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Eric

Erin F. Hota

Eric

Two of one kind


Ich widme dieses Buch all den Menschen, die nur durch Äußerlichkeiten beurteilt und verurteilt wurden. Ich widme dieses Buch all den Menschen, denen nie in ihr Innerstes geschaut wurde. It counts what`s inside!


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Danksagung

Ein riesengroßer Dank an alle, die es hierher geschafft haben. Ihr erfüllt mir damit einen Traum!

Ein riesengroßer Dank an alle bei Bookrix.de und FanFiction.de. Danke für eure Reviews, für eure Favoriteneinträge, für alle Klicks. Auch bei allen "stillen Lesern" möchte ich mich herzlich bedanken. Ohne euch wäre ich nie soweit gekommen. Ihr motiviert mich!

Ein ganz besonderer Dank gilt meiner "Beta" Coco Zinva. Danke, dass meine Geschichte durch dich noch besser geworden ist. Deine Hilfe ist ein ganz besonderes Geschenk.

Ein ebenso großer Dank geht an einen "Engel", der mir ganz überraschend und unerwartet "erschienen" ist. Danke, Angelita Panther, für deine selbstlose Hilfe! Ich kann nicht sagen, wieviel mir das bedeutet!

Der größte Dank gilt allein meinem Mann, der immer und in jeder Lebenslage an mich glaubt und durch den ich die Kraft hatte, bis zum Ende durchzuhalten. Ich liebe dich!

Last but not least möchte ich mich bedanken bei Jared Leto, Shannon Leto und Tomo Milicevic von der Band

"30 Seconds to Mars". Danke für die Inspiration, die niemals aufhört!

Inspiration

I WAS AND

I STILL AM A

DREAMER.

 

THAT MADE ME THE

PERSON

I AM TODAY

 

 

~

 

 

DREAM BIG 

WHEN YOU SLEEP

 

BUT DREAM

EVEN BIGGER

WHEN YOU ARE

AWAKE

 

(JARED LETO)

