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Erdbeersommer (2) Unterm Sternenhimmel

Ilona Einwohlt,
geboren 1968, war ein richtiges Pferdemädchen, bevor Germanistikstudium und
Familie wichtiger wurden als der Stall und sie mit dem Schreiben begann. Seither sind aus ihrer Feder unzählige Bücher für Kinder und Jugendliche
geflossen. In ihrer neuen Romanreihe »Erdbeersommer« verbindet die Autorin
der bekannten »Sina«-Bände erstmals die Leidenschaft für Pferde mit ihrem
Sehnsuchtsort, der stürmischen Nordsee, und erzählt von den Verwirrungen der
ersten Liebe. Ilona Einwohlt lebt mit ihrer Familie in Darmstadt.

Mehr unter www.ilonaeinwohlt.de

Weitere Titel von Ilona Einwohlt im Arena Verlag:
Erdbeersommer (Band 1)
Alicia. Unverhofft nervt oft
Alicia. Wer zuerst küsst, küsst am besten
Alicia. Liebe gut, alles gut!!!
Drillingsküsse. Wen lieb ich und wenn ja, wie viele?

1

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Das Donnerwetter von Onkel Piet grollte lauter in meinen Ohren als die tosende Nordsee zu meinen Füßen. Sonst war er die Sanftmut in Person, einfühlsam im Umgang mit Menschen und Pferden, aber wenn ihn etwas ärgerte, wurde er richtig ungemütlich, schlimmer als jedes Regenwetter. Wie vorhin, als er feststellen musste, dass er dem Pennschieter von Versicherungsmensch, wie er ihn nannte, die falsche Unterschrift geleistet hatte. Der Friesenhof war jetzt gegen eine kaputte Solaranlage versichert, nicht aber, wie gewünscht, gegen Sturm und Hagel. Dabei sollte gerade dieser Schutz zu der alten Versicherung dazugebucht werden.

Piets schlechte Laune hatte sich wie eine dunkle Wolke zusammengezogen und als Wortgewitter mit polternden Schimpftiraden ausgerechnet über mir entladen, obwohl ich mit der Sache rein gar nichts zu tun hatte und Piet einfach nur besser hätte hinschauen müssen, bevor er die Police mit seinem Krakel versah.

Also war ich lieber hierher an den Strand geflüchtet, wo ich warten wollte, bis er sich wieder beruhigt hatte, aber das konnte erfahrungsgemäß ein paar Stunden dauern. Erst dann war alles wieder gut und niemand würde dem hageren Mann, der früher einmal ein durchtrainierter Marathonläufer gewesen war, einen derartigen Zornausbruch zutrauen.

Meine Tante Isodora, die mit ihrer guten Laune alle begeisterte, kannte Piet seit vielen Jahren gut genug und konnte ihm nie lange böse sein. »Dat löpt sich allens torecht«, meinte sie immer und lachte dabei so laut und fröhlich, dass ihr Doppelkinn dabei bebte.

Seit ich denken konnte, verbrachte ich meine Ferien bei Isodora und Piet auf dem Friesenhof – und mit Hauke, meinem über alles geliebten Schimmelhengst. Während der Schulzeit lebte ich mit meiner Mutter in Hamburg, wo wir noch nicht einmal einen Balkon besaßen. Camilla machte sich nicht viel aus Matjes, Grog und Nordseeluft, freute sich aber für mich, wenn ich bei ihrer Schwester eine glückliche Zeit mit den Pferden erlebte. Dann brauchte sie kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie von morgens bis abends arbeitete. Das war es nämlich, was sie am liebsten tat.

Diesmal waren seit meinem letzten Aufenthalt etliche Monate vergangen. Genauer gesagt, war es ein Jahr her, dass ich jenen aufwühlenden Sommer auf dem Friesenhof erlebt hatte. Damals hatte ich mich unglücklich verliebt, ausgerechnet in den Superstar der hiesigen Fußballmannschaft. Nicht ahnend, dass dieser Obermacker von Jan nur mit Mädchen spielte und an einer ernsthaften Beziehung nicht interessiert war. Zu allem Übel hatte ich bei meiner Abreise befürchten müssen, Hauke nie wiederzusehen, weil Isodora und Piet mit dem Geld knapp waren. Zwar hatten sie mir mehrfach versprochen, alles dafür zu tun, damit mein Liebling nicht verkauft werden musste – aber ich wusste, dass die Zeiten hart waren. Und dass Hauke ein zusätzlicher Fresser war, der nichts zu seinem Unterhalt beitrug. Der Schimmelhengst war ein außergewöhnlich sensibles Pferd, das sich von niemandem reiten ließ – außer von mir. Von daher war ich immer wieder in Sorge.

Die Herbstferien waren viel zu kurz gewesen und zählten nicht, immerhin hatte ich Finn wiedergetroffen, von dem ich immer noch nicht wusste, ob er einfach mein allerliebster Kumpel war – oder womöglich mehr … Jedenfalls hatte der sich irre gefreut und mir gleich seine neuesten Variationen von Birnen, Bohnen und Speck präsentiert. Finn wollte eines Tages Sternekoch werden, zum Stolz seiner Eltern, die unten im Hafen den renommierten »Anker« führten.

Weihnachten verbrachte ich wie jedes Jahr mit meiner Mutter im sonnigen Süden auf Mauritius und in den Osterferien hatte mich gemeinerweise eine fiese Grippe niedergestreckt, sodass ich nicht verreisen konnte.

