Logo weiterlesen.de
Erfülle meinen Traum von Liebe

1. KAPITEL

Ungläubig sah Charlotte Price von ihrem Mann, der schon bald ihr Exmann sein würde, zu dem schlafenden Baby auf seinem Arm.

„Anthony?“ Irritiert sah Charlotte den Mann an, den sie einst mit jeder Faser ihres Seins geliebt hatte und von dem sie sich heute nur noch trennen wollte. Ihr eigentliches Augenmerk galt in diesem Moment allerdings weniger ihm als dem kleinen Bündel in seinem Arm.

Der bekannte Hollywoodregisseur Anthony Price wirkte nicht besonders glücklich mit dem winzigen Mädchen, das in eine flauschige rosafarbene Decke gehüllt war, unter der lediglich eine schwarze Haarsträhne hervorlugte.

Anthonys Haare waren völlig zerzaust, und sein königsblaues Hemd war entgegen seiner Gewohnheit nicht bis oben hin adrett zugeknöpft – und was war denn das da auf der Schulterpartie seines Jacketts? Oh, ja, zweifellos Babyspucke, wie Charlotte mit einer gewissen Schadenfreude zur Kenntnis nahm. Mit Sicherheit hatte sein Jackett auch etwas abbekommen. Wenn sie nicht so perplex gewesen wäre, hätte Charlotte angesichts der Ironie der Situation am liebsten gelacht.

Ihr Ehemann mit einem Kind im Arm – wie sehr hatte sie sich immer Kinder von ihm gewünscht, doch er war zu keinem Zeitpunkt bereit dazu gewesen.

„Rachels Tochter“, stieß er heiser hervor.

Rachel. Anthonys Schwester war vor weniger als einer Woche bei einem Autounfall ums Leben gekommen und hatte ein acht Monate altes Mädchen zurückgelassen.

Charlotte wurde schwer ums Herz, als sie das entzückende Kind betrachtete, und sie stieß die Tür ein wenig weiter auf. „Bring sie herein, damit wir sie hinlegen können.“

Sie zeigte ihm den Weg durch die Wohnung ihrer besten Freundin, die gerade auf Weltreise war und bei der Charlotte übergangsweise untergeschlüpft war. So hatte sie die Ruhe, um ungestört über ihre Ehe nachzudenken. Bisher war sie immer wieder zu demselben Schluss gelangt: Ihr gemeinsames Leben mit Anthony Price war ein für alle Mal vorbei. Obwohl sie während ihrer Ehe alles versucht hatte, hatte sie schließlich erkennen müssen, dass ihr Mann sie niemals so lieben würde, wie sie es sich erträumte und verdient hatte.

Doch warum war er heute ausgerechnet zu ihr gekommen? Durfte sie hoffen, dass er vielleicht doch noch ihre Beziehung retten wollte? Würde er einwilligen, die Paartherapie zu machen, von der sie gesprochen hatte?

Im Juni war sie von zu Hause ausgezogen und wohnte nun nahezu schon drei Monate hier. Während dieser Zeit hatten sie mehrmals miteinander telefoniert, wobei keiner von ihnen so recht gewusst hatte, was er sagen sollte. Vor einem Monat war er sogar zu ihr gekommen, um mit ihr zu sprechen, doch letztendlich waren sie dann im Bett gelandet. Kommunikation war in den neun Jahren ihrer Ehe stets ein Problem gewesen – der Sex hingegen nie. Die meiste Zeit, die sie allein verbracht hatten, waren sie nackt gewesen.

Allerdings war es unvermeidlich, dass sie endlich einmal miteinander sprachen – und dabei würde es nicht nur um das kleine Mädchen auf seinem Arm gehen. Für den kommenden Freitag hatte Charlotte nämlich einen Termin bei ihrem Anwalt vereinbart, um endlich die Scheidung in die Wege zu leiten.

