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Erfolg in Sicht

Für Tamara

und alle Frauen, die mutig ihren Weg gehen,
um die Hälfte der Welt zu erobern.

Inhalt

Vorwort zur zweiten Auflage

Gedanken zum Einstimmen

Welche Regeln gelten an Bord?

Reise in die Vergangenheit

Zurück im Hier und Jetzt

Ab in die Praxis: Das Unternehmen

Fallstudie 1: Der Einstieg ins Berufsleben

Fallstudie 2: Das Spiel im mittleren Drittel

Das richtige Leben

Was steckt in meinem Seesack?

Captain Ahoy!

Die klassischen Führungsstile

Führungsverhalten: typisch weiblich - typisch männlich

Mitarbeiter/innen/orientiertes Führen

Welcher Führungstyp bin ich?

Auf welchem Schiff segle ich?

Mein persönlicher Führungsstil

Achtung: Eisberge!

Achtung Eisberg! Erfolgsangst

Achtung Eisberg! Selbstzweifel

Achtung Eisberg! Glaubenssätze

Achtung Eisberg! Perfektionismus

Achtung Eisberg! Beliebtheit

Achtung Eisberg! Gemeinschaft

Achtung Eisberg! Fleiß

Achtung Eisberg! Multitasking

Achtung Eisberg! Fehlendes Selbstmarketing

Achtung Eisberg! Aufgeben

Die Eisberge bieten auch Chancen

Die Lieben im Heimathafen

Die tragische Geschichte von Sarah

Die tragische Geschichte von Nina

Die tragische Geschichte von Ursula

Vorbeugen ist besser als heilen

Der schnöde Mammon

Meine Vision

Meine Karriere

Meine ersten Schritte

Gedanken zum Ausklang

Elli hat das letzte Wort:

Danke

Literaturnachweis

Bibliographie

Vorwort zur zweiten Auflage

Als wir im Jahr 2009 mit der Recherche zu diesem Buch begannen, hegten wir die leise Hoffnung, die Inhalte könnten sich ein Jahrzehnt später zumindest teilweise überholt haben. Doch im Kern hat sich nichts Wesentliches an der Situation berufstägiger Frauen in Deutschland geändert.

Obwohl mit Angela Merkel seit fast 20 Jahren eine Frau an der politischen Spitze unseres Landes steht, stellt das traditionelle Familienbild mit Hausfrauenehe noch immer die Norm des Zusammenlebens dar. In der Folge arbeiten hierzulande mehr Frauen in Teilzeitjobs als in irgendeinem anderen Land der Europäischen Union. Ganz offensichtlich fehlt der politische Wille, flächendeckend eine verlässliche Ganztagsbetreuung aufzubauen, Entgeltgerechtigkeit herzustellen und das Steuer- und Rentenrecht geschlechtergerecht zu reformieren.

Frustrierend? Ja, durchaus.

Ein Grund, aufzugeben? Im Gegenteil!

Wir halten fest an unserer Vision einer Welt, in der mehr Balance herrscht, auch und vor allem im Miteinander der Geschlechter. Dafür arbeiten wir mit unermüdlichem Engagement. In unserer Überzeugung steht Frauen die Hälfte der Macht, des Geldes, der Führungspositionen oder, einfach ausgedrückt, die Hälfte der Welt zu. Das Buch, das Sie in Händen halten, könnte Ihr Schlüssel sein, diese Hälfte für sich zu erobern. Wir wünschen Ihnen dabei von Herzen viel Erfolg!

Gedanken zum Einstimmen

Noch nie war das Thema Frau und Karriere so präsent wie heute. Der deutsche Arbeitsmarkt nähert sich der Vollbeschäftigung, in einigen Branchen und Regionen ist der Fachkräftemangel längst Realität. Grund genug, sich der Ressource Frau zu erinnern. Gesetzesänderungen, Diversity Management Projekte, Quoten: Politik und Wirtschaft scheinen in Sachen Frauenförderung nichts unversucht zu lassen, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Karrierewillige Frauen müssen nur noch zugreifen und die ihnen angebotenen Chancen nutzen. Zumindest theoretisch.

Praktisch sprechen die Zahlen eine andere Sprache: Frauen mit hohem Bildungsniveau hüten ihre Kinder und schaffen die Rückkehr in den Beruf nur zu einem erschreckend geringen Prozentsatz. Deutschlands Frauen verdienen im Schnitt 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen und sind nach wie vor in allen Führungsebenen unterrepräsentiert.

Was läuft da schief? Und vor allem, was ist zu tun?

Zur ersten Frage wurde in den letzten Jahren viel publiziert. Je nach Intention der Verfasserin bzw. des Verfassers sind mal die bösen Männer schuld, die den Frauen Steine in den Karriereweg lege. Mal sind es die unfähigen Frauen, die nur deshalb in den unteren Hierarchieebenen stecken bleiben, weil sie sich nicht intensiv genug für ihr Fortkommen einsetzen. Oder der Gesetzgeber, der nicht die erforderliche Infrastruktur zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf schafft und wenn gar keine andere Erklärung mehr herhält, dann sind es halt die Gene, die eine wirkliche Gleichberechtigung aufgrund der unterschiedlichen biologischen Konstitution der Geschlechter von vornherein ausschließen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse dienen vor allem dazu, in einem Denken von Opfer-Täter-Dimensionen die Verantwortung der oder dem vermeintlich Schuldigen zuzuschieben.

Für uns als Coachs erscheint die zweite Frage wesentlich interessanter: Was kann jede einzelne Frau, was können Sie, liebe Leserin, tun, um den beruflichen Erfolg zu erzielen, den Sie sich wünschen?

Viele Frauen agieren wie im Nebel. Sie lassen ihr Karriereschiff hier oder dort an Land treiben und sind mehr oder weniger zufrieden mit dem, was sie dort vorfinden. Meistens weniger. Andere steuern hektisch von Ufer zu Ufer und rennen sich von früh bis spät die Hacken ab, ohne jemals wirklich dort anzukommen, wohin sie wollen. So unterschiedlich diese Vorgehensweisen erscheinen mögen, beide sind Ausdruck desselben Defizits: Es fehlt an Klarheit über die wesentlichen Parameter der Reise, wie das eigene Potenzial, das konkrete Ziel, die Spielregeln, die Mitreisenden und die unterwegs lauernden Hindernisse. „Erfolg in Sicht“ will Sie dabei unterstützen, diese Klarheit zu erlangen.