Aber jetzt war ich endlich, endlich wieder hier und beim Anblick des langen Strandes, der sich links und rechts von mir erstreckte, merkte ich erst, wie sehr ich den Wind, die Wellen, die Möwen und die salzige Luft in den vergangenen Monaten vermisst hatte. Wie lange hatte ich auf diesen Moment gewartet!

Endlos lange Schultage hatte ich damit verbracht, heimlich Haukes Fotos zu betrachten, mich an seinen warmen Duft und Atem in meinem Nacken zu erinnern.

Endlos lange Nächte hatte ich davon geträumt, mit ihm gemeinsam durch die Dünen zu streifen, nur er und ich und niemand sonst.

Endlos lange Fieberstunden hatte ich fantasiert, wie es wäre, wenn wir allen Problemen auf und davon reiten, Abenteuer bestehen und gemeinsam die Welt retten würden.

Unwillkürlich duckte ich mich, als jetzt eine Möwe dicht über meinen Kopf hinwegsegelte. Auch Hauke zuckte nervös mit den Ohren, beruhigend klopfte ich ihm den Hals.

Vorhin hatte mich Piet beim Abholen am Bahnhof liebevoll wie immer in seine Arme gezogen. »Da bist du ja endlich, min Deern!«, hatte er gesagt und hinzugefügt: »Mann, Mann, Mann, bist du gewachsen! Ich erkenn dich ja kaum wieder!«

Insgeheim hatte er sich wahrscheinlich das gedacht, was mir meine Mutter nach der überstandenen Grippe zugeflüstert hatte. Nämlich, dass ich mich in jederlei Hinsicht zur Frau entwickelte. Sie fand es toll, wie umsichtig und verantwortungsvoll ich mein Schülerinnenleben gestaltete und dass ich bereits Berufspläne schmiedete, obwohl wir da grundsätzlich verschiedener Meinung waren. Meine Mutter wollte, dass ich nach dem Abi, das ich ohne Zweifel mit Auszeichnung bestehen würde, so schnell wie möglich mit einem BWL-Studium beginnen würde. Sie war der Ansicht, ich hätte Talent für eine echte Karriere, was immer sie darunter verstand, und konnte sich überhaupt nicht damit abfinden, dass mein Herz ausnahmslos für Pferde schlug und ich mein Leben für Hauke geben würde. Deswegen knobelte ich an einer Strategie, wie ich sie davon überzeugen konnte, mich bei meiner Ausbildung zur Pferdewirtin zu unterstützen. Notfalls müsste ich gegen ihren Willen handeln – und Isodora und Piet als Verbündete gewinnen. Zum Glück konnte ich mir mit dieser Entscheidung noch ein bisschen Zeit lassen. Bei meiner Ankunft auf dem Friesenhof in jenem Sommer konnte ich jedoch nicht ahnen, dass mich die Sorgen diesbezüglich schneller einholen würden, als mir lieb war. Damals dachte ich, das Thema »berufliche Zukunft« läge noch in weiter Ferne.

Piet hatte recht. In der Tat war ich um mindestens einen Kopf gewachsen, und als wir über den Bahnhofsvorplatz liefen, wo Alma und Luigi geduldig vor der Kutsche auf uns warteten, spürte ich die Blicke der anderen auf mir. Während ich in Hamburg mit meiner Größe und den lockigen roten Haaren kaum auffiel und mich selbst mit meiner Oberweite kaum von Julia, Vanessa und Pilar unterschied, erregte ich hier in Töwerhaven mit meiner schlanken Figur und den angesagten Szene-Klamotten besonderes Aufsehen. Weniger bei den Urlaubsgästen, die aus allen Teilen der Republik stammten und die ganz bestimmt so schnell nichts überraschte, sondern bei den Einheimischen, die in mir eine »Hexe« sahen, auch wenn das so was von Mittelalter war.

Das lag auch daran, dass meine Tante Isodora in ihren weiten, bunt gemusterten Gewändern und mit ihrer Vorliebe für Naturheilkunde und Kräutertinkturen als schräger Vogel im Ort verschrien war. Fast alle lästerten über ihre esoterische Ader und die Fruchtbarkeitstänze bei Vollmond, über ihre Räucherrituale gegen Stress und Globuli-Gaben bei Sonnenstich. Aber insgeheim war bisher jeder mindestens einmal bei ihr gewesen, um sich einen Rat bezüglich seiner Warzen, Magenschmerzen oder Plattfüße zu holen. Isodora war natürlich so diskret, nicht weiter über die Besuche zu sprechen, aber insgeheim ärgerte sie sich darüber, dass sie so wenig Rückhalt bei den Leuten in der Nachbarschaft hatte. Und das, obwohl sie hier an der Nordsee aufgewachsen war und der Friesenhof ihr Elternhaus war. Dass sie den eigensinnigen Piet geheiratet hatte, der eines Tages von der Hallig Hooge gekommen und einfach geblieben war, machte es nicht besser.

»Denn man rin in die gut Stuv«, hatte mein Onkel augenzwinkernd zu mir gesagt und mir samt Rucksack und Tasche persönlich auf den Kutschbock geholfen. Neben der Vermietung von Ferienzimmern und Boxen für die Pferde war Piets Fuhrunternehmen der Hauptverdienst des Friesenhofs. Mehrfach am Tag organisierte er Ausflugsfahrten und je nach Tide ging es mit den Planwagen durchs Watt rüber zur Insel. Für die Touristen war es ein Highlight ihres Urlaubs, wenn die Gespanne durch die tiefen Priele gingen, und jedes Mal ein Abenteuer, wenn man endlich wieder mit der auflaufenden Flut das Festland erreichte.

