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New Tales of Partholon 4: Erhört

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

P. C. Cast

New Tales of Partholon 4:
Erhört

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ivonne Senn

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Für meine erstaunliche Tochter Kristin Frances,

die perfekte Mischung aus zweien und

die Inspiration für Elphame.

DANKSAGUNGEN

Wie immer danke ich meiner Agentin und Freundin Meredith Bernstein. In diesem speziellen Fall verdienst du das große Dankeschön!

Meiner Redakteurin Mary-Theresa Hussey bin ich so dankbar. Danke, M-T, dass du mir während der umfangreichen Arbeit, eine neue Welt zu erschaffen, geholfen hast, den Überblick zu behalten.

Dank an meinen Vater Dick Cast für seine unschätzbaren Informationen über Wölfe (siehst du, ist doch gut, dass du Mitglied einer Meute bist) und über Flora und Fauna im Allgemeinen.

Ich danke meiner Schwägerin Carol Cast, zertifizierte Krankenschwester, für die detaillierten Informationen bezüglich grausamer Wunden und Leichen. Alle diesbezüglichen Fehler stammen allein von mir.

Und ich möchte einen aus tiefster Seele kommenden Dank an euch, meine fabelhaften Fans, aussprechen, die ihr euch in Partholon verliebt und mich um immer mehr und mehr gebeten habt. Ich bin euch so unglaublich dankbar!

PROLOG

Der Tag begann trügerisch ruhig.

Das morgendliche Dämmeropfer an Epona war außergewöhnlich bewegend gewesen. Die Göttin hatte Etain so vollkommen erfüllt, dass sie ihre strahlende Präsenz den ganzen Morgen über in sich gespürt hatte, nun war ihr endlich ein wenig Zeit für sich allein vergönnt – eine kurze Befreiung von den Pflichten als Inkarnation der Göttin.

Die ersten Wehen nahm sie nur als vages Gefühl von Unwohlsein wahr. Sie fand auf ihrer dick gepolsterten Chaiselongue einfach keine bequeme Stellung. Daher fuhr sie die enthusiastische Dienerin uncharakteristisch ungeduldig an, die hereinkam, um sich zu vergewissern, dass ihrer Herrin tatsächlich kein Wasser heiß gemacht werden sollte. Nicht einmal der Gedanke an ein langes Bad in dem von Mineralquellen gespeisten Badebecken schien ihr verlockend.

Etain hoffte, ein Rundgang durch ihren zauberhaften Blumengarten würde das beheben, was sie eine kleine Magenverstimmung wähnte, hervorgerufen von den Erdbeeren beim Mittagsmahl. Der Spaziergang schien tatsächlich zu helfen – bis sie stehen blieb, um an einer wunderschönen blutroten Blüte zu schnuppern. Da platzte ihre Fruchtblase. Das Wasser ergoss sich in einem Schwall über die seidenen Slipper der Inkarnation der Göttin.

Die Normalität war beendet.

„Ist es nicht immer so?“ Sie zog eine Grimasse und biss die Zähne zusammen, als eine neue Schmerzwelle ihren Körper packte. Vorgebeugt stützte sie sich schwer auf den Arm der Frau, die sie begleitete.

„Pscht, Etain“, sagte Fiona mit ihrem hellen melodischen Akzent. „Sprich nicht, meine Freundin, sonder konzentriere dich auf deine Atmung.“

Etain nickte als Zeichen der Zustimmung heftig und versuchte ihre gekeuchten Atemzüge Fionas ruhiger, tiefer Atmung anzupassen. Die Wehe erreichte ihren Höhepunkt und verebbte.

Hektische Aktivität setzte ein. Der Inkarnation der Göttin wurde von der Schar ihrer Begleiterinnen die Kleidung gewechselt, und sie bemerkte die Weisen Frauen, die in den Dörfern in der Nähe von Eponas Tempel lebten und sich im Garten versammelt hatten. Sie legte einen Arm um Fionas Taille und zog Kraft aus der robusten Natur ihrer Vertrauten, um ihren Weg durch den Blumengarten fortzusetzen. Freundin und Ratgeberin der Auserwählten, hatte Fiona ihr versichert, dass herumzulaufen ihr bei der Geburt des Kindes helfen würde.

Während der Tag langsam dahinkroch, ließ die beruhigende Wirkung von Etains kleiner Oase nach, doch der Nachklang von Eponas morgendlicher Anrufung blieb – wie immer vertraute Eponas Auserwählte auf das Band zwischen ihr und der Göttin und fand darin Stärke und Trost.

Fiona lächelte aufmunternd, und gemeinsam drehten die beiden Frauen sich um und gingen auf die hohen Glastüren zu, die von Etains Schlafzimmer direkt in ihren privaten Garten führten. Leichte Vorhänge in der Farbe flüssigen Goldes flatterten vor den geöffneten Bleiglasfenstern, die zugleich als Türen dienten. Die Inkarnation der Göttin atmete tief durch und versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen und sich für die nächste Kontraktion zu wappnen.

„Ich glaube, das hier ist der schlimmste Teil.“ Wie immer sprach sie ihre Gedanken Fiona gegenüber laut aus.

„Was meinst du?“ Fiona schaute ihre Freundin und Herrin nachdenklich an.

„Die Unausweichlichkeit der Ereignisse. Ich kann es nicht aufhalten. Ich kann es nicht anhalten. Ich kann es überhaupt nicht beeinflussen. Die Wahrheit ist, ich würde gerne sagen: Nun, das war eine interessante Erfahrung, aber jetzt ist es genug. Ich möchte baden, ein leckeres Mahl zu mir nehmen und schön eine Nacht durchschlafen. Machen wir einfach morgen weiter, einverstanden?“

Fiona brach in perlendes Gelächter aus. „Das wäre nett.“

„Nett?“ Etain zog eine sehr ungöttliche Grimasse. „Das wäre wundervoll.“

Sie nahm einen weiteren tiefen Atemzug und genoss die berauschende Süße der üppig blühenden Fliederbüsche, die diesen Teil des Weges säumten. Der Pfad machte eine leichte Linkskurve, und dem Flieder folgte eine Fülle violetter Rosen, die in voller Blüte standen. Die zarten Vorhänge blähten sich vor der Tür und schwebten wie Flügel riesiger Schmetterlinge über den Köpfen der Rosen. Ein paar Meter vor dem Schlafgemach, das seit unzähligen Generationen Partholons Geliebte der Epona beherbergte, blieben Etain und Fiona stehen. Die sanfte Brise trug den verzaubernden Klang des Lobgesangs zu ihnen, den die Weisen Frauen angestimmt hatten.

„Wir sind der Fluss des Wassers,

Die Ebbe und die Flut,

Der Hort der Weisheit,

Der alle Wahrheit kennt.“

Die Worte verbanden sich harmonisch miteinander; der zugrunde liegende Rhythmus war hypnotisch. Er rief nach der Auserwählten Eponas und beruhigte ihre gereizten Nerven. Langsam entspannte sich ihr angeschwollener Leib, während der Grußgesang der Frauen sie erfüllte.

„Wir sind der Klang des Wachstums

Der göttlichen Wurzeln.

Die sich lang und wissend

Bis in die Unendlichkeit strecken.“

Die Worte trieben Etain vorwärts, sodass sie freudig das Schlafgemach betrat. Die Weisen Frauen füllten den Raum. Beim Erscheinen der Inkarnation der Göttin steigerte sich das Tempo des Liedes. Die Frauen bewegten sich fröhlich und graziös durch das Zimmer, bis Etain und Fiona das Zentrum ihres Kreises bildeten.

„Wir sind die Seele der Frau,

Ein wundersames Geschenk,

Reich und wissend

Erheben wir uns in Glorie!“

Beim Wort „erheben“ hoben die Frauen die Arme zur kuppelförmigen Decke und drehten sich, wobei sie die Melodie weitersummten. Ihre seidenen Kleider schwebten um ihre Körper wie fallende Blätter und hüllten sie in schimmernde Strahlen wechselnden Lichts. Alle Frauen lächelten. Es schien, als könnten sie die Freude über das Wunder, an dem sie teilhatten, nicht für sich behalten und sprudelten nur so vor Glück über. Als Fiona ihrer Herrin half, sich auf die gepolsterte Chaiselongue sinken zu lassen, sah Etain, dass jede Tänzerin von einer glitzernden Aura umgeben war.

„Magisch“, flüsterte sie.

„Natürlich“, erwiderte Fiona in ihrer sachlichen Art. „Hattest du bei der Geburt einer Göttin etwas anderes erwartet?“

„Natürlich nicht“, sagte Etain, doch die Wahrheit war, dass sie sich immer noch leicht von der Macht ihrer Göttin verzaubern ließ, obwohl sie seit beinahe einem Jahrzehnt Eponas Auserwählte war.

Das Lied endete, und graziös lösten die Tänzerinnen den Kreis auf. Einige traten zu Etain, um ihr ein Lächeln und ein liebes Wort zu schenken.

„Epona hat Euch reich gesegnet, Auserwählte.“

„Das ist ein großer Tag für die Göttin, Eponas Geliebte.“

Wenn sie einzeln standen, verloren sie etwas von ihrer Magie und wurden wieder das, was sie waren – einfach menschliche Frauen, die anwesend waren, um bei der Geburt eines lange erwarteten Kindes zu helfen und sie zu unterstützen. Sie waren unterschiedlich alt und unterschiedlich schön, doch im Geiste waren sie alle gleich.

Die nächste Wehe setzte hoch in Etains Unterleib an. Sie spürte, dass sie sich anspannte. Der Schmerz erreichte seinen Höhepunkt. Die Wehe packte sie und rollte durch ihren Körper, bis sie darin zu ertrinken schien.

Eine junge Frau umfasste Etains Schultern.

„Kämpft nicht dagegen an, Göttin.“ Ihre Stimme war ein zartes Flüstern an Etains Ohr. „Das ist kein Kampf, der gewonnen werden kann. Stellt Euch vor, es wäre der Wind.“

Eine andere Frau ergriff das Wort: „Lasst Euch davon erfüllen, Auserwählte.“

„Ja, fliegt mit dem Schmerz, Mylady“, ergänzte eine weitere. „Atme mit mir, Etain.“

Fionas vertrautes Gesicht war wieder da. Die Inkarnation der Göttin bemühte sich, ihre Atemzüge zu beruhigen, als eine weitere Kontraktion sie erschütterte.

Nach einer ihr endlos erscheinenden Zeit verebbte der Schmerz langsam. Sie spürte, wie ihr mit einem kühlen feuchten Lappen der Schweiß von der Stirn gewischt wurde. Fiona hielt ihr einen Kelch mit klarem eiskaltem Wasser an die trockenen Lippen.

„Lasst mich sehen, wie weit Ihr fortgeschritten seid, Mylady.“

Etain öffnete die Lider und schaute direkt in die kühlen aquamarinblauen Augen der Heilerin. Sie war eine kräftig gebaute blonde Frau mittleren Alters und strahlte das Selbstbewusstsein eines Menschen aus, der seinen Beruf in- und auswendig kannte und wusste, dass er ihn hervorragend ausübte. Etain nickte und zog gehorsam die Knie an. Sie trug nur ein cremefarbenes Baumwollgewand, das so leicht war, dass es sich anfühlte, als wäre es aus Wolken gesponnen. Die Heilerin schob es ihr über die nicht vorhandene Taille. Ihre Berührungen waren sanft und gründlich.

