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Erhebet die Herzen

Friedrich Lurz

Erhebet die Herzen

Das Eucharistische Hochgebet verstehen

Butzon & Bercker

Inhalt

Einleitung

Die Strukturelemente des Eucharistiegebets

Das zweite Hochgebet

Das aktuelle Standard-Hochgebet

„Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott“

Der Eröffnungsdialog

Das Gedenken der Heilstaten Gottes

Präfation und Postsanctus

Der Lobpreis der irdischen mit der himmlischen Kirche

Sanctus-Benedictus

„Das ist mein Leib“ – „Das ist mein Blut“

Die Einsetzungsworte

Das aktuelle liturgische Handeln der Kirche

Spezielle Anamnese und Darbringungsaussage

Vom Ziel der Feier

Die Epiklese

Die Bitte um die Vollendung der kirchlichen Gemeinschaft

Die Interzessionen

Das Amt der Gemeinde im Eucharistiegebet

Gemeindeakklamation und Doxologie

Die materiale und rituelle Seite des Eucharistiegebets

Die eucharistischen Gaben

Der Altar – der Tisch der Eucharistiefeier

Körperhaltung, Gestik und Gebärden im Eucharistischen Hochgebet

Die Kommunion als Ziel der Feier

Die Häufigkeit des Kommunionempfangs

Die Vorbereitungsriten vor dem Kommunionempfang

Die Formen des Kommunionempfangs

Die Spendeformeln und der Begleitgesang

Die Entwicklung des eucharistischen Betens

Die Wurzeln der Gebetsform „Eucharistisches Hochgebet“

Die Ausbildung und Ausdifferenzierung der Gebetsform „Eucharistisches Hochgebet“

Das Hochgebet nach den Vätern Addai und Mari

Ein Sonderfall östlicher Eucharistiegebete

Der Canon Romanus als westlicher Sonderfall

Das traditionelle Hochgebet der römischen Kirche

Die jüngere Entwicklung innerhalb der römisch-katholischen Kirche

Der existenzielle Ansatz

Das Votivhochgebet zum Thema „Versöhnung“

Die besondere pastorale Ausrichtung

Die Hochgebete für die Messfeiern mit Kindern

Vom teilkirchlichen zum gesamtkirchlichen Eucharistiegebet

Das Hochgebet für Messen für besondere Anliegen

Dimensionen des eucharistischen Betens in der lutherischen Tradition

Die Nürnberger Vermahnung

Ein Beispiel für die Verlagerung der Inhalte des Eucharistiegebets

Dimensionen des eucharistischen Betens in der reformierten Tradition

Die Entwicklung bis zum „Evangelischen Gottesdienstbuch“

Dimensionen des eucharistischen Betens in der anglikanischen Tradition

Ausblick

Quellen- und Literaturnachweis

Einleitung

Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit seiner Rede vom „Tisch des Gotteswortes“ (Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium Nr. 51), der den Gläubigen reicher bereitet und gedeckt werden soll, eine Aufwertung des Wortes Gottes in der Eucharistiefeier eingeleitet. Diese hat zu einer Ausweitung der biblischen Schriftlesungen innerhalb der Messe geführt, wie sie in der römisch-katholischen Kirche über Jahrhunderte unbekannt war.

Aber auch der Eucharistieteil selbst hat in der Liturgiereform, die auf das Konzil folgte, wichtige Veränderungen erfahren. Ihre besondere Qualität erhielt die Reform dadurch, dass bald auch dieser Teil der Messe ganz in der Muttersprache vollzogen werden durfte, wenn auch Eucharistiefeiern in lateinischer Sprache nie verboten wurden.

Nun erst wurde vielen Gläubigen der Reichtum des zentralen Gebetsvollzugs im Eucharistieteil deutlich, des Eucharistischen Hochgebets – dies gilt im Besonderen für Diözesen außerhalb des deutschen Sprachgebietes, wo es zuvor nur selten Bücher wie den „Schott“ gegeben hatte. Wie jede sakramentale Feier bedarf nämlich auch die Eucharistie nicht allein einer „sakramentalen Formel“, sondern eines umfangreichen Gebetsvollzugs, aus dem die Fülle der Theologie, ja der Sinn der Feier deutlich, erfahrbar und verstehbar wird. Denn hauptsächlich das Eucharistiegebet ist Vollzug des „lobpreisenden Gedenkens“, das auch als „formale Sinngestalt“ der Eucharistiefeier gelten kann, während vor allem die Mahlfeier ihre – theologisch ebenso wichtige – „materiale Sinngestalt“ bildet (so der ehemalige Innsbrucker Liturgiewissenschaftler Hans Bernhard Meyer).