„Ich habe Angst, sie hinzulegen. Sie hat den ganzen Weg hierher ohne Unterbrechung geschrien“, gestand Anthony leicht panisch. „Ich habe ihr ein Fläschchen gegeben, dann hat sie alles wieder ausgespuckt und noch lauter geweint – fast die ganzen drei Stunden während der Autofahrt. Erst vor zehn Minuten ist sie endlich eingeschlafen.“

Vorsichtig nahm Charlotte ihrem Mann das schlafende Kind aus dem Arm, legte es auf einen großen Sessel und stabilisierte mit einem Kissen seine Lage. Mit einem anderen Kissen, das sie neben das Mädchen legte, verhinderte sie, dass das Kind versehentlich herunterfallen konnte.

Danach lotste sie Anthony in die Küche, von wo aus sie das Baby im Blick hatte.

„Was geht hier vor, Anthony?“, flüsterte sie.

„Du musst mir mit Lily helfen.“

Was hatte das denn zu bedeuten?

„Oh, Anthony. Oh, mein Gott“, stieß sie hervor, als ihr allmählich klar wurde, war ihr Mann damit meinte. Er war keineswegs hierher zurückgekommen, weil er sie liebte und wieder zurückgewinnen wollte – sondern einzig und allein aus dem Grund, dass er ohne ihre Hilfe mit dem Baby nicht zurechtkam. Was für eine Ironie des Schicksals, dass er mit ihr Vater, Mutter, Kind spielen wollte, und in all den Jahren seine Karriere als Ausrede dafür verwendet hatte, keine eigenen Kinder haben zu wollen.

Sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste, denn es war ihm immer wieder mit süßen Versprechungen und kostspieligen Geschenken gelungen, sie dazu zu bewegen, sich weiterhin auf diese unglückliche Ehe einzulassen. Denn sie hatte gehofft, dass seine Gefühle sich nach und nach verändern würden.

Allerdings war das Ergebnis stets dasselbe gewesen – sie blieb mit gebrochenem Herzen auf der Strecke und musste ein weiteres Mal erkennen, dass ihre Auffassungen von Liebe sich sehr voneinander unterschieden. Ironischerweise wusste sie, dass Anthony sie durchaus liebte – nur eben auf seine eigene Art und nie so sehr wie den nächsten Kinofilm, an dem er gerade arbeitete.

Doch dass er heute gekommen war und sie um Hilfe bat, sagte eine Menge aus. Dieser Mann zeigte normalerweise nie eine Schwäche, war von nichts und niemandem abhängig und hatte sich ihr gegenüber niemals so weit geöffnet, als dass er über seine Gefühle gesprochen hatte. Wenn sie alleine waren und Anthony ausnahmsweise mal nicht an die Arbeit dachte, hatten sie Sex. Sie wusste nicht, warum es so lange gedauert hatte zu erkennen, dass sie etwas Besseres verdient hatte – obwohl sie sich törichterweise noch immer nach seiner Liebe sehnte.

„Ich bin der nächste Verwandte“, sagte er mit belegter Stimme. „Wir sind ihre einzige Familie, Charlie.“

So hatte er sie schon damals auf dem College genannt, doch im Laufe der Zeit war der Charme des Kosenamens ihrer Meinung nach verloren gegangen. „Moment mal. Was meinst du damit, wir sind ihre einzige Familie?“

„Rachel hat uns in ihrem Testament als Vormund bestimmt, falls ihr etwas zustoßen sollte. Die Kleine ist das Ergebnis einer Kinderwunschbehandlung mit einem anonymen Samenspender, also ist der Vater nicht auffindbar.“

Charlotte stützte sich auf dem Küchentresen ab. Ein Baby, ein Ehemann – davon hatte sie immer geträumt. Doch das war vor der Zeit gewesen, bevor sich die Regenbogenpresse über sie hergemacht, ihr Mann ihre Träume zerstört und ihre Hoffnungen zunichte gemacht hatte. Das war vor der Zeit gewesen, bevor sie schwanger geworden und eine Fehlgeburt erlitten hatte, während Anthony irgendwo einen Film gedreht und sie mit ihrem Schmerz allein gelassen hatte. Sie hatte ihm nie davon erzählt.