Dieses Buch meint es gut mit Ihnen. Deshalb bietet es Ihnen viele Anregungen zur Selbstanalyse und begleitet Sie dabei, aus dem Ozean der Möglichkeiten die für Sie passenden Lösungen herauszufischen. Neben vielen Informationen enthält es eine Vielzahl von Übungen, die Sie dazu anregen, die Perspektive zu wechseln, Ihre Standpunkte und Verhaltensweisen zu hinterfragen und unnötigen Ballast abzuwerfen. So erlangen Sie Schritt für Schritt das erforderliche Handwerkszeug, um in der männlich geprägten Geschäftswelt Ihre Position einzunehmen und zu behaupten. Ziel dieses Selbstcoaching-Prozesses ist es, dass Sie Ihre Segel setzen und Ihren individuellen Kurs in Richtung Erfolg einschlagen.

Warum ist uns das so wichtig?

Die auf männlichen Wertesystemen basierende globalisierte Welt schreit nach Veränderung. Die täglichen Nachrichten zeigen uns die Schieflage und jede/r Einzelne spürt, dass wir den Forderungen unserer Hochleistungsgesellschaft nach schneller-besserweiter auf Dauer nicht gewachsen sind. Althergebrachte Konzepte haben ausgedient. Unsere Welt braucht in vielerlei Hinsicht mehr Gleichgewicht, auch im Zusammenspiel weiblicher und männlicher Kräfte. Verbesserung im Großen erfordert Veränderung im Kleinen.

Wenn mehr Frauen wie Sie Karriere machen, dann wird sich das weit über Ihr eigenes Leben hinaus auswirken. Marianne Williamson hat dies in die wunderbaren Worte gekleidet, die Nelson Mandela bei seiner Antrittsrede als südafrikanischer Präsident 1994 übernahm: „Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns erschreckt. … Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. …Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.“1

Jede Frau, die erhobenen Hauptes selbstbestimmt durchs Berufsleben geht, dient anderen Frauen als Rollenvorbild, das Mut macht und Orientierung, Hoffnung und Inspiration bietet. Unser Wunsch an Sie, liebe Leserin: Trauen Sie sich, Ihr Licht leuchten zu lassen!

An dieser Stelle stellen wir Ihnen Elli vor:

Auf Ihrer spannenden Reise übernimmt sie die Rolle Ihrer Mentorin. Als gestandene Seglerin ist sie es gewohnt, mit grenzenloser Leidenschaft und eisernem Willen allen Widrigkeiten zum Trotz ihr Boot auf Kurs zu halten. Immer wenn Sie dieses Bild sehen, schöpft Elli für Sie aus dem Vollen der Lebens- und Berufspraxis und steht Ihnen mit vielen wertvollen Tipps zur Seite. Sie verwendet dabei die Du-Form, denn Elli findet, mit dieser vertraulichen Anrede spricht es sich an Bord leichter von Frau zu Frau.

Wenn wir gerade bei Sprache sind, noch ein kleiner Hinweis:

Als Hypnosetherapeut/in wissen wir sehr genau um die Wirkung von Worten auf das Unbewusste. Wenn Frauen in der Alltagssprache unterschlagen werden, dann kommen sie auch in den Köpfen der Menschen nicht vor. Deshalb befürworten wir ausdrücklich eine geschlechtergerechte Sprache und bemühen uns, sie konsequent zu verwenden. Da sich dieses Selbstcoaching-Buch in erster Linie an Frauen richtet, haben wir es zum Teil in der weiblichen Form geschrieben und dabei männliche Lesende mit gemeint.

Wir freuen uns, dass dieses Buch Sie gefunden hat und wünschen Ihnen viel Freude damit. Lassen Sie sich auf den Selbstcoaching-Prozess ein und Sie werden feststellen: Auch für Sie ist der

Erfolg in Sicht!

Welche Regeln gelten an Bord?

In diesem Kapitel stellen wir Ihnen die Spielregeln patriarchal geprägter Hierarchien in Unternehmen vor. Sie entwickeln ein Bewusstsein für Risiken und Chancen und entscheiden, wie Sie karrierefördernd damit umgehen wollen.

Lassen Sie uns dieses Kapitel zur Einstimmung mit einer kleinen, zugegebener Maßen frei erfundenen, Geschichte beginnen:

Sandra will etwas für ihre Fitness tun und meldet sich bei einem Fußballverein an. Frohen Mutes geht sie zum ersten Training. Nach einer freundlichen Begrüßung erklärt ihr die Trainerin, es gehe heute sofort mit einem Freundschaftsspiel los. „Du hast doch schon mal gespielt, oder?“ Sandra will einen guten Eindruck machen und sagt: „Na klar.“ Sie erinnert sich vage an das Kicken früher mit den Nachbarjungs und freut sich darüber, auf der Position der erkrankten Verteidigerin mitspielen zu dürfen. Das Spiel wird angepfiffen. Eine Gegenspielerin erobert den Ball und stürmt damit auf das Tor von Sandras Team zu. Das muss sie verhindern! Sandra rennt hin und bringt die Frau mit einem gezielten Tritt in die Kniekehle zu Fall. Sie greift sich den Ball, dreht sich in Erwartung des Jubels siegessicher zu ihren Teamkolleginnen um und … hört den Pfiff der Schiedsrichterin, die sie schon nach dieser ersten Spielminute vom Platz stellt. Frustriert setzt sie sich auf die Bank und fragt ihre Trainerin, was denn da schiefgegangen ist. Diese erklärt genervt, dass es sich weder bei einem Foul im Strafraum, noch beim Berühren des Balls mit den Händen, um wirklich gute Ideen handele und beides mit Platzverweis geahndet würde. Sandra versteht die Welt nicht mehr. Solche spießigen Regeln gab es damals auf dem Bolzplatz nicht. Sie wollten heute doch einfach nur Ihr Bestes geben und vollen Einsatz zeigen. Jetzt erntet Sie dafür Ausgrenzung und Kritik. Verletzt entgegnen Sie der Trainerin: „Das hätte mir ja auch jemand sagen können.“ Die Trainerin erwidert nur schnippisch „Sagtest du nicht, du kannst Fußball spielen?“

Ähnlich wie Sandra geht es vielen Frauen in den Betrieben. Sie verbauen sich Karrierechancen, indem sie gegen Spielregeln verstoßen, die Ihnen oft gar nicht bewusst sind. Sie geben Ihr Bestes und unterstellen, dass die, meist männlichen, Vorgesetzten das dabei an den Tag gelegte Verhalten ebenso passend und angemessen finden wie sie selbst. Weit gefehlt.