Piet hatte neben Alma und Luigi zahlreiche zuverlässige Pferde im Stall stehen, die bedingungslos im Geschirr gingen. Anders als Hauke. Der weigerte sich, auch nur den Brustriemen umgelegt zu bekommen, egal, wer es von uns versuchte und ließ kaum jemanden in seine Nähe. Bei Piet ging gar nichts, bei Finn höchstens die Trense und von Wilm ließ er sich longieren. Der Stallknecht des Friesenhofs kannte sich mit Pferden aus wie kein anderer, geduldig hatte er mit Hauke geübt und sich in stundenlangen Versuchen sein Vertrauen erwirkt. Doch reiten ließ sich Hauke von niemandem außer mir – und putzen nur höchst unwillig. In den letzten Monaten hatte Hauke sich also nutzlos den Bauch vollgefressen, ohne auch nur einen Cent verdient zu haben, wie Piet es formulierte, während wir über die Erdbeerfelder Richtung Friesenhof fuhren und ich ihn nach meinem Liebling ausfragte. Ich konnte es kaum erwarten! Der Sorgenfalte in Piets grimmiger Miene nach zu urteilen, war Hauke nicht umgänglicher geworden und ich wagte kaum nachzuhaken, obwohl ich es mir schon denken konnte. Es war nicht das erste Mal, dass er Haukes luxuriöses Pferdedasein thematisierte und mich dafür verantwortlich machte, weil ich den Schimmelhengst angeblich zu sehr verwöhnt und ihn nur auf mich fixiert hatte.

Aber was konnte ich dafür! Ich war bei Haukes Geburt dabei gewesen, damals vor sieben Jahren, weil für Dr. Claasen, den Tierarzt, bei einem schrecklichen Unwetter kein Durchkommen gewesen war. Während in jener Vollmondnacht draußen der Sturm tobte, der Wind die Ziegel vom Stalldach fegte und unten am Strand die Wellen an die Deiche drückten, hatte ich stundenlang mit Piet und Wilm im Stall ausgeharrt.

Gemeinsam hatten wir neben Bijke gehockt, sie gestreichelt und ermuntert, während sie von einer Wehenwelle nach der anderen erschüttert wurde, aber die Geburt nicht recht vorangehen wollte. Immer schwächer wurde sie und wir befürchteten das Schlimmste, bis sich dann irgendwann doch noch die Fruchtblase und zwei Vorderbeine zeigten. Das war der Moment, auf den Piet und Wilm gewartet hatten. Mit Stricken und vereinten Kräften hatten die beiden das Fohlen auf die Welt gezogen – in ein blutig-klitschiges Etwas gehüllt, war es schließlich ins weiche Stroh geplumpst. Die Stute jedoch war sehr erschöpft gewesen, sie zeigte keinerlei Interesse an ihrem Hengstfohlen, obwohl wir mehrfach versuchten, sie zu drehen und zu ihrem Kind zu führen, damit sie es beschnuppern und sauber lecken konnte. Jedes Mal wendete sie den Kopf ab, schließlich verzog sie sich in die hinterste Ecke der Box, wo sie sich ermattet niederlegte und nur noch heftige Schnaufer von sich gab.

So wurde es zu meiner Aufgabe, das schwarze Fohlenfell des Kleinen mit Stroh trocken zu reiben, ihn auf dieser Welt zu begrüßen und fortan für ihn zu sorgen. Mit wackeligen Beinen stand er da, schnupperte an meinem Arm und ich werde nie vergessen, wie er plötzlich seinen Kopf an meinen legte. Stirn an Stirn standen wir da, der kleine Schimmelhengst und ich, und für einen Moment stand die Welt still.

Wilm, der es offensichtlich nicht ungewöhnlich fand, dass eine Stute ihr Fohlen verstieß, hatte eine Flasche Milch gebracht und zu seiner großen Zufriedenheit trank der Kleine sie in gierigen Zügen leer. Piet dagegen stand stirnrunzelnd in der Boxentür, den obligatorischen Friesenschnaps zur Geburt hatte er längst gekippt und vielleicht auch einen zweiten. Ihn schmerzte das Verhalten der Stute sehr, das war ihm deutlich anzumerken, zumal jetzt ein Zittern über ihren Körper lief, heftiger als die Wehen zuvor.

»Können wir nicht etwas für sie tun?«, hatte ich mit Tränen in den Augen gefragt und Isodora, die Heilkräuter und eine spezielle Tinktur gebracht hatte, zuckte nur mit den Schultern.

»Nicht ohne Dr. Claasen. Wir können nichts machen, schon gar nicht in so einer Nacht wie dieser.« Wilm hatte mit dem Kopf nach draußen gedeutet, wo der Sturm unaufhörlich heulte.

»Komm, min Deern, gehen wir schlafen. Bijke muss sich erholen, die wird schon wieder«, hatte Piet zu mir gesagt und mir aufmunternd auf die Schulter geklopft. Das kleine Fohlen hatte er in eine andere Box geführt, wo es nun unter einer Wärmelampe stand und erbärmlich einsam wirkte. Ich konnte meinem Onkel keins seiner Worte glauben, er hatte das nur gesagt, um mich zu trösten, so viel hatte ich mit meinen acht Jahren längst kapiert.

»Okay«, hatte ich gesagt und schon gewusst, dass ich diese Nacht nicht in meinem Bett verbringen würde.