„Wir können dieses Kind nicht großziehen, Anthony.“ Sie nahm sich fest vor, stark zu bleiben, obwohl die Erfüllung ihrer Träume plötzlich zum Greifen nah zu sein schien. „Wir leben getrennt.“

„Daran erinnerst du mich jedes Mal, wenn ich anrufe“, murmelte er. „Sieh mal, ich habe genauso viel Angst wie du, aber wir haben keine Wahl. Rachel war meine einzige Schwester. Das verstehst du doch bestimmt.“

Oh, nein, er würde sie bestimmt nicht dadurch herumkriegen, indem er sie an ihre Zwillingsschwester erinnerte, die sie im Alter von zehn Jahren verloren hatte.

„Es geht nicht darum, dass ich es nicht verstehe. Du weißt, dass ich das tue. Aber einige Dinge sind eben nicht möglich, Anthony.“

Sie hatte keine Ahnung, was als Nächstes geschehen würde. Die ganze Angelegenheit kam ihr völlig surreal vor. Sie hatte den Abstand bitter nötig, um endlich ein normales Leben führen zu können und nicht ständig an den Schmerz erinnert zu werden, den sie zwangsläufig in Anthonys Gegenwart empfand. Und jetzt bat er sie darum, mit ihm weiterzuleben und gleichzeitig die Mutterrolle für ein unschuldiges Kind zu übernehmen. Vielleicht hätte sie mit ihren Kinderwünschen etwas vorsichtiger umgehen sollen.

Nervös strich sie sich durchs Haar. „Hast du gewusst, dass sie uns als Vormund vorgesehen hatte? Hat sie dich denn nicht gefragt? Du hast mir nie etwas gesagt.“

Anthony schüttelte den Kopf. „Ich habe es nicht gewusst. Vor ein paar Jahren hatten wir uns mal darüber unterhalten, dass wir uns gegenseitig als Vormund für unsere Kinder eintragen lassen wollten, aber danach hat Rachel nie wieder ein Wort darüber verloren. Und jetzt gehört Lily zu uns – zumindest wird sie das nach dem Gerichtstermin in neunzig Tagen.“

„Was soll ich deiner Meinung nach tun, Anthony?“, fragte Charlotte. „Du erwartest doch wohl hoffentlich nicht von mir, dass ich so mir nichts, dir nichts heile Familie mit dir spiele, oder? Das werde ich nämlich auf keinen Fall tun.“

„Wir haben keine Wahl“, widersprach er und sah zu Lily hinüber. „Im Testament steht, dass wir die Vormundschaft für sie übernehmen, und offiziell gelten wir immer noch als verheiratet. Und in neunzig Tagen wird das Gericht uns ganz offiziell als Vormund bestätigen. Gib mir einfach nur diese neunzig Tage – das ist alles, worum ich dich bitte. Lass nicht zu, dass man sie mir wieder wegnimmt. Nach der Frist können wir immer noch entscheiden, wie es weitergehen soll. Und wer weiß, vielleicht lösen wir bis dahin ja auch noch unsere Probleme.“

Charlotte mochte es nicht, wenn man versuchte, sie zu manipulieren – und erst recht hatte sie nicht vor, sich von dem Mann, der ihre Ehe auf dem Gewissen hatte, durch einen herzerweichenden Blick umstimmen zu lassen.

Wie sollte sie bloß drei Monate mit ihm und dem Herzschmerz aushalten, der unweigerlich auf diese Zeit folgen würde?

Am meisten wurmte sie, dass er jetzt so bereitwillig alles für seine neue Familie zu opfern bereit war. Damit meinte sie nicht nur Lily. In der jüngsten Vergangenheit verbrachte Anthony immer mehr Zeit mit seiner biologischen Mutter, der Hollywoodschauspielerin Olivia Dane. Vor nahezu vierzig Jahren hatte sie Anthony sowie zwei weitere ihrer Kinder zur Adoption freigegeben. Eines davon war Anthonys größter Konkurrent Bronson Dane.

Plötzlich war Anthony seine neue Familie wichtiger geworden als Charlotte, und jetzt versetzte er ihr noch einen weiteren Stich, indem er ihr weismachen wollte, dass sie selbst eine Familie sein konnten. Doch sie wusste es besser.

