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Erbschuld

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Zitat
  5. Prolog
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  28. 23. Kapitel
  29. Epilog

Kitty Sewell

Erbschuld

Roman

Übersetzung aus dem Englischen
von Anita Krätzer und Xenia Osthelder

Abbildung

Prolog

Sie hieß Angelina und war ein Kind Kubas, feurig und temperamentvoll wie die meisten Frauen auf der geplagten Insel. Die Kubanerinnen sind bekannt dafür, wie sie sich bewegen. Ob jung oder alt, sie besitzen körperliches Selbstbewusstsein und eine geschmeidige Sinnlichkeit, die sicherlich von ihren afrikanischen Vorfahren stammt. Angelina bildete keine Ausnahme. Ihre Bewegungen waren Furcht erregend, und es raubte einem den Atem, sie zu beobachten.

Doch sie unterschied sich von anderen Hurrikanen. In ihrem Inneren schwelte ein Zorn, der sie heimtückisch und unberechenbar machte. In aller Heimlichkeit suchte sie ihre Zentrifugalkräfte aus einer ungewöhnlich langen Kette von Wettersystemen zusammen, und selbst mit den modernsten Instrumenten war es nicht möglich, ihre Stärke vorherzusagen – ganz zu schweigen davon, wohin sie zog. Auf der Suche nach einer geeigneten Stelle für den Einfall ins Festland tastete Angelina mit dem diffusen Auge, das sie so gefährlich machte, die Inseln unter sich ab. Kuba war die erste, die von ihrer Grausamkeit heimgesucht wurde.

Es gab Leute in Havanna, die überzeugt waren, eine alte Frau habe Angelina ausgelöst, eine Santera, wie die Priesterinnen der alten afrokubanischen Religion hießen, die auf der Insel ungehindert ausgeübt werden konnte. Die Alte war wohlbekannt für ihre Zauberkünste. Es war jetzt über dreißig jähre her, dass ihre Tochter eines Nachts heimlich auf einem Floß nach Florida geflüchtet war und das Opfermesser der Mutter und ein wertvolles Kruzifix mitgenommen hatte. Die Santera verwand diesen Verrat nie, und je älter sie wurde, desto mehr trieb der Wunsch nach Rache sie an. Seit Jahren erzählte sie ihren Nachbarn im Armenviertel von Havanna, dass sie den Orischas, den Göttern der Yoruba, Blutopfer darbringe, um den schlimmsten aller Stürme heraufzubeschwören, der Florida verheeren und ihre Tochter so demütigen solle, wie sie es verdiene.

In der Nacht, als Angelinas erste verräterische Wolkenfetzen über dem Ozean zu kreisen begannen, erlitt die Santera einen tödlichen Schlaganfall. Deshalb sollte sie nie erfahren, welche Verwüstungen der sich zusammenbrauende Hurrikan anrichten würde. Doch es traf nicht ihre Tochter, welche die Vereinigten Staaten schon längst verlassen hatte, sondern die Tochter ihrer Tochter.

Vielleicht war der Todeszeitpunkt der Alten nur ein gefundenes Fressen für die Abergläubigen, aber in Havanna wurde ihr Name fortan für immer mit der schrecklichen Angelina verbunden.

Auf einer anderen Insel, der südlichsten Spitze der USA, nur 145 Kilometer von Havanna entfernt, bereitete man sich in aller Eile auf Angelina vor. Die meisten Einwohner – »Conchs«, wie sie sich nannten – waren nicht übermäßig besorgt. Tropische Zyklone gehörten zu ihrem Leben dazu, und die Insel lag nicht auf Angelinas direktem Weg. Ihr Einfall ins Land war weiter nördlich vorausgesagt worden, irgendwo zwischen Miami und Fort Lauderdale.

Trotzdem, die Ausläufer des Hurrikans konnten heftig zwischen den im Lebkuchenstil verzierten alten Häusern der Innenstadt, den Hütten der kubanischen Zigarrendreher und den Verschlägen am Ende verborgener Sackgassen in den Vorstädten toben. Deshalb schlössen die Conchs die Fensterläden, füllten ihre Flaschen mit Zisternenwasser und nahmen die Gartenmöbel herein.

Die Bewohner der Houseboat Row hatten für die sommerlichen Stürme eine feste Routine. Sie waren einem größeren Risiko ausgesetzt als ihre auf dem Land wohnenden Nachbarn, aber zugleich waren sie von Natur aus unbekümmerter. Außerdem war es Sonntagmorgen. Mit einem Becher Kaffee oder einer Flasche Bier in Reichweite, zurrten sie in aller Ruhe Topfpflanzen, Liegen, Fahrräder und Ähnliches an der Reling fest. Die Ausläufer des Sturms sollten Key West am Nachmittag erreichen, daher gab es keinen Grund zur Eile. Die vorsichtigeren Bewohner, ältere Menschen und Familien mit Kindern, packten Picknickkörbe, weil sie sich während des böigen Wetters lieber in den Häusern von Freunden auf dem Festland aufhalten wollten.

Wie jeden Sonntag, verbrachten Madeleine und Forrest den Vormittag im Bett. Sie liebten sich, aßen, hörten Musik und lasen Zeitung, wenn auch nicht immer in dieser Reihenfolge. Madeleine mochte diese Stunden wie keine anderen der Woche. Forrest war jemand, der sich ständig beschäftigen musste, und manchmal war es schwierig, ihn dazu zu bringen, innezuhalten und sich zu entspannen. Trotz seiner philosophischen Weltanschauung war ihm das Arbeiten in Fleisch und Blut übergegangen, was Madeleine ständig, und manchmal mit Erfolg, zu unterlaufen versuchte. Hatte er erst einmal losgelassen, war er sexy, witzig und gesprächig, und man hätte ihn leicht für einen Faulpelz halten können, der seinen Hintern noch nie aus dem Bett bewegt hatte.

An die Kissen gelehnt, den Skizzenblock auf den Knien, zeichnete Madeleine ihn, wie er auf dem Bauch quer über dem Bett lag und im Lexikon nach einem Wort suchte, über das sie diskutiert hatten.

»Resipiscent«, las er triumphierend vor. »Adjektiv. Zu einem gesünderen Bewusstseinszustand zurückgekehrt sein. Abgeleitet von dem lateinischen resipiscere: wieder zu sich kommen, sich wieder erholen, wieder zur Einsicht kommen.«

»Halt still, Kumpel.«

Madeleines Zeichenkohle flog über das Papier. Von draußen drang Lärm zu ihnen. Judy Montoya schrie wie immer ihre Kinder an, und ihr Nachbar Fred rief ihr etwas zu. Schritte polterten auf dem Holzsteg und verklangen wieder.

»Bestellen wir noch einen Kaffee«, sagte Forrest. »Wo zum Teufel ist das Personal, wenn man es braucht?«

»Ich habe ihnen heute frei gegeben.«

Ihr rostiger alter Kahn war ein Erbstück von Forrests Großmutter mütterlicherseits, und das einzige Personal, das je einen Fuß darauf gesetzt hatte, war Granny selbst gewesen, die einst Drinks im Turtle Kraals servierte.

»Ach, zum Teufel. Dann mach ich eben Kaffee.« Forrest sprang auf und wickelte sich ein Handtuch um die Hüften. »Was hältst du von einem Glas Sekt mit etwas frisch gepresstem Orangensaft? Und Erdbeeren. Ich habe welche im Kühlschrank gesehen.«

»Im Prinzip sehr gern.« Sie wollte ihn am Handgelenk packen, denn sie fürchtete, er würde sich ablenken lassen und das Deck schrubben oder die Wäsche von der Leine nehmen.

»Ich komm wieder, Süße. Das schwör ich dir!«

Sie lauschte angespannt. Der Kahn schaukelte auf den Wellen, und Wasser schwappte laut um den Bug. Eine Böe blies eine Plastiktüte waagerecht am Bullauge vorbei. Ihre Uhr zeigte 12.30. Sie stand auf und legte ihr Gesicht an die nach außen gewölbte Scheibe. Marian und Greg Possle rannten, Bündel in den Händen, den Holzsteg entlang. Obwohl sie normalerweise sehr gelassen waren, schienen sie es eilig zu haben. Ihre zum Pferdeschwanz gebundenen Haare flatterten ihnen im auffrischenden Wind um den Kopf. Durch den Lärm hindurch hörte sie, wie Forrest auf Deck irgendetwas herumräumte. Komm ins Bett zurück, du Abtrünniger, dachte sie und legte sich wieder hin. Ich will dich.

Zehn Minuten später kam er mit leeren Händen zurück. Seine Miene war konzentriert, und er ging rasch zu seinen Shorts hin und zog sie an. Sie stützte sich auf den Ellbogen.

»He, was soll das denn? Wo bleibt mein Sekt?«

»Zieh dich besser an. Süße.«

»Warum? Was ist los?«

»Draußen ist keine Menschenseele mehr zu sehen. Offenbar haben sich alle auf die Socken gemacht.«

Lächelnd schlug sie mit der flachen Hand auf die Bettseite neben sich. »Also sind wir beide ganz allein.«

»Besser, du packst ein paar Sachen zusammen, Madeleine. Es kommt Sturm auf.«

»Ganz im Ernst«, erwiderte sie, rührte sich aber nicht.

»Schalte das Radio ein, dann hörst du es.«

»Auf eine halbe Stunde kommt es doch nicht an.«

Er schüttelte den Kopf, und sie dachte schon, dass sie auf ihn verzichten musste. Aber er zögerte, als sie lüstern den Bademantel aufschlug und die Arme nach ihm ausstreckte.

»Komm her und küss mich, bevor du wegrennst.«

Er küsste sie ausgiebig. »Also gut, du schamloses Weibsbild. Aber leider kann das hier nicht allzu lange dauern.«

Sein weiches blondes Haar glitt über ihre Brüste, während er sich auf sie zu bewegte. Er hatte eine ganz besondere Art, sie anzusehen, wenn sie sich liebten. Er versenkte seinen Blick in ihrem, hypnotisierte sie, und alles um sie herum versank.

Eine plötzliche Dünung ließ den Kahn von einer Seite auf die andere rollen, und lachend rollten sie mit. Aber sie hielten sich zurück; keiner von beiden wollte beenden, was sie begonnen hatten. Ungeachtet der vielen Jahre, die sie bereits zusammen waren, war es immer so zwischen ihnen, wenn sie sich liebten. Zeit und Raum entglitten ihnen, und sie entschwebten an einen fernen Ort und wollten einander nie wieder loslassen. Der Höhepunkt bedeutete das Ende, die Trennung, und das wollten sie nicht.

Eine weitere starke Dünung löste bei Forrest ein Stirnrunzeln aus. Einen Moment lang wandte er seinen Blick von ihr ab und lauschte, regungslos und aufmerksam. Dann zog er sich von ihr zurück und stand auf. Im Vertrauen darauf, dass er irgendeine neue Variante im Sinn hatte, blieb sie noch an jenem fernen Ort. Aber er gab ihr einen Klaps auf die Flanke und sagte: »Du, beeil dich! Das ist Wahnsinn! Noch fünf Minuten, Süße. Keine Minute länger.«

Vom Bett aus beobachtete sie ihn durch das Steuerbordfenster. Super Perspektive, dachte sie leise kichernd und griff nach ihrem Skizzenblock. Sie war schnell, aber er war schneller. Sie schaffte nur den Umriss seines angewinkelten Arms, seines gestreckten Oberschenkels und seines Oberkörpers, unter dessen Haut die Muskeln scheinbar unabhängig voneinander arbeiteten.

Die fünf Minuten waren schon lange vorbei, und sie wusste, dass sie ihren Teil beitragen sollte – eine Tasche mit dem Notwendigsten packen, Sachen verstauen, die Griffe der Schranktüren in der Küche zusammenbinden, einen Gurt um den Kühlschrank legen. Irgendwo hatte sie eine Liste über die Dinge, die zur »Sicherung des Boots bei einem Hurrikan« zu tun waren, aber sie kannte sie mehr oder weniger auswendig, da sie bereits mindestens ein Dutzend Tropenstürme miterlebt hatte. Das galt für alle Einheimischen.