Als die beiden Männer den Stall verlassen und das Licht gelöscht hatten, witschte ich wieder leise in den Stall hinein, ging hinüber zu Bijke, setzte mich zu ihr ins Stroh und bettete ihren Kopf in meinen Schoß. In der Dunkelheit war nur ihr weißes, schimmerndes Fell zu erkennen und die zitternden Wellen, die immer wieder durch ihren Körper liefen. Als die Wolken draußen den Mond freigaben, konnte ich ihre dunklen Augen sehen, die nicht geschlossen waren, sondern aufgeregt in sich hineinzuhorchen schienen, was da gerade mit ihr geschah, geschehen war. Bijke war noch eine junge Stute, das Fohlen ihr erstes Kind und ich weiß noch, dass ich damals mit knapp acht Jahren plötzlich schreckliche Angst vor einer Geburt bekam, obwohl ich auf dem Friesenhof schon etliche glückliche Ereignisse dieser Art erlebt hatte – bisher waren jedes Mal Stute und Fohlen wohlauf gewesen.

Und noch eine Angst stellte sich ein: die Angst, plötzlich von meiner Mutter verlassen zu werden. Was, wenn sie sich nicht mehr um mich kümmern konnte, obwohl sie mich liebte, und ich alleine ohne sie sein müsste?

Heute weiß ich, dass meine Angstgefühle damals nicht unbegründet waren, weil meine Mutter zu jener Zeit ganz gravierende eigene Probleme hatte, wie ich später nach und nach erfuhr. Ich weiß inzwischen aber auch, dass sie alles für mich geben würde. Auch wenn sie meinen Pferdefimmel nicht teilt.

In jener Nacht schloss ich mit der Stute einen Pakt. Als das Mondlicht in einer Wolkenpause abermals durch die trüben Stallfenster zu uns in die Box leuchtete, erwischte ich einen Blick aus ihren dunklen Augen mit den langen Wimpern und ihr Blick traf mich tief. Bijke schien mich zu bitten, mich um ihr Kind zu kümmern, weil sie es nicht mehr konnte. Ich nickte und versprach ihr unter Tränen, alles zu tun, damit es gesund und stark heranwachsen würde. Wirklich alles. Ein kräftiges Hengstfohlen wie dieses würde auf dem Friesenhof für ziemlichen Wirbel sorgen, da war ich mir sicher – und ich hatte mir ja immer sehnlichst ein eigenes Pferd gewünscht! Wie lange ich in jener Nacht mit der Stute saß, während draußen der Sturm tobte und ganz bestimmt unten am Strand die Wellen bis in die Dünen hochrollen ließ, ich weiß es nicht. In endlos langen Minuten redete ich beruhigend auf sie ein, streichelte ihren Kopf und ihre weichen Nüstern, erinnerte sie an unsere gemeinsamen Ausflüge am Strand und an die saftigen Wiesen hinten an der Pappelallee, doch es schien, als drangen meine Worte nicht mehr zu ihr durch, und das lag nicht am prasselnden Regen auf dem Stalldach, der meine Stimme übertönte. Längst hielt sie die Augen geschlossen, das Zucken auf ihrem Fell war weniger geworden und langsam beruhigte sich ihr aufgeregter Atem. Irgendwann hörte es auf zu stürmen und zu regnen, die Morgendämmerung zeigte sich am Stallfenster und es versprach, ein sonniger Tag zu werden.

Drinnen aber gab die Stute einen leisen Schnauber von sich, sie begab sich auf ihre letzte Traumreise, in einen endlosen Schlaf, von dem sie nur der liebe Gott erwecken würde. Tränen rannen mir über das Gesicht, als ich begriff, dass sie tot war, gestorben in meinen Armen, und dass wir nie wieder gemeinsam ausreiten würden.

Stattdessen stand hinten in der Box der kleine Hengst auf seinen wackeligen Fohlenbeinen immer noch unter der Wärmelampe. Als warte er darauf, von mir erlöst zu werden, hob er neugierig den Kopf, als ich zu ihm trat und mich zu ihm herunterbeugte. Da schnupperte er an mir herum, durchzauste meine Haare und meinen Pulli, sodass ich unwillkürlich lachen musste, obwohl die ganze Zeit Tränen über meine Wangen rollten. Ich schlang meine Arme so impulsiv und herzlich um seinen Hals, dass wir beide umkippten und ins Stroh kullerten.

Als Wilm zur morgendlichen Fütterung in den Stall kam, wagte er es nicht, uns zu wecken, weil wir so niedlich aneinandergekuschelt dagelegen hätten – und weil Hauke damals schon so wirkte, als wollte er mich nur für sich allein.

Hauke, so tauften wir den kleinen Hengst, weil es keinen passenderen Namen gab für einen, der in einer Nacht geboren wurde, in der hinten am Oststrand ein Deich durchgebrochen war. Fortan waren wir beide unzertrennlich. Ich zog Hauke mit der Flasche auf, spielte mit ihm Fangen und Verstecken, einen ganzen Sommer lang. War mit ihm stundenlang über die Felder spaziert, am Meer entlang und durch die Dünen, zu meinen Lieblingsplätzen und an den Waldsee, still und abseits der Touristenströme. Gewöhnte ihn in den nächsten Ferien langsam an Sattel und Trense, Hufauskratzen und Mähnekämmen. Oft schlich ich mich nachts heimlich zu Hauke in den Stall. Eng an ihn gekuschelt, schlief ich ein, umhüllt von seinem warmen Pferdeatem wie von einer Decke.

Einige Jahre später, da war ich längst eine gute Reiterin, fing es an, dass mich Hauke immer wieder unmissverständlich dazu aufforderte, mitten in der Nacht einen Ausflug zu machen. Dann ritten wir ans Meer oder zum alten Leuchtturm, nur wir beide ganz allein, die Stille der Nacht und das Funkeln der Sterne über uns. Diese Momente waren magisch und besonders, ich trug sie tief in meinem Herzen und sie halfen mir, die Zeit in Hamburg zu überstehen.

Unmöglich, dieses Gefühl der Verbundenheit Piet zu erklären. Ich verstand es selbst kaum, warum ausgerechnet dieses Pferd, Hauke, mein Hauke, diese besondere Ausstrahlung besaß und mich derart in seinen Bann zog, sodass er mir zum besten Freund geworden war. Mehr noch: Ich hatte im letzten Jahr verstehen müssen, dass er alles für mich bedeutete. Wichtiger als Isodora und Piet, als der Friesenhof – und wichtiger als jeder Junge, ob Eliyah oder Jan, selbst wichtiger als Finn, aber das war eine Geschichte für sich.

Wie um meine Gedanken und Gefühle zu bekräftigen, gab Hauke gerade unter mir einen heftigen Schnauber von sich und holte mich aus der Erinnerung zurück in die tosende Wirklichkeit. Er hatte sich mitten in die Brandung gestellt und ließ seine Beine von den auslaufenden Wellen umspülen, wie um Piets Donnerwetter abzuwaschen, das ja nichts mit uns zu tun hatte. Es schien, als genieße er dieses ungewöhnliche Bad, und hätte ich ihn nicht gezügelt, wäre er sicher noch tiefer in die Fluten marschiert und womöglich bis zum Horizont geschwommen.

Ich atmete tief durch. Der Blick in die Ferne, wo sich die Wellen kräuselten und ich mit zusammengekniffenen Augen einen Tanker ausmachen konnte, brachte Ruhe in mein aufgewühltes Herz. Der Wind spielte mit meinen Haaren und wahrscheinlich hätten wir noch bis zur Ebbe dagestanden, hätte mich nicht plötzlich ein vertrautes Wiehern aus meinen Gedanken gerissen.

Es war Morango, Finns Holsteiner, der seinen Stall- und Weidekumpel auf diese Weise begrüßte und am Strand auf uns wartete. Im Sattel saß Finn, winkte mir zu und strahlte mich an. Ich strahlte zurück.

2

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Als ich am nächsten Morgen aufwachte und mich gemütlich in meinem Bett streckte und rekelte, fiel mir auf, wie sehr ich im letzten Jahr den Friesenhof und die Pferde vermisst hatte. Verschlafen tapste ich zum kleinen Fenster, öffnete es, um frische Luft in mein Zimmer strömen zu lassen, und kuschelte mich dann wieder unter meine Decke. Ich liebte dieses warme Gefühl! Während von draußen das vertraute Klappern der Hufe an mein Ohr drang und Wilm längst geschäftig mit Eimer, Schubkarre und Mistgabel hantierte, lag ich gemütlich in meinem Bett und hatte noch fünf Minuten, um im Tag anzukommen. Das hatte ich in Hamburg sonst nie, da war alles ganz streng durchgetaktet, sonst schaffte ich mein Pensum nicht. Hier aber hatte ich alle Zeit der Welt und konnte in Ruhe darüber nachdenken, wie das Wetter heute wohl werden würde.

Denn der Fensterausschnitt zeigte ja nur eine Momentaufnahme, nie das Ganze. War es nur eine dunkle Wolke, die sich da vor die Sonne geschoben hatte, oder war der gesamte Himmel verhangen? Wehte ein heftiger Wind, obwohl alles sonnig und postkartenblau wirkte? Ich mochte es, darüber zu spekulieren, wie das Wetter wohl werden würde. Was zog ich am besten an, um für alle Fälle gewappnet zu sein? Würde sich ein Ausflug zum Waldsee lohnen oder kümmerte ich mich besser drinnen um die Sattelkammer? An der Nordsee wusste man nie – Wind, Sonne, Regen konnten sich stündlich ändern. Und Piet, der auf gutes Wetter angewiesen war, weil nur dann die Leute Interesse an seinen Ausflugsfahrten zeigten, wusste wie kein anderer, die Wolken am Himmel zu lesen. Da war er treffsicherer als jede Wetter-App, wie sie Isodora bevorzugte, und oft genug stritten sich die beiden darum, wer denn nun recht behalten würde. Meistens war es Piet.

Heute schien es ein vielversprechend schöner, wenn auch windiger Tag zu werden, weswegen Piet offensichtlich gerade unten dabei war, seine Fuhrwerke klarzumachen.

Wie immer durfte ich heute an meinem ersten Tag in Ruhe in meine Ferien starten und brauchte nicht zu helfen, ab morgen würde ich allerdings mit vollem Einsatz meine Ferieneltern unterstützen. Dann würde ich rechtzeitig aufstehen und Isodora beim Frühstücksgeschäft helfen: Tisch decken, Brotkörbe verteilen und Müslilöffel bereitlegen. Später würde ich mit ihr gemeinsam Handtücher und Bettzeug einsammeln und zur Wäscherei bringen.

Bei dem Gedanken an die Wäscherei durchzuckte es mich schmerzhaft. Ein Jahr lang war es mir gelungen, die Erinnerungen an den vergangenen Sommer zu verdrängen. Und plötzlich war alles wieder da.

Die Wäscherei gehörte Geert Friedrichsen, einem angesehenen Geschäftsmann in Töwerhaven und Erzfeind von Piet. Geert war aber auch der Trainer der hiesigen Fußballmannschaft – und der Vater von Jan, dem besten Spieler, Obermacker und Herzverdreher. Ich hatte Jan im letzten Sommer durch einen Zufall und von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Wenn wir gemeinsam am Strand entlangspaziert waren, gab es den Angeber und Sprücheklopfer nicht. In endlosen Gesprächen hatte er mir seine Sorgen und Nöte anvertraut, von seinen Versagensängsten erzählt und wie sehr er sich wünschte, endlich dieses Kaff, wie er es nannte, verlassen zu können. Lange Zeit hatte ich unsere Treffen geheim halten müssen, niemand hätte es verstanden, dass ausgerechnet ich ihn küsste. Und erst recht nicht, dass Hauke sich von ihm reiten ließ. Überhaupt war es mehr als verwunderlich, wie talentiert sich Jan beim Reiten gezeigt hatte, wie selbstverständlich er mit Hauke umging – und dass mich Hauke immer wieder zu Jan führte. So oft und so lange, bis Jan mit Lena Schluss gemacht und mich als »Spielerbraut« seinen Kumpels vorgestellt hatte. Was wiederum den Anfang vom Ende für mich bedeutet hatte, denn angesichts der derben Sprüche und des anzüglichen Machogehabes, wie es offensichtlich auf dem Land und in diesen Fußballkreisen üblich ist, hatte ich schnell kapieren müssen, dass ich hier falsch war. Ich wollte mich nicht gegen meinen Willen angrapschen lassen, ich wollte nicht einfach nur dabeistehen und zuhören und keine Meinung haben dürfen. Ich war nicht wie Lena und ihre Hühner – so nannten Finn, Mareike und ich die Bürgermeisterinnentochter und ihre Freundinnenschar. Im letzten Sommer hatte ich mir die Angeberin wegen der Sache mit Jan dann endgültig zur Feindin gemacht.

Jan hatte ich seit unserem gemeinsamen Sommer nie wiedergesehen und gesprochen. Einmal noch hatte ich versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, weil ich nicht glauben konnte, dass all das, was zwischen uns passiert war, nicht echt und ehrlich gewesen sein sollte. Ich konnte nicht fassen, dass mein Herz sich so in ihm getäuscht haben sollte! Aber er hatte auf meine Nachricht nicht reagiert. Und ich hatte verstanden, dass es sich bei einem wie ihm nicht lohnte.

Trotzdem hatte er mein Herz durcheinandergespült und in mir Gefühle geweckt, die ich bisher nicht gekannt hatte, höchstens für Hauke. Ich wagte mir nicht auszumalen, wie es wäre, ihm in diesem Sommer wieder zu begegnen. Besser war es, nicht daran zu denken.

Mit einem energischen Ruck fegte ich die Decke zur Seite und sprang aus dem Bett, so schnell, dass mir fast schwindelig wurde. Ich hatte mit Finn gestern noch ausgemacht, dass wir rüber zu Hennig reiten würden, Erdbeeren mit Sahne futtern. Beim letzten Mal hatten wir Arm in Arm wie ein altes Ehepaar im Strandkorb gesessen. Ich freute mich auf das vertraute Gefühl, Seite an Seite mit Finn den Nachmittag zu verbringen.

Mareike, meine allerliebste und allerbeste Freundin ever, würde ich heute Abend treffen, ohne ihren Freund Brian – wie zu alten Zeiten. Das hatte sie mir versprochen. Es gab ganz bestimmt schrecklich viel zu erzählen.

Eilig sprang ich unter die Dusche, zog meine Reitklamotten an und marschierte hinunter zu Isodora, die gerade dabei war, das Frühstücksgeschirr zusammenzuräumen.

»Na, min Deern, ausgeschlafen?«, begrüßte sie mich freundlich und zog mich überschwänglich an ihre üppige Brust. Sie roch vertraut nach Schafsmilchseife – und ein bisschen nach …

»Brennnesseljauche? Igitt! Sag bloß, du warst in aller Herrgottsfrühe draußen und hast deine Tomaten gedüngt?« Ich befreite mich naserümpfend aus ihrer Umarmung und schielte nach dem Brotkorb auf der Anrichte. Mmhh, die Auswahl war gut. Lieber ein Rundstück mit selbst gemachter Kirschmarmelade oder eine Scheibe Rosinenstuten? Ich entschied mich für beides.

»Die haben Sturm und Regen angesagt, da wollte ich vorher meinen Pflanzen wenigstens etwas Gutes tun«, entschuldigte sie sich lächelnd. »Hab meine Hände schon drei Mal gewaschen, keine Ahnung, warum …«

»Du hast gekleckert, deshalb müffelst du«, stellte ich fest und deutete grinsend auf den großen dunklen Fleck auf ihrem Kaftan, der bei dem bunten Muster kaum auffiel.