„Vergiss es, Anthony“, erwiderte sie. „Auf gar keinen Fall kann ich wieder mit dir zusammenleben. Ich war furchtbar unglücklich und muss endlich mein eigenes Leben führen – und zwar allein.“

Eigentlich hatte sie gar nicht so offen zu ihm sein wollen, doch nachdem sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hatte, war sie froh, es getan zu haben. Er musste wissen, was er ihr angetan und wie er durch seine Selbstbezogenheit kontinuierlich ihre Ehe zerstört hatte. Allerdings wusste sie, dass sie mit ihren Worten nichts daran änderte. Außerdem musste sie gewaltig auf ihr Herz achtgeben, denn die erotische Anziehungskraft zwischen ihnen beiden war nach wie vor überwältigend stark.

„Ich weiß, dass du verletzt bist, und ich will es auf keinen Fall schlimmer für dich machen, aber Lily braucht eine Frau in ihrem Leben“, bat er. „Ich brauche meine Frau. Ich habe bereits unsere Innenarchitektin Hannah damit beauftragt, eines der Gästezimmer in ein Kinderzimmer umzuwandeln. Sie müsste bald damit fertig sein.“

Seufzend sah Charlotte zu dem entzückenden Bündel auf dem Sessel, das keine Ahnung hatte, in welchem Umbruch sich sein Leben gerade befand. Obwohl Charlotte sich immer noch sehr verletzlich fühlte, wollte sie alles tun, um das Wohl dieses unschuldigen Kindes zu gewährleisten. Sicherheit für Lily war jetzt wichtiger als alles andere – sogar wichtiger als ihre widersprüchlichen Gefühle für Anthony.

„In Ordnung. Neunzig Tage.“ Entschlossen sah sie ihrem Ehemann in die grauen Augen – dieselben Augen, in die sie sich einst unsterblich verliebt hatte. Sie würde erst mit ihrem Anwalt sprechen, wenn der Gerichtstermin für die Vormundschaft überstanden und die Adoption in trockenen Tüchern war. „Lily geht vor. Aber denke bloß nicht, dass ich wieder im Schlafzimmer übernachte. Ich nehme den Raum neben ihrem Kinderzimmer.“

„Du hast dich also endgültig entschieden?“, fragte Anthony verstimmt. „Warum lässt du mich dir nicht beweisen, dass ich der Ehemann sein kann, den du dir immer gewünscht hast?“

„Dafür hattest du neun Jahre lang Zeit. Deine Einsicht kommt für mich etwas zu spät.“ Charlotte verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich mache das nur für Lily und nicht für dich.“

Anthony betrachtete seine wütende Frau. Sie würde es ihm nicht leicht machen, aber er hatte auch nichts anderes verdient. All die Jahre hatte sie zu ihm gestanden, auch dann, als er ihre Bedürfnisse einfach ignoriert hatte. Mein Gott, wie attraktiv sie war …

Immerhin war es schon ein kleiner Zwischensieg, dass sie bereit war, wieder zu ihm zu ziehen. Und schon bald, dessen war er sicher, würde sie auch wieder ins eheliche Schlafzimmer zurückkehren – sie gehörte einfach dorthin. Trotz all des Schmerzes und dem Gefühl der Entfremdung zwischen ihnen war es eine unwiderlegbare Tatsache, dass Charlottes Lächeln seine Leidenschaft immer noch zum Entflammen brachte.

Zu schade, dass Sex allein nicht genügte, um Eheprobleme zu lösen. Vom ersten Tag an, an dem sie sich auf einer Collegeparty begegnet waren, hatten sie die Hände nicht voneinander lassen können. Es hatte etliche Jahre gedauert, bis sie endlich geheiratet hatten, aber ihr Begehren war nie abgeebbt. Vor einem Monat war er hierhergekommen, um mit Charlotte zu sprechen, allerdings war es vor lauter Sex zu keinem Gespräch gekommen.