In der hierarchisch strukturierten Geschäftswelt herrschen ungeschriebene Gesetze, die Ihnen niemand erklärt. Ihren männlichen Kollegen übrigens auch nicht. Die haben allerdings den Vorteil, dass die Spielregeln patriarchal geprägt sind und damit viel eher der männlichen Sozialisierung entsprechen als der weiblichen. Auch vielen Männern ist das Regelwerk nicht wirklich im Detail bewusst. Sie verhalten sich aber häufig automatisch regelkonform, weil das ganz einfach ihrer Prägung entspricht.

Uns ist wichtig, an dieser Stelle etwas ganz deutlich zu betonen: Hier geht es nicht um Rollenklischees im Verhalten einzelner Personen. Es geht um Strukturen und den sich daraus ergebenden Verhaltenskodex, so wie Sie ihn in vielen Unternehmen vorfinden. Ihn zu kennen gehört ebenso zum Handwerkszeug der beruflich Erfolgreichen wie Fachwissen, Methoden- und Sozialkompetenz.

Gibt es denn tatsächlich so etwas wie allgemeine Regeln, die in allen Firmen gelten? Natürlich hat jedes Unternehmen eine eigene Zielsetzung, ein eigenes Organigramm, eigene Arbeitsabläufe, eine eigene interne Sprache, eine eigene Vorstellung von PC (Political Correctness) und seinen eigenen Ehrenkodex. Aber es gibt einen gemeinsamen Nenner, nämlich die aus der patriarchalen Prägung erwachsene Hierarchiedynamik mit ihren Auswirkungen auf das Zusammenspiel von Alpha- und Beta-Menschen.

Lassen Sie uns diese Typologie kurz erläutern:

Als Alpha-Typen bezeichnen wir Personen, die mit natürlicher Autorität ausgestattet sind. Sie leiten daraus ihren Führungsanspruch ab. Sie wirken zielstrebig, ergebnisorientiert, konfliktbereit, mutig, stark, charismatisch, entscheidungsfreudig und -fähig, inspirierend, selbstbestimmt, kämpferisch und machtbewusst. Im Gegensatz dazu sind Beta-Typen eher Teamplayer, die sich einer

Führungspersönlichkeit unterordnen. Sie wirken gemeinschaftsorientiert und anpassungsfähig und sind eher auf Tradition und Sicherheit bedacht. Das Zusammenspiel und die gegenseitige Abhängigkeit dieser beiden Typen stellt einen der Eckpfeiler betrieblicher Hierarchie dar.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was genau das Ziel dieses Kapitels ist. Wollen wir, dass Sie sich den männlich geprägten Regeln unterwerfen und somit dazu beitragen, sie aufrecht zu erhalten und zu festigen? Anders ausgedrückt: Müssen Sie als Frau ein „besserer Mann“ werden um Karriere zu machen? Wir sind ganz klar der Meinung: Nein, das müssen Sie nicht! Im Gegenteil. Wenn das Ziel lautet „mehr Balance in allen Lebensbereichen“, dann ist es Ihre Aufgabe, Althergebrachtes kritisch zu hinterfragen, Überholtes zu verabschieden und Neues zu gestalten. Die hierarchische Führungsstruktur hat sich überholt und sollte angesichts der anstehenden Themen unserer Zeit dringend durch neue Herangehensweisen ersetzt werden. Als weibliche Führungskraft haben Sie die historische Aufgabe, neue Unternehmenskulturen zu entwickeln. Nur – dazu brauchen Sie zunächst eine Position, die Ihnen diesen Gestaltungsspielraum bietet. Auf dem Weg dorthin wird es für Sie hilfreich sein, die ungeschriebenen Gesetze der Hierarchie zu kennen. Nur wenn Ihnen bewusst ist, was von Ihnen erwartet wird und welche Folgen bei Missachtung der Regeln auf Sie zukommen, können Sie sinnvoll darüber entscheiden, was zu tun ist, statt wie Sandra vom Platz zu fliegen. Weiteres Beispiel gefällig?

Sie fahren mitten in der Nacht mit dem Auto durch eine Kleinstadt. Die Straßen sind menschenleer, die sprichwörtlichen Bürgersteige seit Stunden hochgeklappt. An einer Kreuzung steht eine Ampel auf Rot. Ihr erster Gedanke: „So was Bescheuertes die Ampeln nachts nicht abzuschalten. Es ist doch sowieso niemand mehr unterwegs. Soll ich jetzt wirklich halten?“ Und genau an diesem Punkt ist es für Sie enorm wichtig, die für die Situation geltende Regel und die aus der Nichtbeachtung erwachsende Konsequenz zu kennen. Nur wenn Sie wissen, dass Sie bei Rot anhalten müssen und Ihnen ansonsten Führerscheinentzug droht, können Sie abwägen, was zu tun ist: Wie hoch ist das Risiko, erwischt zu werden? Sind die paar Warteminuten an der Ampel das tatsächlich wert? Vorsichtshalber das Licht ausschalten? Diese Überlegungen stellen Sie nur dann an, wenn Ihnen bewusst ist, was hier für Sie auf dem Spiel steht. Anderenfalls machen Sie sich gar keine Gedanken (worüber auch?), verlassen sich blindlings auf Ihre persönliche Einschätzung und handeln nach Ihrem gesunden Menschenverstand, der allerdings von der Einschätzung der in Lauerstellung an der Ecke wartenden Polizist/innen abweichen dürfte.