Aber statt sich auf das Notwendige zu richten, waren ihre Augen entweder bei Forrest oder bei dem Stück Zeichenkohle in ihrer Hand. Das anatomische Zusammenspiel seines Körpers faszinierte sie. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr war er Garnelenfischer; zwanzig Jahre lang arbeitete er inzwischen hauptsächlich körperlich. Er hatte zwar einen regen Verstand, aber er setzte ihn nicht gezielt ein, abgesehen von der merkwürdigen Besessenheit, die er für Dinge wie Astronomie oder Botanik oder das Erlernen der spanischen Sprache entwickelt hatte. Auch ihre Faszination für die Myrmekologie teilte er, und sie hatten einige großartige Expeditionen unternommen, um sich seltene Ameisenarten an exotischen Orten anzuschauen. Reisen konnten sie allerdings nur, sofern ihre Finanzen das erlaubten, was nicht allzu oft der Fall war.

Plötzlich wurde es dunkel. Von ihrer Skizze hochblickend sah sie, dass Forrest die Holzplatten einsetzte, die er für die Fenster zurechtgesägt hatte. Sie war etwas überrascht, dass er dies für erforderlich hielt. Als sie das Surren seines Akkuschraubendrehers hörte, wurde ihr bewusst, wie still es draußen war. Es herrschte die Ruhe vor dem Sturm.

Widerstrebend stand sie auf. Ein Windstoß erschütterte das Hausboot, und ein paar Minuten später ein weiterer. Sie rannte auf die Angelplattform.

»Forrest«, rief sie, »sollten wir nicht besser an Land gehen?«

Von den zwölf Fenstern des Hausboots hatte er erst die Hälfte geschafft, als der Himmel hinter ihm bereits schwarz und bedrohlich aussah. Auf dem Roosevelt Boulevard fuhren keine Autos mehr. Selbst die Vögel waren verschwunden.

»Ja, das sollten wir«, nickte er und rückte eine weitere Platte zurecht. »Die anderen haben das anscheinend auch gedacht. Bist du fertig?«

Sie biss sich auf die Lippe. »Fast.«

Forrest hielt inne und musterte die Nachbarboote. Alle waren in Erwartung des Schlimmsten mit Brettern gesichert, vertäut und verankert. »Wie lautet die Vorhersage?«

»Ich hab das Radio nicht angeschaltet.«

Er sah zu der merkwürdigen Wolkenformation hoch und runzelte die Stirn. »Mein Gott! Ich glaube, da ist ein wirkliches Unwetter im Anmarsch«, sagte er plötzlich eindringlich. »Los, Schatz, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Ein fernes Grollen war zu hören.

»Warum lässt du die Fenster nicht einfach?«

Er blickte erneut auf und musterte den Himmel. Sein langes Haar flatterte im Wind. »Nein, ich mache lieber die Bretter vor. Es kann schlimm werden.«

Hastig setzte sie sich in Bewegung und sicherte Türen und Möbel mit Spanngurten. Alles, was nicht befestigt war, warf sie auf den Boden. Gleichzeitig suchte sie im Radio nach aktuellen Wettermeldungen. Das Gerät knatterte, und zunächst fand sie keinen Sender, der einen Wetterbericht ausstrahlte. Doch plötzlich ertönte laut und deutlich eine Stimme:

»… sofortige Evakuierung der vorgelagerten Inseln. Laut den Meteorologen des Nationalen Hurrikanzentrums war es trotz des Einsatzes von Satelliten, Radar und Wetterflugzeugen nicht möglich, die Gefahr zu erkennen, da das Wettersystem weder dominante Strömungen noch ein ausgeprägtes Auge aufweist. Der Hurrikan Angelina hat seinen Kurs verlassen und bewegt sich nun in Richtung Key West. Schutzunterkünfte sind …«

Sie hörte nicht weiter zu, sondern rannte zur Tür, um Forrest zu warnen. In diesem Augenblick ertönte ein dumpfes Brüllen und Brausen.

Es schien nicht von der See zu kommen, sondern vom Land, und es klang wie eine gigantische, zornige Maschine. Madeleine konnte durch das Tosen hindurch gerade noch hören, dass Forrest weiterhin mit dem Akkuschraubendreher die Bretter befestigte. Vielleicht machte ihn das Geräusch seines Werkzeugs taub für den Lärm. Sie rannte die Treppe hoch und schrie ihm aus vollem Hals etwas zu, aber es war sinnlos. Das Brüllen schwoll weiter an. Durch das Fenster an der oberen Galerie sah sie, wie sich die Palmen der Promenade bogen und ihre Wedel wie Luftschlangen seewärts gezogen wurden. Vergeblich versuchte sie, die Tür zum Oberdeck zu öffnen, die dagegen drückende Wucht des Sturms war zu stark. Plötzlich vibrierte das Hausboot, als würde es gleich bersten. Dann lag es totenstill. In der unheimlichen Ruhe riss Madeleine ein Heckfenster auf.

»Forrest«, rief sie wieder und versuchte, ihre Panik zu verbergen.

»Ich bin hier.« Sein Kopf tauchte vor ihr auf.

»Scheiße, Forrest, du glaubst es nicht! Es erwischt uns voll. Angelina hat ihren Kurs verlassen und kommt direkt auf uns zu! Ich habe es gerade im Radio gehört. Sie kann jede Minute hier sein!« Durch das Fenster griff sie nach seiner Hand. »Ich hab Angst«, flüsterte sie. »Lass uns bloß sofort von hier abhauen.«

Statt zu antworten, blickte Forrest zum Himmel. Er verdankte es seinem Vater, dass er sich mit dem Wetter auskannte wie kein Zweiter. Sein Vater hatte ihm beigebracht, die Wolkenformationen zu deuten und an den Schläfen zu spüren, welcher Luftdruck herrschte. Mehr als einmal hatte ihm das auf hoher See das Leben gerettet. Aber diesmal war er abgelenkt gewesen. Er hatte mit Madeleine im Bett gelegen und sie angesehen.

»Halte meine Hand fest!«, rief er und drehte sich zu ihr um. »Es geht los!«

Der Sturm hatte lediglich die Luft angehalten und heulte nun wie wahnsinnig auf. Im nächsten Moment wurde das Hausboot auf die Seite geworfen. Als es sich neigte, schössen die Möbel über den Boden. Der Fernseher fiel von seinem Tisch und wurde gegen Madeleines Knöchel geschmettert. Bei dem krachenden Geräusch in ihrem Bein schrie sie auf, aber merkwürdigerweise spürte sie keinen Schmerz. Forrest hielt ihre Hand fest in der seinen, und mit der anderen klammerte er sich ans Fensterbrett. Wieder herrschte plötzlich Windstille.

»Du bist wunderschön, wenn du Angst hast.«

»Komm rein, Forrest. Der Sturm weht dich sonst weg!«

»Halte dich fest«, erwiderte er und drehte den Kopf in den Wind. »Mein Gott! Halte dich ganz fest!«

Der nächste Windstoß schleuderte ihn fort. Noch während sie seinen Namen rief, verlor sie das Gleichgewicht und merkte im Fallen, dass ihr Knöchel gebrochen war.

Es goss wie aus Kübeln, und der Regen drang durch das Fenster und unter der Tür herein. Plötzlich knallte das Fenster zu, und die Scheibe zersplitterte. Mühsam richtete sie sich auf und schrie voller Panik: »Forrest? Forrest, ist alles in Ordnung?« In dem Tosen konnte sie jedoch noch nicht einmal ihre eigene Stimme hören.

Sie hüpfte auf einem Bein über den schwankenden Boden, hielt sich fest, wo immer es ging, und blickte suchend durch die Fenster, ob sie irgendwo den sonnengebleichten Haarschopf ihres Mannes entdecken konnte. Aber sie sah lediglich Trümmer durch die Luft fliegen, Zäune, Schilder, Bäume, riesige Metallplatten, die einen Körper in der Mitte hätten durchtrennen können. Ein komplettes Dach wurde den Roosevelt Boulevard entlanggeweht und überschlug sich dabei wieder und wieder, als sei es federleicht. Die Hausboote krachten laut und knirschend gegeneinander, gefolgt von einem wimmernden Schaben, was wie ein metallisches Echo des heulenden Windes klang.

Sie konnte sich nicht länger auf den Beinen halten, und als sie stürzte, schrie sie wieder und wieder seinen Namen. Sie saß in der Falle, und er war irgendwo da draußen auf dem schlüpfrigen Deck, im Hurrikan. Als sie sich vorzustellen versuchte, wo er wohl war, ging ihr auf, dass er unmöglich noch an Deck sein konnte. Forrest mochte noch so stark, durchtrainiert und fit sein – während jener unerwarteten, heftigen Attacke des Sturms hatte er sich bestimmt nicht festhalten können. Er war der Gewalt des Hurrikans hilflos ausgeliefert.

Sie überlegte, dass er, falls er im Wasser war, von den schaukelnden, aneinanderkrachenden Hausbooten wegschwimmen konnte. Aber als sie einen Blick nach draußen warf, sah sie, wie heftig die See tobte. Und vor der Promenade erhob sich zudem eine Wasserwand, eine Sturzsee, die sich deutlich über das Land auf sie zuschob. Weiter draußen wogten und wälzten sich ohne Unterlass riesige Wellen wie eine in Bewegung geratene Bergkette.

Plötzlich entdeckte sie ihn. Er versuchte sich in der aufgewühlten See über Wasser zu halten. Sie sah, wie er auf einen Wellenkamm gehoben wurde und sogleich hinter der nächsten Woge verschwand. Er war ein hervorragender Schwimmer und würde sich eine Weile halten können, das wusste sie, aber der Gedanke war kein Trost. Obgleich das Hausboot heftig schaukelte, bemühte sie sich, ihren Mann im Auge zu behalten, wie er gegen das Meer ankämpfte, das er stets beherrscht und das ihn bis zu diesem Tag gut ernährt hatte. Er wurde schnell hinausgetragen und war schon bald nur noch ein Punkt in der Ferne, der auf den Wogen tanzte und verschwand, tanzte und verschwand, bis sie ihn aus den Augen verlor.

Gerade als sich ein gellender Verzweiflungsschrei ihrer Kehle entrang, war ein lautes metallisches Kreischen zu hören. Die Kabine schien auseinanderbrechen zu wollen. Madeleine bereitete sich innerlich darauf vor, dass die Wände gleich bersten würden. Sie hatte nichts dagegen, dass das Heim, das sie so geliebt hatte, zerstört wurde – im Gegenteil. Sie würde eines schnellen Todes sterben. Gramvoll und vor Schmerzen zitternd, richtete sie sich auf und sah auf Händen und Knien durch das zersplitterte Fenster. Sie wollte zusehen, wie der Tod sie holen kam. Aber alles, was sie sah, war die Verwüstung am Pier.

Drei oder vier Hausboote waren bereits zu Haufen aus Metallteilen und zersplitterten Planken geworden. Der schreckliche Lärm, den sie hörte, wurde vom Hausboot der Possles verursacht, das wie eine Pappschachtel hochkant stand, während Sturm und Wasser an einer seiner Seiten rissen. Teile der Rumpfverkleidung wirbelten in Zeitlupentempo auf das Meer hinaus. Eines traf die Tür, an der sie kauerte. Ein Glasregen warf sie erneut nieder. Ein weiteres Fenster zerbarst, ein drittes folgte. Madeleine rollte sich auf dem Boden zusammen und wartete darauf, dass sie an die Reihe kam. Je eher, desto besser, nun, wo Forrest fort war. Sie würde sich nicht wehren.

Das Hausboot stieg auf und ab wie eine Achterbahn und krachte in regelmäßigen Abständen gegen den Holzsteg. Trümmer und Papier wirbelten durch die Kabine. Sie sah eine ihrer Zeichnungen durch die Luft fliegen, die Skizze, die sie vor gerade einmal zwei Stunden von dem Mann, den sie liebte, angefertigt hatte. Die Hände vor das Gesicht geschlagen, dachte sie an ihren geliebten Ehemann Forrest, den treuesten Freund, den sie je gehabt hatte. Sie hatte ihn getötet. Ihre Maßlosigkeit, ihre Bequemlichkeit, ihre selbstsüchtige Leidenschaft für ihn hatten dazu geführt, dass sie die Gefahr zu spät erkannt hatten. Er starb in der tosenden, dunklen See da draußen. Sie war schuld an seinem Tod.