Ihm war klar, dass es allein seine Schuld gewesen war, dass sie sich auseinandergelebt hatten. Als seine Frau von zu Hause ausgezogen war, hatte ihn das endlich wachgerüttelt. Er befürchtete, dass sie sich mit ihrem Anwalt in Verbindung setzen würde, aber sicher wusste er es nicht. Ihm blieb allein die Hoffnung, sie davon überzeugen zu können, dass er der Mann sein konnte, der er sein musste, damit sie blieb, wohin sie gehörte – an seine Seite.

„Das versteh ich“, sagte er. „Aber ich höre trotzdem nicht auf, um dich und unsere Familie zu kämpfen.“ Als er Charlottes trauriges Lächeln sah, wurde er selbst ganz niedergeschlagen.

„Das ändert nichts, Anthony. Im Gegenteil, ich bin trauriger als je zuvor, wenn ich jetzt sehe, wie du dich für dieses Kind einsetzt – und dabei habe ich mir immer ein Baby mit dir gewünscht. Ich sage es also noch einmal: Ich bleibe für Lily und nicht für dich.“

Er hoffte inständig, sie in den kommenden neunzig Tagen dazu bringen zu können, ihre Meinung zu ändern. „Gib mir eine Chance, Charlie. Ich brauche dich, und Lily hat gerade ihre Mutter verloren.“ Dabei versuchte er, nicht an den Schmerz zu denken, den der Tod seiner Schwester in ihm wachgerufen hatte. Das konnte er sich in dieser Situation nicht leisten, da Lily ihn brauchte – und er würde alles tun, um für sie da zu sein. Später könnte er in Ruhe um seine Schwester trauern – wenn es ihm gelungen war, seine Familie wieder zu vereinen.

Lily war zwar völlig überraschend in sein Leben geplatzt, aber sie bedeutete auch eine große Chance. Sie erschien ihm wie ein Silberstreif am Horizont. Um ein Haar hätte er aufgrund seiner Selbstsucht Charlotte verloren, und jetzt konnte er sie womöglich wieder zurückgewinnen. Lieber Himmel. Der Umgang mit Babys gehörte nicht unbedingt zu seinen Stärken – um ehrlich zu sein, er hatte sogar ein wenig Angst vor ihnen.

„Ich kann ihre Mutter nicht ersetzen“, entgegnete Charlotte traurig. „Das kann keiner.“

„Ich bitte dich ja nicht, sie zu ersetzen“, erwiderte er, trat einen Schritt auf sie zu und nahm ihre Hand. „Ich bitte dich, sie zu lieben und auf sie achtzugeben. Und ich bitte dich, uns beiden womöglich noch eine Chance zu geben. Ich wollte dich nie verlieren, Charlotte. Niemals.“

Eine Träne glitzerte an ihren Wimpern. „Ich ziehe nur unter gewissen Bedingungen bei dir ein“, erklärte sie bestimmt.

Bedingungen, mit denen er leben und die er notfalls umgehen konnte – um seine Frau dorthin zu bekommen, wohin er sie wollte. In sein Bett, ihr gemeinsames Bett und in sein Leben. Und zwar für immer. „Und die lauten?“

Sie trat einen Schritt zurück und entzog ihm die Hand. „Ich schlafe nicht mit dir. Niemals mehr.“

Das sollte kein Problem darstellen, denn er wusste nur zu gut, wie er sie verführen konnte – wo er sie berühren und was er sagen musste. Doch das verschwieg er wohlweislich und ließ sie in dem Glauben, wie es sich für einen guten Ehemann gehörte, dass sie es war, die die Fäden in der Hand hielt.

„Okay. Und was noch?“

„Wir leben nur so lange zusammen, bis wir uns über das Sorgerecht geeinigt haben. Sobald die neunzig Tage um sind und die Gerichtsverhandlung gelaufen ist, arbeiten unsere Anwälte einen vernünftigen Vertrag aus.“

Sie hatte also bereits mit ihrem Anwalt gesprochen. Na, auch egal. Drei Monate waren mehr als ausreichend, um sie wieder zurückzuerobern. „In Ordnung.“

„Und denk dran – es ändert sich nichts zwischen uns, auch, wenn wir wieder zusammenwohnen. Ich mache das einzig und allein für Lily. Ist das klar?“

Bewundernd betrachtete er ihren sexy Körper und stellte sich vor, wie sie sich nackt an ihn schmiegte. „Völlig klar“, erwiderte er vergnügt.