„Es geht gut voran, Geliebte der Göttin.“ Sie lächelte ermutigend und tätschelte Etains Oberschenkel, bevor sie das Gewand wieder herunterzog.

„Wie lange noch?“, fragte Etain erschöpft.

Die Heilerin hielt den Blick der Auserwählten, sie verstand ihre Ungeduld. „Das kann Euch mit Sicherheit nur die Göttin sagen, Mylady. Ich denke aber, es wird nicht mehr sehr lange dauern, bis Ihr Eure Tochter begrüßen könnt.“

Etain lächelte und nickte. Die Heilerin zog sich in den Kreis der Frauen zurück, denen sie mit einer Stimme wie aus samtenem Stahl Befehle erteilte. Fiona strich eine vorwitzige Strähne aus dem feuchten Gesicht ihrer Freundin.

„Er wird nicht rechtzeitig hier sein, oder?“ Etain konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Natürlich wird er das“, erwiderte Fiona fest.

„Ich hätte nicht darauf bestehen sollen, dass er geht. Was habe ich mir nur dabei gedacht?“

Fiona versuchte vergebens, ihr Lachen zu verbergen, als sie antwortete: „Lass mich überlegen … ah, ja! Ich glaube, ich erinnere mich, was du gesagt hast. Irgendwas in der Art, wenn er dir nicht aus dem Weg geht und aufhört, alle naslang zu fragen, wie es dir geht, würdest du ihm die Haut abziehen.“ Sie machte Etains Tonfall so täuschend echt nach, dass einige der in der Nähe stehenden Frauen lachten.

„Ich bin so dumm.“ Etain stöhnte. „Nur eine ausgesprochen dumme Frau würde ihren Mann wegschicken, wenn sie hochschwanger ist und die Geburt ihrer Tochter jeden Augenblick bevorsteht.“

„Meine Freundin.“ Fiona setzte sich neben sie und drückte ihre Hand. „Midhir wird rechtzeitig zur Geburt seiner Tochter hier sein. Du weißt, dass Moira ihn finden wird.“

Das würde sie. Zumindest sagte ihr Verstand der Inkarnation der Göttin, dass Moira, die leitende Jägerin von Partholon, ihren Ehemann selbstverständlich aufspüren würde. Ihren Ehemann, den sie am Tag zuvor in Begleitung seiner Kameraden zu einem Jagdausflug aus dem Haus gescheucht hatte, der die ganze Nacht dauern würde. (Sie dachte an den genervten Ton ihrer Stimme, als sie ihm geraten hatte, lieber auch noch den folgenden Tag fortzubleiben, und zuckte zusammen.) Ihr Herz und ihr in den Wehen liegender Körper verrieten ihr, dass das Baby bald kommen würde, in Anwesenheit des Vaters oder ohne ihn.

„Ich brauche ihn hier, Fiona.“ Tränen verschleierten ihren Blick.

Bevor Fiona etwas erwidern konnte, baute sich eine neue Wehe auf, und Etain packte die Hand ihrer Freundin fester.

„Oh! Die ist schlimm.“ Etain keuchte. Ihr war ein wenig übel, und sie bekam leichte Panik.

Dann legten sich die kühlen, beruhigenden Stimmen der Frauen wie eine Decke über die Auserwählte, als sie die Melodie des Geburtsliedes anstimmten. In Harmonie mit dem Rhythmus sprachen einige von ihnen nacheinander in frohem Ton:

„Wir sind bei Euch, Mylady.“

„Ihr macht das gut.“

„Atmet mit Fiona, Auserwählte.“

„Entspannt Euch, Göttin. Erinnert Euch, jeder Schmerz bringt Eure Tochter weiter in diese Welt.“

„Wir können es kaum erwarten, sie zu begrüßen, Mylady!“

Ihre Stimmen wurden zu Felsen für Etain, an die sie sich klammern, auf die sie sich konzentrieren konnte, während sie ihre Atmung mit Fionas ruhigen Atemzügen synchronisierte. Sie ließ sich von der abebbenden Kontraktion mittragen und schaffte es sogar, den Umstehenden dankbar zuzulächeln.

Das süße Lachen der Frauen war ansteckend. Als ein Kichern über ihre Lippen schlüpfte, legte Etain eine Hand auf ihren prallen Bauch. Sie schloss die Augen und zwang ihren Körper, sich zu entspannen.

Oh bitte, lass ihn rechtzeitig ankommen.

Geduld, Geliebte.

Die Stimme kitzelte Etains Verstand. Ihre Mundwinkel bogen sich bei der leichten Ermahnung nach oben.

Der Schamane wird die Geburt seiner Tochter nicht verpassen.

„Dank dir, Epona“, flüsterte sie. Die Versicherung ihrer Göttin schenkte ihr neue Kraft. „Fiona! Lass uns noch ein Stückchen gehen.“

„Bist du sicher, Etain?“ Fiona runzelte besorgt die Stirn.

„Du hast gesagt, Bewegung würde die Geburt beschleunigen.“ Etain streckte die Hände aus, und Fiona half ihr dabei, sich von der Chaiselongue zu erheben. „Und ‚schnell‘ klingt in meinen Ohren im Moment wundervoll.“ Sie zwinkerte, und die Sorge in Fionas Miene verschwand. Die Auserwählte warf den Kopf zurück und lächelte den wartenden Frauen zu. „Ladies, bitte singt weiter, während ich versuche, die Ankunft meiner Tochter zu beschleunigen.“

Die Frauen klatschten erfreut in die Hände. Einige von ihnen begannen fröhlich einen kleinen Tanz, der die Magie im Raum zum Funkeln brachte. Etain hakte sich bei Fiona unter, und gemeinsam schritten sie durch die Tür mit den transparenten Vorhängen.

Etain atmete tief ein. „Das wird mir fehlen, wenn ich nicht mehr schwanger bin.“ Fiona sah sie fragend an, und sie erklärte: „Mein unglaublicher Geruchssinn. Die ganze Schwangerschaft über war mein Geruchssinn außergewöhnlich geschärft.“ Bevor sie ihren Weg fortsetzte, ging sie zu dem am nächsten stehenden Rosenbusch und ließ einen Finger über die samtigen Blütenblätter gleiten. „Ja, das ist erstaun…“ Das Wort endete in einem Stöhnen, da die nächste Wehe sie überraschte.

„Langsam. Denk daran, nicht dagegen anzukämpfen, Etain.“ Fiona sprach sanft in ihr Ohr, während Etain sich schwer an sie lehnte. „Sollen wir zu den anderen Frauen zurückkehren?“, fragte sie.

Etain schüttelte schwer atmend den Kopf. „Nein. Ich habe das Gefühl, hier draußen bekomme ich besser Luft.“ Die Wehe verebbte, und sie richtete sich langsam wieder auf und wischte sich mit einem Ärmel den Schweiß von der Stirn. „Und ich mag es, wie ihr Gesang im Wind klingt – als ob die ganze Welt von der Magie der Geburt dieses Babys erfüllt wäre.“

In Fionas Augen glitzerten mit einem Mal Tränen, und sie nahm Etain fest in den Arm. „Das ist sie, Mylady, das ist sie.“

Die Auserwählte der Göttin verbannte den Schmerz aus ihren Gedanken, indem sie sich auf das konzentrierte, wofür sie dankbar war. Sie setzten den Weg durch den Garten fort. Die Bewohner von Partholon huldigten vielen Göttern und Göttinnen, doch Epona würde immer einen besonderen Platz im Herzen ihres Volkes einnehmen.

Die Göttin hauchte dem Morgenhimmel Leben ein, und Eponas Gesicht zeigte sich in der Fülle des Mondes. Sie war die Kriegsgöttin, Göttin der Pferde und die Stifterin reicher Ernte. Partholon würde sie immer als seine Beschützerin verehren. Es war Eponas Auserwählte, die gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, einem Schamanen, die Invasion der dämonischen Fomorianer zurückgeschlagen und Partholon damit vor dem Schicksal der Versklavung gerettet hatte. Das war nun über einhundert Jahre her, und der Fomorianische Krieg spielte in den Köpfen und Herzen der Partholonier kaum noch eine Rolle. Doch Eponas Größe würde nie vergessen werden, und ihre Geliebte würde auf alle Zeiten verehrt werden.

Ich bin die Geliebte der Göttin, Eponas Auserwählte, rief Etain sich ins Gedächtnis, während sie sich durch eine weitere Wehe atmete. Das bedeutete, dass ihre Erstgeborene eine Tochter sein würde, die ebenfalls von der Göttin berührt worden war. Sie wäre die Urenkeltochter der legendären, Fomorianer tötenden Rhiannon. Der Gedanke, dass ihr Kind vielleicht ausersehen war, als Eponas Auserwählte in ihre Fußstapfen zu treten, war aufregend und machte die Anstrengungen der Geburt etwas erträglicher.

Unter der nächsten Kontraktion zerstoben Etains Gedanken. Sie merkte schnell, dass diese Wehe anders war als die anderen. Sie wurde von einem Brennen tief in ihr begleitet, und der überwältigende Drang zu pressen ließ sie nach Luft schnappen. Ihre Knie gaben unter ihr nach. Fiona fing sie gerade noch auf und half ihr, sich sanft zu Boden sinken zu lassen.

„Ich muss pressen.“ Etain stöhnte.

„Warte!“, befahl Fiona scharf. Dann rief sie über ihre Schulter in Richtung Schlafgemach: „Frauen! Kommt zu mir! Die Göttin braucht Euch!“ Etain konnte nicht sagen, ob jemand sie gehört hatte, denn ihr ganzes Wesen war auf ihr Inneres gerichtet. Der Drang zu pressen war roh und ursprünglich, und nur wegen der Angst um das Leben ihrer Tochter schaffte sie es, dagegen anzukämpfen.

Ein Geräusch drang durch ihre tiefe Konzentration, und ihre Seele jauchzte vor Freude auf, als sie es erkannte. Es war der Klang von Hufen, die auf den festen Pfad schlugen. Etain blinzelte den Schweiß aus den Augen und sah den Zentauren um die Kurve biegen und vor ihr auf die Knie fallen.

„Hier, meine Liebe. Jetzt wird alles gut. Leg deine Arme um meine Schultern.“

Die tiefe Stimme ihres Mannes schien die Schmerzen zu vertreiben. Die Wehe verebbte völlig.

Wortlos schlang sie die Arme um seine granitharten Schultern und ließ den Kopf dagegenfallen, als er sie mühelos hochhob. Nach wenigen großen Schritten kam ihr Schlafgemach in Sicht, und Sekunden später bettete ihr Ehemann sie vorsichtig auf die Chaiselongue. Sie hielt ihn fest, doch sie hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Er hatte nicht vor, sie loszulassen.

„Ich bin so froh, dass du da bist“, sagte sie, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

„Nur hier gehöre ich hin.“ Er lächelte und schob ihr eine Strähne aus der verschwitzten Stirn.

