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Erfolg

Impressum

Mit einer Nachbemerkung von Gisela Lüttig

Textgrundlage:

Lion Feuchtwanger, Gesammelte Werke in Einzelbänden,

Band 6, Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1993

Die „Wartesaal“-Trilogie umfasst die Romane

Erfolg

Die Geschwister Oppermann

Exil

ISBN 978-3-8412-0616-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau erstmals 1948 erschienen; Aufbau ist eine

Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung capa design, Anke Fesel

unter Verwendung eines Fotos von ullstein bild

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Erstes Buch - Justiz

1. Josef und seine Brüder

2. Zwei Minister

3. Der Chauffeur Ratzenberger und die bayrische Kunst

4. Kurzer Rückblick auf die Justiz jener Jahre

5. Herr Hessreiter demonstriert

6. Das Haus Katharinenstraße 94 sagt aus

7. Der Mann in Zelle 134

8. Rechtsanwalt Dr. Geyer stellt anheim

9. Politiker der bayrischen Hochebene

10. Der Maler Alonso Cano (1601–1667)

11. Der Justizminister fährt durch sein Land

12. Briefe aus dem Grab

13. Eine Stimme aus dem Grab und viele Ohren

14. Die Zeugin Krain und ihr Gedächtnis

15. Herr Hessreiter diniert am Starnberger See

16. Ein Schlafzimmer wird berochen

17. Ein Brief aus Zelle 134

18. Gnadengesuche

19. Ein Plädoyer und eine Stimme aus der Luft

20. Ein paar Rowdys und ein Herr

Zweites Buch - Betrieb

1. Ein Waggon der Untergrundbahn

2. Einige abwegige Bemerkungen über Gerechtigkeit

3. Besuch im Zuchthaus

4. Der Fünfte Evangelist

5. Fundamentum regnorum

6. Eine Legitimation muß sein

7. Herr Hessreiter diniert in München

8. Randbemerkungen zum Fall Krüger

9. Ein graubrauner Bräutigam

10. Ein Brief im Schnee

11. Die Puderdose

12. Tamerlans lebendige Mauer

13. Tod und Verklärung des Chauffeurs Ratzenberger

14. Einige historische Daten

15. Der Komiker Hierl und sein Volk

16. Die Hochzeit von Odelsberg

17. Der Reliquienschrein des Cajetan Lechner

18. Eine keramische Fabrik

19. David spielt vor König Saul

20. Und dennoch: es ist nichts faul im Staate Bayern

21. Die Funktion des Schriftstellers

22. Der Chauffeur Ratzenberger im Fegefeuer

23. Die Nachtwandler

Drittes Buch - Spaß. Sport. Spiel

1. Stierkampf

2. Ein Bayer in Paris

3. Kasperl im Klassenkampf

4. Projekt einer Katzenfarm

5. Klenk ist Klenk und schreibt sich Klenk

6. Hundemasken

7. Sechs Bäume werden ein Garten

8. Von der Würde

9. Einhundertfünfzig Fleischpuppen und ein Mensch

10. Bayrische Lebensläufe

11. Sieht so ein Mörder aus?

12. Ein König im Herzen seines Volkes

13. Bayrische Patienten

14. Johanna Krain zieht sich für ein Fest an

15. Das Apostelspiel in Oberfernbach

16. Kasperl und der Torero

17. Konsultation in Gegenwart eines Unsichtbaren

18. Für einen jeden sein Spinnerts

19. Der Mann am Schalthebel

20. Von der Demut

21. Herr Hessreiter diniert in Berlin

22. Johanna Krain lacht ohne Grund

23. Vorkriegsvater und Nachkriegssohn

24. Johanna Krain badet in dem Fluß Isar

25. Die Bilder des Erfinders Brendel-Landholzer

26. Vom Glück der Unpersönlichkeit

Viertes Buch - Politik und Wirtschaft

1. Panzerkreuzer Orlow

2. Der Steinbock

3. Leben auf dem Lande

4. Das Land Altbayern

5. Von den sieben Stufen menschlicher Freude

6. Der Dollar schaut ins Land

7. Guten Abend, Ratte

8. Noch vor der Baumblüte

9. Aus der Geschichte der Stadt München

10. Die Tarnkappe

11. Der nordische Gedanke

12. Gescheit oder dumm: meine Heimatstadt

13. Der Handschuh

14. Bevölkerungspolitik

15. Gedenket des Bäckergesellen

16. Von der Fairneß

17. Kaspar Pröckl verbrennt Das Bescheidene Tier

18. Einer klettert am Gitter seines Käfigs

19. Der unsichtbare Käfig

20. Der Fluß Ruhr

21. Herr Hessreiter diniert zwischen Vlissingen und Harwich

22. Charakterköpfe

23. Caliban

24. Ein Brief in der Nacht

25. C + M + B

26. Johanna Krain und ihre Maske

27. Rechtsanwalt Geyer schreit

28. Zeichen am Himmel

29. Die Baumblüte

30. Franz Flauchers gewünschte Stunde

31. Ein Silberstreif

32. De profundis

Fünftes Buch - Erfolg

1. Polfahrt

2. Die Toten sollen das Maul halten

3. Deutsche Psychologie

4. Opus ultimum

5. Der Marschall und sein Trommler

6. Coriolan

7. Nordische List gegen nordische List

8. Cajetan Lechners rauhester Tag

9. Zufall und Notwendigkeit

10. Eine Wette kurz vor dem Morgen

11. Wie das Gras verwelkt

12. Der wasserlassende Stier

13. Johanna Krains Museum

14. Herr Hessreiter diniert im Juchhe

15. Kaspar Pröckl verschwindet gegen Osten

16. Die Familie Lechner kommt hoch

17. Seid ihr noch alle da?

18. Jacques Tüverlin erhält einen Auftrag

19. Die Welt erklären heißt die Welt verändern

20. Otto Klenks Erinnerungen

21. Die Tante Ametsrieder greift ein

22. Das Buch Bayern

23. Ich hab’s gesehen

Information

Zu diesem Band

Erstes Buch
Justiz

1
Josef und seine Brüder

In der staatlichen Sammlung moderner Meister in München hing im ersten Jahr nach dem Krieg mehrere Monate hindurch im Saal VI ein großes Gemälde, vor dem sich oft Leute ansammelten. Es stellte dar einen kräftigen Mann in mittleren Jahren, der, ein starkes Lächeln um die festen Lippen, aus langen, tiefliegenden Augen auf eine Schar von Männern schaute, die gekränkt vor ihm standen. Es waren ältere Männer von gehaltenem Aussehen, die Gesichter verschieden: offen, verkniffen, gewalttätig, behaglich. Eines aber hatten alle gemeinsam. Sie standen fest und satt da, bieder, überzeugt von sich und ihrer Sache. Es war offenbar ein übler Mißgriff vorgekommen, so daß sie mit Recht beleidigt, ja erbittert waren. Nur ein ganz junger Mensch unter ihnen, trotzdem ihn die Polizisten im Hintergrund besonders scharf beobachteten, hatte nicht diese gekränkte Miene. Vielmehr schaute er aufmerksam und vertrauend auf den Mann mit den langen Augen, der hier sichtlich als Herr und Richter fungierte.

Die Menschen des Bildes und ihre Erlebnisse muteten bekannt an und fremd zugleich. Ihre Kleider konnten auch heute getragen werden, doch war mit Sorgfalt alles Modische vermieden, so daß man nicht erkannte, welchem Volk und welcher Zeit sie angehörten. Suchte man im Katalog nach dem Bild, so fand man unter Nummer 1437 als den Maler einen Franz Landholzer, als Bezeichnung des Bildes:

Josef und seine Brüder

oder: Gerechtigkeit

(310 x 190)

Von dem Maler Franz Landholzer waren andere Werke nicht bekannt. Der Erwerb des Bildes durch den Staat hatte Lärm gemacht. Der Maler war nicht sichtbar geworden. Er sei ein Sonderling, hieß es, lebe vagabundierend auf dem Land, habe unangenehme, aggressive Manieren.

Die zünftige Kritik hatte mit dem Bild nicht viel anzufangen gewußt. Es war schwer einzuregistrieren. Ein Rest von Dilettantismus, von Nichtroutine war unverkennbar, schien mit Absicht ans Licht gestellt. Die seltsam außermodische, klobige Art der Malerei, trotzdem sie so wenig sensationell war wie der Gegenstand, brachte manchen Kritiker auf. Auch der Untertitel »Gerechtigkeit« wirkte aggressiv. Die konservativen Blätter lehnten ab. Die Neuerer verteidigten das Werk, ohne Schwung.

Ehrliche sprachen aus, daß die fraglos starke Wirkung mit dem üblichen Vokabular der Kunstkritik nicht zu erklären sei. Viele Beschauer kamen immer wieder vor das Bild zurück, viele dachten über den Gegenstand nach, viele schlugen die Bibel auf. Da fanden sie die Geschichte von dem Spaß, den Josef mit seinen Brüdern macht, nachdem sie ihn, weil er ihnen bei ihrem Vater im Wege steht und weil er überhaupt anders ist als sie, verkauft haben, und nachdem er ein großer Herr geworden ist, Ernährungsminister des reichen Landes Ägypten. Sie kommen zu ihm, erkennen ihn nicht und wollen ein Getreidegeschäft mit ihm machen. Er aber läßt den Heimkehrenden einen silbernen Becher in ihr Gepäck hineinpraktizieren und die Unschuldigen wegen Diebstahls verhaften. Worauf sie mit Recht empört sind und beteuern, sie seien anständige Leute.

Diese anständigen Leute also hatte der Maler des Bildes Nummer 1437 gemalt. Sie stehen da. Sie sind erbittert und verlangen ihr Recht. Sie sind gekommen, mit einem hohen Staatsbeamten einen für beide Teile vorteilhaften Abschluß zu tätigen. Nun traut man ihnen zu, sie hätten einen silbernen Becher mitgehen lassen. Sie haben vergessen, daß sie einmal einen gewissen Knaben verkauft haben, der ihr Bruder war; denn das ist lange Jahre her. Sie sind sehr empört, aber sie benehmen sich würdig. Und der Mann lächelt sie an aus seinen langen Augen, und im Hintergrund die Polizisten stehen dienstwillig und etwas stumpf, und das Bild heißt »Gerechtigkeit«.

Übrigens verschwand Nummer 1437 nach einigen Monaten wieder aus der staatlichen Galerie. Ein paar Zeitungen brachten Glossen über dieses Verschwinden, viele Besucher vermißten »Josef und seine Brüder« mit Bedauern. Aber dann verstummten die Zeitungen, allmählich verstummten auch die Fragen der Besucher, und das Bild wurde wie sein Maler vergessen.

2
Zwei Minister

Der Justizminister Dr. Otto Klenk schickte trotz des Regens das wartende Auto nach Hause. Er kam aus dem Abonnementskonzert der musikalischen Akademie, angenehm erregt. Er wird jetzt etwas spazierengehn, später vielleicht noch ein Glas Wein trinken.

Den Lodenmantel, den er liebte, um die Schultern, die Brahmssche Sinfonie noch im Ohr, die Pfeife wie stets im Mund, trottete der kräftige, hochgewachsene Mann behaglich durch den gleichmäßigen Regen der Juninacht. Er bog in den weitläufigen Stadtpark ein, den Englischen Garten. Die alten, großen Bäume trieften, der Rasen roch erquicklich. Es ging sich angenehm in der reinen Luft der bayrischen Hochebene.

Der Justizminister Dr. Klenk nahm den Hut von dem braunroten Schädel. Er hat einen arbeitsvollen Tag hinter sich, aber jetzt hat er etwas Musik gehört. Gute Musik. Die Nörgler mögen sagen, was sie wollen, gute Musik macht man in München. Er hatte seine Pfeife im Mund, eine Nacht ohne Geschäfte vor sich. Er fühlte sich frisch wie auf seiner Jagd im Gebirg.

Eigentlich ging es ihm gut, ausgezeichnet ging es ihm. Er liebte es, Bilanz zu machen, festzustellen, wie es um ihn stand. Er war siebenundvierzig Jahre alt, kein Alter für einen gesunden Mann. Seine Nieren sind nicht ganz in Ordnung, vermutlich wird es einmal sein Nierenleiden sein, an dem er abkratzt. Aber fünfzehn, zwanzig Jahre hat das noch Zeit. Seine beiden Kinder sind gestorben, von seiner Frau, der dürftigen, gutmütigen, eingetrockneten Geiß, hat er Nachwuchs nicht mehr zu erwarten. Aber draußen der Simon, der Bams, den er von der Veronika hat, die jetzt auf seiner Besitzung Berchtoldszell im Gebirg den Haushalt führt, gedeiht ausgezeichnet. Er hat ihn in der Filiale der Staatsbank in Allertshausen untergebracht. Dort wird er Karriere machen; er, der Minister, wird noch gutgestellte Enkel erleben.

Soweit ging es ihm weder gut noch schlecht. Allein in seinem Beruf, da ging es besser als mittelmäßig, da fehlte sich nichts. Seit einem Jahr jetzt hat er sein Ministerium inne, verwaltet er die Justiz des Landes Bayern, das er liebt. Es war mächtig vorangegangen in diesem Jahr. Wie er durch den riesigen Körper, durch den langen, rotbraunen Schädel herausstach aus seinen zumeist kleinen, rundköpfigen Ministerkollegen, so auch fühlte er sich durch Herkunft, Manieren, Gehirn ihnen überlegen. Es war hergebracht seit der Überwindung der Revolution, daß die besseren Köpfe der herrschenden Schicht sich von der Regierung des kleinen Landes zurückhielten. Sie schickten subalterne Leute ins Kabinett, begnügten sich, aus dem Hintergrund zu dirigieren. Man hatte sich gewundert, daß er, von großbürgerlicher Herkunft, ein guter Kopf, in die Regierung eintrat. Aber er fühlte sich sauwohl darin, raufte sich voll Passion herum mit den Gegnern im Parlament, trieb volkstümliche Justizpolitik.

Vergnügt stapfte er unter den triefenden Bäumen. In dem knappen Jahr, in dem er daran war, hat er gezeigt, daß er Schmalz in den Armen hat. Da ist der Prozeß Woditschka, durch den er die bayrische Eisenbahn verteidigt und das Reich hineingelegt hat, da ist der Prozeß Hornauer, durch den er die bodenständige Brauindustrie vor einer scheußlichen Blamage bewahrte. Da ist jetzt vor allem der Prozeß Krüger. Seinetwegen hätte dieser Krüger, bis er schwarz wird, Subdirektor der staatlichen Sammlungen bleiben können. Er hatte nichts gegen den Krüger. Nicht einmal, daß er die mißliebigen Bilder in die Staatsgalerie gehängt hat, nahm er ihm übel; er selber hatte Sinn für Bilder. Aber daß er auftrumpfte, der Krüger, daß er, pochend auf seine feste, lebenslängliche Anstellung, sich mokierte, die Regierung könne ihm den Arsch lecken, das ging zu weit. Man hatte es sich gefallen lassen müssen, zunächst. Der Flaucher, der Kultusminister, der traurige Hund, war nicht fertig geworden mit dem Krüger. Aber da hat er, Klenk, seine ausgezeichnete Idee gehabt und den Prozeß auffahren lassen.

Er lächelte breit, klopfte an seiner Pfeife herum, brummelte mit seinem mächtigen Baß Melodien aus der Brahms-Sinfonie, schnupperte den Geruch der Wiesen ein und des langsam aufhörenden Regens. Immer wenn er an seinen Kollegen vom Kultusministerium dachte, war er vergnügt. Dieser Dr. Flaucher war so recht der Typ jener bäuerlich kleinbürgerlichen Beamten, wie sie die Partei ins Kabinett vorzuschicken liebte. Ihm, Klenk, machte es Freude, sich an ihm zu reiben. Es war amüsant, wie der schwere, plumpe Mensch, wurde er gereizt, hilflos den Kopf vorstieß, wie die kleinen Augen aus dem dicken, viereckigen Schädel bösartig den Feind anfunkelten, wie dann irgendeine klobige, salzlose Grobheit kam, von ihm, Klenk, mühelos pariert.

Der Mann im Lodenmantel streckte den Handrücken aus, konstatierte, daß der Regen so gut wie aufgehört hatte, schüttelte sich, machte kehrt. Er hatte einen Spaß vor. Der Flaucher hatte von Anfang an den Prozeß Krüger möglichst groß aufziehen, eine sensationelle Sache daraus machen wollen. Scheußliche Lackl schickten einem die Schwarzen jetzt als Kollegen ins Kabinett. Immer wollten diese gescherten Rammel Zeugnis ablegen, Trümpfe auf den Tisch hauen, Justament schreien. Er, Klenk, wollte die Sache mit Krüger leise abmachen, elegant. Schließlich war es keine Kulturtat, einen Mann vom Verwaltungssessel der staatlichen Galerien weg ins Zuchthaus zu schicken, weil er abgeschworen hatte, mit einer Frau geschlafen zu haben. Aber der Flaucher blökte in die Welt hinaus, ließ alle Zeitungen trompeten von dem Fall Krüger. Da hatte er, Klenk, einen Referenten geschickt nach dem Gut des Dr. Bichler, hatte vertraulich die Meinung dieses großen Bauernführers, eines heimlichen Regenten im Lande Bayern, einholen lassen. Selbstverständlich hatte der Dr. Bichler, wie das von dem klugen Bauern nicht anders zu erwarten war, seine, Klenks, Meinung geteilt. Hatte von den Eseln in München gesprochen, die immer zeigen wollten, daß sie die Macht hätten. Als ob es auf den Schein der Macht ankäme und nicht auf ihren tatsächlichen Besitz. Das mit den Eseln kann der Flaucher noch nicht gehört haben; denn der Referent ist erst heute zurückgekommen. Bestimmt noch sitzt der Flaucher in der Tiroler Weinstube, einem Restaurant der Altstadt, wo er immer den spätern Abend verbringt, und tut sich dick mit dem morgigen Prozeß. Das mit den Eseln, diese Meinung des allmächtigen Mannes, das muß er, Klenk, ihm versetzen. Den Hauptspaß muß er sich gönnen.

Er kehrte um. Rasch stapfte er zurück, fand am Ausgang des Parks einen Wagen.

Ja, in der Tiroler Weinstube saß der Flaucher. Er saß in dem kleinen Nebenzimmer, wo der Viertelliter Wein zehn Pfennige mehr kostete, unter lauter Vertrauten. Klenk fand, daß der Kollege in diesem Restaurant viel passabler aussah als unter den Empiremöbeln des gut eingerichteten Arbeitsraums in seinem Ministerium.

Die betont bürgerliche Gemütlichkeit, die Holztäfelung, die massiven, ungedeckten Tische, die altväterisch festen, für seßhafte Männer gemachten Bänke und Stühle, das war der richtige Rahmen für den Dr. Franz Flaucher. Da hockte der schwere Mann mit seinem breiten, eigensinnig dumpfen Schädel, rings um ihn saßen auf gewohnten Plätzen Männer in festen Stellungen, mit festen Ansichten. Der Raum war dämmerig vom Rauch guter Zigarren und vom Dunst nahrhafter Speisen. Aus einem nahgelegenen Bierlokal drang durch die geöffneten Fenster der Gesang einer beliebten Volkssängertruppe; der Text ein Gemisch von Rührung und eindeutiger Fleischlichkeit. Draußen lag eng und verwinkelt der kleine Platz mit dem weltberühmten Bräuhaus. Hier also hockte auf dem gewohnten, festen Holzstuhl, den Dackel Waldmann zu seinen Füßen, der Minister Dr. Franz Flaucher, Maler, Schriftsteller, Wissenschaftler um ihn herum. Der Minister trank, lauschte, beschäftigte sich mit seinem Dackel. War heute, am Vorabend des Prozesses Krüger, besonders geachtet. Er hatte seinen Haß gegen den Mann Krüger nie verheimlicht. Es erwies sich, daß dieser Mensch mit den verderbten Kunstanschauungen auch im bürgerlich sittlichen Leben faul und angefressen war.

Wie der Kollege von der Justiz eintrat, wurde die Laune des Dr. Flaucher herabgestimmt. Es war ein bitterer Tropfen in seinem Wein, daß er den Sieg über den Mann Krüger eigentlich diesem Klenk zu verdanken hatte. Denn der Minister Dr. Franz Flaucher mißbilligte den Minister Dr. Otto Klenk, trotzdem sie der gleichen Partei angehörten und die gleiche Politik verfolgten. Er mißbilligte die patrizierhaft überlegene Art, wie Klenk mit ihm verkehrte, er mißbilligte sein Geld, seine beiden Autos, sein Besitztum und seine Jagd im Gebirge, seine lange Figur, sein herrisch unernstes Wesen, den ganzen Mann und alles, was ihm gehörte. Der hatte es leicht, der Klenk. Schon seine Eltern und Ureltern waren Großkopfige gewesen. Was wußte der von dem Wesen eines Beamten. Er, Franz Flaucher, geboren als vierter Sohn des Konzipienten des Königlichen Notars in Landshut in Niederbayern, hatte wahrlich jeden Zoll seines Weges von der Wiege bis zum Ministersessel mit Schweiß und hinuntergewürgten Demütigungen bezahlen müssen. Wieviel Nachtwachen und Zähnezusammenbeißen erforderte es schon, bis er im Gegensatz zu seinen Brüdern nicht nur nicht im Griechischen gescheitert war, sondern die Mittelschule absolvieren konnte, ohne eine Klasse wiederholen zu müssen. Dadurch zur Laufbahn eines höheren Beamten bestimmt, wieviel Schlauheit und Selbstüberwindung hatte er aufbringen müssen, um auf diesem Weg nicht steckenzubleiben. Wieviel Bittgänge, um immer wieder die klerikalen Stipendien zu ergattern, wieviel bescheidene Überredungsversuche bei den Redakteuren, bis er als Mitglied einer katholischen, nichtschlagenden Verbindung immer wieder seine Aufsätze unterbrachte, die von allen Seiten her Recht und Pflicht des Studenten beleuchteten, Satisfaktion mit der Waffe zu verweigern. Und wäre nicht der Glücksfall gekommen, daß Burschenschafter nach einem lustigen Frühschoppen, um seine Demut auf die Probe zu stellen, ihn verprügelten, er wäre trotz allem unten klebengeblieben. Allein auch so, wie oft noch mußte er bescheiden und zäh auf sein Märtyrertum hinweisen, an dem, ihm zum Heil, der Sohn einer einflußreichen Persönlichkeit aktiv beteiligt war, wie oft noch demütig und beharrlich Schmerzensgeld aus dieser Affäre verlangen, bis er hochkam. Und wieviel Lippenzusammenpressen kostete es, vor den Leithammeln der Partei immer wieder, während man es doch besser wußte, zu kuschen, damit nicht eines anderen besserer Gehorsam dieses andern bessere Eignung zum Minister erweise.

Mit tiefem Mißtrauen sah er, wie Klenk, lärmend begrüßt, am Tische Platz nahm, mit bärenhafter Anmut behagliche Witze riß, den oder jenen der Tafelrunde bald gutmütig, bald giftiggrün anulkend. Ein zuwiderer Kerl, dieser Klenk, ein verwöhnter Mensch, dem die Politik nichts ist als eine Gaudi, eine beliebige Beschäftigung, das Leben auszufüllen, wie ein Pokerabend im Herrenklub oder seine Jagd in Berchtoldszell. Was wußte der Klenk davon, wie tief von innen her sich Franz Flaucher verpflichtet fühlte, die alten, wohlbegründeten Anschauungen und Gebräuche zu verteidigen gegen die modische Laxheit der genußgierigen Zeit. Krieg, Umsturz, der ständig sich intensivierende Verkehr hatten so viele Dämme eingerissen: er, Franz Flaucher, war dazu da, die letzten Sicherungen von den giftigen Strömungen der Zeit zu schützen.

Was galten dem Klenk diese Dinge. Wie er dahockte, der Bursche, mit seinem großen Schädel, seinen langnägeligen Pratzen. Natürlich war ihm auch der übliche Tiroler Wein nicht gut genug, er mußte einen teuern Flaschenwein saufen. Sicher war ihm sogar der Prozeß Krüger nur ein spannender, amüsanter Trick. Daß einen die Unschädlichmachung des Mannes Krüger so angehen konnte wie die Heilung einer nassen Flechte, dafür hatte der unernste Mann kein Organ.