2. KAPITEL

„Willkommen zu Hause, Ms Price“, begrüßte sie Monique, die bereits seit fünf Jahren für sie als Haushälterin arbeitete.

Unwillkürlich zuckte Charlotte zusammen, bevor sie lächelte. „Im Grunde bin ich eigentlich gar nicht wieder zurück, aber trotzdem danke.“

Monique nickte ihr lächelnd zu und vertiefte sich wieder ins Staubwischen. Hier hatte Charlotte zahlreiche Partys für die schwer arbeitenden Angestellten des Children’s Hospital gegeben – normalerweise immer dann, wenn Anthony nicht in der Stadt gewesen war. Durch ihre Arbeit für das Krankenhaus hatte Charlotte eine große Leere in ihrem eigenen Leben und Herzen auszufüllen vermocht.

Zu Beginn von Anthonys Karriere war sie so stolz auf seine Arbeit und sein Talent gewesen, dass sie an jeder Premiere und Preisverleihung teilgenommen hatte. Doch dann hatte er begonnen, an nichts anderes mehr zu denken, sodass Charlotte beinahe unsichtbar für ihn geworden war. Als sie resigniert festgestellt hatte, dass ihre eigenen Träume wohl niemals wahr werden würden, hatte sie ein Leben hinter den Kulissen begonnen und sich ehrenamtlich für das Children’s Hospital eingesetzt.

Sie zog die schlafende Lily fester an ihre Brust, während sie nur zögerlich durch die Räume ging, in denen so viele Erinnerungen geweckt wurden – sowohl gute als auch schlechte. Die vergangenen Jahre schienen sich vor ihrem inneren Auge wie ein Kinofilm abzuspulen.

Hastig richtete sie die Aufmerksamkeit wieder auf das schlafende Baby in ihren Armen, während sie weiterging. Ein Zuhause durfte dieser Ort für sie niemals wieder sein, wenn sie wirklich eines Tages ohne Anthony glücklich werden wollte. Sie würde die nächsten drei Monate nicht überstehen, wenn sie sich nicht ständig wieder in Erinnerung rief, dass dieses Arrangement nur auf Zeit bestand. Dabei ahnte sie, dass Anthony sich erhoffte, auf diese Weise ihre Ehe retten zu können, aber sie bezweifelte, dass er jemals dazu in der Lage sein würde, den Anforderungen zu genügen, die sie an einen guten Ehemann nun einmal stellte. Das war ihm früher nicht gelungen, wieso sollte es jetzt plötzlich anders sein?

Sie seufzte, während sie das offene Foyer, die Wendeltreppe und die Marmorsäulen betrachtete, welche den schönen Empfangsbereich vom Wohnzimmer räumlich trennten. Heute Morgen noch hatte sie die Wohnung ihrer besten Freundin gesittet und darüber nachgedacht, wie sie mit den Folgen ihres gebrochenen Herzens fertig werden sollte. Doch jetzt war sie wieder hier, und der Schmerz war noch schlimmer als zuvor.

„Ich habe deine Sachen in das Zimmer mit Blick auf den Pool bringen lassen, so, wie du es gewollt hast“, sagte Anthony und ging vor ihr die Treppe hinauf, die Charlotte schon immer sehr geliebt hatte. Unter der hohen Decke des offenen Foyers befand sich ein kunstvoll gefertigter Kronleuchter, dessen Kristalle das Licht brachen, sodass es in allen Farben auf dem Marmorfußboden in der Mitte des Treppenaufganges zu sehen war.

„Ich finde es erstaunlich, dass du mich ohne großes Herumgestreite allein schlafen lässt“, sagte sie, als sie oben angekommen waren.