„Ich hatte Angst, dass du es nicht rechtzeitig schaffen würdest. Ich dachte, Moira würde dich nicht rechtzeitig finden.“

„Das hat sie auch nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber deine Göttin.“ Er gab ihr einen sanften Kuss.

Oh Epona, danke, dass du ihn rechtzeitig zu mir gebracht hast. Und danke, dass er mein Lebenspartner ist. Durch tränenverschleierte Augen sah sie zu, wie ihr Ehemann mit den Kissen hantierte, die sie stützten. Sogar nach fünf Jahren Ehe war sie immer noch von der Kraft und Männlichkeit seiner zentaurischen Gestalt fasziniert. Als Hoher Schamane beherrschte er die Fähigkeit des Gestaltwandels, sodass sie sich tatsächlich vereinigen konnten. Sie liebte ihn in allen Formen und mit jeder Faser ihres Herzens und konnte manchmal kaum glauben, dass ihre Göttin einen so wunderbaren Mann zu ihrem Lebenspartner auserkoren hatte.

Bevor sie ihm noch einmal sagen konnte, wie sehr sie ihn liebte, fühlte Etain die nächste Wehe kommen. Ihr Stöhnen rief die Heilerin an ihre Seite.

„Mein Gebieter, helfen Sie mir bitte, sie in die Geburtsposition zu setzen.“

Ihre Befehle waren kurz und knapp, und wieder hob Midhir seine Frau mit starken Armen an. Er hielt ihren Oberkörper an sich gedrückt, während Fiona an ihrer rechten Seite stand und eine andere Frau ihre linke Hand nahm. Die Inkarnation der Göttin schaute zur Heilerin, die zwischen ihren Beinen kniete. Die Finger der Heilerin tasten sich vorsichtig vor.

„Ihr seid bereit. Mit der nächsten Wehe müsst Ihr pressen.“

Da kam sie auch schon. Etain presste mit jeder Faser ihres Körpers. Bunte Farbkleckse explodierten vor ihren fest geschlossenen Lidern. Sie sah einen Regen aus Gold und Rot und vernahm einen gutturalen, unmenschlichen Ton. Seltsam entrückt erkannte sie, dass ihre eigene Stimme diesen animalischen Klang hervorbrachte. Einen Moment lang konnte sie nicht atmen, dann durchbrach ein wortloses Summen den Nebel in ihrem Kopf. Etain konnte die Frauen nicht sehen, aber sie spürte sie. Die Melodie des Geburtsliedes erfüllte sie, und nun bekam sie auch wieder Luft.

„Einmal noch, Göttin. Ich kann schon den Kopf Eurer Tochter sehen!“, ermutigte die Heilerin sie.

Sie hörte Midhirs geflüsterte Gebete. Die Worte in seiner alten Sprache, die in ihren Ohren immer so magisch klangen, schienen ein Spiegelbild des Geburtsliedes zu sein, das wiederum den Takt der Wehen vorgab.

Etain presste noch einmal und meinte, entzweigerissen zu werden. Gegen Panik und Angst ankämpfend, streckte sie ihren Geist aus, um die Macht anzuzapfen, die sie umgab. Sie ließ sich vom Gesang der Frauen tragen und konzentrierte sich mit einer Mischung aus Willen und Magie darauf, zu pressen. Feucht und warm glitt ihre Tochter aus ihr heraus.

Nun schien die Zeit zu rasen, und alles passierte sehr schnell. Etain bemühte sich, einen Blick auf ihr Kind zu werfen, doch sie sah nur unzusammenhängende Bilder der Heilerin, die ein nasses Bündel an ihre Robe drückte. Die Hand der alten Frau zitterte, als sie die Nabelschnur durchschnitt.

Stille.

Etains Knie gaben unter ihr nach, und Midhir und Fiona brachten die Auserwählte zur Chaiselongue zurück.

„Warum schreit sie nicht?“ Etain stöhnte.

Midhir kniff besorgt die Augen zusammen. Schnell drehte er sich zur Heilerin um, die immer noch mit dem kleinen Bündel auf der Erde hockte. Dann durchbrach der süße starke Schrei eines Neugeborenen die Luft, und Etain fühlte, wie ihr Herz dahinschmolz. Es war aber nur eine kurze Erleichterung, denn sofort sah sie den schockierten Ausdruck auf dem fahlen Gesicht der Heilerin.

Den Frauen, die sie umringten, war er ebenfalls aufgefallen, ihr fröhliches Willkommenslied endete abrupt.

„Midhir?“ Etain schluchzte seinen Namen.

Der Zentaur eilte zu dem Bündel, das seine herzhaft schreiende Tochter war. Die Heilerin sah zu ihm auf, Verwirrung und Bestürzung trübten ihren Blick. Midhir ließ sich auf die Knie fallen und streckte die Hände aus, um das Tuch zu lösen, das sein Kind bedeckte, und erstarrte.

Sein Körper verbarg das Baby vor Etains Blicken. Sie kämpfte gegen die Erschöpfung an und rappelte sich so weit auf, dass sie sehen konnte, was passierte.

„Was ist los?“ Sie weinte. Ihr Magen zog sich nicht nur wegen der Nachwehen der Geburt zusammen.

Bei ihren Worten überlief ein Schauer Midhirs muskulösen Körper. Vorsichtig hob er das Baby vom Boden auf. In einer fließenden Bewegung drehte er sich zu seiner Frau um. Seine Augen strahlten vor Freude.

„Es ist unsere Tochter, meine Liebe.“ Seine Stimme war belegt. „Und sie ist eine winzige Göttin!“

Bei diesen Worten kam er zu Etain herüber und reichte ihr vorsichtig das nun stumme, aber sich windende Bündel. Die Auserwählte von Epona erblickte zum ersten Mal ihre Tochter.

Etains erste Reaktion war weder Schock noch Überraschung, sondern der Gedanke, dass sie noch nie etwas so Wunderschönes gesehen hatte. Ihre Tochter war perfekt. Auch wenn sie nach der Geburt noch nicht gereinigt worden war. Flaum aus dunklen bernsteinbraunen Haaren bedeckte ihren Kopf. Ihre Haut hatte einen cremigen Braunton, eine Schattierung irgendwo zwischen Bronze und Gold. Sie sieht genauso aus, als hätte man Midhirs und meine Haut zusammengegossen, schoss es Etain durch den vor Staunen benebelten Kopf. Die goldene Haut wurde zur Taille hin dunkler, dort war der Körper ihrer Tochter von Fell bedeckt, das die gleiche Farbe hatte wie das Haar auf ihrem Kopf. Kleine getrocknete Flecken hier und da verliehen ihr das Aussehen eines gerade geborenen Rehkitzes. Sie wand sich und trat mit beiden Beinchen aus, die sich grazil verjüngten und in kleinen, noch feuchten Hufen endeten. Dann öffnete sie ihren perfekt geformten kleinen Mund und stieß empört einen Schrei aus.

„Pst, meine Kostbare“, flüsterte Etain. Sie küsste das Gesicht ihrer Tochter und staunte über die Zartheit ihrer Haut. Liebe überkam sie, die umfassender war, als sie es jemals für möglich gehalten hätte. „Ich bin hier, und alles ist gut.“ Beim Klang der Stimme ihrer Mutter wurden die unglaublich dunklen Augen des Mädchens groß, und ihr Geschrei endete auf der Stelle.

„Elphame.“

Midhir klang tief bewegt. Er kniete neben ihnen. Einen seiner Arme schlang er um seine Frau, sodass sie sich an ihn lehnen konnte, mit der anderen Hand berührte er den Körper seiner Tochter.

„Elphame“, wiederholte er.

Seine tiefe, wundervolle Stimme verlieh dem Wort einen gewissen Zauber, als hätte er gerade die Feenkönigin in ihre Mitte gebeten. Der Name schien in der sie umgebenden Luft zu schweben.

Etain schaute Midhir durch Tränen hindurch an. Der Name kam ihr vage bekannt vor, als hätte sie ihn schon einmal in einem Traum gehört. „Elphame … Was bedeutet das?“

Bevor er antwortete, berührten seine warmen Lippen ihre Stirn, dann die seiner Tochter. „Das ist ein alter schamanischer Name für die mädchenhafte Göttin. Sie ist die Auserlesenste, erfüllt mit der Magie der Jugend und dem Wunder des neu beginnenden Lebens.“

„Elphame“, murmelte Etain und führte den suchenden Mund ihrer Tochter an ihre schmerzende Brust. „Meine Wunderbare.“

Ja, Geliebte. Die Stimme der Göttin säuselte durch den Geist ihrer Auserwählten. Der Schamane hat ihr den rechten Namen gegeben. Sie wird Elphame gerufen – verkünde Partholon den Namen deiner Neugeborenen, die ebenfalls die Geliebte der Epona ist.

Etain lächelte strahlend und hob den Kopf. Ihre Stimme, die durch Eponas Macht verstärkt wurde, durchbrach jubilierend die Luft.

„Freut euch, Partholon! Uns ist durch die Geburt meiner Tochter ein wertvolles Geschenk der Göttin gemacht worden.“ Ihr Blick ging von den immer noch starrenden Frauen, die sie schweigend umringten, zu ihrem Ehemann, dessen Gesicht nass vor Tränen war. „Ihr Name ist Elphame. Sie ist wahrlich eine winzige Göttin, ganz wunderschön und auserlesen.“

Nach der Ankündigung durch die Inkarnation der Göttin gab es ein Knistern in der Luft wie bei einem Blitz. Dann veränderte die Brise, die an den sich vor den offenen Fenstern blähenden Vorhängen gezerrt hatte, ihre Richtung, und der goldene Tüll wehte auf einem Strom warmer, angenehm duftender Luft in den Raum. Plötzlich waren sie von einer hauchzarten Wolke feinster Flügel umgeben. Hunderte von schimmernden Schmetterlingen flatterten um sie herum und befächelten sie mit ihrer Magie.

„Danke, Epona.“ Etain lachte. Sie freute sich über den Ausdruck der Freude ihrer Göttin.

Die Frauen fingen an zu summen und sich zu drehen. Erst langsam, dann immer schneller. Fröhlich nahmen sie die uralte Zeremonie wieder auf, die in Partholon traditionell zur Geburt eines Kindes gehörte.

Etain ruhte in den Armen ihres Mannes, der seine Familie an seine Brust zog.

„Die Magie der Jugend und das Wunder neu begonnenen Lebens“, flüsterte Etain ihrer Tochter zu. Ehrfürchtig berührte sie das Neugeborene. Sie konnte den Blick nicht von ihr abwenden, wollte keinen ihrer Atemzüge oder Bewegungen verpassen. Sie ließ staunend die Finger über Elphames Körper gleiten, streichelte ihre einzigartigen Beine und lernte die Konturen eines jeden zarten Hufes kennen. Satyr. Das Wort flatterte durch ihren Geist. Aber nein. Sie hatte nichts Ziegenartiges an sich. Sie war zu zart und fein gewachsen, um Pan zu ähneln. Sie war einfach nur eine perfekte Mischung aus Mensch, Zentaur und Göttin.

Ein Gefühl der Ehrfurcht erfasste Etain, und Lachen stieg in ihrer Brust auf.