Genauso wird es Ihnen in der Hierarchie der Geschäftswelt ergehen. Wenn Ihnen die Spielregeln bewusst sind, können Sie Ihren individuellen Weg wählen, weiblich klug und geschickt agieren und Ihren persönlichen Nutzen daraus ziehen.

 

Reise in die Vergangenheit

Eine Frage treibt die wissenschaftliche Geschlechterforschung seit Jahrzehnten um: Sind die Unterschiede im Verhalten von Frauen und Männern genetisch bedingt, oder entstehen sie durch Sozialisierung? Die Differenztheoretiker/innen belegen glasklar den Einfluss des biologisches Geschlechts (= sex). Ebenso klar weisen die Anhänger/innen der Gleichheitstheorie nach, das soziale beziehungsweise psychologische Geschlecht (= gender) sei der entscheidende Faktor.

Wir wollen uns an dieser Stelle nicht an dieser, häufig ideologisch geführten, Debatte beteiligen. In unserer Arbeit stellen wir lediglich fest, dass geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede tatsächlich existieren. Um diese deutlich zu machen, nehmen wir Sie jetzt mit auf einen Exkurs in die Welt der Urvölker. Es kann hilfreich sein, sich deren Lebensumstände vor Augen zu führen. Sie erklären die Spielregeln des Miteinanders und liefern damit einen Einblick in bis heute erhaltene Muster. Die folgende Schilderung erhebt keinerlei Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit. Die bildliche Beschreibung archetypisch weiblicher und archetypisch männlicher Verhaltensweisen dient lediglich dazu, Ihnen das heutige Agieren der Geschlechter im betrieblichen Kontext zu verdeutlichen und damit letztendlich den Bogen zu den ungeschriebenen Gesetzen der männlich dominierten Geschäftswelt zu spannen. Viel Spaß bei unserer Zeitreise!

Wir beginnen, Ladies first, mit der weiblichen Perspektive. Die Eiszeit geht zu Ende, die Menschheit entwickelt sich. Gunhilda lebt in einer Wohngemeinschaft (WG). Diese Lebensform stellt eine bedeutende soziale Errungenschaft dar, die Schutz und Sicherheit bietet. In der WG sind alle Altersgruppen vertreten. Allerdings sind in der schneefreien Jahreszeit die starken und aktiven männlichen Bewohner abwesend. Der Clan beherbergt somit die Frauen, die Kinder, die Alten und die Kranken.

Gunhildas WG

Gunhilda und eine Handvoll Alpha-Frauen sind die Anführerinnen. Als Chefinnen führen sie ein vielbeschäftigtes Leben. Da gibt es zum einen natürlich das ständige Suchen, Sammeln, Zubereiten und Konservieren von Nahrung. Ihre Hauptaufgaben bestehen allerdings vor allem darin, den Bewohner/inne/n ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Der Clan kann nur bestehen, wenn der Großteil sich guter Gesundheit erfreut und eine positive Grundstimmung herrscht.

Nahrungsgewinnung, Kochen, Waschen, Krankenpflege sind einerseits zwar mühsame, anderseits aber relativ sichere Aufgaben. Die Frauen erledigen sie als Team, in dem gegenseitige Unterstützung und kleine Handreichungen üblich sind. Während der Arbeit gibt es für die Frauen keinen Grund, leise zu sein. Sie sind im Gespräch, es wird gelacht und gescherzt. Sie tauschen ihre Eindrücke und Empfindungen ständig rege aus und entwickeln dabei ein gefühlsbetontes, beschreibendes Vokabular. Das Zusammenleben in der Gruppe erfordert die Fähigkeit, mit einem Großteil der Bewohnenden in einer positiven Beziehung leben zu können und das wiederum erfordert die Fähigkeit zur Empathie. Wenn es darum geht, Entscheidungen in der Gruppe zu treffen, ist es für die Frauen normal, die Bedürfnisse und Gefühle der anderen Frauen mitzudenken. Das Wohl der Gemeinschaft steht bei den Überlegungen stets an erster Stelle. Das fördert ein vernetztes Denken und damit auch die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten parallel auszuführen.

Die Kinder werden primär von den Alten erzogen. Zum einen ist die produktive Zeit der jüngeren Frauen viel zu wertvoll und zum anderen sind die Alten so in der Lage, ihre Erfahrung und ihr Wissen an die nächste Generation weiterzureichen. Damit leisten alle ihren Beitrag zum Gemeinwohl. Die Erziehung der Kinder erfolgt geschlechtsspezifisch. Die Jungen erlernen früh die Herstellung von Waffen, die Praktiken der Jagd und das Wissen um das Überleben in der freien Natur. Als Jugendliche erfahren sie ein Initiations-Ritual, das sie vom Kind zum Mann, Jäger und Krieger erhebt. Damit begibt sich der junge Mann bewusst auf das Spielfeld der Hierarchie. Dazu erfahren Sie, liebe Leserin, später mehr. Die Mädchen hingegen betätigen sich von klein auf in den Arbeitsgruppen der Frauen. Der Übergang vom Mädchen zur Frau ist fließend und fördert das Empfinden, Gleiche unter Gleichen zu sein. So entwickelt sich von Anfang an eine prägende, eklatant unterschiedliche Sozialisierung in die klassisch männliche oder klassisch weibliche Rolle.

Nachts bietet die Behausung der WG Schutz vor Raubtieren. Das Leben in relativer Sicherheit erlaubt den Bewohnenden, ihre Tageserlebnisse auszutauschen. Freude und Leid werden gemeinsam erlebt, Jung und Alt lernen voneinander. Jedes Erlebnis ist wichtig, alle Meinungen zählen, es dürfen Mehrere gleichzeitig reden. Das Gespräch als Gruppenerfahrung fördert Nähe und Verbundenheit und damit das Empfinden von Geborgenheit. Erfolge werden als Verdienst der Gruppe betrachtet und gemeinsam gefeiert. Dafür gibt es das abendliche Ritual des Singens und des Tanzens. Die Individualität der Einzelnen verschmilzt dann im kollektiven Bewusstsein der Gruppe.