Er umfasste ihren Ellenbogen und drehte sie zu sich herum, sodass sie ihn ansehen musste. Sein Blick zog sie sofort in einen magischen Bann, und sie hatte das Gefühl, ihr Herzschlag setzte einen Moment lang aus. „Ich respektiere deine Wünsche. Aber ich warne dich. Ich versuche trotzdem, dich wieder zurückzugewinnen. Ich gebe niemals auf.“

Plötzlich fürchtete sie sich vor ihrer gemeinsamen Zeit. Wie sollte sie bloß dieser überwältigenden Anziehungskraft widerstehen? Das war ihr noch nie gelungen, und es war bereits einen Monat her, dass sie ihn das letzte Mal berührt hatte – und so lange hatten sie in ihrer Ehe fast nie auf Sex verzichten müssen.

Wenn sie allerdings wünschte, dass Lily in ihrem Leben einen zuverlässigen Halt fand, dann musste sie jetzt besonders stark sein. Halt hätte sie auch dringend nötig, doch zuerst kam das Baby, das ihr hoffentlich dabei half, der verführerischen Ausstrahlung von Anthony widerstehen zu können.

Sie schüttelte seine Hand ab und ging zielstrebig durch den Korridor in den Raum, den die Innenarchitektin kurzerhand in ein Kinderzimmer umgewandelt hatte. Die Wände waren rosafarben gestrichen, und die weißen Möbel und Schlaufenschals an den Fenstern verliehen dem Zimmer ein behagliches Ambiente. Für ihr eigenes Kind hätte sie den Raum genauso eingerichtet. Die Größe war einfach perfekt, und die Wiege stand nahe beim Fenster, sodass das Kind jeden Morgen vom Sonnenschein begrüßt werden würde.

Jetzt war es ein Jahr her, dass sie ihre Fehlgeburt gehabt hatte, und mit Lily in ihren Armen stiegen die schmerzhaften Erinnerungen wieder auf. Sie spürte die Tränen in ihren Augen, als sie Lily betrachtete und ihr schlagartig bewusst wurde, dass Rachel niemals die ersten Schritte ihrer Tochter, den Tag ihres Schulabschlusses oder ihrer Hochzeit erleben würde. Charlotte hatte sich all das für ihr eigenes Kind gewünscht, das sie verloren hatte. Doch aus irgendeinem Grund hatte das Schicksal sie und Lily zusammengebracht.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Anthony trat hinter sie und legte eine Hand auf ihren Rücken. Es wäre so leicht, sich einfach an ihn zu lehnen, aber wohin würde das führen? „Es ist einfach eine Menge auf einmal“, erwiderte sie leise. „Wieder hier zu sein, Rachels Tod, Lily.“

„Ich weiß“, entgegnete er traurig, wie sie erstaunt feststellte. In neun Jahren Ehe hatte er nie ein Gefühl preisgegeben. Zwar hatte er seiner Liebe zu ihr Ausdruck verliehen, aber ansonsten hatte er sich nie geöffnet oder auch nur eine verwundbare Seite gezeigt – dazu war Anthony Price nämlich viel zu stolz. Niemand – auch nicht seine Frau –, sollte denken, dass er nicht immer perfekt war.

Zum Beispiel vor gut einem Jahr. Da hatte seine Welt völlig Kopf gestanden, als er erfahren hatte, dass er adoptiert war. Aus heiterem Himmel hatte er eine neue Familie dazubekommen, und trotzdem hatte er Charlotte kaum mitgeteilt, was in ihm vorging. Einmal mehr hatte er sie einfach außen vor gelassen, weil ihm andere Dinge wichtiger gewesen waren.

Dann war seine Schwester gestorben. Allerdings war jetzt wohl nicht der geeignete Zeitpunkt, all die Gründe aufzuzählen, warum ihre Ehe so ein Reinfall gewesen war.

„Es tut mir leid wegen Rachel.“ Sie wandte sich um und sah in seine tränenverschleierten Augen. „Es tut mir auch leid, dass ich nicht auf der Beerdigung gewesen bin, aber ich … konnte es einfach nicht.“

Anthony nickte. „Ich verstehe schon. Es ist viel wichtiger, dass du jetzt hier bist. Für Lily.“

Für Lily?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Erfülle meinen Traum von Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen