes Programm, eines für Kinder, die noch nicht mal dran denken können, ans College zu gehen. Man lernte dort, was man als Bürokraft so braucht, und das machte ich dann auch. Die Schule bot einen Blick auf die Docks, und so sah ich den Schiffen nach und fragte mich, wie es wohl wäre, Tugboat Annie zu sein. In Gedanken führte ich das geheime Traumleben von Walter Mitty. Und auf diesen Docks, auf die ich immer hinausstarrte, schrieb ich dann einen Wunsch auf einen Zettel, den ich zu einem Schiffchen faltete und im East River vom Stapel ließ. Ich wünschte mir, eines Tages jemanden kennenzulernen, der Künstler war und kreativ und verstand. Jemanden, der das Kind in sich nicht vergessen hatte. Ich denk mal, das war wie in dem Song aus Disneys Schneewittchen, »Someday My Prince Will Come«.

1988, etwa vier Jahre, nachdem ich berühmt geworden war, lud mich die Highschool in Richmond Hill zu einem Ehemaligentreffen ein. Als »Berühmtheit« hatte ich eine Menge Kram in der Post, und manchmal kam ich sogar dazu, etwas aufzumachen und zu lesen. Ich war damals wirklich der Hamster im Rad (wenn ich »Money Changes Everything« sang, dann wusste ich genau, wovon ich sprach). Eine meiner engsten Freundinnen, Katie Valk, die auch meine erste Presseagentin war, saß am Tisch in meiner Küche in dem Loft, das ich mir im American Thread Building gekauft hatte. Sie hatte schon mit mir während meiner Zeit bei der Band Blue Angel gearbeitet. Wirklich nahegekommen waren wir uns an dem Abend, an dem meine Band sich auflöste. Sie hörte mir geduldig zu, als ich mich in einer Bar im West Village darüber ausheulte, und sagte dann: »Nun sei doch nicht so ein Opfer.« Und sie hatte recht. Ich kam drüber weg.

Katie arbeitete für die PR-Firma Solters/Roskin/Friedman und war eine der besten Presseagentinnen jener Zeit. Als ich den Brief aus Richmond Hill aufmachte, der mich zu dem Jahrgangstreffen einlud, sagte ich zu Katie: »Ja, sonst noch was – rausgeschmissen haben die mich!« Also, damals bekamen eine Menge berühmter Leute Ehrentitel von dem einen oder anderen College. Und so musste Katie lachen und sagte: »Du solltest nur hingehen, wenn sie deine Relegation kassieren und dir einen Highschool-Abschluss ehrenhalber verleihen.« Worauf ich rief: »Yeah!« Nicht, dass ich auch nur einen Augenblick glaubte, dass man sich darauf einlassen würde. Dummes Kindchen – und wie die sich drauf einließen! Also machte ich mir mithilfe meiner damaligen Stylistin Laura Wills ein Outfit zurecht. Und die meinte: »Unter deiner Robe sollten Schuhe mit Obst drauf hervorgucken!« Und ich dachte mir: »Das wär ja zum Schießen.« Und natürlich machte ich es dann auch.

Meine Mutter kam zu meiner »Abschlussfeier« und hatte eine Polaroid mitgebracht. Sie knipste wie wild und rief mir aus der Menge heraus zu. Sie war so stolz auf dieses Zeugnis und hatte eine Träne auf der Wange, als ich in meiner schwarzen Robe den Gang raufging. Und erst da wurde mir klar, wie wichtig mir dieses Highschool-Zeugnis tatsächlich war. Das war nicht nur das General Equivalency Diploma, ein Zeugnisersatz, das ich machen musste, um ans College gehen zu können, wo ich ebenfalls nach einem Jahr flog. Nein, es war ein richtiger Abschluss.

Meine Mutter gab sogar eine Abschlussparty bei einem Japaner in Queens. Sie hatte einige ihrer engsten Freunde eingeladen, so stolz war sie. »Du hast es endlich geschafft«, sagte sie.

Als Teenager war ich ständig auf der Suche nach einem besseren Ich oder einem besseren Weg. Ich lebte in meinem Kopf. Ich sprach mit mir, ich summte mir etwas vor, ich sang für mich – sogar in Sprechchören. Es gab Songs, die mir über den Tag halfen. Joni Mitchell sang von Freiheit, und sie hatte Songs, die mir ein Refugium boten, wo sich meine Einsamkeit mit der ihren teilen ließ. Und dann gab es da einen Beatles-Song von John Lennon: »Across the Universe«. Genau da meinte ich zu leben: über das Universum verstreut. Ich begann außerdem, öfter ins Greenwich Village zu gehen.