Alle Clan-Mitglieder tragen selbstverständlich ihren Teil zum gemeinsamen Leben bei. Die Frauen wissen um die Stärken und Schwächen jeder und jedes Einzelnen und berücksichtigen sie bei der Planung der täglichen Aktivitäten. Die Arbeitsabläufe werden immer wieder analysiert, besprochen und optimiert. Schwere oder lästige Tätigkeiten lockern die Frauen mit Pausen auf oder mit Ablenkungen, wie gemeinsamem Singen. Die Beteiligten freuen sich schon im Voraus auf die spielerischen Elemente und können sich leichten Herzens auf die Arbeit einlassen. Die Ergebnisse sind zwar wichtig, aber zweitrangig, der Fokus liegt auf den Prozessen und deren Planung.

In einer solchen Gemeinschaft kann nur Gleichberechtigung herrschen. Jede Aktion wird besprochen und hinsichtlich der Auswirkungen auf die Sippe geprüft. Dabei werden die Bedürfnisse der Schwächeren beachtet, denn die Umsetzbarkeit ist vom schwächsten Glied abhängig. Im Sozialleben des Clans entwickelt sich dadurch ein Vokabular, das die bedürfnisorientierte Kommunikation fördert. Das Wohl der Gemeinschaft steht als übergeordneter, sinnstiftender Aspekt immer im Vordergrund und Sicherheit nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein. Deshalb gehen die Frauen nur selten ein Risiko ein, so dass Entwicklung langsam und bedächtig geschieht.

Verstößt eine Person gegen die ungeschriebenen Gesetze, dann erfolgt die Bestrafung durch den Rat der Gruppe. Ausschluss aus der WG, würde bedeuten, allein und schutzlos der Wildnis ausgeliefert zu sein. Die Angst vor dieser Höchststrafe ist ein tief im weiblichen Unbewussten verankertes Tabu und der größte Motivator für das Einhalten der Spielregeln. Frau will Teil der Gemeinschaft bleiben und bemüht sich, von den anderen gemocht zu werden. Dafür ordnet sie die eigenen Bedürfnisse dem vermeintlichen Wohl der Gemeinschaft unter, opfert sich auf und ist stets für andere da. Das Tabu greift aber auch im umgekehrten Sinn: Wer sich erdreistet, die Gruppe verlassen zu wollen, wird von anderen Frauen davon abgehalten, manchmal körperlich, meist jedoch durch das Agieren mit Schuld, Scham und moralischer Erpressung.

Auch Gunhilda und die anderen Anführerinnen sind dem Gesetz der Gemeinschaft unterworfen. Als Alpha-Frauen genießen sie eine natürliche Autorität und ihren Worten wird große Bedeutung beigemessen. Sie verfügen aber nicht über die Macht, Regeln im Alleingang zu erlassen. Auch Aktionen können nicht einfach bestimmt werden. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, in der Gruppe für Balance zu sorgen. Die Anführerinnen vereinen dabei mehrere Rollen: Mentorin, Schlichterin und Impulsgeberin. Abstimmungen mit einfacher Mehrheit würden die Gruppe polarisieren, deshalb haben die Chefinnen die Aufgabe, für neue Ideen und Pläne eine breite Zustimmung zu generieren. Der Prozess der Konsensfindung verläuft langsam, emotional und unvorhersehbar. Alle Meinungen wollen gehört werden, die Gefühle wollen berücksichtigt werden. Dabei bilden sich rasch Koalitionen. Die Anführerinnen arbeiten daher mit den Mitteln der fortgeschrittenen Diplomatie: Sie bemühen sich, die Motivationen der verschiedenen Fraktionen zu verstehen, den unterliegenden Gefühlen Raum zu geben, Konflikte über einen dritten, für alle stimmigen Weg zu lösen. Sie umwerben Unschlüssige so lange, bis der Großteil der Gruppe mit dem Vorhaben einverstanden ist. Gunhilda und die anderen Anführerinnen wissen wie wichtig es ist, die Harmonie im Clan zu bewahren. Der Prozess der Konsensfindung ist der Schlüssel dazu.

Das Terrain für die Nahrungssuche ist bei den Frauen eingeschränkt. Deshalb gehen die Männer auf Großwild-Jagd. Das Fleisch wird von den Frauen in Streifen geschnitten, getrocknet und gelagert. Bei dieser Arbeitsteilung haben die Männer die Aufgabe, während der wärmeren Jahreszeit stets gute Beute zu machen, damit die Vorräte für die Winterzeit ausreichen. Die Absprache zwischen den Geschlechtern ist pragmatisch: Wer im Sommer einen Beitrag zu den gemeinsamen Vorräten liefert, hat im Winter einen Platz in der Höhle. Das Konzept der monogamen Paarbeziehung ist noch unbekannt, väterliche Pflicht reduziert sich auf die Nahrungsbeschaffung. Die Männer betrachten sich daher als frei und ungebunden. Sie gehen gänzlich eigene Wege oder bilden Zweckgemeinschaften in Form von Meuten. Jedem Mann steht es frei, die Meute zu verlassen und eine neue Gruppe zu gründen. Diese muss sich ein eigenes Jagdrevier erschließen, weil sie sonst als rivalisierender Feind bekämpft wird.

Eberhardts Clan

Eberhardt ist der Anführer einer Männergruppe. Durch eine Kombination aus Erfolgserlebnissen und eiserner Disziplin hält er sie zusammen. Wenn er schwächelt und die Erfolge ausbleiben, dann meutern seine Gefolgsleute. Einer von ihnen fordert dann den Boss heraus, es findet ein Kampf auf Leben und Tod statt und der Überlebende wird der neue Chef. Eberhardt hat sich den Platz an der Spitze der Gruppe auf diese Weise erkämpft. Seine Stärken als Alpha-Mann und Anführer liegen in der seiner Erfahrung, Körper- und Willenskraft. Die anderen Männer folgen seinen Befehlen ohne zu zögern. Sie vertrauen seiner intuitiven Fähigkeit, Gefahren einzuschätzen und Beute zu finden. Eberhardt entscheidet, wen er in die Meute aufnimmt. Als Mann an der Spitze setzt er den Standard. Er baut eine Meute auf, die in Kraft, Einstellung und Fähigkeiten seinen eigenen entspricht.