Doch sie selbst war auch so gut wie tot. Sie war bereit für das Unvermeidliche, für ihre Erlösung. Wenn sie sich irgendwo im Jenseits wieder begegneten, würde er ihr vielleicht verzeihen. Noch nie hatte er ihr etwas vorgeworfen, noch nicht einmal, dass sie ihrer beider Kind verloren hatte.

Während der Hurrikan um sie herum wütete, überkam sie eine große Ruhe. Plötzlich spürte sie Forrest. Diesen Zustand kannte sie, er hatte sie oft genug erschreckt. Sie spürte den rasselnden Atem ihres Mannes an der Wange, sie konnte seinen flatternden Herzschlag hören. Er war noch nicht untergegangen, sondern kämpfte um sein Leben. Nach und nach wurde sein Atmen immer schwächer; es verlangsamte sich, bis sie es nicht mehr spürte. Schließlich hörte sein Herz zu schlagen auf.

Sie versuchte, ihr eigenes Herz zum Stillstand zu bringen, aber es gehorchte ihr nicht. Kühl und sachlich überlegte sie sich, dass Ertrinken angenehmer war, als zerschmettert zu werden. In das Hausboot war Wasser eingedrungen, um sie herum bildeten sich Wirbel. Sie senkte den Kopf und holte tief Luft, um ihre Lungen mit Wasser zu füllen. Schließlich wurde ihr schwarz vor Augen, und sie glitt fort.

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1. Kapitel

Bath, Somerset

Madeleine Karleigh Frank, Psychotherapeutin, in gewissen Sammlerkreisen bekannte Künstlerin und Expertin für seltene Arten der Blattschneiderameisen Floridas, befand sich hinter geschlossenen Gefängnistüren. Nicht als Insassin, sondern als offizielle Gefangenenbesucherin, ein ehrenamtliches Engagement, dem einsame Sträflinge nette Besuche von ebenso einsamen Gutmenschen mit einem nicht ganz reinen Gewissen verdankten.

So könnte man mich in wenigen Worten beschreiben, dachte sie mit einem bitteren Lächeln. Ihre Gewissensbisse war sie nie losgeworden, obwohl sie nun schon acht Jahre Witwe war. Bei ihren Freunden galt sie längst als Einzelgängerin.

»Worüber lächeln Sie?«, fragte Edmund Furie, das Ziel ihrer philanthropischen Bemühungen. »Sie sind in Gedanken weit weg, meine Schöne. Ich langweile Sie doch nicht etwa?«

Ihre Hand ruhte auf der Kante der Luke in der Zellentür, und er streckte seinen Arm aus, um sie zu berühren.

»Langweilen? Auf gar keinen Fall.« Sie schüttelte den Kopf. »Alles Mögliche, nur nicht langweilen.«

Sie zog ihre Hand zurück. Der Gefangene lag ihr zwar am Herzen, aber sie wollte nicht, dass er sie anfasste. Das, was er getan hatte, war zu entsetzlich gewesen, und davon abgesehen verstieß es gegen die Vorschriften.

»Alles Mögliche?«

Sie lachte. »Naiv von mir zu glauben, dass ich Sie mit meiner Bemerkung würde abspeisen können. Also gut: Ich bin fasziniert, irritiert, amüsiert, erstaunt … Was noch …?« Sie kratzte sich theatralisch den Kopf.

»Und Sie befriedigen Ihr Bedürfnis nach sozialem Engagement?«

Ihr Lächeln erstarrte. Edmund Furie schien sie nur allzu gut zu durchschauen. Seine Lippen verzogen sich. Ein Lächeln wirkte bei ihm nicht natürlich, und zudem wurde der Blick unerbittlich auf seine Zähne gelenkt. Sie waren höchst ungewöhnlich, denn sie standen so zahlreich und dicht in seinem Unterkiefer, dass sie zwei Reihen bildeten, ein wenig wie die Zähne bei einem Hai. Heutzutage, dachte sie, durfte man doch wohl davon ausgehen, dass es Zahnärzte gab, die einige seiner Zähne ziehen und den Rest mit Hilfe einer Klammer richten konnten. Sie war schon mehrmals versucht gewesen, ihm anzubieten, sich für ihn nach einer solchen Behandlung zu erkundigen. Aber letztlich war er in der Lage, sich selbst um seine Zähne zu kümmern, wenn sie ihn störten.

»Sie müssen meine Frage nicht beantworten, meine Liebe. Warum erzählen Sie mir nicht, wie Ihr Tag war?«

»Edmund, nein. Immer läuft es darauf hinaus, dass wir über mich reden.«

»Na und? Ihre Arbeit interessiert mich. Mit welchen Rätseln der menschlichen Seele haben Sie heute gerungen?«

»Mir fällt kein Fall ein, mit dem Sie etwas anfangen könnten. Und außerdem wissen Sie doch, dass ich mich bei Ihnen nicht über meine Patienten ausweinen darf.«

Sie verlagerte ihr Gewicht auf den anderen Fuß. Es strengte ihren Rücken an, sich eine Stunde stehend mit dem Gefangenen durch die Luke der Zellentür zu unterhalten. Zu Beginn, vor über einem Jahr, hatte sie zunächst den Gefängnisgeistlichen, später den Direktor persönlich gebeten, zu Edmund in die Zelle gehen oder in der offenen Tür oder auf dem Flur sitzen zu dürfen. Erstaunt hatte Mr Thompson ihre Bitte abgelehnt. Ihr sei offensichtlich nicht klar, wie gefährlich und unberechenbar Edmund war.

Edmund schnippte mit den Fingern vor ihrem Gesicht. »Hallo … Sie können mir vertrauen, Madeleine, das wissen Sie doch. Ich würde Sie niemals in irgendeiner Weise kompromittieren. Merken Sie sich das von jetzt an. Ich bin vielleicht ein Mörder, aber Freunde würde ich nie enttäuschen. Und Sie gehören doch zu meinen Freunden, nicht wahr?«

Sie sahen einander einen Augenblick lang schweigend an, Sie kannten sich inzwischen ziemlich gut. Oder, so schien es, er kannte sie sehr gut. Fast zu gut.

»Ja, Edmund, ich bin mit Ihnen befreundet.«

Sie meinte es ernst, obwohl sie über seine Verbrechen entsetzt war. Sie würde auf ihrem Heimweg darüber nachdenken. Die lange Fahrt gab ihr immer genug Zeit, ihre Aufrichtigkeit oder zumindest die Kompromisse, die sie bei ihrer Freundschaft mit dem psychopathischen Gewalttäter einging, zu hinterfragen.

Edmunds Gesicht näherte sich der Luke. Er strengte sich an, mehr von ihr zu sehen. Psychopathen verlieben sich nicht wirklich in andere Menschen, auch wenn sie das natürlich glauben, rief sie sich in Erinnerung. Er war auf sie fixiert, aber deswegen war sie nicht sonderlich besorgt. In seinem durchdringenden Blick lag nichts Sexuelles. Er hatte ihr einmal verraten, dass er mit diesem Bereich des Lebens abgeschlossen habe, und sie glaubte ihm. Seine Mutter hatte in ihm einen Widerwillen gegen seinen Penis geweckt, und überhaupt hatte er sowieso »nicht sonderlich gut funktioniert«. Er war ein vorzeitig gealterter Zweiundfünfzigjähriger, unverheiratet und hatte weder Kinder noch Geschwister oder Verwandte, von denen er wusste.

»Sehen Sie mal«, sagte er. »Wenn man über den Teufel spricht – noch einer Ihrer Freunde.« Er verschwand kurz nach unten und hielt dann sein Handgelenk an die Luke. Eine kleine gelbe Ameise krabbelte darauf herum. »Ich hab schon eine ganze Menge dieser Kerlchen in meiner Zelle gesehen.«

Madeleine lächelte. »Möglicherweise gibt es auf der ganzen Welt kein Geschöpf, das mehr verfolgt wird. Es ist eine Monomorium pharaonis, eine Pharaoameise. Sie gedeihen besonders in öffentlichen Einrichtungen, wahrscheinlich weil es dort schön warm ist und große Küchen gibt. Sie wissen, was gut für sie ist. Sie sind ganz schön gewieft.«

»Dieses Kerlchen möchte Ihnen was sagen …« Edmund hob die Hand zum Mund und ahmte eine Piepsstimme nach. »Alles Gute zum Geburtstag, Ameisenfrau.«

Madeleine war verblüfft. »Woher wissen Sie das denn?«

»Sie müssen es mir erzählt haben.«

»Nein, ich erzähle meinen Patienten nie …« Sie verstummte. »Ich wollte nicht sagen, dass …«

Wütend funkelte Edmund sie an. »Also sind wir doch keine richtigen Freunde.«

Er schlug auf sein Handgelenk, was Madeleine zurückspringen ließ. Die unverhohlene Aggression seiner Geste erinnerte sie daran, dass es ihm nichts bedeutete, ein Leben auszulöschen. Sie standen eine Weile schweigend da. Edmund schüttelte den Kopf. Es konnte sein, dass er es bedauerte, die Ameise zerquetscht zu haben. Es lag nicht in seinem Interesse, sie vor den Kopf zu stoßen. Sie war der einzige Mensch, der ihn besuchte.

»Was soll’s, zum Teufel. Ich finde mich damit ab, Ihr Patient zu sein. Das ist besser als ein Sozialfall«, lenkte er ein.

»Ach kommen Sie, Edmund. Sie sind weder das eine noch das andere.« Sie wusste, dass sie gar nicht erst versuchen brauchte, ihren Versprecher zu leugnen oder zurückzunehmen.

Nachdenklich blickte er zu Boden. Das böse Funkeln in seinen Augen war verschwunden. Seine zerfurchten Züge bildeten einen krassen Gegensatz zu seinem glatten, kalkweißen Schädel, der im grellen Licht der Neonröhren wie ein gepelltes Ei glänzte. Wenn er sein Haar wachsen lassen würde (sofern er überhaupt noch welches hatte), würde es nach seinen schneeweißen Augenbrauen und Wimpern zu urteilen bestimmt ebenfalls weiß sein. Sie hatte noch nie jemanden kennengelernt, der einem Albino stärker ähnelte, zumindest nicht hier in Großbritannien, wo Albinos selten waren. Einmal hatte sie ihn nach seiner Haarfarbe gefragt, und er hatte ihr erzählt, seine Mutter habe ihn als Strafe für sein Bettnässen gezwungen, Chlorbleiche zu trinken. Dadurch seien seine Haare weiß geworden (konnte das wirklich stimmen?). Seine Kindheit war furchtbar gewesen und sein Leben sehr schwer; kein Wunder, dass er so zerrüttet aussah.

Die Erinnerung an das Gespräch über seine Mutter vor rund acht Monaten stimmte sie versöhnlich. In dem untersetzten, gebleichten Mann verbarg sich ein kleiner Junge, der schrecklich gelitten hatte. Es gab keinen Zweifel, dass seine Mutter einige grausame und ausgefallene Strafen über ihn verhängt hatte, und um damit fertig zu werden, hatte er schon in jungen Jahren eine obsessiv-zwanghafte Störung entwickelt, die zwar deformierend gewesen war, ohne die er jedoch emotional nicht überlebt hätte. Und nun waren Madeleines pünktliche Besuche zum Hauptereignis in seinem Leben geworden, und seine rituellen Vorbereitungen darauf nahmen einen ganzen Tag in Anspruch.

Edmund unterbrach ihre Gedanken. »Also gut, nachdem wir das Thema nun einmal angesprochen haben … Warum zum Teufel verschwenden Sie Ihre kostbare Zeit, um hierherzukommen und nett zu mir zu sein, vor allem wenn man bedenkt, dass Sie Woche für Woche mit Dutzenden von verkorksten Leuten zu tun haben? Warum nehmen Sie das auf sich, die Fahrt und alles?«

Madeleine schwieg. Sie wusste, dass er ihr die Chance bot, ihren Fehler wiedergutzumachen. Es gab eine lange Antwort auf diese Frage – da hätte sie jedoch zu viel von sich preisgeben müssen –, aber es gab auch eine kurze.