Das erste Mal, dass ich nach Greenwich Village kam, war mit meiner Schwester und meinem Bruder, und ich war noch klein. Meine Mutter ist mit dem Wagen durchgefahren. Sie sagte: »Guckt mal, Kinder, das sind Beatniks. Und da schaut, das da sind Hippies.« Meine Mutter hatte ein Faible für alles Exotische. Sie wollte nicht, dass wir ihr Leben führen müssten. Sie war ausgesprochen behütet aufgewachsen, und sie wollte nicht, dass wir uns vor der Welt fürchteten. Sie hatte eine Schwäche für die Boheme. Kein Mensch in Queens ging ins Museum – außer ihr. Und sie las über chinesische Architektur und Yogis und Shakespeare. Aber sie ist Sizilianerin, und da hat man nun mal diese Einstellung, die Frauen nicht hochkommen lässt.

Alles in allem war Mom ziemlich cool. Als ich elf war und die Beatles nach New York kamen, fuhr meine Mutter meine Schwester, ihre Freundin Diane und mich zum Hilton am Belt Parkway in der Nähe des Flughafens; wir wollten die Beatles vorbeifahren sehen. Sie ließ uns eine Weile allein, weil sie wusste, dass wir nicht ins Verkehrsgewühl laufen würden. Also warteten wir. Und warteten. Mit einem Mal sahen wir eine Reihe Autos kommen – und sie waren es tatsächlich. Ich schloss die Augen und begann aus Leibeskräften zu schreien, und als mir klar wurde, dass ich sie eigentlich sehen wollte, waren sie auch schon vorbei. Dabei war ich so hübsch angezogen. Ich trug dunkle Caprihosen, spitze Schuhe und eine ärmellose grün, blau und schwarz karierte Bluse mit Herrenkragen. Ich bin nie wirklich einem Beatle begegnet, aber einmal, als Kind, auf der Weltausstellung 1964–1965, habe ich Tony Bennett gesehen. Als ich später mal Gelegenheit hatte, mit ihm zu singen, sagte ich ihm: »Wissen Sie, ich habe Sie mal auf der Weltausstellung gesehen. Sie kamen die Rolltreppe runter, und ich fuhr hinauf. Ich winkte Ihnen zu, und Sie winkten zurück. Erinnern Sie sich an mich?« Ich hielt das für witzig, aber ich glaube, ich machte ihm Angst. Russ Titelman, ein Produzent, der damals mit mir arbeitete, meinte, ich höre mich wie eine Stalkerin an.

1970 ging ich von zu Hause weg und zog zu meiner Schwester und ihrer Freundin Wha in deren Souterrainwohnung in der Ash Street 6 in Valley Stream. Damals las gerade alle Welt J.R.R. Tolkiens Trilogie, und so nannten wir sie Hobbitshire. Ich weiß noch, dass ich grüne Jeans und ein gelbes T-Shirt trug und dachte: »Hobbits tragen Gelb und Grün und Braun und leben in einem Loch in der Erde. Genau wie ich!«

Meine Schwester und ich bemühten uns, auch meinen elfjährigen Bruder zu uns zu holen, aber Mom holte ihn wieder ab. Es brachte mich schier um, ihn zu verlassen. Aber ich musste jetzt zusehen, wie ich mein eigenes Leben angehen und was ich damit machen wollte. Ich muss es meiner Mutter hoch anrechnen, dass sie einmal mehr mit mir einkaufen ging, damit ich bei der Jobsuche was anzuziehen hatte. Und mithilfe der Herzensgüte von Whas Familie mütterlicherseits, der Pepitones (ja, wie der Baseballspieler), kamen wir irgendwie durch. Whas Onkel Lou schwindelte für mich und gab mir eine Referenz für einen Job als Mädchen für alles an der Rezeption eines Verlags namens Simon & Schuster in der Park Avenue South 251 – ganz zufällig derselbe, bei dem jetzt dieses Buch erscheint.