Midhir drückte als Antwort ihre Schulter. „Ich bin auch zum Bersten mit Ehrfurcht vor diesem kleinen Wesen erfüllt.“

Sie nickte zustimmend, dann fügte sie unter Gelächter hinzu: „Ja, aber deshalb lache ich nicht.“

Er hob fragend eine Augenbraue.

Sie grinste und streichelte einen von Elphames kleinen Hufen. „Ich habe oft gedacht, dass sie Stiefel tragen muss, so schmerzhaft waren ihre Tritte manchmal. Jetzt sehe ich zum ersten Mal, was genau ich da gefühlt habe.“

Midhir fiel in das Lachen seiner Frau ein, und gemeinsam bestaunten sie das Wunder ihrer neugeborenen Tochter.

1. KAPITEL

Macht! Nichts war so gut wie Macht. Nicht Partholons feinste Schokolade. Nicht die Schönheit eines perfekten Sonnenaufgangs. Nicht einmal … nein, das konnte sie nicht wissen. Sie schüttelte den Kopf und zwang damit ihre Gedanken, eine neue Richtung einzuschlagen. Der Wind pfiff scharf durch ihr Haar, und einige der langen Strähnen wehten ihr ins Gesicht. Sie wünschte, sie hätte es zurückgebunden, wie sie es normalerweise tat, aber an diesem Tag wollte sie das schwere Gewicht fühlen. Außerdem musste sie zugeben, dass sie es mochte, wie es hinter ihr herflatterte, wenn sie lief – wie der flammende Schweif einer Sternschnuppe.

Ihr Schritt wurde unsicher, als ihre Konzentration wankte, und schnell brachte Elphame ihre streunenden Gedanken wieder unter Kontrolle. Um die Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten, war höchste Konzentration nötig. Das Feld, auf dem sie lief, war relativ eben und zum Großteil frei von Steinen und anderen Hindernissen, aber es war trotzdem nicht weise, ihre Gedanken schweifen zu lassen. Ein falscher Schritt könnte leicht zu einem Beinbruch führen; es wäre dumm, anderes zu glauben. Ihr ganzes Leben lang hatte Elphame sich bemüht, falsches Denken und falsches Verhalten zu vermeiden. Dummheit und Torheit waren etwas für Leute, die sich alltägliche Fehler erlauben konnten. Nicht aber für sie, für jemanden, deren Gestalt schon aussagte, dass sie von der Göttin berührt worden war, weshalb sie von allem Normalen und Alltäglichen ferngehalten wurde.

Elphame vertiefte ihre Atmung und zwang sich, ihren Oberkörper zu entspannen. Behalte die Spannung im Unterkörper, ermahnte sie sich. Lass alles andere locker und entspannt. Lass den kräftigsten Teil deines Körpers die Arbeit tun.

Ihre Zähne blitzen auf, als sie fast animalisch grinste. Sie spürte, wie ihr Körper sich neu sammelte und vorwärts schoss. Elphame liebte es, wie ihre Muskeln in den Beinen reagierten. Ihre Arme ruderten unangestrengt, während ihre Hufe sich in den weichen grünen Teppich des jungen Feldes bohrten.

Sie war schneller als jeder Mensch. Viel schneller.

Elphame verlangte noch mehr von sich, und ihr Körper reagierte mit unmenschlicher Stärke. Über lange Distanzen war sie vielleicht nicht so schnell wie ein Zentaur, aber nur wenige von ihnen konnten sie bei einem Sprint überholen – eine Tatsache, mit der ihre Brüder in letzter Zeit gerne angaben. Mit ein wenig mehr harter Arbeit würde vielleicht niemand sie je schlagen können. Der Gedanke war beinahe so befriedigend wie der Wind auf ihrem Gesicht.

Sie ignorierte das beginnende Brennen in den Muskeln, weil sie wusste, dass sie sich über den Punkt hinausquälen musste, an dem sie ermüdeten. Doch sie ging dazu über, ihre Schritte anders auszurichten, sodass sie in einem großen Bogen wieder dort ankommen würde, wo sie den Lauf begonnen hatte.

Es wird aber nicht immer so sein, versprach sie sich. Nicht für immer. Sie strengte sich noch mehr an.

„Oh Göttin“, flüsterte Etain ehrfürchtig, während sie ihre Tochter beobachtete. „Werde ich mich je an ihre Schönheit gewöhnen?“

Sie ist besonders, Geliebte. Eponas Stimme schimmerte vertraut durch den Geist ihrer Auserwählten.

In der Nähe einer Baumgruppe am Feldrand zügelte Etain ihr Pferd. Die silberweiße Stute drehte den Kopf zu ihr herum und sah ihre Reiterin mit gespitzten Ohren fragend an. Etain wusste, dass ihre Stute, die pferdische Inkarnation der Göttin Epona, ihr tatsächlich eine Frage stellte.

„Ich will einfach nur hier sitzen und sie beobachten.“

Die Göttin schnaubte gebieterisch.

„Ich spioniere ihr nicht nach!“, verteidigte Etain sich entrüstet. „Ich bin ihre Mutter. Es ist mein gutes Recht, ihr beim Laufen zuzusehen.“

Die Göttin warf den Kopf auf eine Weise zurück, die deutlich machte, dass sie sich dessen nicht so sicher war.

„Benimm dich angemessen.“ Etain zupfte ein wenig an den Zügeln. „Oder ich lasse dich beim nächsten Ausflug im Tempel zurück.“

Die Göttin würdigte diesen Kommentar noch nicht mal mit einem kleinen Schnauben. Etain ignorierte die Stute, die sie nun ihrerseits ignorierte, und murmelte etwas von missmutigen alten Wesen vor sich hin, aber nicht laut genug, dass die Stute es hören konnte. Dann schirmte sie die Augen mit der Hand vor den Strahlen der untergehenden Sonne ab und schaute wieder zu ihrer Tochter hinüber.

Elphame lief so schnell, dass ihr Unterkörper nur als verschwommener Umriss zu sehen war. Es wirkte, als flöge sie über die grellgrünen frischen Weizenschösslinge. Sie lief leicht vorgebeugt und strahlte eine Eleganz aus, die ihre Mutter immer wieder faszinierte.

„Sie ist die perfekte Mischung aus Zentaur und Mensch“, flüsterte Etain der Stute zu, die ihre Ohren in ihre Richtung drehte, um sie hören zu können. „Göttin, du bist so weise.“

Elphame hatte ihren weiten Kreis vollendet und wandte sich in Richtung des kleinen Hains, bei dem ihre Mutter wartete. Die untergehende Sonne schien ihren Körper zu umrahmen und das kastanienbraune Haar des Mädchens in Flammen zu setzen. Es schimmerte und flatterte in langen schweren Strähnen um sie herum.

„Das schöne glatte Haar hat sie allerdings auf keinen Fall von mir.“ Etain versuchte ihr eine der widerspenstigen lockigen Strähnen hinters Ohr zu stecken. Die Stute spitzte aufmerksam die Ohren. „Die roten Strähnen ja, aber für den Rest kann sie ihrem Vater danken.“ Genauso wie für die Farbe dieser erstaunlich dunklen Augen. Die Form war wie ihre, groß und rund lagen sie hoch über zarten Wangenknochen, die ebenfalls eine Kopie die ihrer Mutter waren. Doch anstatt des moosigen Grüns von Etains Augen hatten die ihrer Tochter das hinreißende Schwarz ihres Vaters. Selbst wenn Elphame nicht diese einzigartige Gestalt hätte, wäre ihre Schönheit ungewöhnlich. Zusammen mit einem Körper, den nur die Göttin hatte erschaffen können, war der Effekt atemberaubend.

Elphames Schritte wurden langsamer, und sie änderte die Richtung, sodass sie direkt auf die Bäume zukam, zwischen denen ihre Mutter und die Stute warteten.

„Wir sollten uns bemerkbar machen, damit sie nicht denkt, wir lungerten im Schatten herum und beobachteten sie.“

Die Stute trat aus dem Hain hervor, und Etain sah, wie der Kopf ihrer Tochter in einer instinktiv defensiven Geste in ihre Richtung zuckte. Beinahe zeitgleich erkannte Elphame sie und hob einen Arm zum Gruß, den die Stute hell wiehernd erwiderte.

„Mama!“, rief Elphame fröhlich. „Warum gesellt ihr zwei euch nicht für einen Auslauf zu mir?“

„Gerne, mein Schatz“, rief Etain. „Aber langsam. Du weißt, die Stute wird älter und …“

Bevor sie den Satz beenden konnte, sprang die fragliche „alte Stute“ vor und holte die junge Frau ein. Sie tänzelte ein wenig und passte ihre Schritte problemlos an Elphames leichten Trab an.

„Ihr zwei werdet nie alt, Mama.“ Elphame lachte.

„Sie zieht für dich nur eine Show ab“, erwiderte Etain, aber sie streckte eine Hand aus und zerzauste liebevoll die silbrige Mähne ihres Pferdes.

„Oh Mama, bitte. Sie zieht eine Show ab?“

Elphame ließ den Satz vielsagend ausklingen und schenkte ihrer Mutter unter gehobener Augenbraue einen wissenden Blick, der Etains glitzernde Juwelen und den verführerischen Schnitt der Reitkleidung aus butterweichem Leder einschloss, die sich an ihren immer noch wohlgeformten Körper schmiegte.

„El, du weißt, dass das Tragen von Juwelen für mich ein spirituelles Erlebnis ist“, sagte Etain mit ihrer „Ich bin die Geliebte der Göttin“-Stimme.

„Ich weiß, Mama.“ Elphame grinste.

Das Schnauben der Stute klang eindeutig sarkastisch, und Etains Gelächter vermischte sich mit dem ihrer Tochter, als sie gemeinsam den Weg über das Feld fortsetzten.

„Wo habe ich meinen Umhang gelassen?“, murmelte Elphame halb zu ihrer Mutter, halb zu sich selbst und suchte mit ihrem Blick den Feldrand ab. „Ich dachte, ich hätte ihn auf diesen Stamm gelegt.“

Etain sah zu, wie ihre Tochter auf der Suche nach dem Rest ihrer Kleidung über einen gefallenen Baumstamm kletterte. Sie trug nur ein ärmelloses Ledertop, das eng um ihre vollen Brüste gewickelt war, und einen schmalen Leinenstreifen, der, an den Beinen hoch ausgeschnitten, ihr muskulöses Gesäß bedeckte und sich vorne zu einem Dreieck verjüngte. Etain hatte es selbst entworfen.

Obwohl der Körper des Mädchens von der Taille abwärts von dünnem Pferdefell bedeckt war und sie Hufe statt Füße hatte, war sie gebaut wie eine normale menschliche Frau, abgesehen von den enormen Muskeln in ihrem Unterkörper. Also brauchte sie Kleidung, die ihr erlaubte, die übermenschliche Schnelligkeit auszuleben, mit der sie gesegnet war, die sie aber gleichzeitig auch angemessen bedeckte. Etain und ihre Tochter hatten mit vielen verschiedenen Stilen herumexperimentiert, bis sie auf den gestoßen waren, der erfolgreich beide Zwecke in sich vereinte.

