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Erblüht die Liebe in Portugal?

Sara Wood

Erblüht die Liebe in Portugal?

PROLOG

„Nennen wir das Kind doch ruhig beim Namen. Dein Großvater erwartet, dass wir heiraten, nicht wahr?“

„Ja“, erwiderte Madlyn, ohne mit der Wimper zu zucken. „Genau wie deine Großmutter.“

„Ich will ehrlich sein: Anfangs fand ich diese Idee geradezu haarsträubend.“

„Herzlichen Dank!“

„Ich sagte anfangs“, entgegnete Dexter grinsend und hauchte einen Kuss auf ihre Hand.

„Was … was soll das heißen? Hast du deine Meinung geändert?“

„Nein“, raunte er mit einem sonderbaren Unterton. „Du hast meine Meinung geändert!“

„Was, ich?“, rief sie entsetzt. „Wie denn das?“ Er fand sie doch wohl nicht etwa attraktiv? Das ging auf gar keinen Fall!

Genüsslich ließ er seinen Blick über ihren Körper wandern. „Ist das nicht offensichtlich?“, fragte er mit rauer Stimme. „Du bist einfach … unglaublich!“

1. KAPITEL

„Darf ich endlich gucken?“, fragte Madlyn ungeduldig. „Du hast mich jetzt wirklich lange genug auf die Folter gespannt!“

„Einen Moment noch“, sagte Debbie lachend. „Ohne Lipgloss geht es nicht. So, fertig. Du kannst dich umdrehen.“

Gespannt wandte Maddy sich um und schaute in den Spiegel, aus dem ihr eine völlig unbekannte Frau entgegensah. „Himmel! Bin ich das etwa?“, rief sie überrascht.

Nie hätte sie damit gerechnet, dass ihr das flammend rote Haar stehen würde. Doch die Farbe passte wunderbar zu ihren rauchgrauen Augen und schmeichelte ihrem hellen Teint. Auch der tiefrote Lippenstift wirkte nicht billig, wie eigentlich geplant, sondern eher sexy. Als hätte sie den halben Abend damit verbracht, wild herumzuknutschen.

Als ob! Der einzige Mann, der sie in letzter Zeit geküsst hatte, war ihr Großvater. Auf die Wange wohlgemerkt. Und auch das kam nur äußerst selten vor. Von derartigen Gefühlsbekundungen hielt Grandad nämlich nichts, auch wenn er sie sehr liebte.

Weshalb lag ihm sonst so viel daran, dass sie den Enkel seines ehemaligen Geschäftspartners heiratete? Um ihn nicht zu verletzen, musste sie das Spiel mitspielen und so tun, als wäre sie von diesem Plan vollkommen begeistert. Erst einmal zumindest. Aber sie würde schon dafür sorgen, dass Dexter Fitzgerald die Lust aufs Heiraten verging! Mit Debbies Hilfe hatte sie sich in eine Frau verwandelt, die als Braut für einen Multimillionär aus guter Familie absolut unpassend war. Trotzdem klopfte ihr Herz bei dem Gedanken daran, dass sie in nur wenigen Stunden nach Portugal fliegen würde, in das Land ihrer Kindheit, das sie vor beinahe fünfzehn Jahren verlassen hatte.

„Findest du meine Aufmachung nicht ein bisschen übertrieben?“, fragte Maddy und betrachtete kopfschüttelnd ihr Spiegelbild.

„Doch, schon! Aber genau das ist ja der Plan: Sexbombe mit leicht billigem Beigeschmack, ohne jegliche Manieren und Schamgefühl trifft auf stockkonservative Millionärsfamilie. Vertrau mir, wenn die Fitzgeralds dich so sehen, setzen sie dich gleich ins nächste Flugzeug zurück nach London!“

Ein hoffnungsvolles Lächeln umspielte Maddys Lippen. „Da könntest du allerdings recht haben.“

„Jetzt musst du nur noch lernen, dich wie ein Vamp zu bewegen. Los, schwing mal die Hüften beim Gehen“, kommandierte Debbie. „Nein, nicht so. So.