Das Messbuch stellte neben dem klassischen, in seiner Struktur und Sprache singulären Canon Romanus, dem heutigen ersten Hochgebet, drei zusätzliche Hochgebete zur Verfügung. Bald wurden weitere Eucharistiegebete zugelassen, einige für den ganzen römisch-katholischen Ritus. Letztere wurden schließlich in die dritte Ausgabe des nachkonziliaren lateinischen Missale Romanum von 2002 aufgenommen.

Zahlreiche weitere Eucharistiegebete wurden nur für einzelne Länder, Sprachräume oder Anlässe genehmigt und sind in anderen Regionen gar nicht bekannt. An der Stelle des einen, scheinbar unveränderlichen und immer schon da gewesenen Canon Romanus steht nun eine Vielzahl von Eucharistiegebeten der Gesamtkirche und in den einzelnen Teilkirchen, die sowohl der Verschiedenheit wie der liturgietheologischen Einheit Ausdruck verleihen.

Dass die gesamte Gemeinde den Text des Eucharistiegebetes verstehen kann, da es in der jeweiligen Muttersprache vollzogen wird, führt aber nicht automatisch zu einem tiefen inneren Mitvollzug. Viele Worte und Formulierungen bedürfen erst der Erschließung, die theologisch-spirituelle Dimensionen berücksichtigen muss. Denn um diesen tiefen inneren Mitvollzug ging es dem Konzil wie der ganzen nachfolgenden Liturgiereform, nicht aber um ein allein rationales Verstehen. Das Mysterium der Feier, die verborgene Wirklichkeit des Geschehens, wird aber durch das Verstehen nicht trivialisiert, nicht „rationalisiert“, wie Kritiker der Liturgiereform dieser gerne vorwarfen, sondern überhaupt erst im Glauben erfahrbar.

Dieser Zielsetzung ist das vorliegende Buch verpflichtet, das aus einer Artikelserie in der Zeitschrift „MAGNIFICAT. Das Stundenbuch“ vom Dezember 2008 bis November 2009 entstanden ist. Es will einerseits die entscheidenden theologischen und historischen Fakten in einer für viele Leserinnen und Leser verstehbaren Weise präsentieren – wo gewisse Vereinfachungen notwendig sind, sollen diese dennoch liturgiewissenschaftlich verantwortet sein. Andererseits möchte es in die spirituelle Tiefe der Eucharistiegebete einführen. Die Texte sind es wert, dass man über sie meditiert, um auf diesem Weg weiter in das eucharistische Geschehen einzudringen. Betrachtet man einzelne Formulierungen im Lichte der gesamten Tradition der Kirche, erhalten sie mitunter eine Aussagerichtung, die man beim ersten Hören nicht erwarten würde.

Entsprechend sollen in einem ersten Schritt die einzelnen Abschnitte des Eucharistiegebets in den Blick kommen. Dazu wird das zweite Hochgebet des Messbuchs, das mittlerweile in der Praxis der katholischen Gemeinden aufgrund seiner Klarheit und Kürze zum Standardhochgebet geworden ist, im vollständigen Text und mit einem kurzen „Steckbrief“ vorgestellt. In einzelnen Schritten wollen wir den Text entlanggehen und die entscheidenden Elemente der Struktur in ihrer Herkunft und Bedeutung erschließen.

In einem zweiten Schritt wollen wir die materielle und rituelle Seite des eucharistischen Betens betrachten und die eucharistischen Gaben sowie den Altar als Realien näher in den Blick nehmen, über die und an dem das Eucharistiegebet gesprochen wird. Ebenso ist auf Haltung, Gestik und Gebärden des Vorstehers wie der Gemeinde näher einzugehen.