Denn der Angeklagte des Prozesses, der Doktor Martin Krüger, war so recht ein Gewächs der übeln Zeit nach dem Krieg. Während der Revolution ins Amt gekommen, hatte er als Subdirektor der staatlichen Sammlungen Gemälde erworben, die bei allen kirchlich und gesund Denkenden Anstoß erregten. Jenes zweideutige, umstürzlerisch gefärbte Bild »Josef und seine Brüder« war man ja glücklicherweise verhältnismäßig rasch wieder losgeworden. Aber der blutrünstige, sadistische »Crucifixus« des Malers Greiderer und jener weibliche Akt, der dadurch so schamlos wirkte, daß er ein Selbstporträt der Malerin darstellte – mußte eine Person nicht durch und durch verderbt sein, die sich selber nackt malte, Schenkel, Brüste dirnenhaft zur Schau stellend? –, diese beiden Bilder verhunzten noch bis vor kurzem die staatlichen Galerien. Seine Galerien, für die er, Franz Flaucher, verantwortlich war. Den Minister, dachte er an die beiden Bilder, überkam ein fast körperlicher Ekel. Er konnte den Urheber dieser Schweinerei, den Mann Krüger, nicht riechen, nicht seinen geschwungenen, schmeckerischen Mund, nicht seine grauen Augen mit den dicken Brauen. Als er einmal seine Hand hatte nehmen müssen, die warme, behaarte Hand des Mannes Krüger in seine eigene, harte, dickgeäderte, hatte er Sodbrennen bekommen.

Er hatte sogleich alles unternommen, um den Mann Krüger auszurotten. Aber seine Ministerkollegen, an der Spitze natürlich der Klenk, hatten Bedenken gehabt gegen gewaltsame Maßnahmen. Den Dr. Martin Krüger, der als Kunsthistoriker weithin klingenden Namen hatte, auf disziplinärem Weg wegen Unzulänglichkeit wegzujagen, hätte der Stadt eine Einbuße an Kunstprestige gebracht, und davor scheute man im Kabinett damals noch zurück.

Der Minister Flaucher, wenn er an diese Einwände dachte, durch die seine Kollegen ihn verhindert hatten, schon viel früher mit dem Krüger Schluß zu machen, knurrte so laut, daß der Dackel Waldmann zu seinen Füßen unruhig wurde. Kunstprestige! Der Staat, dem er diente, war ein Agrarstaat. Die Stadt München, mitten in diesem Staat gelegen, war ihrer Struktur und ihrer Bevölkerung nach eine Siedlung mit stark bäuerlichem Einschlag. Das sollten seine Kollegen gefälligst bedenken. Fernhalten sollten sie ihrer Residenz jene modisch sich brüstende, gehetzte Lebsucht, die die großen Städte der Epoche so scheußlich verunstaltete. Statt dessen redeten sie damisch daher von Kunstprestige und ähnlichem Blödsinn.

Der Minister Flaucher knurrte, seufzte, rülpste, goß Wein hinunter, lehnte sich mit beiden Armen übellaunig über den Tisch, duckte den wulstigen Schädel, betrachtete aus kleinen Augen den behaglich dasitzenden Klenk. Die Kellnerin Zenzi, seit langen Jahren diesen Tisch der Tiroler Weinstube betreuend, lehnte an der Anrichte, schaute organisatorisch auf ihre Gehilfin Resi und mit kleiner, gelassener Amüsiertheit auf die lärmenden Männer, ihren Gemütszustand und den Stand ihrer mehr oder weniger geleerten Gläser gleichzeitig im Auge haltend. Die dralle Frau, plattfüßig durch ihren Beruf, breit und hübsch von Gesicht, kannte sehr gut ihre Gäste, sie hatte genau beobachtet, wie sich der Minister Flaucher veränderte, als der Minister Klenk eintrat. Sie wußte, daß der Dr. Flaucher um diese Stunde, war er guter Laune, nochmals Würste, war er schlechter Laune, Rettich zu bestellen pflegte. Er brauchte seine Weisung nicht zu Ende zu knurren, so stand schon sein Rettich vor ihm.

Kunstprestige! Als ob er nicht Sinn hätte etwa für Musik. Aber es war dekadent, snobistisch, von wegen diesem Kunstprestige jedem Schlawiner seine provozierenden Schweinereien durchgehen zu lassen. Der Minister Flaucher zog verdrießlich und in Gedanken den Teller mit den Speiseresten seines Nachbarn zu sich heran und warf dem Dackel Waldmann den Knochen zu. Noch während er kunstgerecht seinen Rettich zubereitete, fraß es ihm an der Seele, wie endlos lang er den Schädling Krüger im Amt hatte dulden müssen.

Der Dackel zu seinen Füßen schmatzte, nagte an dem Knochen, schlang, fraß. Der Minister, die Hantierungen an seinem Rettich beendet, wartete, daß die einzelnen Schnitten der wässerigen Wurzel genügend Salz einsögen. Durch die geöffneten Fenster kam, trotz des Lärms in der Stube deutlich vernehmbar, aus dem gegenüberliegenden Bierlokal, von vielen hundert Stimmen mit gerührtem Behagen gesungen, die Münchner Stadthymne: solang der alte Peter am Petersberg stehe, solang die grüne Isar durch die Münchner Stadt gehe, so lang höre die Gemütlichkeit in der Münchner Stadt nicht auf. Ja, lange, lange hatte der Flaucher warten müssen, ehe er den Krüger ausgerottet hatte. So lange, bis ihm der – es war bedauerlicherweise nicht zu leugnen –, der Klenk das Werkzeug gegen den Mann Krüger in die Hand lieferte. Der Flaucher sah jene Stunde wieder deutlich vor sich. Es war an einem Abend wie heute; es war hier in der Tiroler Weinstube, an dem Tisch schräg gegenüber, unter dem großen Brandfleck in der Täfelung, den der Schriftsteller Lorenz Matthäi einmal so obszön ausgedeutet hatte. Hier hatte ihm der Klenk, seine tiefe Riesenstimme mühsam dämpfend, in Andeutungen zuerst, auf seine verdruckte, hinterhältig frotzelnde Art, später in klaren Worten die Affäre Krüger hingereicht, jene gottgesandte Meineidsaffäre, die die Handhabe bot, den Mann Krüger sogleich vom Amt zu suspendieren und ihn jetzt durch den Prozeß ein für allemal zu beseitigen. Es war ein großer Abend gewesen, er hätte beinahe dem Klenk seine ganze protzige Überlegenheit verziehen, so gehoben fühlte er sich über den Untergang der schlechten und den Sieg seiner guten Sache.

Und jetzt war es also an dem. Morgen wird der Prozeß steigen. Er, Flaucher, wird den Sieg auskosten, er wird dastehen, massig, imponierend, wie er es zuweilen an Pfarrern auf dörflichen Kanzeln gesehen hat, und mit dicker Stimme verkünden: »Seht ihr, so sind die Gottlosen. Ich, Franz Flaucher, habe von Anfang an den Teufel richtig gewittert.«

Er begann seinen jetzt genügend gebeizten Rettich zu verzehren; jeder einzelnen Schnitte gab er ein wenig Butter bei und einen Bissen Brot. Aber er aß mechanisch; der Genuß, den er sich erhofft hatte, wollte sich nicht einstellen. Ja, das Hochgefühl, mit dem er vor ein und einer halben Stunde seine Wohnung verlassen hatte, war fort, endgültig futsch, seitdem der Klenk in der Stube war. Scheinbar friedlich kümmert er sich nicht um den Flaucher, aber das simuliert er, gleich wird er ihn mit scheinheiliger Freundlichkeit derblecken.

Da hörte er schon die tiefe Stimme des Klenk. »Übrigens, Kollege«, sprach sie, »ich habe Ihnen noch etwas zu sagen.« Was der ihm zu sagen hat, ist sicher kein Oktoberfest. Ganz gelassen klang die umfangreiche Baßstimme; aber Flaucher hörte doch die böse, höhnische Absicht heraus. Klenk hatte sich umständlich zu seiner ganzen riesigen Höhe erhoben. Flaucher blieb sitzen, über den letzten Schnitten seines Rettichs. Aber Klenk winkte freundlich, jovial. Flaucher, widerwillig, gezogen, richtete sich hoch. An der Anrichte stand die Kassierin Zenzi, schaute ihn an. Auch ihre hurtige Gehilfin Resi, gleichzeitig mit einem Gast schwatzend, an einem anderen Tisch einen Teller wechselnd, schaute den beiden Männern nach, wie sie jetzt vertraulich nebeneinander zur Toilette gingen, Flaucher ein trübes Gefühl im Herzen wie als Student, wenn er hinausgebeten wurde.

In dem gekachelten Raum erzählte der Justizminister dem Kultusminister von der Unterredung seines Referenten mit dem Bauernführer Bichler. Nein, der Bichler war nicht recht einverstanden mit der Prozeßtaktik des Kollegen Flaucher. Esel, hatte er gesagt, schlechthin und unmißverständlich Esel, nach einem zuverlässigen Bericht. Nun teilte ja auch er, Klenk, die Meinung des Kollegen über die einzuschlagende Taktik keineswegs. Immerhin: Esel sei eine geschmalzene Bezeichnung. Das erzählte er, ohne seine riesige Baßstimme zu dämpfen, dröhnte es so laut, daß man ihn sicher auch außerhalb der Toilette hörte.

Trüb, die dicken Schultern noch runder und schlaffer als sonst, kehrte der Kultusminister Flaucher aus dem gekachelten Raum zurück an der Seite des fröhlich schwatzenden Klenk. Er hatte es ja gewußt, ihm gönnte man nichts. Gegen diese Willensäußerung des Ökonomen Bichler, des wahren Regenten in Bayern, war nicht aufzukommen. Hier hieß es beiseite treten, den Triumph aus den Händen fallen lassen. Beschissen jetzt schien ihm alles, der ganze Prozeß. Stumm über seinen Rettichresten saß er, den leise winselnden Dackel mit dem Fuß beiseit schob er, dumpf, grimmig hörte er zu, wie die vergnügte Laune des Klenk Lärm und Gelächter der Tafelrunde immer neu entfesselte.

Schwunglos schließlich, knurrig kehrte der Kultusminister Flaucher in seine Wohnung zurück, die er, weil am Vorabend des Prozesses Krüger, kurze Zeit zuvor sehr gehoben verlassen hatte. Müde, die Betrübnis seines Herrn ängstlich spürend, wischte Waldmann der Dackel in seinen Winkel.

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Der Chauffeur Ratzenberger und die bayrische Kunst

Der Vorsitzende, der Landesgerichtsdirektor Dr. Hartl, jovialer, blonder Herr, verhältnismäßig jung, noch nicht fünfzig, leicht beglatzt, beliebte eine elegante, schmissige Prozeßführung. Es gab unter den bayrischen Richtern nicht viele, die einen Prozeß, auf den die Augen des Reichs gerichtet waren, halbwegs mit Anstand führen konnten. Er wußte also, daß die Regierung mehr oder minder auf ihn angewiesen war, daß er ziemlich willkürlich vorgehen konnte, wenn nur das Endresultat, in diesem Fall die Verurteilung des Angeklagten, der Politik des Kabinetts entsprach. Reich, unabhängig, fühlte sich der ehrgeizige Richter als großer Herr. Es konnte nicht schaden, wenn er der Regierung bewies, daß er seine Fähigkeiten nach allen Seiten hin spielen lassen konnte, daß er ein Faktor war, mit dem man rechnen mußte. Seine gut bayrisch konservative Überzeugung stand über allem Zweifel fest; er war gesichert durch kluge Zusammensetzung der Geschworenenbank; juristisch fühlte er sich hinreichend souverän, mit Hilfe der zur Verfügung stehenden biegsamen Paragraphen jeden Spruch, der ihm beliebte, formal überzeugend zu begründen: warum also sollte er es sich nicht leisten, eine große Sache wie diesen Prozeß Krüger artistisch spielerisch zu führen, sein Verständnis für Menschliches leuchten zu lassen.

Mit sicherem Instinkt für wirkungsvollen Aufbau schränkte er die Vernehmung des Angeklagten auf Formales ein, auf nüchterne Angaben, und bot Spannung erst, als das Interesse zu erlahmen begann. Eine lange Weile mußte man warten, bis er den Hauptbelastungszeugen vorrief.

Die Hälse reckten sich, Lorgnons wurden vors Auge gestielt, die Zeichner der großen Journale begannen hastig zu arbeiten, als jetzt der Chauffeur Franz Xaver Ratzenberger, kleiner, dicker Mensch, rosig runder Kopf, blonder Schnauzbart, wichtig vortrat, geschmeichelt von der allgemeinen Aufmerksamkeit. Linkisch in dem ungewohnten schwarzen Anzug, ging er mit breitem, gespielt natürlichem Schritt, sehr plump. In knarrendem, umständlichem Dialekt beantwortete er die Fragen nach seinen Personalien.

Lautlos hörte man dann den wenigen, ungeschlachten, an sich nichtssagenden Sätzen zu, mit denen der untersetzte, kleinäugige Mensch den Beklagten Krüger entscheidend belastete. Er hatte also, vor drei und einem halben Jahr, in der Nacht vom Donnerstag, dem 23., zu Freitag, dem 24. Februar, den Beklagten Krüger und eine Dame um drei Viertel zwei Uhr morgens von der Widenmaierstraße zu dem Haus Katharinenstraße 94 gefahren. Dort war der Dr. Krüger ausgestiegen, hatte ihn abgelohnt und war mit der Dame in das Haus hineingegangen. Da der Beklagte in dem Disziplinarverfahren gegen die jetzt verstorbene Anna Elisabeth Haider unter Eid das Gegenteil bezeugt hatte, daß er nämlich in jener Nacht die Dame nach ihrer Wohnung gebracht habe, dann aber im gleichen Wagen weitergefahren sei, lag, wenn die Aussage des Chauffeurs glaubwürdig befunden wurde, Meineid vor.

Der Vorsitzende machte loyalerweise, ohne daß erst der Verteidiger Dr. Geyer hätte eingreifen müssen, den Chauffeur auf das Unwahrscheinliche seiner Aussage aufmerksam. Die Vorgänge lagen mehr als drei Jahre zurück. Wie kam es, daß Ratzenberger, der doch in der Zwischenzeit mehrere tausend Fahrgäste befördert hatte, sich des Dr. Krüger und seiner Begleiterin so genau erinnerte? War keine Verwechslung möglich? Im Datum? In den Personen? In der legeren Art, wie er mit Leuten aus dem Volk umzugehen pflegte, redete der Vorsitzende auf den Zeugen ein, so daß der Staatsanwalt beinahe unruhig wurde.

Aber der Chauffeur Ratzenberger war gut präpariert und blieb keine Antwort schuldig. In anderen Fällen könne er nicht mit solcher Bestimmtheit sagen, wann, wo und wie. Aber am 23. Februar sei sein Geburtstag, den habe er gefeiert, und eigentlich sei er entschlossen gewesen, die Nacht darauf keinen Dienst zu tun. Er sei aber dann doch losgefahren, weil nämlich die Rechnung für das Elektrische nicht bezahlt gewesen sei, und seine Alte habe so in ihn hineingeplärrt, und da sei er halt doch losgefahren. Hier konstatierten die Berichterstatter Heiterkeit. Es sei saukalt gewesen, und er hätte sich saumäßig geärgert, wenn er keine Fuhre gekriegt hätte. Sein Halteplatz sei an der Mauerkircherstraße gewesen, in einer Gegend, wo lauter noble Leute wohnten. Und dann habe er halt eine Fuhre gekriegt, eben den Herrn Dr. Krüger und eine Dame. Die Herrschaften seien aus einem Haus an der Widenmaierstraße gekommen mit lauter erleuchteten Fenstern, wo offenbar ein Fest gewesen sei.

Dies brachte er vor, treuherzig knarrend, nach jedem Satz etwas schmatzend, sehr bemüht, sich verständlich zu machen. Er wirkte auch bieder, gemütlich, glaubwürdig, er verbreitete Wohlwollen und Anregung. Richter, Geschworene, Journalisten, Publikum folgten interessiert seinen Aussagen.

Wieso er darauf geachtet habe, fragte der Vorsitzende – auch er sprach jetzt im Dialekt, was ihm allgemeine Sympathien eintrug –, daß der Dr. Krüger mit der Dame in das Haus in der Katharinenstraße gegangen sei. Der Chauffeur Ratzenberger erwiderte, dafür interessieren er und alle seine Kollegen sich sehr; denn die Herren, die eine Dame nach Hause begleiten und dann mit ihr hinaufgehen, die ließen sich nicht lange herausgeben, sondern spendierten anständige Trinkgelder.

Wieso er in der Dunkelheit den Angeklagten so genau gesehen habe, daß er ihn heute mit aller Bestimmtheit wiedererkenne?

Er bitte sehr, erwiderte der Chauffeur, aber einen Mann wie den Herrn Doktor erkenne man eben wieder.

Alle beschauten den Angeklagten, sein massiges Gesicht, die breite Stirn mit dem hereingewachsenen, strahlend schwarzen Haar, die grauen Augen mit den dicken, finsteren Brauen darüber, die fleischige, wuchtige Nase, den geschwungenen Mund. Es war richtig, dies Gesicht war leicht zu merken. Es war glaubhaft, daß der Chauffeur sich das Gesicht durch die Jahre gemerkt hatte.

Der Angeklagte saß unbeweglich. Sein Verteidiger, Dr. Geyer, hatte ihm eingeschärft, nicht einzugreifen, sondern ihn machen zu lassen. Dr. Geyer hätte gern auch das herausfordernde Lächeln vom Gesicht des Mannes Krüger gestrichen, das bestimmt nicht wohlgetan war und ihm wenig Sympathie brachte.

Der Rechtsanwalt, hagerer, blonder Herr, dünne, gekrümmte Nase in dem nervösen, mit Anstrengung beherrschten Gesicht, spärliches Haar, rasche, blaue Augen unter dicken Brillengläsern, merkte sehr gut, daß die Fragen des Vorsitzenden Suggestivfragen waren, dazu angetan, die Glaubwürdigkeit des Zeugen Ratzenberger zu erhärten, nicht, sie zu erschüttern. Er sah, daß man gut vorbereitet war auf den Einwand, daß unmöglich sich ein Chauffeur an das Verhalten eines Fahrgastes nach mehr als drei Jahren so minutiös genau erinnern könne. Dr. Geyer beschloß also, den Zeugen von anderer Seite her zu erschüttern. Er saß da, voll Spannung und Geladenheit wie ein angekurbeltes Auto, zitternd vor der Abfahrt. Eine rasche Röte kam und ging. Mit zufahrender Stimme, die scharfen Augen nicht von dem Chauffeur lassend, begann er, harmlos zunächst und von weit her, das Vorleben des Zeugen zu beklopfen, das auf besondere Glaubwürdigkeit nicht schließen ließ.

Der Chauffeur Ratzenberger hatte seine Stellung als Mechaniker oft gewechselt. Dann im Krieg war er viel in der Etappe gewesen, schließlich doch an die Front gekommen, verschüttet, wegen einer schweren Verletzung entlassen worden. Hatte sich in der Heimat aus irgendwelchen Gründen besonderer Protektion erfreut, so daß er die Uniform endgültig ausziehen konnte. Hatte dann geheiratet, ein Mädchen, das von ihm bereits zwei nicht mehr kleine Kinder hatte und das jetzt etwas Geld erbte. Von diesem Geld der Frau hatte er sich seine Autodroschke gekauft. Während er die Kinder, besonders seinen Sohn Ludwig, auf derbe Art verzog, war die Frau mehrmals bei der Polizei vorstellig geworden, ihr Mann habe sie mißhandelt. Auch von einem Familienzwist war die Rede, bei dem Franz Xaver Ratzenberger einen Bruder am Kopf verletzt habe und von seinen Geschwistern frecher und grober Lügen überführt worden sei. Mehrmals war er von Besitzern und Lenkern privater Wagen angezeigt worden, weil er sie unflätig beschimpft, auch körperlich bedroht hatte. Ratzenberger führte diese Anzeigen auf Intrigen zurück, behauptend, die meisten Herrenfahrer hätten etwas gegen die Droschkenführer, weil die besser fahren könnten. Auch sei er seit dem Krieg, häufig schon aus geringfügigem Anlaß, gereizt. Einmal hatte er, er wußte selbst nicht mehr recht warum, einen Selbstmordversuch gemacht. War unversehens aus einer Fähre, die in der Nähe Münchens über die Isar führte, mit dem Ausruf »Adieu, schöne Gegend!« aus dem Fährboot ins Wasser gesprungen, aber wieder aufgefischt worden.

Der Rechtsanwalt Dr. Geyer wunderte sich, daß man einem so nervösen Mann die Konzession zur Führung einer Autodroschke gegeben habe. Feststand, daß der Zeuge Ratzenberger trank. Wieviel? fragte die zufahrende, nicht angenehme Stimme Dr. Geyers. Etwa drei Liter am Tag. Manchmal auch mehr? Manchmal auch fünf. Auch sechs? Auch sechs. Existierte nicht ein polizeiliches Protokoll, daß er einmal einen Fahrgast, weil der ihm kein Trinkgeld gab, verprügelt hatte? Möglich. Wahrscheinlich habe der gescherte Lackl ihn beleidigt. Beleidigen lasse er sich nicht. Ob der Dr. Krüger ihm ein Trinkgeld gegeben habe, damals? Wisse er nicht mehr. Er pflege sich aber doch die Damenbegleitung seiner Kunden gerade wegen des Trinkgelds anzuschauen. Die hastige, helle Stimme des Anwalts hackte verwirrend scharf auf den Zeugen ein. Ob er den Angeklagten auch sonst schon gefahren habe? Wisse er nicht mehr. Aber so viel sei doch richtig, daß einmal ein Verfahren gegen ihn anhängig gemacht wurde, ihm die Fuhrkonzession zu entziehen?

Der Zeuge Ratzenberger wurde unter den rasch auf ihn niederstoßenden Fragen Dr. Geyers zunehmend unsicher. Er schmatzte viel, kaute an seinem rötlich verfransten Schnauzbart, geriet so tief in den Dialekt, daß die auswärtigen Berichterstatter kaum zu folgen vermochten. Der Staatsanwalt griff ein. Die Fragen hätten mit der Sache nichts zu tun. Der Vorsitzende, mit betonter Menschlichkeit für den Angeklagten, ließ die Fragen zu.

Ja also, es hatte einmal ein solches Verfahren wegen Konzessionsentziehung geschwebt. Eben wegen jener angeblichen Gewalttätigkeit gegen einen Fahrgast. Es sei aber niedergeschlagen worden. Die Angaben jenes Mannes, eines schofeln Kerls, eines Schlawiners, der sich nur von der Entrichtung der Taxe drücken wollte, hätten sich nicht als stichhaltig erwiesen.

Eine neue, rasche Röte flog über die Wangen des Dr. Geyer. Er packte schärfer zu. Seine schmalen, dünnhäutigen Hände hielt er jetzt nicht ohne Anstrengung ruhig, seine helle, hohe Stimme bohrte an dem Zeugen, klar, unerbittlich. Er wollte Zusammenhänge herstellen zwischen der heutigen Aussage des Chauffeurs und jenem Verfahren auf Konzessionsentziehung. Er wollte darlegen, daß das Verfahren niedergeschlagen worden sei, als sich die Möglichkeit ergab, durch die Aussage Ratzenbergers den Dr. Krüger zu belangen. Er stellte unschuldige Fragen, von sehr weit her sich näher pürschend. Aber da schaute Ratzenberger nicht vergeblich hilfesuchend nach dem Vorsitzenden, da griff Dr. Hartl ein, da war eine Mauer. Nicht erfuhr das Gericht, wie Ratzenberger zuerst ganz unbestimmt ausgesagt hatte, wie man ihm dann die Konzessionsentziehung ausmalte, wieder verschwinden ließ, bis er in seinen Bekundungen fest war. Nicht erfuhr man, wie da Fäden gingen von der Polizei zu den Justizbehörden, von den Justizbehörden zum Kultusministerium. Hier war alles vag, unbestimmt, nichts festzustellen. Immerhin war das Postament, auf dem der Zeuge Ratzenberger stand, angeknabbert. Allein er rettete, unterstützt vom Vorsitzenden, seinen Abgang. Durch einen volkstümlichen Ausspruch: er habe vielleicht wirklich einmal einen Fahrgast nicht ganz gebührlich behandelt; aber man solle fragen, wen man wolle, jeder Chauffeur der Stadt fahre besser mit zwei Maß Bier im Leib. Damit wurde er entlassen, fest glaubend, nach bestem Wissen und Gewissen seiner Zeugenpflicht genügt zu haben, mit sich nehmend viele Sympathien, die berechtigte Hoffnung auf manche Trinkgelder, die bestimmte Aussicht, selbst wenn ihn wieder so ein damischer Hammel von Fahrgast wegen Gewalttätigkeiten anzeigen sollte, im sichern Besitz seiner Konzession zu sein.