Kichernd imitierte Maddy den übertriebenen Hüftschwung ihrer Freundin, was mit der hautengen schwarzen Lederhose gar nicht so einfach war. „Nein, das ist wirklich zu lächerlich“, stöhnte sie schließlich und ließ sich in gespielter Verzweiflung aufs Sofa sinken. „So kann ich mich doch nicht in der Öffentlichkeit zeigen!“

„Ich fürchte, du musst. Sonst geht unser Plan nicht auf. Du darfst nicht einfach nur wie verkleidet wirken. Entweder du spielst die Rolle richtig, oder die Wirkung verpufft.“

Maddy seufzte. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?

„Du hast keine andere Wahl“, sagte Debbie, die anscheinend ihre Gedanken gelesen hatte. „Dein Großvater ist so versessen darauf, dich mit diesem Dexter zu verheiraten – wenn du da einfach Nein sagst, kriegt er entweder einen Herzanfall oder macht dir das Leben zur Hölle. Oder beides. Nein, die Fitzgeralds müssen dich ablehnen, damit dein Großvater die Schuld auf keinen Fall bei dir sieht.“

„Eigentlich meint Grandad es ja nur gut“, gab Maddy zu bedenken. „Er glaubt, ich brauche einen Mann an meiner Seite. Vor allem jetzt, wo das Kinderheim geschlossen wurde und ich meinen Job verloren habe. Und ich weiß auch wirklich im Moment nicht so richtig, wie es weitergehen soll. Und er ist alt und krank. Er macht sich Sorgen, was aus mir wird, wenn er einmal nicht mehr da ist.“

„Trotzdem hat er sich aus deinem Liebesleben herauszuhalten! Aber nett, wie du bist, kannst du ihm das natürlich nicht ins Gesicht sagen. Also musst du das Millionärssöhnchen auf andere Weise loswerden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Dexter keine Frau will, die nur auf sein Geld aus ist. Zeig mir mal deinen verführerischsten Augenaufschlag!“

Gehorsam klimperte Maddy mit den Wimpern.

„Super!“

„Wirklich?“

„Ja, du bist die geborene Verführerin. Schau dich nur einmal an!“ Energisch zog Debbie ihre Freundin vor den Spiegel. „Und hör auf, an deinem Top herumzuzupfen! Der Ausschnitt ist genau richtig!“

„Ob das die alte Mrs. Fitzgerald auch finden wird? Soweit ich weiß, hat Dexters Großmutter schon immer etwas gegen geldgierige, aufgedonnerte Frauen gehabt.“

Und nach dem, was sie von Dexter selbst noch in Erinnerung hatte, bevorzugte er sicherlich auch eher zurückhaltende Frauen ohne provozierenden Hüftschwung.

Energisch schob Maddy alle Zweifel beiseite. Am Ende könnte die Sache sogar Spaß machen. Theater hatte sie schließlich schon immer gern gespielt. Und Grandad hatte gestern Herzschmerzen bekommen, als sie auch nur angedeutet hatte, was sie von den Hochzeitsplänen hielt. Entweder sie flog nach Portugal und tat wenigstens so, als würde sie auf seinen Vorschlag eingehen, oder sie würde ihn demnächst im Krankenhaus besuchen müssen. Nein, sie hatte wirklich keine Wahl. Aber sie musste absolut sichergehen, dass die Fitzgeralds sie auf direktem Weg wieder nach Hause schickten. So viel stand fest.

„Okay“, seufzte sie. „Sag mir, was ich tun soll, Debbie.“

Dafür brauchte ihre Freundin keine Extraeinladung. Am Ende ihrer Unterrichtsstunde gingen sie in die Stadt. In einer Londoner Fußgängerzone sollte Maddy üben, wie man provozierende Blicke warf und Männer anflirtete. Schüchtern, wie sie war, fiel ihr das anfangs gar nicht so leicht. Doch nach und nach wurde sie selbstbewusster.

Wow, das funktioniert ja wirklich, dachte sie erstaunt, als der dritte junge Mann auf ihre Flirtversuche einging. So fühlte es sich also an, eine Frau zu sein, die begehrt wurde. Und wer hätte gedacht, dass ich derart zwanglos sein kann, wunderte sich Maddy. Die Fitzgeralds würden bald ihr blaues Wunder erleben!

„Vergiss einfach für eine Weile, dass du ein liebenswerter, hilfsbereiter Mensch bist“, riet Debbie ihr auf dem Weg zum Flughafen. „Du interessierst dich nur für dich selbst und für Geld. Klar?“

„Ja, Dex findet das sicher abstoßend. Ich war zwar gerade erst sechs Jahre alt, als seine Eltern ihn auf ein englisches Internat schickten, aber ich weiß noch, dass ihn alle für einen außergewöhnlich lieben Jungen hielten. Wie alt mag er damals wohl gewesen sein? Zehn, glaube ich.“

„Was blieb ihm denn anderes übrig, als nett zu sein? Mit besonders gutem Aussehen konnte er ja schließlich nicht punkten“, erwiderte Debbie spöttisch.

„Er trug eine scheußliche Brille, hatte Sommersprossen und war noch dazu spindeldürr“, bestätigte Maddy. „Aber das hat mich nicht gestört. Hauptsache, der Charakter stimmt. Allerdings würde ich niemals jemanden heiraten, den ich nicht liebe.“

Ihr Ehemann müsste außerdem ganz besonders verständnisvoll sein. Jemand, dem es nichts ausmachte, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Mit dieser Tatsache hatte sie selbst sich schon vor Jahren abfinden müssen, auch wenn diese Sehnsucht nach einem Baby vermutlich nie ganz verschwinden würde. Doch welcher Mann würde sich nur mit ihr zufriedengeben, ohne die Aussicht auf eine eigene Familie?

„Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich bewundere“, sagte ihre Freundin anerkennend. „Seit Jahren kümmerst du dich hingebungsvoll um deinen Großvater. Dabei ist er überall als Tyrann verschrien. Manchmal muss das alles sehr schwer für dich sein.“

„Er braucht mich“, erwiderte Maddy schlicht. „Und ich habe gelernt, dass es nichts bringt, sich selbst zu bemitleiden. Damals schon, als Großvaters Firma bankrott machte und wir unser ganzes Vermögen verloren. Besser die Zähne zusammenbeißen und zusehen, dass es weitergeht.“

„Das muss schrecklich gewesen sein.“

„Für Grandad war es weitaus schlimmer als für mich.“ Lange hatte es gedauert, bis er sich an den Gedanken gewöhnen konnte, arm zu sein. Zwar hatten die Fitzgeralds ihm seinen Anteil an der Plantage zu einem fairen Preis abgekauft, doch die Schuldner ließen von der großen Summe kaum etwas für ihn und sein verwaistes Enkelkind übrig.

„Wenn er doch nur endlich aufhören würde, die Fitzgeralds zu hassen“, seufzte sie. „Seiner Ansicht nach steht mir die Hälfte von Dexters Vermögen zu. Darum ist er auch so versessen darauf, mich mit ihm zu verheiraten.“

„Du hast mir nie erzählt, weshalb er die Fitzgeralds so verachtet.“

Nach kurzem Schweigen erklärte Maddy: „Er gibt ihnen die Schuld an dem Autounfall, bei dem meine und Dexters Eltern ums Leben gekommen sind. Wie du weißt, haben unsere beiden Familien damals zusammen in einer riesigen alten Villa in Portugal gewohnt.“

Das Land meiner Kindheit! Vor ihrem geistigen Auge stieg das Bild der zerklüfteten Algarve auf, der weltberühmten Steilküste Portugals mit ihren unzähligen Grotten und bizarren Felsformationen, den weißen feinsandigen Stränden und kleinen Buchten, die teilweise nur mit dem Boot erreichbar waren. Wie sehnte sie sich danach, die majestätischen, gelb und rötlich braun schimmernden Felsen wiederzusehen. Oft hatte sie dort gesessen, ganz allein, und den Flamingoschwärmen zugesehen, die sich von Zeit zu Zeit wie eine rosa Wolke über den glitzernden Fluten des Atlantiks erhoben. Sie vermisste die jahrhundertealten Oliven- und Johannisbrotbäume. Und die herrlichen Pinienhaine, in denen sie als Kind so gern nach Chamäleons gesucht hatte. Wenn sie nur daran dachte, schmeckte sie das Aroma der Lorbeerbäume und Wildkräuter.

„Anscheinend hat Dexters Mutter sich irgendwann meinem Vater an den Hals geworfen“, fuhr sie schließlich mit belegter Stimme fort. „Großpapa sagt, ohne ihr schamloses Verhalten wäre der Unfall niemals passiert. Wir wären immer noch alle zusammen in Portugal, reich und glücklich.“

„Das kann niemand wissen. Vielleicht wäre dann irgendetwas anderes passiert“, antwortete Debbie achselzuckend. „Und jetzt ist deine Zukunft erst einmal wichtiger. Vergiss bloß nicht, dich auch auf andere Art danebenzubenehmen. Nicht nur, was Männer betrifft.“

„Soll ich vielleicht laut meine Suppe schlürfen?“

„Zum Beispiel. Schlürf deine Suppe, iss mit den Fingern, oder tanz auf dem Tisch. Ganz egal. Hauptsache, du kommst als Single nach London zurück!“

Als das Auto am Flughafen hielt, atmete Maddy noch einmal tief durch. Dann öffnete sie entschlossen die Tür und stieg aus. Langsam und vorsichtig, um mit ihren zwölf Zentimeter hohen Absätzen die Balance nicht zu verlieren. Sofort eilten ihr zwei Männer zu Hilfe und stritten sich beinahe, wer von ihnen ihren Koffer tragen durfte. Maddy bedankte sich grinsend und warf Debbie einen verschwörerischen Blick zu.

„Showtime“, flüsterte die und zwinkerte ihr zu. „Amüsier dich gut!“

„Ich glaube, das werde ich!“

Als Erstes würde sie jegliche Heiratspläne der Fitzgeralds zunichtemachen. Danach bot sich sicher eine Gelegenheit, mehr über die Ereignisse herauszufinden, die zu dem tragischen Unfalltod ihrer Eltern geführt hatten.

Weshalb hatte ihr Vater damals mit Dexters Mutter durchbrennen wollen, ohne sich von seinem einzigen Kind zu verabschieden? Schon oft hatte sie versucht, Großvater darüber auszufragen. Doch aus ihm war rein gar nichts herauszukriegen. Dabei musste es einen guten Grund gegeben haben. Und jetzt bot sich ihr endlich eine Gelegenheit, etwas darüber in Erfahrung zu bringen.

Vor Aufregung begann ihr Herz heftig zu klopfen. Eine unerklärliche Vorfreude erfasste sie. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nahm sie ihr Leben selbst in die Hand. Noch nie hatte sie sich so frei gefühlt wie heute.

Noch ein letztes Mal winkte sie Debbie zu. Dann erlaubte sie einem der Männer mit einem gnädigen Nicken, sich um ihr Gepäck zu kümmern, und stöckelte mit schwingenden Hüften zum Abfertigungsschalter.

Was für ein Abenteuer! Dexter, mach dich auf etwas gefasst!

2. KAPITEL

Nicht einmal zum Duschen und Rasieren hatte Dexter Zeit gehabt. Er hatte einfach viel zu viel zu tun. Ungeduldig wartete er, während die Passagiere des London-Fluges in die Wartehalle des kleinen internationalen Flughafens von Faro drängten. Kaum nahm er die Menschenmenge wahr, die um ihn herum brandete. Nicht einmal die bewundernden Blicke der Frauen bemerkte er. Dabei hätten viele von ihnen nicht das Geringste dagegen gehabt, von einem so gut aussehenden Mann abgeholt zu werden.