Das Ergebnis funktionierte gut, wenn man davon absah, dass sehr viel von Elphames Körper sichtbar blieb. Es war egal, dass die Frauen von Partholon immer die Freiheit besessen hatten, ihre Körper stolz herzuzeigen. Etain selbst entblößte ihre Brüste regelmäßig während der morgendlichen Segnungsrituale, um Eponas Liebe zur weiblichen Gestalt zu unterstreichen. Doch wenn Elphame ihre behuften Beine zeigte, starrten die Leute jedes Mal geschockt und erstaunt auf dieses so offensichtliche Zeichen der Berührung durch die Göttin.

Elphame hasste es, das Ziel dieser Blicke zu sein.

Aus diesem Grund hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, sich in der Öffentlichkeit sehr konservativ zu kleiden. Sie legte ihre fließenden Roben nur ab, wenn sie lief – etwas, das sie meistens alleine tat und immer in ausreichender Entfernung vom Tempel.

„Oh, ich hab ihn gefunden!“ El trabte zu einem Stamm, der nicht weit von ihnen entfernt lag. Sie nahm das Stück feinstes Leinen auf, das im Ton von Smaragden eingefärbt worden war, und fing an, es um ihre schmale Taille zu schlingen. Ihr Atem ging schon wieder normal, und der feine Schweißfilm, der die flaumigen Haare auf ihren nackten Armen glitzern ließ, war inzwischen getrocknet.

Sie war in atemberaubender Form. Ihr Körper war schlank, athletisch und perfekt ausgebildet und doch hatte er nichts Hartes oder Männliches. Ihre braune Haut sah aus wie Seide und verführte dazu, sie zu berühren. Erst wenn man es tat, konnte man die Stärke der darunterliegenden Muskelstränge wirklich erahnen.

Nur wenige Menschen wagten es, die junge Göttin zu berühren.

Sie war groß und überragte ihre gut eins siebzig große Mutter um einige Zentimeter. Während ihrer frühen Pubertät war sie dünn und ein wenig ungelenk gewesen, doch war das Fohlenhafte an ihr weiblichen Rundungen gewichen. Ihr Unterkörper war eine perfekte Mischung aus Mensch und Zentaur. Sie hatte die Schönheit und den Reiz einer Frau und die Stärke und Eleganz eines Zentauren.

Etain lächelte ihre Tochter an. Vom Moment ihrer Geburt an hatte sie die Einzigartigkeit ihres Kindes mit erbitterter, beschützender Liebe umgeben. „Du musst diesen Umhang nicht tragen, El.“ Sie bemerkte erst, dass sie laut gesprochen hatte, als ihre Tochter sie anschaute.

„Ich weiß, dass du das denkst.“ Elphames Stimme, die normalerweise der ihrer Mutter so ähnlich war, klang auf einmal hart vor unterdrückten Gefühlen. „Ich sehe das aber anders. Ich muss ihn tragen. Sie schauen nicht so zu mir auf, wie sie es zu dir tun.“

„Hat jemand etwas gesagt, das dich verletzt hat? Sag mir, wer es war, und er wird den Zorn einer Göttin zu spüren bekommen!“ Etains Augen blitzen auf, als läge grünes Feuer darin.

Elphames Stimme war bar jeden Ausdrucks, als sie antwortete: „Sie müssen nichts sagen, Mama.“

„Mein Schatz …“ Der Ärger verschwand aus Etains Blick. „Du weißt, dass die Menschen dich lieben.“

„Nein, Mama.“ Elphame hob eine Hand, um ihre Mutter davon abzuhalten, weiterzusprechen. „Sie lieben dich. Mich beten sie an. Das ist ein Unterschied.“

„Natürlich beten sie dich an, El. Du bist die älteste Tochter von Eponas Geliebter und wurdest auf eine sehr spezielle Art von der Göttin gesegnet. Sie sollten dich anbeten.“

Die Stute trat ein paar Schritte vor, bis ihre samtigen Lippen die Schulter der jungen Frau berührten. Bevor sie antwortete, streckte El eine Hand aus und streichelte den glänzenden Hals des Pferdes.

Sie schaute zu ihrer Mutter auf und sagte: „Ich bin anders. Und egal, wie sehr du glauben willst, dass ich hierher passe, ich tue es nicht. Deshalb muss ich gehen.“ In ihrer Stimme lag eine Überzeugung, die sie älter klingen ließ, als sie war.

Etains Magen zog sich bei den Worten ihrer Tochter zusammen, aber sie zwang sich, still zu sein und Elphame weitersprechen zu lassen.

„Ich werde behandelt, als wäre ich etwas anderes. Nicht dass man mich schlecht behandelt“, fügte sie schnell hinzu. „Nur anders. Als wenn sie Angst hätten, mir zu nahezukommen, weil ich …“ Ihre Stimme brach, und sie legte die Wange an die breite Stirn der Stute. „Ich weiß nicht … zerbrechen könnte. Also behandeln sie mich wie eine Statue, die direkt vor ihren Augen auf magische Weise zum Leben erwacht ist.“

Meine wunderschöne, einsame Tochter, dachte Etain und spürte den vertrauten Schmerz darüber, keine Lösung für das Problem ihrer Erstgeborenen zu haben.

„Statuen werden aber nicht wirklich geliebt. Man kümmert sich um sie und gibt ihnen einen Ehrenplatz, aber sie werden nicht geliebt.“

„Ich liebe dich.“ Etains Stimme klang gepresst.

„Oh, ich weiß, Mama!“ Elphame hob den Kopf. Sie sah ihrer Mutter direkt in die Augen. „Du und Da und Cuchulainn und Finegas und Arianrhod, ihr alle liebt mich. Das müsst ihr auch, ihr seid meine Familie“, fügte sie lächelnd hinzu. „Aber sogar deine privaten Wachen, die dich fraglos verehren und für jeden von uns ihr Leben geben würden, glauben, dass ich etwas essenziell Unberührbares bin.“

Die Stute trat einen Schritt vor, und El lehnte sich an ihre Flanke. Etain sehnte sich danach, ihre Tochter in die Arme zu nehmen, aber sie wusste, dass El sich dann versteifen und ihr sagen würde, sie sei kein Kind mehr. So gab sie sich damit zufrieden, über ihr seidiges Haar zu streichen, und damit, den Trost Eponas in den Körper ihrer Tochter fließen zu lassen.

„Deshalb bist du heute hierhergekommen, stimmt’s?“, fragte El.

„Ja“, erwiderte ihre Mutter schlicht. „Ich wollte noch einmal versuchen, dir auszureden, fortzugehen.“ Etain machte eine gedankenvolle Pause, bevor sie weitersprach. „Warum bleibst du nicht hier und nimmst meinen Platz ein, El?“

Ihre Tochter richtete sich ruckartig auf und schüttelte heftig den Kopf, doch Etain fuhr unbeirrt fort: „Ich hatte eine lange, reiche Regentschaft. Ich bin bereit, abzutreten.“

„Nein!“ Elphames Stimme war unerbittlich. Allein der Gedanke daran, den Platz ihrer Mutter einzunehmen, verursachte ihr Panik. „Du bist noch nicht bereit, dich zurückzuziehen! Sieh dich an. Du siehst Jahrzehnte jünger aus, als du bist. Du liebst es, die Rituale für Epona zu zelebrieren. Das Volk braucht dich, denn eines darfst du nicht vergessen, Mama. Das spirituelle Reich ist mir verwehrt. Ich habe nie Eponas Stimme gehört oder die Berührung ihres Zaubers gespürt …“ Ihre Traurigkeit, weil diese Worte nur zu wahr waren, spiegelte sich in Elphames Zügen. „Ich habe nie überhaupt irgendwelche Magie gespürt.“

„Aber Epona spricht zu mir oft über dich“, sagte Etain sanft und berührte eine Wange ihrer Tochter. „Ihre Hand wacht seit vor deiner Geburt über dich.“

„Ich weiß. Ich weiß, dass die Göttin mich liebt, aber ich bin nicht ihre Auserwählte.“

„Noch nicht“, fügte Etain hinzu.

Elphames Reaktion bestand darin, sich an den warmen vertrauten Hals des Pferdes zu drücken, während die Stute mit ihren Lippen sanft an ihr knabberte.

„Ich verstehe trotzdem nicht, wieso du gehen musst.“

„Mama.“ Elphame bewegte ihren Kopf, sodass sie zu ihrer Mutter aufschauen konnte. „Bei dir klingt das so, als wollte ich auf die andere Seite der Erde reisen.“ Verbittert hob sie eine dunkle Augenbraue – ein Ausdruck, der sie ihrem Vater unglaublich ähnlich sehen ließ.

Etains Lächeln hatte etwas Teuflisches. Ab dem Moment ihrer Geburt war sie ihren Kindern ergeben. Sogar jetzt, wo sie alle erwachsen waren, zog sie es vor, dass sie in ihrer Nähe blieben. Sie genoss ihre Gesellschaft und schätzte die Individuen, zu denen sie sich entwickelt hatten.

El sprach langsam, um sicherzustellen, dass ihre Mutter ihre Worte dieses Mal wirklich hörte: „Ich weiß nicht, warum es dich so traurig macht, dass ich gehe. Es ist ja nicht so, als wäre ich noch nie von zu Hause fort gewesen. Ich habe im Tempel der Musen studiert, das schien dich auch nicht zu stören.“

„Das war anders. Natürlich musstest du bei den Musen studieren. Dort werden alle außergewöhnlichen Frauen von Partholon unterrichtet. Arianrhod ist derzeit auch da.“ Etain lächelte selbstzufrieden. „Meine beiden Töchter sind außergewöhnlich, was mit ein Grund dafür ist, weshalb ich euch so gerne in meiner Nähe habe.“

„Wenn ich geheiratet hätte, wäre ich vermutlich auch in das Haus meines Mannes gezogen.“ Els Stimme hatte ihren frustrierten Unterton verloren. Sie klang jetzt nur noch erschöpft.