»Warum ich ursprünglich damit angefangen habe, weiß ich nicht genau«, begann sie schließlich. »Aber jetzt komme ich hierher, weil ich mich auf unsere Begegnungen freue. Ich arbeite nur halbtags und bekomme dafür sehr viel Geld. Im Vergleich dazu kommt mir das hier echter vor.« Sie blickte ihm in die Augen. »Außerdem führe ich ein schönes Leben. Es ist abwechslungsreich, und mir stehen viele Möglichkeiten offen. Es ist gut für mich zu sehen, wie andere Menschen leben.« Sie hob eine Augenbraue. »Wie Sie bemerkt haben werden, sind meine Motive rein egoistischer Natur.«

»Rein egoistischer Natur. Ja, das gefällt mir. Die moderne Kultur ist von einer Tabuisierung des Egoismus durchdrungen. Ich würde sagen, er ist die mächtigste Antriebskraft des Menschen, und keine ist berechtigter. Der Mensch, der diesem elementaren Antrieb folgt, trägt auch am meisten zum Allgemeinwohl bei.«

»Mein Gott. Demnächst werde ich Sie einmal bitten, mir das näher zu erklären«, rief Madeleine, obwohl sie wusste, dass sie sich hüten würde. Seine These erinnerte sie stark daran, wie er seine Verbrechen rechtfertigte: Für das Allgemeinwohl tätig werden hieß für ihn, die Welt von Abschaum zu befreien.

Er legte die Hände an die beiden Seiten der Luke, klemmte sein Gesicht dazwischen und starrte sie mit seinen blassen grauen Augen an. »Unsere Beziehung ist ungewöhnlich, weil wir aufrichtig zueinander sein können. Wir dürfen nur durch diese kleine Öffnung in der Tür miteinander in Kontakt treten. Also ist alles erlaubt … Richtig?«

»Nicht ganz, Edmund.« Was mochte er im Schilde führen? »Wir haben unsere Grenzen abgesteckt. Ich jedenfalls habe Ihnen meine genannt.«

»Darf ich Ihnen einen persönlichen Rat geben?«

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. »Ich habe den Eindruck, dass Sie ihn mir ohnehin erteilen werden, ob ich das nun will oder nicht.«

»Sehen Sie zu, dass Sie Ihren Freund loswerden.« Er musterte sie eindringlich. »Sie können mir erzählen, was Sie wollen, glücklich sehen Sie nicht aus.«

Sie blinzelte. »Ich bin absolut glücklich, Edmund«, entgegnete sie kühl. »Ich brauche keinen Ratschlag für mein Liebesleben.«

»Ich glaube, doch«, gab er mit einem leichten Lächeln zurück. »Sie mögen ja viele tolle Qualifikationen und Diplome besitzen, die bei Ihnen zu Hause an der Wand hängen, aber wie Sie wissen, bin ich selbst ein wenig Psychologe. Ich durchschaue Sie weit mehr, als Sie glauben. Ich merke, dass Sie ein Problem haben. Es steht Ihnen im Gesicht geschrieben.«

»Er passt sehr gut zu mir«, wehrte Madeleine gereizt ab.

Edmund schüttelte missbilligend den Kopf. »Hören Sie. Wenn Sie ihn nicht loswerden können … das heißt, wenn er nicht geht … kann ich Ihnen das ein oder andere beibringen.«

Madeleine wandte den Blick ab. Ich wette darauf, dass du das kannst, dachte sie, du weißt, wozu Bottiche voll Ätzkalk oder große Betonklumpen gut sein können.

»Meine liebe Madeleine.« Seine Stimme klang weich, gedämpft, wie eine Liebkosung. »Machen Sie kein derart sorgenvolles Gesicht. Ich versuche nur, Ihnen zu helfen. Sie und ich müssen aufeinander aufpassen. Ich weiß, dass Sie sich ebenso deplatziert in Ihrer Haut fühlen wie ich mich in meiner.«

»Ach was. Das nehmen Sie nur an, weil ich Amerikanerin bin.« Sie stieß ein nervöses Lachen aus. »Ich fühle mich keineswegs deplatziert.«

Doch, genau das tue ich.

Edmund beugte sich drohend vor. »Madeleine, Sie müssen ihn loswerden!« Er schlug mit beiden Händen so heftig gegen die Seiten der Luke, dass Madeleine den Flur hinunter blickte, um zu sehen, ob ein Wärter in der Nähe war.

»Ich habe das nicht gehört, Edmund«, warnte sie ihn. »Sie sind durcheinander. Lesen Sie ein interessantes Buch, und erzählen Sie mir in der nächsten Woche etwas darüber, ja?«

»Ich wette, dass Gordon mit einer anderen rummacht.«

»Nein, das tut er nicht«, widersprach sie scharf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie den Namen ihres Freundes erwähnt hatte. Das war höchst unklug gewesen.

»Und woher wollen Sie das wissen?«

»Hören Sie jetzt auf damit, Edmund.«

»Ein Mann ist und bleibt nun einmal ein Mann, meine Schöne.

Sie sollten ihn an die kurze Leine nehmen. Wenn Sie ihn überhaupt behalten, was ein Fehler wäre.«

Solche Nummern zog Edmund öfter ab, wenn ihre Zeit abgelaufen war. Er war frustriert, dass er jede Woche den einzigen Menschen, dem etwas an ihm gelegen zu sein schien, aufs Neue verlor. Und da er irgendwie herausgefunden hatte, dass heute ihr Geburtstag war (wie war ihm das nur gelungen?), vermutete er ganz richtig, dass sie den Tag in den Armen eines Mannes beenden würde. Sie konnte verstehen, dass ihm das naheging.

Sie hörte eine Tür klappern, und aus dem Augenwinkel sah sie, dass Don Milligan ihr Zeichen gab. Es war sechs Uhr.

»Unsere Zeit ist um, Edmund. Bleiben Sie gesund, Kumpel. Wir sehen uns nächste Woche«, verabschiedete sie sich und winkte ihm kurz zu.

»Alles Gute zum Geburtstag«, flüsterte er. Seine Faust erschien in der Luke, und instinktiv wich sie zurück. Aber nein, es war etwas darin verborgen. Aus einer Laune heraus hob sie die Hand, und er übergab ihr einen kleinen Gegenstand. Zu spät erinnerte sie sich daran, dass sie damit gegen die Vorschriften verstieß. Was zum Teufel tue ich da?, dachte sie, während sie den Flur hinunter ging, und in ihrer Verwirrung drehte sie sich von der Überwachungskamera fort und ließ Edmunds Geschenk in ihre lackentasche gleiten.

Auf dem Heimweg vom Gefängnis Rookwood, für den sie gewöhnlich eineinviertel Stunden benötigte, begann es heftig zu regnen. Obwohl es Mitte März war, ließen sich noch keine Anzeichen von Frühling erkennen. Für das Wochenende war dasselbe schlechte Wetter vorhergesagt; möglicherweise gab es zusätzlich noch Frost. Dennoch drängten sich auf der M4 die Wochenendausflügler, und auf der A46 blieb Madeleine hinter einem Pferdetransporter stecken.

Die A46 verlief am Osthang eines engen Tals, dessen Hänge auf beiden Seiten steil abfielen. Es führte in vielen Windungen nach unten und mündete in einem tiefen Becken. Darin lag, vom Avon umflossen, inmitten von bewaldeten Hügeln die altehrwürdige Stadt Bath. Unter ihr dem Blick verborgen, lag noch eine zweite Stadt, die vor zweitausend Jahren von Invasoren aus dem Römischen Reich errichtet worden war.

Der Regen hatte nachgelassen. Bath lag im Dämmerlicht. Die wuchtige Abteikirche im Stadtkern wurde bereits von bläulichen Scheinwerfern angestrahlt und erhielt dadurch das Aussehen einer riesigen Festung aus Eis. Unzählige andere Kirchtürme belebten das Panorama, und honigfarbene Reihenhäuser zeichneten die Konturen der Hügel nach.

Im Jahre 43 nach Christus waren römische Soldaten bis hierher vorgestoßen, angelockt von dem, was sie über die Druidenfestung gehört hatten. Möglicherweise hatten sie auf den Höhen über diesem Tal gestanden und auf den runden Kessel mit den außergewöhnlich hohen Bäumen herabgeblickt, aus dem Dampfwolken aufstiegen. Dort, in der Mitte, befanden sich die heißen Quellen. Sie sprudelten aus einem rostroten Felsgestein, bewacht von Sul, der geheimnisvollen Göttin der Druiden.

Als jemand, der aus der Neuen Welt kam, liebte Madeleine die dunkle, uralte Geschichte der Stadt. (War es ein Zufall, dass sie mit einem Archäologen schlief, der von der Vergangenheit Baths besessen war?) Schon vor siebentausend Jahren, als steinzeitliche Jäger das Tal entdeckten, hatte das siedendheiße Wasser aus dem Erdinneren die Menschen angezogen. Aber bei mir war es nicht so, erinnerte sie sich mit Unbehagen, es war nicht das Wasser, das mich wieder herzog.

Sie verbannte den schmerzlichen Grund ihrer Rückkehr aus ihren Gedanken, wandte den Blick von den sanft geschwungenen Hügeln Somersets ab und heftete ihn wieder auf die Stoßstange des Pferdetransporters vor ihr.

Nicht viel später schreckte das Handy sie aus ihrer Träumerei auf. Sie hatte bereits die Innenstadt erreicht und war in die London Road eingebogen, wo sie nun in einem Verkehrsstau fast zum Stehen gekommen war. Sie ließ das Telefon in ihrer Handtasche. Sie hatte für einen einzigen Nachmittag schon gegen zu viele Vorschriften verstoßen. Bei diesem Gedanken ließ sie ihre Finger in die Tasche gleiten, um den Gegenstand zu betasten, den Edmund ihr gegeben hatte. Er war klein und eiförmig, lag jedoch schwer in ihrer Hand.

Sie fuhr zwischen den griechisch anmutenden Mauthäusern der Cleveland Bridge über den Fluss, unter dem Eisenbahnviadukt hindurch und hatte nach kurzer Zeit ihr Haus im südlichen Bogen der Stadt erreicht. Es gehörte zu einer Reihe gedrungener kleiner Häuser, die im 18. Jahrhundert für die Steinmetze erbaut worden waren, die den einheimischen Stein am nahen Hügel brachen und ins Tal schafften. Wieder piepste ihr Handy. Es war eine Nachricht für sie eingegangen. Hoffentlich nicht von Gordon, der ihre Verabredung absagte. Für ihren Geschmack kam das ein wenig zu oft vor. Sie fischte das Handy aus der Tasche und hielt es an ihr Ohr.

»Hier ist Sylvia. Es ist zehn vor fünf. Howard Barnes hat seinen Termin am Montagmorgen abgesagt. Schon wieder! Aber wenn Sie glauben, dass Sie nun mit Ihrem erotischen Archäologen ein bisschen länger im Bett bleiben können, muss ich Sie leider enttäuschen. Vor ein paar Minuten ist eine Miss Rachel Locklear hereinmarschiert gekommen und wollte eine Therapeutin sprechen. Also habe ich Initiative gezeigt und ihr den frei gewordenen Termin gegeben. Ich weiß, es gibt da eine Warteliste, aber es war schon zu spät, um noch groß herumzutelefonieren. Ich hoffe nur, dass sie erscheint … Sie gehörte nicht zu Ihren üblichen gehobenen Akademikern, wenn Sie wissen, was ich meine. Dann also noch einmal alles Gute zum Geburtstag und ein schönes Wochenende.«

Madeleine lächelte vor sich hin. Wo wäre sie ohne die berühmte Entschlussfreudigkeit ihrer Sprechstundenhilfe? Wohl kaum im Bett mit dem ständig durch Abwesenheit glänzenden Gordon!

Der sechsunddreißigjährige Gordon Reddon war fast sieben Jahre jünger als Madeleine. Verschlimmert oder verbessert – Madeleine wusste nicht recht, wofür sie sich entscheiden sollte – wurde die Sache noch dadurch, dass seine Erscheinung und sein Verhalten zusätzlich etliche Jahre jünger wirkten. Sie gab sich Mühe, sich nicht geschmeichelt zu fühlen und um Gottes willen erst recht nicht dankbar, aber ein wenig zufrieden mit sich selbst war sie doch.