Das Gericht beschäftigte sich sodann mit dem Faschingsfest, das jener Autofahrt vorangegangen war. Dieses Fest hatte im letzten Jahr des Kriegs stattgefunden. Eine Dame aus Wien hatte einige dreißig Leute in ihre Wohnung gebeten. Die Wohnung war auf nette, anspruchslose Art geschmückt gewesen, man hatte getrunken, getanzt. Aber die Insassen der darunterliegenden Etage, der Dame aus Wien aus mancherlei Gründen feind, hatten die Polizei gerufen. Es war grober Unfug, während des Kriegs zu trinken und zu tanzen, die Polizei hatte die Festgäste aufgehoben. Soweit sie in kriegsdienstpflichtigem Alter standen und keine Beziehungen von Einfluß hatten, wurden sie, auch wenn sie als nicht felddiensttauglich oder als unabkömmlich befunden waren, umgeschrieben und an die Front geschickt.

Da die Wienerin, die das Fest veranstaltet hatte, Abgeordneten der oppositionellen Linksparteien nahestand, ließ sich die Behörde angelegen sein, den Vorfall nach Möglichkeit aufzubauschen. Schnell verwandelte sich der harmlose Tanz in eine wüste Orgie, man erzählte starkfarbige Details von den obszönen Akten, die sich dort abgespielt hätten. Die Dame wurde aus Bayern ausgewiesen. Sie hatte ein Kind von einem angesehenen Mann, der vor zwei Jahren gestorben war. Jetzt versuchten die Verwandten dieses Mannes, sie als sittlich unzuverlässig von der Vormundschaft über ihr Kind auszuschließen. Die Münchner Bürger erzählten sich angeregt schmunzelnd und lippenleckend immer saftigere Einzelheiten von jenem Abend; man kommentierte ausführlich, entrüstet und interessiert die raffinierten Verfallserscheinungen der Schlawiner, unter welcher Bezeichnung man in jener Stadt alle zusammenfaßte, die, sei es im Aussehen, sei es in der Lebensform, sei es in der Begabung, von der Norm des Mittelstandes abwichen.

Bestritt Dr. Krüger, daß er und die Dame an jenem fragwürdigen Abend in der Widenmaierstraße teilgenommen hatten? Nein. Durch eine umständliche Beweisführung suchte die Anklagebehörde festzustellen, daß die obszöne Luft jenes Festes Vorbedingungen geschaffen habe, aus denen heraus das Faktum, das der Chauffeur beeidet, daß nämlich Dr. Krüger der Dame in ihre Wohnung gefolgt war, doppelt naheliegend erschien. Der Staatsanwalt beantragte zunächst, wegen Gefährdung der Sittlichkeit die Öffentlichkeit auszuschließen. Es gelang zwar Dr. Geyer, diesen Vorstoß abzuwehren, vor allem, da sich der Vorsitzende bei dem murrenden Publikum nicht unbeliebt machen wollte. Doch nun wurde in öffentlicher Sitzung anschaulich gemacht, daß Polster auf dem Boden herumlagen, daß die Beleuchtung trüb und zweideutig war, daß man auf schamlose, überaus sinnliche Art tanzte. Dr. Geyer machte geltend, daß, wenn das Fest so anregend gewesen wäre, der Beklagte sich doch kaum so verhältnismäßig früh entfernt hätte. Allein der Staatsanwalt erwiderte geschickt: gerade durch die Atmosphäre jenes Abends habe Dr. Krüger das Bedürfnis gefühlt, möglichst bald mit seiner Dame allein zu sein. Konziliant, verständnisvoll, entlockte der Vorsitzende dem Zeugen immer mehr kleine Züge, die, an sich harmlos, in der Ausdeutung des Staatsanwalts höchst zwielichtig erschienen. Waren nicht Personen beiderlei Geschlechts anwesend? Lag man nicht auf Matratzen herum? Aß man nicht stimulierende Gerichte, deutschen Kaviar beispielsweise? Die Dame wurde vernommen, die jenes Fest veranstaltet hatte. Waren nicht an jenem Abend, an ein und demselben Abend, zwei Männer anwesend, mit denen sie liiert gewesen war? Tanzte sie nicht mit diesen beiden Männern? Hatte sie nicht auch, als dann die Polizei erschien, Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet? Sich mit den Polizisten herumgeprügelt? Sie war eine üppige Dame mit einem schönen, fleischigen Gesicht. Sie litt unter der Hitze des schwer zu lüftenden Raums, war nervös, ihre Aussagen klangen überstürzt, hysterisch. Sie erregte Heiterkeit und ein gewisses mit Verachtung gemischtes Wohlwollen, wie es die Bewohner jenes Landstrichs ihren Huren entgegenzubringen pflegten. Es stellte sich heraus, daß sie sich keineswegs mit den Polizisten herumgerauft hatte; sie hatte lediglich, als ein Polizist sie von hinten an der Schulter packte, mit dem Fächer gegen die unsichtbare Hand geschlagen. Sie war auch nicht etwa wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt worden, sondern nur wegen Übertretung der Vorschriften über die Rationierung der Kohle und der Elektrizität, weil sie nämlich gegen die Vorschrift in mehr als einem Zimmer Licht gebrannt hatte. Allein während die Gewalttätigkeiten des Chauffeurs Ratzenberger gegen den Schlawiner schmunzelnde Billigung fanden, hatte man für den Fächerschlag dieser Dame ein allerdings gekitzeltes Kopfschütteln. Jedenfalls sah man wieder, wie wüst es bei den Schlawinern zuging; das Publikum kam sehr auf seine Rechnung. Man war angenehm erregt, sogar geneigt, dem Angeklagten mildernde Umstände zuzugestehen. Doch trotz aller Kunst Dr. Geyers hatte das Gericht es zuwege gebracht, daß nun sämtliche Zuhörer von der Schuld des Mannes Krüger überzeugt waren.

Der Chauffeur Ratzenberger hatte am Abend dieses Tages im Restaurant »Zum Gaisgarten«, als er sein Auftreten vor Gericht mit seiner Stammtischrunde »Da fehlt sich nichts« feierte, die Achtung aller Vereinsbrüder für sich. Auch seine Geschwister, sonst ihn für einen Klachl und Scheißkerl haltend, fanden für diesen Abend, er sei ein feiner Hund, und seine Frau, die ihn früher wegen Mißhandlung mehrmals bei der Polizei angezeigt hatte, wissend, er habe sie nur behufs Erwerbs einer Autodroschke geheiratet und möchte sie gern wieder los sein, liebte ihn sehr.

Bewundernd aber mehr als die andern hing an seinen Lippen sein ältester Sohn, der Ludwig Ratzenberger, ein junger Bursch von angenehmem Aussehen. Ehrfürchtig trank er jedes Wort, das der Chauffeur langsam, selbstzufrieden unter seinem verfransten, bierschaumbedeckten Schnauzbart hervorkaute. Niemals hatte sich der Ludwig Ratzenberger aus seiner ewig lamentierenden Mutter etwas gemacht. Selbst damals an ihrem Ehrentag, als er ihr, ein Bub noch, bei ihrer späten Trauung die Brautschleppe getragen hatte, zusammen mit seiner Schwester, damals selbst hatte er etwas wie Verachtung für die Jammerselige gespürt. Der Vater hingegen, war der nicht von jeher und in jeder Lebenslage imposant gewesen? Dunkel erinnerte sich der Ludwig und mit dumpfem Wohlbehagen, wie ihm, schon als er noch nicht gehen konnte, der Vater, mit Hilfe eines Lappens, Bier in den kleinen, gierigen Mund eingeflößt hatte. Und wie hatte des Vaters Schimpfen und Fluchen das Zimmer und die Seele des Knaben ausgefüllt, mannhaft, vorbildlich. Dann die Stunden voll heimlicher, verbotener Gaudi, wenn ihm der Vater gegen die Vorschrift, denn er war noch zu jung, das Chauffieren beibrachte. Die indianerhafte Seligkeit der tollen, nächtlichen Fahrten in Wagen, deren Besitzer solche Ausflüge wahrscheinlich nicht gerne gesehen hätten. Und welch ungeheuren Eindruck hatte es dem Jungen gemacht, wie der Vater einem Herrenfahrer, der sich anläßlich eines geringfügigen Konflikts die Schimpfworte des Chauffeurs verbeten hatte, dann, als sein Wagen parkte, den Gummireifen zerschnitt. Dieses Sichanschleichen, diese Gehobenheit nach vollbrachter Rache. Jetzt, wie der Vater dastand, gerühmt von den Leuten im »Gaisgarten« und von den Zeitungen, glorreich, krönend sein bisheriges Leben, schwoll dem Jungen das Herz.

Die Oppositionspresse aber und einige auswärtige Zeitungen stellten nachdenkliche Betrachtungen an über die Zusammenhänge zwischen dem Gedächtnis des Chauffeurs Ratzenberger und der offiziellen Kunstpflege des Landes Bayern. Hätte nämlich der Chauffeur sich des Mannes Krüger nicht so genau erinnert, dann wäre es unmöglich gewesen, diesen zu suspendieren und die unbequemen Gemälde, deren Platz in der Staatsgalerie er durchgesetzt und verteidigt hatte, wieder zu entfernen.

4
Kurzer Rückblick auf die Justiz jener Jahre

In jenen Jahren nach dem großen Krieg war über den ganzen Globus hin die Justiz mehr als sonst politisiert.

In China wurden während des Bürgerkriegs Beamte aller Dienstgrade, sofern sie unter der besiegten Regierung gedient hatten, von dem jeweils siegreichen Regime um aller möglichen nicht begangenen Verbrechen willen nach Richterspruch gehängt oder erschossen.

In Indien verurteilten wegen gewisser Aufsätze und Bücher höfliche, imperialistische Richter unter tiefen Verneigungen vor der Überzeugungstreue und dem Edelmut der Beschuldigten auf Grund fragwürdiger, formaljuristischer Argumente Führer der nationalen Bewegung zu langjährigen Gefängnisstrafen.

In Rußland wurden Anhänger des zaristischen Systems von bolschewistischen Richtern wegen vermutlich nicht begangener Spionage, auf daß die Gegner eingeschüchtert würden, hingerichtet.

In Rumänien, Ungarn, Bulgarien wurden jüdische und sozialistische Angeklagte nach possenhaften Gerichtsverfahren zu Tausenden erschossen, gehängt, auf Lebenszeit in Kerker gesperrt um nicht bewiesener Straftaten willen, während Nationalisten nach erwiesenen Straftaten entweder nicht belangt oder freigesprochen oder zu geringfügiger Strafe verurteilt und amnestiert wurden.

Ähnlich in Deutschland.

In Italien wurden Anhänger der an der Macht befindlichen Diktatur trotz erwiesener Mordtaten freigesprochen, Gegner dieser Diktatur nach geheimen Verfahren verbannt und für verlustig ihres Vermögens und ihrer Ansprüche erklärt.

In Frankreich wurden Offiziere der am Rhein stehenden Besatzungsarmee nach Tötung von Deutschen freigesprochen, Pariser Kommunisten, die bei Zusammenstößen verhaftet worden waren, um nicht erweislicher Gewalttätigkeiten willen auf Jahre ins Gefängnis gesperrt.

In England erging es ähnlich irischen Nationalisten. Einzelne starben im Hungerstreik.

In Amerika wurden Mitglieder eines nationalistischen Klubs, die unschuldige Neger gelyncht hatten, freigelassen. Eingewanderte Italiener, Kommunisten, wurden um eines angeblichen Mordes willen trotz glaubhaft gemachten Alibis von den Geschworenen einer mittelgroßen Stadt zum elektrischen Stuhl verurteilt.

Dies geschah entweder im Namen der Republik oder des Volkes oder des Königs, in jedem Fall im Namen des Rechts.

Der Prozeß Krüger, neben vielen ähnlichen Prozessen, fand im Juni eines jener Jahre statt, in Deutschland, im Lande Bayern. Es war nämlich damals Deutschland noch in Länder zerteilt, und zwar umfaßte das Land Bayern bajuwarische, alemannische, fränkische Gebiete, merkwürdigerweise auch einen Teil links des Rheins, die sogenannte Pfalz.

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Herr Hessreiter demonstriert

Im modischen, grauen Anzug, den schönen, ererbten Elfenbeinstock leicht schwingend, verließ der Kommerzienrat Paul Hessreiter, einer der Geschworenen des Prozesses Krüger, seine Villa, ruhig gelegen an der Seestraße in Schwabing, in der Nähe des Englischen Gartens. Da heute der Beginn der Verhandlung aus einem technischen Grund erst auf elf Uhr angesetzt war, benutzte er den Morgen zu einem Spaziergang. Ursprünglich hatte er hinausfahren wollen an den Starnberger See, nach Luitpoldsbrunn, dem schönen Besitz seiner Freundin, der Frau von Radolny, draußen im See baden und mit ihr frühstücken. Mit dem neuen, amerikanischen Wagen, den er vor drei Wochen gekauft hatte, wäre er bequem noch zu Beginn der Verhandlung zurück gewesen. Aber er hatte die telefonische Auskunft erhalten, Frau von Radolny sei noch zu Bett und habe nicht die Absicht, heute vor zehn Uhr aufzustehen.

Träge federnd, mit langsamer Eleganz, ging Paul Hessreiter durch die Junisonne der Stadt München. Trotz des blanken Himmels und der leichten, frischen Luft der geliebten bayrischen Hochebene fühlte er sich nicht so vergnügt und befriedet mit sich, der Welt und seiner Stadt wie sonst. Er ging die breite Pappelallee der Leopoldstraße entlang zwischen Vorgärten und friedlichen Häusern. Blitzblaue Wagen der Straßenbahn klingelten fröhlich vorbei. Gewohnheitsmäßig sah er nach den Beinen der aufsteigenden Frauen, die die Mode der Zeit bis hoch hinauf freigab. Mit umständlicher, heute etwas gezwungener Munterkeit dankte er vielen Grüßen. Denn viele Leute grüßten ihn, manche sahen ihm mit Neid, die meisten mit Wohlwollen nach. Ja, der hatte es gut, der Hessreiter. Inhaber der ausgezeichnet gehenden Fabrik Süddeutsche Keramiken Ludwig Hessreiter & Sohn, von ererbtem Vermögen, aus geachteter Großbürgerfamilie, als guter, etwas behaglicher Sportsmann mit seinen zweiundvierzig Jahren sehr jung, ein famoser Gesellschafter, gefällig, jedermanns Spezi, einer der fünf eingeborenen Lebemänner der Stadt. Nirgends verkehrte man lieber als in seinem Haus an der Seestraße und in Luitpoldsbrunn, dem breit und reich geführten Besitz seiner Freundin.

Herrn Hessreiters Vaterstadt München mit den Seen und Bergen ihrer Umgebung, mit ihren ansehnlichen Sammlungen, ihrer lichten, gemütlichen Architektur, mit ihrem Fasching und ihren Festen war die schönste Stadt des Reichs, Herrn Hessreiters Stadtteil Schwabing war der schönste Teil Münchens, Herrn Hessreiters Haus war das schönste in Schwabing, und Herr Hessreiter war der beste Mann in seinem Haus. Dennoch hatte er heute keine Lust an seinem Spaziergang. Er stand unter dem großen Siegestor, zu seinen Häupten die Bavaria mit ihrer Löwenquadriga, das mächtige Sinnbild des kleinen Landes. Seine braunen, schleierigen Augen blinzelten nachdenklich und beschäftigt in die besonnte Ludwigstraße, deren schöner, behaglich provinzialisierter Renaissancestil ihm nicht die Freude wie sonst machte. Er stützte sich in sonderbar benommener Haltung auf den elfenbeinernen Stock und sah, der gemeinhin so muntere Herr, nicht mehr jung aus.

War es doch dieser damische Prozeß? Er hätte seinem ersten Antrieb folgen sollen, hätte keinen Geschworenen machen, gleich als er die Ladung bekam, unter irgendeinem Vorwand ablehnen sollen. Mitglied des feudalen Herrenklubs, auch durch seine Freundin, die Baronin Radolny, mit den Kreisen des früheren Hofes in mannigfacher Berührung, hatte er die Zusammenhänge und Hintergründe des Prozesses Krüger von Anfang an genau gekannt. Jetzt saß er mittendrin in dieser unsympathischen Geschichte. Saß, gestern, heute, morgen, in dem großen Schwurgerichtssaal im Justizpalast, in unmittelbarer Nähe des Landesgerichtsdirektors Hartl, des Dr. Krüger, des Rechtsanwaltes Geyer, an einem Tisch mit fünf anderen Geschworenen: dem Hoflieferanten Dirmoser, bei dem er seine Handschuhe zu kaufen pflegte, dem Altmöbelhändler Lechner, der ihm durch seine großen, gewürfelten Taschentücher, in die er sich oft und umständlich schneuzte, auf die Nerven ging, dem Gymnasiallehrer Feichtinger, der angestrengt, unglücklich und offenbar ohne jedes Verständnis aus seinen blassen Augen hinter einer großen Stahlbrille der Verhandlung folgte, dem Versicherungsagenten von Dellmaier, Angehörigen einer sehr alten und angesehenen Münchner Familie – eine Straße hieß sogar nach ihr –, doch nunmehr heruntergekommen, windig und geneigt zu ungewöhnlich platten Witzen, und schließlich dem Briefträger Cortesi, einem schweren, höflichen, beflissenen Menschen, der stark nach Schweiß roch. Er hatte nichts gegen diese fünf Männer, aber es war nicht angenehm, mit ihnen zusammen die Komparserie des Prozesses zu machen. Er interessierte sich wenig für Politik, und es schien ihm ein starkes Stück, einen Mann wegen eines Kavaliereids zu Fall zu bringen. Man sollte bei einer solchen Sache nicht mitmachen. Es war seine verflixte Neugier, die ihn in diese Schweinerei hineinbugsiert hatte. Immer mußte er Einblicke tun. Die Verstrickung dieses unseligen Mannes Krüger hatte ihn angezogen. Jetzt hatte er’s und konnte die schönen Junitage unbehaglich im Justizpalast versitzen.

Er durchschritt das Siegestor, passierte die Universität. Aus den links liegenden, geistlicher Erziehung eingeräumten Gebäuden kamen in schwarzen Soutanen Theologiestudenten mit groben, stillen, bäurischen Köpfen. Ein uralter, lederhäutiger Professor des Kirchenrechts mit blicklosen Augen und totenschädelig eingeschrumpftem Gesicht schlurfte zwischen den friedlich plätschernden Springbrunnen. Das war immer so gewesen, wird wohl noch eine Weile so bleiben und hatte etwas Beruhigendes. Aber mit heftiger Kritik heute sah Hessreiter die Studenten. Er schärfte seine schleierigen Augen, betrachtete aufmerksam die wichtig sich habenden jungen Menschen. Viele sahen sportlich aus, mit knappen Gürteln, forschen, praktischen Jacken aus derbem Stoff. Andere, sorgfältig angezogen, mit ruckartigen, soldatischen Bewegungen waren wohl Offiziere gewesen. Jetzt, da sie beim Film oder in der Industrie nicht unterkamen, suchten sie durch hastig lustloses Studium in die Justiz oder in die Staatsverwaltung hineinzuschlüpfen. Über gutgewachsenen, trainierten Körpern sah er viele skrupellose Gesichter, geeignet für gewisse technische, für mancherlei sportliche Leistungen, entschlossen zum Rekord. Aber bei aller Anspannung schienen ihm die Gesichter doch sonderbar schlaff, als seien sie Autoreifen, noch gespannt, aber schon angestochen, daß sogleich die Luft, entweichen wird.

Vor dem breiten Gebäude der staatlichen Bibliothek saßen in Stein gehauen friedlich in der Sonne vier Männer altgriechischen Gepräges mit nacktem Oberkörper. Er hatte in der Schule gelernt, wen sie darstellten. Heute wußte er es natürlich nicht mehr. Wenn man täglich an jemandem vorbeigeht, sollte man eigentlich wissen, wer es ist. Er wird sich nächstens einmal wieder erkundigen. Wie immer, es war eine gute Bibliothek. Zu schade eigentlich für die jungen Leute mit den Rekordköpfen. Sie waren nur zu einem kleinen Teil Münchner, diese zukünftigen Lehrer, Richter, Beamten. Früher hatte die schöne, behagliche Stadt die besten Köpfe des Reichs angezogen. Wie kam es, daß die jetzt fort waren, daß an ihrer Stelle alles, was faul und schlecht war im Reich und sich anderswo nicht halten konnte, magisch angezogen nach München flüchtete?

Jemand knurrte ihm einen Gruß entgegen, blieb stehen, sprach ihn an. Ein breiter Mann in graugrüner Joppe, kleine Augen in dem runden Schädel, der Dr. Matthäi, der Schriftsteller, den seine Darstellungen oberbayrischen Lebens weithin bekannt gemacht hatten. Er und Hessreiter waren nächtelang in der Tiroler Weinstube zusammengesessen, Hessreiter war bei Matthäi in Tegernsee, der bei ihm und Frau von Radolny in Luitpoldsbrunn zu Gast gewesen. Der vierschrötige, knurrige Mann in der Joppe und der phlegmatisch elegante in dem modisch grauen Anzug sagten sich du, sahen sich gerne. Dr. Lorenz Matthäi kam von der Galerie Novodny, wo heute die Bilder, die dem Dr. Krüger die Feindschaft der Gutgesinnten zugezogen hatten, zum erstenmal seit ihrer Entfernung aus der Staatsgalerie öffentlich ausgestellt waren. Auf die Ankündigung hin hatten einige von den Gutgesinnten heute nacht der Galerie Novodny die Fenster eingeschlagen. Dr. Matthäi freute sich über die Gaudi. Er fragte, ob Hessreiter sich die Schinken auch ansehen wolle. Er riß ein paar saftige Witze über die Bilder, sprach von einem Gedicht, das er zu machen beabsichtige gegen die Snobs, die sie jetzt andächtig begafften, erzählte eine geschmalzene Anekdote über den Andreas Greiderer, den Maler des beanstandeten »Crucifixus«. Aber Hessreiters Augen hingen nicht mit der üblichen Begeisterung an den dicken Lippen des Schriftstellers. Er hörte nur mit halbem Ohr auf die Anekdote, lachte etwas krampfig, wich den Fragen über seine Geschworenentätigkeit aus, verabschiedete sich bald. Der Dr. Matthäi schüttelte nachdenklich den klobigen, bezwickerten Kopf hinter ihm.

Herr Hessreiter ging dem Hofgarten zu. Er nahm heute sogar dem Dichter Matthäi, dem Klassiker in der Darstellung oberbayrischen Lebens, seine Worte krumm. Grantig wie er war, neigte er dazu, ganz allgemein den Gegnern des Dichters Lorenz Matthäi recht zu geben. War der Lorenz nicht einmal ein Rebell gewesen? Hatte er nicht saftige, bösartige Gedichte gemacht gegen die harte, ichsüchtige dumme, heuchlerische Verstocktheit des bayrisch klerikalen Systems? Es waren tapfere Verse gewesen, den Gegner mit photographischer Akribie treffend. Aber jetzt war er fett geworden, wir wurden wohl alle fett, sein Witz war verstumpft, seine Zähne fielen aus. Nein, es war nichts mehr Erfreuliches an dem Dr. Matthäi; Herr Hessreiter begriff nicht, warum er so herzlich mit ihm stand. Die kleinen, bösartigen Augen in dem zerhackten, fetten Schädel: wie konnte man einen solchen Kerl mögen! Was er über den Mann Krüger und die Bilder gesagt hatte, einfach ekelhaft war das gewesen. Ekelhaft überhaupt war es, daß jetzt auch einen Mann wie den Dr. Lorenz Matthäi sein dickes Blut der regierenden bäuerlichen Schicht so blind in die Arme getrieben hatte. Je nun, kritisch war er wohl nicht, kritisch waren wir alle nicht, sein Herz war wahrscheinlich immer dort gewesen.

Herr Hessreiter war jetzt auf den Odeonsplatz gelangt. Vor ihm hob sich die Feldherrnhalle, eine Nachbildung der Florentiner Loggia dei Lanzi, errichtet den beiden größten bayrischen Feldherren, Tilly und Wrede, von denen der eine kein Bayer und der andere kein Feldherr war. Herrn Hessreiter, sooft er die Feldherrnhalle sah, gab es einen kleinen Stich. Er erinnerte sich, welche Freude er als ganz junger Mensch gehabt hatte an dem schönen Bauwerk, das der Architekt Gärtner mit sicherem Takt als Abschluß der Ludwigstraße hingesetzt hatte. Aber schon als Knabe hatte er erleben müssen, daß man auf die Treppenwangen zwei schreitende Löwen setzte, die strenge, vertikale Wirkung des Bauwerks zerstörend. Später dann hatten die Hammel die Rückwand der Halle mit einer blöden, akademischen Aktgruppe verhunzt, dem sogenannten Armeedenkmal. Seither schaute Herr Hessreiter immer mit einer gewissen Scheu auf die Feldherrnhalle, ob nicht dort über Nacht irgendein neues Greuel aufgestellt sei, und die zunehmende Verschandelung der Loggia galt ihm als Barometer der Böotisierung seiner Stadt.