„Sprich nicht, als würdest du niemals heiraten. Du bist noch jung. Du hast noch Jahre und Jahre vor dir.“

„Mama, bitte. Lass uns diesen alten Streit nicht wieder aufwärmen. Du weißt, dass niemand mich heiraten wird. Es gibt keinen, der so ist wie ich, und niemand will einer Göttin so nahekommen.“

„Dein Vater hat mich geheiratet.“

El lächelte ihre Mutter traurig an. „Du bist komplett menschlich, Mama. Außerdem wird der Hohe Schamane der Zentauren immer mit der Geliebten Eponas vermählt. Er ist dazu erschaffen worden, dich zu lieben – das ist für ihn normal. Ganz offensichtlich hat die Göttin mich berührt, aber ich bin nicht ihre Auserwählte. Epona hat keinen zentaurischen Schamanen aufgefordert, sich als mein Partner zu zeigen. Ich glaube nicht, dass überhaupt irgendjemand, ob Mensch oder Zentaur, dazu erschaffen wurde, mich zu lieben. Nicht so wie du und Da.“

„Oh Rehlein!“ Etains Stimme brach, als sie den alten Kosenamen aus Elphames Kindheit aussprach. „Das glaube ich nicht. Epona ist nicht grausam. Es gibt jemanden für dich. Er hat dich nur noch nicht gefunden.“

„Vielleicht. Und vielleicht muss ich losziehen und ihn suchen.“

„Aber warum dort? Mir gefällt der Gedanke nicht, dich dort zu wissen.“

„Es ist nur ein Ort, Mama. Offen gesagt ist es nur eine alte Ruine. Ich denke, es ist längst an der Zeit, dass sie wiederaufgebaut wird. Erinnerst du dich an die Geschichten, die du mir früher oft vor dem Schlafengehen erzählt hast? Du hast gesagt, dass es einmal sehr schön dort war.“

„Ja, bis es ein Hort des Bösen und Schauplatz unsäglicher Verbrechen wurde.“

„Das ist über hundert Jahre her. Das Böse ist fort, und die Toten können mir nicht wehtun.“

„Sei dir dessen nicht so sicher.“

„Mama.“ El nahm die Hand ihrer Mutter. „MacCallan war mein Vorfahre. Warum sollte sein Geist mir schaden wollen?“

„Bei der Schlacht auf der MacCallan-Burg sind noch andere gestorben als nur unser Stammesführer und die edlen Krieger, die ihr Leben gaben in dem Versuch, ihn zu schützen. Du weißt, dass man sagt, die Burg sei verflucht. Seit über einem Jahrhundert hat niemand gewagt, ihren Grund zu betreten, geschweige denn, dort zu leben“, sagte Etain mit fester Stimme.

„Mein ganzes Leben lang hast du über den MacCallan-Schrein und seine immerwährende Flamme gewacht“, erwiderte El. „Wir haben die Erinnerung an MacCallan wachgehalten, obwohl der Clan vernichtet wurde. Warum überrascht dich mein Wunsch so, die Burg wieder aufzubauen? Immerhin fließt sein Blut auch in meinen Adern.“

Etain antwortete nicht gleich. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, ihre Tochter zu belügen und zu behaupten, die Göttin habe sie wissen lassen, dass der Fluch echt sei, aber nur für einen Moment. Mutter und Tochter hatten tiefes Vertrauen zueinander und liebten sich aufrichtig. Etain war nicht gewillt, ihrer Beziehung Schaden zuzufügen oder sie zu ihrem Vorteil auszunutzen – außerdem würde sie niemals die Unwahrheit sagen über das Wissen, das Epona ihr zuteilwerden ließ.

„Ich glaube nicht wirklich, dass MacCallan dir schaden würde, auch wenn es durchaus möglich ist, dass ruhelose Geister die alte Burg bevölkern. Und ich gebe zu, der alte Fluch ist nur eine Sage, mit der man zu abenteuerlustige Kinder einschüchtert. Es ist gar nicht mal, dass ich so sehr um deine Sicherheit fürchte – es ist vielmehr, dass ich nicht verstehe, wieso du die Arbeiter begleiten musst, die den Schutt aus der Ruine räumen sollen. Warum wartest du nicht, bis das größte Chaos beiseitegeschafft und die Burg so weit aufgebaut wurde, dass sie bewohnbar ist? Dann kannst du immer noch die letzten Schritte der Instandsetzung persönlich überwachen.“

Elphame seufzte liebevoll auf. Als Auserwählte von Epona war Etain ein Leben in Luxus gewöhnt, umgeben von Dienern und Mägden. Der Wunsch ihrer Tochter, sich die Hände schmutzig zu machen und ein raues Leben zu führen, bis die Arbeit getan war, war für sie vollkommen unverständlich.

„Ich möchte in jeden Aspekt dieses Vorhabens eingebunden sein. Ich werde die MacCallan-Burg wieder aufbauen, und ich werde dort die Herrin sein. Als Lady der Burg und der umgebenden Ländereien werde ich etwas Eigenes haben, etwas, das ich erschaffen habe. Wenn ich schon keinen Partner und keine Kinder haben kann, dann habe ich zumindest mein eigenes Reich. Bitte versteh das und gib mir deinen Segen, Mama.“ Flehend schaute El ihre Mutter an.

„Ich möchte nur, dass du glücklich bist, mein geliebtes Rehlein.“

„Das wird mich glücklich machen. Du musst darauf vertrauen, dass ich weiß, was ich tue, Mama.“

Du musst sie gehen lassen, Geliebte. Die Göttin sprach die Worte sanft in Etains Geist, doch sie fühlten sich an, als würde eine Messerklinge durch ihr Herz gleiten. Vertraue darauf, dass sie ihr Schicksal findet, und vertraue darauf, dass ich auf sie achte.

Etain schloss die Augen und kämpfte gegen Zweifel und Trauer an. Tief seufzend öffnete sie die Lider und wischte sich die Tränen von den Wangen.

„Ich vertraue dir. Und du wirst immer meinen Segen haben.“

Elphames Gesicht schien sich vor ihren Augen zu verwandeln.

Die Sorgenfalten, die oft ihre Stirn durchzogen, verschwanden, und das ließ sie mit einem Mal herzerweichend jung aussehen.

„Danke, Mama. Ich glaube, dass ich dazu bestimmt bin, das zu tun. Warte nur, bis du Burg MacCallan zu neuem Leben erweckt siehst.“ Sie gab der silberweißen Stute überschwänglich einen Klaps auf den Hals. „Lasst uns schnell nach Hause laufen, damit ich zu Ende packen kann. Du weißt, dass ich morgen früh in der Dämmerung aufbreche.“

Elphame plapperte fröhlich vor sich hin und hielt problemlos mit dem Schritt der Stute ihrer Mutter mit. Etain gab bedeutungsvoll klingende, Aufmerksamkeit vortäuschende Laute von sich, aber sie konnte sich nicht auf die Worte aus dem Mund ihrer Tochter konzentrieren. Stattdessen spürte sie bereits Elphames Abwesenheit wie ein schwarzes Loch in ihrer Seele. Auch wenn der späte Frühlingsabend warm war, strich ein eisiger Finger über den Nacken der Inkarnation der Göttin und ließ sie erschauern.

2. KAPITEL

„Cu, erinnere mich daran, weshalb ich zugestimmt habe, dass du mich begleitest.“ Elphame sah ihren Bruder von der Seite an und versuchte unauffällig, ihren Schritt zu beschleunigen. Er sang gefühlt die fünfhundertste Strophe eines anzüglichen militärischen Marschliedes, und der nicht endende Refrain pochte im Gleichklang mit ihrem Kopfschmerz durch ihre rechte Schläfe. Beinahe wünschte sie, sie hätte nicht darauf bestanden, dass sie beide getrennt vom Rest der Gruppe reisten.

Der große rehbraune Wallach, den Cuchulainn ritt, beschleunigte automatisch, um mit Elphame Schritt zu halten.

Das ansteckende Lachen ihres Bruders hallte durch die Luft. „Ich bin mitgekommen, Schwester mein, um dich zu beschützen.“

Elphame gab ein höchst undamenhaftes Schnauben von sich. „Oh bitte, verschone mich. Mich beschützen? Du brauchtest wohl eher eine Pause davon, den Tempeljungfrauen nachzustellen.“

„Hast du wirklich nachstellen gesagt?“ Er schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. „Ich wusste doch, dass du zu viel Zeit damit zubringst, die dicken Folianten in Mutters Bücherei zu lesen. Und es sind nicht die Jungfrauen, hinter denen ich her bin.“ Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.

Elphame versuchte vergeblich, ein Lächeln zu unterdrücken. Sie schenkte ihrem Bruder einen liebevollen Blick. „Als Nächstes wirst du mich daran erinnern, dass du es überhaupt nicht nötig hast, einer Frau nachzujagen.“

„Nun, meine liebste Schwester, das ist die reine Wahrheit.“ Er grinste sie an.

„Hm, ich dachte, du würdest zu Hause bleiben für den Empfang der …“ Elphame räusperte sich und warf ihr Haar zurück, dann fuhr sie in einer perfekten Imitation der Stimme und Körpersprache ihrer Mutter fort: „Für den Empfang der liebreizenden und unverheirateten Tochter des Stammesführers von Woulff-Burg, die auf dem Weg zum Tempel der Musen, wo sie ihre Ausbildung beginnen wird, einige Zeit in Eponas Tempel verweilt.“

Cuchulainns Lippen wurden schmal, und einen Moment bereute Elphame, ihn geneckt zu haben. Dann gewann seine übliche gute Laune jedoch wieder die Oberhand, und er zuckte lächelnd mit den Schultern.

„Sie heißt Beatrice, Schwester mein. Kannst du dir vorstellen, dass jemand mit dem Namen Beatrice keine hohe Stirn und keine königliche Haltung hat?“ Er legte ein Lächeln in seine tiefe Stimme, sodass Elphame lachen musste.

„Sie ist bestimmt eine sehr schöne Frau“, sagte sie kichernd.

„Und ohne Zweifel sehr fruchtbar, mit breiten Hüften, die problemlos mehrere Kinder gebären können.“

Bruder und Schwester tauschten einen verständnisinnigen Blick.

„Ich bin froh, wenn Arianrhod und Finegas alt genug sind, dass Mama anfangen kann, sie zu verkuppeln.“ El klang ernster, als sie beabsichtigt hatte.

Cuchulainn seufzte schwer. „Die Zwillinge werden diesen Sommer achtzehn. In drei Jahren wird Mutter den Höhepunkt ihrer Kuppelei erreicht haben.“

El warf Cu einen Blick zu. „Arme Kinder. Beinahe wünschte ich, wir hätten sie nicht so sehr getriezt, als sie noch kleiner waren.“

„Beinahe!“ Cuchulainn lachte. „Zumindest hat Mutter sich nicht einen von uns herausgepickt, sondern es betrifft uns alle gleich.“

Elphame lächelte nur und beschleunigte ihren Schritt noch etwas. Für eine Weile ging sie auf dem schmalen Weg vor ihrem Bruder. Für mich ist es nicht das Gleiche, dachte sie. Unablässig wirbelten die Gedanken durch ihren unruhigen Geist. Ihre Geschwister waren Menschen – attraktive, talentierte, beliebte Menschen. Sie musste sich nicht erst umdrehen, um sich dessen zu vergewissern. Cuchulainns Gesicht war ihr so vertraut wie ihr eigenes – er sah ihr sehr ähnlich. Sie lächelte schwach. Cu war nur anderthalb Jahre jünger als sie, und von der Hüfte aufwärts betrachtet hätten sie Zwillinge sein können. Er hatte die gleichen hohen, fein ausgebildeten Wangenknochen, aber wo ihre zart und feminin waren, waren seine entschieden maskulin. Ihr Kinn wirkte (zumindest ihrer Mutter zufolge) aufsässig und seines trotzig und stolz (jedenfalls fand sie das) und hatte ein entzückendes Grübchen. Anstelle der zobelschwarzen Augen und kastanienbraunen Haare hatte er Augen, deren einzigartige Farbe irgendwo zwischen Blau und Grün changierte, und dichtes sandbraunes Haar mit widerspenstigen kleinen Wirbeln. Er trug es glatt zurückgekämmt und kurz geschnitten, was seine Mutter immer wieder zu Klagen animierte, weil er es nicht wie ein ordentlicher Krieger wachsen ließ.