Dann soll in einem dritten Schritt als ritueller Zielpunkt des Eucharistiegebets die Kommunion, die sakramentale Mahlhandlung, genauer betrachtet werden, denn der Mahl- und der Gebetsvollzug gehören unlösbar zusammen.

In einem vierten Schritt wollen wir die Geschichte und die Entwicklung des Eucharistischen Hochgebets in den Blick nehmen. Nur ein kurzer Blick kann auf die Herkunft aus den jüdischen Wurzeln und die Entfaltung des Eucharistiegebets in den Liturgiefamilien der Spätantike geworfen werden. Als zweiter Quellentext soll das traditionelle Eucharistiegebet der römischen Kirche, der Canon Romanus (heute das erste Hochgebet), wieder mit Text und einem kurzen „Steckbrief“ vorgestellt werden. Dieses Gebet unterscheidet sich nämlich ganz erheblich von den Hochgebeten der Ostkirchen, für die man den Vorläufer des zweiten Hochgebets als Modell sehen kann. Als frühe Ausnahme soll kurz auf ein östliches Hochgebet ohne Einsetzungsworte eingegangen werden. An drei Hochgebeten, die erst nach dem lateinischen Messbuch von 1970/1975 mit seinen vier Hochgebeten gesamtkirchlich eingeführt wurden, können neue Impulse der Hochgebetsentwicklung veranschaulicht werden. Anschließend ist etwas eingehender die Entwicklung des eucharistischen Betens in den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen vorzustellen, da gerade diese Kirchen für den ökumenischen Dialog im deutschen Sprachgebiet erhebliche Bedeutung besitzen.

Abschließend sollen in einem kurzen Ausblick mögliche bzw. notwendige Perspektiven des eucharistischen Betens aufgezeigt werden. Denn im ganzen Buch wird deutlich werden: Eucharistiegebete sind bei aller Verbindlichkeit nichts auf ewig Festgefügtes. Eucharistisches Beten unterliegt Veränderungen, für die es verantwortete Kriterien zu finden gilt.

Die Strukturelemente des Eucharistiegebets

Die Theologie des Eucharistiegebets kann nur aus den Texten selbst entwickelt werden, weniger aus einem darübergestülpten, dogmatischen Lehrgebäude. Während über Jahrhunderte die Gläubigen vom Text selbst in der römisch-katholischen Kirche überhaupt nichts verstanden, boten allein die Katechese und der Katechismus einen ansatzweisen Zugang zum Verständnis der Eucharistie. Dass Christus in Brot und Wein wirklich gegenwärtig wird, stand im Mittelpunkt dieser Überlegungen. Entsprechend erschien der ganze Abschnitt des Eucharistiegebets als „Wandlung“, als „Verwandeln“ der Gaben, hervorgerufen vom Sprechen der Wandlungsworte durch den geweihten Priester. So wenig diese Dimensionen falsch sind, so einseitig sind sie doch, eröffnen die Texte der Eucharistiegebete doch wesentlich weitere Perspektiven.

Von daher bleibt unsere vorrangige Aufgabe, nicht Katechismen und kirchenamtliche Lehrtexte zu analysieren, sondern an den Texten der Eucharistischen Hochgebete entlangzugehen und deren entscheidende Aussagen herauszustellen. Von daher kommt dem Text und seiner Struktur für eine Erschließung des eucharistischen Geschehens entscheidende Bedeutung zu. Wir wollen dies exemplarisch am zweiten Hochgebet tun, aber immer auch die anderen Hochgebete mit im Blick behalten. Da wir nicht umhinkommen werden, mit den Bezeichnungen der Strukturelemente zu arbeiten, die sich nicht einfach eindeutschen lassen, sollen diese sofort neben dem Text vermerkt werden, damit zur Orientierung immer wieder darauf zurückgegriffen werden kann.

Das zweite Hochgebet

Das aktuelle Standard-Hochgebet
Der Text

Eröffnungsdialog

P: Der Herr sei mit euch.

G: Und mit deinem Geiste.

P: Erhebet die Herzen.

G: Wir haben sie beim Herrn.

P: Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott.

G: Das ist würdig und recht.