Prolog

Ich zittere wie Espenlaub. Schon seit Stunden versuche ich mich zu beruhigen. Ich versuche meine Angst, die nackte Panik welche mich umgibt, zu dämpfen. Mein Atem ist schnell und keuchend, fast so als wäre ich eine sehr lange Strecke gerannt. Ich sitze auf der klammen, verschlissenen Wäsche meines schmalen Bettes. Ich habe mich ganz in die Ecke an die Wand gedrängt und die Beine angezogen. Bebend habe ich meine Arme um sie geschlungen und wiege mich ein wenig vor und zurück. Ich mache mich klein. So klein wie möglich. Am liebsten würde ich mich unsichtbar machen, einfach verschwinden. Oder vielleicht sollte ich lieber gleich sterben. Es gibt nichts, was mich am Leben hält. Nichts, für das es sich lohnt, hier in diesem beschissenen Leben zu bleiben. Ich existiere einfach, ohne Sinn und Zweck. Was soll ich nur hier? Ich denke wie ein alter Mann, der müde sein Leben Revue passieren lässt.
Aber ich bin kein alter Mann. Ich bin nicht alt und ein Mann bin ich eigentlich auch noch nicht. Ich bin ein siebzehnjähriger Junge, der bereits genug hat. Genug von den Sorgen und Ängsten, die ihn täglich heimsuchen. Ich starre die geschlossene Zimmertür an und Übelkeit steigt in mir auf. Ich will das alles nicht mehr. Die ganze Angst, die Demütigung, die Kälte und die Schmerzen. Ich will sie nicht mehr haben. Doch es gibt keinen Ausweg für mich. Ich muss diese Scheiße ertragen. Zumindest noch für eine kleine Weile. Zumindest, bis ich endlich volljährig bin. Ich habe mir mühselig ein bisschen Geld zusammengespart. Es liegt versteckt unter einer losen Sockelleiste in meinem winzigen Zimmer. Beinahe jede Nacht, wenn ich mich ein wenig sicherer fühle als sonst, schaue ich nach, ob es noch da ist. Der Gedanke einfach irgendwann von hier abzuhauen gibt mir Hoffnung. Es ist das Einzige, was meinen Kopf doch über Wasser hält. Aber es ist noch so lange bis dahin. Zu lange für jemanden in meiner Situation.
Mit einer fast übermenschlichen Anstrengung versuche ich erneut, mich zusammenzureißen. Ich will IHM wie ein Mann entgegentreten, und nicht wie das eingeschüchterte Kind, das ich bin. Er weidet sich an meiner Angst. Er wird noch stärker durch sie und noch gewalttätiger. Es gefällt IHM, mich zu sehen, wie ich am Boden liege, um Gnade winsele und darum bettle, dass er aufhört. Ich höre sein dreckiges Lachen in meinem Kopf und ein eiskalter Schauer überläuft mich. Ich hasse ihn. Ich hasse ihn noch mehr, als ich ihn eigentlich lieben müsste. Ich balle die Hände zu Fäusten und zähle langsam und still bis zehn. Ich muss ruhig werden. Ich muss, ich muss! Meine offensichtliche Angst ist wie Öl für ihn, dass er in sein persönliches Feuer des Sadismus gießt. Er wird rasend, wenn er mich so sieht. Und gleichzeitig genießt er es. Ich schlucke schwer, als ich den sich langsam drehenden Schlüssel höre und erstarre in völliger Bewegungslosigkeit. ER ist da. ER öffnet die Wohnungstüre. Eine Welle der Panik überspült mich. Alles dreht sich um mich. Die Luft flirrt vor meinen Augen. Jeden Abend das gleiche Spiel, die gleiche Panik und die gleiche Hoffnungslosigkeit.
Manchmal lässt er mich in Ruhe. Manchmal kommt er gleich zu mir. Manchmal später, manchmal auch erst, wenn ich bereits schlafe. Ich kann es nicht einschätzen, es gehört zu seiner Masche. Er quält mich, egal was er tut. Und eins ist immer gleich. Ich weiß, dass er jede Sekunde, die er mich im Ungewissen lässt, braucht. Er lässt sich die Panik, die aus jeder meiner Poren dringt, auf der Zunge zergehen. Er lebt davon. Er ist abhängig davon, mich zu erniedrigen. Ich bin seine Essenz. Fast hoffe ich, dass er gleich kommt. Dann hätte ich es wenigstens für heute hinter mir. Das Warten ist zermürbend und eigentlich noch viel schlimmer als die physische und psychische Gewalt, die er mir antut. Und kommen wird er. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Heute lässt er mich tatsächlich warten. Ich lecke mir über die trockenen Lippen und beginne wieder hin und her zu wippen. Ich fühle mich so allein. So schrecklich allein.
Ich habe keine Freunde. In der Schule werde ich verachtet und fertiggemacht. Sie finden mich komisch, seltsam. Irgendwie kann ich es ja verstehen. Ich habe mich total in mich selbst zurückgezogen. Ich lasse niemanden an mich heran. Ich habe Angst, dass man mir noch mehr wehtut. Meine Mutter setzt sich nicht für mich ein. Das hat sie noch nie getan. Sie ist viel zu sehr mit sich selbst und ihren Problemen beschäftigt. Sie trinkt viel. Zu viel. Und hofft genau so wie ich, dass ER sie in Ruhe lässt. Sie ist ein Opfer wie ich. Und bereits vollkommen zerstört. Unrettbar. Ich habe einen Bruder. Einen großen Bruder, nach dem ich mich sehne. Er heißt Daniel. Ich weiß genau, dass er mich verstehen würde. Und bestimmt würde er versuchen mich vor IHM zu beschützen. Er hat das gleiche Schicksal erlitten wie ich und ist abgehauen, als er achtzehn wurde. Er ist einfach mit seinem besten Freund über Nacht auf und davon. Wie ich ihn darum beneide. Ich liebe Daniel. Er fehlt mir schrecklich. Er war mir immer eine Stütze. Eine Stütze, die mir jetzt so sehr fehlt.
Er hat mir einen Brief dagelassen, als er wegging. Ich habe ihn immer noch. Er liegt bei dem Geld hinter der Sockelleiste. Nächtelang habe ich geweint, als mir klar wurde, dass ich nun ganz alleine bin. Doch ich konnte ihm nie böse sein. Ich hätte sicherlich genau so gehandelt. Er hat sich in dem Brief bei mir entschuldigt. Dafür, dass er mich zurücklassen musste. Aber er hat mir auch versprochen, sich um mich zu kümmern, wenn es irgendwie geht. Daniel hat sein Versprechen nicht gebrochen. Er versucht mir Briefe zu schicken und mich auf diese Weise ein wenig zu unterstützen. Manchmal, mit viel Glück, bekomme ich sie auch. Jeder dieser Briefe ist eine liebevolle Geste. Ich bewahre sie alle auf, nachdem ich sie beantwortet habe. Sie sind ein Lichtblick in meinem dunklen Dasein. Ich warte ungeduldig auf jeden von ihnen. Aber meistens wirft ER sie weg, ohne dass ich auch nur einen Blick darauf werfen kann. Und es ist schon zu lange her, dass ich einen bekommen habe.
Ich wäre so gerne bei Daniel. Fast kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie er aussieht, obwohl ich weiß, dass wir uns sehr ähneln. Wir gleichen uns wie ein Ei dem Anderen. Nur, dass meine Augen grün sind und nicht braun wie seine. Ich seufze leise und gequält auf. Ich hasse es, so alleine zu sein. Nie kann ich wirklich mit jemandem reden. Nie hört mir jemand wirklich zu. Nie habe ich wirklich Gesellschaft. Vor einigen Monaten habe ich mir ein paar Poster an die leere Wand über meinem Bett gehängt. Seither fühle ich mich nicht mehr ganz so einsam. Natürlich habe ich dafür Schläge bekommen. Ich habe sie trotzdem hängen lassen. Ich schaue sie gerne an, spät in der Nacht, wenn ER schläft. Es ist auf allen die gleiche Person abgebildet. Er ist richtig hübsch und er hat wahnsinnig schöne, blaue Augen. Er gefällt mir. Und jedes Mal kribbelt es auf die gleiche Weise in meinem Magen, wenn ich ihn ansehe. Das leblose Bild gibt mir mehr Kraft, als jede andere lebendige Person in meinem Leben. Ich weiß, dass es verrückt ist. Doch es ist die reine Wahrheit. Ich drehe langsam meinen Kopf, während ich mich weiter vor und zurück wiege. Wieder sehe ich ihn mir an und ein kleines Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Nur er weiß von meinem Geheimnis, von meinem innersten Bedürfnis. Und natürlich ist es sicher bei ihm. Er kann mich schlecht verraten.
Noch während ich in seinen Anblick versunken bin, geht meine Zimmertür mit einem Schlag auf und ich schrecke zusammen. Hastig wende ich meine Augen von dem Poster ab und hoffe, dass ER es nicht gesehen hat. Mein Vater steht in der Tür. Sein Gesichtsausdruck ist finster und die Angst vor ihm kriecht in mir hoch, wie ein langsam wirkendes Gift. Er sieht noch wütender aus als sonst und plötzlich wird mir klar, dass es mal wieder so weit ist. Heute werde ich zu den bereits abheilenden gelb-braunen Flecken auf meinen Armen neue, frische hinzu bekommen. Wieder wird mir schwindelig, als ich ihn ansehe. Er kommt langsam auf mich zu und deutet dabei mit seinem ausgestreckten Arm auf die Bilder über meinem Bett.
»Wieso starrst du den so an?«
Ich zucke zusammen, antworte aber nicht. Ich kann es ihm nicht sagen. Ich will es ihm nicht sagen. Um keinen Preis der Welt. Er wird lauter.
»Antworte mir gefälligst, du kleiner Bastard. Und steh auf, wenn ich mit dir rede.«
Hastig komme ich auf die Füße und stelle mich vor ihn hin. Ich versuche mich zu wappnen, aber ich weiß, dass es vergebens ist.
»Nun?«, macht er weiter und tritt noch näher an mich heran. Ich kann seinen Atem auf mir spüren und mir wird speiübel.
»Hast du nicht gehört, dass ich etwas gefragt habe?«
Ich nicke hastig und presse ein nervöses "Ja" heraus.
»Wie heißt das richtig?«
Er fängt an mich zu maßregeln. Damit fängt es immer an.
»Ja, Sir.«
Meine Stimme zittert. Ich habe mich nicht so sehr im Griff, wie ich es mir vorgenommen hatte.
»Steh gerade, wenn ich mit dir rede, du Taugenichts.«
Ich straffe die Schultern und ziehe den Bauch ein. So wie er es mir eingetrichtert hat. Es wird trotzdem nichts nützen. Seine Augen richten sich wieder auf die Bilder. Er mustert sie und plötzlich geht ein Ausdruck des Verstehens über sein wütendes Gesicht. Ein flaues Gefühl breitet sich in mir aus. Er wendet sich mir langsam wieder zu.
»Du bist also auch so einer? Du bist der genauso wie dein nichtsnutziger Bruder?«
Mir wird heiß und kalt gleichzeitig. Kann es wirklich sein, dass er es herausgefunden hat? Einfach so? Dann bin ich endgültig am Arsch. Das wird Konsequenzen für mich haben. Noch ehe ich den Gedanken zu Ende gebracht habe, holt er aus und schlägt mir ins Gesicht. Das habe ich nicht kommen sehen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er zuschlägt, ohne mich vorher noch zu demütigen. Ich krümme mich zur Seite und Tränen steigen mir in die Augen. Doch ich richte mich langsam wieder auf. Er hasst es, wenn ich nicht aufrecht stehe.
»Ist es so?«
Er brüllt mich an und ich muss hart der Versuchung widerstehen, mir nicht die Ohren zu zuhalten. Ich schlucke panisch, kämpfe gegen die Tränen an, antworte ihm aber wieder nicht. Diese Worte wird er von mir nicht hören. Er baut sich drohend vor mir auf. Sein Gesicht ist meinem so nahe, dass ich würgen muss. Sein Atem riecht schlecht und ich kann seine Nähe kaum ertragen.
»Antworte mir, Elijah! Oder du wirst den morgigen Tag nicht erleben!«
Ich höre sehr deutlich seine Drohung. Und ich weiß, dass ich sie unbedingt ernst nehmen sollte, aber ich kann nichts sagen. Alles dreht sich vor meinen Augen. Ich schwanke und meine Zunge fühlt sich pelzig an, wie gelähmt. Ich versuche abzuschalten, meinen tyrannischen Vater einfach auszublenden. Ich ziehe mich in mein Schneckenhaus zurück. Es funktioniert bis zu einem gewissen Grad. Ich höre ihn schreien, erkenne aber nicht mehr den Sinn hinter seinen Worten. Ich fühle den Schmerz, als er wieder anfängt mich zu schlagen. Ich fühle, dass es dieses Mal schlimmer ist als sonst. Doch ich blende es weiter aus. Irgendwann falle ich zu Boden. Ich schmecke eine salzige, warme Flüssigkeit in meinem Mund und hoffe dabei, dass es jetzt dann bald vorbei ist. Kurz hält er inne und ich atme erleichtert auf. Doch dann schießt ein übler Schmerz durch meine Seite, breitet sich in meinem Körper aus und explodiert schließlich hämmernd in meinem Kopf. Gurgelnd keuche ich auf. Schlimme Übelkeit kommt in mir hoch, das unscharfe Bild vor meinen Augen beginnt zu flirren und endlich umfängt mich gnädige Dunkelheit.
 