Eine Stunde, nachdem sie heimgekommen war, den ekelhaften Gefängnisgeruch abgeduscht und ein schlichtes schwarzes Kleid übergezogen hatte, kombiniert mit einer vernünftigen wollenen Strumpfhose und kniehohen Stiefeln, klingelte er an der Tür. Sie ließ ihren Blick über ihn gleiten, wie er im Schein der gelben Straßenbeleuchtung vor ihr stand. Er war zweieinhalb Zentimeter kleiner als sie, aber das machte ihr nichts aus. Für einen Mann mit einem so nüchternen Beruf war er bemerkenswert eitel. Sein durchtrainierter Körper steckte in schwarzen Jeans, und er trug ein tailliertes Hemd in einem blassen Dunkelrosa sowie einen Gürtel und Schuhe, die beide teuer wirkten. Darüber hatte er einen schwarzen Regenumhang drapiert.

»Alles Gute zum Geburtstag«, begrüßte er sie lächelnd und zog einen kleinen Strauß gelber Rosen hinter seinem Rücken hervor. »Du hast es mir gesagt.«

»Ja, nun … Ich bin keine dieser älteren Frauen, die ihren Geburtstag hassen. Jedes vollendete Jahr ist ein Triumph der Ausdauer und der Kunst des Überlebens. Warum soll man das nicht feiern?« Sie gab ihm ein Küsschen auf den gestylten Drei-Tage-Bart und ließ ihn eintreten.

»Du bietest einen erfreulichen Anblick.« Lachend legte Gordon ihr den Arm um die Taille. »Ich kann gar nicht glauben, dass du älter wirst, und zwar älter als ich.«

Das war etwas mehr, als ihr lieb war. Sie löste sich aus seinem Arm und führte ihn ins Wohnzimmer. »Wohin führst du mich aus?«

Er grinste. »Wohin du willst. Hol uns ein Bier, Schatz.«

Mit einem leichten Stirnrunzeln ging sie in die Küche, während Gordon an das große Gemälde herantrat, das im Wohnzimmer an der Wand lehnte. Es war das letzte ihrer »Höhlenserie«, Madeleine hatte es aus ihrem Dachatelier heruntergetragen, um vom Sofa aus über seine Stärken und Schwächen nachzugrübeln. Wenn sie genug getrunken hatte, brachte sie sogar die nötige Distanz für eine kritische Bewertung ihrer entfesselten Malereien auf.

»Was malt meine Lieblingsmyrmekologin denn gerade?«, rief Gordon ihr zu.

Lächelnd stellte sie sich vor, wie er seinen Kopf in verschiedene Richtungen neigte, um aus den Ameisen klug zu werden, die fieberhaft in eine offenbar riesige Höhle hinein- und dann wieder aus ihr herauszulaufen schienen. Sie konnte es ihm nicht verübeln, denn sie wusste, dass er sich nicht sonderlich für moderne Kunst interessierte. Er war jedoch stets bereit, wenn sie sich die Mühe machen wollte, ihren ausführlichen Erklärungen mit wirklichem Interesse zuzuhören. Das einzige Thema ihrer Gemälde, Ameisen, hatte ihn von Anfang an fasziniert.

»Wie du sehen kannst«, erklärte sie ihm von der Küche aus, »sind es einfach Arbeiterinnen auf ihrem Weg von und zur Arbeit. Hauptverkehrszeit bei den Ameisen.«

»Sind das gigantische Monsterameisen, oder bewegen sie sich nur in einem winzigen Riss in einem Bürgersteig, dem du das Aussehen einer Höhle verliehen hast?«

»Womit würdest du dich wohler fühlen?«

»Um Himmels willen«, stöhnte er lachend. »Wird gerade mein Kopf untersucht? Ich wette, das hat etwas mit irgendeinem Komplex zu tun, den ich wegen der Größe meines Penis habe.«

Madeleine fand schließlich eine Literflasche mit Lagerbier im Gemüsefach. Sie hatte vor ein paar Tagen die Hälfte davon getrunken, aber egal, der Verschluss war schließlich fest zugedreht. Mit leichter Schadenfreude, aber auch mit dem Bangen, ertappt zu werden, das man empfindet, wenn ein argloser Gast in der Bettwäsche seines Vorgängers schläft, goss sie das schale Bier in ein hohes Glas und brachte es ihm.

»Ich habe dich nicht verstanden«, meinte sie, als sie das Bier vor ihn auf den Tisch stellte. »Was ist mit der Größe deines Penis?«

»Du Miststück«, knurrte er und wollte sie am Arm packen. »Komm her, dann kannst du ihn begutachten.«

Sie entzog sich seinem Griff und setzte sich in den gegenüberliegenden Sessel. Gordons Augen funkelten verführerisch. Sie lachte und fragte sich, ob sie mit ihm oder über ihn lachte. Obwohl sie seit fast achtzehn Monaten mit diesem Mann schlief, konnte sie ihn nicht hundertprozentig ernst nehmen. Der Begriff »Lustknabe« kam ihr häufiger in den Sinn als normal zu sein schien. War das ihm gegenüber wirklich fair?

Sie beobachtete, wie seine Hand nach dem Glas griff. Er hob es hoch und warf einen anerkennenden Blick auf die dunkelgoldene Flüssigkeit. Mit gespitzten Lippen trank er einen ersten testenden Schluck. Eine Sekunde verstrich, dann brüllte er angewidert auf. Gordon hielt sich für einen Feinschmecker in Sachen Bier, und sie hatte ihn bewusst empörend behandelt. Stets zu einer kleinen Selbstanalyse bereit, fragte sie sich: Und was hat dich nun daran befriedigt?

Trotz des eiskalten Regens gingen sie zu Fuß und schlenderten am schwarzen, unbewegten Wasser des Kanals entlang. An der Stelle, wo er in den Fluss mündete, stand eine majestätisch ausladende Trauerweide am Ufer, deren Äste bis ins Wasser hingen. Gordon nahm Madeleine wie schon so oft unter ihrem Blätterdach in den Arm und küsste sie leidenschaftlich.

»Du Gewohnheitstier«, flüsterte sie. Aber als sie sah, wie sich seine Mundwinkel senkten, bereute sie, ihn geneckt zu haben. Gordon konnte impulsiv sein und hatte einen sarkastischen Humor – allerdings nicht, wenn er selbst die Zielscheibe eines Scherzes war.

»So viel zum Thema Romantik«, gab er zurück, hakte sich bei ihr ein, zog sie energisch über die eiserne Fußgängerbrücke, die den Fluss überspannte, und führte sie dann durch die Steinbögen, hinter denen sich die Innenstadt ausbreitete.

Sie hatte sich für das neue Fischrestaurant neben der Poulteney Bridge entschieden. Das alte Gebäude neigte sich gefährlich dem Fluss zu und wirkte durch die Menschenmenge, die sich im Restaurant des oberen Stockwerks drängte, noch kopflastiger. Man führte Gordon und Madeleine zum letzten freien Tisch. Er lag alles andere als abgeschieden, nämlich dort, wo sich der Durchgang zur Herrentoilette mit dem Weg in die Küche kreuzte. Als sie erst einmal saßen, schien es zu spät zu sein, sich noch einmal anders zu entscheiden. Gordon stellte normalerweise hohe Ansprüche an die Speisen, die er essen, und an das Umfeld, in dem er sie zu sich nehmen wollte, aber heute Abend schien ihm all das gleichgültig zu sein. Außerdem blickte er immer wieder auf seine Uhr.

»Hast du's eilig?«, fragte sie und versuchte, fröhlich zu klingen.

Seine Augen verengten sich. »Natürlich nicht.«

Sie vermieden es, sich anzusehen.

»Was hast du gemacht?«, fragte sie nach einer Pause.

Er drehte sich, ein wenig zu hastig, zu ihr hin. »Was meinst du damit?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Die Frage muss wohl kaum erläutert werden, Gordon. Ich habe dich neun Tage lang nicht gesehen.«

Sein Gesicht entspannte sich, und er lächelte reumütig. »Im Augenblick bin ich vor allem im Labor. Ich sehe mir an, was wir bei der Ausgrabung am Southgate gefunden haben. Du kennst mich. Ich bin lieber bei einer Grabung im Freien und auf allen vieren. Wie letztes Jahr um diese Zeit.«

Sie nickte und erinnerte sich an seine Aufregung, als er einen Schusterladen und in ihm eine große Auswahl zweitausend Jahre alter römischer Schuhe gefunden hatte; außerdem die Werkzeuge zu ihrer Herstellung sowie andere Bekleidungsstücke aus Leder. All das hatte sich in einer mit Wasser vollgelaufenen Grube er halten, die im undurchlässigen blaugrauen Liaston direkt in der Stadtmitte ausgehoben worden war. Gordon hatte einen brillanten Artikel über römisches Schuhwerk geschrieben und war für mehrere Vorlesungen in die Vereinigten Staaten eingeladen worden.

Nun bemühte er sich, die Aufmerksamkeit des Kellners zu erregen, während er sich darüber beklagte, wie langweilig archäologische Routineaufgaben waren und wie sehr es ihn ärgerte, dass Teile eines römischen Fußbodenmosaiks verschwunden waren, vermutlich in den Taschen irgendeines Hausmeisters. Madeleine richtete unterdessen ihre Aufmerksamkeit auf die dreiundvierzigjährige Frau in dem großen Spiegel hinter Gordon. Dreiundvierzig! Wie die meisten Frauen wusste sie bestens, wie sie aussah, aber das hier war eine andere Sache. Sie beobachtete sich heimlich in einer realen Szene, und ihr fiel auf, wie fremd sie in diesem Land tatsächlich wirkte. Es zeigte sich an der Art, wie sie sprach, lachte, gestikulierte und, recht irritierend, an ihrem ständigen trägen Schulterzucken (machte sie das auch gegenüber Patienten?).

Sie war eine halbe Britin, aber ihre spanische Hälfte war eindeutig vorherrschend. Ihre Haut war viel goldener als die der blassen Gäste um sie herum. In der gnadenlosen Sonne von Key West aufgewachsen, war sie mit einer natürlichen, das ganze Jahr über anhaltenden Bräune gesegnet. Ihre Mutter war Kubanerin, und ihre Ur-Ur-Urgroßmutter gehörte zu den Yoruba, die von den Spaniern aus dem dunkelsten Afrika als Sklaven verschleppt worden waren, um auf den kubanischen Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Doch Madeleine war auch das Kind ihres Vaters. Sie war groß, schlank und gerade gewachsen. Die Zierlichkeit ihrer Mutter, ihre erotischen lateinamerikanischen Kurven und ihr feuriges Temperament hatte sie nicht geerbt.

Sie schenkte ihrem Spiegelbild einen letzten Blick und sagte sich, dass man ihr die Hochstaplerin ansah. Ihr unbeschwertes Lächeln; die Art, wie sie sich bewegte und wie sie ihren Kopf herumwarf, wenn eine schwarze Locke sie störte; die scheinbare Übereinstimmung mit sich selbst, während in Wirklichkeit Edmund Furie recht gehabt hatte: Sie fühlte sich deplatziert.

Sie wandte sich genau in dem Augenblick Gordon wieder zu, als in seiner Sakkotasche das Handy schrillte. Er hätte es einfach ignorieren können, aber stattdessen meldete er sich, drehte sich weg und telefonierte mit gedämpfter Stimme. Madeleine versuchte, die Unterbrechung zu übergehen, aber als er fertig mit seinem Gespräch war, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, eine Bemerkung über seine Unhöflichkeit und ständige telefonische Erreichbarkeit zu machen.

»Jetzt täte ein Drink gut«, fügte sie leise hinzu.

»Ja, aber nicht hier.«

Gordon stand auf und wandte sich zur Tür, während sie erst noch Tasche, Jacke und Schirm zusammenraffen musste. Ein hochmütiger Kellner schaute ihr dabei zu.

»Tut mir leid«, sagte Madeleine zu ihm. »Wir verpassen sonst unsere Straßenbahn.«

»Madam«, entgegnete der Mann mit einem Stirnrunzeln, »in Bath gibt es keine Straßenbahnen.«

»Und in diesem Lokal, Sir, gibt es keinen Service«, konterte sie und schob sich an ihm vorbei.