Präfation

P: In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, immer und überall zu danken durch deinen geliebten Sohn Jesus Christus. Er ist dein Wort, durch ihn hast du alles erschaffen. Ihn hast du gesandt als unseren Erlöser und Heiland. Er ist Mensch geworden durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Um deinen Ratschluss zu erfüllen und dir ein heiliges Volk zu erwerben, hat er sterbend die Arme ausgebreitet am Holze des Kreuzes. Er hat die Macht des Todes gebrochen und die Auferstehung kundgetan.

Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit:

Sanctus-Benedictus

A: Heilig, heilig, heilig

Gott, Herr aller Mächte und Gewalten.

Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.

Hosanna in der Höhe.

Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

Hosanna in der Höhe.

Postsanctus

P: Ja, du bist heilig, großer Gott, du bist der Quell aller Heiligkeit. Darum bitten wir dich:

Wandlungsepiklese

Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit sie uns werden Leib + und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus.

Einsetzungsworte

Denn am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach:

NEHMET UND ESSET ALLE DAVON:

DAS IST MEIN LEIB,

DER FÜR EUCH HINGEGEBEN WIRD.

Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch, dankte wiederum, reichte ihn seinen Jüngern und sprach:

NEHMET UND TRINKET ALLE DARAUS:

DAS IST DER KELCH

DES NEUEN UND EWIGEN BUNDES,

MEIN BLUT, DAS FÜR EUCH

UND FÜR ALLE VERGOSSEN WIRD

ZUR VERGEBUNG DER SÜNDEN.

TUT DIES ZU MEINEM GEDÄCHTNIS.

Gemeindeakklamation

D/P: Geheimnis des Glaubens:

G: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir,

und deine Auferstehung preisen wir,

bis du kommst in Herrlichkeit.

Spezielle Anamnese

P: Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung deines Sohnes und bringen dir so das Brot des Lebens und den Kelch des Heiles dar. Wir danken dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen.

Kommunionepiklese

Wir bitten dich: Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut und lass uns eins werden durch den Heiligen Geist.

Interzessionen

Gedenke deiner Kirche auf der ganzen Erde und vollende dein Volk in der Liebe, vereint mit unserem Papst N., unserem Bischof N. und allen Bischöfen, unseren Priestern und Diakonen und mit allen, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind.

Gedenke (aller) unserer Brüder und Schwestern, die entschlafen sind in der Hoffnung, dass sie auferstehen. Nimm sie und alle, die in deiner Gnade aus dieser Welt geschieden sind, in dein Reich auf, wo sie dich schauen von Angesicht zu Angesicht.

Vater, erbarme dich über uns alle, damit uns das ewige Leben zuteilwird in der Gemeinschaft mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit deinen Aposteln und mit allen, die bei dir Gnade gefunden haben von Anbeginn der Welt, dass wir dich loben und preisen durch deinen Sohn Jesus Christus.

Schlussdoxologie

Durch ihn und mit ihm und in ihm

ist dir, Gott, allmächtiger Vater,

in der Einheit des Heiligen Geistes

alle Herrlichkeit und Ehre

jetzt und in Ewigkeit.

G: Amen.

(MB 1988, 478 – 489)

Der „Steckbrief“ des zweiten Hochgebets

Das zweite Hochgebet folgt in weiten Teilen dem Eucharistiegebet im vierten Kapitel der sogenannten „Traditio Apostolica“. Diese antike Liturgieordnung, die in mehreren Sprachfassungen überliefert und deren liturgiewissenschaftlicher Quellenwert unbestritten ist, wurde zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils für eines der ältesten liturgischen Zeugnisse Roms gehalten und ihre Autorenschaft dem Presbyter (und zeitweiligen Gegenpapst) Hippolyt (Anfang 3. Jh.) zugewiesen. Dass vermutlich der Text ursprünglich in griechischer Sprache verfasst war, würde dem nicht widersprechen, denn in Rom war zu dieser Zeit die Liturgiesprache noch das Griechische. Heute jedoch wird der Ursprung dieses Textes nicht in Rom oder im Westen, sondern eher im östlichen Mittelmeerraum vermutet. Er bildet ein Zeugnis der frühen östlichen Liturgietradition, auf die z. B. die ganze byzantinische Liturgiefamilie aufbaut. Die Prägnanz des dort enthaltenen Hochgebets rührte aus seiner knappen, beim Hören direkt erkennbaren Struktur: Es bestand aus einem größeren gedenkenden Teil, in den am Ende die Einsetzungsworte eingefügt waren, bevor sich ein kurzer bittender Abschnitt anschloss.