Seine Gedanken weilten ganz woanders: bei den verkohlten Ruinen der Quinta, der riesigen Plantage, auf der sich auch die wunderschöne alte Villa befand, die bis vor Kurzem noch das Zuhause der Fitzgeralds gewesen war.

Hier in Faro am Flughafen herumzustehen, passte ihm überhaupt nicht. Himmel, er wollte ja nicht einmal in Portugal sein!

Als eine dicke, schüchtern aussehende junge Frau in einem schlecht sitzenden Kleid herauskam, hielt er lustlos das Schild in die Höhe. Als sie ihn erblickte, lächelte sie ihn kurz an. Dann las sie, was er hastig mit schwarzem Filzstift auf ein Stück Pappe geschrieben hatte, und ging ein wenig enttäuscht weiter. Also doch nicht Madlyn Cook.

Genervt sah er auf die Uhr. Wo blieb sie denn? Vielleicht hatte sie sich ja umentschieden und kam gar nicht?

Gerade wollte er sich umdrehen und zum Wagen zurückgehen, als eine Gruppe johlender Männer, die anscheinend vom Zoll aufgehalten worden waren, seine Aufmerksamkeit erregte. Ein ganzes Rugbyteam in Begleitung seines Trainers und des Clubmaskottchens. Interessiert beobachtete er, wie die Rugbyspieler die hübsche junge Frau auf ihren Armen hochleben ließen, dass ihre roten Locken nur so flogen. Zum ersten Mal seit einer Woche machte der Anflug eines Lächelns den versteinerten Ausdruck seines Gesichts milder. Ein gutes Gefühl!

„Hey, Baby! Ich glaube, da drüben ist dein Empfangskomitee“, rief einer der breitschultrigen Sportler und wies mit dem Finger in Dexters Richtung.

Neugierig wandte Dexter sich um, doch hinter ihm stand keine Menschenseele. Verwirrt sah er den näher kommenden Muskelmännern entgegen. Zwischen ihnen schwebte das Maskottchen wie ein exotischer Schmetterling. Obwohl er es eigentlich eilig hatte, blieb er stehen und musterte sie.

Gar nicht sein Typ! Viel zu billig! Aber sie hatte etwas. Wahnsinn, diese langen, schlanken Beine! Und ein wirklich hübsches, offenes Gesicht – soweit man das unter dem ganzen Make-up erkennen konnte.

Ihr Blick traf seinen, dann las sie das Schild und kam lächelnd auf ihn zu.

Verdutzt starrte er sie an. Konnte es sein, dass …? Ach, Unsinn! Falsches Outfit, falsche Figur, falsche Frau!

„Hi“, hauchte sie. „Ich bin Maddy. Sind Sie der Chauffeur?“

Maddy? Er blinzelte ungläubig. Unmöglich! Aber diese großen grauen Augen kamen ihm irgendwie bekannt vor. Obwohl sie früher nicht so gefunkelt hatten. Auch ihre weichen Lippen erinnerten ihn an das sanfte Mädchen von damals. Trotz der hohen Wangenknochen und der fein geschwungenen Nase, die rein gar nichts mit dem pummeligen Kindergesicht gemein hatten, an das er sich dunkel erinnerte.

„Sind Sie der Chauffeur?“, wiederholte sie mit einem Lächeln, dem selbst ein Haremswächter nicht hätte widerstehen können, und deutete mit den Händen ein Lenkrad an.

„Hm?“, brummte er geistesabwesend und wunderte sich, wie zum Kuckuck aus dem unscheinbaren und stets verunsicherten Kind eine derart atemberaubende, selbstbewusste Frau geworden war.

