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Erfolgsfaktor Selbstkompetenz für Young Professionals

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Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft · Steuern · Recht GmbH, Stuttgart

1   WORUM: Worum geht es eigentlich? – eine Einführung

Das Leben eines Menschen kann man sich selten als eine gerade Linie vorstellen, die nach oben oder nach unten verläuft. Wenn wir die von mir gezeichnete Linie in Abb. 1 (im wahrsten Sinne des Wortes) unter die Lupe nehmen, werden wir sehen, dass sie aus kleinen Punkten oder Strichen zusammengesetzt ist. Ähnlich ist es auch mit unserem Leben, das aus vielen kleinen Fragmenten – den Lebensabschnitten – besteht. Diese Lebensabschnitte können für uns manchmal bedeutungslos sein. Wer von uns kann sich daran erinnern, wann er ein erstes Mal geniest, die erste Telefonrechnung bekommen hat oder Ähnliches. Diese Momente sind für uns bedeutungslos, weil sie uns weder unsere Energie rauben, noch uns welche geben. Anderweitige Ereignisse bringen uns auf andere Stufen der Entwicklung: Wir fangen an zur Schule zu gehen. Wir sind damit fertig und gehen Studieren oder lassen uns ausbilden. Die „besten Zeiten“ sind vorbei: Wir kriegen einen Job und gehen arbeiten. Es bleibt weiterhin nicht statisch: Wir werden befördert und werden zum Chef – oder verlieren den Job. Oder wir wechseln diesen und erleben Neues. Irgendwann kommt der nächste Abschnitt, und wir gehen in Rente. Bei manchen läuft dieser Prozess evolutionär, selbstlaufend ohne Ebbe und Flut, so wie in Abb. 2a dargestellt. Bei anderen gestaltet er sich jedoch revolutionär (Abb. 2b). Egal, wie es passiert, die Veränderungen können bei uns Spuren hinterlassen. Dieser Wandel im Leben kann schmerzhaft oder ohne Wimpernzucken geschehen, der Übergang kann ewig dauern oder in einem klitzekleinen Moment passieren. Außerdem brauchen solche Veränderungen gewisse Energien, um in die von uns gewünschte Richtung laufen zu können.[2]

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Abb. 1: Das Leben eines Menschen

In diesem Buch geht es darum, wie wir solche Veränderungen erfolgreich gestalten können, immer unter der Voraussetzung, dass das Leben selbst eine Veränderungsreihe ist. Worum es hier eigentlich[3] gehen soll, ist, dass wir aus unseren vielen Lebensabschnitten einen heraussuchen und als Beispiel nehmen. Ich schlage vor, dass wir uns mit dem Übergang vom Studium oder der Ausbildung zum Beruf auseinandersetzen. Alternativ mit dem Übergang von einem Job zu einem anderen. In meinem Buch „Lernen lernen in Studium und Weiterbildung“ (Bazhin 2017) befasste ich mich auch mit einer Veränderung, mit einem Übergang, nämlich mit dem von der Schule zur Hochschule. Wenn dieser Übergang mehr von Methodenkompetenz (über Schlüsselkompetenzen werden wir noch ausführlich sprechen) gekennzeichnet ist, sind die Selbstkompetenzen das Alfa und Omega des Übergangs vom Studium/Ausbildung zum Beruf, oder des Wechselns von einem Job zu einem anderen.

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Abb. 2a: Evolutionäre Entwicklung des Lebens

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Abb. 2b: Revolutionäre Entwicklung des Lebens

Mit diesem Buch möchte ich bei meinen Leserinnen und Lesern den reflexiven Prozess anstoßen. Eine Reflexion über mich als Person und über mich als Mensch, der ich gerade vor gewissen Veränderungen stehe, mit denen ich mich – wohl oder wehe – auseinandersetzen muss.

Worum es hier nicht geht? Hier geht es nicht um die Bewältigung eines Bewerbungsprozesses, auch nicht um die Stellensuche. Dafür gibt es auf dem Markt genug gute Literatur. Es geht hier auch nicht um die Ratschläge, die man gewöhnlich in dieser Lebensphase bekommt. Dies ist schließlich kein Ratgeberbuch. Man kann sowieso einem jeden individuellen Menschen keine pauschalisierten Ratschläge verpassen. Dem Einen werden sie vielleicht helfen, dem Anderen womöglich auch nicht. Wir machen das Ganze auf eine andere Art und Weise. Wir versuchen, gemeinsam in das Thema einzutauchen, und wir begeben uns auf die Reise, die mit Veränderungen zu tun hat. Ich will niemanden belehren, sondern ich möchte während unseres Gespräches mithilfe von Reflexion, Beispielen und Übungen meinen geschätzten Leserinnen und Lesern eine Möglichkeit geben, selbst[4] das Thema zu überdenken, zu verspüren, zu erleben, zu analysieren und sich schließlich auf die Veränderungen vorzubereiten.

In diesem Buch geht es auch nicht profund um die Theorie des Veränderungsprozesses. Mit der Theorie dessen befassen sich leidenschaftlich Philosophen, Soziologen und andere Gelehrte. Ich will hier die Veränderungen als energetischen Treibstoff betrachten und ganz pragmatisch für das Thema des Buches nutzen. Wenn du etwas im Allgemeinen über Veränderungsprozesse wissen möchtest, musst du zu entsprechender Literatur greifen.