Im Rahmen der Überarbeitung innerhalb der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil veränderte man den Text entsprechend einem Schema, das man in den 60er-Jahren als spezifisch für die römische Tradition ansah. Man modifizierte die klare Abfolge von gedenkendem und bittendem Abschnitt: Nun setzte man eine Bitte um Wandlung der Gaben vor die Einsetzungsworte, da unmöglich schien, dass man nach ihnen noch um eine Wandlung beten könne. Außerdem fügte man das Sanctus-Benedictus ein, das die Traditio Apostolica noch gar nicht kannte, ebenso den Gemeinderuf nach den Einsetzungsworten. Zudem baute man den hinteren Bitt-Teil, die sogenannten Interzessionen, erheblich aus, indem man die Hierarchie der Kirche und wichtige Heilige einfügte, um so das Gebet dem Canon Romanus anzugleichen. Während das Hochgebet der Traditio Apostolica als typischer Vorläufer der Texte der östlichen Liturgiefamilien angesehen werden kann, macht die Überarbeitung aus ihm einen Text, der traditionellen römisch-katholischen Vorstellungen entgegenkommt. Dennoch bleibt ein entscheidender Unterschied zur römischen Tradition die marginale Verwendung von Ausdrücken, die Opfervorstellungen widerspiegeln. Dies dürfte neben der Kürze ein weiterer Grund für seine häufige Verwendung sein.

„Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott“

Der Eröffnungsdialog

Das Eucharistiegebet beginnt mit einem einheitlichen, auch in den anderen Liturgiefamilien fast wortgleich anzutreffenden dreigliedrigen Dialog, der sich bereits in der Traditio Apostolica findet. Der Priester (oder Bischof) und die Gemeinde rufen sich gegenseitig zu:

P: „Der Herr sei mit euch.“

G: „Und mit deinem Geiste.“

P: „Erhebet die Herzen.“

G: „Wir haben sie beim Herrn.“

P: „Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott.“

G: „Das ist würdig und recht.“ (MB 1988, 478)

Schon mit diesem Dialog sind grundlegende Dimensionen des Eucharistiegebets markiert.

„Der Herr sei mit euch“

Der erste Zuruf: „Der Herr sei mit euch“ findet sich bereits im Alten Testament (vgl. Rut 2,4), aber auch im Neuen Testament. Im Anschluss an die Formel in 2 Thess 3,16 meint „Herr“ hier Christus selbst, der der Gemeinde beistehen soll, wenn sie seinen Auftrag: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (1 Kor 11,24; Lk 22,19) erfüllt. Es handelt sich ebenso um einen Segenswunsch wie bei der darauf folgenden Antwort der Gemeinde: „Und mit deinem Geiste.“ Der Ausdruck „Geist“ bezieht sich hier wohl weniger auf die konkrete Person des Vorstehers als vielmehr auf sein Amts-Charisma, das er durch die Ordination, die Priesterweihe, erhalten hat und das die Gemeinde im Zuruf anerkennt. Denn es ist der Priester, der weite Teile des Eucharistiegebets zu sprechen hat. In der Antike tat er dies in freier Rede, er sprach also keinen wortwörtlich normierten Text. Aber er tat und tut dies noch heute im Namen und im Auftrag der versammelten Gemeinde sowie der ganzen Kirche. Auch für unsere Eucharistiefeiern ist der gemeinsame Vollzug von Vorsteher und Gemeinde konstitutiv, wie schon die „Allgemeine Einführung ins Römische Messbuch“ (= AEM) festhält: „Sinn dieses Gebetes ist es, die ganze Gemeinde der Gläubigen im Lobpreis der Machterweise Gottes und in der Darbringung des Opfers mit Christus zu vereinen“ (AEM Nr. 54).

„Erhebet die Herzen“

Der zweite Teil des Dialogs: „Erhebet die Herzen“ und die bestätigende Antwort: „Wir haben sie beim Herrn“ sind am schwersten zu interpretieren. Dieser Teil wird in der Traditio Apostolica ausdrücklich der Eucharistie vorbehalten, während die anderen Rufe z. B. auch bei der Lichtdanksagung am Abend verwendet werden. Einige Autoren interpretieren das „Empor die Herzen“ (lat.: „Sursum corda“) zunächst leiblich: Die Gemeinde werde aufgefordert, sich zu erheben, sich hinzustellen und die Hände zum Gebet zu erheben, wie wir dies noch heute vom Vorsteher kennen. Aber die Antwort „Wir haben sie beim Herrn“ deutet darauf hin, dass es um mehr geht, um eine spirituelle Dimension: dass hier eine besondere Christusverbindung gefordert ist. Die Formulierung knüpft an eine Wendung des Paulus an: „Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ (Kol 3,1 f.). Es ist die besondere Verbindung zum erhöhten Christus, die allein den Getauften eigen ist und die hier von ihnen aktualisiert werden soll. Im Gebet vollziehen die Gläubigen bereits, was anschließend sakramental in intensivster Weise im Empfang des Leibes und Blutes Christi geschehen wird.

„Lasset uns danken“

Abgeschlossen wird der Eröffnungsdialog mit der Aufforderung: „Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott“ und der aus antiken Volksversammlungen bekannten Bestätigung durch die Gemeinde: „Das ist würdig und recht.“ Sie zeigen an, dass es anschließend vorrangig um eine Danksagung geht, die von einem großen Wir vollzogen wird. Diese Danksagung richtet sich an Gott, den Vater. Indem das Christentum diese grundlegende Anrederichtung bei allen Gebeten beibehält, die vom Vorsteher im Namen der Gemeinde gesprochen werden, steht es in weitreichender Kontinuität zum Beten Israels und des Judentums. Allerdings sind wir Christen überzeugt, dass wir zu Gott nur mit und durch Christus sprechen können.

Mit dem Motiv der Danksagung wird an die jüdischen Vorbilder angeknüpft (vgl. S. 95 ff.), aus denen sich unsere Eucharistiegebete entwickelt haben, vor allem an das Gebet („Beraka“, „Lobpreis“) nach dem eigentlichen Essen beim Festmahl. Diese Beraka hat drei Abschnitte, einen lobpreisenden, einen dankenden und einen bittenden. Ebenfalls in unsere Eucharistiegebete eingeflossen sein dürfte die gedenkend-bittende Gebetsform der „Toda“ („Dank“) beim jüdischen Opfermahl. Gegenüber dem jüdischen Vorbild der Beraka ist aber der Dank (griechisch: „eucharistia“) zum überragenden Motiv des Hochgebets in der Messfeier geworden, während der Lobpreis, der im jüdischen Beten „den Ton angibt“, dem Dank in christlichen Eucharistiegebeten eher untergeordnet wird.

Das Gedenken der Heilstaten Gottes

Präfation und Postsanctus

An den letzten Ruf des Priesters im Eröffnungsdialog: „Lasset uns danken dem Herrn, unserm Gott“ knüpft der nächste Abschnitt des Hochgebets an, indem er regelmäßig das Stichwort des Dankes wiederholt, wenn es z. B. heißt: „Wir danken dir, Vater im Himmel, und rühmen dich durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Präfation für Wochentage I, MB 1988, 440). Damit wechselt die dialogische Sprechsituation zwischen Vorsteher und Gemeinde zu dem an Gott gerichteten Gebet. Zugleich wird aus der Absicht nun der Vollzug des Dankens selbst.

Der gedenkende Abschnitt in östlichen Eucharistiegebeten

Der nun folgende Abschnitt bis zum Sanctus wird in der römischen Tradition anders gestaltet als in vielen anderen Liturgiefamilien. Die östlichen Liturgiefamilien kennen nur feste Hochgebetstexte vom Eröffnungsdialog bis zur Schlussdoxologie; diese enthalten keinerlei Bezüge zu bestimmten Festinhalten. Stattdessen wird einer konkreten Festzeit ein bestimmtes von mehreren zur Verfügung stehenden Eucharistiegebeten zugeordnet. In diesen Liturgien bilden entsprechend die Abschnitte vor und nach dem Sanctus eine durchlaufende Einheit, in ...

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