Eberhardt lobt und bestraft, wie er es für richtig hält. In der Gruppe wird nicht diskutiert. Wenn der Boss spricht, herrschen Ruhe und Aufmerksamkeit. Es ist sein Privileg, das Wort an alle zu richten. Kein anderer Mann wird es wagen, ihn zu unterbrechen, denn das würde die Autorität des Anführers in Frage stellen. Sollte es dennoch geschehen, dann müsste Eberhardt den Störenfried sofort hart bestrafen lassen. Die Mitglieder der Meute leben in einer Hierarchie, die aus vier Ebenen besteht: An der Spitze steht Eberhardt als Chef. Dann folgen die gestandenen, meist etwas älteren Alpha-Männer. Diese Ebene dient primär schützend dem Machterhalt des Chefs. In der Ebene darunter sind die jungen Alpha-Männer angesiedelt, die selbst das Zeug dazu haben, eines Tages in die Spitze aufzusteigen. Diese Gruppe wird ergänzt durch die Unteroffiziere aus dem Kreis der Beta-Männer. Die unterste Ebene bildet das Fußvolk der Beta-Männer.

In der Hierarchie herrscht ein ständiger Wettbewerb. Dieser findet auf den jeweiligen Ebenen statt, das reduziert den Druck auf den Anführer. Schauen wir uns diese Dynamik genauer an:

Die Klarheit der Hierarchie, bedient bei den Beta-Männern ihr Grundbedürfnis nach Sicherheit. Als Meute haben sie die verhältnismäßig ungefährliche Aufgabe, die Beute zu treiben und einzukreisen. Die Alpha-Männer sind mutiger und stärker, haben die besseren Waffen und damit den erheblich gefährlicheren Job des Erlegens. Das Prinzip der natürlichen Auslese ist unerbittlich und stets präsent. Ein Moment des Zögerns oder eine Fehleinschätzung kann das Leben kosten. Jeder der Männer kennt seine derzeitige Position in der Hierarchie. Die Position ist bestimmt durch ein komplexes Zusammenspiel von Faktoren: Körperkraft, Zielsicherheit, Mut, Aura, Zuversicht, Konfliktbereitschaft, Intelligenz und die Beziehung zu Eberhardt und den hohen Offizieren. Die Position in der Hierarchie bestimmt den Zugang zu Privilegien wie Menge und Qualität der Nahrung. Wer die Position des Schwächsten innehat, lebt am Existenzminimum. Er darf, im wörtlichen Sinne, lediglich die Knochen abnagen. Deshalb wird auf allen Ebenen ständig gerangelt und gekämpft mit dem Ziel, aufzusteigen. Eine verwegene Tat kann die Position verbessern. Die Männer sind daher bereit, große Risiken einzugehen.

Der Schwächste der Meute zu sein, ist ein tief im männlichen Unbewussten verankertes Tabu. Wieso? In der Hierarchie dient der Schwächere dem Stärkeren, das heißt der Schwächste in der Meute muss für die Stärkeren die unangenehmsten Dienste verrichten. Das Prinzip ist denkbar einfach: Es gilt, nach oben zu buckeln und nach unten darf getreten werden.

Eberhardt muss in der Meute für Balance sorgen. Ständig hat er der Gefahr gegenzusteuern, dass ein starker, jüngerer Mann sich entweder mit einem Teil der Meute selbstständig macht oder gar seinen Kopf fordert. Andererseits braucht der Anführer starke Stellvertreter, die die Meute disziplinieren. Dafür gibt es folgende Lösung: Eberhardt erteilt seinen Vertrauten Status und Privilegien. An der Spitze bedeutet das: Er umgibt sich mit älteren Alpha-Männern, deren Aufgabe es ist, seine Position zu festigen und ihn vor den forschen, jüngeren Aufsteigern abzuschirmen. Die älteren Anführer sitzen daher mit ihm am Lagerfeuer und tragen Abzeichen wie Hörner, Krallen, Zähne oder begehrte Fellstücke, die sie sofort als hohe Offiziere kenntlich machen. Die Offiziere haben die Aufgabe, den Willen und die Vision des Anführers in die Meute zu tragen. Sie werden dabei von den Unteroffizieren unterstützt.

Unteroffiziere werden aus den Reihen der Beta-Männer rekrutiert. Sie zeichnen sich durch bedingungslose Loyalität gegenüber dem Anführer und den Offizieren aus, verfügen aber selbst auch über ein gewisses Maß an natürlicher Autorität oder langjähriger Erfahrung. Die Unteroffiziere genießen Eberhardts volles Vertrauen. Keiner von ihnen würde jemals gegen ihn meutern. Deshalb erteilt er auch ihnen Privilegien wie bessere Nahrung, Waffen und begehrte Abzeichen. Die Unteroffiziere sind die Wächter der Disziplin und führen auf Eberhardts Anweisung Bestrafungen aus.

Die Gespräche der Männer widmen sich so gut wie immer den bevorstehenden Zielen, der Strategie der Jagd im Ganzen oder der Taktik im Einzelnen. Die Anführer erörtern nicht, sie erteilen Anweisungen. Das sich dabei entwickelnde Vokabular hat vor allem die Aufgabe, krisensicher zu funktionieren. Auf der Jagd müssen die Männer blitzschnell und frei von Missverständnissen agieren. Die präzise Ortung in Zeit und Raum, Größeneinheiten und das Verständnis von Gewicht und Geschwindigkeit sind auf der Jagd von großer Bedeutung. Daher stützt sich die Kommunikation der Männer vor allem auf Zahlen, Daten und Fakten. Anweisungen werden kurz, knapp und präzise erteilt. Dieser Kommunikationsstil prägt auch den alltäglichen Umgang außerhalb der Jagd. Das Gespräch in der Männergruppe ist kein gemeinschaftliches Erleben. Kommunikation ist schließlich ein Macht- und Statusinstrument. Den Gesprächsrahmen bietet die jeweilige Hierarchieebene. Wer oben steht, darf viel und lange reden, der Rest hört zu. Es ist normal, sich und die eigenen Taten ruhmvoll darstellen, sie auszuschmücken und zu überzeichnen. In einem Umfeld des ständigen Wettbewerbs entsteht das sogenannte Jägerlatein, mit dem sich die Männer größer, schneller und besser als ihre Rivalen darstellen.

Das Leben ohne feste Behausung erfordert ständige Wachsamkeit. Häufig ist es nötig, sich komplett still zu verhalten. Die Männer können daher, in sich versunken, stundenlang wortlos beieinander sein. Das Empfinden und das Verständnis der Gemeinsamkeit kommen nonverbal zum Ausdruck. Man(n) knufft sich gegenseitig und weiß, was der andere empfindet, kann es allerdings nicht wirklich in Worte fassen. Es fehlen das passende Vokabular und die Übung des Austauschs im echten Dialog. Neben dem Sicherheitsaspekt hat das Schweigen noch eine weitere Bewandtnis: Wenn Männer ohne zu sprechen beieinander sind, haben sie den sonst stets herrschenden Konkurrenzkampf für den Moment eingestellt und erleben so ein Zeitfenster der Entspannung und Regeneration.

Eberhardt weiß, dass seine Mannen hin und wieder auch Druck ablassen müssen. In ritualisierten Gelagen wird die Disziplin für diesen Zweck gelockert. Ist die Gefahr überstanden und Beute erlegt, feiert die Meute als Ausgleich für die ständige Anspannung ein überlautes, grenzenloses, fast manisches Fest, bei dem sie lacht, tanzt, singt und grölt. Gemeinsamkeiten mit wöchentlichen Großveranstaltungen, die Jahrtausende später unter anderem in Fußballstadien stattfinden werden, sind rein zufällig.

Die Jagd ist Projektarbeit, es gibt keinerlei Routine. Immer wieder tauchen neue und unerwartete Szenarien auf. Das Verhalten der Männer ist dem angepasst. Zum einen müssen Aktionen schnell, präzise und effizient sein. Zum anderen gehen die Anführer hohe Risiken ein. Das Ergebnis zählt und das um nahezu jeden Preis! Wer Beute macht, steht auf der Bühne im Rampenlicht des Siegers. Die Aktivität der ganzen Meute ist auf dieses Ziel fokussiert. Fehler spielen dabei keine wichtige Rolle, sie werden toleriert. Selbst den Verlust des eigenen Lebens kalkulieren die Männer als mögliche Folge ein und schenken ihm bei der Risikoeinschätzung keine allzu große Bedeutung. Am Ende des Tages soll es einen Sieg geben. Dabei zählt nicht der Weg, sondern das Ergebnis.

Ein wesentlicher Aspekt der Hierarchie-Dynamik ergibt sich aus dem Unterschied zwischen Alpha-und Beta-Männern in Bezug auf körperlichen Fähigkeiten, natürliche Autorität, Ausstrahlung und Würde. Dazu kommen beim Alpha-Mann ein starker Wille, Machtinstinkt, Intelligenz, hohe Konfliktbereitschaft und die Fähigkeit, Situationen zu erfassen und intuitiv oder kognitiv schnell gute Entscheidungen zu treffen. Außerdem entwickelt der Alpha-Mann eine Vision, von der er sich in seinem Handeln stets leiten lässt. Die erfolgreichen Männer projizieren ständig die Zukunft und transportieren sie als Wahrscheinlichkeit in die Gegenwart. Das heißt sie betreiben kontinuierlich Selbstprogrammierung für den Erfolg: „Morgen Abend werde ich den größten Bären meiner Jagdkarriere erlegt haben“. Wohlgemerkt „werde ich erlegt haben“ und nicht etwa „werde ich erlegen“. Bemerken Sie den Unterschied? Die Männer sehen und spüren sich bereits als Sieger. Die Vermischung von Fakt und Fiktion ist für sie daher keine Unwahrheit, sondern lediglich Vorwegnahme dessen, was in ihrer Überzeugung ganz sicher eintreffen wird.

Die jüngeren Alpha-Männer sind als die Draufgänger der Meute stets bemüht, Eberhardt und die älteren Alpha-Männer durch Heldentaten zu beeindrucken. Dabei nehmen sie jedes noch so hohe Risiko auf sich, getrieben von dem brennenden Verlangen nach Ruhm und Anerkennung. Sie scharren mit den Hufen, um in der Hierarchie aufzusteigen und ergreifen jede sich bietende Gelegenheit, ihre Mitbewerber um einen höheren Rang in der Gruppe rücksichtslos zu überholen. Eberhardt weiß, dass er eines Tages für einen solchen „jungen Wilden“ den Platz räumen muss. Einerseits droht ihm also von diesen jungen Alpha-Männern eine Gefahr, andererseits verströmen sie Mut, haben gute Reflexe und tragen somit einen wesentlichen Teil zum Erfolg der Jagd bei.

Auf der gleichen Hierarchiestufe verkörpern die Unteroffiziere genau das Gegenteil. In der Regel ist der Unteroffizier schon etwas älter, hat Erfahrung, hält sich gerne an bekannte und bewährte Abläufe und meidet das überhöhte Risiko. Der Unteroffizier ist ein Beta-Mann und wurden wegen seiner Loyalität zu Eberhardt ein Stück weit befördert.

Loyalität spielt in der Hierarchie eine essentielle Rolle. Eberhardt weiß, dass sich die Beta-Männer in der Regel einfach dem Stärksten anschließen. Ein Wechsel an der Spitze ist ihnen meist egal. Sie bieten ihm, dem Anführer, keine Absicherung seiner Position. Um das potentielle Risiko der Meuterei zu minimieren, bildet Eberhardt aus dem Pulk der Beta-Männer mehrere kleinere Gruppen, die jeweils von einem Offizier und einem Unteroffizier geführt werden. Eberhardt ernennt in diese Führungsrollen nur Männer, denen er vertraut und auf deren bedingungslose Loyalität er sich verlassen kann. Der Offizier lenkt und dirigiert die Gruppe in Eberhardts Sinn, der Unteroffizier hat sie zu motivieren und zu disziplinieren.