»Hoffentlich hat das niemand gemerkt«, kicherte Isodora zurück. »Zum Glück ist dieser gestrenge Herr Papa vom Klappergestell Anna noch nicht da, der hätte mir womöglich sofort die Lizenz entzogen.«

Ich rollte die Augen. Anna und ihre Stute Moonlight waren letztes Jahr erstmals auf dem Friesenhof gewesen und die junge Reiterin hatte offensichtlich Gefallen an dem romantisch hinterm Deich gelegenen Haus gefunden. Kein Wunder, ich konnte mir ja selbst keinen besseren Ort vorstellen als diesen! Der Hof mit seinen Stallungen war zwar schon etwas in die Jahre gekommen, hier und da bröckelte die Fassade, das Dach an der hinteren Scheune war längst nicht mehr dicht und die Zimmer hätten bei genauem Hinsehen auch neue Tapeten nötig. Aber alle Makel wurden durch den umwerfenden Charme des reetgedeckten Anwesens wettgemacht. Rote Kletterrosen rankten am Eingang, Hühner stolzierten umher und Kater Merlin war der Hausherr über Mäuse und Hunde, die seiner Meinung nach auf dem Hof nichts zu suchen hatten.

»Na, dann geh dich mal umziehen, ich kümmere mich«, sagte ich mit kauendem Mund. Längst hatte ich begonnen, die Spülmaschine auszuräumen.

»Danke, min Deern!«, antwortete Isodora und war schon in der Tür, als sie sich noch einmal zu mir umdrehte. »Geht’s dir auch wirklich gut? Du wirkst so … verändert.«

»Alles in bester Ordnung!« Ich war zu ihr getreten und hatte meine Arme zärtlich um ihren Hals geschlungen. »Ich hatte das allerbeste Zeugnis, die Einwahl in die Kurse läuft perfekt und Camilla ist auch zufrieden mit mir.«

»Ein Dreivierteljahr ist eine lange Zeit«, meinte Isodora und drückte mich feste an sich. »Und wahrscheinlich muss ich mich langsam mal daran gewöhnen, dass du erwachsen wirst.«

»Pah, noch lange nicht! Ich bin fünfzehn, ich darf noch nicht mal in die Clubs oder offiziell Alkohol trinken.«

»Würdest du gerne?« Isodora schob mich ein Stück von sich, damit sie mir besser in die Augen gucken konnte.

»Sehe ich so aus?« Ich schüttelte den Kopf, dass meine roten Locken flogen. Ich bin doch nicht wie Julia, Vanessa und Pilar, die ihre Ausweise fälschten, um sich Zugang in die Szeneläden zu verschaffen.

»Nö!« Isodora kicherte, gab mir einen Klaps auf den Hintern und marschierte dann eilig ins Badezimmer, wo ich kurz darauf die Dusche rauschen hörte. Ein Hauch von Brennnesseljauche hing in der Luft …

Gedankenverloren räumte ich die Küche auf, dann studierte ich die Gästeliste, es waren weniger als sonst und kaum vertraute Namen darunter. Das wunderte mich, denn sonst war der Friesenhof immer für Monate im Voraus ausgebucht. Verschwiegen mir Piet und Isodora etwas? Gab es Probleme, von denen ich nichts wusste?

Draußen auf dem Hof herrschte nun reges Treiben. Alle wollten vor dem Wetterumschwung noch mit ins Watt und die meisten Urlaubsgäste hatten sich heute Morgen beim Blick aus dem Fenster spontan für einen Ausflug entschieden. So war das hier oben an der Nordsee!

»Kannst du die beiden übernehmen?«, rief mir Piet geschäftig zu, als ich zu Alma und Luigi trat, um sie zu begrüßen. Die beiden Schimmel waren ein eingespieltes Gespann und gingen tausend Prozent zuverlässig im Geschirr. Ich klopfte Luigi liebevoll den Hals.

»Du meinst, ich soll auf den Kutschbock?« Ich schaute meinen Onkel ungläubig an. Bisher hatte er immer gemeint, dass ich zu jung zum Kutschieren war und außerdem keine Lizenz besaß. Obwohl ich von Kindesbeinen an mitgefahren war und die Wege durchs Watt und durch die Felder im Schlaf kannte. Mal abgesehen davon, dass Alma und Luigi sowieso wussten, wo es langging.

»Helge ist ausgefallen. Der musste auf dem Rettungskreuzer aushelfen, weil dort wiederum Ole fehlt, der …«

»Schon gut, schon gut!«, antwortete ich lachend, insgeheim froh darüber, ihm endlich beweisen zu können, dass ich durchaus ein Gespann sicher zu lenken wusste.

»Komm, beeil dich! Uns bleibt heute nicht viel Zeit für die Ausfahrten!«, rief Piet mir zu und war bereits dabei, die Urlaubsgäste auf die Wagen zu verteilen. Ein kleiner Junge durfte zur mir vorne auf den Bock, ein älterer Herr stellte sich beim Hochklettern der Leiter fürchterlich ungeschickt an, weil er offensichtlich ein Problem mit der Höhe hatte. Aber die Wattwagen waren extra so hoch gebaut, damit sie sicher durch die Priele fahren konnten.

»Dann bleibt er eben da …«, murmelte ich und wunderte mich insgeheim darüber, dass Piet so zur Eile antrieb.

»Ich traue dem Wetter nicht«, flüsterte er mir zu, als er meinen stirnrunzelnden Blick bemerkte. »Die Prognose lautet zwar sonnig und windig, aber schau mal: Dort hinten die Wolken …« Er deutete vage zum Horizont, wo sich schmale, dunstige Streifen abzeichneten, die sich sehr langsam zu einer unheilvollen dunklen Masse zusammenballten.

»Wenn du meinst …« Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte nichts gegen einen kurzen Ausflug, umso schneller war ich wieder zurück, Mareike treffen, auf die ich mich riesig freute.