Bevor wir bei der Frage „Warum brauchen wir dieses Buch?“ landen, will ich zwei Anmerkungen machen: Ich bevorzuge eine induktive Vorgehensweise, ich gehe also vom Besonderen zum Allgemeinen. So ist es mir auch mit diesem Buch ergangen: Zuerst mal konzipierte ich die Veranstaltungen zu diesem Thema, die ich erfolgreich durchführte. Danach kam die Idee, die Inhalte der Kurse aufs Papier zu bringen und in Form eines Buches zu veröffentlichen. Also, zuerst war die zwischenmenschliche, persönliche Kommunikation während der Veranstaltung, und jetzt kommuniziere ich die Inhalte schriftlich für die Allgemeinheit. Um weiter auf der persönlichen Ebene zu bleiben, schlage ich vor, die Du-Form zu benutzen. So wird die schriftliche Kommunikation erleichtert und ich bleibe mit euch, liebe Leserinnen und Leser, weiter im quasi-persönlichen Kontakt. Ach ja, des Weiteren muss ich noch anmerken, dass aufgrund der Sprachökonomie im Folgenden auf die weibliche Form bei Personenbezeichnungen verzichtet wird.[5]

Und vielleicht noch eine allerletzte einführende Anmerkung – versprochen: Ich werde in diesem Buch viele Beispiele verwenden. Beispiele, die sich auf Personen im öffentlichen Mainstream beziehen, seien es Schauspieler, Sänger, Modedesigner, Politiker usw., sind sehr wertvoll, da dies Personen sind, von denen wir jeden Tag Informationen durch TV und Presse erhalten. Hauptsächlich werde ich allerdings Beispiele aus der Politik aussuchen, weil wir nämlich in diesem Buch viel über Persönlichkeitsmerkmale sprechen werden, und diese sind bei Schauspielern und Sängern oft verdeckt, da sie halt – Schauspieler sind. Den Politikern fällt es manchmal schwerer, uns „Verbraucher“ mit der Schauspielerei zu bezaubern, daher sind Akteure der politischen Szene einfacher zu durchschauen. Zudem werde ich Beispiele aus der Literatur geben, da die Schlüsselfiguren der von mir als Beispiele ausgesuchten Werke ganz gut beschrieben sind. Wenn mir kein Beispiel aus der Literatur oder Politik einfällt, nenne ich dir eines aus meiner persönlichen Erfahrung.[6]

So, jetzt aber Schluss mit den einführenden Worten! Wir kommen zur Sache…

2   WARUM: Warum brauche ich das Buch?

Ich liebe Veränderungen! Und ich weiß warum: Sie bringen mir Abwechslung und Freude, sie beliefern mich mit guter Stimmung und Spannung, sie bespaßen und beglücken mich, sie beschenken mich mit neuen Entdeckungen und Lernereignissen, sie bringen mich zum neuen Zustand meines Daseins. Ich suche selbst die Veränderungen, da ich die oben beschriebenen Eigenschaften bzw. Zustände brauche, um mich lebendig zu fühlen. Ich bin aber ich. Ich weiß genau, was für eine Person ich bin, welche Persönlichkeitsmerkmale ich habe, was für ein Lebenstyp ich bin. Ich verstehe ganz gut, dass andere Menschen, diese Eigenschaften bzw. Zustände nicht brauchen, weil sie andere Persönlichkeiten sind. Daher ist es enorm wichtig, bevor man sich mit den Veränderungen auseinandersetzt, zu verstehen, wer man denn selbst eigentlich ist, wonach man denn überhaupt strebt…

Du kannst dieses Buch als ein Instrument betrachten, als ein Werkzeug, das dir eine Unterstützung oder gar eine Hilfe leistet, um zu verstehen, wer du bist, und wonach du strebst. Wenn du keine Unterstützung dabei brauchst, kann das Buch für dich trotzdem von Interesse sein, um zu erfahren, was man anders tun kann, welche Alternativen es zu diesem oder jenem Thema gibt sowie um andere Menschen besser zu verstehen.[7]

Ich arbeite sehr gerne mit Fragen. Fragen verhelfen uns, allgemeine Unklarheiten zu beleuchten, in ein spezifisches Thema tief einzudringen, Einzelheiten zusammenzubringen usw. Auch bei unseren Themen möchte ich gerne mit dir mithilfe von Fragen arbeiten. Du brauchst dieses Buch, um für dich Antworten auf folgende vier „W“- Fragen zu finden: WAS, WER, WORÜBER und WONACH. Warum diese Fragen wichtig sind, werden wir bald erfahren. Manchmal zielen diese Fragen auf mich als Person – WIE oder auf ein Objekt oder ein Subjekt – WER oder WORÜBER, manchmal deuten sie auf Prozesse, wie zum Beispiel WONACH. Egal, was diese Fragen semantisch-linguistisch beschreiben, für uns ist es wichtig, wie diese Fragen zu uns, in unserem thematischen Kontext stehen, wie sie uns helfen, mit dem Thema „Veränderungen“ in Bezug auf den Übergang vom Studium oder der Ausbildung zum Beruf umzugehen.

Die Frage „WER“ wird bald behandelt mit dem Ziel, zu verstehen, wer ich bin. In diesem Kapitel möchte ich abschließend die WER-Frage einsetzen: „WER profitiert von dem Buch?“ und sie präzise beantworten. Also, du profitierst von dem Buch vor allem, wenn du:

  • ein Student oder ein Doktorand oder Auszubildender am Ende des Studiums oder der Promotion oder einer Ausbildung bist;

  • ein Berufstätiger bist, der auf der Suche nach einem neuen, interessanten, attraktiven, anspruchsvollen … (die Liste kannst du selbst weiterführen) Job ist;[8]

Das Buch wird für dich auch von Interesse sein, wenn du:

  • ein Berufstätiger bist, der vor der Rente steht, und dich auf diese Veränderung vorbereiten willst;

  • ein Student, ein Berufstätiger oder Rentner bist, der sich im Allgemeinen für die Veränderungsprozesse in Bezug auf die Persönlichkeit interessiert.

Und für alle Leser, die lernen, denken und reflektieren wollen sowie diejenigen, die Antworten auf obengenannte Fragen suchen.

Ich wünsche euch dabei viel Spaß!