Nachdenklich legte sie den Kopf auf die Seite und forschte in seinem Gesicht. Dann sagte sie langsam und überdeutlich: „Sie haben wahrscheinlich nicht die leiseste Ahnung, was ich gerade zu Ihnen gesagt habe. Stimmt’s? Leider ist mein Portugiesisch völlig eingerostet. Sprechen Sie Englisch?“

Hier stand er also, sprachlos vor Erstaunen – und dabei hatte er geglaubt, dass ihn im Leben nichts mehr aus der Fassung bringen konnte. Um die ganze Welt war er gereist. Ganz allein hatte er sich durch den tiefsten Dschungel gekämpft. Diverse Narben von offenen Knochenbrüchen und einem überaus schmerzhaften Schlangenbiss bezeugten dies. Zwei leidenschaftliche Affären und eine wundervolle, aber kurze Ehe hatte er hinter sich. Und die Trauer um seine geliebte Luisa, die kurz vor der Geburt ihres gemeinsamen Kindes an Denguefieber verstarb und ihr ungeborenes Baby mit sich nahm. Er biss die Zähne zusammen. Nur nicht wieder diese schmerzvollen Erinnerungen heraufbeschwören!

Vielleicht lag es daran, dass er sich von gefährlichen Situationen angezogen fühlte, dass das Leben ihn immer wieder aus dem Gleichgewicht brachte. So wie jetzt zum Beispiel. Was für eine Verwandlung! Die kleine dicke Maddy Cook! Kopfschüttelnd strich er sich über die Stirn.

„Englisch … äh, ja“, murmelte er. Sie strahlte ihn sichtbar erleichtert an, machte auf den hohen Absätzen kehrt und schwebte zu den Rugbyspielern zurück. Glücklicherweise schien sie seine Verwirrung für mangelnde Sprachkenntnisse zu halten.

Sonderbar, dass sie ihn gar nicht wiedererkannt hatte. Allerdings hatte er sich seit seiner Kindheit auch ziemlich verändert. Und vielleicht war es ja sogar ganz gut so. Ob er ihr seine Identität noch ein Weilchen verheimlichen konnte? Die verschiedensten Möglichkeiten würden sich dadurch eröffnen.

Erwartet hatte er ein langweiliges, farbloses Mauerblümchen. Schließlich war sie von ihrem tyrannischen Großvater aufgezogen worden. Welches kleine Mädchen konnte sich da schon frei entfalten? Und soweit er wusste, lebte Maddy noch immer bei ihm. In seiner Vorstellung konnte nur eine abgestumpfte Frau das ertragen. Eine, die sich gleichmütig ihrem Schicksal ergab, den alten Mann von vorne bis hinten bediente und alles tat, was er von ihr verlangte. Selbst wenn es sich dabei um eine Ehe mit einem Mann handelte, den sie nicht liebte.

Die Maddy, die ihm jetzt gegenüberstand, würde sich wohl kaum so behandeln lassen. Diese Frau wusste ganz genau, was sie wollte. Davon war er überzeugt. Aber das ergab alles irgendwie keinen Sinn.

Oder war sie vielleicht freiwillig nach Portugal geflogen? Wollte sie ihn etwa heiraten? Diese kleine Verführerin? Na, er würde ihr schon zu verstehen geben, wie ihre Chancen standen! Zum Flughafen war er nur seiner Großmutter zuliebe gefahren. Anscheinend plagte sie das schlechte Gewissen. Jetzt, wo der alte Mr. Cook kränkelte und Maddy vielleicht bald ganz allein dastehen würde.

Eigentlich hatte er zwar anderes zu tun, als um irgendwelche Frauen herumzutanzen, die seine Großmutter ihm aufzudrängen versuchte, aber er war von Anfang an überzeugt gewesen, dass die alte Dame schon noch ihre Meinung ändern würde. Maddy Cook passte einfach nicht zu ihm!