Aber natürlich hatte ich auch als Mädchen für alles zwei linke Hände. Ich tat mein Bestes, nur dass ich eben keinen Schimmer hatte, was zum Teufel ich tat. Meine Kleider waren wohl auch ein bisschen zu sexy. Ich kaufte mir ein Mohairkleid, das vielleicht etwas eng saß, schließlich war es ein Strickkleid, und Ponyhair-Boots und falsche Wimpern, und so saß ich dann hinter der Rezeption. Und wenn ich mir das Mittagessen holte, brachte ich ein Bier mit. Nicht gerade der beste Look, als Aushängeschild für die Firma. Und so kam denn auch bald jemand und meinte: »Äh, das Bier, also das lassen Sie mal besser weg.« Ich gab mir wirklich alle Mühe, aber ich hatte es einfach nicht drauf. Einmal, als ich im Büro meiner Chefin für sie ans Telefon gegangen war und den Hörer auflegte, war er voll Schweiß.

Ich war zwei Monate dort. Was für die wirklich nicht einfach war. Ich schlief beim Lesen der Post ein. Ich gab mir alle Mühe, aber die Schreiben waren einfach zu langweilig. Im Archiv gab es noch nicht mal ein Fenster. Ich fand nie, wonach die Leute fragten. Viele schrien mich übers Telefon an. Einige legten auf. Aber erst als die elektrische Schreibmaschine geliefert wurde und ich nicht über neunzehn Wörter pro Minute hinauskam, rief meine Chefin mich schließlich zu sich ins Büro. Sie war eine hübsche Schwarze, ausgesprochen smart, stilvoll und obendrein wirklich nett, da sie mich so lange ertragen hatte. Sie sagte, sie möge mich wirklich, aber ich sei die lausigste Bürokraft, die sie je gesehen habe. Und so sehr sie es bedauere, sie müsse mich gehen lassen.

Während ich mich mit meinen Jobs herumschlug, verlor meine Schwester den ihren. (Ich weiß nicht so recht, warum, aber übereinstimmender Ansicht nach lag es daran, dass sie jeden Tag dasselbe trug.) Whas Dad gab Gitarrenunterricht; und er spielte in einer Hochzeitsband. Es war nicht einfach, damit eine Familie durchzubringen. So schaute Wahs Mutter immer wieder bei uns rein und half aus, wo sie nur konnte. Manchmal brachte sie was zu essen mit. Wha selbst konnte Spaghetti machen und Erbsensuppe, die sogar ziemlich gut war. Aber insgesamt mangelte es an Essen und Geld. Also übte ich mich darin, nichts zu essen. Ich wusste allerdings nicht, dass man beim Fasten viel Wasser trinken sollte, was ich nicht tat.

Es war im Winter 1970, als ich eines Tages von der Arbeit nach Hause kam und merkte, dass mir ein kleiner Hund hinterherlief. Er sah mir nach einer Mischung aus Fox und Beagle aus. Es war ein Mädchen, und es wich mir nicht mehr von der Seite. Und in dem Augenblick verknallte ich mich in den Hund, obwohl ich wusste, dass ich mir keinen leisten konnte. Wir hatten kein Geld und, so wie es damals aussah, noch nicht mal eine Zukunft. Aber der Hund gab nicht auf. Er legte sich vor unsere Tür, und als Wha ihn sah, nahm sie ihn mit rein.

Wha taufte den Hund Sparkle, weil er eine Art Stern auf dem Rücken trug. Ich hatte damals Der kleine Prinz gelesen, und Sparkle sah mir genau wie der Fuchs darin aus. Im Gegensatz zu dem Fuchs im Buch jedoch war sie nicht nur kein Fuchs, sie war auch schwanger, und wir befanden uns mitten im Winter. Unmöglich, sie wieder in den Schnee hinauszuschicken.

Ich hatte außer Der kleine Prinz auch andere Bücher gelesen, darunter Siddhartha, Der Hobbit, Paul Twitchells Buch über Astralprojektion und Grapefruit, das zu verbrennen ich mich weigerte, obwohl es hinten draufstand. Ich arbeitete an der Art und Weise, wie ich die Welt sah. Ich bemühte mich um ein aufgeklärtes Weltbild. Ich wollte aufwachen. Es war auch ein Buch über Groupies darunter, das eben herausgekommen war. Ihr Modeempfinden war so was von frisch; es war diese großartige Mischung aus Straße und Couture, die so neu für mich war, da in meiner Gegend Lord & Taylor und Gimbels – biederer Kaufhaus-Chic mit anderen Worten – große Mode gewesen waren.