Die Hierarchie wird auf der jeweiligen Ebene immer wieder getestet und neu aufgestellt, der Wettkampf ist elementarer Bestandteil des Soziallebens. Die Männer balgen sich, um Klarheit über die Positionen zu schaffen. Wird ein Mann nicht herausgefordert ist das der untrügliche Beleg, dass die anderen in ihm keine Konkurrenz sehen. Das heißt er ist jemand, der ohnehin keine Chance auf eine höhere Position im Rudel hat und damit ganz selbstverständlich den Stärkeren dienen muss. Nach dem Kampf können die Männer sich wieder normal begegnen. Nachtragen ist verpönt.

Das Rangeln mit Männern in einer etablierten Position, denen ihre Abzeichen wie Krallen, Fellstücke und Hörner Würde und Autorität verleihen, ist tabu. Würde ein Beta-Mann es wagen, einen Offizier herauszufordern, wäre das ein Bruch der Loyalitätserwartung und würde als Meuterei gewertet. Die Offiziere untereinander dürfen sich entsprechend auch nur auf ihrer eigenen Hierarchieeben herausfordern, denn auch hier gilt: Die Loyalität zum direkten Vorgesetzten darf nicht in Frage gestellt werden.

Eberhardt weiß, dass die oben beschriebenen Regeln eines Tages von einem jüngeren, starken Alpha-Mann gebrochen werden. Auch er hat seinen Platz durch einen Königsmord errungen. Um dies zu erschweren und sich in seiner Meute sicher zu fühlen, ist er auf allen Hierarchieebenen vernetzt. Der Anführer hat überall seine Protegés. Diese berichten ihm über die Stimmung auf den unterschiedlichen Ebenen. Je älter der Alpha-Mann an der Spitze, desto schwächer und korrupter die Hierarchie, weil in den Schlüsselpositionen nicht mehr die Fähigsten, sondern zunehmend nur noch Günstlinge sitzen. Sie wissen, dass mit Eberhardts Fall auch ihre Positionen neu besetzt würden. Deshalb setzen sie alles daran, Innovationen zu verhindern und dadurch das bestehende System zu erhalten.

Immer wieder im Laufe des Sommers liefern Eberhardt und seine Mannen das Fleisch in der WG ab. Sie treffen auf die Frauen als Überbringer von Erfolgsnachrichten. Wenn der Jagderfolg geringer ausfällt, dann werden die schlechten Nachrichten als gute verpackt. Die Männer verströmen dann die Zuversicht, dass der nächste Ausflug mit Sicherheit ein besonders gutes Ergebnis bringen wird. So trifft die Grundangst der Frauen (Wird die Nahrung reichen?) auf die Euphorie der Männer (Wir schaffen das!). In jedem Falle wird das Ergebnis gewürdigt und gefeiert.

 

Zurück im Hier und Jetzt

Wie ist es Ihnen, liebe Leserin, bei der Schilderung von Gunhildas WG ergangen? Haben Sie sich wiedererkannt bei dem Wunsch, Teil einer Gruppe von Menschen zu sein, bei der die Gemeinschaft oberste Priorität genießt, Entscheidungen im Konsens getroffen werden und in der für alle die gleichen Regeln gelten? Gefällt Ihnen die Idee, zwar geachtet und anerkannt, letztlich aber Erste unter Gleichen zu sein? In einem Gefüge, in dem Machtmissbrauch so gut wie ausgeschlossen ist, weil es de facto keine Machtbefugnisse für Einzelne gibt. In dem ein reger Austausch über Empfindungen stattfindet und auf die Bedürfnisse der Gruppenmitglieder Rücksicht genommen wird. Gefällt Ihnen Gunhildas Welt? Und wie haben Sie im Gegensatz dazu Eberhardts streng hierarchisch aufgebaute Meute erlebt?

Viele unserer Seminarteilnehmerinnen fühlen sich vom Sozialleben in Gunhildas Clan deutlich mehr angezogen als von dem in Eberhardts wilder Meute. Genauso stellen sie sich ihren Führungsstil vor: Demokratisch, wertschätzend, bedürfnisorientiert. Wenig erstrebenswert erscheint ihnen hingegen eine Führungskultur, bei der Status, Macht und Gehorsam im Vordergrund stehen. Zu dumm, dass letztere vielfach die betriebliche Realität darstellt.

Die in unserer Geschichte geschilderten Muster spiegeln auch heute noch die Berufswelt. Kein Wunder: Noch vor 100 Jahren fuhren die Männer regelmäßig in den Krieg oder auf Eroberungsfahrt in die Kolonien. Bei Militär, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten finden wir auch heute noch Hierarchie in Reinform. Die meisten Wirtschaftsunternehmen wurden von Männern aufgebaut, also hierarchisch. Deshalb sind Großkonzerne ähnlich strukturiert wie Armeen und auch die meisten mittelständischen Betriebe funktionieren nach patriarchalen Regeln.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Selbstverständlich ist nicht jeder Mann ein Eberhardt und nicht jede Frau tickt wie Gunhilda.

Hier geht es nicht um Rollenklischees im Verhalten einzelner Personen. Es geht um Strukturen, die Sie in vielen Unternehmen vorfinden und um die sich daraus ergebenden Spielregeln.

Jetzt sind Sie dran:

Welche Stellen der Geschichte haben bei Ihnen Assoziationen zur betrieblichen Realität des 21. Jahrhunderts geweckt? Sind Ihnen beim Lesen Personen und/oder Situationen aus Ihrem Berufsalltag in den Sinn gekommen? Welche? Bitte notieren Sie Ihre Antworten:

Schauen wir uns jetzt an, welche Erkenntnisse Sie aus der Reise in die Vergangenheit gewinnen und karrierefördernd nutzen können. Diese Regeln aus Eberhardts Welt gelten in patriarchal geprägten Hierarchien:

• Die Vision der Führung und die Interessen des Unternehmens stehen über den persönlichen Bedürfnissen der und des Einzelnen.

• Loyalität zum Unternehmen und seiner obersten Führung gehört zu den wichtigsten Tugenden, die es unter Beweis zu stellen ...

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Viel Spaß!



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