»Los geht’s!« Schnalzend trieb ich Alma und Luigi an, ich brauchte die Peitsche kaum, der Wagen setzte sich wie von selbst in Bewegung, die Pferde kannten ihren Weg. Der kleine Junge neben mir plapperte in einer Tour, erzählte mir von seiner Voltigiergruppe. Ich hörte ihm kaum zu, denn als es jetzt auf den Wattboden ging, wurde mir doch etwas mulmig zumute. Das Wasser stand trotz Ebbe immer noch knöcheltief, und soweit ich es erkennen konnte, lief es der Strömung nach zu urteilen auch nicht mehr weiter ab. Seltsam, wunderte ich mich, noch hatten wir allerbestes Sonnenwetter.

Der Wagen ruckelte sanft, als wir eine Sandbank überquerten, die Fahrgäste juchzten, der Junge erzählte was von Mühle, Schere und Galoppieren im Stehen. Da tauchte vor uns der große Priel auf und nur für einen Moment zögerten Alma und Luigi. Denn das Wasser stand hoch, für meinen Geschmack viel zu hoch. Aber Piet vor uns steuerte sein Fuhrwerk energisch durch, also setzten wir ihm nach, Huf für Huf, Wagenrad für Wagenrad wie durch einen Fluss.

Das Wasser im Priel ging den Pferden bis knapp über die Brust und das sollte schon etwas heißen, denn Alma und Luigi waren stattliche Schimmel mit einem Stockmaß von 1,70 Metern. Ich gab den beiden den Hals frei, hielt nur über die Zügel leichten Kontakt und ermunterte sie mit sanfter Stimme hindurchzugehen, der Wattwagen war ja genau deswegen so hoch gebaut.

Die Reiter auf ihren Pferden, die unsere Karawane begleiteten, hatten längst umgedreht und waren zurückgeritten. Normalerweise hätte Piet unter diesen Umständen die Fahrt ebenfalls abgebrochen, aber heute schien er nicht daran zu denken. Obwohl ich ganz genau wusste, dass uns nichts passieren konnte, und Piet wie keinem anderen Menschen vertraute, war mir bammelig zumute, zumal der Himmel über uns sich mehr und mehr verdunkelte. Nur am Horizont war ein kleiner heller Streifen zu sehen, der merkwürdig gelb leuchtete.

»Ist schon mal so ein Wagen stecken geblieben?«, fragte eine Dame, die sich offensichtlich unwohl in ihrer Haut fühlte. Der Junge neben mir hatte keine Angst, er sang mir jetzt die Melodie seiner Kür vor.

Ich drehte mich zu ihr um. »Nicht, dass ich wüsste!«, rief ich ihr beruhigend zu. »Die Pferde haben ein sicheres Gespür. Und außerdem können sie schwimmen …«

Da mussten alle lachen, und als wir kurz darauf wieder festen Wattboden unter den Rädern hatten, sowieso.

»Das war nicht ohne«, meinte Piet am Abend zu mir, als wir gemütlich am Küchentisch saßen und Bohnen schnippelten, die Isodora im Tontopf vergären lassen wollte. Saure Bohnen waren neben der roten Grütze eine Spezialität des Hauses. »Mehr Vitamin C geht nicht«, pflegte sie immer zu sagen, wenn ich naserümpfend über dem dampfenden Teller saß.

»Wieso hast du überhaupt auf der Ausflugsfahrt bestanden?«, fragte ich und schob ein Häufchen Bohnenfitzel zusammen.

»Weil mir sonst die Gäste abspringen und woanders mitfahren, so einfach ist das«, meinte er und fuchtelte mit dem Messer in seiner Hand herum. »Ist ja auch noch mal gut gegangen …«

»Hätte aber auch schiefgehen können!«, ermahnte ihn Isodora. »Erinnere dich nur daran, als euch damals mitten im Herbststurm die Deichsel gebrochen war! Wäre das Amphibienfahrzeug nicht zufällig genau auf eurer Höhe gewesen, hättest du mit deinen Fahrgästen schwimmen müssen!«

»Jetzt haben wir aber Sommer!« Piet zuckte mit den Schultern und ich fragte mich, seit wann ausgerechnet er so nachlässig mit den Wetterprognosen umging. Sonst war er immer die Verantwortung in Person und stets darauf bedacht, die Sicherheit seiner Gäste um nichts in der Welt zu gefährden. Und hatte er nicht heute Morgen zu mir noch gesagt, das Wetter gefiele ihm überhaupt nicht?

»Das scheint das Wetter da draußen aber nicht zu wissen!«, meinte ich und deutete mit dem Kopf nach draußen. Seit dem späten Nachmittag waren die Wolken immer dichter und dunkler geworden und auch der Wind hatte zugelegt, wenn ich mich nicht täuschte, mindestens Stärke acht. Die Verabredungen mit Finn und Mareike hatte ich auf morgen verschieben müssen, bei dem Wetter ging man besser nicht aus dem Haus.

»Unten am Hafen haben sie die Boote festgemacht und das Deichtor wurde auch schon geschlossen«, meinte Isodora. »Der Deutsche Wetterdienst hat eine Sturmflut vorausgesagt, wer weiß, was da heute Nacht draußen passiert!«

»Was soll schon sein? Wir sitzen hier im Trocknen. Ist doch nicht der erste Sturm, den wir erleben!«, antwortete Piet schroff. An seiner grimmigen Miene konnte ich bemerken, dass er sich trotzdem große Sorgen machte.

In der Tat schienen die Rollläden lauter zu klappern und der Wind lauter zu heulen als sonst. Der Regen war immer stärker geworden und trommelte unaufhörlich gegen die Scheiben.

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