Unter der Poulteney Bridge strömte murmelnd das Wasser des Avon dahin. Gordon, der einige Schritte voraus lief, steuerte die Restaurants in der Argyle Street an. Die Hände hatte er in die Taschen geschoben, seinen Regenumhang achtlos um die Schultern geworfen. Sie kannte seine Angewohnheit, sie hinter sich herlaufen zu lassen, wenn er verärgert war. Je mehr sie ihre Schritte beschleunigte, desto schneller ging auch er. Sie hatte noch nicht den Mut gehabt, ihn deswegen zur Rede zu stellen.

Sie holte mit großen Schritten aus, bis sie seine Hand greifen konnte. »He, Gordon. Lass uns nicht den Abend verderben. Du bist grantig, weil du Hunger hast, das ist alles. Warum gehen wir nicht einfach zu mir zurück? Die beste Bar der Stadt, und etwas zu essen habe ich auch im Haus. Ich war bei Safeway und hab Proviant fürs Wochenende eingekauft.«

Er verlangsamte seinen Gang etwas und drückte versöhnlich ihre Hand. »Bei Safeway gibt’s nur Schrott. Ich kaufe bei Mark’s.«

»Na gut, dann gehen wir zu dir, Gordon.« Sie zwang ihn stehen zu bleiben und sie anzusehen.

Ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Nein, streichen wir Mark’s.« Er zuckte entwaffnend die Schultern. »Ich würde sagen, wir gehen doch zu dir.«

Sie warf ihm einen prüfenden Blick zu. Sie vertraute ihrem scharfen Instinkt, der für die leisesten Botschaften empfänglich war. »Ach zum Teufel mit dem Essen. Gehen wir zur Abwechslung mal zu dir.«

Wieder warf er einen Blick auf seine Uhr. »Mein Bett muss frisch bezogen werden und …«

Sie musterte ihn. »Warum kommt mir plötzlich der Gedanke, dass in deinem Bett jemand liegt?«

Wieder huschte ein verschlagener Ausdruck über sein Gesicht, aber gleich darauf entspannten sich seine Schultern. »Sachte, Madeleine, zwischen uns war nie die Rede von Treue. Darum geht es doch in unserer Beziehung nicht, oder?«

Sie starrte ihn sprachlos an.

»Darüber habe ich nie nachgedacht«, sagte sie schließlich. Nicht bis heute Nachmittag. Danke, Edmund. Sie konnte nicht glauben, dass sie so naiv gewesen war. Sie hatte zwar viele tapfere Beobachtungen darüber angestellt, was sie zu dieser Partnerschaft trieb, aber die Frage nach der Treue hatte sie nie wirklich gestellt. Er verhütete eisern, obwohl sie ihm immer wieder versichert hatte, dass sie sich diese lästige Sache sparen konnten. Laut Emma Williams, ihrer Gynäkologin, bestand inzwischen praktisch keinerlei Gefahr mehr, dass sie schwanger wurde. Während der vierzehn Jahre ihrer Ehe hatte sie verzweifelt auf eine Schwangerschaft gehofft, aber es hatte nicht sein sollen. Dennoch rollte sich Gordon fleißig seine Kondome über. Natürlich tat er das. Er fürchtete keine ungewollte Schwangerschaft, sondern die vielen sexuell übertragbaren Krankheiten, die ihm von anderen Frauen drohten. Wie verantwortungsbewusst von ihm, sie zu schützen! Und wie dumm von ihr, nicht einfach zwei und zwei zusammenzuzählen!

»Madeleine, du kannst doch nicht allen Ernstes böse sein.« Er packte ihre Schultern und blickte ihr in die Augen. »Es läuft doch gut mit uns. Es gibt keinen Grund, warum das nicht so bleiben kann. Du bist nicht nur exotisch und wundervoll, sondern ich kenne auch keine Frau, die so normal, erwachsen und unabhängig ist wie du. Das macht mich bei dir an. Nun komm schon. Sei vernünftig.«

»Ich muss darüber nachdenken.«

Gordon packte sie noch fester und schüttelte sie leicht. »Denk nicht so verdammt viel nach. Mach das, wobei du dich wohlfühlst!«

»Ist sie jetzt gerade bei dir?«

»Und wenn? Hier geht es um dich und mich.«

»Ist sie bei dir?«

»Ich bin bei dir, oder?«

»Sag einfach ja oder nein.«

»Also gut, ja. Aber so schnell erwartet sie mich nicht zurück.«

»Ich glaube, dass ich ein Problem mit der Vorstellung habe, dass eine andere Frau in deinem Bett auf dich wartet, während wir uns hier unterhalten. Ein ziemlich großes Problem sogar.«

»Nun stell dich nicht an, Madeleine. Was schert dich so eine kleine Null? Im Moment bin ich genau da, wo ich sein will. Nämlich bei dir.«

Gut gekleidete Leute unter großen Regenschirmen drängten an ihnen vorbei. Madeleine weigerte sich weiterzugehen, obwohl ihr der Regen bereits aus den Haaren tropfte. Ihr feministischer Kampfgeist war geweckt worden. Kleine Null! Gleichzeitig verspürte sie einen Anflug von Selbstgefälligkeit. Eine Null war sie wahrlich nicht. Aber wie viele andere hatte er? Und warum? Weil das, was sie zu bieten hatte, nicht genug war, oder weil er ein unheilbarer Schürzenjäger war? Wie auch immer, er hätte klarmachen müssen, dass er nicht an einer monogamen Beziehung interessiert war.

Als der Schock abzuflauen begann, stieg Empörung in ihr auf. In diesem Augenblick lag ein Mädchen in seinem Bett und wartete darauf, dass sie an die Reihe kam. Wenn das zutraf, musste auch das Umgekehrte der Fall gewesen sein. Er war zweifellos auch zu ihr ins Bett gestiegen, kurz nachdem er gerade mit einer anderen geschlafen hatte. Die Vorstellung löste Übelkeit bei ihr aus, so wütend war sie.

Ein Taxi fuhr zu dicht am Bordstein entlang und bespritzte sie beide.

»Scheiße«, rief Gordon verärgert und sprang zur Seite. »Also, Madeleine, wohin gehen wir essen? Ich bin nass und kurz vorm Verhungern.«

Madeleine öffnete ihren Schirm. »Ich bin nicht prüde, und ich bin auch nicht sonderlich stolz, aber da spiele ich nicht mit.«

Gordons attraktives Gesicht sah schwermütiger aus, als sie es je bei ihm gesehen hatte. Er packte sie am Arm und zog sie in einen überdachten Eingang. »Ich wünschte, du würdest anders empfinden. Hör mal, Madeleine, ich bin sehr vorsichtig … Sie bedeuten mir nichts, aber du.«

Sie schüttelte ihn ab und lachte sarkastisch. »Ich bedeute dir etwas, ja?«

Er stellte sich ihr in den Weg. »Madeleine, hör mir zu …«

»Ich habe dich nie um eine feste Bindung gebeten«, rief sie und stieß ihn weg. »Ich habe keine Forderungen an dich gestellt. Aber könntest du uns bitte nacheinander statt alle auf einmal abfertigen?«

Sie starrten einander an. Gordon schüttelte den Kopf.

»Du kannst mich nicht ändern. Es war so erfrischend, dass du es nie versucht hast. Fang nicht jetzt damit an. Bitte.«

»Gut«, meinte sie mit einem ärgerlichen Schulterzucken. »Ich werd’s nicht versuchen.« Sie wartete ein paar Sekunden, aber da er nichts mehr hinzuzufügen hatte, sagte sie: »Mach’s gut, Gordon« und stürmte durch den Wolkenbruch davon, zurück in Richtung Brücke.

»Madeleine, komm zurück«, rief er hinter ihr her.

Sie hoffte zum Teil, dass er ihr folgen, sie packen und ihr gestehen würde, dass er ohne sie nicht leben konnte. Sie hörte jedoch nur, wie sich seine Schritte entfernten, und blickte über die Schulter. Gordon marschierte in die entgegengesetzte Richtung, und sein dunkler Regenumhang flatterte heftig im Wind.

Eine Stunde später saß Madeleine in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa und hielt ein großes Glas Rum in der Hand. »Was für ein toller Geburtstag«, dachte sie, »wirklich wunderbar.« Niemand rief an. Rosaria, ihre Mutter, litt an einer chronischen Psychose, und sie konnte nicht erwarten, dass sie sich an ihren Geburtstag erinnerte. Neville, ihr Vater, war zu berühmt, wichtig und selbstsüchtig, um daran zu denken. Ihre wenigen Freunde kannten das Datum nicht – aber das war ihre eigene Schuld. Ihrem Kollegen John und ihrer Sprechstundenhilfe Sylvia war es bekannt, und die beiden hatten sie zu einem üppigen Mittagessen in ein hervorragendes Restaurant eingeladen. Sie nahm die Karte, die sie ihr geschenkt hatten, vom Couchtisch.

»Wie viele Psychotherapeuten braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?«, las sie laut. Natürlich kannte sie die Antwort, aber wehmütig lachend öffnete sie die Karte und las sie erneut. »Nur einen – aber die Glühbirne muss die Veränderung wirklich wollen. Alle Liebe der Welt, John und Sylvia.«

Alle Liebe der Welt! Madeleine biss die Zähne zusammen. Eine Woge des Kummers überschwemmte sie. Seit über sieben Jahren hatte sie nicht mehr geweint, seit Forrest gestorben war, und sie würde jetzt nicht damit anfangen. Alle Tränen eines ganzen Lebens waren aufgebraucht, als hätte der Hurrikan ihr gesamtes Empfindungsvermögen aus ihr herausgespült und sie leer und trocken zurückgelassen.

Jahrelang hatte sie sich mit Enthaltsamkeit gestraft, dann war Gordon in ihr Leben getreten. Sie liebte ihn wohl nicht, aber sie mochte ihn sehr. Oder vielleicht mochte sie sich selbst sehr, wenn er da war. Jetzt hatte sie allerdings das Gefühl, dass er sie irgendwie benutzt hatte. Er hatte ein unausgesprochenes Gesetz gebrochen. Da lag das Problem: Sie kamen aus unterschiedlichen Welten und spielten nach unterschiedlichen Regeln, und weil es viel Spaß machte, hielten sie nie inne, um sich auszutauschen. Er hatte sie gerettet und ihr wieder das Gefühl gegeben, eine Frau zu sein. Möglicherweise hatte sie ihn benutzt.

Ihre Rückkehr nach Bath hatte letzten Endes doch nicht funktioniert. Wieder war sie ganz allein. Sie brachte zwar Licht in das Leben ihrer Mutter, aber was hatte sie sonst noch vorzuweisen? Wenige Freundschaften, vier Jahre psychotherapeutischer Ausbildung, drei Jahre Berufserfahrung und einen Stapel düsterer Ameisengemälde. Und Edmund.

Edmund! Sie sprang auf und ging in die Diele. Ihre Jacke hing über einem Stuhl, und sie griff in die Tasche, um Edmunds Geburtstagsgeschenk herauszuholen. Es hatte sich wie ein kleines Ei angefühlt, als er es ihr gab, und es sah auch wie eins aus. Es war aus Stein gemacht, grün mit grauen Flecken, glatt, auf Hochglanz poliert. Ein Ei – wie nett! Irritiert rätselte sie über die symbolische Bedeutung des Geschenks.

Sie wollte es gerade in eine Schale mit anderen nutzlosen Dingen legen, als sie eine Bewegung spürte. Sie hielt das Ei ans Ohr und schüttelte es. Es war hohl, und es befand sich eindeutig etwas in seinem Inneren. Sie musterte den eiförmigen Stein eingehend, drehte ihn langsam in der Hand, untersuchte seine Oberfläche. Da war es, ein Spalt, so fein wie der Schnitt einer Rasierklinge. Entschlossen, zu dem im Inneren verborgenen Objekt vorzudringen, holte sie den Brieföffner vom Dielentisch, ging zum Sofa im Wohnzimmer zurück und hebelte an dem Spalt herum, bis es ihr gelang, das Ei aufzustemmen.