Kapitel 1

Wie lange ich bewusstlos war, konnte ich nicht genau sagen. Doch es war mir recht, mehr als recht, dass ich meinem beschissenen Leben für einen Moment entfliehen konnte. Die Dunkelheit, die mich umgab und die ich nicht mal bewusst fühlte, war in diesem Moment meine Freundin. Sie ließ mich alles vergessen. Sogar den Schmerz, der durch meinen Körper wütete, die extreme Demütigung, die mir immer und immer wieder zugefügt worden war. Und sie wusste ganz genau, dass ich nun den Gipfel des für mich Ertragbaren erreicht hatte. Sie hüllte mich ein in einen dichten, tröstenden Nebel aus schwarz und grau. Die Dunkelheit waberte um mich herum und versuchte mich vor dem größten Feind, den ich in diesem Moment hatte, zu beschützen, der Realität. Beide kämpften miteinander, rangen um das Vorrecht meinen Verstand zu kontrollieren, stießen sich hin und her um den Kampf zu ihren jeweiligen Gunsten herumzureißen.
Und schließlich gewann einer der beiden auch die Oberhand. Die Realität zerrte nach ihrem Sieg über die Schwärze an meinem Bewusstsein. Mit flirrendem Licht wollte sie mich überrumpeln, zwang meine schweren Augenlider sich blinzelnd und widerwillig zu öffnen. Wie grausam sie war, die Realität. Und so unerbittlich ehrlich. Sie wollte, dass ich mich stellte. Meinen Schmerzen, meinem Leben, einfach allem. Ich schlug mühselig die Augen auf, verwirrt und orientierungslos. Doch ich brauchte nicht mehr als einen Sekundenbruchteil, um zu wissen, wo ich mich befand und was kurz zuvor wieder einmal mit mir geschehen war. Meine persönliche Hölle auf Erden brach über mich herein, bevor ich nur eine winzige Chance hatte, mich gegen meine Gefühle zu wehren. Ich versuchte gegen das trockenen Schluchzen, welches in mir hochstieg anzukämpfen. Doch ich ging als abgeschlagener Verlierer aus diesem Spiel heraus.
Ich blieb vor Entsetzen und Scham so auf dem Boden liegen, wie ich hingefallen war, während es mich vor Angst und Demütigung schüttelte. Ich rang vergeblich nach Fassung, versuchte ruhiger zu atmen. Aber es war aussichtslos. Das Grauen wollte aus mir heraus, es suchte sich seinen Weg an die Oberfläche. Und es dauerte lange, sehr lange, bis die Woge der Traurigkeit ein klein wenig abebbte. Die rauen Fasern des billigen Teppichbodens, auf dem ich lag, kratzten an meinem Gesicht, als ich mich schließlich doch rührte. Ein dumpf pochender Schmerz, an meiner rechten Schläfe und an meiner Oberlippe, erinnerte mich daran, dass ich zweifelsohne Verletzungen davon getragen hatte. Verletzungen, die mit den üblichen blauen Flecken nichts zu tun hatten. Dieses Mal war es noch viel schlimmer als sonst. Ich fror entsetzlich auf dem harten Boden. Und mir wurde dabei bewusst, dass ich nicht ewig so liegen bleiben konnte. Auch wenn ich es gerne getan hätte. Mich aufzurappeln würde nur bedeuten, dass ich dem Schicksal weiter in die Augen sehen musste. Und das wollte und konnte ich nicht. Nicht mehr.
Doch es gab keinen anderen Ausweg für mich. Und so bewegte ich zitternd meine verrenkten Gliedmaße, sammelte mich und versuchte dann langsam mich auf die Knie zu ziehen. War der Schmerz in meinem Gesicht nur stumpf, so war die Qual, die mir dabei glühend heiß durch meine linke Seite schoss, eine Tortur. Schmerzerfüllt stöhnte ich auf, während mir erneut die Tränen in die Augen schossen. Ich presste meine Hand auf die heftig pochende Stelle, dorthin wo mich mein Vater so übel getreten hatte. Ich stützte mich mit der anderen am Boden ab und rang heftig nach Luft, was einen neuen Schmerz auslöste und mich dumpf aufjammern ließ. Alles verschwamm vor meinen Augen. Mein Sichtfeld wurde urplötzlich durch einen schwarz-flimmernden Rand beeinträchtigt. Kurz überkam mich die Panik, dass ich wieder umkippen würde. Doch ich hielt mich schwankend auf den Knien, atmete flach gegen den Schmerz an, während eine alles übertünchende Übelkeit in mir hochkroch.
Würgend und keuchend versuchte ich mich dagegen zu wehren. Ich versuchte das ekelerregende Bild meines Vaters, dass mir dabei durch den Kopf schoss aus meinen Gedanken zu verbannen. Doch je mehr ich versuchte dagegen anzukämpfen, desto mehr spannte ich mich an und verkrampfte dabei förmlich. Ich hustete verzweifelt, was neue Pein verursachte und dann verlor ich schlussendlich den Kampf. Ich erbrach mich vehement auf den Boden vor mir. Während die Kolik mich erbarmungslos schüttelte, kam das Weinen mit aller Macht wieder. Doch die Tränen hatten nicht die Stärke den Schmerz, welchen meine geschundene Seele erlitt, zu lindern. Es machte alles nur noch viel schlimmer. Während sich mein Magen immer wieder schmerzhaft zusammenzog, wurde mir eine Sache plötzlich mehr als klar. Ich musste hier weg. Und zwar sofort. Die Sache duldete einfach keinen Aufschub mehr. Der Gedanke einfach abzuhauen, war nicht nur ein Wunsch. Er war ein Muss, eine absolute Notwendigkeit. Es war unumstößlich, dass ich mich selbst aus dieser Lage zu befreien hatte. Ich musste den ganzen Scheiß einfach hinter mir lassen.
Ich ließ die anstrengenden und scheußlichen Krämpfe über mich ergehen, und als es dann endlich vorüber war, wischte ich mir angeekelt mit dem Handrücken über den Mund. Angestrengt versuchte ich zu Atem zu kommen und schloss dabei erschöpft meine Augen. Verzweifelt und verwirrt strengte ich mich an, nach einer passenden Lösung für mich zu suchen. Ich musste auf der Stelle von hier weg. Jetzt, sofort und noch in dieser Nacht. Doch wohin sollte ich gehen? Ich kannte niemanden, bei dem ich hätte spontan unterschlüpfen können. Ich hatte niemanden, dem ich wichtig genug gewesen wäre, um mir zu helfen. Niemanden, der … Noch während ich darüber nachdachte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die ganze Zeit hatte ich mich an dem Gedanken festgehalten, dass ich, einmal volljährig geworden, einfach bei meinem Bruder unterkommen könnte. Zumindest für eine Weile. So lange bis ich auf eigenen Beinen stehen konnte. Daniel würde mir bestimmt helfen.
Ich riss den Kopf hoch, als mich die Welle der Hoffnung überflutete. Daniel war meine Lösung, meine einzige Ausflucht und mein Schutz. Ich würde den Schritt also endlich wagen und falls er entgegen meiner Erwartungen, mich nicht würde aufnehmen wollen, so war ich zumindest weg von meinem Vater. Ich würde weg sein von den Schlägen und dem Gefängnis, das mich umgab. Allein dieser Gedanke ließ mich ein kleines bisschen besser fühlen und gab mir die Kraft mich vollständig aufzurappeln. Er machte mich ruhiger. Ich bewegte mich so langsam und so leise wie möglich. Einerseits um den Schmerz um meine Körpermitte besser ertragen zu können, andererseits wollte ich nicht durch verdächtige Geräusche meinen Vater erneut auf den Plan rufen. Immer noch schwindelig wackelte ich auf die andere Seite meines Zimmers und kniete mich steif vor die lose Sockelleiste hin. Ich entfernte sie, nahm das bisschen Geld, welches dahinter lag sowie Daniels Briefe an mich. Kurz schoss mir durch den Kopf, dass seine Adresse nicht mehr stimmen könnte. Doch daran wollte ich jetzt einfach nicht denken. Angestrengt schluckte ich die Panik hinunter, die angesichts dieses Gedankens von mir Besitz ergreifen wollte. Das durfte und konnte einfach nicht passieren.
Ich steckte die Scheine in meine Hosentasche und machte mich anschließend daran, wahllos ein paar Dinge in meinen abgegriffenen Rucksack zu packen. Ich hüllte mich in meine Jacke und zog mir ein Paar Schuhe an. Zitternd und voller Angst stand ich dann minutenlang an meiner Zimmertür und horchte auf etwaige Geräusche aus der Wohnung. Mich schauderte es förmlich bei der Vorstellung, dass mich mein Vater bei meiner überstürzten Flucht erwischen könnte und was dann passieren konnte und würde. Ich schluckte schwer, horchte erneut und wusste, dass ich es durchziehen musste. Jetzt oder nie. Ich musste mich zusammenreißen. Alles schien still und so drückte ich die Klinke an meiner Tür hinunter, öffnete sie und schlich mich den schmalen Flur entlang. Über die allzu sehr knarrenden Dielenbretter stieg ich vorsorglich hinweg. Meine Hände waren schweißnass vor Angst, und als ich den Raum passierte, hinter dessen geschlossener Türe wahrscheinlich mein Vater schlief, prickelte es unangenehm in meinem Nacken.
Ich atmete hektisch und flach, als ich mich durch die Wohnungstür drückte und sie so geräuschlos wie möglich hinter mir zu zog. Unsicher stolperte ich die ausgetreten Stufen in dem alten Treppenhaus hinunter und trat hinaus auf die Straße. Sobald die Nachtluft mein Gesicht berührte, wurde ich zum einen ruhiger und zum anderen überkam mich eine unbestimmte, aber alles übertünchende Aufregung. Es war richtig, was ich hier tat. Es war richtig, vor dem Tyrannen, der sich mein Vater nannte, zu entkommen. Aber gleichzeitig war meine Handlungsweise unvorsichtig. Sie war aus einer Notlage heraus geboren und mein Plan war mehr als unausgereift. Doch was blieb mir anderes übrig? Meine Beine trugen mich beinahe von selbst in Richtung Busbahnhof. Bei jedem Schritt wurde ich, trotz meiner Schmerzen, etwas schneller, bis ich in eine langsam trottende Gangart verfiel. Ich dachte nicht mehr nach, setzte einfach mechanisch einen Fuß vor den Anderen und brachte soviel Abstand wie möglich zwischen mich und den Platz, den ich einmal hatte „zu Hause“ nennen müssen.
Während ich lief, zerrte ich mir die Kapuze meines T-Shirts tief ins Gesicht. Ich hoffte, so meine Verletzungen etwas abdecken zu können und niemandem aufzufallen, der mich oder meinen Vater vielleicht kennen könnte. Ich wusste nicht, wie spät es war. Ich wusste auch nicht, ob ich überhaupt noch ein Ticket würde kaufen können, oder ob noch ein Bus fahren würde. Doch es war mir egal. Alles, was für mich zählte, war, dass ich diesen Schritt endlich gewagt hatte. Wenn es notwendig geworden wäre, hätte ich mich auch die ganze Nacht in einer öffentlichen Toilette versteckt, um dann den ersten Bus zu nehmen, der überhaupt fuhr. 

Kapitel 2

Ich hatte in dieser Nacht mehr Glück, als ich es bisher in meinem ganzen Leben gehabt hatte. Ich kaufte dem gähnenden Mann am Schalter eine Fahrkarte ab und setzte mich dann, mit einem Herz voller Erleichterung, in den letzten Bus. Aufatmen konnte und wollte ich jedoch nicht. Noch immer war es ja unklar, ob ich Daniel finden würde und ob er mich mit offenen Armen empfangen würde. Ich war schrecklich nervös und nahm kaum etwas um mich herum wahr. Nicht die Menschen, die mit mir fuhren, nicht die Landschaft, die wir durchquerten und auch nicht das eintönige Brummen des Busmotors, dass auf die anderen Fahrgäste eine einschläfernde Wirkung zu haben schien. Ich schien die große Ausnahme zu sein. Ich knetete andauernd meine schwitzigen Hände, versuchte die Angst vor dem Ungewissen hinunterzuschlucken und die schlechten Gedanken aus meinem Kopf zu verscheuchen. Das Ruckeln des Fahrzeuges ließ mich von Zeit zu Zeit gequält aufstöhnen. Die ständige Bewegung ließ mich die Verletzung an meiner Seite nur noch deutlicher spüren und sehr bald wünschte ich mir, dass wir endlich ankommen würden.
Mein Wunsch ging leider nicht ganz so schnell in Erfüllung, wie ich es mir erhoffte. Schlaflos und verunsichert zählte ich die schrecklich lang wirkenden Minuten auf dieser Fahrt. Als wir dann endlich ankamen, war ich fix und fertig. Die Übelkeit kehrte zurück und ich nahm hektisch ein paar Züge der frischen Luft, die mir entgegen strömte, als ich steif aus dem Bus kletterte. Ich presste meine Hand auf den Bauch, um zu verhindern, dass mein Magen erneut rebellierte. Hier stand ich nun also, in einer mir fremden Stadt mit nicht mehr als ein paar Pfund in der Tasche und wusste nicht wohin. Meine Schüchternheit schlug über mir zusammen, sodass ich es nicht zuwege brachte, einen der Passanten um Auskunft oder gar um Hilfe zu bitten. Ich ließ mich erschöpft auf eine Bank sinken und hatte genug damit zu tun weitere Tränen nieder zu kämpfen. Mein Verstand arbeitete fieberhaft, trotz der Müdigkeit und der Panik, die mich ausfüllte. Ich wusste ganz genau, dass ich hier nicht ewig würde sitzen bleiben können. Ich musste mich zusammennehmen, mich einmal überwinden.
Meine Gedanken wanderten zurück zu meinem Vater und zu der Tatsache, dass er mit größter Wahrscheinlichkeit bereits gemerkt hatte, dass ich nicht mehr da war. Ich spürte ihn förmlich toben vor Wut und schlussendlich war es dieser Gedanke, der mich handeln ließ. Ich zog Daniels Brief aus meiner Tasche. Ich hatte ihn während der letzten Jahre so oft immer und immer wieder gelesen, dass er abgegriffen war und beinahe schon fadenscheinig wirkte. Dieses Mal konzentrierte ich mich weniger auf den Inhalt als auf die Adresse, die in Daniels unordentlicher Schrift auf der Rückseite des Umschlags prangte. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wo der Stadtteil war, in den ich jetzt musste und auch keine Ahnung, wie weit es bis dahin war. Wie ich dort hinkommen würde, war mir schleierhaft. Obendrein war auch unsicher, ob ich meinen Bruder dort auch immer noch antreffen würde. Es hätte ja sehr gut sein können, dass er umgezogen war. Wieder würgte es mich vor Angst und Erschöpfung. Nichtsdestotrotz erhob ich mich langsam und entschied mich dann kurz entschlossen für ein Taxi.
Ich riskierte auf der relativ kurzen Fahrt mein letztes Geld, doch was wäre mir sonst anderes übrig geblieben? Einen Plan B hatte ich nicht und so setzte ich, in einem plötzlichen Anflug von Mut alles auf eine Karte. Der recht gesprächige Taxifahrer setzte mich vor einem Haus aus Klinkersteinen ab, kassierte die übrig gebliebenen Scheine und wünschte mir alles Gute. Zweifelsohne waren ihm meine Blessuren im Gesicht aufgefallen. Ich murmelte verlegen einen Dank. Glückwünsche konnte ich in meiner Situation ganz sicher gut gebrauchen. Ich musterte verschüchtert das Haus, sah an der Fassade hinauf und wieder hinab und nahm schließlich das letzte bisschen noch verbliebenen Mumms in mir zusammen. Dann drückte ich endlich, nach ein paar sehr zögernden Schritten die Eingangstüre auf. „Appartement 3b“ war auf dem Umschlag gestanden. Ich ignorierte den Fahrstuhl zu meiner Rechten und steuerte direkt auf die mir gegenüberliegende Treppe zu.
Den Aufzug nicht zu benutzen, stellte sich bereits nach den ersten Stufen als ein großer Fehler heraus. Durch die Anstrengung erwachten die Verletzung und der damit verbundene Schmerz an meiner Seite zu neuem Leben. Ich biss die Zähne schmerzerfüllt zusammen und setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Ich keuchte von der Strapaze und ein ärgerlicher Schwindel nahm von mir Besitz. Ich quälte mich die letzten Stufen hinauf und stützte mich, als es dann endlich geschafft war mit einer Hand an die Wand in dem kleinen Flur. Ein metallischer Geschmack lag schwer auf meiner Zunge und ich hatte das große Bedürfnis nach einem Schluck Wasser, nach Ruhe und nach ein wenig Aufmerksamkeit. Ich straffte mich, erinnerte mich daran, dass ich in einem kurzen Moment hoffentlich meinen Bruder wiedersehen würde, und erreichte schließlich die Türe, auf der die metallenen Zeichen „3b“ standen.
Mein Magen purzelte hin und her vor Aufregung. Doch meine Hand hob sich beinahe wie von selbst, um anzuklopfen. Wieder hatte mich die Panik für einen kurzen Moment in ihrem Griff, als ich keine Geräusche hörte, die hätten andeuten können, dass jemand zu Hause war. Doch dann, nach einer mir schier endlos erscheinenden Zeit öffnete sich die Türe. Ich hob erschöpft den Kopf, setzte ein Lächeln auf in der Erwartung Daniel zu sehen, doch es war nicht mein Bruder, der vor mir stand und mich erstaunt anblickte. Es war kein mir bekanntes Gesicht. Niemand, mit dem ich gerechnet hatte. Und doch brannten sich diese Züge sofort und unauslöschlich auf meiner Netzhaut ein. Ein dunkler Blick, intensiver als alles, was ich bisher gesehen hatte, durchbohrte mich. 

Kapitel 3

Nach meiner überstürzten Flucht und der anschließenden Busfahrt hatten sich die verschiedensten Gefühle in mir breitgemacht. Hoffnung, Unsicherheit, Bangen und nicht zuletzt eine gute Portion Angst hatten sich in mir zusammengemischt. Angst vor meinem Vater, Angst davor was mich in dieser riesigen, mir fremden Stadt erwarten würde. Angst, ja gar die nackte Panik, dass ich Daniel unter der Adresse auf dem alten Brief nicht antreffen würde. Ich hatte mich wirklich bemüht, diese Gefühlsregungen in den Hintergrund zu schieben, mich von den positiven Gedanken leiten zu lassen. Dies war vermutlich auch der Grund dafür, dass ich es bis hierher, bis vor die Türe mit der Aufschrift "3b" geschafft hatte. Dass mich die Angst nun heftiger packte als zuvor, war schlimm. Ein seltsames Gefühl, das viel mehr war als Enttäuschung, überkam mich, als ich meinem Gegenüber mit weit aufgerissenen Augen ins Gesicht sah.
Er hatte unglaublich dunkle Augen, so dunkel, dass ich seine Pupillen in der Iris nicht erkennen konnte. Ich starrte ihn dümmlich an und konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Erstaunen leuchtete mir daraus entgegen. Und dann, einige Sekunden später, wandelte sich dieser Blick in leichten Ärger.
»Bitte?«
Ich zuckte unter seiner Stimme merklich zusammen und hatte keinen blassen Schimmer, was ich nun sagen sollte. In meiner Hast endlich zu meinem Bruder zu kommen hatte ich nicht mal darauf geachtet, wie spät es war und ob ich ihn vielleicht aus dem Bett klingeln würde. Ich wand mich innerlich als mir klar wurde, dass mir nun genau das passiert war. Das Dumme dabei war, dass ich nicht Daniel geweckt hatte, sondern einen völlig Fremden. Einen Typen, der mir mit verwuschelten schwarzen Locken, nur einer Pyjamahose bekleidet und auf bloßen Füßen, die Tür geöffnet hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich die Zusammenhänge begriffen hatte und schließlich bis unter die Haarwurzeln errötete.
Ich zwang mich wegzusehen, schaute auf den Boden, stöhnte dann leise betreten auf und hatte keine Ahnung, was ich nun machen sollte.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«
Der Ärger in der Stimme meines Gegenübers war mehr als deutlich zu hören. Zudem schwang eine ordentliche Portion Ungeduld darin mit. Ich schluckte und versuchte es mit einer Antwort.
»Nein, ich ... es tut mir leid. Ich hab mich wohl geirrt ...«
Ich klang total verunsichert, was wohl daran lag, dass ich total verunsichert war. Ich schaute wieder zu dem Typen hoch, dessen Ausdruck sich nicht geändert hatte. Er nickte kurz und abweisend.
»Na dann ...«
Er machte Anstalten sich wieder nach drinnen zu verziehen und die Türe zu schließen, was mir überhaupt nicht gefiel. Wieder bekam ich es mit der Panik zu tun. Was sollte ich jetzt tun? Wo sollte ich hin? Ich schluckte schwer, wandte mich aber um und zermarterte mir dabei bereits mein Gehirn auf der Suche nach einer anderen Lösung. Ich machte einen wackligen Schritt vorwärts, dann einen zweiten und hielt plötzlich abrupt inne. Ich drehte mich wieder um, als mir ein verzweifelter Gedanke durch den Kopf schoss.
»Entschuldigung«, rief ich ihm dem Dunkelhaarigen zu, ganz in der Hoffnung, ihn noch für einen Moment aufhalten zu können.
»Ich suche meinen Bruder«, fügte ich dann noch heißer hinzu. Ich biss mir auf die Zunge und verfluchte mich anschließend innerlich. Was interessierte es diesen Typ schon, was für Probleme ich hatte. Wahrscheinlich zählte für ihn gerade nur, dass ich ihn in seiner wohlverdienten Nachtruhe gestört hatte, was ich ihm nicht verübeln konnte. Ich schüttelte den Kopf über mich selbst und zwang mich weiterzugehen. Ich machte ein paar weitere Schritte und hatte die Sache beinahe schon abgehakt. Ich versuchte mich darauf zu konzentrieren, was ich nun als Nächstes tun sollte, als ich hörte, wie sich die Türe hinter mir wieder öffnete.
»Warte mal kurz.«
Wieder zuckte ich zusammen, als ich seine Stimme hörte.
»Wen suchst du?«
Ich ging langsam und zögerlich wieder auf ihn zu. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war plötzlich ein ganz anderer. Forschend sah er mich an und unter seinem Blick schoss ein winziger Splitter von Hoffnung durch meinen Bauch.
»Meinen Bruder.«
Ich konnte nicht verhindern, dass sich meine Stimme eingeschüchtert und viel zu leise anhörte. Er runzelte die Stirn und legte den Kopf etwas schief auf die Seite.
»Deinen Bruder?«, hakte er nach und ich nickte stumm.
»Meinst du vielleicht Daniel?«
Ich keuchte überrascht auf, konnte mir aber keinen Reim darauf machen.
»Woher ...?«, setzte ich zu einer Frage an, wurde aber gleich darauf von ihm unterbrochen.
»Daniel Warren?«
Wieder nickte ich, dieses Mal jedoch mit mehr Inbrunst. Aufregung flatterte durch meinen Magen. Ich starrte ihn an und konnte es nicht fassen. Er starrte zurück, ebenfalls bass erstaunt.
»Kennst du ihn?«, fragte ich dann überflüssiger und ergänzte den Satz mit den Worten: »Ist er hier?«
Er schüttelte den Kopf und löste sich aus seiner erstaunten Haltung. Dann musterte er mich erneut und der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht.
»Nein, er ist nicht hier. Aber ich weiß, wo er ist.«
»Echt?«
Ich hörte mich selbst kaum reden, so leise war mein fassungsloses Flüstern. Kurz war ich versucht, mir in den Arm zu zwicken, um zu testen, ob ich nicht schlief und träumte.
»Echt«, beteuerte er und lachte leise. Ich riss meine Augen auf und schnappte nach Luft.
»Aber woher ...«, versuchte ich erneut nachzuhaken, wurde aber ein zweites Mal von ihm unterbrochen. Der Klang seines leisen Lachens verwirrte mich so sehr, dass ich beinahe nicht mehr wahrnahm, was er mir antwortete.
»Dany ist mein bester Freund.«
Ich hörte seine Stimme wie durch Watte.
»Dein Freund«, echote ich und schluckte, um den sich plötzlich bildenden Knoten aus meinem Hals zu bekommen.
Der dunkle Blick streifte mich und angestrengt versuchte ich ein seltsames Erschauern zu unterdrücken.
»Wir haben ein paar Jahre zusammengewohnt.«
Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, bevor ich bemerkte, dass er die Tür ganz geöffnet und selbst ein Stück zur Seite getreten war. Die Aufforderung war unmissverständlich, doch ich zögerte. Etwas in mir weigerte sich entschlossen einfach in die Wohnung eines Fremden zu gehen. Ich vergrub meine Hände in den Taschen meiner Jacke und schüttelte den Kopf. Das konnte ich einfach nicht tun. Ich konnte mich nicht überwinden. Hilflos schürzte ich die Lippen, blinzelte irritiert und ärgerte mich mal wieder über mich selbst. Hier bekam ich unvermittelt Hilfe angeboten und was tat ich? Benahm mich wie ein übervorsichtiger und überängstlicher Trottel. Ich erkannte ein kleines bisschen Verstehen in seinem Blick und ich schaute entschuldigend zurück. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er mich jetzt einfach stehen gelassen hätte. Doch das schien nicht seine Absicht zu sein. Er lachte erneut leise auf und verzog dann amüsiert und leicht spöttisch seinen Mund.
»Komm schon rein. Ich tu dir bestimmt nichts.«
Wieder errötete ich hektisch und trat unruhig auf der Stelle. Die verschiedensten Szenarien, alle natürlich Gewalt geschwängert, schossen mir durch den Kopf. Ich schüttelte mich leicht, um sie auf der Stelle wieder loszuwerden. Das war doch einfach lächerlich. Ich war doch bereits geschlagen, gedemütigt und erniedrigt worden. Was also konnte mir jetzt noch Schlimmeres drohen? Wie ein kaltblütiger Mörder sah mein Gegenüber ganz bestimmt nicht aus.
Ich biss mir also zögernd auf die Unterlippe, gab mir aber einen Ruck und betrat dann, nach einem letzten Zögern seine Wohnung. Er schloss die Tür hinter mir und brachte mich in sein Wohnzimmer, wo er mich aufforderte, mich zu setzen. Ich tat wie geheißen, knetete aber voller Nervosität meine Hände. Dann schaute ich erneut zu ihm hoch. Er hatte die Hände auf seinen Hüften gestützt und musterte mich mit der gleichen Intensität wie bereits zuvor. Der dunkle Blick bohrte sich in mich und ich rutschte unruhig hin und her, nicht in der Lage irgendetwas zu sagen.
»Ich ruf Dany an und sag ihm, dass du hier bei mir gelandet bist, okay?«
Ich nickte und war irgendwie erleichtert, als er sich von mir abwandte und sich entfernte. Er machte mich ganz schön nervös und ich fühlte mich besser, wenn sein Blick nicht mehr auf mir ruhte.
Richtig gut ging es mir trotzdem nicht. Ich saß stocksteif auf dem Sofa und konnte mich nicht entspannen. Ich war froh, dass er mich nicht mehr ansah, aber noch mehr hätte ich mir gewünscht, dass er sich ein T-Shirt übergezogen hätte. Ich ertappte mich selbst dabei, wie ich das Muskelspiel auf seinem Rücken beobachtete, als er den Hörer zum Ohr führte, und schalt mich einen Narren. Absolut absurd war es in dieser Situation so etwas zu tun. Doch ich konnte einfach nicht damit aufhören ihn anzustarren. Ich hörte ihn sprechen, hörte den Klang seiner Stimme, aber nicht was er sagte. Ich versank in der Betrachtung seiner Haut und schrak plötzlich ordentlich zusammen, als er sich wieder zu mir umdrehte und mir kurz zublinzelte. Hitze stieg mir ins Gesicht und ich hoffte inbrünstig, dass er mein Starren nicht bemerkt hatte. Zumindest schien er höflich genug zu sein, um sich nichts anmerken zu lassen.
Er beendete das Gespräch, kam wieder zu mir hinüber und setzte sich dann direkt vor mich auf den kleinen Couchtisch.
»Dany kommt gleich her.«
Er lachte und fügte hinzu: »Ich freue mich auf sein Gesicht, wenn er dich sieht.«
Ich zog schüchtern die Schultern hoch, verspürte aber gleichzeitig eine große Dankbarkeit.
»Was hast du zu ihm gesagt?«
Er schmunzelte und zog einen Mundwinkel zu einem Lächeln hoch.
»Nicht viel. Nur dass es wichtig ist und es keinen Aufschub duldet. Besonders begeistert war er nicht«, antwortete er, erneut lachend.
Ich nickte flüchtig und spürte einen Anflug von Freude in mir hochkommen. Eigentlich freute ich mich sogar viel, viel mehr, als es dieses eine kurze Wort auszudrücken vermochte. Ich war unendlich erleichtert, dass ich Daniel bald wiedersehen würde und ich hoffte, dass für mich nun alles gut werden würde. Doch ich konnte es nicht sagen, nicht in diesem Moment. Die Gegenwart des Dunkelhaarigen schüchterte mich auf sehr eigentümliche Weise ein und die jetzt unmittelbare Nähe zu ihm verursachte mir schweißnasse Hände. Irgendwas löste er in mir aus. Vor allem auch deshalb, weil er sich mit den Unterarmen auf den Oberschenkeln abgestützt und sich noch näher zu mir vorgebeugt hatte. Unsere Knie berührten sich beinahe und ich spürte seinen Blick auf mir ruhen. Ich sah überall hin, nur nicht auf ihn und hoffte zitternd, dass Daniel bald auftauchen würde.
»Du bist also Elijah.«
Ich wunderte mich über seinen Scharfsinn, doch ich fragte nicht, woher er es wusste. Eigentlich war es ja auch nicht schwer zu erraten. Ich suchte nach meinem Bruder, den er kannte. Und Daniel hatte mich mit Sicherheit bereits irgendwann einmal erwähnt.
Ich nickte also stumm, sah weiter auf meine Hände und erwiderte nichts. Ich hörte noch den Nachhall meines eigenen Namens aus seinem Mund, als er mir seine Hand entgegen streckte.
»Ich bin Eric.«
Notgedrungen ergriff ich sie, wir schüttelten uns die Hände, während sich meine Eingeweide verknoteten. Meine Fingerspitzen prickelten, als wir uns wieder losließen. Was zum Teufel war bloß los mit mir? Ich holte tief Luft und zwang mich den Kopf zu heben, was sich als Fehler herausstellte, denn erneut nahm mich Erics Blick gefangen. Dieses Mal konnte ich nicht wieder wegsehen. Er lächelte immer noch leicht und ich konnte nicht verhindern, dass sich meine Mundwinkel wie von selbst nach oben bogen.
»Freut mich dich kennenzulernen.«
»Gleichfalls«, krächzte ich, räusperte mich anschließend und leckte mir kurz über die trockenen Lippen.
»Willst du was trinken?«
Eric schien nichts zu entgehen, doch dieses Mal war ich wirklich dankbar. Ich war fürchterlich durstig, nicht zuletzt durch seine Anwesenheit. Ich bejahte also seine Frage und konnte mich endlich für einen winzigen Moment entspannen, als er sich in die Küche aufmachte.
»Zieh doch deine Jacke aus«, rief er mir über die Schulter noch zu. Ich sah verwirrt an mir herunter. Ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass ich sie noch trug und, zu allem Überfluss, meine Kapuze noch übergezogen hatte. Ich streifte sie also ab und schlüpfte aus der Jacke, was mir sofortige Erleichterung verschaffte. Es war mir doch etwas zu heiß geworden.

Eric kam mit einem Glas Wasser zurück, ich nahm es ihm dankbar ab und war froh, dass ich meine Hände mit etwas beschäftigen konnte. Dann setzte er sich wieder direkt vor mich hin, was ich mit einem innerlichen Stöhnen quittierte. Ich würde sicherlich bald einen Muskelkrampf bekommen, so sehr spannte ich mich in seiner Gegenwart an. Ich versuchte, mich mit einem neuen Lächeln, einigermaßen zu kontrollieren und nahm schließlich einen tiefen Schluck vom Wasser. Eric lächelte zurück, stockte aber plötzlich, als sein Blick auf die Blessuren in meinem Gesicht fiel, die ich mittlerweile beinahe vergessen hatte. Es war mir peinlich, dass er mich so ansah und ich konnte mir nicht erklären, warum sich seine Stirn plötzlich umwölkte.
»Wo hast du das her?«
Seine Stimme hatte sich zu einem leisen, ärgerlichen Flüstern verwandelt.
Ich schluckte unbeholfen und zuckte mit den Schultern. Ich konnte und wollte nicht mit ihm darüber reden, dass mein Vater mir das angetan hatte. Vor allem wollte ich nicht erklären, warum er es getan hatte und warum es dieses Mal so schlimm gewesen war. Das hatte ich noch nie jemandem gesagt und ich war mir sicher, dass ich dieses Geheimnis so schnell mit niemandem teilen würde. Schon gar nicht mit ihm. Eric akzeptierte mein Schweigen, hob aber die rechte Hand, um mich zu berühren. Ich zuckte zurück, bevor seine Finger meine Haut erreicht hatten.
»Nicht!«
Ich rückte von ihm ab und schüttelte schnell den Kopf. Ich wollte nicht, dass er mich anfasste, wollte nicht, dass er dadurch die Erinnerung und den damit verbundenen Schmerz wieder an die Oberfläche brachte. Schwindel überkam mich so schnell, dass ich ihn nicht verhindern konnte. Unaufhaltsam versuchte sich das Bild meines Vaters vor meine Augen zu drängen. Kalter Schweiß brach auf meinem Rücken aus, und obwohl ich mich vehement dagegen wehrte, füllten sich meine Augen mit Tränen. Beschämt sah ich weg und hoffte, dass Eric sie nicht bemerkt hatte. Ich hörte sein betroffenes »Es tut mir leid« und mit der letzten Kraft, die ich noch aufbringen konnte, um diese ganze Scheiße zu vergessen, riss ich mich zusammen.
»Ist schon gut«, gab ich erstickt zurück und nahm einen weiteren Schluck aus dem Wasserglas. Meine Hände zitterten fürchterlich und mehr denn je, sehnte ich mich nach der Gegenwart meines Bruders. Ich sah, wie Eric fassungslos den Kopf schüttelte und mehr zu sich selbst, als zu mir sagte: »Die gleiche Scheiße wie bei Dany.«
Und zum dritten Mal an diesem Abend fiel mir die Schnelligkeit seiner Gedankengänge auf. Mir wurde dabei klar, dass er Bescheid wusste über mich, und meinen Bruder. Und natürlich auch über das, was uns beiden passiert war.

Kapitel 4

Wie ein Häufchen Elend saß ich Erics Sofa, rang nach Fassung und wusste nicht, ob ich es gut oder schlecht finden sollte, dass ein mir völlig Fremder so mir nichts, dir nichts herausgefunden hatte, was mir mein Vater angetan hatte. Ich wusste auch nicht, ob mir das Mitleid, dass deutlich in seinem Gesicht stand, gefiel oder nicht oder ob ich es überhaupt haben wollte. Vor allem von ihm. Ein Teil von mir wollte tatsächlich beschützt, getröstet und bemitleidet werden. Er wollte in den Arm genommen und vor allem Übel dieser Welt bewahrt werden. Doch ein ganz anderer wollte stark sein, selbstbewusst, wollte kämpfen und nicht von irgendjemandem abhängig sein. Ich rang mit mir selbst, schlug die Argumente beider Seiten in mir nieder oder versuchte es zumindest. Erics Scharfsinn hatte mir eine schöne Suppe eingebrockt, die es nun galt auszulöffeln.
Ich sah ihn mit meinen brennenden Augen an und überlegte, was ich jetzt wohl sagen könnte. Doch mir fiel nichts ein, was wirklich Sinn gemacht hätte. So schwieg ich also weiter und hoffte, dass er mich nicht mit Fragen bestürmen würde. Ich fühlte noch eine ganze Weile seinen Blick auf mir ruhen und es war mir immer noch unangenehm. Jetzt sogar noch mehr wie zuvor, da ich nunmehr wusste, was für eine Wirkung er auf mich hatte. Wie ein offenes Buch fühlte ich mich, in dem er nach Lust und Laune blättern und lesen konnte. Irgendetwas in mir sagte, dass er sogar mehr aus mir heraus lass, als ich es wollte. Viel mehr als mir lieb war. Und fast meinte ich zu glauben, dass er den wahren Grund für mein Auftauchen zwischen den Zeilen erkannte. Die gleiche Scheiße wie bei Dany, das waren seine Worte gewesen.
Mir wurde plötzlich klar, dass meine Handlungsweise nicht nur der meines Bruders glich, sie war sogar identisch mit seiner. Ertappt, bloßgestellt und schließlich windelweich geprügelt hatten wir beide Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Wir waren auf und davon, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, abseits der Gewalt und der Intoleranz des Mannes, der uns eigentlich hätte unterstützen müssen. Ein besseres Leben, dass wir endlich so gestalten durften, wie wir es uns immer vorgestellt hatten. Ein hübsches Erbe war es, dass ich da angetreten hatte. Ich trat ungewollt in die Fußstapfen meines Bruders und so war es klar, dass man sich den Rest ohne weitere Schwierigkeiten zusammenreimen konnte.
In meinem speziellen Fall war dies natürlich Eric. Er ließ sich nicht anmerken, was er dachte, doch es war irgendwie klar, dass er mir auf die Schliche gekommen sein musste. Ich biss mir bei dem Gedanken daran auf die Unterlippe und fragte mich, ob man mir diese eine Sache wirklich so sehr ansehen konnte. Und, dass war das Wichtigste, ob es mir wirklich soviel ausmachte, wenn irgendjemand, in diesem Falle Eric, davon wusste. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken. Ich hatte fürs Erste genug andere Probleme und wann ich mit diesem speziellen herauskommen würde, das konnte ich mir jetzt noch nicht vorstellen.
Ich war so in mich gekehrt, dass ich kaum wahrnahm, dass Eric mit einem leisen Seufzer aufgestanden und aus dem Raum gegangen war. Seine direkte Nähe hatte mich die ganze Zeit über total verunsichert. Doch von ihm alleine gelassen zu werden war mir auch nicht recht und ich runzelte, ob diesem Gedanken verwirrt die Stirn. Ich versuchte die erschöpfende Lethargie, die von mir Besitz ergriffen hatte abzuschütteln. Es tat mir sehr leid und war mir schrecklich unangenehm, dass ich ein ebenso anstrengender wie langweiliger Gast war. Zudem war ich früh morgens zu unchristlicher Zeit aufgetaucht und musste Eric furchtbar auf den Wecker gehen. Ich war erleichtert, als er nach kurzer Zeit zurückkam, doch sobald er sich wieder zu mir gesetzt hatte, war das beklemmende Gefühl wieder da. Ich atmete flach ein und aus und schaute einfach weg.
»Kann ich irgendwas für dich tun während wir auf Daniel warten?«
Seine Stimme klang sanft und schien voller Besorgnis und Mitgefühl zu sein. Ich schüttelte den Kopf, während ich gleichzeitig mit den Schultern zuckte. Ich riskierte einen kurzen Blick auf ihn und schämte mich ein zweites Mal dafür, dass ich so unhöflich zu ihm war. Darüber hinaus hätte ich auch nicht gewusst, mit was er mir hätte helfen können. Durchdringend sah er mich an und nickte schließlich langsam.
»Du würdest mir nicht erlauben, dass ich mir die Verletzungen ansehe, oder?«
Ich versteifte mich augenblicklich und nahm ein weiteres Mal eine abwehrende Haltung ein.
»Nein, ich… bitte..«
Mein Atem beschleunigte sich, ob aus Panik oder aus Unsicherheit konnte ich nicht sagen.
»Nicht anfassen…«
Selbst in meinen eigenen Ohren hörte sich diese Aussage nach schweren Problemen an und das machte die ganze Situation natürlich nicht leichter.
Verzweifelt schloss ich die Augen und wusste überdeutlich, dass ich dringender Hilfe bedurfte. Und dass ich, auch wenn ich sie wie jetzt angeboten bekam, nicht in der Lage war sie anzunehmen.
»Es tut mir leid, Elijah«, hörte ich Eric zum zweiten Mal sagen und ich hörte aus den Worten heraus, dass er damit nicht nur seine Frage entschuldigte. Er war betroffen von meinem Schicksal und ob ich es nun wollte oder nicht, seine Anteilnahme machte es irgendwie besser für mich, zumindest ein kleines Bisschen. Ich stützte mich mit der Stirn auf meinen Händen ab und versuchte die Übelkeit loszuwerden, die mich beim bloßen Gedanken an Berührung überkommen hatte. Es war grotesk, dass ich mich dagegen sperrte, denn das Einzige, dass mir wirklich geholfen hätte, war Trost. Und den konnte man mir nur spenden, wenn ich zulassen würde, dass man mich anfasste. Doch ich wusste, dass ich es nicht konnte, noch nicht. Daniel würde ich es gestatten, da war ich mir sicher, aber er war nicht da und so flehte ich innerlich, dass er bald eintreffen würde.
Zu meinem Glück und großer Erleichterung klopfte es nur kurze Zeit später forsch an der Tür und ich riss so schnell den Kopf hoch, dass es mir durch die Bewegung schwindlig wurde. Eric war aufgestanden, um die Türe zu öffnen, und ich reckte den Kopf, um einen ersten Blick auf meinen Bruder zu werfen, den ich so lange nicht mehr gesehen hatte und mein Herz machte einen Hüpfer, als ich ihn schließlich sah. Daniel machte ein wenig begeistertes Gesicht, als er den schelmisch grinsenden Eric ansah, der ihm geöffnet hatte.
»Ich hoffe für dich, dass es wirklich wichtig ist, sonst vergesse ich mich«, drohte er ihm und schaute finster, während er sich seine Jacke auszog. Seine ganze Erscheinung machte den Eindruck auf mich, dass er überstürzt hergekommen war und er schien nicht besonders angetan zu sein. Er schnaufte kurz und unwillig auf, als Eric ihm zur Begrüßung auf die Schulter klopfte.
»Was gibts denn nun?«
Eric hob langsam den Arm und zeigte in meine Richtung. Mein Magen überschlug sich vor Aufregung, als ich mich vom Sofa erhob und einen Schritt auf Daniel zuging.
Er starrte mich an, als wäre ich eine Fata Morgana, das achte Weltwunder oder beides zusammen. Er riss die Augen auf, wurde augenblicklich blass und schluckte hörbar. Dann beugte er sich ungläubig nach vorne, öffnete den Mund, nur um ihn gleich wieder zu schließen, und fuhr sich konfus mit einer Hand durch seine Haare.
»`Lijah«, flüsterte er dann schließlich fassungslos. Für einen kurzen, winzigen Moment überspülte mich die wohlgekannte Panik. Panik davor, dass er mich nicht haben wollte. Dass ihm mein Erscheinen und die Probleme, die ich offensichtlich mitbrachte, lästig waren. Dass ich zum falschen Zeitpunkt gekommen war, oder dass er mich einfach vergessen hatte nach so langer Zeit. Doch die Reaktion, die er an den Tag legte, strafte meine Besorgnis Lügen. Er stürmte auf mich zu und noch bevor ich es richtig begriffen konnte, umarmte er mich und drückte mich so fest an sich, dass ich nach Luft schnappte.
Das Gefühl ihn endlich wiederzuhaben, war noch besser, als die Erleichterung, die mich nun durchströmte. Unter Lachen und Weinen klammerte ich mich an ihn, hoffte im gleichen Moment, dass nun alles gut werden würde. Hier war nun endlich jemand, dem ich nicht egal zu sein schien. Endlich jemand, der wusste, was ich durchgemacht hatte und der mir helfen konnte dieses Trauma zu verarbeiten. Jemand, der wusste, was in mir vorging. Und noch während ich hoffte, noch während die Freude über unser Wiedersehen so präsent in mir war, kam die ganze Scheiße plötzlich wieder in mir hoch. Das ganze Entsetzen, die Schmach und die Erniedrigung stiegen an die Oberfläche, wo sie sich in bittere Tränen und haltloses Schluchzen verwandelten.
Ich weinte, wie ich in meinem Leben noch nie geweint hatte. Es war mir egal, dass ich das eigentlich nicht tun durfte. Es war mir egal, dass ich damit die unrealistischen und sadistischen Lehren meines Vaters, nach denen ein Mann keine Gefühle zeigen durfte, ignorierte. Und es war mir egal, dass Eric zuschaute. Ich musste mir Luft machen, den Druck der auf meiner Brust lastete mindern und mir dadurch Erleichterung verschaffen. Es schüttelte mich heftig, während ich mein Gesicht an Daniels Schulter verbarg. Ich krallte mich in sein T-Shirt und konnte nicht aufhören. Zu schrecklich waren die Erlebnisse in den letzten Jahren gewesen und die jüngsten davon hatten mir und meiner Seele den Rest gegeben. Ich war völlig fertig, beinahe zerrüttet und ich hatte Angst, dass mich nichts und niemand wiederherstellen könnte.
Daniel ließ mich einfach weinen, strich über meinen Rücken und wiegte uns beide leicht hin und her. Ich konnte spüren, dass ihn mein plötzliches Auftauchen und mein Schmerz erschütterten und er verstand ohne Worte, was für ein Aufruhr in meinem Inneren herrschte. Er versuchte beruhigend auf mich einzuwirken, mir das Grauen ein wenig zu erleichtern.
»Ruhig, `Lijah, ruhig«, hörte ich ihn immer wieder leise sagen und vielleicht war es die Kontinuität dieser Worte, die es schließlich fertigbrachte die Tränen abzumildern. Daniel löste irgendwann sanft mein Gesicht von seiner Schulter, drehte es zu sich und sah mir in meine verheulten Augen. Er lächelte das Lächeln, dass ich niemals vergessen hatte und nachdem ich mich so gesehnt hatte. Hicksend versuchte ich es zu erwidern, etwas zu sagen, aber all das misslang mir gründlich. Ich war viel zu aufgewühlt.
Er löste eine Hand von meinem Rücken und hob sie um mir durch die Haare zu fahren. Ich schluckte schwer, da mir bei der zärtlichen Geste erneut die Tränen kamen. Aufmerksamkeiten war ich nicht gewohnt und so löste die Berührung in mir eine unerklärliche Traurigkeit aus. Ich spürte, dass Daniel besorgt mein Gesicht musterte, während mir immer und immer weiter die salzige Flüssigkeit über die Wangen lief.
»Großer Gott, `Lijah. Was hat er nur mit dir gemacht?«
Sein Flüstern klang fassungslos und aufgebracht. Zitternd schüttelte ich den Kopf und war nicht in der Lage zu antworten. Stattdessen kam das Schluchzen zurück, was mich mittlerweile sehr anstrengte. Ich konnte einfach nicht mehr, war am Ende meiner Kräfte. Mein Kopf schmerzte und dröhnte.
Daniel fragte nicht weiter nach. Er bugsierte mich zum Sofa, ohne mich loszulassen, schob mich sanft darauf und setzte sich neben mich. Dann gab er dem außer sich wirkenden Eric einen Wink, der mir daraufhin das Glas mit Wasser in die Hand drückte. Ich stürzte es mit einem Zug hinunter, rang nach Luft und sah die beiden abwechselnd an. Keiner von ihnen schien zu wissen, was sie nun tun sollten. Doch es war mir auch nicht wichtig jetzt nach einer endgültigen Lösung zu suchen. Ich wollte auch nicht darüber nachdenken, was für Folgen es für mich und meinen Bruder haben könnte, dass ich einfach abgehauen war. Das Einzige, dass jetzt für mich zählte, war, dass ich bei Daniel Halt suchen konnte. Ich blieb also in seiner Umarmung und versuchte das Weinen niederzukämpfen, was mir nach einiger Zeit auch mehr oder weniger erfolgreich gelang.
Ich wurde unter den besorgten Zärtlichkeiten meines Bruders zusehends ruhiger. Ab und an stellte er mir einige unverfängliche Fragen, die ich zuerst zögernd, mit der Zeit aber immer bereitwilliger beantwortete. Es tat mir so unendlich gut seine Stimme zu hören und zu wissen, dass er in meiner Nähe war. Irgendwann lösten wir uns aus der inzwischen unbequem gewordenen Umarmung, doch er hielt meine Hand fest, während wir versuchten ein Gespräch in Gang zu bringen. Eric saß die ganze Zeit stumm neben uns und mit nicht erklärbarem Gesichtsausdruck. Genau so stumm brachte er mir Taschentücher und ein weiteres Glas mit Wasser. Er lächelte dünnlippig, als ich mich bedankte und schien doch mit seinen Gedanken in weiter Ferne zu sein. Ab und an wechselte er einen Blick mit Daniel und ich wunderte mich kurz darüber, dass die beiden sich auch ohne große Worte zu verstehen schienen.
Auch mich verstand Daniel nur zu gut und er brachte die Sprache nicht mehr auf meinen Vater. Doch nach einigen Minuten, die ich ohne weitere heftige Gefühlsausbrüche überstanden hatte, veranlasste ihn irgendetwas zu fragen: »Was machen wir jetzt bloß?«
Was in mir eine weitere schmerzhafte Panikattacke auslöste. Würgend vor Angst klammerte ich mich wieder an Daniel und bohrte meine Finger Halt suchend in seinen Oberarm.
»Bitte schick mich nicht zurück«, war alles was ich herauskriegte. Zu groß war meine Furcht, dass ich den Rückweg zu meinem Vater antreten musste. Ich stierte ihn an und sah schließlich, dass Daniel einen grimmigen Blick mit Eric tauschte. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass dies nicht passieren würde. Nie und nimmer würde mein Bruder, der das gleiche Schicksal mit mir teilte zulassen, dass ich in die Hölle meines ehemaligen Zuhauses zurückkehren musste. Er würde es nicht zulassen, ganz genau so wenig wie Eric.
 

Kapitel 5

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich mich wieder einigermaßen stabilisiert hatte. Daniel beschwichtigte zum größten Teil meine Angst und mein Entsetzen und befand mich schließlich für soweit wieder hergestellt, um aufzubrechen. Ich lehnte mich Schutz suchend an ihn, als wir Anstalten machten uns von Eric zu verabschieden. Er legte lächelnd den Arm um meine Schultern und zog mich näher an sich. Ich verbarg mein Gesicht halb an seiner Schulter. Dann verabschiedete er sich mit einem leisen »Danke« von Eric. Ich spürte genau, dass sehr viel mehr in dem schlichten Wort steckte, als nur die reine Anerkennung. Ich fühlte genau wie mein Bruder und ich hoffte, dass Eric es mir nicht übel nahm, dass ich in diesem Moment nichts sagen konnte.
Als wir bereits an der Türe waren, drehte ich, einem innerlichen Impuls folgend, noch einmal den Kopf zu ihm um und hob halb meine Hand zum Gruß. Erics Augen verzogen sich zu Schlitzen, als ein kaum erkennbares Lächeln über seinen Mund huschte und der dunkle Blick mich noch einmal traf. Er winkte uns nach und ein mir unerklärliches Kribbeln nahm von meinem Magen Besitz, als wir uns über den Flur von Erics Wohnung entfernten. Es hielt an bis wir den Wagen meines Bruders erreichten und verschwand auch nicht, als mich mein Bruder auf den Beifahrersitz verfrachtete. Es blieb, als ich mich anschnallte und Daniel um das Auto herumgehen sah. Und es blieb auch, als ich meine Beine auf den Sitz zog und mich klein machte, so wie ich es mir in den letzten Monaten und Jahren zur Angewohnheit gemacht hatte. Es blieb und sollte auch so schnell nicht wieder verschwinden.
Während der Fahrt sprachen wir wenig, doch Daniel hielt meine Hand fest und ließ sie nur los, wenn er den Gang wechseln musste. Ich hatte mich in seine Richtung gedreht, sah ihn unverwandt an und konnte es noch immer nicht fassen, dass ich hier neben ihm saß. Wenn er die Gelegenheit hatte, blickte Daniel von Zeit zu Zeit zu mir und lächelte mich an. Trotz meiner Erleichterung ihn wieder zu haben, trotz der Aufregung und der Angst, die unter der Oberfläche meiner Seele schlief und trotz des merkwürdig wuseligen Gefühls in meinem Bauch, hatte sich eine bleierne Müdigkeit in meine ...

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