Eric Claptons »Layla« war damals ganz groß. George Harrisons All Things Must Pass war gerade erschienen, das Album mit den Songs »What Is Life« und »Wah-Wah« (der natürlich Wha ansprach). Wir hörten uns die Alben an, tanzten dazu, starrten die Covers an. Wir diskutierten über das Leben, die Liebe, wie wohl unsere Zukunft aussah. Elen und Wha spielten Gitarre. Ich spielte ebenfalls und sang oder bediente den Rekorder. Wha war freilich rasch frustriert, wenn sie uns zuhörte. Immer wieder erklärte sie uns, dass man die Akkorde an der Hand abzählen könne, um die richtigen Folgen zu finden. (C, F und G zum Beispiel sind 1, 4 und 5 in C-Dur, was aber in D-Dur zu D, G und A wird, sodass hier der A-Akkord 5 entspricht. Alles klar?)

Manchmal war sie so frustriert, dass sie uns einfach darum bat, den Mund zu halten. Nicht dass mich das je gestört hätte, aber meine Schwester dafür umso mehr, und so hörte sie schließlich zu spielen auf. Mir persönlich war es immer egal, was andere von meinem Gitarrenspiel hielten oder von meinem Gesang. Mich interessierte nur, was ich dabei empfand. Für mich machte das Leben Pause, wenn ich die Schwingungen eines Tons in meinem Körper spürte, es gibt nichts Beruhigenderes, als die Schwingungen bestimmter Töne in seinem Körper zu spüren. Hohe Töne zum Beispiel geben mir das Gefühl, hoch über dem Getümmel zu schweben, ohne nach unten oder nach hinten zu sehen.

Es war damals eine andere Zeit. Es war eine Kulturrevolution im Gange. Das Zeitalter des Wassermanns stand vor der Tür. Die Zeiten würden sich radikal ändern. Die Bürgerrechtsbewegung hatte voll eingeschlagen. Ich ging runter zum Fillmore, einem Club in der Nähe des Union Square. Man konnte da runterfahren und, selbst wenn man nicht reinkam, mit den Leuten draußen abhängen. Sie bildeten ihre eigene Szene, und sie waren nicht weniger cool als die Leute drinnen auf der Bühne. Eines Abends spielten Elvin Bishop und seine Band als Vorgruppe für Johnny Winter, und Rick Derringer spielte als Special Guest vor Bishop. Ich entschloss mich hinzugehen. Vor Konzertbeginn wollte ich auch die aufgebrezelten Groupies sehen. Ich erblickte einige von ihnen auf einem Mäuerchen in der Gasse und rief ihnen etwas zu. Ein kleines blondes Mädchen antwortete mir und meinte: »Also, wenn ich sage, geh, dann gehst du. Klar?« Ich sagte Ja. Und als sie mir auftrug, mich Johnny Winter und Rick Derringer anzuschließen, als sie reingingen, schloss ich mich an. Ich folgte ihnen hinter die Bühne. Plötzlich schimpfte ein furchtbar aufgeregter Typ auf mich ein. Er hieß Red Dog und war der Tourmanager. Er sah mich an und rief: »Wo bleibst du denn? Du solltest doch auf der Bühne stehen!« Er hatte mich mit einer der Backup-Sängerinnen verwechselt. Ich versuchte, was zu sagen, bekam aber die Worte nicht so richtig heraus, worauf er mich einfach aus der Garderobe warf. Ich fand es wahnsinnig toll, später in meinem Leben Rick Derringer kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten.

Während dieser Zeit sang ich Folkmusik und spielte dazu Folkgitarre. Es gab damals die Folkies, und es gab die Rocker, und man bekam die beiden nicht unter einen Hut, weil Rocker Folkies nicht mochten. Ich jedoch begann langsam meinen Geschmack am Folk zu verlieren; mein Interesse am Rock ’n’ Roll nahm rapide zu, obwohl ich nicht dachte, dass ich welchen singen könnte. Ich weiß noch, wie ich Bonnie Bramlett von Delany and Bonnie hörte und dabei dachte: »Oh Gott, das macht meine Stimme nie mit, das übersteigt meine Fähigkeiten bei Weitem.«

Aber als ich an dem Tag von den Kulissen aus die Backup-Sängerinnen hörte, wurde mir klar, dass ich auch Rock singen könnte. Ihre Stimmen hörten sich vom Sound her recht simpel an, und ich dachte mir: »Mein Gott, das ist ja babyleicht.« Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.

Ich habe damals nicht daran gedacht, das Singen zu meinem Beruf zu machen. Ich wollte Künstlerin werden, musste aber in einer ganzen Reihe von Jobs arbeiten, um meine Rechnungen zu bezahlen. Als ich bei meiner Schwester und Wha in Valley Stream einzog, lernten wir, dass sich Arbeit und Essen verbinden ließ. So bekam man etwa zu essen, wenn man bei den Hare Krishnas im Tempel putzen ging. Damals kam George Harrison mit der ganzen Hare-Krishna-Kiste groß raus. Und als ich überall in der Stadt Hare Krishnas zu sehen begann, hatten sie für mich einen guten Vibe. Ich beschäftigte mich damals mit allerhand spirituellem Kram und mochte ihre Gesänge; und den Gedanken, dass Gott dein Freund sein könnte, anstatt einem mit Feuer und Schwefel zu drohen, wie ich es von Kindesbeinen an bei den Katholiken gewohnt war. Es war eine erfrischende Abwechslung nach all dem Geschrei von der Kanzel, das ich als Kind gehört hatte. Ich saß da und versuchte zu verstehen, was der Typ da vorne laberte, und dachte bei mir: »Wow, schau sich einer an, was Gott seinem Sohn angetan hat. Mein lieber Scholli! Nun stell sich einer vor, was der mit mir anstellen wird. Wir sind ja noch nicht mal verwandt.«

Mit einem Gott wie Krishna dagegen kam ich klar. Ein Gott, der Frauen nicht hasste oder steinigen ließ. Komisch, aber ich habe die Darstellungen des Himmels in allen möglichen Büchern immer als meine Vorstellung von der Hölle gesehen. Ich habe mir immer gedacht: »Okay, damit wir uns richtig verstehen: Während ich am Leben bin, folterst du mich, verweigerst mir meine Menschenrechte als Individuum, und wenn ich in der Hoffnung auf einen besseren Ort sterbe, krieg ich auch noch im Himmel was drauf?« Nee, danke.

Also putzte ich im Tempel – ich meine, zugegeben, das Essen, das sie einem vorsetzten, bestand zur Hälfte aus Zucker, aber wenigstens kriegte ich was. Das Problem war nur, dass ich praktisch Sterne sah, wenn ich nach meiner Hungerkur all den Zucker aß. Ich putzte also die Toiletten, und plötzlich begannen sich die Bilder zu bewegen. Oder Krishna zwinkerte mir zu, und ich lachte wie eine Irre, weil es gar so komisch war. Trotzdem, wann immer ich den Tempel putzte, hatte ich das Gefühl, mein Herz zu reinigen. Schließlich nahm mich jemand beiseite und fragte mich, ob ich den Hare Krishnas nicht beitreten wolle. Weil man mich für was Besonderes halte. Sie sagten mir, der Chef dort würde mir einen Mann aussuchen, den würde ich heiraten und Kinder großziehen. Das Pièce de Résistance bestand darin, dass ich als Frau mit den Kindern in der Küche essen würde, während die Männer im Speisesaal tafelten, nachdem ich sie bedient hatte. Ich prustete laut lachend los und sagte: »Nun hört mal, ich bin Italienerin, und die Geschichte mit der Frau als Leibeigene kenn ich aus dem Effeff. Der Scheiß ist nichts für mich.«

Ich habe meine Mutter sich ein Leben lang abmühen sehen und meine Tante und meine Großmutter; die ganze sizilianische Mentalität, die Frauen ans Haus zu binden, läuft doch auf nichts weiter hinaus als auf kostenlose Hausmädchen – unter dem Deckmantel von Schutz und Ehrerbietung, versteht sich. Ja, von wegen. Ich habe mir immer gedacht: »Das könnt ihr dem nächsten Muli andrehen, das euch übern Weg läuft, aber nicht mir.« Als ich aufwuchs, war Gloria Steinem eine große Heldin von mir, und Yoko Ono; und dann las ich Germaine Greers Der weibliche Eunuch, und ganz plötzlich machte das alles Sinn.