Es enthielt eine Brosche. Sie bestand aus einem gedrehten Tau oder Seil, das aus einem stumpfen grauen Metall, möglicherweise Hartzinn, gefertigt und zu einer Träne geformt worden war … oder war es eine Schlinge? Sie zuckte schockiert zurück. Die meisten seiner Opfer hatte er mit bloßen Händen erwürgt, aber bei denen, die groß oder muskulös waren, hatte er ein Seil verwendet. Vielleicht zog sie voreilige Schlüsse. Ja, natürlich. Sie war der einzige Mensch, mit dem er befreundet war, und er würde sie ganz bestimmt nicht erschrecken wollen. Symbolisierte ein Seil nicht auch Zusammengehörigkeit, Verbundenheit? In der Kunst symbolisierte ein Seil Leidenschaft, wobei es einige Kulturen gab, in denen es für Unterwerfung und Versklavung stand.

Madeleine drehte die Brosche in den Händen. Sie war alles andere als schön, aber ihr war nicht an Glanz und Glitzer gelegen. Je länger sie das Schmuckstück betrachtete, desto mehr gefiel ihr seine nüchterne Strenge. Es symbolisierte Verbundenheit, entschied sie, nachdem sie vorsichtig die am wenigsten bedrohliche Deutung des Seils gewählt hatte. Er war zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt worden und bat sie, für immer mit ihr befreundet sein zu dürfen (bis einer von ihnen starb). Zumindest hoffte sie, dass er das mit der Brosche meinte.

Liebe darf man nicht verhöhnen, dachte sie betrunken und steckte Edmunds Geschenk an ihr Kleid. Es gibt nicht sehr viel Liebe.

Madeleine leerte ihr Glas und kniete sich vor ihr Formicarium. Ihre Ameisen rannten unablässig von Kasten zu Kasten, durch Gänge und Rohre, diszipliniert und methodisch in der Ausführung ihrer Arbeit, nie faul, nie pausierend, stets auf der Suche, aber mit dem Unterschied, dass sie genau wussten, wohin sie eilten … und wonach sie suchten.

Abbildung

2. Kapitel

Also wonach suchst du, kleine Madeleine?«, fragte Forrest und zog mit dem Finger die Linie ihrer Nase und die Wölbungen ihrer Lippen und ihres Kinns nach, bevor er ihn ihren Hals hinabgleiten ließ.

Sie lagen aneinandergeschmiegt in einer hin- und herschwingenden Hängematte, die zwischen zwei Weißgummibäumen im Garten einer Villa hing. Der Baustil des von Forrest gerade gehüteten Anwesens war einem bahamaischen Herrenhaus nachempfunden und stand in der Telegraph Lane.

»Nach einer bisher noch nicht entdeckten Spezies der Blattschneiderameise«, neckte sie ihn und versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken.

»Du frecher kleiner Teufel«, rief er und kitzelte ihren nackten Bauch. »Ich meine im Leben. Ich meine langfristig, weißt du, so Dinge wie Liebe, Reisen oder etwas Spirituelles. Hast du nicht gesagt, dass deine Mom eine kubanische Santera ist?«

Am liebsten hätte sie ihm gestanden: Ich habe nach dir gesucht. Aber dazu war sie zu stolz. Dieser neue Zustand, das Verliebtsein, war zu überwältigend. Sie musste einen klaren Kopf bewahren, weil sie ihn sonst womöglich erschreckte und in die Flucht trieb.

»Ja, all das«, antwortete sie lässig. »Liebe, Reisen, spirituelle Dinge. Ich wurde in einem Hurrikan geboren, die Göttin Oya wacht über mich. Sie schützt mich und achtet darauf, dass ich mich nicht zum totalen Esel mache … besonders, wenn es um dich geht.«

»Du bist eine kleine Hexe, weißt du …« Er legte seine Hand auf ihre Taille. »Komm her.«

Sie lächelte. Sie war bereits da. Näher ging es kaum noch. Seit drei langen Wochen wartete sie darauf, seit ihre Fahrräder an der Ecke Fleming und Love Lane aneinandergeprallt waren. Selbst der Ort war schicksalhaft gewesen. Sie hatte den Zusammenstoß verursacht, aber er nahm sofort die Schuld auf sich. Sie hatte sich auf der nackten Schulter eine Schürfwunde zugezogen. Er wühlte in seinem abgewetzten Rucksack, zog eine Flasche Wasser und eine Serviette hervor (aus Randy’s Steak House – sie hatte sie aufbewahrt) und machte sich daran, die Stelle zu säubern. Es dauerte lange, und nachdem er schließlich auch ihre kleineren Schrammen versorgt hatte, bestand er darauf, ihr einen Kaffee zu spendieren und ihr Fahrrad zurück zu ihrem Elternhaus zu schieben.

»Mann, hier wohnst du?«, hatte er gefragt, als er das weitläufige Holzhaus mit seinem majestätischen, zweihundert Jahre alten Banianbaum sah. »Dann ist dein Dad also unser berühmter Hemingway der Leinwand?«

letzt in seinen Armen zu liegen, löste bittersüße Gefühle in ihr aus. Schon bald würde sie nicht mehr auf Key West sein. Papa Neville, der berühmte Hemingway der Leinwand, und Mama stritten sich seit Monaten. Papa wollte zurück nach London. Er hatte den Eindruck, alles ausgeschöpft zu haben, was Key West ihm zu bieten hatte, zumindest ihm als Künstler. Mama hingegen hatte nie woanders als in Key West und ihrer Heimat Kuba gewohnt. Sie hatte mit Papa zwei Reisen nach London unternommen und war vor Angst fast verrückt geworden. Es gebe dort keine Schönheit, klagte sie, keine Blumen, keine Palmen, keine Düfte oder warmen Winde, und vor allem keinen Ozean, dem man lauschen, und keine Sonnenuntergänge, die man betrachten könne. Ein grauer Himmel liege drückend über Millionen Menschen und mache sie alle krank.

Um ihr entgegenzukommen, hatte Papa vorgeschlagen, in Bath zu wohnen, einer schönen, alten Stadt mit heißen Quellen, umgeben von grünen, bewaldeten Hügeln. Madeleine war von der Aussicht fasziniert gewesen – bis sie Forrest getroffen hatte.

Er stützte sich auf den Ellenbogen, um sie von oben zu betrachten. Seine karamellbraunen Augen durchbohrten sie geradezu, und sie erbebte unwillkürlich. Ihr gesamter Körper glühte vor Verlangen.

»Weißt du«, begann er langsam, »ich habe meinem alten Herrn mitgeteilt, dass er sich einen anderen Partner suchen soll, zumindest für ein oder zwei Jahre, weil ich beschlossen habe, auf Reisen zu gehen. Ich wollte schon immer nach Indien und nach Nepal, um den Himalaja zu sehen. Bevor ich sesshaft werde, wenn du weißt, was ich meine. Ich werde hundert Jahre lang Garnelenfischer in Key West sein. Wenn ich also nicht jetzt ein wenig von der Welt sehe, wann sonst?«

Sie starrte ihn an. Auch er ging fort. Sie fühlte sich verletzt und trauerte schon in diesem Augenblick um ihn.

»Tja, so ist das«, seufzte sie und versuchte, blasiert zu klingen. »Ich ziehe mit meinen Leuten nach England. Mein Dad ist auch da drüben berühmt. Er muss seine Gemälde in London verkaufen, wo er eine Menge Geld für sie bekommt. Das Nest hier ist zu klein für ihn.«

Nun starrte Forrest sie an. Ihre Fassade bröckelte ein wenig, und sie bereute ihren Ton.

»Ich weiß, dass wir uns noch nicht lange kennen, aber ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Lust hättest, mich auf meiner Reise zu begleiten.«

O Gott. Was für ein idiotisches Großmaul sie doch war! Unterschiedlichste Gefühle tobten in ihrem Inneren. Er wollte mit ihr zusammen sein, gemeinsam mit ihr weggehen. Er sah sie weiter unverwandt mit seinen braunen Augen an und wartete auf eine Antwort. Sie ließ ihre Finger in seine blonden Locken gleiten und zog sein Gesicht zu sich herunter. Sie küssten sich – nicht zum ersten Mal, aber es war anders. Er schmeckte nach dem Salz des Meeres, auf dem er arbeitete, und roch nach dem warmen Sand.

Seit drei Jahren ging er mit seinem Vater auf Garnelenfang, und seine Hände waren rau und schwielig. Aber er achtete darauf, keinen Faden aus ihrer Kleidung zu ziehen. Sie trug ein kurzes gesmocktes und mit Perlen besticktes T-Shirt und einen winzigen Wickelrock aus Baumwolle. Er hatte nur Shorts an. Stück für Stück fiel die Kleidung in den Farn unter der Hängematte. Das Blätterdach der Limonenbäume über ihnen war von Weinranken durchflochten und schützte sie vor der Sonne. Spanisches Moos hing gleich Wasserfällen von den Ästen und reichte fast bis zu ihren nackten Körpern. Als er ihre Brüste küsste, sah sie hoch und dachte: Warum sollen wir irgendwo hingehen? Kein Ort auf Erden kann so schön sein wie dieser.

Nach einer Weile richtete er sich auf, um sie anzusehen. »Ist das in Ordnung für dich, was wir hier tun?«, fragte er. Sein brauner Körper glitzerte jetzt feucht, und seine zerzausten Haare schimmerten silbrig.

Was sollte sie darauf antworten? O ja? Dass sie ihn liebte und bis an das Ende der Welt mit ihm gehen und sich ihm in jedem Bett am Wegesrand hingeben würde?

»Nimmst du die Pille oder dergleichen?«

»Ja.«

Er sah sie erneut an, eindringlicher. »Also ist es okay?«

Sie nickte. Freundinnen hatten ihr erzählt, dass das erste Mal nicht besonders schön sei und dass sie nichts erwarten dürfe. Er sollte nicht sehen, wie sie die Zähne zusammenbiss oder vor Schmerz zuckte. Als sie schließlich das Gefühl hatte, nicht mehr warten zu können, führte sie ihn zu sich, und er drang langsam in sie ein. Der reißende Schmerz, der sie durchfuhr, dauerte nur kurz, und sie wusste, dass die Erinnerung daran ihr Vergnügen bereiten würde. Ihre Freundinnen hatten sich so sehr geirrt. Dem ersten Mal wohnte ein großer Zauber inne, der sich nie wiederholen würde; ein Übergangsritus, der ihr einen unendlichen, unbekannten Teil ihrer Selbst erschließen würde.

In der Hoffnung, es möglichst lange auszudehnen, hielt sie sich an ihm fest, aber das war gar nicht nötig. Seine Art des Liebens schien immer wieder neu zu beginnen … Anfänge ohne Ende. Er ging bedächtig vor, ganz anders als die Jungs in ihrem Alter, die sich manchmal in der Hoffnung, sie betatschen zu können, auf sie stürzten. Forrest hingegen war bereits ein Mann von neunzehn Jahren. Sie war völlig unerfahren, doch er würde ihr alles beibringen.

Als sich ihre Körper schließlich voneinander lösten, hatte die Dämmerung eingesetzt. Eine kühle Brise, die über ihren feuchten Leib strich, fühlte sich köstlich an, und sie hatte Durst.

»Wie spät ist es?«, fragte sie lachend.

Er rollte sich zur Seite und suchte in den Shorts unter der Hängematte nach seiner Uhr. »Achtundzwanzig Minuten nach neun.«

»Scheiße!« Sie setzte sich auf, brachte die Hängematte zum Kippen und fiel auf ihren Hintern in den Farn.

Er musterte sie amüsiert. »Na, das war ein würdiges Ende eines alle Sinne raubenden Tuns.«

Sie hörte kaum hin. Papa Neville war tolerant, aber er wurde fuchsteufelswild, wenn sie zu spät zum Essen kam. Und das hatte vor fast zwei Stunden stattgefunden. Sie krabbelte durch den Farn und suchte ihren Slip. »Ich muss nach Hause«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

»Bitte nicht. Bleib, Madeleine. Geh nicht schon jetzt. Lass uns dieses Haus hier in vollen Zügen genießen. Die Besitzer kommen morgen zurück.« Er zeigte auf die das Gebäude umlaufende Veranda mit ihren kunstvoll geschnitzten Balken und den riesigen Rattansofas. »Ich mache die besten Muschelbeignets auf der Insel. Und ich mixe den besten Mojito. Außerdem habe ich einen Joint, kolumbianisch und so leicht, wie er nur sein kann.« Er versuchte, sie zu packen und zurückzuziehen. »Zumindest einen Sprung in den Pool wirst du dir doch wohl nicht versagen wollen?«

Verlegen wandte sie ihr Gesicht ab, als sie sich aus seinem Griff befreite, um sich anzuziehen.

»Du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet. – Kommst du mit?«

Sie hielt inne, mit dem Rücken zu ihm.

»Kommst du mit auf die Reise?«, wiederholte er. »Ich habe Geld zurückgelegt, aber wir werden ziemlich sparsam sein müssen.« Er lachte. »Wir können sogar überall nach Ameisen suchen. Eventuell entdeckst du unterwegs eine bisher unbekannte Art.« Er versuchte, im Liegen nach ihrer Hand zu greifen. »Rätselhafte Madeleine. Ameisenfrau meiner Träume. Komm mit mir.«

Seine Worte berührten sie tief, aber das Gefühl der Hoffnungslosigkeit war stärker. Sie wandte sich zu ihm um. »Ich käme gerne mit. Lieber als alles auf der Welt. Ich werde mit meinem Dad sprechen. Aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass er es mir erlauben wird.«

Forrest stand auf. Von seinen rauen Händen und seinen narbenbedeckten Unterarmen abgesehen, bot er in seiner Nacktheit den Anblick eines Gottes. »Du könntest doch selbst darüber entscheiden, Madeleine.«

Sie senkte die Augen. Sie konnte es nicht mehr länger hinausschieben. »Du wirst mich verabscheuen, wenn ich dir das jetzt sage.« Sie schwieg einen Moment lang, um schließlich hervorzustoßen: »Ich bin erst fünfzehn. Es tut mir leid.«

Die Sekunden verstrichen. Als er einen Schritt auf sie zutrat, dachte sie, dass er sie schlagen würde. Aber er berührte nur ihr Kinn, als wolle er sich versichern, dass sie wirklich da war. Dann sank er in die Hängematte zurück. »Fünfzehn«, stöhnte er auf. »Was habe ich nur getan? Du bist noch ein Kind … ein Baby.«

»Es tut mir wirklich leid.«

»Warum hast du mich angelogen? Warum?«

»Du weißt, warum«, verteidigte sie sich trotzig. »Du hättest mich sonst keines Blickes gewürdigt.«

Er ließ den Kopf in die Hände sinken. »Du bist groß für dein Alter, aber ich hätte wissen müssen, dass du noch keine achtzehn bist. Du siehst nicht wirklich danach aus.« Dann sah er sie scharf an. »Du hast mich gerade zum Kriminellen gemacht, Madeleine. Du bist minderjährig.«

Was konnte sie darauf erwidern? Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht.

»In acht Monaten werde ich sechzehn«, meinte sie verzagt.

Forrest stand auf und zog seine Shorts an. Dann packte er ihren Kopf mit den Händen und funkelte sie zornig an. »Das war unglaublich verantwortungslos von dir. Aber ich war wohl ein Idiot, dass ich dir geglaubt habe. Geh weg, Madeleine. Ich muss mir jetzt meine Liebe zu dir aus dem Herzen reißen. Herr im Himmel! Wenn wir nur nicht das getan hätten, was wir gerade gemacht haben.«

Sie sahen sich lange an, während er weiterhin ihren Kopf mit seinen starken Händen festhielt. Heftig presste er seine Lippen auf ihre und ließ sie los. Schmerzerfüllt ließ er seinen Blick über sie gleiten und schlug sich mit der Faust an die Brust. »Du hast mich bereits hier getroffen, du kleine Hexe.«

Er wandte sich von ihr ab und ging schnell ins Haus, während Madeleine weinend durch das Gartentor schlüpfte, in eine Zukunft ohne Forrest.

***

Auf dem engen Flur begegnete Madeleine John, ihrem besten Freund und Kollegen. »Ich habe mich verspätet«, stieß er heftig keuchend hervor. »Ich hatte eine Reifenpanne.«

»Davor sind selbst die Besten nicht gefeit, Johnny.« Madeleine legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

»Nun versuch nicht auch noch, mich aufzumuntern! Ich habe einen Kater, und außerdem habe ich gleich noch Mrs Nettle.« Er tat, als wollte er mit dem Kopf gegen die Wand rennen. »Ich kann nichts mehr verkraften.«

»Der Montagmorgen ist immer mühsam«, meinte sie mitfühlend.

Sie war schon auf dem Weg zu ihrem Sprechzimmer, als John noch hinter ihr herrief: »Wir haben unsere Supervision nicht gemacht. Sie ist überfällig.«

»Vielleicht nächste Woche?«

»Nein, Madeleine. Du weißt doch, was in unserem ethischen Leitfaden steht: Therapeuten, die ohne Supervision praktizieren, werden aufgehängt und ausgepeitscht. Also machen wir sie heute Abend, nach der Arbeit, bei einem Glas Bier.«

Sie sah, wie er sich, bepackt mit Aktentasche. Lunchbox und einem Stapel Post, an dem Griff seiner Tür abmühte. Seine Brille war verrutscht, sein rötliches Haar stand ihm zu Berge, und sein Hintern wirkte ein ganzes Stück breiter, als sie ihn in Erinnerung hatte. Die Tücken des Alltags schienen den lieben Mann zu überfordern, und sie rannte zu ihm und hob die Briefe auf, die er hatte fallen lassen, reichte sie ihm und schloss die Tür hinter ihm.

»Der Montagmorgen ist immer mühsam«, wiederholte Madeleine grimmig, als sie in ihrem eigenen Sprechzimmer war, und zog die Vorhänge zurück. Vor allem nach einem beschissenen Geburtstag, an dem sie ihrem Geliebten den Laufpass gegeben, und einem Samstagabend, an dem sie ihren Kummer mit ihrer logging-Freundin Patricia und Jane, der Inhaberin einer lokalen Galerie, ertränkt hatte, weshalb sie am Sonntag mit einem ausgewachsenen Kater erwacht war.

Sie füllte eine Tasse am Wasserkühler und goss ihre Zierpflanzen. In der Sonne sah man den Staub in ihrem Zimmer, der alle Flächen bedeckte, und fast bereute sie es, dass sie Sylvia und ihrem Staubwedel verboten hatte, hier in Aktion zu treten. Sie zog ein paar Papiertücher aus der Schachtel neben dem Patientenstuhl, befeuchtete sie am Wasserkühler und verschmierte den Staub. Als sie das Telefon anhob, um darunter sauber zu machen, zögerte sie einen Augenblick. Sie konnte Gordon anrufen und ein tiefschürfendes Gespräch über seine zahlreichen Sexualpartnerinnen verlangen. – Nein, er war derjenige, der ständig Abwechslung brauchte. Wenn er etwas zu sagen hatte, konnte er verdammt noch mal bei ihr anrufen.

Plötzlich drang eine schrille Frauenstimme durch die Wände zwischen ihrem und Johns Sprechzimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs. Mrs Nettle legte wieder los und erboste sich über irgendetwas. Madeleine hatte John in ihren Supervisionssitzungen mehr als einmal deutlich zu verstehen gegeben, dass Nora Nettle eigentlich in psychiatrische, nicht in psychotherapeutische Behandlung gehörte, aber er hatte sich fürs Weitermachen entschieden. Der gute alte John, ein einfühlsamer und fähiger Therapeut, aber fast zu weich für diese Art von Arbeit.

Kennengelernt hatten sie sich am Bath Institut während ihrer Psychotherapieausbildung. Madeleine war damals gerade in Großbritannien angekommen, nicht lange nach Forrests Tod, und John und sie hatten sich von Anfang an zueinander hingezogen gefühlt. Aus Key West zu stammen, war in den Augen eines jeden kultivierten Homosexuellen eine hervorragende Referenz. Es schien, als seien sie dazu bestimmt, eine gemeinsame Praxis in der Stadt zu eröffnen. Inzwischen lief diese Praxis seit drei Jahren hervorragend. Für Madeleine konnte es keinen besseren Kollegen, Partner und Freund als John geben.

Ihr Telefon läutete. Das musste die neue Patientin sein, die am Freitag vorbeigekommen war. Madeleine nahm den Hörer ab. »Danke, Sylvia. Schicken Sie sie rein.«

»Nein, warten Sie«, erwiderte Sylvia mit gesenkter Stimme. »Sie kommt gerade in diesem Moment durch die Tür, aber es geht um etwas anderes: Ihre Mutter ist am Telefon.«

»Meine Mutter?« Mama rief sie sehr selten an, und in der Praxis hatte sie bisher nur einmal angerufen. »Gut. Stellen Sie sie durch, Sylvia.«

»Mama, que pasa?«, fragte sie besorgt. »Geht es dir gut?«

Rosarias starker kubanischer Akzent klang merkwürdig abgehackt und atemlos durch das Telefon. »Geh nach Hause, mi hija, geh nach Hause und schließ die Türen ab.«

Madeleine fragte sich, ob sie sich auf eine anstrengende Debatte einlassen oder einfach sagen sollte, ja, sie werde nach Hause gehen. Sie wollte nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden, bevor sie eine Patientin empfing. »Gut, Mama, ich werde es tun, wenn du es für das Beste hältst.«

»Pedrote hat am Abend zu mir gesprochen und mir gesagt, ich solle die Kaurimuscheln werfen, um eine Botschaft zu empfangen.«

»Aha.«

»Das habe ich getan, und die Botschaft war eindeutig. Heute ist ein gefährlicher Tag für dich, mi hija. Hörst du, was ich sage? Eine fremde Person … eine fremde Person will sich in dein Leben drängen …« Ihre Stimme wurde leiser, und dann hörte man plötzlich ein Klicken. Es klang, als hätte ihr jemand den Hörer aus der Hand genommen und aufgelegt. Sie war bestimmt ins Schwesternzimmer gegangen und hatte sich das Telefon geschnappt.

Madeleine verharrte einen Moment, den Hörer in der Hand. Wie geistig klar Mama geklungen hatte. Das war doch eigentlich gut. Sie schüttelte ihr Unbehagen ab und drückte auf die Taste, die Sylvia anzeigte, dass sie die Patientin reinschicken konnte.

Sie ließ rasch noch einen prüfenden Blick durch den Raum schweifen. Die Papiertücher lagen an ihrem Platz – ein Muss für alle Sitzungen, vor allem für die erste. Die Stühle befanden sich an der richtigen Stelle, und ihre Notizen über andere Patienten hatte sie weggeräumt. Sie schob sich die widerspenstigen Locken aus dem Gesicht und legte noch schnell etwas Lipgloss auf. Dann klopfte die Patientin an die Tür.

»Guten Tag, Sie sind sicher Rachel Locklear«, sagte Madeleine, nachdem sie die Tür geöffnet hatte, und reichte der Frau die Hand. Deren Händedruck – der erste Hinweis auf die Einstellung, die Herkunft und die Persönlichkeit eines Patienten – war schlaff und hastig. Ein Mensch, der anderen nicht gewohnheitsmäßig die Hand schüttelte. Möglicherweise klassen –, sicherlich erziehungsbedingt.

»Ich bin Madeleine Frank.«

»Ich weiß.«

»Bitte setzen Sie sich.«

Madeleine wies auf den Patientensessel, setzte sich in ihren eigenen Sessel gegenüber und wartete. Sie zog es vor, ihren Patienten Zeit zu geben, statt die Sitzung gleich mit Fragen oder mit dem Versuch zu beginnen, ihnen die Nervosität zu nehmen.

Die Frau war Anfang bis Mitte dreißig, sah etwas hart aus, hatte einen strengen Gesichtsausdruck und einen unsteten Blick. Man sah feine Narben von Pubertätsakne und die verräterischen Konturen eines gebrochenen Nasenbeins. Aber dessen ungeachtet und trotz ihrer Unfreundlichkeit erschien sie merkwürdig attraktiv, um nicht zu sagen schön. Ihr ungewöhnliches Gesicht war herzförmig und fein geschnitten, und ihr Kopf saß auf einem langen, anmutigen Hals. Das volle, kastanienbraune Haar hing ihr bis zur Mitte des Rückens hinab. Am bemerkenswertesten aber waren ihre ungewöhnlichen hellbraunen Augen, die sehr schräg und schmal wirkten und ihr einen listigen, katzenartigen Ausdruck verliehen. Sie war jedoch zu mager. Ihre langen Beine steckten in engen schwarzen Lederjeans und abgeschabten Cowboystiefeln.

»Eigentlich will ich gar nicht hier sein«,

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