Grinsend betrachtete er sie aus den Augenwinkeln. Sie passte tatsächlich nicht zu ihm. Wenn auch aus völlig anderen Gründen, als zuvor angenommen. Aus der kleinen schüchternen Maddy Cook war wider Erwarten eine äußerst sinnliche und schillernde Frau geworden. Eine, die seine Großmutter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in ihrer Familie würde haben wollen. Also konnte er sich entspannen. Dieses Problem löste sich ausnahmsweise einmal von allein. Sehr gut!

Ungeduldig wartete er, während Maddy sich von der Rugbymannschaft verabschiedete. Ein muskulöser Riese nach dem anderen beugte sich zu der schlanken, aber kurvenreichen jungen Frau hinunter und küsste sie auf die Wange. Man verabredete, sich bald wiederzusehen. Sie versprach, zu einem Match zu kommen, und prompt stritten sich sämtliche Spieler darum, wer von ihnen sie danach zum Essen einladen würde.

Mit einem strahlenden Lächeln kehrte Maddy schließlich zu ihm zurück. Beinahe hätte er ihr Lächeln automatisch erwidert. Doch er erinnerte sich gerade noch rechtzeitig daran, dass er nichts von ihr wollte.

„Entschuldigen Sie bitte“, säuselte sie. „Aber ich musste mich einfach noch schnell von den Jungs verabschieden. Während des Fluges haben sie sich wirklich rührend um mich gekümmert. Tut mir leid, dass ich Sie warten ließ.“

Nur mit größter Mühe konnte Dexter seine finstere Miene aufrechterhalten. All das Schmerzliche, Schwere, das ihn in der vergangenen Woche belastet hatte, schien sich in ihrer Gegenwart auf magische Weise in Luft aufzulösen. Trotzdem durfte er jetzt nicht leichtsinnig werden und sich ablenken lassen. Schließlich gab es auf der Quinta noch immer wahnsinnig viel zu tun.

„Ich dachte schon, Sie kommen gar nicht mehr“, sagte er mit rauer Stimme. Großartig, dank Aschestaub und Rauch, die er den ganzen Tag eingeatmet hatte, klang er jetzt wie ein Kettenraucher.

Sofort begannen seine Gedanken wieder, um die verkohlte Ruine zu kreisen, die einst sein Zuhause gewesen war. Entschlossen presste er die Lippen zusammen. Er musste zurück auf die Baustelle. Und zwar so schnell wie möglich!

„Auwei, Sie haben sich ganz schön geärgert, oder? Aber ich konnte wirklich nichts dafür, dass es so lange gedauert hat. Ich wurde am Zoll aufgehalten“, erklärte sie hastig. „Meinen ganzen Koffer haben sie durchwühlt. Und dann wollten sie auch noch mich durchsuchen. Keine Ahnung, wieso. Sehe ich vielleicht wie eine Drogenabhängige aus?“

Langsam ließ er seinen Blick über ihren verführerischen Körper schweifen. Das golden schimmernde Top schien die weiche Fülle ihrer Brüste kaum bändigen zu können. Nein. Nicht wie eine Drogenabhängige …

Plötzlich bemerkte er, dass sich sein Herzschlag bei ihrem Anblick merkwürdig beschleunigte. Ärgerlich runzelte er die Stirn. Wie lange hatte er sich schon für keine Frau mehr interessiert? Wieso mussten seine Hormone sich ausgerechnet jetzt dafür entscheiden, wieder lebendig zu werden?

Doch ihre Kurven waren wirklich atemberaubend. Und in diesem kurzen, engen Lederrock kamen ihre langen, schlanken Beine besonders gut zur Geltung. Viel zu gut für seinen Geschmack. Wie sollte ein Mann denn klar denken, wenn er derartigen Reizen ausgesetzt war?

Kopfschüttelnd erwiderte er: „Vielleicht dachten die Zollbeamten, Sie hätten irgendein Aufputschmittel genommen. Das soll bei hübschen Partygirls wie Ihnen ja vorkommen.“

Soso. Er hielt sie also für ein hübsches Partygirl. „Meine einzigen Aufputschmittel sind Kaffee und das Leben selbst. Mehr brauche ich nicht.“

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