John und Yoko sprachen ständig davon, der Welt zu helfen. Als ich in West Hempstead wohnte, sah ich eine leere Fabrik und dachte, das wäre doch ein großartiger Ort für eine Recyclinganlage. Und so ging ich mit meiner Idee ins Rathaus. Und obwohl man damals alle möglichen Argumente dagegen hatte, als ich Jahre später dort vorbeischaute, hatte man tatsächlich ein Recyclingcenter daraus gemacht. Mir wurde damals klar, dass man nie wissen kann, welchen Einfluss man auf das Leben anderer haben wird, auch wenn das, was man macht, einem gar nicht so toll vorkommen mag. Manchmal genügt es, einfach eine Idee aufs Tapet zu bringen, die Hand und Fuß hat. (Allerdings meinten einige Leute, mit dem Center seien die Ratten gekommen. Also war’s ja vielleicht doch keine so tolle Idee.)

Als meine Schwester, Wha und ich aus der Wohnung in Valley Stream auszogen, fanden wir eine in West Hempstead, in einem neuen Apartmentkomplex direkt gegenüber vom Bahnhof der Long Island Rail Road. Die Wohnung war wirklich niedlich – nur dass ich Untermieter hatte, die sich einfach nicht loswerden ließen: Schaben. Es waren so viele, dass sogar Albinos darunter waren. Habt ihr eine Ahnung, wie viele Schaben es braucht, bis man als Dreingabe einen Albino kriegt? Wir sprühten jede Woche. Sie hausten in den Küchenschränken. Einmal sogar im Bett.

Die Zeiten waren wenig rosig. Die Typen von nebenan dealten, und schließlich hatten wir dann alle was miteinander, und ich hatte immer noch keinen Job und konnte mir kaum was zu essen leisten. Einmal hatte ich solchen Hunger, dass ich beim Anblick eines Krishna-Bilds einen Moment lang glaubte, er gäbe mir was. Und mein Hunger war weg. Ich nahm das als weiteres kleines Wunder in meinem Leben und vielleicht als kleines Dankeschön dafür, dass ich seinen Tempel in Schuss hielt. So oder so, es war ein Segen.

Ich war ständig auf der Suche nach Jobs, bei denen ich im nächsten Augenblick wieder rausflog. Schließlich bekam ich einen als Serviererin bei IHOP am Hempstead Boulevard gegenüber von unserem Bahnhof, nur zwei Blocks entfernt. Da meine Mutter kellnerte, versuchte sie mir was beizubringen, aber ich hatte es einfach nicht drauf. Ich war einfach nicht flink genug. Wir bekamen Kärtchen mit winzigen Kästchen, die je nach Bestellung anzukreuzen waren. Ich denk mal, das sollte schneller gehen. Aber die Schrift auf den Kärtchen war so klein, dass ich ständig Grillhähnchen und Hühnerpastete verwechselte. Und ich kann euch sagen, ihr würdet nicht glauben, wie sauer die Kundschaft wurde, wenn sie statt des einen das andere bekam. Ich dachte mir jedes Mal: »Es ist Huhn, Herrgott noch mal, das eine wie das andere! Und der viele Teig macht’s auch nicht gesünder!« Schließlich nahm mich der Manager zur Seite und sagte: »Hör zu, Kindchen, vielleicht ist die Kellnerei ja nichts für dich. Wie wär’s mit Hostess?« Ich sagte ihm, ich bräuchte mehr, als eine Hostess verdient, worauf er meinte: »Schon, aber deine Schnitzer kosten mich mehr als dein Gehalt.« Wir saßen in einer der Nischen, als er plötzlich unter den Tisch griff und mir das Knie zu reiben begann. Ich sah zu, dass ich Land gewann.

Also versuchte ich es mit was anderem. Zwei Blocks weiter auf der anderen Seite von unserer Wohnung gab es eine Firma für Postwurfsendungen mit Kosmetikproben und Coupons. Es war die Art Laden, der womöglich auch diese Tampons verschickte, die zu Kissen aufquollen, was bei den Leuten zu einem toxischen Schocksyndrom geführt hat. Ich stand an meiner Station, nahm die Proben vom Fließband und warf sie in eine Box. Und mittendrin musste ich kichern, weil ich natürlich nicht schnell genug war. Und dann gab’s da einen Typen auf einer Kanzel – es gab wirklich eine Kanzel, von der aus alle Frauen an ihren Stationen zu überblicken waren! Und der Typ dachte sich ständig so kleine Wettbewerbe ...

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