Heute war in der Halle Militärmusik aufgezogen, ein inniges Lied aus einer Wagneroper schmetterte über den mit flanierendem Volk dicht gefüllten Platz. Der Verkehr stockte, Autos hielten, die blauen Wagen der elektrischen Bahn klingelten sich mühsam durch das Gedränge ihren Weg. Viele bemützte Studenten waren da, standen in Gruppen, grüßten sich gegenseitig durch tiefes, eckiges, scharf gemessenes Abziehen ihrer Mützen, genossen die Blechmusik. Herr Hessreiter fing Fetzen ihres Gesprächs auf. Feststand, daß man dem Komment zufolge während des Essens von warmen Speisen die farbigen Mützen ablegte, beim Konsum kalter Gerichte hingegen sie aufbehielt. Die Debatte ging nun darüber, ob gehacktes, rohes, mit Zwiebeln und Ei gemischtes Fleisch, sogenanntes Tatar-Beefsteak, nicht warmem Essen gleich zu achten sei, ob es als warm ziehe oder nicht. Eifrig und mit vielen Argumenten diskutierten darüber die Angehörigen verschiedener Studentenverbindungen. Kinder und Frauen fütterten zahme, dicke Tauben, die an der Halle der fragwürdigen Feldherren und an der barocken Theatinerkirche nisteten. Am Ausgangstor des Hofgartens stand wie in Ergänzung der Statuen der Halle idolhaft wuchtig ein Feldherr des großen Krieges noch in Fleisch und Blut, herrisch sich reckend inmitten einer ehrfurchtsvollen Gruppe, der General Vesemann, krampfig forscher Schädel, flacher Hinterkopf, fleischiger Nacken.

Herr Hessreiter hatte ursprünglich vorgehabt, in einem der stillen, friedlichen Hofgartencafés unter den großen Kastanienbäumen einen Wermut zu trinken, bevor er sich in den Schwurgerichtssaal begab. Auf einmal reizte ihn das nicht mehr. Er sah nach der Uhr. Er hatte noch eine kleine Stunde Zeit. Er wird sich doch noch die Bilder in der Galerie Novodny anschauen.

Herr Hessreiter war ein friedlicher Herr in ungewöhnlich günstigen Umständen, nicht geneigt, gegen die Weltläufte zu rebellieren. Aber er ärgerte sich über den Matthäi. Er hatte einiges von dem Krüger gelesen, Bücher und Essays, das Buch über die Spanier vor allem, er goutierte es nicht ganz, es war ihm zu sensitiv, Sexualdinge waren überbetont, alles war übertrieben. Auch persönlich war er mit dem Krüger einige Male zusammengetroffen. Er schien ihm ein bißchen ein Gigerl und ein Krampfbruder. Aber mußte man deshalb so giftig über ihn losfahren? Mußte man überhaupt einen gleich ins Zuchthaus schicken, weil er ein paar Bilder in die Galerie gehängt hatte, die ein paar Trotteln von Akademikern nicht paßten, weil die lieber ihre eigenen Schinken dort hätten hängen sehen? Das fleischige Gesicht des Herrn Hessreiter sah angestrengt und bekümmert aus; er malmte, die Schläfen mit dem leicht melierten Bart zuckten. Wenn man alle ins Zuchthaus schicken wollte, die einmal mit einer Frau geschlafen und es hinterher abgeschworen hatten, wohin käme man da. Die Bevölkerung war doch sonst nicht so. Herr Hessreiter, in die Brienner Straße eingebogen, der Galerie Novodny zu, mußte sich zwingen, nicht ungebührlich schnell zu gehen. So kribbelig war er plötzlich darauf, die Bilder wiederzusehen, derenthalb er jetzt zusammen mit den fünf anderen Münchnern auf der Geschworenenbank im großen Saal des Justizpalastes saß.

Endlich stand er in der Galerie. Es war ihm heiß geworden, die Kühle des schattigen Raumes tat ihm wohl. Herr Novodny, der Besitzer, schwarz, klein, smart, führte den verständigen, sehr solventen Besucher erfreut sogleich zu den Bildern, vor denen eine kleine Gruppe Betrachter stand, scharf im Auge gehalten von zwei massig gebauten Individuen. Seiner Hauspolizei, wie Herr Novodny erzählte; denn die staatliche Polizei lehnte den Schutz der Gemälde ab. In seiner hurtigen, sprudelnden Art erzählte der Galeriebesitzer weiter. Die Aktion der bayrischen Regierung habe die Bilder noch mehr in Sicht gebracht, als selbst er erwartet hatte. Schon seien eine Reihe ansehnlicher Kaufangebote da. Es sei erstaunlich, wie der Maler Greiderer über Nacht Mode geworden sei, gesucht, bezahlt.

Herr Hessreiter kannte den Greiderer. Ein mittelmäßiger Maler, unter uns. Aber ein zünftiger Gesellschafter, von bäurisch liebenswerten Manieren. Er blies auf der Mundharmonika, auch schwierige Dinge, Brahms, den Rosenkavalier. In der Tiroler Weinstube hatte er das manchmal vorgeführt.

Herr Novodny lachte. Die Herren von der Tiroler Weinstube jedenfalls, die eingesessenen Münchner Maler mit ihrem fest abgesteckten Platz in der Kunstgeschichte und ihrem soliden Ruf bei bestimmten solventen Käuferschichten ärgerten sich grün und gelb über den jäh aufgetauchten Konkurrenten; denn seine Bilder gingen eigentlich dem Publikum genauso ein wie die ihren. Im übrigen spreche der Greiderer von seinem Erfolg naiv, entwaffnend beglückt, so daß jedermann, abgesehen eben von jenen Konkurrenten, ihm die Geschichte gönne. Viele Jahre unbeachtet in der Ecke, angejahrt, habe er Erfolg nicht mehr erwartet. Rührend sei, wie er jetzt seine alte Mutter, die sich mit Händen und Füßen dagegen sträubte, zwingen wolle, ihr Bäuerinnendasein in einem mittelalterlichen Dörfchen in das Leben einer städtischen Matrone zu verwandeln mit Auto, Chauffeur, Gesellschafterin.

Herr Hessreiter hörte unbehaglich zu. Die hurtigen Worte des Herrn Novodny störten ihn, er war froh, als der bewegliche Herr sich entfernte.

Herr Hessreiter beschaute das Bild des Malers Greiderer. Er verstand, daß dieser »Crucifixus« zarte Nerven irritierte. Aber, lieber Gott, die jetzt so schockierten Herren hatten doch sonst in vielen Fällen ganz robuste Nerven gezeigt, hatten den Krieg ohne merkbare Erschütterung überstanden, hatten in der Folge Dinge getan oder zumindest geschehen lassen, die in leitender Stelle mitzumachen einige Kaltblütigkeit erforderte. Zudem war ihnen sicher nicht unbekannt, daß es in allen und selbstverständlich auch in der Münchner Galerie eine große Reihe von Darstellungen des gemarterten Heilands gab, die auch nicht gerade übermäßig zahm wirkten.

Immerhin merkwürdig dieser Erfolg des Malers Greiderer. Weil der Kretin von einem Franz Flaucher den Krüger nicht leiden kann, hat der Maler Greiderer einen Erfolg und zwingt seine alte Mutter, sich aus einer zufriedenen Bäuerin in eine bemühte Großstädterin zu verwandeln. Nein, gut eingerichtet ist das nicht, irgend etwas stimmt da nicht.

Die Anna Elisabeth Haider, die Malerin des Akts, hatte ja nun nichts mehr von dem Aufsehen, das ihr Bild jetzt machte. Sie war tot, sie hatte sich auf üble Weise umgebracht, und nichts mehr war da von ihr außer diesem unappetitlichen Prozeß und diesem einen Bild. Denn sie war eine sonderbare Person gewesen, sie hatte ihre Bilder vernichtet. Und um dieses eine, das Martin Krüger gerettet hatte, war jetzt die schlechte Luft dieses widerlichen Prozesses.

Er beschaute das Selbstporträt, fühlte sich stark angerührt. Er verstand nicht, was an dem Bild Aufreizendes sein sollte. Was waren das für Männer, denen allein die Vorstellung, daß eine Frau sich auf solche Weise malen konnte, zur Aufgeilung genügte. Die Frau blickte mit einem verlorenen und gleichwohl gespannten Ausdruck, der nicht übermäßig schlanke und gewiß nicht geschmeichelte Hals war auf hilflose und rührende Art gereckt, die Brüste schwammen weich in der milchig zarten Luft des Bildes und schienen doch fest. Das Ganze war anatomisch exakt und zugleich poetisch. Sollen die braven Herren von der Akademie das einmal nachmachen.

Herr Novodny stand wieder neben ihm, redete. »Was halten Sie für einen angemessenen Preis für den Akt?« unterbrach unvermittelt Herr Hessreiter. Herr Novodny, überrascht, blickte Herrn Hessreiter zweifelnd an, wußte, der sonst so Gewandte, nicht, was er sagen sollte, nannte schließlich einen hohen Betrag. »Hm«, sagte Herr Hessreiter. »Danke«, sagte er dann, verabschiedete sich umständlich, entfernte sich.

Kehrte nach fünf Minuten zurück. Sagte in einer gezwungenen beiläufigen Art: »Ich kaufe das Bild.«

Herr Novodny, bei aller Geschicklichkeit, konnte seine Sensation nicht ganz verbergen. Herrn Hessreiter war das nicht angenehm. Wenn schon Herr Novodny so runde Augen machte, was wird Frau von Radolny, was die ganze Stadt zu dem Ankauf des Bildes sagen? Gewiß, dieser Bilderkauf war eine Demonstration. Der ganze Prozeß Krüger und alles rundherum paßte ihm nicht. Aus diesem Gefühl heraus war er umgekehrt, hatte er das Bild gekauft. Aber vor andern auf so knallige Art sich aufzuspielen, war das nicht ein wenig geschmacklos? Genügte es nicht, still und entschieden vor sich selber zu demonstrieren, seine Stellung festzulegen?

Unsicher und etwas schwer stand er vor dem höflich schweigenden Herrn Novodny. »Ich kaufe das Bild im Auftrag eines Freundes«, sagte er schließlich, »und ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie vorläufig nichts davon verlauten ließen, daß ich den Kauf vermittle.« Herr Novodny sicherte das so beflissen zu, daß sein Unglaube und seine Diskretion kilometerweit erkennbar waren. Dann fuhr Herr Hessreiter verdrossen, trotzig, sich wegen seiner Feigheit beschimpfend, befriedigt wegen seines Mutes, in den Justizpalast und setzte sich auf seinen Geschworenenplatz, im Angesicht des Landesgerichtsdirektors Hartl und des Mannes Krüger, in eine Reihe mit seinen Mitgeschworenen, dem Hoflieferanten Dirmoser, dem Gymnasiallehrer Feichtinger, dem Altmöbelhändler Lechner, dem Versicherungsagenten von Dellmaier und dem Briefträger Cortesi.

6
Das Haus Katharinenstraße 94 sagt aus

Der Landesgerichtsdirektor Hartl wandte sich dem Verhör der Hausgenossen des toten Mädchens Anna Elisabeth Haider zu. Fräulein Haider hatte im Hause Katharinenstraße 94 eine Atelierwohnung innegehabt. Katharinenstraße 94 war ein kahles Miethaus, bewohnt von kleinen Kaufleuten, Beamten, Handwerkern. Fräulein Haider war nicht selbständige Mieterin gewesen, vielmehr Untermieterin einer gewissen Frau Hofrat Beradt, deren Sohn Maler und im Krieg verschollen war. Frau Beradts Bekundungen über das tote Fräulein Haider klangen säuerlich. Es hatte bald Zwistigkeiten zwischen dem Fräulein und ihr gegeben. Das Fräulein war schlampig, schmutzig, kam zu unregelmäßigen Zeiten, bereitete sich gegen ausdrückliches Verbot im Atelier auf feuergefährliche Art Speisen und Getränke, zahlte unpünktlich, empfing zweideutige, lärmende Besuche, hielt sich an keine Ordnung. Als die Beziehungen mit dem Angeklagten Krüger begannen, hatte Frau Hofrat Beradt, wie sie mit scharfer Stimme feststellte, dem Fräulein sogleich gekündigt. Aber die damaligen Gesetze schützten leider den Untermieter, es war zu langwierigen Verhandlungen vor dem Mieteinigungsamt gekommen, und es war der Hofrätin nicht geglückt, den lästigen Insassen loszuwerden. Herr Dr. Krüger sei anfangs sehr häufig gekommen, fast täglich, sie wie das ganze Haus hätten an den anstößigen Beziehungen des Herrn zu dem Fräulein Ärgernis genommen. Woraus sie habe entnehmen können, fragte Dr. Geyer, daß diese Beziehungen mehr als freundschaftliche waren. Die Hofrätin Beradt, sich rötend und nach mehrmaligem Räuspern, erklärte, der Herr und das Fräulein hätten auf vertrauliche, geradezu intime Art gelacht, auch habe Herr Dr. Krüger das Fräulein auf der Treppe mehrmals am Arm, an der Schulter, am Nacken angefaßt, wie es zwischen nicht intim Stehenden nicht üblich sei. Ferner sei aus dem Atelier kreischendes Gelächter gekommen, kleine, gekitzelte Schreie, Geflüster, eben anstößige Laute. Ob das Atelier so gelegen sei, daß die Nachbarn ohne weiteres hätten hören können? Es sei zwar ein Zimmer dazwischen gewesen, erklärte die Hofrätin, aber bei angespannter Aufmerksamkeit, in der Nacht, wenn man zudem ein gutes Gehör habe wie sie, dann habe man diese Laute wohl hören müssen. Hören müssen oder können? fragte Dr. Geyer, leicht gerötet und mühsam beherrscht, unter der scharfen Brille unangenehm zwinkernd. Hier lachte der windig aussehende Geschworene von Dellmaier ein wenig, verstummte indes gleich wieder auf einen vorwurfsvollen Blick seines Mitgeschworenen, des Briefträgers Cortesi, und einen erstaunt blöden des Gymnasiallehrers Feichtinger.

Ob der Dr. Krüger in der fraglichen Nacht bei Fräulein Haider gewesen sei, konnte die Hofrätin nach so langer Zeit nicht mehr angeben. Jedenfalls habe sie, daß der Herr einige Male zu unziemlichen Zeiten das Atelier betrat oder verließ, deutlich gesehen, beziehungsweise gehört.

Ähnlich sagten die andern Zeugen aus. Es war über das Fräulein viel getuschelt worden. Das Fräulein sei ein sonderbar schlampiges Geschöpf gewesen, schlecht und verwahrlost angezogen. Darum hat sie sich ja auch nackt gemalt, witzelte ein Journalist. Augen hatte sie oft zum Fürchten. Man konnte nicht in ein richtiges Gespräch mit ihr kommen. Die zahlreichen Kinder des Hauses hatten sie gern; trotzdem es ihr nicht gut ging, schenkte sie ihnen Früchte, Bonbons. Aber alles in allem war sie unbeliebt, besonders seitdem sie einmal eine struppige, verwahrloste Katze mitgebracht hatte, die dann eine andere Katze im Haus mit der Räude ansteckte. Daß sie zu dem Dr. Krüger intime Beziehungen habe, wurde allgemein angenommen. Die mickerigen, ausgetrockneten oder aufgeschwemmten Kleinbürgerfrauen, die das Haus bevölkerten, ärgerten sich vor allem, daß sie nicht einmal versucht hatte, diese Beziehungen zu verheimlichen.

Der Geschworene Feichtinger, Gymnasiallehrer von Beruf, schaute die Zeugen aus blassen Augen hinter seiner Stahlbrille aufmerksam und verständnislos an. Er mühte sich pflichtgemäß eifrig, den Aussagen zu folgen; doch ebenso langsam wie gründlich von Begriff, erkannte er nicht recht, worauf Fragen und Antworten hinauswollten. Insbesondere vermochte er nicht festzustellen, inwiefern die einzelnen Bekundungen mit der Grundmaterie in Zusammenhang standen. Das alles ging ihm zu schnell, die Methode war ihm zu modern hastig. Er kaute an den Nägeln, korrigierte manchmal mechanisch in Gedanken eine Satzkonstruktion, schaute aus blassen Augen auf die Münder der vielen Zeugen. Der Geschworene Cortesi, Briefträger seinem Stande nach, überlegte, wieviel Parteien das Haus Katharinenstraße enthielt. Es sah gar nicht groß aus, und doch wohnten so viele Menschen darin. Welcher von seinen Kollegen hatte doch jetzt die Bestellgänge in diesem untern Teil der Katharinenstraße? Er erinnerte sich, daß es einmal eine unangenehme Geschichte gegeben hatte wegen einer Zustellung in jenem Haus; die war von einer Tochter des Adressaten übernommen und dann doch nicht bestellt worden, und der Briefträger natürlich hatte die Scherereien gehabt.

Der Geschworene Cajetan Lechner hielt sich sehr unruhig, strich sich oft mit den Fingern den tief hinunterreichenden Schläfenbart, zog sein gewürfeltes Taschentuch, schneuzte sich, seufzte. Nicht nur wegen der Hitze. Die ganze Angelegenheit ging ihm nahe. Einesteils war er als guter Bürger geneigt, den Krüger ins Gefängnis zu schicken; denn Recht und Ordnung mußte sein. Andernteils hatte er Verständnis, ja ein gewisses Mitgefühl für den Schlawiner. Sein eigenes Geschäft grenzte an das Gebiet der Kunst; er verstand sich darauf, etwas ramponierte, kostbare Altmöbel so zu restaurieren, daß es die Freude der Kenner war, hatte viel mit Schlawinern zu tun, hatte mancherlei Einblick in ihr Leben. Auch hatte seine Tochter, die Anni, Beziehungen, ein Verhältnis, ein sogenanntes Gschpusi, mit einem Mann, den er wohl oder übel als Schlawiner ansprechen mußte. Er grantelte deshalb Tag für Tag mit der Anni herum, zuweilen recht wüst; aber im Grunde war er tolerant. Er hatte seine Erfahrungen, der Cajetan Lechner. Oft, auf der Dult, beim Jahrmarkt, wenn er die Trödlerbuden absuchte, schaute ein Möbelstück durchaus wohlbehalten her, als könnte es noch seine zwanzig, dreißig Jahre überstehen. Untersuchte man es dann ernsthaft, erwies es sich als kaputt, wurmstichig, und es war ein Wunder und Schwindel, daß es überhaupt noch zusammenhielt. Das Leben war halt kompliziert; auch für einen Großkopfigen wie den Dr. Krüger war es nicht immer einfach, besonders wenn einer gewissermaßen von Natur ein Schlawiner war. Der Geschworene Lechner schaute aus seinen wässerig blauen Augen den Angeklagten Krüger an, strich sich durch den Schläfenbart, schnaufte, schneuzte sich in das gewürfelte Taschentuch, seufzte.

Der Geschworene Paul Hessreiter folgte den Bekundungen über das tote Mädchen mit einem unmotiviert leidenschaftlichen Interesse. Den kleinen Mund hielt er leicht offen, so daß sein fleischiges Gesicht ein wenig töricht aussah.

Neben ihm der Hoflieferant Dirmoser schaute ihn manchmal von der Seite an. Ihm war sein blödes Geschworenenamt eine lästige Formsache, er hätte sich gern davon gedrückt. Aber er fürchtete, das könnte seinem bürgerlichen und geschäftlichen Ruf schaden, so etwa wie wenn er der Beerdigung eines großen Kunden ferngeblieben wäre. Er litt unter der Hitze, seine Gedanken glitten ab, glücklicherweise hatte er sich für solche Gelegenheiten ein offizielles, beteiligtes Gesicht eingeübt, das er ohne Mühe durch längere Zeit festhalten konnte. Ekelhaft war, daß sich die erste Verkäuferin der Filiale seines Handschuhgeschäftes in der Theresienstraße krank gemeldet hatte; die dumme Gans hatte wahrscheinlich wieder zuviel Gefrorenes geschleckt. Jetzt mußte seine Frau die Leitung der beiden Geschäfte ganz allein besorgen. Das traf sich besonders blöd, weil der zweijährige Pepi wieder kränkelte und auf das neue Mädchen kein Verlaß war. Dies überdenkend, betrachtete er mechanisch die Zwirnhandschuhe einer Zeugin, sie waren badisches Erzeugnis, er hätte von dieser Fabrik einen längeren Zahlungstermin verlangen sollen.

Zuverlässig bekundet wurde von den Insassen des Hauses Katharinenstraße 94 nur, daß Dr. Krüger einige Male nachts in dem Atelier des Fräuleins gewesen war. Aber wann, wie, ob allein, ob mit mehreren, wagte mit Sicherheit keiner der Zeugen auszusagen.

Der Angeklagte Krüger blieb bei seiner ersten bestimmten Erklärung. Er sei mit Anna Elisabeth Haider häufig und gern zusammen gewesen, oft in ihrer, oft in seiner Wohnung. In der fraglichen Nacht habe er sie von dem Fest nach Hause begleitet, sei aber dann im gleichen Wagen weitergefahren. Geschlechtlichen Charakter hätten ihre Beziehungen nicht gehabt. Seine Aussage in dem Disziplinarverfahren gegen das tote Mädchen sei Punkt für Punkt wahr, er halte sie aufrecht.

Der Angeklagte sah heute trotz der langen Untersuchungshaft frisch und spannkräftig aus. Sein massiger Kopf mit den starken Kiefern, der fleischigen, wuchtigen Nase, dem geschwungenen Mund war wohl etwas gebleicht und schärfer von Zügen; aber er folgte allen Windungen des Prozesses mit ganzer Aufmerksamkeit, es kostete ihn offenbar Mühe, den Weisungen seines Verteidigers gemäß ruhig zu bleiben und nicht mit Heftigkeit dazwischenzufegen. Für die Frauen des Kleinbürgerhauses hatte er rasche Augen voll verächtlicher Gleichgültigkeit. Nur einmal, während der Aussage der Hofrätin Beradt, war er im Begriff, aufzuspringen, und stieß ein so heftiges Gesicht gegen sie zu, daß die nervöse Dame mit einem kleinen Aufschrei zurückfuhr.

Vielleicht hätte sich, wäre der Mann Krüger den Schikanen der Hofrätin gegen das tote Mädchen einmal mit soviel Anteilnahme begegnet statt mit eben jener verächtlichen Gleichgültigkeit, alles freundlicher gelöst. Sicher ist, daß dem Martin Krüger seine heftige Gebärde zwar einen milden Verweis von seiten des Vorsitzenden eintrug, daß aber die Frauen nicht mehr mit der gleichen Gehässigkeit auf ihn schauten, mit der sie seinen blicklosen Hochmut erwidert hatten.

7
Der Mann in Zelle 134

Am Abend dieses Tages saß der Mann Krüger allein in seiner Zelle. Die Zelle 134 war von mäßigem Umfang, kahl, aber zu sonderlichen Beanstandungen keinen Anlaß gebend. Es war acht Minuten vor neun Uhr. Um neun Uhr wird das Licht ausgehen, und die Gedanken werden dumpfer und beklemmender, wenn das Licht ausgegangen ist.

Während der ersten Tage seiner Haft hatte Martin Krüger sich verzweifelt gewehrt. Er hatte gebrüllt, sein massiges Gesicht war nur mehr ein tobender Mund gewesen unter irren Augen. Die haarigen Hände zu Fäusten geballt, hatte er auf die Tür seiner Zelle eingehauen.

Der Rechtsanwalt Dr. Geyer, als seine kühle Haltung den Rasenden schließlich besänftigt hatte, erklärte dem Ermatteten, er habe wenig Verständnis für derartige Wutausbrüche. Er selbst, Geyer, habe in scharfer Zucht gelernt, an sich zu halten. Das sei nicht leicht, wenn man das ganze Maß an Unrecht und Heuchelei, wie es in diesem Staat geübt werde, kennenlerne wie er. Was an ihm, dem Manne Krüger, geschehe, geschehe an Tausenden, Schlimmeres geschehe an Tausenden, und Schreien sei bestimmt dagegen nicht das rechte Mittel. Während er so mit seiner scharfen, nervösen Stimme auf den stumpf Dasitzenden einpeitschte, ihn mit seinen blauen, dringlichen, dickbebrillten Augen bedrohend, hatte der Mann Krüger sich wieder eingefangen. Ja, es war merkwürdig, wie klagelos der Verwöhnte von jetzt an die Entbehrungen der Haft ertrug. Gewöhnt an vielerlei Bequemlichkeit, an sein genau temperiertes Bad, verstimmt durch die geringfügigste Entstellung seiner Räume, duldete er jetzt ohne Wehleidigkeit das kahle Leben der Zelle.

War er allein, so fiel der Mann Krüger häufig unvermittelt aus spöttischer Überlegenheit, in der er diese Haft als vorübergehende unangenehme Episode empfand, in Raserei und Depression. An den beiden Prozeßtagen hatte er sich oben gehalten durch die Vorstellung, die ganze Angelegenheit sei nicht ernst zu nehmen. Man wird es nicht wagen, jemanden, der unter den deutschen Kunstwissenschaftlern auf erhöhtem Platze stand wie er, auf eine so läppische Aussage hin zu verurteilen. Er stammte aus dem Badischen, er konnte sich schwer einfühlen in die dumpfe, breiige Beharrlichkeit, mit der die Bewohner der bayrischen Hochebene den einmal Gehaßten zur Strecke bringen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie ein eifriger Staatsanwalt aus dem schmierigen Gerede der Kleinbürgerinnen juristisch faßbare Tatbestände konstruieren, wie der biedere Hoflieferant Dirmoser, der wackere Briefträger Cortesi aus so unsauberem Gestammel für ihn Gefängnismauern bauen sollten.

Allein heute während der Vernehmung der Hofrätin Beradt, als diese jämmerliche Affäre des Mädchens Anna Elisabeth Haider so widerwärtige Färbung angenommen hatte, war ihm mit einem Ruck ungeheuer real die Bedrohlichkeit seiner Lage unter diesen bayrischen Menschen aufgegangen. Jetzt auf einmal verstand er den ganzen angespannten Ernst des Dr. Geyer. Wohl hatte sich Martin Krüger mit rascher Phantasie Bilder des Martyriums vorgespielt: wie das sein wird, Verzicht auf die angenehmen Gewohnheiten seines Alltags, Verzicht auf vernünftige Tätigkeit, Kunst, Gespräch mit musischen Menschen, Verzicht auf Frauen, geschmackvoll zusammengestellte Mahlzeiten, morgendlich willkommenes Bad. Mit sentimentaler Freude am Kontrast hatte er sich das zurechtgemalt. Draußen Juni, schon streckte man sich am Meer auf besonnten Sand, flirtete in Booten, jagte auf weißen Landstraßen in bestaubten Wagen, hockte vor Schutzhütten, die Glieder wohlig ermüdet, Wein trinkend, zwischen Berggipfeln; während sein Leben so sein wird: kahle, graue Wände, wenige Quadratmeter zu seinen Füßen, morgens braunes Wasser im Blechnapf, tagsüber den Anordnungen mürrischer, schlechtriechender Aufseher unterworfen, eine halbe Stunde Spaziergang im Hof, dann wieder kahle, graue Wand bis neun Uhr: Licht aus. Und so das Jahr hindurch und weitere zweiundfünfzig Wochen und vielleicht weitere endlose dreihundertfünfundsechzig Tage. Aber immer, selbst während seiner Tobsuchtsanfälle, war solche Vorstellung Spiel geblieben. Wie sie an diesem Vormittag zum erstenmal in nicht zu vertreibender Wirklichkeit vor ihm stand, da wurde ihm die Kehle schlaff, alle Kraft rann aus seinen Gliedern, ein hohles, übles Gefühl kroch ihm den Magen hinauf.

Es waren noch vier und eine halbe Minute, bis das Licht ausging. Er hatte Angst vor der vollen Stunde. Er saß auf der heruntergeklappten Bettpritsche, im Schlafanzug, um ihn Tisch, Stuhl, Wasserkrug, Emailnapf fürs Essen, weißer Kübel für die Notdurft. Die Hände auf den Knien, der Unterkiefer leicht herabgefallen, sah er durchaus nicht mehr gefährlich aus.

Er hatte das Mädchen Anna Elisabeth Haider nicht gesehen, nachdem sie sich auf so üble Weise getötet hatte. Er war damals in Spanien gewesen, um sein Buch über die spanische Malerei zu Ende zu schreiben, und war eigentlich froh, daß er ihre letzte, schlechte Zeit nicht mehr mitgemacht hatte. Es war sonderbar, daß ein Mensch sich umbrachte, ihm war das unverständlich, er hatte es abgelehnt, sich damit zu befassen. Jetzt, am vierten Juni, drei Minuten vor neun Uhr, ließ es sich nicht ablehnen. Die Vorstellung des toten Mädchens Anna Elisabeth Haider ging nicht aus der Zelle 134, trotzdem das Licht noch brannte und trotzdem er genau wußte, daß er seine Gedanken für Wichtigeres nötig hatte, nämlich zur Abwehr dieses maßlos albernen Prozesses.

Er hatte nicht gelogen. Er hatte das Mädchen an jenem Abend wirklich nicht in ihre Wohnung hinaufgebracht, hatte auch niemals mit ihr geschlafen. Unter den scharfen, spürenden, blauen Augen Dr. Geyers hatte er sich die Gründe klargemacht. Es war eigentlich ein Zufall, daß er nicht mit ihr geschlafen hatte wie mit anderen Frauen. Anfänglich hatte es sich aus irgendwelchen äußeren Ursachen nicht gefügt. Dann hatte sie jenes Bild gemalt, und es war ihm, warum, wußte er nicht genau, der Anreiz vergangen. Das Bild war zu sehr da, sagte er zu Dr. Geyer.

Er sah sie vor sich, wie sie die Treppe hinunterhüpfte – sie hüpfte viel zuviel für ihre frauenhafte Figur –, das Antlitz breit und rund, ein Bauernmädelgesicht eigentlich, mit dickem, blondem, nicht einwandfrei gepflegtem Haar, die Augen standen grau, mit einem verwirrenden Ausdruck von Vertiefung und Abwesenheit in dem sonst naiven Gesicht. Der Umgang mit ihr war nicht einfach, sie war verzweifelt weltfremd, sehr gleichgültig gegen alles Äußerliche, solange es ihr nicht an den Hals ging, überaus schlampig, kompromittierend verwahrlost angezogen. Dazu hatte sie Anfälle von Quartalssinnlichkeit, die ihm in ihrer Wildheit sehr ungelegen kamen. Aber sein sicherer musischer Instinkt wurde trotz dieser ihm verhaßten Unbequemlichkeiten angezogen von ihrem durch eine undeutliche Zeit schwierig, aber unablenkbar richtig vortastenden Kunstwillen. Denn er hielt die dumpfe, unbequeme Frau, die so recht das war, was die Stadt unter einer Schlawinerin verstand, und die durch schlecht und unregelmäßig versehenen Zeichenunterricht in einer staatlichen Schule dürftig ihr Leben bestritt, er hielt diese Frau für einen der seltenen geborenen Künstler der Epoche. Sie produzierte mühselig, mit Stockungen und Zusammenbrüchen, sie vernichtete immer wieder, was sie gemacht hatte, ihre Ziele, ihre Methoden waren schwer zugänglich; aber er spürte das Unbeirrbare darin, das Einmalige, Gewachsene. Vielleicht war es gerade ihre Künstlerschaft, die ihn hemmte, sie unbedenklich als Frau zu nehmen, wie er viele andere genommen hatte. Sie litt darunter, holte sich infolge der sonderbaren Passivität seiner Beziehungen zu ihr ziemlich wahllos Männer zusammen. Bis dann, veranlaßt durch Versäumnisse in ihrem Schuldienst, aber vor allem durch den von ihm bewirkten Ankauf ihres Bildes für die staatlichen Galerien, das Disziplinarverfahren gegen sie eingeleitet wurde, in dessen Verlauf er jenen fatalen, noch dazu überflüssigen Eid geleistet hatte.

Denn selbstverständlich war sie, was jeder in diesem Lande voraussehen mußte, trotz seiner günstigen Aussage diszipliniert worden. Er war nach Spanien gegangen, den Ausgang des Verfahrens nicht abwartend, die Folgen nicht verhütend, die er doch bei etwas mehr praktischer Menschenkenntnis ebenfalls hätte voraussehen müssen. Es war schließlich begreiflich, daß er, wenn er sich einmal auf einige Zeit aus seinem deutschen Betrieb frei machte, Ruhe haben, sich seinem Werk widmen wollte und daß er sich seine Post nicht nachkommen ließ. Es war aber auch begreiflich, daß sie, nachdem sie ihm mehrmals vergeblich geschrieben hatte, nicht mehr aus noch ein wissend, sich mit Leuchtgas vergiftete. Als er zurückkam, war sie tot und Asche. Frau Hofrat Beradt, mit der er wegen Regelung des schriftlichen und künstlerischen Nachlasses eine widerwillige Zusammenkunft hatte – von Angehörigen war nur eine Schwester da mit wenig Anteilnahme –, hatte sich sehr feindselig gezeigt. Schriftliches war von den Gerichtsbehörden beschlagnahmt worden. Einige Zeichnungen waren noch da; ihre Bilder hatte die Tote offenbar vernichtet. Ein Wächter der Staatsgalerie berichtete, Fräulein Haider sei am Tag vor ihrem Tode noch in der Galerie vor ihrem Bilde gewesen, sie sei durch ihr verstörtes Wesen aufgefallen und habe ihm schließlich, als er, veranlaßt durch ihr damisches Geschau, sich mit ihr in ein Gespräch einlassen wollte, ein eigentlich unmotiviertes Trinkgeld von zwei Mark gegeben. Was Frau Hofrat Beradt außerordentlich mißbilligte. Denn es waren noch Schulden zu begleichen. Die Tote war Miete schuldig geblieben, auch hatte sie vieles in den von ihr benützten Räumen ruiniert, so daß Reparaturkosten zu bezahlen waren, abgesehen von der vor allem durch ihr Ende hochgelaufenen Gasrechnung.

Es war jetzt noch eine halbe Minute vor neun. Dr. Krüger gelang es nicht, sich das Mädchen wirklich vor Augen zu stellen. Er bemühte sich fast ängstlich, sie zu denken, wie sie rauchend und in schlampiger Haltung in ihrer Diwanecke hockte, oder wie sie mit angestrengtem Gesicht ziemlich langsam ohne Schirm in dickem Regen mit ihrem zu zierlichen Schritt über die Straße trippelte, oder wie sie einem gelöst und doch sonderbar schwer beim Tanzen im Arm hing. Aber das Bild drängte immer vor, es war nichts von ihr da als das Bild.

Das Licht war aus, es war dumpfe Luft in der Zelle, die Hände waren ihm heiß, die Bettdecke kratzte auf unangenehme Art. Er zerrte den Kragen des Schlafanzugs höher, die Hose tiefer. Atmete beschwerlich. Schloß die Augen, sah farbige Wirbel, öffnete sie wieder, lag in drückender Nacht.

Er war zu weich, zu wenig energisch, das war der Grund allen Übels. Atavistische Vorstellungen bedrängten ihn jetzt in der Nacht. Dies war Strafe und Heimsuchung. Er ließ sich gehen, er machte es sich zu bequem. Versäumte die Pflichten, die seine Begabung ihm auflegte. Es ging ihm zu gut, das war es. Es war ihm alles zu leicht gemacht worden. Es fehlte ihm selten an Geld, er sah gut aus, die Frauen verwöhnten ihn, seine Begabung war gefällig, sein Stil schmiegte sich leicht und eingängig den Kunstdingen an, die er näherbringen wollte. Seine schärferen, unbequemeren Erkenntnisse hatte er zurückgehalten. Es stand zwar kein Wort in seinen Büchern, das er nicht mit gutem Gewissen hätte vertreten können, aber manches stand nicht darin, was zu hören wenig beliebt, was zu verkünden unbequem war. Es gab Erkenntnisse, die er ahnte, aber um die er sich herumdrückte. Vor sich selber, und wie erst vor anderen. Er hatte einen einzigen wirklichen Freund, Kaspar Pröckl, Ingenieur in den Bayrischen Kraftfahrzeugwerken, einen finstern, etwas verwahrlosten Menschen mit starken politischen und künstlerischen Neigungen, voll von Fanatismus und heftigem Willen. Kaspar Pröckl setzte ihm oft zu wegen seiner inneren Trägheit, und manchmal vor den unbequemen Augen dieses jungen Menschen, der übrigens sehr an ihm hing, kam sich Martin Krüger wie ein Hochstapler vor.

Aber hatte er sich nicht zu seiner Sache bekannt? Hatte er nicht Zeugnis abgelegt? Wenn er hier saß, war es nicht deshalb, weil er Zeugnis abgelegt hatte, weil er zu den Bildern gestanden war, die er für richtig hielt?

Gut. Aber wie war das mit »Josef und seine Brüder«? Es war eine verwickelte Sache gewesen, und zu Anfang hatte er sich auch richtig gehalten. Man hatte ihm eine Photographie des Bildes geschickt, viel Geheimnis und Gewese gemacht. Der Maler sei krank, hieß es, menschenscheu, schwierig zu behandeln. Mit Mühe nur habe man erreicht, daß er das Bild nicht wieder vernichtete. Die photographische Aufnahme sei ohne sein Wissen erfolgt, sicher gegen seinen Willen. Der Maler, im Wahngefühl seines Unvermögens und der Sinnlosigkeit jeder Kunstbetätigung in dieser Epoche, verkrieche sich in eine läppische Brotarbeit als subalterner technischer Beamter. Man verspreche sich viel von einer Intervention Martin Krügers, dessen Bücher der Maler kenne.

Er hatte sich auch, der Mann Krüger, erfüllt von dem Bild, mit wildem Elan hinter die Aufgabe hergemacht. Den Maler allerdings hatte er nicht zu Gesicht bekommen. Aber das Bild hatte er gesichert. Er hatte, seine Stellung ernsthaft gefährdend, den Minister vor die Frage gestellt, ihn zu entlassen oder das Bild zu kaufen. Hatte dann, als man triumphierend auf den zu hohen Preis hinweisen konnte, den Reindl, den Autofabrikanten, so widerwärtig der ihm war, zur Herausgabe einer großen Summe mühevoll überredet. Bis dahin konnte er vor jeder Instanz seinen Mann stellen. Allein wie weiter? Über dieses Spätere war er immer gern hinweggeglitten, hatte er sich mit etwas nebelhaften Vorstellungen abgefunden. Jetzt, in der Nacht der Zelle 134, schwitzend und bedrängt, biß er die Zähne zusammen, rekonstruierte sich die Geschichte, zwang sich, vor den Zusammenhängen die Augen nicht zu schließen.

Es war dies gewesen. Als das Bild einmal in der Galerie hing, war er erschlafft. Während er für mittelmäßig frühe Spanier suggestive Sätze gefunden hatte, waren ihm für »Josef und seine Brüder« die rechten Worte niemals gekommen. Er hatte sich begnügt mit allgemeinem Gesabber. Es wäre sein Amt gewesen, für dieses Werk, das er erfaßt hatte, auch andere zu erfassen, es in Worten nochmals zu malen, daß es sichtbar werde. Aber Konzentration war schmerzhaft, das Bild »Josef und seine Brüder« in Worte umzugestalten, kostete Nerven, er war zu träg. War das schon üble Schlamperei gewesen: das für immer Unverzeihliche geschah dann später. Als der Minister Flaucher ans Ruder kam, hatte der trübe Idiot sich mit Kraft darauf geworfen, das Bild aus der Galerie hinauszuschieben. Man hatte ihm, dem Krüger, nahegelegt, einen dicken Urlaub zu nehmen. Der war ihm willkommen; denn er schuf ihm die Möglichkeit, sein Buch über die Spanier gründlich durchzuarbeiten. Als er zurückkam, war das Bild »Josef und seine Brüder oder Gerechtigkeit« fort, vertauscht gegen einige brave Gemälde, die unleugbar ausgezeichnet zur Komplettierung dienten. Er hatte das gewußt, ehe er den Urlaub antrat. Es war kein Wort darüber verlautet, aber er hatte gewußt, daß er einen Kuhhandel einging, daß man ihm den Urlaub gewährte als Gegenleistung für seine passive Zustimmung zu dem übeln Verrat an dem Maler Landholzer und seinem Werk.

Wie er sich das mit dürren Worten sagte, jetzt, in der Zelle 134, bäumte er hoch, schnaubte durch die Nase. Es waren viele Dinge an ihn herangekommen, täglich. Vieles, was man hätte tun sollen, hatte er nicht getan. Man war nicht der liebe Gott, man war ein Mensch mit zwei Händen, einem Herzen und einem Hirn, und es genügte, wenn man einiges tat von dem, was zu tun war. »Einiges«, knurrte er vor sich hin, »einiges, nicht alles.« Aber auch der Schall der Worte vertrieb nicht die Gewißheit, daß sie falsch waren. Die Vorstellung seines jungen Freundes stieg vor ihm auf, des Kaspar Pröckl, das unrasierte, hagere Gesicht mit den tiefliegenden Augen und den starken Jochbogen. Er fühlte sich hilflos, legte sich auf die andere Seite.

Aber was zum Teufel hatte die Sache »Josef und seine Brüder« mit seinem verdammten Pech zu tun? Er war verflucht nervös, daß er schon mythologische Begriffe wie Schuld, Sühne, Vorsehung bemühte. Hätte vielleicht ein anderer in seiner Stellung es besser machen können? Nein, ein anderer vielleicht nicht: aber er selber. Er hätte weitergehen, hätte bis zu seinen Grenzen gehen müssen. Er war ein schlechter Mann, er war ein fauler Mann. Er war nicht bis zu seinen Grenzen gegangen. Wer nicht bis zu seinen Grenzen geht, ist ein fauler Mann.

Die Schritte des Beamten kamen gleichmäßig von dem Gang vor seiner Tür. Neun Schritte konnte man ganz deutlich hören, dann nochmals neun leiser, dann verklangen sie.

Ja, er war ein fauler Mann, ein schlechter Mann, zu Recht vor Gericht gefordert, wenn auch der Hoflieferant Dirmoser und der Altmöbelhändler Lechner nicht ahnten, warum. Er hatte doch sehr genau gewußt, wie es um »Josef und seine Brüder« bestellt war. Es war wahrscheinlich kein rundes, vollgültiges Werk. Aber er hatte die Gelegenheit gehabt, einen Maler, wie er vielleicht einer Generation nur einmal geschenkt wird, ins Licht zu heben, er hatte diese Gelegenheit erkannt und sie, aus Bequemlichkeit, versäumt.

Hatte er nicht einmal halb im Spiel – was tat er nicht halb im Spiel? – eine Stufenleiter aufgestellt der Werte in seinem Leben? Ja, einmal, an einem Regentag im bayrischen Vorgebirg, mit Johanna in einem friedlichen Schloßpark spazierend, hatte er ihr diese Skala auseinandergesetzt. Er erinnerte sich noch ganz genau. Der gestutzte Park jenes Königsschlosses war angefüllt mit mythologischen Figuren im Geschmack von Versailles. Er hatte sich auf eines dieser hölzernen Tiere gesetzt, im Reitsitz. Denn es war nicht die Jahreszeit, es war gegen Abend, und sie waren die einzigen Fremden auf der Insel. Und so, auf dem hölzernen Rücken des mythologischen Tiers, hatte er ihr seine Stufenleiter der Werte dieses Daseins entwickelt. Zuerst, ganz unten, war der Komfort, die vielen Annehmlichkeiten des Alltags. Dann, etwas höher oben, stand Reisen, die Freude an der Mannigfaltigkeit dieser Welt. Dann, wieder eine Stufe höher, standen Frauen, alle Dinge verfeinerter Lust. Und nochmals einen Grad höher stand der Erfolg. Ja, Erfolg war gut, Erfolg schmeckte gut. Doch diese Dinge waren untere Grade. Darüber stand der Freund, Kaspar Pröckl, und sie, Johanna Krain. Aber ganz ehrlich, auch das war nicht das Letzte. Das Letzte, Höchste war seine Arbeit.

Johanna hatte zugehört, nachdenklich unter ihm stehend, in dem leichten Regen. Aber ehe sie antworten konnte, war ein Schloßwächter gekommen, mit einem großen Hund, und hatte drohend gefragt, was er da oben auf dem Kunstwerk mache; das Reiten auf den Kunstwerken sei streng verboten. Und Martin Krüger war heruntergeklettert von der hölzernen Mythologie, er hatte einen Ausweis bei sich, und der Wächter war strammgestanden vor dem Direktor der staatlichen Sammlungen und hatte sich untertänig erklären lassen, für die Erforschung dieser Art Kunstwerke sei es erforderlich, darauf zu reiten.

Ja, es war merkwürdig, daß Johanna Krain es jetzt schon im vierten Jahr mit ihm aushielt. Er sah sie vor sich, das breite Gesicht mit der sehr gestrafften Haut, das bräunliche, eigensinnig gegen die Mode geknotete Haar, die dunkeln Brauen über den großen, grauen, unvorsichtigen Augen. Es war merkwürdig, daß sie ihn so lange in ihrer klaren Luft aushalten konnte. Man brauchte nicht die starke, gerade Johanna Krain zu sein, um schon aus seinem Verhalten in der Sache um »Josef und seine Brüder« zu erkennen, wie bequem und verwaschen seine Praxis war. Ja, so war er, mit ungeheurem Elan auf eine Sache losstürmend; wenn es aber darum ging, auszuhalten, auf längere Zeit seinen Mann zu stehen, dann, auf verschwommene, kompromißlerische Art, drückte er sich. Unvermittelt überkam ihn heftige Lust, Johanna zu sehen. Er hatte ihr kräftiges, breites Gesicht im Gerichtssaal gesucht unter vielen Gesichtern. Vergeblich. Wahrscheinlich hat nur dieser widerwärtige Dr. Geyer aus irgendwelchen kniffligen, juristischen Motiven verhindert, daß sie da war. Dabei sollte sie doch gar nicht aussagen. Er will nicht, daß sie aussagt. Er hat das dem Anwalt schon zwei- oder dreimal gesagt. Er will nicht, daß Johanna in diese schmutzige Angelegenheit gemengt wird, aus der jeder nur bedreckt herauskommt.

Aber der Mann in Zelle 134 konnte nicht verhindern, daß er sich immer wieder mit rascher Phantasie ausmalte, wie das sein wird, wenn Johanna mit ihrer unbekümmerten Stimme für ihn Zeugnis ablegt. Es wäre eine verdammt bittere Enttäuschung, wenn der Dr. Geyer wirklich auf ihn hört und auf Johanna Krain verzichtet. Großartig wird das, wenn Johanna den blöden Burschen die Meinung sagt. Wenn der Prozeß in sein albernes Nichts zusammenschrumpft. Wenn sie dann alle kommen, sich zu entschuldigen. Der Minister Flaucher voran, der trübe Quadratschädel. Oh, er, Krüger, wird dann keine große Geschichte daraus machen. Ganz unpathetisch, mit einem kleinen Schmunzeln, fast herzlich wird er die reuige Hand des alten Esels nehmen, froh, daß man ihm fortan wohl oder übel in seinem Amt größere Unabhängigkeit wird einräumen müssen.

Auf alle Fälle ist es ein Jammer, daß er in diesen Tagen Johanna nicht zu Gesicht kriegt. Der vorsichtige, immer viel zu opportunistische Dr. Geyer glaubt, es werde den Effekt ihrer Aussage abschwächen, wenn sich herausstellt, daß sie in diesen Tagen viel mit ihm zusammen war. Die Stärkung, die ihm, dem Manne Krüger, aus einem Zusammensein mit Johanna zufließen würde, kam natürlich nicht in Frage. Fast gehässig dachte der Mann Krüger an die hellen, spürenden, dickbebrillten Augen des Anwalts.

Aber daß Johanna so lang und so dicht zu ihm hält, ist eine große Bestätigung. Ja, er hat einmal versagt. Aber jetzt hat er sich wieder zusammengerissen, er wird seinen Wagen flottkriegen. Er muß nur erst aus dieser tristen Geschichte heraus sein. Dann wird er, und sei es im tiefsten Sibirien, das Bild »Josef und seine Brüder« wieder auftreiben, wird, was wichtiger ist, den Maler Landholzer aufstöbern. Wird suchen, zäh, fanatisch, zusammen mit dem jungen Kaspar Pröckl. Mit seiner früheren verfluchten Kaulquappenmanier jedenfalls wird er ein für allemal Schluß machen.

Wieder die Schritte des Wächters. Neun Schritte laut, neun Schritte leiser, dann hört man ihn nicht mehr. Aber unter solchen Gedanken kratzte ihn die Decke weniger, auch legte er sich unbesorgt wieder auf die linke Seite, ohne Furcht wegen seines Herzens. Seine natürliche Müdigkeit siegte über die Nervosität der Nacht und der Zelle, er schlief ein mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln.

8
Rechtsanwalt Dr. Geyer stellt anheim

Der Rechtsanwalt Dr. Siegbert Geyer ließ sich auch an dem verhandlungsfreien Sonntag pünktlich um acht Uhr von seiner Haushälterin wecken. Über jede Stunde auch dieses Sonntags ist verfügt. Er muß die Zeugin Krain empfangen, er muß in der Tiroler Weinstube, die am Sonntagvormittag eine Art neutralen Klubs für die Politiker des kleinen Landes bildet, seine nicht übermäßig geschickten Parteifreunde vor Dummheiten behüten. Vor allem aber muß er sich mit seinem Manuskript beschäftigen »Geschichte des Unrechts im Lande Bayern vom Waffenstillstand 1918 bis zur Gegenwart«. Denn dieses Werk muß in Fluß bleiben. Er darf es nicht gefährden, indem er zu große Pausen in die Arbeit einschiebt.

Als die larmoyant heisere Stimme seiner Haushälterin Agnes ihn weckte, riß er sich mit Willensanspannung und ungern gehorchenden Gliedern aus dem Bett. Im Bade dann erlaubte er sich gelöste Gedanken, entspannt der scharfen Logik, zu der er sich diszipliniert hat.

Wußte man von den Mühen, mit denen er seine berühmte überlegene Ruhe, seine klare Energie täglich neu wieder ankurbeln, speisen, in Betrieb halten mußte? War er nicht im Grunde von kontemplativer Art, ungeeignet für solch überhitzte Aktivität? Schön wäre es, sich aufs Land zurückzuziehen, des Berufs und des politischen Betriebs ledig, sich auf theoretische Schriftstellerei über Politik zu beschränken.

Wird er heute Ruhe finden, um weiterzuarbeiten an der »Geschichte des Unrechts«? Es ist verdammt schwer, die Gedanken von dem Manne Krüger und von sich selber loszukriegen. Einmal, wenn das Buch etwas werden soll, muß er doch hier Schluß machen und sich auf ein paar Monate in die Stille retten.

Ach, er wußte, wie ein solcher Versuch ausgehen würde. Leise schaukelnd in dem warmen Wasser, ein fatales Lächeln um die dünnen Lippen, dachte er an frühere Bemühungen, dem aufreizenden Betrieb ringsum zu entfliehen. Immer nach zwei Wochen ländlicher Stille sehnte er sich nach seiner Post, nach Zeitungen, nach juristischen, politischen Konferenzen. Sehnte sich danach, im Gerichtssaal, auf der Tribüne des Landtags zu stehen und in Gesichter zu schauen, die an seinem Mund hingen. So genau er wußte, daß solche Wirkungen Schein waren, es war zu schwer, auf sie zu verzichten.

Der Anwalt Dr. Geyer schaukelte in der Wanne, seine Glieder schwammen mild in dem grünlich hellen Wasser. Er dachte an das Buch »Recht, Politik, Geschichte«, das große Buch, das er einst schreiben wird. Er dachte liebevoll an einige Formulierungen, die er gefunden hatte und die ihm geglückt schienen, schloß die Augen, lächelte. Seit seiner Studentenzeit hatte er sich damit befaßt. Er wußte, »Recht, Politik, Geschichte« wird ein gutes Buch werden, es wird mehr und Wichtigeres darin stehen, als er jemals vor einem Tribunal oder im Parlament wird sagen können. Es wird auch auf bessere Leute wirken als auf Richter und Abgeordnete, vielleicht sogar gelangt es einmal an einen, der seine Gedanken in Taten umsetzt. Er hatte Material gesammelt, gesichtet, geordnet. Er schichtete es um, Jahr um Jahr, verwandelte Pläne und Grunddisposition. Schob die eigentliche Arbeit, die den ganzen Mann verlangte, hinaus. Machte sich schließlich an das kleinere Buch, an die »Geschichte des Unrechts im Lande Bayern«, seine Selbstvorwürfe einschläfernd mit der flauen Rechtfertigung, dies sei nur Vorarbeit zu dem großen Werk. Aber heimlich, nicht jetzt im Bade, doch in ruhigen Minuten der Erkenntnis, wußte er, daß er das große Werk nie wird schreiben können, daß er zeitlebens hin und her hetzen wird zwischen kleiner Tagespolitik und Advokaterei, seine große Aufgabe lächerlich umsetzend in zwergige Geschäftigkeit.

Der Rechtsanwalt Dr. Siegbert Geyer rieb sich die dünne, sehr weiße Haut mit kalter Gummibürste, frottierte sich. Seine Augen bekamen ihren scharfen, zupackenden Glanz. Theoretische Spintisiererei. Albern. Es tat nicht gut, so lange im warmen Wasser zu liegen. Er hatte seinen Kopf zusammenzunehmen, sich mit dem Angeklagten Krüger zu befassen.

Das sanguinische, undisziplinierte Wesen des Krüger war ihm zuwider. Allein so unlieb ihm gerade dieses Objekt der Rechtsbeugung war, so aussichtslos die Verteidigung des Rechts war gegen einen Staat, der Recht nicht wollte, dennoch tat es wohl, Zeugnis abzulegen, etwas zu tun, einen Einzelfall weithin sichtbar ins scharfe Licht zu stellen.

Er frühstückte hastig, unachtsam, große Brocken in den Mund schiebend, heftig kauend. Die Haushälterin Agnes, knochig, mit gelbem Gesicht, ging ab und zu, schimpfte auf ihn ein, er solle langsam essen, so bekomme es ihm nicht. Auch hatte er natürlich wieder den alten, unmöglichen Anzug an; den neuen, den sie ihm bereitgelegt hatte, hatte er übersehen. Er saß in unschöner, unbequemer Haltung, hörte sie nicht, kaute, besabberte seine Kleider, überflog die Zeitungsberichte, die sein Bürovorsteher ihm angestrichen überschickt hatte. Schon hatte er wieder die raschen, nüchternen, erkennerischen Augen wie im Gerichtssaal. Mehrere Zeitungen brachten sein Bild. Er beschaute das Bild, die dünne, gekrümmte Nase, die eckig herausspringenden Backenknochen, das etwas krampfig vorgestreckte Kinn. Es war kein Zweifel, er gehörte heute zu den unumstritten besten Anwälten Bayerns. Er hätte fort sollen aus dieser trägen Stadt, nach Berlin. Niemand verstand, daß er sich mit dem Abgeordnetensitz im Parlament dieses kleinen Landes begnügte, daß er sich nicht in die große Politik begab. Offensichtlich hatte er sich in seine albernen Kämpfe mit diesem läppischen Duodezdiktator, dem Klenk, offenkundig sich in seine belanglosen Scheinerfolge in diesem unbeträchtlichen Lande verbissen.

Dr. Geyer, ein neues Zeitungsblatt umschlagend, hatte plötzlich jenes schreckhafte Zusammenzucken wie im Gerichtssaal, als ihn das unanständig alberne Lachen des Geschworenen von Dellmaier verwirrt hatte. Es war ein Berliner Mittagsblatt, das er in der Hand hielt, der Zeichner dieser Zeitung hatte frech und gut die Geschworenen des Prozesses Krüger porträtiert. Es waren Köpfe von hoffnungsloser Mittelmäßigkeit, ihre Stumpfheit war in wenigen Strichen erbarmungslos überzeugend eingefangen, und vornean, groß, zwei andere Köpfe überschneidend, war das Gesicht des Versicherungsagenten von Dellmaier, jenes windige, arrogante, hagere Gesicht, das der Anwalt nun Tage hindurch Stunde für Stunde sehen mußte. Es warf ihn immer wieder aus seinem nicht leicht erkämpften Gleichmut. Denn wo Dellmaier war, da war Erich nicht ferne; diese Burschen, so unzuverlässig in allem andern, in ihrer Unzertrennlichkeit waren sie zuverlässig. Erich. Der Anwalt hatte alles, was mit dem Komplex Erich zusammenhing, überdacht, geklärt, ausgesprochen. Es war erledigt. Endgültig. Allein er wußte, wenn der Junge leibhaft vor ihn hintreten wird, und einmal wird er vor ihm stehen und zu ihm reden, in diesem Augenblick wird eben nichts erledigt sein. Er hielt das Zeitungsblatt in der Hand, die andere Hand, im Begriff, ein halbgegessenes Brötchen zum Mund zu führen, war mittewegs steckengeblieben. Er starrte auf die Zeichnung, auf die paar Striche, die das freche, spöttische, windige Gesicht des Geschworenen wiedergaben. Dann mit einem Ruck riß er seine Augen weg von dem Zeitungsblatt, gebot sich, nicht mehr an den Dellmaier zu denken, und schon gar nicht an den Freund und Genossen des Dellmaier, an Erich, an den Jungen, seinen Sohn.

Während er noch am Frühstück schlang, kam Johanna Krain. Wie sie mit ihren schnellen, festen Beinen ins Zimmer trat, im rahmfarbenen Kostüm, das den sportlich kräftigen, ebengewachsenen Leib gut umschloß, mit dem kühnen, breiten, blaßbräunlichen Gesicht, packte den Anwalt die Ähnlichkeit mit einer, an die er nicht denken wollte. Er wunderte sich wie stets, wenn er sie sah, was dieses kräftige, entschiedene Mädchen mit dem immer wechselnden Krüger verknüpfte.

Johanna bat, das Fenster öffnen zu dürfen; der Junitag kam in das dumpfige, unbehagliche Zimmer. Johanna setzte sich auf einen der lieblos hingestellten, schmalen, steiflehnigen Stühle. Dr. Geyer, sonst solchen Stimmungen nicht zugänglich, fand den Bruchteil eines Augenblicks, eigentlich könnte jemand daran denken, seine Wohnung etwas heller auszustatten.

Johanna, die entschiedenen, grauen Augen auf ihm, bat ihn, weiter zu frühstücken, hörte ihm aufmerksam zu, wie er ihr die Prozeßlage auseinandersetzte. Er, sie nur zuweilen mit scharfem, spähendem Blick streifend, Brot brechend, Krümel zusammenscharrend, legte ihr dar, die Aussage des Chauffeurs Ratzenberger habe den Prozeß so gut wie aussichtslos gemacht. Die Glaubwürdigkeit des Chauffeurs anzuzweifeln, hätte vielleicht vor einem anderen Gericht Sinn. Dieses Gericht lasse eine Erörterung, wie die Aussage zustande gekommen sei, nicht zu.

»Und meine Aussage?« fragte nach einem kleinen Schweigen Johanna.

Der Anwalt, kurz aufschauend, dann in seinem Ei herumlöffelnd, präzisierte, was ihm Johanna früher mitgeteilt hatte. »Sie wollen also bekunden, daß Martin Krüger in der fraglichen Nacht vom 23. zum 24. Februar zu Ihnen kam und sich zu Ihnen ins Bett legte?« Johanna schwieg. »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen«, erklärte der Anwalt, Johanna plötzlich aus der dicken Brille wieder scharf anstarrend, »daß damit nicht viel gewonnen ist. Die Tatsache, daß Dr. Krüger in dieser Nacht bei Ihnen war, entkräftet an sich nicht die Aussage des Chauffeurs.«

»Kann man ihm zutrauen …?«

»Man wird ihm zutrauen«, erklärte trocken der Anwalt. »Ich halte es für richtiger, von Ihrer Aussage abzusehen. Daß Dr. Krüger im Laufe der Nacht bei Ihnen war, schließt nicht aus, daß er früher bei Fräulein Haider war. Die Anklage wird sich selbstverständlich auf den Standpunkt stellen, daß er eben auch bei Ihnen war.« Johanna schwieg; senkrecht standen über der Nase drei kleine, angestrengte Furchen in der sonst sehr glatten Stirn. Der Anwalt zerkrümelte Brot. »Ich glaube nicht, daß Richter und Geschworene durch Ihre Aussage beeinflußt werden. Im Gegenteil, es wirkt möglicherweise ungünstig, wenn festgestellt wird, daß der Angeklagte Beziehungen auch zu Ihnen hatte. Die Aussage wird für Sie nicht angenehm sein«, sagte er, sie plötzlich wieder mit den Augen packend, mit sehr klarer Stimme. »Man wird Sie nach Details fragen. Ich stelle anheim, von der Aussage abzusehen.«

»Ich möchte aussagen«, erklärte eigensinnig das Mädchen ihm ins Gesicht; immer, wenn sie einen anschaute, drehte sie den ganzen Kopf mit. »Ich möchte aussagen«, wiederholte sie, »ich kann mir nicht denken, daß …«

»Sie leben doch lange genug in dieser Stadt«, unterbrach ungeduldig der Anwalt. »Sie können sich doch mit mathematischer Sicherheit ausrechnen, welche Wirkung Ihre Aussage haben wird.« Johanna saß verbissen da. Der starke, zusammengepreßte Mund drang rot vor aus dem blaßbräunlichen Gesicht. Der Anwalt machte darauf aufmerksam, daß Krüger selber nicht wünsche, daß sie aussage.

»Ach, das ist eine Geste«, sagte Johanna und hatte unvermittelt ein kleines, amüsiertes Lächeln. »Wenn er etwas noch so gern will, immer spielt er zuerst den Höflichen und ziert sich. «

»Ich will mich natürlich bemühen«, sagte Dr. Geyer, »aus Ihrer Aussage alles herauszuholen, was möglich ist. Tapfer sind Sie ja«, fügte er mit einem fatalen Lächeln hinzu, denn Komplimente zu machen war er nicht gewöhnt. »Über die Peinlichkeiten der Aussage sind Sie informiert?« fragte er plötzlich noch einmal, sehr sachlich.

»Ja«, sagte Johanna Krain mit einem etwas unwirschen Schnauben durch die Nase. »Das werde ich aushalten«, sagte sie.

»Aber ich stelle dennoch anheim, von der Aussage abzusehen«, beharrte hartnäckig der Anwalt. »Es wird wirklich nichts dabei herausschauen.«

Die Haushälterin Agnes kam herein, dürr, groß, mit gelbbraunem, rasch gealtertem Gesicht. Aus schwarzen, heftigen Augen schaute sie mit mißtrauischer Neugier auf die junge, feste Frau. Sie räumte umständlich das Geschirr weg, billige, blaugemusterte Ware aus den Süddeutschen Keramiken Ludwig Hessreiter & Sohn, und wechselte die Tischdecke, während Dr. Geyer und Johanna schwiegen.

»Können Sie sich erinnern«, fragte auf einmal, als die Haushälterin fort war, der Anwalt, »wann in dieser Nacht Dr. Krüger zu Ihnen kam? Die genaue Uhr meine ich.« Johanna überlegte. »Es ist lange Zeit her«, sagte sie. »Das ist mir nicht unbekannt«, erwiderte Dr. Geyer. »Aber sehen Sie, der Chauffeur Ratzenberger zum Beispiel kann sich trotzdem an die genaue Zeit erinnern. Ich habe ihn gefragt, wann der Dr. Krüger das Auto verließ. Gleich nach zwei Uhr, sagte er. Man hat kein Gewicht auf diese Aussage gelegt, aber sie steht im Protokoll.«

»Ich werde meine Erinnerung überprüfen«, sagte langsam Johanna Krain. »Wenn ich mich zum Beispiel erinnern sollte, daß Martin Krüger schon um zwei Uhr zu mir kam …?« sagte sie, angestrengt nachdenkend.

»Dann wäre zumindest die Aussage des Chauffeurs sehr erschüttert«, erwiderte rasch der Anwalt. Er nahm ein Zeitungsblatt, faltete es auseinander, die Zeichnung mit den Köpfen der Geschworenen wurde sichtbar, das windige Gesicht des von Dellmaier. »Wahrscheinlich wird man selbst dann dem Chauffeur mehr glauben als Ihnen«, sagte Dr. Geyer und faltete sorgfältig die Zeitung wieder zusammen. »Immerhin hätte dann Ihre Aussage Sinn.«

»Ich werde meine Erinnerung nachprüfen«, sagte Johanna und stand auf. Da stand sie, das Gesicht breit, klar, graue, kühne Augen über der stumpfen Nase, kräftig der Mund, ein großes, bayrisches Mädchen, entschlossen, ihrem unbesonnenen Freund auch mit Gefahr aus seiner blöden Geschichte herauszuhelfen.

»Aber alles in allem«, beharrte der Anwalt, »stelle ich Ihnen anheim, von der Aussage abzusehen. Besonders, wenn Sie sich nicht sollten an die genaue Stunde erinnern können.« Johanna legte ihre etwas breite, großporige Hand in die schmale, dünnhäutige des Anwalts und ging.

Aus dem Fenster des Nebenzimmers schaute ihr unter verzotteltem, schwarzem Haar das gelbbraune Gesicht der Haushälterin Agnes nach, angespannt, leidenschaftlich, wie sie fest und kräftig in dem gutsitzenden, rahmfarbenen Kostüm durch die Junisonne schritt.

Dr. Geyer saß erbarmungswürdig schlaff an dem mit Zeitungen unordentlich überdeckten Tisch. Dieses Mädchen Krain war viel zu gut für den Krüger. Dieses Mädchen Krain, trotzdem sie Bayrin war mit breitem, bayrischem Gesicht und unverkennbarem, breitem, bayrischem Dialekt, hatte eine gewisse Ähnlichkeit. Aber er wollte ja nicht daran denken, an den Jungen nicht, an die Mutter des Jungen nicht. Sie war tot, die ganze Geschichte war abgelebt, erledigt.

Er stand auf, mit einem kleinen Ächzen. Sah, daß er seinen Anzug sehr besudelt hatte. Schellte. Die Haushälterin Agnes stürzte herein. Er schrie sie an, wenn man sie nicht brauche, schnüffle sie herum, wenn man sie brauche, sei sie nicht da. Sie mit ihrer nervösen Stimme quäkte zurück, machte viele Worte. Jetzt endlich solle er doch wenigstens den richtigen Anzug anziehen, den sie bereitgelegt habe. Aber er hörte sie schon nicht mehr, setzte sich hin, kritzelte Notizen oder vielleicht auch nur Schnörkel auf den Rand einer Zeitung.

Noch als die Haushälterin längst wieder weg war, saß er so. Die Augen schmerzten ihn, er hielt die leicht entzündeten Lider geschlossen unter der dicken Brille. Er sah alt und müde aus und konnte trotz aller Selbstdisziplin nicht verhindern, daß er, dachte er an die Zeugin Krain, mitdachte an eine gewisse Ellis Bornhaak, eine Norddeutsche, verstorben vor längerer Zeit.

9
Politiker der bayrischen Hochebene

Obwohl der schöne Sonntag viele an die Seen und in die Berge führte, war die Tiroler Weinstube an diesem Junivormittag dicht gefüllt. Man hatte alle Fenster der Sonne geöffnet, aber es blieb angenehm dämmerig in dem großen Raum. Dick lag der Rauch der Zigarren über den massiven Holztischen. Man aß kleine, knusperig gebratene Schweinswürste oder lutschte an dicken, safttriefenden Weißwürsten, während man kräftige Urteile über Dinge der Kunst, der Weltanschauung, der Politik äußerte.

Es kamen am Sonntagvormittag vornehmlich Politiker in die Tiroler Weinstube. Sie saßen da im schwarzen Sonntagsrock, großspurig. Bayern war ein autonomer Staat: bayrischer Politiker sein, das war etwas.

Zerfiel nämlich damals Europa in zahlreiche souveräne Einzelstaaten, von denen einer das Deutsche Reich war, so zerfiel dieses Reich wiederum in achtzehn Bundesstaaten. Diese sogenannten Länder, an ihrer Spitze das Land Bayern, wachten, wiewohl sie ihrer wirtschaftlichen Struktur nach längst Provinzen waren, eifersüchtig über ihre Eigenstaatlichkeit. Hatten ihre Tradition, ihre historischen Sentiments, ihre Stammeseigentümlichkeiten, ihre Sonderkabinette. Achtzig Minister, 2365 Parlamentarier regierten in Deutschland. Die hochbetitelten Herren der Länderregierungen, diese Staatspräsidenten, Staatsminister, Landtagsabgeordneten, wollten nicht verschwinden oder bestenfalls Provinzialbeamte werden. Sie wollten es nicht wahrhaben, daß ihre Länder zu Provinzen des Reichs herabglitten, sie sträubten sich dagegen, sie redeten, regierten, verwalteten, um ihre staatspolitische Eigenbedeutung zu erweisen. Die bayrischen Minister und Parlamentarier waren in diesem Kampf der Länder gegen das Reich die Führer. Fanden für die Autonomie der Bundesstaaten die saftigsten Worte. Kamen besonders großspurig daher.

Ein Abglanz dieser Bedeutung fiel auch auf die Herren von der Opposition, die Parteifreunde Dr. Geyers, trotzdem die den bayrischen Partikularismus programmatisch bekämpften. Auch sie, infolge der politischen Struktur des Deutschen Reiches, saßen gewissermaßen im Nabel der großen Politik, sie fühlten sich wichtig, und diese Sonntagvormittage in der Tiroler Weinstube waren große Zeit für sie.

Sie saßen, die Politiker der Opposition, nicht in dem kleinen, etwas teureren Nebenzimmer, sondern betont volkstümlich in dem menschengestopften Hauptlokal. Fremd, schmal, mit zerarbeitetem Gesicht saß Dr. Geyer zwischen den Führern seiner Fraktion, den Herren Josef Wieninger und Ambros Gruner. Er hatte sogleich ins Nebenzimmer gespäht, wo häufig der Justizminister saß. Aber er hatte nicht den Klenk, nur den massigen Dr. Flaucher entdecken können. Leicht enttäuscht jetzt, daß der Feind nicht da war, und doch in seiner Müdigkeit froh, nicht kämpfen zu müssen, saß er, trank hastig und ohne Genuß von seinem Wein, betrachtete durch den Rauch die Köpfe seiner Tischgenossen. Josef Wieninger war der landesübliche Rundschädel; aus dem rosig blassen, blonden Gesicht schauten gutmütige, wässerige Augen; langsam, verträglich kaute er zwischen Würsten Satzbrocken hervor. Ambros Gruner hingegen trug den Schnurrbart forsch aufgezwirbelt, hatte auftrumpfende Bewegungen, hielt den dicken Bauch feldwebelmäßig stramm, rieb ihn am Tisch. Erging sich in starken Wendungen gegen die Regierung. Was eigentlich suchte Dr. Geyer zwischen diesen Leuten? Er wußte genau, so verschieden etwa die beiden Männer sich gaben, sie würden auf Worte des Kultusministers auf die gleiche Art reagieren, sie ließen sich bestechen durch derb gemütliche Umgangsformen. Man hatte den gleichen seelischen Boden, war trotz sozialistischen Geredes breiig zäh in der gleichen bäurischen Ideologie befangen.

Aus dem Nebenzimmer hörte man jetzt deutlich die knurrende Stimme des Dr. Flaucher. An seinem Tisch unterhielt man sich lärmend, stritt über Bismarck, das Reservatrecht der bayrischen Notenbanken, die Todesursache des eben ausgegrabenen ägyptischen Königs Tut en Kamen, die Qualitäten des Spatenbräubiers, die Verkehrspolitik Sowjetrußlands, den stammeseigentümlichen bayrischen Kropf, den Expressionismus, die Küche der Restaurants am Starnberger See. Immer wieder kehrte das Gespräch zurück auf das Aktporträt der Anna Elisabeth Haider. Es hatte sich aus der Galerie Novodny das Gerücht verbreitet, das Bild sei verkauft, nach München verkauft, an eine Persönlichkeit von Einfluß und zu einem ansehnlichen Preis. An wen, wurde nicht gesagt. Man riet auf den Baron Reindl, den Großindustriellen. Argwöhnte hierhin, dorthin. Stritt über die Qualität des Bildes. Der Dr. Matthäi, der Schriftsteller, wird in der nächsten Nummer seiner Zeitschrift das Gedicht veröffentlichen, von dem er gestern dem Kommerzienrat Hessreiter gesprochen hatte, er trug es bereits fertig im Kopf, er rezitierte die kräftigen, geschmalzenen Verse. Sie kamen dick, bösartig aus seinem von Säbelhieben zerhackten Gesicht; hinter dem Kneifer beobachtete er, ein gieriger Köter, die Wirkung. Man lachte dröhnend, trank ihm zu. Er, die Pfeife wieder zwischen den Lippen, setzte sich zurück, satt, befriedigt. Aber der Dr. Pfisterer, der andere Schriftsteller der Tafelrunde, fand das Gedicht zynisch. Er meinte, die Anna Elisabeth Haider, hätte man sie nicht so gehetzt, hätte sicherlich ins Gesunde heimgefunden. Auch der Dr. Pfisterer trug wie der Dr. Lorenz Matthäi eine graue Joppe, auch er schrieb umfängliche Geschichten aus den bayrischen Bergen, die ihm Erfolg überall im Reich brachten. Allein seine Geschichten waren optimistisch, rührten ans Gemüt, schufen Erhebung; er glaubte an das Gute im Menschen außer in dem Dr. Matthäi, den er haßte. Sie saßen sich gegenüber, die beiden bayrischen Schriftsteller, mit roten Köpfen, maßen sich hinter ihren Kneifern aus kleinen Augen, der klobige, zerhackte hielt den Schädel gesenkt, der andere stieß den rotmelierten Vollbart erregt, ein wenig hilflos vor.

Alle zeterten jetzt aufeinander los. Siegerin in dem Geschrei blieb schließlich, trotzdem sie nicht laut war, die Stimme des Professors Balthasar von Osternacher. Ihre biegsame, beharrliche Eleganz übertönte die andern, eifernd gegen das tote Mädchen. War er etwa nicht ein Revolutionär? War er nicht immer eingetreten für unbedingte Freiheit der Kunst auch in der Darstellung des Erotischen? Aber solche Malerei war ein eindeutiger physiologischer Vorgang, war Selbstbefriedigung einer unbefriedigten Frau, hatte mit Kunst nichts zu schaffen.

Die Kellnerin Zenzi lehnte an der Anrichte, hörte zu, sah besorgt, wie der Professor von Osternacher vor Eifer die Würstchen kalt werden ließ. Sie wußte Bescheid um die Stellung ihrer Stammgäste in der Wertung der Welt und der Kenner. Sie hörte vieles, es war nicht schwer, es zusammenzureimen. Über manche Ereignisse in Politik, Wirtschaft, Kunst hätte sie überraschende, gutfundierte Aufschlüsse geben können. Sie wußte auch, warum der Professor von Osternacher sich so ereiferte und die Würstchen kalt werden ließ.

Er war ein großer Mann, der Professor, verankert in der Kunstgeschichte, berühmt und hochbezahlt vor allem jenseits des Ozeans. Die fremden Gäste, nannte sie ihnen seinen Namen, schauten neugierig und ehrfürchtig her. Aber die Kassierin Zenzi erinnerte sich gut seines verzerrten Gesichts, als ihm einmal ein Spezi hinterbracht hatte, daß der Dr. Krüger ihn einen begabten Dekorateur genannt hatte, und sie begriff sehr gut, daß er den Kauf des von diesem Manne propagierten Bildes, noch dazu von seiten eines Münchners und für einen hohen Preis, als persönliche Kränkung empfand. Sie, besser als seine Frau und seine Tochter, kannte ihn. Ja, er war wirklich einmal revolutionär gewesen, aber er war auf seiner Manier, die sich später als nur modisch erwiesen hatte, sitzengeblieben. Er war alt geworden; wenn er sich nicht beobachtet glaubte, sie, die Kassierin Zenzi, wußte es, hatte er einen runden Rücken. Die Kellnerin Zenzi kannte das gut, wenn er so schimpfte. Das waren eigentlich nicht die andern, über die er loszog, sondern ihn stach, zwickte, ärgerte sein eigener Niederbruch. Sie war dann immer besonders mütterlich zu ihm, sänftigte ihn, bis er, heiser von der hadernden Bemühung, sich an seine erkalteten Würstchen machte.

In den Lärm des allgemeinen Gezänks hinein kam ein nagelneues, dunkelgrünes Auto. Ihm entstieg mit gutmütig schlauem, hartfaltigem, strahlendem Bauerngesicht der Maler des »Crucifixus«, Andreas Greiderer. Zutraulich kam er, breiten Schrittes, an den Tisch der großen Kollegen. Er war dort immer gern geduldet worden, als Konkurrent kam er nicht in Frage; sein einfältig pfiffiger Bauernwitz, seine Kunstfertigkeit auf der Mundharmonika hatten ihm einen Platz in der Runde verschafft. Allein heute, wie er mit einer gutmütig ironischen Anmerkung über seinen Schwammerling von Erfolg an den Tisch trat, stieß er auf saure, zugesperrte Gesichter. Man zeigte sich nicht geneigt, zusammenzurücken, niemand bot ihm Platz an. Eine Stille entstand, von dem großen Bierlokal jenseits des Platzes tönte die Blechmusik herüber, eine getragene Volksweise, zu Mantua in Banden liege der treue Hofer. Betreten von dieser Wirkung, zog sich der Maler Greiderer zurück, ging in das Hauptlokal, geriet an die Männer der Opposition. Unter anderen Umständen hätten die Herren Wieninger und Gruner den von dem Kultusminister befehdeten Maler aus Demonstrationsgründen willkommen geheißen; aber heute wünschten sie ihn bald wieder weg, richtig vermutend, solange sie ihn nicht los seien, werde aus dem ersehnten, sonntäglich üblichen, jovial kämpferischen Beisammensein mit den Großkopfigen nichts werden. Sie gaben sich also immer eintöniger, tranken, rauchten, beschränkten sich auf Hm’s und Ha’s. Der Maler merkte lange nicht, daß er die Ursache dieser strohernen Stimmung sei, endlich dann, es doch spannend, entfernte er sich in dem dunkelgrünen Auto, während alle ihm nachschauten.

Jetzt aber, statt seiner, kamen endlich Flaucher und der Dichter Dr. Pfisterer herüber an den Tisch im Hauptlokal. Denn es hatte sich die Gewohnheit herausgebildet, daß die Minister der regierenden Partei, dem Kleinbürgertum der Opposition auf solche Art schmeichelnd, an den Sonntagvormittagen beim Frühschoppen zu den Abgeordneten im Hauptlokal herüberkamen, um sich auf joviale Art mit ihnen herumzustreiten. Da saßen sie nun, diese Politiker der bayrischen Hochebene. Man sprach höflich miteinander, pürschte sich vorsichtig aneinander heran. Herr Franz Flaucher, den massigen, kurzen Oberkörper in einem langen, schwarzen, abgetragenen Rock, sprach auf Herrn Wieninger ein, manchmal leicht knurrend, mit gemachter Höflichkeit; der Dichter Pfisterer beschäftigte sich mit Ambros Gruner, haute ihm gemütlich die Schulter.

Dr. Geyer fand die vier Männer alle aus einem Stoff, aus dem dumpfen Stoff des Landstrichs, schlau, eng, ohne Horizont, winklig wie die Täler ihrer Berge. Ihre derben Stimmen, gewöhnt, über dem Lärm lauter Versammlungen durch Bierdunst und schlechten Zigarrenrauch zu dringen, suchten sich zu gemäßigt verbindlichem Ton zu dämpfen, quälten sich ein ungelenkes Schriftdeutsch ab, durch das ihr harter, breiter Dialekt immer wieder durchbrach. Sie saßen massig auf ihren festen Holzstühlen, sich zulächelnd mit derber Höflichkeit, schlaue Bauern, einander beim Viehhandel keineswegs trauend.

Es ging um eine Personalfrage. Man hatte vor kurzem eine Altersgrenze festgesetzt. Hatten Staatsbeamte das sechsundsechzigste Lebensjahr erreicht, so wurden sie pensioniert. Nur in Ausnahmefällen konnte die Regierung schwer zu ersetzende Beamte in ihren Stellungen belassen. Diese Ausnahmebestimmung wollte der Kultusminister anwenden auf einen Historiker der Münchner Universität, den Geheimrat Kahlenegger, der die Altersgrenze längst überschritten hatte. Es bestanden nämlich drei Lehrstühle für Geschichte an der Münchner Universität. Einer war nach den Bestimmungen des mit dem Papst abgeschlossenen Konkordats abhängig von der bischöflichen Genehmigung und somit besetzt mit einem zuverlässigen Katholiken. Die zweite Professur war bestimmt vor allem für bayrische Landesgeschichte, somit naturgemäß besetzt mit einem zuverlässigen Katholiken. Die dritte, repräsentativste, einst von König Max II. für den großen Forscher Ranke gestiftet, hatte zur Zeit der alte Geheimrat Kahlenegger inne. Der hatte sein Leben der Erforschung der biologischen Gesetze der Stadt München gewidmet. Hatte, mit manischem Eifer Material zusammentragend, alles kosmische Geschehen, alle geologischen, biologischen, paläontologischen Erkenntnisse starr auf die Geschichte seiner Stadt München bezogen mit dem Ergebnis, daß die Stadt naturnotwendig eine bäuerliche Siedlung geworden sei und bleiben müsse. Dabei war er nie in Widerspruch geraten mit den Lehren der Kirche, hatte sich vielmehr immer als zuverlässiger Katholik erwiesen. Außerhalb Münchens freilich bezeichnete man sein Endergebnis, trotzdem die Einzelheiten des Materials stimmten, als sinnlos, denn der Gelehrte habe die durch die Technik bewirkte Unabhängigkeit des Menschen vom regionalen Klima und die sozialen Veränderungen der letzten Jahrhunderte übersehen. Die Fakultät nun beabsichtigte, sollte der Geheimrat Kahlenegger pensioniert werden, einen Mann vorzuschlagen, der freilich Bayer, aber Protestant war. Ja, dieser von der Universität begönnerte Mann war in einem Buch über die vatikanische Politik gegen England zu dem Ergebnis gekommen, die Maßnahmen des Papsttums gegenüber der Königin Elisabeth hätten den Grundsätzen der christlichen Moral nicht entsprochen, der Papst habe von den Mordanschlägen der Maria Stuart vorher gewußt und sie gebilligt. Dr. Flaucher war also entschlossen, die Berufung dieses Mannes zu verhüten und den Geheimrat Kahlenegger von den Bestimmungen der Altersgrenze auszunehmen.

Dr. Geyer, während sich Flaucher weitläufig, fast schwärmerisch über die Bedeutung Kahleneggers erging, betrachtete den alten Professor, der im Nebenzimmer am Tisch der Großkopfigen saß. Lang, trotz seiner Magerkeit sehr plump, hockte er; der hagere Schädel, dünn, mit breiter, höckeriger Nase, drehte sich auf dem riesigen, ausgetrockneten Hals, äugte aus sonderbar stumpfen, hilflosen Vogelaugen in die Runde. Manchmal tief aus dem Kehlkopf holte der Greis seine Stimme, die, so laut sie war, marklos und überaus angestrengt klang, und äußerte einige druckreife, langfließende, leblose Sätze. Dr. Geyer dachte daran, wie lange dieses Greises Urteilskraft nun schon versiegt war. Das ganze akademische Deutschland begann allmählich über den Mann zu lachen. Denn er hatte seine letzten zehn Jahre in den Dienst einer einzigen Idee gestellt; er erforschte die Geschichte des ausgestopften Elefanten in der Münchner zoologischen Sammlung, jenes Elefanten, der bei der abgeschlagenen Belagerung Wiens durch den Sultan Soliman II. in die Hand des Kaisers Maximilian II. gefallen und später von diesem dem bayrischen Herzog Albrecht V. geschenkt worden war.

Dr. Geyer hatte nichts gegen Kahlenegger, manches gegen die bieder und überzeugt vorgetragenen Übertreibungen des Flaucher. Plötzlich mit seiner hellen, unangenehmen Stimme sagte er: »Und die vier Elefantenbücher Ihres Kahlenegger?«

Schweigen entstand. Dann legten der Dr. Pfisterer und der Flaucher fast gleichzeitig los. Dr. Pfisterer rühmte die heimatkundlichen Forschungen des alten Geheimrats, in denen Wissen und Gemüt unlöslich vermengt seien. Ob denn der Dr. Geyer im Ernst glaube, solche heimatkundlichen Forschungen seien unwesentlich? »Wir wollen aus dem Elefanten des Kahlenegger keine Mücke machen«, sagte er gutmütig. Der Flaucher hingegen meinte ernst und mißbilligend, wenn einzelne für den Gefühlswert solcher Forschungen keinen Sinn hätten, das Volk als Ganzes lehne eine derartig amerikanische Einstellung entschieden ab. Die Volksseele hänge an diesem Elefanten, wie sie an den Frauentürmen hänge oder an sonst einem Wahrzeichen der Stadt. Dem Herrn Abgeordneten Geyer freilich, schloß der Minister mild, könne man es nicht verübeln, wenn er dafür das rechte Verständnis nicht aufbringe. Denn solche Gefühle seien nur denen zugänglich, die in diesem Boden wurzelten. Und er ließ ab von dem Rechtsanwalt, mit beinahe mitleidiger Verachtung, und blickte dem Abgeordneten Wieninger stumpf und treuherzig ins Auge. Dann wandte er den gleichen Blick dem Abgeordneten Gruner zu, mit biederer Mahnung. Ehrwürdig sei der greise Forscher Kahlenegger, sagte er schließlich, ehrwürdig, und alle schauten hinüber, wo der alte Mann saß. Der Abgeordnete Wieninger nickte, verlegen, leicht ergriffen, der Abgeordnete Ambros Gruner warf dem Dackel des Ministers mit verträumter Bewegung eine Wursthaut zu.

Und plötzlich fühlte sich der Anwalt Dr. Geyer sonderbar allein. Kahlenegger und sein Elefant: über alle politischen Antipathien hin gehörten der reaktionäre Minister, der reaktionäre Schriftsteller und die oppositionellen Abgeordneten zusammen, vier Söhne der bayrischen Hochebene, und der jüdische Anwalt saß fremd, störend, feindlich dazwischen. Er sah, daß sein Anzug abgetragen und besudelt war, und schämte sich. Rasch verließ er und unbehilflich den Raum. Aus dem großen Bierlokal von jenseits des Platzes scholl gefühlvoll und mit viel Blechmusik die alte Stadtweise herüber von der grünen Isar und der nie aufhörenden Gemütlichkeit. Die Kassierin Zenzi, trotzdem er ihr ein reichliches Trinkgeld gegeben hatte, fand, während er sich so fluchtartig entfernte, er sei ein zuwiderer Kerl und passe eigentlich nicht hierher. Und sie goß behutsam dem halb schlafenden Geheimrat Kahlenegger neuen Wein ins Glas.

Die Kanzlei, bestimmt für viele Menschen, erfüllt sonst von hin und her rennenden Angestellten und dem Geknatter der Schreibmaschinen, lag heute in der Stille des Sonntags trist und leblos. Der Geruch von Akten, Rauch, toten Zigarren war in der Luft. Die scharfe Sonne beleuchtete jedes Stäubchen in dem kahlen Raum und lag prall auf dem nicht aufgeräumten, mit Asche überstäubten Schreibtisch. Der Anwalt holte ächzend das umfängliche Manuskript hervor, zündete sich eine Zigarre an, sah alt, seine dünne, blaßrosige Haut zerknittert aus in dem grellen Licht. Und er schrieb, stellte dar, reihte Daten und Ziffern aneinander, belegte aktenmäßig jene vielfältige Geschichte des Unrechts im Lande Bayern in dem von ihm behandelten Zeitabschnitt. Er schrieb, rauchte, die Zigarre ging aus, er schrieb. Sachlich, nüchtern, eifrig, hoffnungslos.

10
Der Maler Alonso Cano (1601–1667)

Um die gleiche Zeit saß der Mann Krüger in der Zelle 134. Vor sich aufgestellt hatte er in einer guten Reproduktion das Selbstbildnis des spanischen Malers Alonso Cano aus dem Museum von Cádiz. Es wäre nicht schwer gewesen, über dieses Selbstbildnis manches Einprägsame zu sagen. Der indolente Idealismus des Mannes, sein gefälliges Talent, das ihm die Arbeit zu leicht machte, so daß er faul niemals bis an seine Grenzen ging, die unsolide, dekorative Leerheit, es war nicht ohne Reiz, darzutun, wie das alles in dem gepflegten, eleganten, nicht unbedeutenden Kopf sich ausdrückte. Aber Martin Krüger rundeten sich die Sätze zu leer und bequem, das Bild steckte an, er fand nicht den Punkt Ruhe und Kraft, von dem aus er ernsthaft den Mann und sein Werk hätte machen können.

Die kleine Zelle sah heute in dem scharfen Licht besonders kahl und nüchtern aus. Der Mann Krüger dachte an die Stadt Cádiz, die mitten im Meer scharf und weiß in der Sonne lag. Er fühlte sich nicht schlecht, aber nüchtern, unbeschwingt. Tisch, Stuhl, die hochgeklappte Bettpritsche, der weiße Kübel, dazwischen der elegante Kopf des Malers Cano mit dandyhaft gepflegtem, blondem Bart auf einer dekorativen, rostroten Hintergrundsauce. Er sagte sich nachdenklich, es sei wohl gleichgültig, vor welchem Hintergrund man stehe. Ob vor einer grauen Zellenwand oder vor einem solchen Bilde oder vor solchen Sätzen, wie er sie gerade schrieb.

Kaspar Pröckl wurde hereingeführt. Der junge Ingenieur schaute aus tiefliegenden, brennenden Augen mißbilligend auf das Bild des Alonso Cano. Er hatte Verständnis für die einfühlsame Art, wie Martin Krüger seinen Eindruck und sein Erlebnis eines Bildes weitervermitteln konnte. Aber er war überzeugt, sein begabter Freund sei auf falschem Weg. Er, Kaspar Pröckl, sah die Aufgabe der Kunstwissenschaft in dieser Epoche in ganz andern Dingen. Angefüllt von den Theorien des Jahrzehnts, die in der Wirtschaft Basis und Mitte alles Weltgeschehens sahen, war er überzeugt, die Kunstwissenschaft müsse zunächst einmal die Funktion der Kunst in einer sozialistischen Gesellschaft erforschen. Der Marxismus hatte, denn er hatte Wichtigeres zu tun, verzeihlicherweise keine Vorstellung dieser Funktion geschaffen. Hier lag die Bedeutung der Kunstwissenschaft in diesem Jahrzehnt, daß sie, zum erstenmal seit ihrem Bestehen erlöst aus trockenem Herbarismus, in Verbindung mit der Staatswissenschaft lebendig werden, der Kunst des proletarischen Staates den Boden urbar machen konnte. Er, jung, brennend, voll tatwilligen Kunstverstandes, mühte sich, dem Manne Krüger, den er liebte, den rechten Weg zu zeigen.

Daß da das Selbstporträt des Alonso Cano stand, ärgerte ihn sehr. Er hatte das Mißgeschick des Krüger, in das Getriebe der bayrischen Politik zu fallen, bedauert. Dann aber war es ihm fast willkommen; denn er hoffte, Martin Krüger werde, die Widerwärtigkeit des heutigen Zustandes so leibhaft an sich spürend, aus seinem Genießertum aufgeschreckt, zu ihm herüberfinden. Finster also aus hagerm, unrasiertem Gesicht zwischen starken Jochbogen starrten seine tiefliegenden Augen auf das Bild. Aber er sagte nichts. Kam vielmehr sogleich auf den Zweck seines Besuchs. Der Chef der Bayrischen Kraftfahrzeugwerke, wo er angestellt war, der Baron Reindl, war ein zuwiderer Bursche; aber er interessierte sich für Kunstdinge. Er war von großem Einfluß. Vielleicht konnte Kaspar Pröckl ihn dazu bringen, für Krüger zu intervenieren. Der Mann Krüger versprach sich nicht viel davon. Er kannte Herrn von Reindl und hatte den Eindruck, daß der ihn nicht recht leiden mochte. Sehr bald, wie oft bei ihren Gesprächen, gerieten Martin Krüger und Kaspar Pröckl von ihrem unmittelbaren Gegenstand ab, erörterten angeregt Möglichkeiten und Wirklichkeiten der Kunst im bolschewistischen Staat. Als die Besuchszeit Kaspar Pröckls abgelaufen war, mußten sie in zwei Minuten eilig das Notwendigste über die Schritte besprechen, die Kaspar Pröckl für Krüger unternehmen sollte.

Der junge Mensch gegangen, fühlte sich Krüger ungewohnt frisch und lebendig. Mit einer Handbewegung wischte er die Reproduktion des Bildes vom Tisch. Er brachte einige Gedanken zu Papier, die die Unterredung in ihm geweckt hatte. Das Wichtigste war ihm natürlich hernach erst eingefallen. Er lächelte: das war kein schlechtes Zeichen. Er schrieb frisch, männlich, überzeugend, wie es ihm selten glückte. Er war so eifrig bei der Arbeit, daß er erst, als der Wärter ihm das Abendessen hereinstellte, wieder daran erinnert wurde, wo er war.

11
Der Justizminister fährt durch sein Land

Am gleichen Sonntag fuhr der Minister Otto Klenk durch das grün und gelbe bayrische Alpenvorland den Bergen zu. Der wuchtige Mann fuhr nicht übermäßig rasch. Leichter Wind ging, durch die Fahrt zu guter Kühlung verstärkt; die Straßen waren kaum staubig. Der Wagen fuhr in einen dichten Wald hinein. Klenk, in derbstoffiger Gebirgstracht, überließ sich der Freude an der raschen Bewegung.

Das rotbraune Gesicht und die starken Glieder entspannt, lenkte er, die Pfeife im Mund, in einer für diesen Landstrich ungewohnt lockeren Haltung seinen Wagen. Schön war das Land, fest und greifbar stand alles in der klaren, kräftigen Luft. Es war gut, in dieser kräftigen Luft zu leben, man machte sich keine überflüssigen Gedanken, es ging den ganzen Tag holperige Wege bergauf, bergab, man mußte mit dem Atem haushalten. Wind, Schnee, Sonne gerbten Haut und Seele. Klenk hatte seinen Jäger bestellt, er wird einen Gang durch das Revier machen. Er freute sich auf die derbe Kost, die Veronika ihm vorsetzen wird. Übrigens muß er sich nächstens einmal nach seinem und ihrem Sohn umsehen, dem Simon, den er in die Bank von Allertshausen gesteckt hat. Der war ein rechter Rotzbub, der seiner Umwelt zu schaffen machte. Ihm, Klenk, gefiel das. Die Veronika war ein umgängliches Weiberts, daß sie ihm nicht in den Ohren liegt wegen des Bams. Überhaupt hat er sich das gut eingerichtet. Seine Frau, die dürftige, vertrocknete Geiß, stört ihn nicht, ist froh, wenn er sie mit einer Art jovialen Mitleids behandelt.

Der Wagen glitt einen schönen, langgestreckten See entlang. Hügelige Ufer, dahinter die heitere Linie der Berge.

Ein komfortabler Tourenwagen überholt ihn. Eine Gesellschaft exotischen Aussehens sitzt darin. Viele Fremde fahren jetzt durchs Land. Er hat einen Aufsatz gelesen unlängst, der sich intensivierende Verkehr müsse notwendig so etwas wie eine neue Völkerwanderung zur Folge haben. Der schwerbewegliche, seßhafte Typ werde verdrängt, aufgelöst von dem leichten, nomadischen Typ. Eine große, allgemeine Vermengung bereite sich vor, habe schon begonnen.

Der Minister schaute dem Wagen der Exoten spöttisch, angewidert nach. Na, er wird erfreulicherweise diese schönen Zeiten kaum mehr erleben. Er hat an sich nichts gegen Fremde. Mag sein, daß etwa die Chinesen Repräsentanten einer viel älteren, reiferen Kultur sind als die Bayern. Aber ihm schmecken Knödel und Weißwürste besser als gebackene Haifischflossen, er liest die Bücher des Lorenz Matthäi lieber als die des Li Tai-po. Er denkt nicht daran, sich auffressen zu lassen von einer fremden Kultur.

Eine bisher noch nie bemerkte Gedenktafel am Wegrand fiel ihm auf, wie sie ihrer zu Tausenden an den bayrischen Straßen herumstanden, zur Erinnerung mahnend an einen Verunglückten. Er stoppte, betrachtete interessiert die naive Bauernmalerei, die darstellte, wie ein ehrengeachteter vierundfünfzigjähriger Ökonom auf sehr farbige Art mit seinem Heuwagen in die Tiefe stürzte. Darunter forderte eine klobig versifizierte Inschrift den Wanderer auf, für die Seele des zu Tode gekommenen Landwirts zu beten. Gott werde sich seiner erbarmen, da er ein Weib gehabt habe, das ihm schon auf Erden sogar das Wirtshaus zur Hölle machte. Der Minister las schmunzelnd die pfiffig derbe, augenzwinkernd mit Gott feilschende Reimerei. Er interessierte sich sehr und von innen her für solche Dinge. Hatte sich wie viele seiner Landsleute von jeher liebevoll und gründlich damit befaßt. Wußte eine Menge Kuriosa, bayrische Historie und Ethnographie betreffend. Wußte zum Beispiel genau, warum er Klenk hieß, nicht etwa Glenck oder Klenck, und konnte mit dem Schriftsteller Dr. Matthäi, dem besten Kenner auf diesem Gebiet, über winzige dialektische Nuancen einen stundenlangen, wohlfundierten Disput führen.

Ein zweiter Wagen hielt neben dem seinen. Irgendein Neugieriger musterte Bildtafel und Inschrift, ein unbayrischer Mund rezitierte mühsam und verständnislos die Verse. Ein Norddeutscher natürlich. Es sind bald mehr Fremde da als Einheimische. Hotels und Fremdenbars ersticken schon fast die Häuser der Landsässigen. Er muß wirklich einmal eine Statistik einsehen, wieviel Nichtbayern sich hier seit dem Krieg eingenistet haben.

Er fuhr mit gesteigerter Geschwindigkeit weiter, seine Haltung war gestrammter. Er dachte unvermittelt an den Rechtsanwalt Dr. Geyer. Er sah den rotblonden, dünnhäutigen Kopf des Anwalts vor sich. Seine dringlichen Augen unter der dicken Brille, seine zappeligen, nur mit Energie beherrschten Hände. Die helle, unangenehme Stimme stand fast körperlich vor ihm. Dr. Klenk biß stark auf das Mundstück seiner Pfeife. Den wenn er einmal vors Korn kriegt, das wäre eine gesunde Mahlzeit. Logik, Menschenrechte, Reichseinheit, Demokratie, zwanzigstes Jahrhundert, europäische Gesichtspunkte: einen Schmarrn. Er schnaubt durch die gepreßten Lippen, knurrt wie ein aufgeregtes Tier gegen den Feind. Was versteht so ein Wichtigmacher wie der Geyer, so ein Gschaftelhuber und Streber, so ein Saujud, von dem, was in Bayern und für Bayern recht ist. Es hat ihn niemand gerufen. Hier will niemand besser gemacht werden. Höchstens wenn so ein damischer Hammel hereinriecht mit seinem Papierschädel, dann wird das Bier sauer.

Bald wieder unter dem klaren, hohen Himmel des bayrischen Junitags verdunstet sein Zorn. Der Minister Dr. Klenk ist ein gescheiter Mann und ein vielwissender Mann. Ausgezeichneter Jurist, aus wohlhabender, altkultivierter Familie, die dem Land seit Generationen hohe Beamte stellt, sich verstehend auf Menschen und seine Materie, könnte er natürlich, wenn er nur wollte, dem Dr. Geyer Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber er denkt nicht daran zu wollen.

Er war am Südende des langgestreckten Sees. Schön standen die Berge, deutlich in den Konturen, blau und grün. Es war das angenehmste Wetter, prachtvoll zu fahren. Er steigerte die Geschwindigkeit, hockte gelassen, locker am Steuer, ließ seine Gedanken kraus und quer gehen, kinderspielzeughaft bunt wie die saubere, starkfarbige Landschaft.

Ein Bild spürt man oder man spürt es nicht, man braucht nicht soviel Sauce darum zu machen wie der Krüger. Immerhin, der Krüger hat einen offenen Kopf. Warum muß dieser Lalli der bayrischen Politik in ihre Maschinerie hineintapsen? Warum muß er aufbegehren? Kann der Sauhammel nicht das Maul halten? Wer hat es ihm geschafft? Wo es um bayrische Dinge geht, ja, mein Lieber, da kennen wir keinen Genierer.

Der geschreimäulige Flaucher natürlich war ein Esel. Es war ein Skandal, daß bloß die Dummköpfe ins Kabinett gingen. Dabei waren gute Leute da. Er hätte drei, vier Namen nennen können. Warum hatte er nicht Männer zu Kollegen wie etwa den alten, feinen Grafen Rothenkamp, der auf seinem Schloß in den Bergen des Chiemgaus hockt, still, vorsichtig, ab und zu nach Rom fährt, mit den Diplomaten des Vatikans leise Politik machend, manchmal nach Berchtesgaden zu dem Kronprinzen Maximilian? Warum darf der Reindl so im Schatten bleiben, der Mann der Bayrischen Kraftfahrzeugwerke, der durch seine Verbindung mit dem großen Ruhrkonzern die Industrie des Landes beherrscht? Von dem Dr. Bichler ganz zu schweigen, dem schlauen Bauernführer, dem alten Fuchs, der von nichts weiß, es nie gewesen ist, nie was gesagt hat. Aber wehe dem Minister oder dem Abgeordneten, der was tut oder sagt ohne seine Direktiven. Natürlich, diese, die wirklichen Bonzen, halten sich zurück, bleiben unsichtbar. Die Verantwortung müssen die andern übernehmen, brave Leute, etwas beschränkt, um Gottes willen nicht zu selbständig.

Da war das Gut des Toni Riedler. Der hat sich auch aus der offiziellen Politik zurückgezogen. Hat stark drauflosgelebt, solange er bayrischer Diplomat war, hat sich dann im Krieg und nachher gesund gemacht, weiter gut gewirtschaftet. Jetzt ist er üppig geworden, hat das dritte Auto, einen schönen, italienischen Wagen, eine ganze Kompanie unehelicher Kinder, macht sich den Spaß, illegale Verbände zu organisieren, daß er, Klenk, es schwer hat, die Augen zuzudrücken. Ein bißchen dick geben wir es in unserem klerikalen Oberbayern mit den unehelichen Kindern: wir haben einen höheren Prozentsatz als das übrige Mitteleuropa. Ein Pech hat der Krüger, daß er sich einsperren lassen muß, weil er mit einer Frau geschlafen hat. Es ist schon eine Sauarbeit, offizielle bayrische Politik zu machen; die andern, die die wirkliche, heimliche machen, haben es schöner. Auch die Zahl der Roheitsverbrechen ist nach der letzten Statistik südlich der Donau immer noch höher als irgendwo sonst im Reich. Wir können uns sehen lassen mit unserer Kriminalität; das sind Ziffern, die sich gewaschen haben. Vital sind wir, da fehlt sich nichts.

Hoppla. Jetzt hätte er fast den Radler niedergefahren. Er hatte neunzig Kilometer auf dem Schnelligkeitsmesser. »Mach deine Ochsenaugen auf, Aff, geselchter!« rief er dem erschrockenen Radfahrer die landesübliche Formel zu, zurückschimpfend. Am besten kommt man mit den Hunden aus. Die Radfahrer sind das Idiotischste, was es gibt. Er lächelt, wie er daran denkt, daß von allen Städten Deutschlands München den größten Prozentsatz Radler hat. Das wäre ein Gaudium und eine Hetze in der ganzen Oppositionspresse, wenn er einmal das Pech hätte, einen zu überfahren.

Die neue Ausgabe der »Rechtsphilosophie« hätte er sich mitnehmen können. Er pflegte auf dem Anstand zu lesen, und für Fragen der Rechtsphilosophie interessierte er sich. Er wußte gut Bescheid über die verwickelten Probleme von Heteronomie und Autonomie, von Legalität und Moralität, von organischer Theorie und Vertragstheorie. Verblüffte manchmal das Parlament durch ein abgelegenes, schlagendes theoretisches Zitat. Er kann es sich leisten, sich mit Problemen zu befassen. Es ist sehr unterhaltend. Eine Gaudi. »I-de-o-lo-gischer Überbau«, sagt er vor sich hin in den kleinen Wind, grinsend, die Silben auskostend, und gibt mehr Gas. Theorien hin, Theorien her: er ist der Gesetzgeber, vor dessen berichtigendem Wort nach dem berühmten Satz ganze Bibliotheken zu Makulatur werden.

Ein ekelhaftes Gefrieß hat dieser Geyer. So ein Krampfbruder, so ein zuwiderer. So ein hysterischer Gschaftelhuber. Auch mit dem Toni Riedler wird er einmal zusammenrücken. So ein Knallprotz. Ja, die Rechtsphilosophie. Ein weites Feld. Er, Klenk, tut nicht recht, nicht unrecht. Er ist eingesetzt, zu verhüten, daß Volksschädliches ins Land kommt. Er tut, was der Tierarzt, der Maßnahmen gegen die Klauenseuche anordnet.

Der Wind hat zugenommen. Gleich nach dem Essen wird er mit seinem Jäger, dem Alois, zur Gschwendthütte gehen. Er gibt Gas, nimmt die Mütze ab, läßt die wehende Luft über den spärlich bewachsenen Schädel streichen. Fährt durch sein Land, Pfeife im Mund, zufrieden, mit Appetit, wachsam.

12
Briefe aus dem Grab

Am Tage darauf spielte der Staatsanwalt seinen großen Coup aus und beantragte die Verlesung gewisser Schriftstücke aus dem Nachlaß des toten Mädchens Anna Elisabeth Haider. Diese Schriftstücke hatte die Gerichtsbehörde beschlagnahmt, unmittelbar nach der Vergiftung des Mädchens, und niemand kannte sie außer den Gerichtspersonen.

Ein Beamter der Gerichtsschreiberei verlas die Schriftstücke. Es waren Teile eines Tagebuchs und nicht abgeschickte Briefe. Sie waren aus der willkürlichen Handschrift der Toten, die mit sehr spitzer Feder und violetter Tinte auf beliebige Papierfetzen zu schreiben pflegte, in ein Maschinenmanuskript übertragen worden, vorsichtshalber, damit der Schreiber bei der Verlesung zurechtkomme. Aus dem Munde dieses Gerichtsschreibers, einem kindlichen, gutmütigen Mund mit einem erfolglos auf Flottheit aspirierenden Schnurrbärtchen, erfuhren Richter, Geschworene, Journalisten, Publikum, erfuhr der Verteidiger Dr. Geyer und erfuhr der Mann Krüger selbst zum erstenmal diese aus dumpfer Seele für ihn herausgeschleuderten Dinge. Der Gerichtsschreiber hatte zwar die Schriftstücke schon vorher einmal überlesen, um sich bei der öffentlichen Verlesung nicht zu blamieren. Immerhin handelte es sich hier um für ihn ungewohnte Dinge, auch fühlte er sich durch die allgemeine Aufmerksamkeit zwar wichtig, doch gehemmt, er schwitzte leicht, las stockend, unter mannigfachem Räuspern, mundartlich untermalt. Es fiel dem Angeklagten Krüger nicht leicht, als er diese ihn anrührenden schweren Sätze aus diesem Mund und in dieser Lage zum erstenmal hörte, das Gesicht so unbewegt zu halten, wie es angemessen gewesen wäre.

Der Staatsanwalt hatte aus der Fülle des Materials zwei Tagebuchstellen und einen angefangenen Brief ausgewählt. In einem drückenden Stil, wie er der Malerei der Toten entsprach, war darin von dem Manne Krüger die Rede. Schamlos, umständlich und unmittelbar sich übertragend war geschildert, wie seine Berührung auf die Schreibende einwirke. Seine Finger, sein Mund, seine Muskeln. Es war ein dumpfiger Brand in den Worten, eigentümlich gemischt mit der Luft katholischer Vorstellungen, wohl aus der klösterlichen Erziehung des Mädchens herrührend, das Ganze voll von dunkler, immer wieder gekapselter und immer wieder durchbrechender Sinnlichkeit. Es waren ungewohnte Worte, eingesperrte, tierische Schreie. Schwer greifbar, manchmal im Munde des Gerichtsschreibers geradezu komisch. Aber keinesfalls klangen diese Konfessionen so, als ob von kameradschaftlichen Beziehungen die Rede sei.

Das Auditorium sah nach den Händen des Angeklagten, von denen viel die Rede war, nach seinen Lippen, nach dem Manne Krüger. Das üble Gefühl außerordentlicher Schamlosigkeit, das einige überkam, als die privaten Aufzeichnungen einer Toten ins Licht des Gerichtssaals vor vielen Ohren dem Manne ins Gesicht gestellt wurden, erstickte in der großen Sensation. Wie man wohl einem Boxer zusah, der in der letzten Runde keuchend die schwersten Schläge des Gegners empfängt, ob er aufrecht bleibt, so wartete man auf den Niedergang des Mannes Krüger unter diesen Aufzeichnungen. Der Rechtsanwalt Dr. Geyer, die blauen Augen scharf auf dem Mund des Schreibers, die Lippen streng versperrt, konnte doch nicht hindern, daß immer wieder eine rasche Röte seine mühsam festen Wangen überflog. Er verwünschte die dumpf poetische Ausdrucksweise des toten Mädchens, die jedem Gegner die Möglichkeit gab, aus ihren Worten herauszulesen, was ihm nützlich war. Er bemerkte gut die starke Wirkung auf Gericht, Publikum, Presse; es war ein Volltreffer, den der Staatsanwalt da abgefeuert hatte, unleugbar. An den Mienen auch der Wohlwollenden sah man, wie der Glaube an die Zweideutigkeit der Beziehungen des Mannes Krüger zu der Toten von Wort zu Wort fester wurde.

Am Schluß ließ der Staatsanwalt einen angefangenen und nie abgesandten Brief des toten Mädchens verlesen. Ihr ganzer Leib, hieß es, sei rauchendes Feuer, wenn Martin nicht da sei; sie laufe im Regen herum, sie könne nicht atmen. Ihre Malerei liege unvollendet da, sie stehe stundenlang vor seiner Wohnung und vor der Staatsgalerie. Sie wisse, daß er sie nicht mit der wilden Frömmigkeit begehre wie sie ihn. Nur wenn sie unter ihm verlösche, könne sie atmen. Wenn sie ihn auf der Treppe höre, würden ihr die Knie schwach. Aber es vergingen viele Tage, bis er komme. Sie zwinge sich zu arbeiten, aber es gehe nicht, Traurigkeit und Begierde reiße ihr jedes Gesicht aus der Hand. Müde, mit heißen Händen und trockenem Mund sitze sie, und nichts sei auf der Welt als ihre schreckliche, tiefe Verwirrung und Traurigkeit und die heftige Stimme der Hofrätin, die Geld wolle.

Dies also verlas der Gerichtsschreiber Johann Hutmüller im Sitzungssaal 3 des Justizpalastes vor dem Schwurgericht unter gespannter Anteilnahme des Publikums. Einige Damen hatten den Mund töricht und hübsch halboffen, andere hörten zu mit schweratmender Versunkenheit, verwirrt darüber, daß eine Frau derartiges an einen Mann schrieb. Immer hatten Frauen den Mann Martin Krüger lang und gern betrachtet. Aber nie noch war er von so vielen Frauenaugen so angespannt beschaut worden wie an diesem 5. Juni.

Der Vorsitzende Dr. Hartl hatte ein philosophisches, leicht trauriges Lächeln. Die Briefe der Toten waren typisch, ein Dokument. So waren sie, die Schlawiner. Sie hatten keine Richtung, keinen Ehrgeiz. Nehmen sich jede Freiheit. Sagten heraus, wie es ihnen zu Sinn war, schamlos, hemmungslos. Was hatten sie davon? Was blieb, war Dumpfheit und Trauer, ein geöffneter Gashahn und ein aufregendes, zweideutiges Bild. Er leitete umsichtig die ziemlich lang dauernde Verlesung, half dem Schreiber über ein paar schwierige Worte nachsichtig hinüber, sorgte dafür, daß, als draußen leichter Wind aufkam, an dem heißen Tag ein Fenster geöffnet wurde.

Der Staatsanwalt genoß die Verlesung, den Kopf mit den leichtbehaarten Ohren vorgestreckt, um auch jedes Wort aufzunehmen, und konstatierte mit verbissenem Triumph die Wirkung.

Auf der Geschworenenbank hörte man angestrengt zu. Der Altmöbelhändler Cajetan Lechner stierte benommen mit dümmlichem Gesicht auf den Mund des Gerichtsschreibers, strich sich den Schläfenbart, gebrauchte seltener, fast nur mechanisch sein gewürfeltes Taschentuch. Er dachte an seine Tochter, die Anni, und an ihr Gschpusi mit dem zuwideren Kerl, dem Kaspar Pröckl. Es war unglaublich, auf was für ein damisches Zeug so ein Mädel kommt. Wenn er sich freilich das frische, gesunde Gesicht seiner Anni vorstellte, dann war nicht anzunehmen, daß sie jemals einen solchen Schmarren zusammenschmieren könnte. Andernteils wußte man, sobald einer oder eine sich mit einem Schlawiner einließ, nie, was da alles passieren konnte. Wirklich auslernen tut da keiner. Unbehaglich über dem kropfigen Hals rückte er den wasserblauäugigen Kopf, schaute mit Widerwillen auf Martin Krüger. Der Gymnasiallehrer Feichtinger und der Briefträger Cortesi, die am wenigsten begriffen, verstanden immerhin so viel, daß es sich hier um etwas Unsauberes, Schweinisches handelte, das den Meineid des Krüger klar erwies. Auch der Hoflieferant Dirmoser, obwohl ihm die Lage seines Handschuhgeschäfts und die Krankheit des Kindes wirklich den Kopf genügend füllten, hörte zu und dachte, wieviel sonderbare Worte man machen könne um etwas so Einfaches wie das zwischen dem Krüger und der Haider. Wenn die schon eine solche Gschaftelhuberei anstellen, ehe sie sich zusammen ins Bett legen, was für endlose Reden würden sie schwingen, wenn sie in eine ernsthafte Sache hineingerieten wie den Handel mit Handschuhen. Sehr angeregt folgte der Versicherungsagent von Dellmaier der Verlesung. Er hielt ein ironisches, lebemännisch sein wollendes Lächeln fest um die blassen Lippen, er fältelte überlegen die Lider um die wässerigen Augen, lachte zuweilen hell, meckernd, albern, von dem Anwalt Geyer mit Widerwillen betrachtet.

Aus braunen, schleierigen Augen aber schaute von der Geschworenenbank her auf den Mann Krüger der Kommerzienrat Paul Hessreiter. Er war umgänglich, er raunzte manchmal ein bißchen, gewiß, aber er ließ mit sich reden und erklärte sich einverstanden mit Menschen, Welt und Dingen, vor allem mit seiner Vaterstadt München. Doch was zuviel war, war zuviel. Der Krüger war kein sympathischer Bursche: aber einen Mann mit Liebesbriefen aus dem Grab zu behelligen, war einfach ungehörig. Aus Paul Hessreiters Gesicht schwand die übliche phlegmatische Toleranz, die gewohnte schleierige Liebenswürdigkeit, er zog angestrengt, unbehaglich die Stirn zusammen, atmete schwer, so daß sein Nachbar erstaunt aufschaute, glaubend, er sei eingenickt und beginne zu schnarchen. Vielleicht dachte der Kommerzienrat Hessreiter daran, daß es eigentlich sinnlos schwer gemacht wurde, in der unter klerikaler Herrschaft stehenden Stadt München doppelt schwer, Ehen zu scheiden. Vielleicht dachte er daran, daß Tag für Tag Männer in die Lage kamen, er selber zum Beispiel bereits zweimal, zu beschwören, daß sie zu der oder jener Frau keine Beziehungen hätten.

Der Gerichtsschreiber aber las weiter an dem langen Brief des toten Mädchens Anna Elisabeth Haider, der geschrieben war in einer Nacht vom 16. zum 17. Oktober, im ungeheizten Atelier, mit klammen Fingern, auf den Tasten des Herzens angeblich, und der sehr verspätet und unter ungewöhnlichen Umständen an die Adresse des Empfängers kam.

13
Eine Stimme aus dem Grab und viele Ohren

Die Zeitungsberichte über die Aufzeichnungen des toten Mädchens waren groß aufgemacht, die Verlesung wurde als sensationelle Wendung des Prozesses bezeichnet. Mit hurtiger Eloquenz belichteten geschickte Berichterstatter, wie die gespenstische Liebeserklärung aus dem Grab, ihrem Empfänger durch den Mund eines Gerichtsschreibers gemacht, sehr verspätet, im hellen Tageslicht, vor zahllosen Zeugen, ihn überdies mit Zuchthaus bedrohend, wie unheimlich diese Verlesung auf die Anwesenden gewirkt habe. Viele Stellen aus dem Tagebuch und aus den Briefen waren wörtlich zitiert, einige in Fettdruck.

Es lasen die Berichte die Männer der Stadt München, breite Männer, rundköpfig, langsam von Gang, Gesten und Denken, sie schmunzelten, tranken überzeugt, tief und behaglich aus grauen Tonkrügen schweres Bier, klopften die Kellnerinnen auf die Schenkel. Es lasen diese Berichte alte Frauen, konstatierend, daß solche Schamlosigkeit in ihrer Zeit unmöglich gewesen wäre, und junge Mädchen, schwer atmend, mit schlafferen Knien. Es lasen diese Berichte, heimkehrend aus ihren Büros und Arbeitsstätten, Einwohner der Stadt Berlin, auf den Verdecken der Autobusse über den heißen Asphalt durch den Sommerabend fahrend oder gedrängt in den langen Wagen der Untergrundbahn, sich festhaltend an Strippen, sehr müde, schlaff gelockt von den sonderbar fromm- und schamlosen Worten des toten Mädchens, schielend nach Armen, Busen, Nacken der Frauen, deren Fleisch nach der Mode der Zeit sehr sichtbar war. Ganz junge Burschen lasen den Bericht, vierzehnjährige, fünfzehnjährige; neidisch auf den Empfänger der Briefe, erbittert über ihre Jugend, stellten sie sich erregt die Zeit vor, da man ihnen einmal solche Briefe schreiben wird.

Es las diesen Bericht der Kultusminister Dr. Flaucher. Er hockte zwischen den alten Plüschmöbeln seiner dumpfen, niederen Wohnung. Dies war mehr, als er sich erhofft hatte. Er knurrte befriedigt etwas Musik vor sich hin, daß der Dackel Waldmann aufschaute. Es las den Bericht der Professor Balthasar von Osternacher, der repräsentative Maler, den der Mann Krüger einen Dekorateur geheißen hatte. Er lächelte, machte sich von neuem und intensiver an seine Arbeit, trotzdem er für diesen Abend eigentlich hatte Schluß machen wollen, er hielt jene Wertung durch den Mann Krüger jetzt für endgültig widerlegt. Auch der Dr. Lorenz Matthäi las den Bericht, der ausgezeichnete Gestalter bayrischer Volkstypen; sein fleischiges, unbeherrschtes Hundsgesicht wurde noch knurriger, die Säbelhiebe aus seiner Studentenzeit noch röter. Er nahm den Kneifer von seinen kleinen, unguten Augen, putzte ihn umständlich, las den Bericht ein zweites Mal, nicht mit Behagen. Vielleicht erinnerte er sich gewisser Redouten, denen er als junger Rechtsanwalt beigewohnt hatte, vielleicht einer gewissen Photographin, die einen ähnlichen Stil geschrieben hatte wie die Verfasserin der Briefe und die nun hinuntergeschwommen war. Sicher ist, daß er sich breit an seinen Schreibtisch setzte und ein bösartiges, saftiges Epitaph auf die tote Malerin schrieb in der Art der Marterl, der Erinnerungstafeln, wie sie in den bayrischen Bergen am Straßenrand zu stehen pflegten. Er lehnte sich zurück, überlas die Verse, sah, daß sie gut waren. Es gab eine feine, nervöse Analyse der Bilder der Anna Elisabeth Haider, geschrieben von dem Manne Krüger; aber seine Verse sind urwüchsig, dreschflegelkräftig. Er grinste. Sie werden die Analysen des Krüger verdrängen, die endgültige Grabschrift des toten Mädchens sein.

Als die Hoflieferantin Dirmoser den Brief las, wurde sie bitter. Also darum, daß ihr Mann dabeisein konnte, wenn solche Sauereien vorgelesen wurden, mußte sie sich in die Filiale in der Theresienstraße stellen und ihren kleinen zweijährigen Pepi vernachlässigen. Ohne ihren Mann ging das nicht, sonst ginge wahrscheinlich der ganze bayrische Staat kaputt. So schimpfte sie lange, während sie besorgt nach dem kleinen Pepi schaute, dem Saubankert, der immerfort schrie, bis sie ihm schließlich trotz des ärztlichen Verbots mitleidig einen warmen Trank aus Milch und Bier einflößte.

Das dralle, hübsche Gesicht der Kassierin Zenzi hingegen, als sie den Bericht las in der Tiroler Weinstube, wurde nachdenklich wie zuweilen im Kino, und sie überließ die Sorge für ihre Gäste auf zwei Minuten ihrer Gehilfin Resi. Sie hatte den Mann Krüger gut gekannt, ein hübscher, spaßhafter Herr, er hatte oft derb mit ihr geflirtet. Es gehörte sich nicht, daß man das spinnerte Zeug veröffentlichte, das das tote Mädchen ihm geschrieben hatte. Es waren sehr unanständige Briefe, solche Sachen schrieb man nicht, aber einige Wendungen machten ihr Eindruck. Draußen im Hauptlokal saß häufig ein junger Mensch, ein gewisser Benno Lechner, Sohn des Altmöbelhändlers Lechner, Stand: ledig, Beruf: Elektromonteur in den Bayrischen Kraftfahrzeugwerken. Aber er wird in dieser Fabrik wohl nicht alt werden, er hält es nirgends lange aus, er hat ein freches, aufrührerisches Gemüt. Kein Wunder, er steckte ja den ganzen Tag mit dem Kaspar Pröckl zusammen, dem Schlawiner, dem zuwidern. Im Zuchthaus war er auch schon gewesen, der Beni, ein Zuchthäusler war er, freilich nur aus politischen Gründen: aber Zuchthaus bleibt Zuchthaus. Trotz dieser am Tag liegenden Mängel gefiel er ihr gut, und es war ein Schweinstall, daß er so wenig von ihr hermachte. Schon das dritte Jahr jetzt war sie zur Oberkellnerin, zur Kassierin avanciert, und sie hatte zu ihrer Entlastung eine Gehilfin, die sie herumkommandieren konnte, die Resi. Im Hauptlokal und in dem teuren Nebenlokal bewarben sich viele darum, mit ihr auszugehen. Feine Kavaliere. Gerade das Geriß hatte sie. Aber die Kassierin Zenzi reservierte die spärlichen Abende ihres Ausgangs für den Elektromonteur Benno Lechner. Der hatte es gnädig und ließ sich, obwohl er bloß der Sohn der Tandlerei Lechner vom Unteranger war, lange bitten, bis er ...

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