 

Euer Alexander

 

P.S: An dieser Stelle möchte ich dich „vorwarnen“: Ich schlage dir in diesem Buch eine Menge an Übungen vor. Meistens sind diese reflexiver Natur. Reflexive Aufgaben bedürfen schriftlicher Festlegung der Ergebnisse. Deswegen nimm dir bitte Zeit für die vorgeschlagenen Übungen/Aufgaben und fixiere deine Antworten, Überlegungen und Fragen schriftlich. Wenn du meine persönliche Meinung, die aus dem Buch nicht ersichtlich ist, dazu brauchst, nimm einfach Kontakt mit mir auf und schreibe mir eine E-Mail:

Alexander.bazhin@a-s-k.org

3   WAS: Was sind die Schlüsselkompetenzen?

Es wird viel über die sogenannten Softskills geredet. Eine deutsche Bezeichnung dafür (nicht aber die Übersetzung) heißt „Schlüsselkompetenzen“. Manchmal wird auch das Wort „Schlüsselqualifikationen“ verwendet. Spürst du den Unterschied zwischen diesen zwei Begriffen? Eine Qualifikation braucht per Definition eine Qualifizierung. Das heißt, wir qualifizieren uns als Schullehrer, wenn wir ein Staatsexamen ablegen. Wir qualifizieren uns als Mediziner durch die Approbation. Wir qualifizieren uns als Vermögensberater zum Beispiel durch die Industrie- und Handelskammer (IHK) und so weiter. Und als Anerkennung unserer Qualifikation bekommen wir ein Diplom, ein Zertifikat oder Ähnliches, also etwas, das wir einrahmen und stolz zur allgemeinen Bewunderung an die Wand hängen können. Kompetenzen können wir leider nicht einrahmen und auch nicht immer zertifizieren lassen, weil wir sie sehr schlecht beurteilen oder gar benoten können. Kompetenzen sind sehr subjektbezogen und gehen mit der persönlichen Entwicklung einher, sodass sie uns zu einer breiteren Palette an Handlungsmöglichkeiten führen. Warum brauchen wir denn Kompetenzen überhaupt? Die Antwort ist einfach: Wir benötigen diese, um uns den Anforderungen einer sich ständig ändernden Umwelt anzupassen. Ich kann weiter gehen und annehmen, dass die Einwerbung solcher Kompetenzen sogar einen evolutionären Vorteil haben soll. Ob die letzte Aussage in der Tat einen Fakt oder meine Spinnerei darstellt, ist ungewiss. In der Zeit von Charles Darwin, dem Vater der Evolutionstheorie, war noch keine Rede von Softskills.[9]

Diese evolutionär lebensrelevanten Kompetenzen, die wir mit der Lebenszeit erwerben, lassen sich im Laufe unseres Lebens ändern und entwickeln sich mit dem Alter weiter oder manchmal auch zurück. Sie sind für unser Leben schlüssig, und genau deswegen heißen sie Schlüsselkompetenzen. Der Terminus Schlüsselkompetenz ist heutzutage in aller Munde und geht mit dem Begriff des lebenslangen Lernens[10] einher. Helen Orth (Orth 1999) definiert den Begriff folgendermaßen: „Schlüsselkompetenzen sind erwerbbare allgemeine (nicht fachspezifische) Fähigkeiten, Einstellungen und Wissenselemente, die bei der Lösung von Problemen und beim Erwerb neuer Kompetenzen von Nutzen sind, so dass eine Handlungsfähigkeit entsteht, individuellen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden“. Es sei hier angemerkt, dass zwar unsere Persönlichkeit nur sehr begrenzt veränderbar ist, die Qualifikationen hingegen, die wir erlernen können, stark veränderbar sind. Interessanterweise, wenn du nach dem Begriff „Schlüsselkompetenzen“ bei den Bildern googelst, landest du bei unzähligen Abbildungen, die einen Schlüssel darstellen und sehr malerisch in der Verbindung mit einem Schlüsselloch stehen, hinter dem unser Erfolg sich verbirgt. Daher sagt man, Schlüsselkompetenzen seien der Schlüssel zum Erfolg. Ich würde diesen Begriff nicht so floskelhaft verwenden, sondern sagen, dass Schlüsselkompetenzen eine Brücke zwischen unserer Persönlichkeit und erworbenen Qualifikationen bauen (Bazhin 2017).

Man unterscheidet im Allgemeinen vier Klassen von Schlüsselkompetenzen:

  1. Selbstkompetenzen: die die Haltung zur Welt, zur Arbeit und zur eigenen Person beinhalten.

  2. Methodenkompetenzen: das Auf- und Ausbauen der Fähigkeiten, um adäquate Problemlösungsstrategien zu entwickeln, auszuwählen und anzuwenden.

  3. Sozialkompetenzen: Fähigkeiten, Informationen auszutauschen, zu kommunizieren sowie soziale Beziehungen aufzubauen, zu gestalten und diese zu pflegen.[11]

  4. Sachkompetenzen: stellen bereichsübergreifend einsetzbare Kenntnisse und Fertigkeiten dar.

Diese Struktur ist keine rigide Klassifikation. Vor allem Selbstkompetenzen, wovon in diesem Buch die Rede ist, können auch bei den anderen Kompetenztypen gefunden werden. Im Großen und Ganzen beinhalten Selbstkompetenzen folgende Fähigkeiten: Selbstständigkeit und Zuverlässigkeit, Durchsetzungsvermögen und Ausdauer, Zuverlässigkeit und Verantwortlichkeit, analytisches, logisches und abstraktes Denken und Lernen, Kritik- und Urteilsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Kreativität sowie Problemlösefähigkeit. Du siehst aus den ersten Beispielen, dass Selbstkompetenzen etwas mit Werten zu tun haben. Und wenn es so ist, dann stimmt meine Annahme, dass die Schlüsselkompetenzen sich während der Evolution entwickelten, da es in dem Fall Charles Darwin eindeutig bewies, dass unsere Werte Produkte der Evolution sind (Darwin 2002).

Die angesprochenen Selbstkompetenzen können auf- und ausgebaut werden. Daher ist mein Appell an euch, liebe Leserinnen und Leser: Besucht Veranstaltungen, die Schlüsselkompetenzen wie unter anderem die Selbstkompetenzen fördern!

Mit diesem Buch möchte ich die Selbstkompetenzen fördern, die dazu befähigen, Antworten auf die folgenden Fragen zu bekommen: „Wer bin ich?“, „Worüber verfüge ich?“ und „Wonach strebe ich?“. Ich möchte dir ein Konzept des beruflichen Erfolgs, das auf einigen Selbstkompetenzen aufgebaut ist, kredenzen (Abb. 3). Ein Konzept, das dir gleichzeitig eine breite Palette an „Instrumenten“ anbietet, die es dir ermöglichen, deinem beruflichen Erfolg näher zu kommen. Das Konzept könnte dir ein wenig philosophisch erscheinen, ist aber nicht so in diesem Buch beabsichtigt. Ich möchte die oben formulierten Fragen auf ein ganz konkretes Thema transponieren: nämlich auf die Veränderungen und zwar nicht auf die allgemeinen, sondern in Bezug auf den Beruf oder manchmal auf die Berufung. Bei der thematischen Fokussierung sprechen wir im Großen und Ganzen darüber, wie wir die Veränderungen gestalten können – durch die Anerkennung unserer Persönlichkeit und die realistische Abschätzung der Fähigkeiten, durch die Zielsetzung und den effizienten Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen. Schlüsselkompetenzen beinhalten die Motivation, das Selbstvertrauen und den gesunden Umgang mit Stress. Schließlich umfassen sie die Fähigkeit, Hindernisse auf unserem Lebensweg zu überwinden, und die Reflexion über die Veränderungen, um erfolgreich durchs (Berufs-)Leben weiterzugehen.[12]

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Abb. 3: Selbstkompetenzkonzept zum beruflichen Erfolg

4   WER: Wer bin ich?

4.1   Persönlichkeit

„Erkenne dich selbst!“

Altgriechische Weisheit

4.1.1   „Mensch“ und „Ich“

Mit der Frage: „Wer bin ich?“ beschäftigen sich nicht nur „normale“ Menschen wie du und ich, sondern dies taten auch die bekanntesten Gelehrten. Apropos Menschen: Die zwei Begriffe „Mensch“ und „Ich“ lassen sich nicht trennen, somit lautet die einfachste Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ – „Ein Mensch“. So einfach ist es aber leider nicht, die Frage ist nicht eindeutig und bezieht sich auf unterschiedliche Sphären unseres Daseins als Menschen. Der berühmte französische Philosoph René Descartes meinte, dass wir Menschen geistige Geschöpfe seien und unseren Körper als physische Bekleidung unseres Geists nutzen. Als Merkmal unseres Daseins betrachtet Descartes unser Denkvermögen und formulierte seinen wohl bekanntesten Spruch: „Cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ (Descartes 2016). Also ist das „Ich“ das Subjekt unserer Gedanken.[13]

Die Frage „Wer bin ich?“ oben war eher im philosophischen Sinne gemeint. Aus der biologischen Betrachtung können wir diese Frage viel leichter beantworten. Als biologisches Wesen sind wir Menschen ein biochemisches Konstrukt, das aus Molekülen besteht, die auf gewisse Art und Weise miteinander interagieren. Wenn wir jetzt die beiden Betrachtungsweisen – philosophische und biologische – bündeln, bekommen wir eine Definition des Menschen als biologisches Wesen, das geistige Fähigkeiten besitzt.

Es fehlt mir hier aber etwas… Ich brauche noch eine wichtige Eigenschaft des Menschen – die Vorstellung von sich selbst, also die Fähigkeit der Selbsterfahrung. Weswegen der deutsche Philosoph Albert Newen den Menschen als „biologische[s] Wesen mit geistigen Fähigkeiten, die auf natürlichen Eigenschaften beruhen: Ich-Gefühl und Selbstbild erwachsen aus der Abgrenzung der eigenen Person von der Außenwelt und ihrer Spiegelung im anderen[14]“ (Newen 2011) definiert. Und das Letzte – Ich-Gefühl und Selbstbild – kommt aus der psychologischen Betrachtungsweise der Frage „Wer bin ich?“.

Wenn wir dem Begriff „Mensch“ folgen, ist es einerseits nicht zu bestreiten, dass Menschen einige Gemeinsamkeiten aufweisen, andererseits ist jeder Mensch ein Persönlichkeitsunikat, das ihn von den anderen Personen unterscheidet und ihn zum Individuum macht. Im Allgemeinen kristallisieren sich deine Persönlichkeitsmerkmale daraus, wie du als Person wahrnimmst, wie du fühlst, wie du denkst und wie du dich verhältst. Diese allgemeinen Eigenarten jedes Menschen subsummiert der Begriff Persönlichkeit. Psychologen unterscheiden den Begriff „Persönlichkeit“ vom sogenannten „Selbstkonzept“. Selbstkonzept beschreibt eine Vorstellung eines Menschen von sich selbst. Diese Vorstellung muss nicht unbedingt der wahren Persönlichkeit entsprechen.

4.1.2   Ich als Persönlichkeit

Über Persönlichkeit zu sprechen oder zu schreiben ist manchmal gefährlich. Da der Übergang von einer ausgeprägten Persönlichkeitsstruktur zu einer Persönlichkeitsstörung fließend ist. Vor allem können wir über uns selbst sehr schlecht Urteile fällen, insbesondere darüber, wie wir uns verhalten. Nur durch die Urteile anderer Menschen kann uns klar werden, dass es in der Tat nicht mehr um die Überspitzung unserer Persönlichkeit, sondern in die Richtung einer Störung geht. Ich will dieses Thema überhaupt nicht anfassen, das lassen wir lieber bei den Psychologen! Daher, wenn ich über die Persönlichkeit oder deren Überspitzung schreibe, geht es bei mir ausschließlich um den Normbereich. Und noch etwas ist zu betonen: Ich will auf keinen Fall Menschen in Schubladen des einen oder anderen Persönlichkeitstyps stecken, oder ihnen einen Aufkleber auf die Stirn heften! Ich will dir nur eine gedankliche Anregung geben, dich selbst zu verstehen. Was du weiter damit machst, wie du das weiter anwendest – das ist deine Angelegenheit.[15]

Über die Persönlichkeit zu schreiben ist nicht nur gefährlich, sondern auch schwer, weil ich dabei versuchen will, dem, was ich schreibe, keine Bewertung zu geben! Wir Menschen neigen ganz oft dazu, unsere Mitmenschen oder deren Persönlichkeit oder deren Handlungen zu bewerten – gut, schlecht, dumm, intelligent usw. Aber die Adjektive „gut, schlecht, dumm, intelligent“ sind auch eine persönliche Sache! Was bei dem einen gut ist, damit liegt man vielleicht bei dem anderen verkehrt. Daher will ich hier nichts bewerten. Wenn sich mir doch eine Bewertung einschleicht, die ich irgendwie übersehen habe, und du findest diese nicht passend, schreibe mir bitte eine E-Mail, damit ich es später korrigieren kann.

Es gibt zurzeit eine Menge an Veranstaltungen, die sich mit der Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen. Sie sind einerseits zu empfehlen, da wir dabei interessante und nützliche Dinge über uns erfahren können. Anderseits: Finger weg von jedweden Veranstaltungen, wo die Ergebnisse der durchgeführten Persönlichkeitstests offen im Plenum besprochen werden, oder gar die „Schwächen“ von Teilnehmenden breit diskutiert werden. Manchmal verbergen sich hinter solchen Veranstaltern Werber-Organisationen oder gar Sekten.[16]

4.1.2.1   Charakter und Temperament

In unserem Alltag schreibt man dem Begriff „Persönlichkeit“ eher die Termini „Charakter“ oder auch „Temperament“ zu. Wobei der Charakter sowie das Temperament die Teilelemente der Persönlichkeit darstellen. Während der Charakter, der im Großen und Ganzen die obengenannten Eigenschaften wie Wahrnehmung und Fühlen inkludiert, sich im Laufe des Lebens entwickelt oder entwickeln lässt, ist das Temperament genetischen Ursprungs und nur begrenzt durch die Umwelt veränderbar. Das Temperament eines Menschen wird durch dessen Persönlichkeitseigenschaft nämlich seine Verhaltensweise definiert.

Schon in der antiken Zeit sehnten sich manche Leute nach einer allgemein brauchbaren Klassifikation menschlichen Charakters oder Temperaments. Die wohl älteste Typologie zur Charakterisierung von Menschen, abgesehen von astrologischen Modellen, geht auf die sogenannte Vier-Elemente-Lehre von Hippokrates zurück und fließt in die „Viersäftelehre“ oder in die schöner klingende Temperamentenlehre von Galenos. Diese Typologie kennst du bestimmt ganz gut. Sie definiert menschliche Temperamente wie folgt: cholerisch, sanguinisch, phlegmatisch und melancholisch. Jedem Temperament werden gewisse Elemente, Tiere, Sternzeichen usw. zugewiesen, die dieses beschreiben sollen. Ich werde jetzt nicht tiefer in diese Theorie einsteigen, obwohl sie immer noch viel Aufmerksamkeit genießt, sondern gebe ich dir noch ein Beispiel aus der Literatur.[17]

Beispiel

Du hast bestimmt den Roman von Alexandre Dumas „Die drei Musketiere“ gelesen (Dumas 2011) oder eine Verfilmung der Geschichte gesehen. Die vier Protagonisten der Geschichte stellen vier Temperamententypen dar: der muntere, zufriedene, demütige D’Artagnan – Sanguiniker, der vernünftige, beharrliche, ruhige Athos – Phlegmatiker, der aktive, egozentrische, impulsive Porthos – Choleriker und der gedankenvolle, misstrauische, beunruhigte Aramis – Melancholiker. Ob der Autor absichtlich seine Figuren nach der „Viersäftelehre“ ausgesucht hat, ist es mir nicht bekannt. Aber es ist dem Autor ganz gut gelungen.

4.1.2.2   Persönlichkeitsmodelle

Der deutsch-britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck fügte den oben beschriebenen Temperamenten noch zwei Dimensionen zu. Und zwar besteht die erste Achse aus Introversion-Extraversion und beinhaltet die Emotionalität der Person. Die zweite Achse stellt Labilität-Stabilität (Neurotizismus) dar (Eysenck 1991). Wie hervorragend Eysenck seine Persönlichkeitsdimensionen mit der Temperamentenlehre verknüpfte, das siehst du in Abb. 4.

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Abb. 4: Eysencks Modell der Persönlichkeit

Die Idee von Eysenck, die Persönlichkeit mit wenigen Dimensionen zu beschreiben, führte zur Entwicklung des sogenannten „Big Five“-Faktoren Modells (Digman 1990), das fünf Persönlichkeitsdimensionen berücksichtigt: Extraversion versus Introversion, Neurotizismus versus emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit versus geringe Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit versus Durchsetzungswillen und Offenheit gegen eingeschränkte Offenheit. Zurzeit steht eine Menge an Testverfahren (vor allem sehr teure) zur Erfassung dazugehöriger Merkmale für die Persönlichkeitsbeschreibung zur Verfügung. Diese Tests sind auch bei den Personalern sehr begehrt. Es sei hier aber in Bezug auf unsere Themen betont, dass dieses Modell moralische Wertevorstellungen, die für den Beruf sowie für den Umgang mit den Veränderungen vonnöten sind, weder explizit noch implizit inkludiert.[18]

Der geistige Vater der Schule der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, befasste sich breit mit der Persönlichkeitstypologie, die in seine sogenannte Typenlehre einfloss (Jung 2014). Für Jung war sehr wichtig zu unterscheiden, ob die seelischen Energien jedes einzelnen Menschen nach außen (auf äußere Objekte und Subjekte) oder nach innen (auf das Selbst) gerichtet sind. Demzufolge unterscheidet er extrovertierte und introvertierte Persönlichkeiten. Diese Polarisierung der Menschen reicht nicht aus, um deren Persönlichkeit zu beschreiben: „Mit der Konstatierung der Introversion und Extraversion war zunächst eine Möglichkeit gegeben, zwei umfangreiche Gruppen von psychologischen Individuen zu unterscheiden. Jedoch ist diese Gruppierung von so oberflächlicher und allgemeiner Natur, dass die nicht mehr als eine so allgemeine Unterscheidung erlaubt“, so Jung (Jung 2014). Sodass er sein Modell mit einzelnen psychologischen Grundfunktionen verfeinert. Diese sind laut Jung das Denken[19], das Fühlen, das Empfinden und das Intuieren. Die Mischung der Grundfunktionen mit Extraversion oder Introversion ergibt acht Typen der Persönlichkeit nach Jung. Wer darüber mehr erfahren möchte, greift zu dem oben zitierten Werk.

Auf der Persönlichkeitstypologie von Carl Gustav Jung bauen zwei stark verbreitete Instrumente der Persönlichkeitsbeschreibung auf: einmal der sogenannte Myers-Briggs Type Indicator (MBTI) und die Sozionik. MBTI ist schon über 50 Jahre eine höchst populäre Methode der Selbsteinschätzung der Persönlichkeit besonders in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieses Instrument stellt auch ein dimensionales Modell, wobei die Dimensionen recht polarisiert sind und sich vom Pol „falsch“ bis „richtig“ bewegen. Es gibt keine Zwischenstufen – ist sozusagen ein dichotom aufgebauter Fragebogen. Beim MBTI gibt es vier Dimensionen: eine, die wir schon gut kennen, ist Extraversion-Introversion, die der Indikation von Motivation und Antrieb dient. Die nächste Dimension stellt die Achse Intuition-Sensorik dar und indiziert die Aufmerksamkeit der zu testenden Person. Denken versus Fühlen beschreibt die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Die letzte Dimension Wahrnehmung-Beurteilung soll unserem Lebensstil entsprechen und diesen repräsentieren. Die Kombination dieser vier Dimensionen determiniert einen der 16 möglichen Persönlichkeitstypen (Briggs-Myers and Briggs 1985). Wenn wir den Indikator mit dem „Big-Five“-Modell vergleichen, wird es dir einleuchten, dass der MBTI auch die Dimension Extraversion-Introversion berücksichtigt. Sodass wir vermuten können, dass diese Eigenschaft von großer Bedeutung für unsere Persönlichkeitsstruktur ist. Der Indikator ist in den USA bei den Personalern sehr beliebt und wird oft bei Bewerbungsverfahren eingesetzt. In Deutschland konnte sich der MBTI in den Personalabteilungen nicht durchsetzen.[20]

Ein ähnliches Modell – die Sozionik – wurde in der ehemaligen UdSSR entwickelt. Das schöne Wort „Sozionik“ ist eine „Symbiose“ der Begriffe „Society“ und „Bionik“. Die Sozionik basiert auch auf der Persönlichkeitstheorie von Jung, verbunden mit der sogenannten Theorie des „Informationsmetabolismus“ des polnischen Psychiaters Antoni Kępiński. Sozionik ist eine Lehre, die erforscht, wie Menschen Informationen aufnehmen, diese verarbeiten und weitergeben (Müller 1998). Das Testsystem ist wie beim MBTI dichotom aufgebaut und präsentiert schließlich auch 16 Typen, die auf vier Dimensionen aufgebaut sind: Introversion-Extraversion, Intuition-Sensorik, Logik-Ethik und Rationalität-Irrationalität. Wie du siehst, beide Modelle sind sehr ähnlich. Wobei MBTI stark auf die beruflichen Komponenten ausgerichtet ist, die Sozionik eher ein prognostisches Modell der zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt und in dem Feld intensiv erforscht und praktisch angewandt wurde.[21]

Wie erwähnt, ist der MBTI für die Zwecke der Personalauswahl nicht die häufigste Methode, geschweige denn die Sozionik, die generell in Deutschland wenig bekannt ist. Was allerdings in überdimensionalem Maße in den Personalabteilungen vorkommt, ist das sogenannte DISG-Modell. DISG ist eine Abkürzung der vier Wörter: Dominant (D), Initiativ (I), Stetig (S) und Gewissenhaft (G). Das Modell wurzelt auf der Typologie des Psychologen William Moulton Marston, dem Vater des Polygraphen und der „Wonder Woman“ am Anfang des 20. Jahrhunderts. Marston kam in seinen Arbeiten zur Schlussfolgerung, dass der Mensch die Umgebung für sich als freundlich oder feindlich empfindet, sowie er sich selbst in der Umgebung stark oder schwach sieht (Marston 2007). Daraus kamen zur „beruflichen“ Welt die Begriffe Dominanz, Veranlassung, Unterwerfung und Befolgung oder Einhaltung, die als Ursprungsbegriffe für das Modell gelten. Der Psychologe John G. Geier entwickelte aus den Ergebnissen von Marston das DISG-Modell in der Form, die wir jetzt kennen (Seiwert and Gay 2003). Personen dominanten Stils sollen laut dem Modell über dominante Verhaltungsweisen verfügen. Sie seien willensstark, ergebnisorientiert, bestimmend, aggressiv, durchsetzungsfähig usw. Personen starken initiativen Stils sollen durch beziehungsorientierte Verhandlungsweisen geprägt sein. Sie seien emotional, optimistisch, spontan, gesellig, freundlich usw. Stetiger Stil soll sich bei Menschen durch eine Vorliebe für Stabilität und Sicherheit auszeichnen. Stetige Menschen seien hilfsbereit und teamfähig, zuverlässig und geduldig, verbindlich und treu. Menschen gewissenhaften Stils sind durch gewissenhafte Verhaltensweisen gekennzeichnet, die sich in der Ordnung, Disziplin und Qualität zeigen. Solche Menschen seien analytisch und logisch, gründlich und genau, systematisch und diszipliniert (Seiwert and Gay 2003).[22]

Selbstverständlich gibt es zu diesem Modell einen Test, der je nach Anbieter aus 12 bis 28 Items besteht. Am Ende des Tests kommt eine Kombination aus den vier Verhaltensmodi heraus, die ein individuelles Verhaltensprofil darstellen soll. Dennoch wird das Modell bei Psychologen stark kritisiert und als nicht stichhaltig erachtet (König and Marcus 2013), weil der Test nicht in Bezug auf berufsrelevante Kriterien validiert wurde. Sodass der DISG-Test bezüglich der Personalauswahl überbewertet und folglich nicht zu empfehlen ist. Außerdem ist der Test sehr kommerzialisiert, es gibt keine Möglichkeit, diesen Test kostenlos durchzuführen.

4.1.3   Riemann-Thomann-Modell

Im Kapitel oben lernten wir Modelle kennen, die Persönlichkeitsstrukturen beschreiben. Einige von ihnen werden mehr oder minder häufig für berufliche Zwecke angewandt. In diesem Kapitel werde ich dir ein anderes Modell vorstellen, das meiner Meinung nach am besten unsere Themen – Veränderungen und Beruf – beleuchtet. Dieses Modell kommt ursprünglich aus dem psychotherapeutischen Bereich und wurde später aus der Sicht der Kommunikation weiterentwickelt. Es geht im Weiteren um das Riemann-Thomann-Modell.[23]

4.1.3.1   Vier Formen der Angst nach Fritz Riemann

Der Anfang des 20. Jahrhunderts geborene Psychoanalytiker Fritz Riemann konnte zwar keine abgeschlossene psychologische Ausbildung nachweisen, war trotz allem ein sehr gefragter Therapeut in der Nachkriegszeit in München. Er war nicht nur durch seine psychotherapeutische Tätigkeit bekannt, sondern genoss den Ruf eines hervorragenden Redners und charismatischen Lehrers. Er vermittelte seinen Schülern Psychoanalyse unter der Berücksichtigung der Persönlichkeit als Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen. Anfang der 1960er-Jahre hielt er mehrere Vorträge über das Thema Angst. Später hat Fritz Riemann seine Vorträge zu diesem Thema zu einem Buch mit dem Titel „Grundformen der Angst“ (Riemann 2007) zusammengefasst.

Warum ist es für uns wichtig darüber zu sprechen? Nach Riemann verbirgt sich die Bedeutung der Angst unter vier Prämissen, oder wie Riemann diese selbst nennt – Forderungen. Ich zitiere: „Die erste Forderung … ist, dass wir ein einmaliges Individuum werden sollen… Damit ist aber alle Angst gegeben, die uns droht, wenn wir uns unterscheiden und dadurch aus der Geborgenheit des Dazugehörens und der Gemeinsamkeit herausfallen, was Einsamkeit und Isolierung bedeuten würde“ (Riemann 2007). Somit will uns Riemann einleuchtend zu verstehen geben, je unterschiedlicher unsere Persönlichkeit von den anderen Individuen ist, desto einsamer und unsicherer werden wir und schließlich verspüren wir Ängste[24]. Von anderer Seite betrachtend, wenn wir uns an die anderen Mitglieder des Sozium anpassen, verlieren wir die Möglichkeit, uns als Persönlichkeit zu entfalten.

„Die zweite Forderung … ist die, dass wir uns der Welt, dem Leben und Mitmenschen vertrauend öffnen… Es ist damit gemeint: die Seite der Hingabe – im weitesten Sinne – an das Leben. Damit ist aber verbunden alle Angst, unser Ich zu verlieren, abhängig zu werden…“ (Riemann 2007). Das heißt, die Angst entsteht einerseits durch die Einschränkung unserer Persönlichkeit durch die Abhängigkeit, anderseits durch die Isolation.

„Die dritte Forderung … ist, dass wir die Dauer anstreben sollen… Mit dieser Forderung zu dauern, uns in eine ungewisse Zukunft zu entwerfen…, als ob wir damit etwas Festes und Sicheres vor uns hätten – mit dieser Forderung sind alle Ängste gegeben, die mit dem Wissen um die Vergänglichkeit … unseres Daseins zusammenhängen“ (Riemann 2007). Somit haben wir nach Riemann Angst vor dem gewissen Neuen, Unbekannten oder vorm gewissen Ungewissen.

„… die vierte Forderung … besteht darin, dass wir immer bereit sein sollen, uns zu wandeln, Veränderungen und Entwicklungen zu bejahen, Vertrautes aufzugeben … uns immer wieder vom gerade Erreichten zu lösen und Abschied zu nehmen…“ (Riemann 2007). Hier haben wir Angst, durch die Gesetze, Regeln, Ordnungen und Vorschriften gebunden zu werden. Wir verspüren die Angst, unsere Freiheit und damit verbundene Persönlichkeit zu verliere[25]n.

Basierend auf diesen vier Forderungen unterscheidet Riemann vier Grundformen der Angst, die ich in der Abb. 5 skizziert habe. Und jetzt möchte ich dich gerne zur ersten reflexiven Aufgabe einladen.

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Abb. 5: Vier Grundformen der Angst
(nach Riemann 2007)

Übung

Überlege dir bitte, was du von diesen vier Grundformen der Angst hältst. Wenn du deine Überlegungen mit mir diskutieren möchtest, schreibe mir bitte eine E-Mail. Wenn du diese Theorie über vier Formen der Angst als sinnvoll erachtest, mach bitte den nächsten Schritt und überlege dir, ob du eine oder zwei Formen davon bei dir in der Gegenwart oder in der Vergangenheit entdecken kannst.

4.1.3.2   Persönlichkeitstypen nach Riemann

Da, wie gesagt, das Modell psychotherapeutische Wurzeln hat, benutzt es auch ganz „psycho“-klingende Namen oder Termini. Diese Namen dürfen dich nicht erschrecken, da wir, wie oben betont, nur über den Normbereich diskutieren – wir fassen die Pathologie garnicht an. Folgende Persönlichkeitstypen unterscheidet Fritz Riemann anhand seiner vier Formen der Angst.

4.1.3.2.1   Die schizoiden Persönlichkeiten

Ich habe den Wunsch, so unabhängig wie möglich zu sein. Ich bin ein Individuum, ich bin einmalig. Ich will mich nicht in die Menge von Leuten versetzen. Ich fühle mich unwohl, wenn ich aufgefordert werde, einen Akt der Hingabe durchzuführen. Ich bin ein Einzelgänger. So überspitzt kann der Vertreter dieser Persönlichkeitseigenschaften sich beschreiben. „Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein…“, so Fritz Riemann (Riemann 2007). Egal wo, im Beruf oder im privaten Leben zeigt diese Persönlichkeit solche Eigenschaften, deren Ausprägungen ich nach Riemann in der Abb. 6 zusammengefasst habe. Wo die Grenze zwischen zugespitzten Persönlichkeitsmerkmalen und Pathologie verläuft, ist pauschalerweise schwer zu definieren. Klar, je weiter es in die Richtung Asozialität geht, desto schwer wird es für den Menschen sich im Leben zu finden.[26]

Abbildung

Abb. 6: (Berufliche) Ausprägungen der schizoiden Persönlichkeit (nach Reimann 2007)

Schizoide Persönlichkeiten mögen in zwischenmenschlichen Beziehungen distanziert, unpersönlich und kühl wirken, wenn sie, natürlich, diese Eigenschaften nicht tarnen. Im Liebesverhältnis fehlt ihnen der passende Umgang mit emotionaler Ausdruckfähigkeit und manchmal die Zärtlichkeit. Im Beruf sind sie bevorzugt Einzelgänger bis Eigenbrötler. Das macht es für diese Personen schwierig, einen passenden Job zu finden. Es sei denn, sie neigen zu theoretisch-abstrakten Gebieten, wo sie sich meistens mit sich selbst beschäftigen. So kämen dann Disziplinen wie Mathematik oder Astronomie (als wenige Beispiele) in Frage. Solche Persönlichkeiten sind nicht nur in der Wissenschaft zu finden (siehe Viktor Frankenstein im folgenden Beispiel). Auch in der Kunst trifft man solche Menschen ganz oft. Als Kritiker oder anderweitiger Gutachter dringen sie bis zum Kern einer Sache vor, nicht selten in einer sehr scharfen Weise.[27]

Beispiel

In der Weltliteratur findet man einige Protagonisten, die der geschilderten Persönlichkeit entsprechen. Die Geschichte der britischen Schriftstellerin Mary Shelly „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ beschreibt manchmal gruselig, dennoch bildhaft eine solche Persönlichkeit. Der Gelehrte Viktor Frankenstein, der offensichtlich Kontaktprobleme mit den Mitmenschen hatte und keine gefühlsbetonten Beziehungen mochte, war der Meinung, den Zugang zur Welt ausschließlich durch den Intellekt und nicht durch Emotionen zu haben. Daraufhin erschuf er nach seinen Vorlieben aus den an entsprechenden Orten gesammelten Gebeinen ein überdimensionales Individuum, das er mit Hilfe seiner parawissenschaftlichen Methoden zum Leben erweckte. Herr Frankenstein dachte, das Geschöpf soll ihm für seine Schöpfung dankbar sein. Das Monster tat es aber nicht, entzog sich der Kontrolle des Schöpfers und floh. Da die Menschen ihn nicht mochten, entschied die Kreatur, sich durch Ermordung der Familie seines Erzeugers zu rächen, anstatt ihn für die kreative Tat zu preisen (Shelley 2016). Das war die Geschichte, die ganz erfolgreich verfilmt wurde. Für uns ist es wichtig, dass Viktor Frankenstein eine solche „schizoide“ Persönlichkeit in einer so überspitzen Form darstellt, dass die Geschichte von Psychologen diesbezüglich intensiv analysiert wurde (Rudolf 1972).[28]

4.1.3.2.2   Die depressiven Persönlichkeiten

Depressive Persönlichkeiten fühlen eine Form „… der Angst, ein eigenständiges Ich zu werden, die zutiefst erlebt wird als das Herausfallen aus der Geborgenheit“, so Riemann (Riemann 2007). Die Verlustangst hat die Oberhand im Leben solcher Persönlichkeiten. Einsamkeit und fehlende Geborgenheit sind das Schlimmste, was sich die depressive Persönlichkeit ausmalen kann. In der Abb. 7 habe ich die Zuspitzung solcher Eigenschaften dargestellt. Auch hier ist die pauschale Trennung zwischen Normalität und Pathologie in den mittleren Stufen nicht möglich. Einige können ganz gut mit Bequemlichkeit und Passivität durchs Leben gehen, für die Anderen stellt es ein großes Problem dar.