Cuchulainn, Sohn von Midhir, dem Hohen Schamanen und zentaurischen Kriegerfürsten, musste kein „ordentlicher Krieger“ sein. Er war nach einem uralten Helden Partholons benannt worden und sah nicht nur wie ein Held aus, sondern verhielt sich auch so – ob sein Benehmen nun immer tadellos war oder nicht. Groß und von guter Figur, gewann er Turniere, war der beste Schwertkämpfer in Partholon und im Bogenschießen noch nie besiegt worden. Elphame hatte mehr als eine Jungfrau sehnsüchtig seufzen und sagen hören, dass er wahrlich der wiedergeborene Cuchulainn sein musste.

Nein, ihrem Bruder hatte es noch nie an weiblicher Begleitung gemangelt. Er hatte bisher nur einfach noch nicht seine Lebenspartnerin gefunden. Elphame lächelte. „Aber nicht, weil er es nicht versucht hätte“, murmelte sie vor sich hin. Das war ein Gebiet, auf dem sie sich von ihrem Bruder unterschied. Er war charmant und hatte Erfahrung mit dem anderen Geschlecht, und sie war noch nicht einmal geküsst worden.

Sogar ihre jüngsten Geschwister, die sie und Cu seit frühester Kindheit die kleinen Gelehrten nannten, hatten keine Probleme, Partner für die Mondrituale zu finden. Arianrhod und Finegas waren nicht so athletisch wie sie beide, aber sie waren zu intelligenten, selbstsicheren jungen Erwachsenen herangewachsen. Sie sahen aus, als wären sie jeweils das Spiegelbild des anderen, und ihr eleganter Körperbau war durch und durch menschlich – und vollkommen normal. Und, gestand Elphame sich ein, Arianrhod war hübsch und Fin gut aussehend.

Der Weg durch den uralten Wald führte ein wenig nach rechts und wurde breiter. Cuchulainn dirigierte seinen Wallach an Elphames Seite.

„Sie erinnert mich an Mama“, sagte El plötzlich.

Cu sah sie überrascht an. „Wer?“

El verdrehte die Augen. Sie erwartete immer, dass ihr Bruder ihre Gedanken erriet, und war genervt, wenn er es mal nicht tat. „Arianrhod, wer sonst? Deshalb sind die jungen Männer schon jetzt hinter ihr her. Natürlich interessiert es sie nicht, sie bemerkt es ja nicht einmal – außer sie hat sich während ihres ersten Semesters im Tempel der Musen komplett verändert.“

Um die Augen ihres Bruders zeigten sich kleine Lachfältchen. „Arianrhods Kopf wird immer in den Wolken schweben.“

„Astronomie und Astrologie sind untrennbar mit den Schicksalsgöttinnen verbunden, und somit ist es weise, beides sorgfältig zu studieren“, äffte El den Ton ihrer jüngeren Schwester nach.

Cu lachte. „So ist unsere kleine Gelehrte. Die Ironie ist, dass die in sie vernarrten Männer ihr aufgrund ihrer Gleichgültigkeit ihnen gegenüber nur noch stärker nachstellen werden. Du hast ja gesehen, wie die Jungfern Fin bereits hinterherlaufen, und sein Bart ähnelt immer noch mehr Kükenflaum als Männerhaar.“

„Ja, aus welchem Grund auch immer sind sie sehr beliebt.“

Cuchulainn sah seine Schwester eindringlich an. „Geht es dir gut?“

„Natürlich“, erwiderte sie automatisch, wobei sie seinem Blick auswich.

„Hier wird es anders sein, Rehlein“, sagte er ruhig.

„Ich weiß.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und schaute schnell wieder weg, aus Furcht, er könnte die Tränen sehen, die ihre Augen vermutlich verdächtig glänzen ließen.

„Nein, ich meine das ernst.“

Sein ernster Ton veranlasste sie, langsamer zu werden, sodass sie aufmerksamer zuhören konnte.

„Auf Burg MacCallan wirst du alles finden, was du dir je gewünscht hast. Ich hatte ein Gefühl.“

Die Worte ihres Bruders schienen in der duftigen Frühlingsluft zu schweben. El wusste genau, was er meinte. Es war ein Teil des geheimen Codes zwischen ihnen. So wie sie die Tochter ihrer Mutter, der Inkarnation der Göttin, und somit von Epona berührt worden war, so war Cuchulainn wahrlich der erstgeborene Sohn ihres schamanischen Vaters. Schon in jungen Jahren hatte er Dinge einfach gewusst. Er hatte ihr erklärt, dass es war, als hörte er Worte, die im Wind verborgen waren. Manchmal erzählte ihm dieser „Wind“, wo er verlorene Gegenstände finden konnte. Manchmal verriet er ihm, dass Besuch zum Tempel unterwegs war. Und manchmal sagte er unheilvolle Neuigkeiten voraus wie den vorzeitigen Tod eines geliebten Kindes oder den Bruch eines Blutschwurs.

Dieses übernatürliche Wissen hatte den jungen Cuchulainn geängstigt. Es war ein Feind, den er nicht mit seinen Muskeln bezwingen oder mit seinem wachen Geist überlisten konnte. Es ließ ihn sich wie eine Anomalie fühlen, einen Außenseiter; es gab ihm eine Macht, um die er nicht gebeten hatte und die er nicht beherrschen wollte.

Das war etwas, was Elphame nur zu gut verstand, und so war er immer zu ihr gekommen, wenn er ein Gefühl für oder über irgendetwas hatte. Sie konnte seine Furcht nachempfinden und hatte sich nicht von ihm abgewandt, sondern war seine engste Vertraute geworden, auch wenn ihre Einstellung zum Spirituellen sich definitiv von seiner unterschied. Sie war immerhin die physische Manifestation des Zaubers der Göttin und verstand nicht, wieso ihr Bruder ein Geschenk aus dem spirituellen Reich zurückwies. Vor allem, da sie sich so sehr danach sehnte, wenigstens einen Hauch der Macht zu spüren, die ihre Mutter problemlos beherrschte. Trotzdem stand sie ihm ruhig und sachlich zur Seite. Als er älter wurde, lernte Cuchulainn, seine aufkeimenden hellseherischen Fähigkeiten zu unterdrücken und sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen.

Jetzt musterte Elphame ihren Bruder eindringlich. Er hatte sie noch nie belogen, und sein Gefühl hatte ihn noch nie getäuscht.

„Versprichst du es mir?“, fragte sie ein wenig atemlos. Die leichte Röte, die ihre Wangen überzog, war das einzige äußere Anzeichen für die Aufregung, die in ihrem Inneren tobte.

„Ja.“ Er nickte.

Freude wogte in ihr auf. „Ich wusste, die MacCallan-Burg wieder aufzubauen ist das Richtige.“ Sie schenkte ihm einen schwesterlichen Blick und dachte an all die Mühe, die es bereitet hatte, ihre Mutter zu überreden, sie gehen zu lassen. „Hättest du dieses Wissen nicht mit Mama teilen können?“

„Meinst du, irgendeine Macht in Partholon hätte sie dann davon abhalten können, uns dorthin zu begleiten, wenn ich Mutter erzählt hätte, ich wüsste, dass sich dein Schicksal auf der MacCallan-Burg erfüllen wird?“

„Ausgezeichneter Einwand“, stimmte Elphame zu. Ihre Gedanken suchten sich einen Weg durch das in ihr tobende Gefühlschaos. „Aber warum hast du so lange gewartet, bis du es mir erzählt hast?“

Cuchulainn runzelte angestrengt die Stirn und antwortete bedächtig: „Dieses Gefühl ist unbestimmt.“ Als er den enttäuschten Ausdruck sah, der sich auf ihrem Gesicht ausbreitete, beeilte er sich, zu erklären: „Nein, keine Angst, das bedeutet nicht, dass es weniger sicher ist. Ich weiß, dass du auf der MacCallan-Burg deinem Schicksal begegnen wirst. Ich weiß, dass dieses Schicksal in Form eines Lebenspartners kommt, aber wenn ich versuche, mich auf Einzelheiten des Mannes zu konzentrieren, erhalte ich nur verschwommene und verwirrende Eindrücke.“ Er schüttelte den Kopf und lächelte sie verlegen an. „Vielleicht liegt es daran, dass du meine Schwester bist und ich es ziemlich verstörend fände, Details aus deinem Liebesleben zu wissen.“

„Ich weiß genau, was du meinst. Wenn die Mägde anfangen, Gedichte über deine verschiedenen Körperteile zu verfassen, halte ich mir die Ohren zu und laufe schreiend davon.“ Sie schüttelte sich und zog eine Grimasse.

„Hmpf.“ Er schnaubte einmal lapidar, doch dann musste er lachen. Er war froh, dass seine Schwester nicht nach weiteren Einzelheiten bezüglich seines Gefühls gefragt hatte.

Er hatte lange mit sich gerungen, was er El über seine Vision sagen sollte. Er wusste, dass es seine geliebte Schwester schmerzte, dass sie ihrer Überzeugung nach niemals einen Mann finden würde. Und er wusste, dass er ihr von seinem Gefühl erzählen musste. Für ihn war es vollkommen klar, dass sie auf der MacCallan-Burg ihrem Partner und ihrem Schicksal begegnen würde. Doch er wusste auch, dass mehr dahintersteckte. Es ging nicht nur darum, sich einfach nur zu verlieben. Ein Teil seiner Vorahnung war vage und ominös gewesen. Nicht wie die typischen „Liebesvisionen“, die er in der Vergangenheit erhalten hatte und die normalerweise einen Freund in den Armen einer jungen Frau zeigten, gefolgt von dem Gefühl, dass diese beiden Menschen zusammengehörten.

Er hatte auch seine Schwester in den Armen eines Mannes gesehen, doch es war ihm nicht gelungen, den Mann deutlich zu erkennen. Er hatte klar den Ausdruck zärtlichen Glücks, der auf dem sonst so ernsten Gesicht seiner Schwester gelegen hatte, sehen können. Dieser für ihn so überraschende Anblick hatte seine Konzentration erheblich gestört. Vielleicht war das der Grund, wieso er den Mann nicht hatte erkennen können. Vielleicht auch nicht. Er hatte aber definitiv gefühlt, dass diese beiden zusammengehörten. Als er versucht hatte, sich auf die Szene zu konzentrieren und den Mann eingehender zu betrachten, war die Vision in blendendes scharlachrotes Licht getaucht worden, so als hätte jemand sie in Blut getränkt. Dann war genauso schnell undurchdringliche Finsternis heraufgezogen und hatte die Liebenden wie ein samtener Vorhang verhüllt. Der Mann war verblasst, und seine Schwester blieb allein zurück.

Wie typisch für das Reich der Spiritualität, ihn mit unbeantworteten Fragen und einem unguten Gefühl zurückzulassen. Die flüchtige Natur seiner Macht hatte er schon immer gehasst. Ihr fehlte das echte Gewicht eines Schwertes oder das klare Ziel eines Pfeils.

Cuchulainn schluckte ein paarmal gegen seine trockene Kehle an. Er war froh, dass Elphame wieder einmal vor ihm ging. Sie konnte seine Gefühle zu gut lesen. Er wollte ihr jedoch nicht zeigen, wie tief sich diese letzte Vision in seine Seele gebrannt und ihn mit ihrem seltsamen grellroten Flüstern verängstigt hatte. Er ballte seine rechte Hand und spürte förmlich das Gewicht seines Kurzschwerts, als er es in Gedanken packte und zum Angriff bereit zückte.

Ja. Lebenspartner oder nicht – Cuchulainn war bereit, seine Schwester vor allem zu beschützen, was ihr Schaden zufügen wollte.

3. KAPITEL

„Ich verstehe nicht, warum wir nicht mit dem Rest der Arbeiter in Loth Tor bleiben konnten“, beschwerte Cuchulainn sich, während er ein weiteres trockenes Holzscheit aufs Feuer legte.

„Ich dachte, Krieger müssen so dickhäutig sein, dass sie ohne zu klagen auf einem Distelbett schlafen können.“ Elphame warf ihm den Weinschlauch zu. „Hier, trink einen Schluck. Den hat Mama uns mitgegeben“, fügte sie bedeutungsvoll hinzu.

„Krieger mögen genauso gerne ein weiches Bett wie jeder andere.“ Cuchulainn grummelte noch ein wenig vor sich hin, doch er nahm den Weinschlauch und trank einen großen Schluck. „Mutters Weinliebe war auf dieser Reise ein Segen, aber das entschädigt nicht für ein Daunenbett.“ Oder eine wollüstige junge Witwe in diesem Bett, dachte er.

„Cu, du bist nur erbost über dein Bett hier, weil diese plumpe Blondine dir mehr als nur einen Nachschlag ihres Eintopfs angeboten hat.“

„Eine junge Witwe zu sein ist eine schwere Bürde.“

„Nicht wenn du in der Nähe bist.“ Elphame lachte. „Ach komm schon, hör auf zu schmollen. Ich will zusehen, wie die Sonne über meiner Burg aufgeht, und das will ich nicht inmitten einer Gruppe von Zentauren und Männern tun, die mich anstarren und sich vorstellen, dass in den Schatten der Ruine Dämonen lauern.“

Cuchulainn gab nur einen undefinierbaren Laut von sich. Er nahm noch einen Schluck Wein und warf den Schlauch wieder seiner Schwester zu. Dann stocherte er ein wenig im Feuer herum. Er hatte nicht vor, weiterzumaulen, denn er war es gewohnt, dass Elphame die Einsamkeit suchte, und er verstand ihre Gründe dafür. Ihr ganzes Leben lang war sie angebetet worden, weil die Göttin sie berührt hatte. Sie war ein Wesen, das noch nie zuvor erschaffen worden war. Man behandelte sie nicht gemein – im Gegenteil. Sie flößte den Menschen Ehrfurcht ein, vor allem denen, die ihren Anblick nicht gewohnt waren. Die meisten Arbeiter, die sie begleiteten, waren aus der Gegend um Eponas Tempel und behandelten Elphame mit vorsichtigem Respekt, wahrten ansonsten aber Distanz. Während der fünftägigen Reise von Eponas Tempel zur MacCallan-Burg war ihm aufgefallen, wie die Leute unterwegs ihre Arbeit unterbrachen und an die Straße eilten, wenn „die junge Göttin Elphame“ vorbeikam. Dort verbeugten sie sich so tief, dass sie mit dem Kopf praktisch den Grasstreifen berührten, der den Weg säumte. Unterwegs hatten sich weitere Menschen und Zentauren ihrem Zug angeschlossen, die alle von der Chance profitieren wollten, die ein Neuaufbau der Burg bieten würde. Ihre Reaktion auf seine Schwester war immer gleich: ehrfürchtiges Starren. Cuchulainn wusste, dass Elphame aus diesem Grund darauf bestanden hatte, die Straße zu verlassen und dem unbefestigten Weg zu folgen, der quer durch den Wald führte. Für El bedeuteten weniger Menschen weniger Verehrung, und das war in ihren Augen etwas Gutes.

Bruder und Schwester hatten unter den Sternen genächtigt und in keinem der verschlafenen kleinen Dörfer gehalten, die zwischen den Weinbergen und Weiden verstreut lagen. Erst in Loth Tor, dem Dorf, das sich an den Fuß des Plateaus drückte, auf dem die MacCallan-Burg thronte, waren sie wieder zu ihrer Reisetruppe gestoßen. Gemeinsam hatten sie im Mare’s Inn zu Abend gegessen, der einzigen Taverne des Ortes. Alle hatten sich ehrfürchtig vor Elphame verbeugt. Einige hatten gefragt, ob sie die junge Göttin berühren dürften, andere hatten sie einfach nur mit offenem Mund angestarrt. Cuchulainn hatte zugesehen, wie seine Schwester jedem höflich zunickte und das Verlangen der Menschen, ihr zu huldigen, stillschweigend über sich ergehen ließ. Niemandem schien die unnatürliche Anspannung in ihren Schultern aufzufallen oder ihre überkorrekte Haltung. Auf ihn wirkte sie, als würde sie in tausend Stücke zerspringen, wenn sie sich zu schnell bewegte.

Als das Mahl beendet war, behauptete sie, dass sie den Wunsch verspürte, unter den Sternen zu schlafen und mit ihrem Bruder und Epona allein zu sein. Er wusste, dass sie den Namen der Göttin hinzufügte, damit die Bewohner des Dorfes ihnen nicht folgten. Wortlos hatte er seinen müden Wallach gesattelt und ihn zu einem scharfen Galopp angetrieben in dem Versuch, mit Elphame Schritt zu halten, die es gar nicht erwarten konnte, das Dorf hinter sich zu lassen.

„Es wird besser, wenn du erst einmal eine Weile hier bist“, sagte er leise.

„Man sollte doch meinen, ich hätte mich inzwischen daran gewöhnt.“ Sie seufzte schwer und nahm einen Schluck von dem hervorragenden Wein, dann warf sie ihm den Schlauch wieder zu. „Habe ich aber nicht.“ Sie hob die Augenbrauen. „Schwer zu glauben, dass mein Schicksal irgendwo hier in der Nähe auf mich warten soll.“

„Es sind schon seltsamere Dinge passiert“, sagte er leichthin, denn er wollte nicht über seine Vision oder Elphames möglichen Lebenspartner sprechen.

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel die Tatsache, dass wir dieselben Eltern haben, ich aber ein Mensch und du zum Teil ein Pferd bist“, erwiderte er prompt.

Sie verdrehte die Augen. „Ich bin teilweise Zentaur, nicht Pferd.“ Ansonsten widersprach sie nicht.

„Leg dich schlafen“, sagte er. „Du wirst morgen deine ganze Energie brauchen. Ich bleibe auf und wache über das Feuer.“ Und über dich, fügte er in Gedanken hinzu. Die Anspannung seiner Schwester mochte sich nach dem Verlassen des Dorfes etwas gelöst haben, aber seine Instinkte als Krieger ließen ihn wachsam bleiben, denn er war unruhig.

Warum konnte er Elphames Zukunft nicht deutlicher sehen? Warum war die Vision so dunkel und verschwommen? Und warum schien sie in Blut getränkt zu sein?

Elphame rollte sich zusammen und machte es sich in ihrem Schlafsack gemütlich. „Du kannst mir nichts vormachen, Cuchulainn“, sagte sie.

Ihre Augen waren geschlossen und ihre Stimme nur ein Flüstern, aber der sanfte Nachtwind trug ihre Worte klar und deutlich zu ihm herüber.

„Das ist nur noch mehr von diesem ‚Ich bin ein Krieger und muss meine Schwester beschützen‘-Unsinn.“

„Das klingt wie etwas, das Mutter sagen würde“, erwiderte er und fügte leise hinzu: „Wurde aber auch Zeit, dass du es bemerkst.“

Die Lippen seiner Schwester verzogen sich zu einem leichten Lächeln. Kurz darauf war sie tief eingeschlafen.

Elphame träumte, dass ihr Liebhaber in einem dunklen Nebel zu ihr kam, der sie umfing, als wären der Nacht Flügel gewachsen. Auch wenn sie unter seiner Berührung zitterte, hatte sie keine Angst. Bereitwillig bot sie sich der nebligen Erscheinung an, und er beugte sich zu ihr und trank von ihrer Liebe, während sie in die samtige Schwärze des mitternächtlichen Himmels flogen und ihr Bett inmitten der Sterne aufschlugen.

„Ich wusste, dass es umwerfend sein würde.“ Elphame seufzte glücklich. „Oh Cu, sieh dir meine Burg an.“

Sie standen am Saum des Kiefernwaldes, der die Landseite des Plateaus umgab, auf dem die MacCallan-Burg erbaut worden war. Der harzige, klare Geruch der Kiefern vermischte sich mit dem Salzduft des Ozeans und schien alles rein zu waschen – das Grün des Waldes wirkte satt und kräftig, das Weiß und Blau des Meeres glasklar und elegant, wenn es sich an den weit unten liegenden Felsen brach. Die Burg ragte vor ihnen auf. Eindrucksvoll thronte sie auf ihrem steinernen Sitz am Rande der prächtigen Klippe.

Elphame betrachtete ihr neues Zuhause und schwelgte im Wunder dieses ersten Anblicks. Reihe um Reihe Rotblütenbäume und Hartriegelsträucher standen in voller Blüte, Unkraut und Brombeerranken wucherten überall. Die Burg sah aus, als hätte sie seit Jahrhunderten geschlafen und darauf gewartet, von ihrer wahren Liebe mit einem Kuss erlöst zu werden.

Ein bisschen wie ich. Elphame war überrascht über diesen romantischen Gedanken, aber der Ausblick vor ihr und die Prophezeiung ihres Bruders weckten bei ihr ungeahnt romantische Gefühle. Etwas, wie sie erstaunt feststellte, das sie durchaus genoss.

War es das, was mir die ganzen Jahre über gefehlt hat, überlegte sie. Diese atemlose, abwartende Aufregung? Als ob jemand kurz davor wäre, einen Schlüssel in meinem Inneren umzudrehen und etwas Magisches freizusetzen?

Die Sonne kletterte langsam über die Baumwipfel. Vor Elphames Augen verwandelte sich das verträumte Rosa und Weiß des frühen Morgenhimmels in das Gold und Blau eines klaren Frühlingstages. Mit einem Mal wurde sie von einem unglaublichen Gefühl der Hoffnung erfüllt, als enthielte der Anbruch des neuen Tages auch für sie das Versprechen eines Neuanfangs. Ein Segen, den sie ihre Mutter oft zu Epona hatte sprechen hören, ging ihr durch den Kopf, und plötzlich hörte sie sich ihn laut aussprechen – auch wenn ihre Worte kaum mehr als ein zögerliches Flüstern waren.

„Große Göttin Epona, meine Göttin,

Ich stehe hier an einem neugeborenen Tag,

Ein Tag, angefüllt mit deiner Magie.

Ich stehe auf der Schwelle,

Vor deinem geheimnisvollen Schleier,

Und bitte um deinen Segen.

Lass mich zu deinem Ruhme arbeiten

Und zum Ruhme meines Geistes.“

Cuchulainn schwieg während des Gebets seiner Schwester. Teils aus Respekt vor Epona, teils aus Überraschung. Er hatte sie noch nie um Eponas Segen bitten hören.

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